Part 13
Schau, schau, die schöne Frau Cäcilie im Biwak -- und die beiden Fräulein von Sassenbach ... und selbstverständlich in der Nähe der schönen Frau der Herr Sommerleutnant und Maler aus Düsseldorf ... und neben dem schlanken Majorstöchterlein die Karikatur, der Gehirnfatzke aus Bonn ...
Ein Skandal, daß man durch das an sich ja sehr ehrenvolle Kommando verhindert war, die Entwicklung dieser interessanten Ereignisse aus der Nähe zu verfolgen.
Aber warte -- nächstens im Korpsmanöver ... was sagte die Manöverquartierverteilungsliste? Samstag, den neunzehnten September bis Sonntag, den zwanzigsten September: Regimentsstab -- Schloß Hettstein -- Erstes Bataillon -- Bataillonsstab, erste und zweite Kompagnie: Dorf Hettstein --
Dann werden wir also die ganze Gesellschaft dicht beisammen haben ... dann werden ja die Dinge mehr oder weniger zum Klappen kommen ... dann könnte man vielleicht gar ein bißchen nachhelfen ...!
Wie ... das würde sich finden! -- Jedenfalls irgend etwas würde sich dann ereignen ... ein kleiner Spaß ... eine kleine Abwechslung in diesem verflucht eintönigen Kommißdasein ...
Dann würde man sich entschädigen können für so manchen Ärger, den man hatte schlucken müssen ...
Inzwischen mußte man freilich die Karre laufen lassen, wie sie laufen wollte ...
Wenn man nur einen Vertrauensmann wüßte --?
Ah -- Quincke -- auch in dieser Wildnis das unvermeidliche Monokel ins fahle Gesicht geklemmt ...
Menshausen winkte den jüngern Kameraden an die Seite seines Gaules, streckte ihm die braunbehandschuhte Rechte hin: »Sie, lieber Quincke -- im Interesse unseres Offizierkorps -- beobachten Sie doch mal die beiden Herren des Beurlaubtenstandes, den Flamberg und den Frobenius, ein bißchen genauer, wenn die Damen in der Nähe sind ... Brandeis hat ja ein Schlößchen hier in der Nähe gekauft -- also werdet ihr wohl öfter das Vergnügen haben -- Mir kommt's vor, als ob die beiden fremden Herren -- --«
»Selbstverständlich, lieber Menshausen, hab's längst gemerkt ... Denken Sie, ich schlafe mit offenen Augen?!«
Leise tuschelten die beiden Herren ...
-- Und Quincke paßte auf, als nun der hohe Stab von dannen getrabt war ...
Immer tiefer sank die Dunkelheit ... die Damen, von den Herren geführt, unternahmen noch einen Rundgang durchs Biwak, während die Azetylenlampen des Mercedes, vom Chauffeur entzündet, bereits weiße, gleißende Lichtkegel in die Abenddünste zeichneten ...
Aha ... Frau von Brandeis wieder zwischen ihrem Mann und Herrn Flamberg ... ja, ja, immer +à trois+ ... unbegreiflich diese eselhafte Vertrauensduselei des Kapitäns ...
Und Fräulein Nelly von Sassenbach natürlich Seite an Seite mit dem hagern Landwehrleutnant ...!
Quincke schlich hinter den beiden her und lauschte ...
»-- Ja, mein altes Mütterchen, gnädiges Fräulein -- eine ganz, ganz einfache, einsame alte Frau! Sie hat sich nicht entschließen können, nach meines Vaters Tode das Dörfchen droben auf dem Westerwald zu verlassen, wo ihr Mann dreißig Jahre lang die Buben und Mädel in die Geheimnisse des ABC eingeweiht hatte ... ach ja, eine einfache Frau! Aber was für Augen, gnädiges Fräulein ... Augen wie so ein altes wundertätiges Waldweiblein aus dem Märchen ...«
»Ach ja ... die möcht ich wohl kennen lernen --!«
Feine Zusammenstellung, grinste Quincke: junge Dame von Stand, passionierte Reiterin und Tänzerin ... Tochter eines preußischen Stabsoffiziers -- -- und eine Bauernschulmeisterswitwe in einem Waldnest! -- Na ja ... wenn die Menschen verrückt werden, fängt's im Kopf an --!
Aber es kam noch toller.
Im Halbdunkel gewahrte Quincke, daß das jüngere Fräulein von Sassenbach unauffällig zurückzubleiben suchte ...
Und wahrhaftig! -- Da tauchte aus der Mitte der Mannschaften, die um ihre Lagerfeuer rasteten, die Gestalt eines Unteroffiziers auf ...
Aha, der Einjährige, der den langweiligen Quatsch zum Regimentsfest verbrochen hatte! --
Weiß der Himmel -- er begrüßt sie wie ein Kavalier ... sie plaudert mit ihm ... und nun zieht der Einjährige ein Notizbuch aus der Tasche ... nimmt eine beschriebene Meldekarte heraus ... reicht sie der Dame ... Die errötet tief ... legt sie sorgsam zusammen und steckt sie in die innere Tasche ihres Regenpaletots ...
Warte, Bürschchen ... dich wollen wir mal auf deinen Standpunkt zurückbringen ...!
»Nun, gnädiges Fräulein ... wollen Sie sich nicht Ihrem Fräulein Schwester anschließen? Die Damen begeben sich bereits zum Auto zurück ... Bitte übrigens einen Moment um Verzeihung! -- Sie, Einjähriger, hier haben Sie zwanzig Pfennige ... gehen Sie doch mal zum Marketender an den Kantinenwagen und holen Sie mir ein Schinkenbutterbrot ... Sie können's mir ans Offizierzelt bringen ...!«
Hans Friesen war einen Augenblick starr ... dann faßte er sich, wandte sich kurz herum, spähte in die Gruppe der Füsiliere hinein, die ums Lagerfeuer saß: »Makowiak!«
Der Angeredete, ein hübscher, polnischer Rekrut, stand sofort in strammer Haltung neben dem Unteroffizier: »Zur Stelle!«
»Herr Leutnant Quincke wünscht ein Schinkenbutterbrot vom Marketender ans Offizierzelt. Hier ist das Geld!«
»Einjähriger, ich habe Sie selber beauftragt, wie Sie gehört haben! -- Ist das vielleicht unter Ihrer Würde, was?!«
»Jawohl, Herr Leutnant --!«
Quincke biß sich auf die schmalen Lippen: »Na -- dann erteile ich Ihnen also hiermit den dienstlichen Befehl, mir das Butterbrot zu holen!«
Hans Friesen stand stramm ... regungslos ...
»Wollen Sie sich vielleicht der Gehorsamsverweigerung vor versammelter Mannschaft schuldig machen --?!«
Hans Friesens Lippen bebten ...
Er erinnerte sich der Strenge der militärischen Gesetze: der Vorgesetzte hat in dem Augenblick, in dem er befiehlt, immer recht -- -- Er nahm dem Füsilier das Geld wieder ab, machte stramm kehrt und stapfte ins Dunkel, dorthin, wo die Laternen des Marketenderwagens gelblich aufleuchteten -- -- --
Dafür sollte der Frechling ihm Rede stehen -- in vierzehn Tagen, wenn der bunte Rock abgestreift war ... Warte, du Affe! -- Wollen sehen, wer am besten schießt von uns zweien! --
-- Tränen der Wut und Empörung in den Augen, sprachlos hatte Molly dem Auftritt zugeschaut: »Das ist abscheulich, Herr Quincke!«
»Wieso?« näselte der Leutnant, »is doch höchstens 'ne Ehre für den Unteroffizier, wenn er seinem Zugführer einen Gefallen tun kann!«
»Ich sag' es meinem Vater -- verlassen Sie sich drauf!«
* * * * *
Das Auto war von dannen gerattert ... und jählings sank die Nacht ... sank die Stille über das nebelumsponnene Feldlager ...
Schweigend, fest in ihre Mäntel gehüllt, saßen Brandeis und Flamberg auf den umgestürzten Wein- und Menagekisten vor dem niedern Zelt -- --
Der kleine Carstanjen und der Fahnenjunker schnarchten bereits drinnen im Stroh -- --
Beider Männer Blicke hingen an dem phantastischen Schauspiel der mählich verglimmenden Lagerfeuer, deren rötliches Glosten allein noch die Schwärze der Nebelnacht durchdrang -- --
Und beide Männer träumten von Frau Cäcilie -- --
»Sagen Sie, lieber Flamberg ... mögen Sie mich ein bißchen leiden?« fragte der Hauptmann auf einmal mit verschleierter Stimme.
»Wie meinen Herr Hauptmann --?!«
»Ob Sie mir ein bißchen gut sind, möcht' ich gern wissen?!«
»Herr Hauptmann, ich ... ich möchte unter Ihnen in den Krieg ziehen ... mit Ihnen zusammen fechten und bluten ... dann wollt ich's Ihnen beweisen ...«
»Das freut mich zu hören,« sagte der Hauptmann, »das freut mich zu hören ...«
Einen Augenblick Stille -- tiefe Stille --
Martin hatte verstanden ...
Nein ... er durfte ganz ruhig sein, der brave, ehrenfeste Mensch da neben ihm ... er, Martin, würde sich künftig noch mehr zusammennehmen ... beim nächsten Wiedersehen ... seine Augen, seine Stimme noch mehr im Zaum halten ... noch mehr als heute ...
»Na ... nun kommen Sie --«
Freundschaftlich und vertrauensvoll klopfte der Kapitän dem Kameraden auf die Schulter -- --
»Es ist Zeit ... morgen früh um vier wird abgebaut ... wollen ins Stroh kriechen ...!«
Zweites Kapitel.
Frau Cäcilie hatte einen bangen Traum.
Ein Geläut klang ihr ins Ohr ... ein tiefes, volltöniges Geläut ... unregelmäßig, oft wie vom Winde verweht, doch stark und mächtig ...
Und auf einmal wußte sie es ... das waren ja die Hochzeitsglocken ... heute machte sie Hochzeit mit Martin Flamberg ...
Das Glück war gekommen ... das große Glück ... die Lebensliebe, von der sie einst als Mädchen geträumt ... die Erfüllung, herrlicher, als kühnste Dichterphantasie sie schilderte.
Bim, bam, läuteten feierlich die Glocken ... die Glocken des Kölner Doms ... und sie beide, sie schritten mitten über den weiten Domplatz ... auf das weitgeöffnete Portal des ragenden Gotteshauses zu ...
Neben ihr ging der Maler ... in Paradeuniform, den schwarzen wehenden Roßhaarbusch auf dem Helm ...
War sie nicht schon einmal neben einem Manne hingeschritten, der diese Gewandung trug ...?!
Ach ... das war lange her ... das war gar nicht mehr wahr ...
Rechts und links staute sich das Volk, und sie hörte das Flüstern der Menge: Das ist Martin Flamberg, der große Maler, und seine glückliche Braut, die schöne Frau Cäcilie ...
Einen Blick warf sie dem Verlobten zu, und er erwiderte ihren Blick mit einem jähen verlangenden Aufleuchten seiner braunen durstigen Künstleraugen ...
Und immerfort ... tief und gewaltig ... summten dazu die Glocken aus der Höhe ...
Nun schritten sie Hand in Hand die hohe, breite Domtreppe hinan ... weit offen stand die metallene Pforte ... dem Blick erschloß sich das geheimnisdunkle, weihrauchdurchduftete Innere des Heiligtums ... von rechts her, magisch bunt gefärbt, fiel durch die Glasgemälde der Spitzbogenfenster ein breiter Strahl gedämpften Sonnengoldes hinein ...
Da -- als das Paar die Pforte durchschreiten wollte ... plötzlich stand da eine gräßlich entstellte, bleiche Gestalt in der Wölbung -- -- Fritz --!
Er stand im kotbespritzten Manöveranzug ... die Feldmütze tief ins blasse Gesicht gezogen ... die braunbehandschuhte Linke hatte er fest aufs Herz gedrückt ... und unhemmbar floß ein Strom zähen, dunkeln Blutes zwischen seinen Fingern hindurch ... sickerte auf die Steinfliesen ...
Da schrie sie auf ... und brach in den Armen des Geliebten zusammen ...
Und erwachte -- --
Erwachte in dem hellen, freundlichen Schlafgemach des Schlößchens Hettstein ... in dem messingfunkelnden englischen Bett unterm duftig lichten Gardinenhimmel ...
Und neben ihr harrte eine andere, unberührte Lagerstatt, von schimmernder Spitzenspreite bedeckt ...
Aber die Glocken ... die Glocken läuteten immer noch ...
Doch nein -- das waren ja die Kanonen ... die Kanonen des Korpsmanövers ringsum auf den Hunsrückhöhen ...
Und heute, heute würden sie kommen ... ihre Gäste ... der Regimentsstab der Niederländer Füsiliere!
Und kommen würden auch die beiden Männer, deren einer in ihrem Traum an ihrer Seite gegangen war, bis der andere ihnen entgegentrat mit der blutdurchsickerten Linken auf der Brust und dem fahlen, starren Totenantlitz ...
Gott sei gedankt, er lebte ... Fritz lebte ...!
Frau Cäcilie richtete sich auf ... ihre Schläfen brannten ... die Augen flimmerten, als habe sie die ganze Nacht schlummerlos durchwacht ... und ihre Wangen waren kalt von nassen, bangen Tränen ...
Sie würden kommen ... würden sie anschauen ... beide ... und in beider Augen würde sie mit wirrem Streite der Gefühle das Bekenntnis lesen müssen: Ich gehöre dir ... meines Lebens Schicksal ruht in deiner Hand ...!
Das war ein grauenvolles Bewußtsein, also zweier Männer Seele zu beherrschen -- und doch von einer geheimen, wilden Süßigkeit ... dieses Machtgefühl ... dieses Herrschergefühl ...
Sie sprang aus dem Bette ... ging zum Spiegel ... schaute lange in ihre Züge ...
Was ist denn eigentlich so Besonderes dran an dir, du weiße Larve mit den brennenden Augen drin, daß du immerfort durch einen Wall, durch einen Schwall von Huldigungen hinschweben mußt --?!
Bum, bum -- läuteten droben auf den Bergen ringsum im Kreise die Kanonen, deren Sang ihren Traum wie Hochzeitsglocken durchwandelt ...
Dort oben stand das ganze rheinische Armeekorps, in zwei Parteien geteilt, in lustiger Friedensschlacht ... mehr denn zwanzigtausend rüstige Männer ... die Jugendblüte der schönsten und reichsten Provinz des Vaterlandes ...
Und in ihrer Schar gab es zwei, von denen sie wußte, daß sie mitten im Drang ihrer Pflicht ... im sengenden Sonnenbrande ... beim Marsch auf staubüberwölkter Landstraße ... und beim Ansprung wider den Feind über den Sturzacker -- die Stunden zählten, die sie noch vom Wiedersehen trennten -- vom Wiedersehen mit ihr ...
Dies Wissen war beseligend und fürchterlich.
Was würde werden? Ihre Seele war schwer und glühend von der Ahnung eines Schicksals, einer nahen Entscheidung, einer Entscheidung, der sie wehrlos gegenüberstand, einer Entscheidung, die sie über sich ergehen lassen würde wie ein unabwendbares Elementarereignis, wie einen Wirbelsturm, wie ein erlösendes und zerschmetterndes Gewitter.
Ja, machtlos -- willenlos fühlte sie sich gegenüber dem Geschick.
Die beiden andern waren ja die Männer ... die mochten handeln, die mußten entscheiden, was werden sollte.
Sie war das Weib ...! Ihrer harrte nur die äußere Pflicht, die Pflicht der Hausfrau und Gastgeberin -- die würde sie erfüllen, korrekt und anmutig ... von ihrer Erziehung, ihrem Instinkt unfehlbar geleitet ... ohne daß an Willen und Entschluß irgendwelche Anforderungen gestellt wurden.
Das andere ... das würde kommen von draußen her, unhemmbar, unabwendbar ...
* * * * *
Und droben im Turmkämmerchen träumten zwei andere Herzen einem Wiedersehen ... träumten ihrem Schicksal entgegen ... ein Kinderherzchen, so willenlos wie die reife Frau im Banne dumpfer, triebhafter Gefühle -- und ein fester straffer Mädchenwille, der während schlummerloser Nacht in Frische und Resignation über sein Leben beschlossen hatte.
Ja, Nelly Sassenbach wußte, was sie wollte ...!
Heut abend freilich würden die Herren erst spät ins Quartier kommen -- es war beschlossen, sie in Ruhe zu lassen. Nur der Regimentsstab, der ohnehin dem Schlosse bestimmt war, würde zur Tafel erscheinen, und natürlich der neue Schloßherr, obwohl er offiziell mit seiner Kompagnie drunten im Dörfchen lag.
Die Herren der ersten und zweiten Kompagnie würden sich ausschlafen beim Ortsvorsteher und bei den andern wohlhabenden Bauern, deren Höfen sie zugewiesen waren, würden mit aller Bequemlichkeit gegen Abend in der Schankwirtschaft ihre Mahlzeit einnehmen und um neun zu Bette gehen.
Morgen aber ist Rasttag -- da werden die Herren gründlich ausgeruht als Gäste der Schloßherrin auf Hettstein erscheinen -- man wird festlich und fröhlich zusammen dinieren -- wird im Park spazieren gehen.
Und dann -- dann wird es geschehen -- dann soll es geschehen!
Dann wird sie die Braut des hagern Gelehrten werden, des Schulmeistersohnes vom Westerwald, des miserabeln Reiters und Tänzers, des Mannes aus dem Froschtümpel, des Entgleisten vom Kasinoparkett.
Es war beschlossen -- es würde sich vollziehen -- sie wollte es. Und daß er die gleiche Sehnsucht hatte, das wußte sie, seit er ihr von seiner Mutter erzählt, im Regenbiwak unter der »Marscheider Burr«.
Ja, viel -- gar viel Resignation steckte in diesem Entschluß.
Ganz, ganz anders sah ihr Erwählter aus als die Gestalten, die einst durch ihre Mädchenträume geschwebt waren.
Aber wenn sie seiner gedachte, dann kam ein so tiefes Ruhegefühl ... ein so freudiges Geborgensein über sie ...
Ja ... er war doch der Rechte ... der, für den das Schicksal sie aufgespart hatte, das in ihrer Mutter Gestalt so manchen glänzenden, stattlichen Bewerber aus ihrer eigenen Welt von ihrer Seite gescheucht hatte ...
Ich danke dir, Mutter -- es ist gut gewesen, daß ich den schwarzen Baron Höningen nicht bekommen hab, der jetzt in Amerika Pferde hütet ... und nicht den riesigen Bettingen, der nun drunten in Südwestafrika im Wüstensande liegt ...
Es ist gut so, Mutter ...!
Was morgen kommt, das ist fürs ganze Leben ... kein stürmisches Backfischglück wie das, von dem gewiß das blonde Schwesterchen jetzt träumt, das so eigenwillig sein Köpfchen der rosaroten Tapete zukehrt ... aber eine frohe Ruhe ... eine festlich stille Gewißheit ... eine Heimstatt für freudiges Wirken und Hineinwachsen in eine helle, lichte Welt, in ein höheres, geistigeres Dasein, als meine Jugend es je geahnt ...
Wilhelm Frobenius, du Prachtkerl! -- Du sollst es gut haben bei deiner Nelly -- hol mich der Teufel!
* * * * *
Bum, bum, drohten die Geschütze ringsum auf den Bergen ohn' Unterlaß ...
»Nun, gnädige Frau, wen bekomm' ich ...?«
Die drei Freundinnen standen im feierlich halbdunkeln, getäfelten Speisesaal des einstmals kurtrierschen Schlößchens, das ein Kölner Bankier vor acht Jahren aus einer ziemlich wohlerhaltenen Ruine in einen behaglichen weltfernen Herrensitz zurückverwandelt hatte ... und Frau Cäcilie legte die Tischkarten ...
»Abwarten, Kleine! -- Also: Ans Kopfende komme selbstverständlich ich -- leider, leider zwischen die beiden Herren Kommandeure ... den Oberst zu meiner Linken, Ihren lieben Brummbär Papa zu meiner Rechten!«
»Donnerwetter, fabelhafter Dusel für Papa! -- Na, der wird schmunzeln ... gut, daß Mama nichts davon ahnt ... das gäb' ein paar schlaflose Nächte!«
»Schäm dich, Nelly!« zürnte das jugendliche Ebenbild der Entfernten.
»Na, und nun gehen wir mal zunächst hier links hinunter, damit die kleine Neugier auch lange genug auf die Folter gespannt wird! Also neben den Herrn Regimentskommandeur natürlich Sie, Nelly!«
»Um Gottes Willen! -- läßt sich das nicht vermeiden?«
»Unmöglich, Kind! -- Die Tischordnung versteht sich sozusagen von selbst ... es geht gar nicht anders, als ich's aufgesetzt habe! Aber nun kommt die Entschädigung: zu Ihrer Linken sitzt -- Herr Oberleutnant von Schoenawa!«
Ernsthaft hatte die Wirtin das gesagt ... aber ihre Augen blitzten schelmisch prüfend zu der schlanken Freundin hinüber.
Die bewahrte Haltung. Was lag an dem Diner? ... Sie wußte ja doch, was sie wollte ...
»Zu Befehl, gnädige Frau!«
»Also wirklich -- vollkommen einverstanden?!«
»Vollkommen!«
»Aber ich nicht! -- Der gestrenge Herr Regimentsadjutant ist mir zu feierlich und offiziell für Sie ... Außerdem ist ein Herr da, der zwar eine Charge unter ihm steht, aber an Jahren der nächste nach den beiden Herren Kandillenträgern ist!«
Und nach der Melodie des Lockens zum Parademarsch trällerte die schöne Frau:
»Großmutter, die Landwehr kommt, Die Landwehr kommt, die Landwehr kommt, Großmutter, die Landwehr kommt ...«
Da errötete Nelly denn doch ein wenig und verstummte.
»Na, ich seh schon, ich hab's getroffen ... da, Kindchen, legen Sie selber den Zettel hin! -- Also, neben Herrn Frobenius setzen wir Herrn Oberleutnant Menshausen und neben den: Herrn Flamberg ... Herr Menshausen kann die Herren vom Beurlaubtenstande nicht leiden -- ich kann Herrn Menshausen nicht leiden -- Rache ist süß, krächzte der Habicht!«
Außerdem kann es nicht schaden, dachte sie, daß ich Flamberg recht weit von mir entfernt auf einen schlechten Platz setze ... Fritz machte neulich im Biwak einmal so merkwürdige Augen ...
»Ans Fußende kommt natürlich das grüne Gemüse -- unten meines Mannes Fahnenjunker, der kaum geborene Erichsen -- zwischen ihn und den Herrn von der Reserve setze ich Herrn Quincke!«
Den Herrn von der Reserve! dachte Nelly -- diese Heuchlerin!
»-- dem gegenüber Herrn Carstanjen ... dann kommt mein Mann ... neben den kommen Sie, kleine Molly!«
»Sehr einverstanden! -- Himmlisch!«
Der Backfisch hatte ein wenig für Fritz von Brandeis geschwärmt, ehe dieser anderweitig vergeben worden war.
»-- an Ihre andere Seite der Adjutant des ersten Bataillons!«
Molly rümpfte das Näschen: »Der ist so entsetzlich brav!«
»Ja, ich hab niemand andern mehr ... nur noch Herr von Schoenawa ist übrig!«
»Ne, danke ... dann immer noch lieber Herrn Blowitz!«
»Gut -- dann also Herrn von Schoenawa zwischen Blowitz und Ihren Vater! Na, ist das nicht tadellos, Kinder?«
»Ausgezeichnet -- ganz vorzüglich, gnädige Frau!«
»Ach was -- ihr immer mit eurer langweiligen gnädigen Frau --! Machen wir's uns doch endlich mal gemütlich: sagen wir du zueinander!«
Tief erglühend vor Seligkeit boten die Mädchen der vergötterten Wirtin ihre Lippen.
Und über alle drei kam's wie ein Festrausch. So herrlich strahlte draußen die Spätsommersonne ... die eben leise sich bräunenden Bergwälder schlossen sich so traulich um das Schlößchen wie ernste, fromme Hüter eines geheiligten Asyls ...
Und immer näher ... immer drängender scholl draußen das mächtige Geläute der Kanonen auf den Höhen ringsum ...
»Ach, Kinder, das Leben ist doch schön!«
»Das weiß der Himmel!« sagte Nelly aus tiefer, dankbar hoffender Brust.
»Ja wahrhaftig, das weiß der Himmel!« echote auch die Neunzehnjährige ... und sie träumte von einem, der morgen abend zwar nicht hier mit an der Tafel sitzen würde ... den sie aber doch sehen wollte ... heimlich, verstohlen sehen -- und küssen ... draußen irgendwo in den verschwiegenen Bosketten, die sich über den Trümmern der alten, nicht wieder hergestellten Bastionen buschten ...
Sie mußte ihn ja trösten ... mußte ihn entschädigen für die Unbill, die der widerwärtige Quincke ihm zugefügt ... offenbar mit Absicht in ihrer Gegenwart ... um ihn zu blamieren vor ihr ...!
Zu blamieren vor ihr ... haha ... als ob das möglich gewesen wäre ...!
Aber er durfte sich's um Gottes willen nicht zu sehr zu Herzen nehmen ... ihr süßer Junge ... ihr Dichter ... dessen himmlische Verse, rasch mit Bleistift auf einer Meldekarte niedergekritzelt, unter der Bluse an ihrem Herzchen knisterten ...
Und darum mußte sie ihn trösten -- unbedingt ... damit er keine Dummheiten machte! -- Na, das würde ihr schon gelingen. -- --
Bum, bum, bum, läuteten draußen die Kanonen ...
* * * * *
»Sie kommen! sie kommen!«
Die aufgeregt harrenden Mägde drunten am Schloßtor schrien's zuerst ...
Der Gärtner, der Chauffeur gaben's weiter ...
Das Hausfräulein stürzte zu den Damen hinein, die eben im Herrenzimmer die kleinere Tafel für den heutigen Abend mit Blumen schmückten.
»Wer kommt?« fragte die Hausfrau.
»Soldaten! Soldaten wie Sand am Meer!«
Von den tiefen Nischen der Fenster des Schloßturms aus konnte man den Weg überschauen, der durch die buschigen Abhänge nördlich des Beierbachs empor sich schlängelte nach Hettenrodt zu ...
Von dort stieg jetzt, ein Pferd hinter dem andern, vorsichtig ein endlose Linie von Reitern in hellblauen Waffenröcken hernieder -- Saarbrücker Siebente Dragoner. --
»Die sind nicht von den Unsern!« erklärte Nelly sachverständig, »seht, sie tragen Helmbezüge ... das ist der böse Feind; der ist jedenfalls geschlagen und muß sich zurückziehen ...«
»Geschieht ihm recht!« rief Molly mit blitzenden Augen.
Nun sprengte auf der Chaussee, die an der andern Seite des Schlößchens von Mackenrodt her in langen Zickzackwendungen ins Tal hinunterkroch, ein Trupp Artillerieoffiziere, gleichfalls in Helmbezügen, hart am Schloß vorüber, bergab ins Tal ... verschwand drunten zwischen den Häusern des Dörfchens und tauchte an der andern Berglehne wieder auf, galoppierte jenseits in das Seitentälchen hinein, das sich gen Vollmersbach hinaufzog. Sie schwenkten rechts ab, erschienen, klein wie Bleisoldaten, droben auf der kahlen Höhe ...
Und durch die Gläser konnten die Damen deutlich erkennen, daß sie droben Halt machten und mit ihren Feldstechern übers Schlößchen hinweg Ausschau hielten.
»Sie suchen eine Stellung für die zurückgehende feindliche Artillerie aus; die soll den Rückzug des gegnerischen Detachements decken!« wußte Nelly wiederum zu erläutern.
»Da werden wir ja das Kanonenkonzert aus allernächster Nähe zu genießen bekommen!«
Und richtig! -- Nach wenigen Minuten rasselte eine schier endlose Artilleriekolonne die Chaussee hinunter, so schnell als der abschüssige Weg mit seinen zahllosen, scharfen Krümmungen es nur irgend gestattete.