Soll und Haben, Bd. 1 (2) Roman in sechs Büchern

Part 43

Chapter 433,960 wordsPublic domain

»Der Wagen wartet,« erinnerte Rosalie, »wir müssen mit unsern Kleidern durch's Hinterhaus, wo es so unreinlich ist. Der Itzig hat dem Vater eingeredet, daß der Wagen vorn nicht vorfahren darf, weil er den Bernhard stört.«

»Schlaf wohl, Bernhard,« sagte die Mutter und reichte ihm noch einmal die runde Hand. Die Frauen eilten aus dem Zimmer, Anton folgte ihnen.

»Was sagen Sie zu dem Befinden des Bernhard?« frug die Mutter auf der Treppe.

»Ich halte ihn für sehr krank,« erwiederte Anton.

»Ich habe meinem Mann schon gesagt, wenn es weiter in den Sommer kommt, gehe ich mit Rosalie in's Bad, da wollen wir den Bernhard mitnehmen.«

Anton ging mit schwerem Herzen aus dem Hause.

Es wurde still im Hause, in den Zimmern Ehrenthals hörte man nichts, als die schweren Athemzüge des Kranken. Nur unter ihm im Boden rasselte es. Eine Maus nagte am Holz. Unruhig hörte Bernhard ihr zu. »Wie lange wird sie noch nagen, bis sie sich eine Oeffnung ausgehöhlt hat, dann kommt sie zu mir in die Stube.« Ein Frösteln überlief ihn, er warf sich auf seinem Lager herum, die Dunkelheit war ihm heut beengend, die Luft dick. Er klingelte so lange, bis die Aufwärterin kam und die Lampe hereinsetzte. Jetzt sah er sich ermüdet um. Die Stube sah ihm heut alt und verschossen aus, sie kam ihm fremd vor wie ein Gastzimmer, und er sich als ein Fremder, der hier nur zum Besuch war. Theilnahmlos blickte er auf seinen Bücherschrank und auf die Schublade, in welcher die theuren Manuscripte lagen. Den Brandfleck auf der Diele, den Ritz in der Thür, durch den das Licht in der Nebenstube alle Abende durchschimmerte, das Alles wollte er morgen verlassen, um mit Anton aus der engen Stube auszuziehen. Er dachte daran, ob sie nicht auf dem Wege fahren könnten, auf dem das Fräulein nach dem Gute fuhr und wieder zurück. Vielleicht würde er sie treffen. Sein Auge strahlte, er hoffte sicher, daß er das Fräulein auf dem Wege treffen müßte. Sie saß stolz aufgerichtet in ihrem Wagen, der Schleier flog um das blühende Gesicht, ihr weißer Arm hob sich und winkte grüßend zu seinem Wagen herüber. Ja, sie erkennt ihn, sie weiß, daß er ihrem Vater einen Dienst geleistet hat, vielleicht läßt sie stillhalten und frägt herüber in seinen Wagen, wie es ihm ergehe. So wird er mit ihr sprechen und den edlen Klang ihrer Stimme hören. Noch einmal wird sie ihm zunicken, dann werden die beiden Wagen auseinander fahren, einer hierhin und der andere dorthin. -- Und wohin würde er fahren? »Hinein in die Sonne,« flüsterte er. -- Und wieder lauschte er ängstlich auf das Nagen der Maus.

Ein eiliger Fuß durchschritt den Vorsaal, Bernhard richtete sich auf, und das Blut stieg ihm in's Gesicht. Es war der Vater Lenorens, der zu ihm kam. Leise öffnete sich die Thür, eine häßliche Gestalt schlüpfte herein und sah sich scheu im Zimmer um. Erschrocken rief Bernhard: »Was wollen Sie hier?«

Hastig trat Itzig an sein Bett und sprach mit kurzem Athem und einer Stimme, die eben so gepreßt klang, wie die des Kranken: »Der Baron ist jetzt in das Comtoir gegangen. Er hat mir gesagt, ich soll zu Ihnen gehen und Ihnen zureden, damit Sie die Forderung unterstützen, die er stellt an Ihren Vater.«

»Ihnen hat er das gesagt?« rief Bernhard. »Wie kann der Freiherr einem Mann, wie Sie sind, einen Auftrag geben?«

»Schweigen Sie still,« entgegnete Veitel rauh, »es ist jetzt keine Zeit für Ihr Gerede. Hören Sie meine Worte. Der Baron hat Ihrem Vater mit seinem Ehrenwort die Sicherheit für zwanzigtausend Thaler versprochen und er kann ihm diese Sicherheit nicht geben, weil er dasselbe Document einem Andern verkauft hat. Er hat sein Wort gebrochen und verlangt jetzt von Ihrem Vater, daß er auf seine gute Sicherheit verzichtet. Können Sie zureden, daß Ihr Vater zwanzigtausend Thaler verliert, so thun Sie es.«

Bernhard zitterte, daß ihm die Hände flogen. »Sie sind ein Lügner,« rief er. »Jedes Wort, das aus Ihrem Munde kommt, ist Betrug und Heuchelei und Hinterlist.«

»Schweigen Sie,« wiederholte Veitel in seiner Fieberangst. »Sie sollen Ihrem Vater nicht reden zu Schaden. Dem Baron ist nicht zu helfen, er ist eine Fliege, welche sich die Flügel am Licht verbrannt hat, er kann nur noch kriechen. Und wenn der Ehrenthal als Narr einem schlechten Rath folgt, den Sie ihm geben, weil Sie nichts verstehen, so kann er doch den Freiherrn nicht erhalten auf seinem Gut. Wenn er ihn nicht wirft, so thut's ein Anderer. Ich habe keinen Vortheil dabei, wenn ich Ihnen das sage,« fuhr er unruhig fort und horchte nach einem Geräusch vor dem Hause, »ich thu' es nur aus Anhänglichkeit an Ihre Familie.«

Bernhard rang nach Luft. »Gehen Sie hinaus,« rief er endlich, »es ist Alles Betrug und Lüge auf dieser Welt.«

»Ich hole den Baron und Ehrenthal herauf,« sprach Veitel und stürzte hinaus.

Laut scholl in dem Hausflur die zornige Stimme Ehrenthals: »Ich werde gehen zu den Gerichten, ich werde Sie anzeigen und Ihre Intriguen.« Veitel riß die Thür auf. Auf dem Lederstuhl saß der Freiherr und verbarg das Gesicht mit der Hand, vor ihm drohte Ehrenthal im Zorn zitternd, auf dem Pult stand die Cassette des Freiherrn mit den verhängnißvollen Schuldscheinen und der Hypothek. Veitel rief in das Zimmer: »Hören Sie auf, Ehrenthal, Ihr Bernhard ist sehr krank, er liegt oben allein und ruft nach Ihnen, und ruft nach dem Herrn Baron, er will Sie Beide haben an sein Bett.«

»Was ist das?« schrie Ehrenthal, »spielen Sie Intrigue hinter meinem Rücken auch mit meinem Sohn?«

»Haben Sie ihm die neue Hypothek gezeigt, die Sie für ihn bestellt haben?« frug Veitel den Freiherrn in fliegender Eile.

»Er hat sie gar nicht sehen wollen,« sagte der Freiherr finster.

»Geben Sie her,« sagte Veitel hastig und legte ein neues Document vor Ehrenthal auf den Tisch.

»Sie wollen mir geben ein Stück Papier für mein gutes Geld, einen Wisch, welcher nicht werth ist, daß ich ihn verbrenne.«

»Halten Sie sich nicht auf,« rief Veitel wieder mit ängstlicher Stimme. »Es ist Niemand oben beim Bernhard, er schreit nach Ihnen und dem Baron, er wird sich einen Schaden thun. Machen Sie, daß Sie hinaufgehen, er hat gestöhnt, ich soll Sie im Augenblick zu ihm schaffen.«

»Gerechter Gott!« rief Ehrenthal und ergriff seinen Hut, »was ist das wieder? Ich kann nicht kommen zu meinem Sohn, ich habe jetzt Sorge um mein Geld.«

»Er wird sich schreien zu Tode,« rief Veitel, »wegen dem Geld können Sie nachher noch genug reden. Machen Sie schnell.«

Der Freiherr und Ehrenthal traten aus dem Comtoir. Itzig folgte. Ehrenthal verschloß die Thür, er legte die eiserne Stange vor und befestigte das Vorlegeschloß. Sie eilten die Treppe hinauf, Veitel als Letzter. Auf den Stufen klang ein Geldstück, Ehrenthal sah sich um. »Es ist mir aus der Tasche gefallen,« sagte Veitel.

Der Freiherr und Ehrenthal traten in das Zimmer des Kranken, hinter ihnen schob sich Itzig herein und fuhr längs der Wand bis an das Fenster, hinter das Haupt Bernhards, damit dieser ihn nicht erblickte. Der Freiherr setzte sich zu Häupten des Lagers, der Vater an das Fußende; aus der Lampe fiel ein mattes Licht auf die Parteien, welche zu dem Todkranken kamen, um über Capital und Sicherheit zu hadern. Der Edelmann begann mit höflicher Rede, er erinnerte sich der frühern Besuche Bernhards und sprach von der Hoffnung, ihn bald wieder auf seinem Gut zu begrüßen, aber seine Augen sahen furchtsam auf das entstellte Gesicht, und in ihm rief eine Stimme: es war die höchste Zeit. Bernhard saß aufgerichtet in seinem Bett, den Kopf zur Brust hinabgeneigt, er erhob die Hand und unterbrach die Rede des Freiherrn: »Bitte, Herr Baron, sagen Sie mir, was Sie von meinem Vater wollen, und nehmen Sie Rücksicht darauf, daß ich kein Geschäftsmann bin.«

Der Freiherr setzte ihm das auseinander, Ehrenthal versuchte oft, ihn zu unterbrechen, aber Bernhard winkte mit der Hand, worauf der Alte wieder abbrach und sich begnügte, heftig den Kopf zu schütteln und vor sich hin zu brummen.

Als der Freiherr geendet hatte, winkte Bernhard seinem Vater: »Komm näher heran, höre ruhig auf meine Worte.« Der Vater fuhr mit seinem Ohre bis nah an den Mund des Sohnes. »Was ich sage,« sprach Bernhard leise, »ist mein fester Wille, und nicht erst heut bin ich zu dem Entschluß gekommen. Wenn du Geld erworben hast, so war dein Gedanke, daß ich dich überleben sollte und nach deinem Tode dein Erbe werden. War's nicht so?« Ehrenthal nickte stark mit dem Kopf. »Wenn du in mir deinen Erben siehst,« fuhr Bernhard fort, »so höre auf meine Worte. Wenn du mich liebst, so handle nach dem, was ich dir sage. Ich verzichte auf mein Erbtheil, während wir beide leben. Was du für mich gesammelt hast, das wirst du umsonst gesammelt haben. Ich verlange nichts für meine Zukunft. Wenn es mir beschieden ist, wieder gesund zu werden, so will ich mir durch meine eigene Arbeit forthelfen, ich will lernen auf mich selbst vertraun; außer deiner Liebe und deinem Segen begehre ich nichts mehr für mich. Daran denke.«

Ehrenthal erhob die Arme und rief: »Was ist das für eine Sprache, mein Bernhard, mein armer Sohn? Du bist krank, du bist sehr krank.«

»Höre mich weiter,« bat Bernhard. »Was du für Recht auf das Gut dieses Herrn hast, das soll hier gleich sein. Du hast lange Jahre mit ihm in Verkehr gestanden, du darfst nicht die Ursache sein, daß seine Familie unglücklich wird. Ich verlange nicht, daß du die große Summe wegschenken sollst, das würde dir zu wehe thun und würde den Herrn demüthigen; aber ich fordere von dir, daß du die Sicherheit nimmst, die er dir anbietet. Hat er dir früher Anderes versprochen, vergiß das; hast du Papiere in Händen, die ihn ängstigen, gieb sie ihm zurück.«

»Er ist krank,« stöhnte der Vater, »sehr krank ist er.«

»Ich weiß, daß dich das schmerzen wird, mein Vater. Seit du aus dem Haus des Großvaters weggingst, als ein armer Judenknabe, barfuß, mit einem Thaler in der Tasche, seitdem hast du an nichts Anderes gedacht, als an Erwerb. Niemand hat dich etwas Anderes gelehrt, dein Glaube hat dich ausgeschlossen von dem Verkehr mit Solchen, welche besser verstehen, was dem Leben Werth giebt. Ich weiß, daß es dir an's Herz geht, eine große Summe in Gefahr zu setzen. Aber du wirst es doch thun, du wirst es thun, weil du mich liebst.«

Ehrenthal rang die Hände und sagte unter strömenden Thränen: »Du weißt nicht, was du forderst, mein Sohn! Was du verlangst, das ist ein Diebstahl an deinem Vater.«

Der Sohn ergriff die Hand des Vaters. »Du hast mich immer geliebt. Du hast gewollt, ich sollte anders werden, als du. Du hast immer auf meine Worte gehört, und ehe ich einen Wunsch aussprach, hast du ihn erfüllt! Was ich jetzt von dir will, das ist die erste große Bitte, die ich an dich thue. Und diese Bitte werde ich dir in's Ohr sprechen, so lange ich lebe, es ist die erste, mein Vater, und es wird meine letzte sein.«

»Du bist ein thörichtes Kind,« rief der Vater außer sich, »du verlangst mein Leben, du verlangst mein ganzes Geschäft.«

»Hole die Papiere,« erwiederte Bernhard. »Ich will mit meinen Augen sehn, wie du dem Herrn zurückgiebst, was er geschrieben hat, und wie du aus seiner Hand empfängst, was er dir noch geben kann.«

Ehrenthal holte sein Taschentuch hervor und weinte laut: »Er ist krank. Ich soll ihn verlieren und ich soll verlieren auch mein Geld.« Der Freiherr saß unterdeß schweigend auf seinem Stuhl und sah vor sich nieder. An dem Fenster aber ballte Itzig krampfhaft die Hand, und ohne daß er es merkte, zerrte er die Gardine von der Stange.

Der Sohn sah unverwandt auf die Windungen des Vaters und rief endlich mit Anstrengung: »Ich will es, Vater, hole die Papiere.« Dann sank er in die Kissen zurück. Der Vater wollte sich auf ihn stürzen, aber mit einer kurzen Geberde des Widerwillens wies Bernhard ihn zurück, und mit Mühe aufathmend, sagte er: »Es ist genug, du thust mir weh.«

Da fuhr Ehrenthal auf, ergriff seinen Comtoirleuchter und wankte aus dem Zimmer. Still war es in dem Raum, nur die ängstlichen Athemzüge der Zurückbleibenden wurden gehört. Immer noch saß der Freiherr gebeugt, aber in der Abspannung fühlte er etwas durch seine Seele zucken, was aussah wie Freude. Er sah eine Stelle an seinem Himmel, wo die Sonne aus den dunkeln Wolken brach. Er war gerettet. Sein Ehrenwort war ihm zurückgegeben, und neue achttausend Thaler von dem Manne am Fenster in Aussicht. Jetzt konnte er wieder aufblicken, er durfte wieder sein Haupt hoch tragen. Er faßte die Hand des Kranken, drückte sie und sagte ihm leise: »Ich danke Ihnen, mein Herr, o wie danke ich Ihnen, Sie sind mein Retter, Sie schützen meine Familie vor Verzweiflung und mich vor der Schande.«

Bernhard hielt die Hand des Freiherrn fest, und ein seliges Lächeln flog über sein Gesicht. Unterdeß schlug am Fenster Einer mit den Zähnen zusammen in verzweifelter Spannung und preßte seinen Leib fest an die Mauer, um das Fieber zu bändigen, das ihn schüttelte.

So blieb es lange still in der Stube, Niemand sprach, Ehrenthal kam nicht zurück. Plötzlich wurde die Entréethür aufgerissen, in voller Furie stürzte ein Mann in das Zimmer, das Gesicht verstört, die Haare zerrauft. Es war Ehrenthal. -- Er hielt das flackernde Licht in der Hand, aber nichts Anderes.

»Verschwunden!« schrie er und schlug die Hände zusammen, daß das Licht auf den Boden fiel. »Alles ist fort, gestohlen ist Alles.« Er stürzte auf dem Bett seines Sohnes nieder und streckte die Arme nach dem Kranken aus, als wollte er von ihm Hülfe erflehen. Der Freiherr sprang auf, nicht weniger entsetzt, als Ehrenthal. »Was ist gestohlen?« rief er den Andern an.

»Fort ist Alles,« stöhnte Ehrenthal, nur auf seinen Sohn blickend, »die Verschreibungen sind fort, die Hypotheken sind fort. Ich bin beraubt,« schrie er aufspringend, »Diebstahl, Einbruch! Schickt nach der Polizei!« und wieder stürzte er hinaus, der Freiherr hinter ihm.

Betäubt, halb ohnmächtig sah Bernhard ihnen nach. Da trat vom Fenster er, der zurückgeblieben war, an das Bett. Der Kranke warf sein Haupt zur Seite und starrte auf den Mann, wie der ermattete Vogel auf die Schlange. Es war das Gesicht eines Teufels, in das er blickte, rothes Haar stand borstig in die Höhe, Höllenangst und Bosheit saß in den häßlichen Zügen. Bernhard schloß die Augen und hielt die Hand vor. Aber das Gesicht kam näher an ihn heran und eine heisere Stimme flüsterte in sein Ohr.

Unterdeß standen unten im Comtoir zwei Männer einander gegenüber und sahen einander mit nichtssagenden Blicken an. Die Cassette mit ihrem Inhalt war verschwunden, was der Freiherr auf das Pult gelegt hatte, war verschwunden. Ehrenthal hatte mit seinen Schlüsseln geöffnet wie immer, nichts an den Schlössern war versehrt, Alles im Comtoir lag an seiner Stelle. Wenn in dem offenen Geldschrank Geld fehlte, so konnte es nur wenig sein. An den wohlverwahrten Fensterladen war keine Spur von Verletzung, es blieb unbegreiflich, wie die Documente genommen waren.

Die beiden Männer liefen in den Hausflur, dort leuchteten sie umher, hinter der Treppe, hinter einer alten Kiste, in dem Eingang zum Keller, in dem schwarzen Hofraum, nirgend war etwas zu sehen. Sogar die Hausthür war verschlossen; sie erinnerten sich, daß der vorsichtige Buchhalter beim Heraufgehen das gethan hatte. Und wieder rannten sie zurück in das Comtoir und durchsuchten jeden Winkel immer hastiger, immer angstvoller. Dann saßen sie einander gegenüber mit blutlosen Wangen in einer Angst, welche mit jeder Minute stieg, Jeder dem Andern mißtrauend, Jeder mit feindlichem Blick auf den Andern schielend, ob nicht ein Zeichen das böse Gewissen verrathe. Und wieder sprangen Beide auf und überschütteten einander mit Vorwürfen, wie sie die Verzweiflung eingiebt, und während sie wie Wilde gegen einander die Hand erhoben, empfanden Beide, daß der Andere ebensoviel verliere, als der Eine, und daß sie Grund hatten, ihre Stimme zu mäßigen, damit kein Fremder ein Zeuge des Auftritts werde.

Aus Ehrenthals Comtoir waren die Papiere verschwunden in dem Augenblick, wo er widerwillig dem Drängen seines Sohnes nachgab, sich mit dem Freiherrn zu versöhnen. Er hatte noch kaum in die Versöhnung gewilligt, er allein war gegangen, die Papiere zu holen. Würde man ihm glauben, daß sie gestohlen waren? Würde sein eigener Sohn ihm glauben?

Und wieder dem Freiherrn hing an den Papieren Alles, o sein Verlust war der größte. Eben erst hatte er sich einer Hoffnung auf Rettung hingegeben, jetzt sank er in einen Abgrund, dessen Tiefe das Auge des Fallenden noch gar nicht ermessen konnte. In fremden Händen waren die Scheine. Wenn der Dieb sie zu benutzen verstand, ja, wenn der Diebstahl nur vor Gericht angezeigt wurde, so war er verloren. Und wenn sie sich nicht wieder fanden, auch dann war er rettungslos verloren. Jahre konnte es dauern, bis ihm die verlorenen Hypotheken vom Gericht neu ausgefertigt wurden, und sein Schicksal mußte sich in Wochen entscheiden. Er war nicht im Stande, sich mit dem feindseligen Ehrenthal auseinanderzusetzen, er war nicht im Stande, andern Gläubigern Deckung zu geben. Jetzt war er unrettbar verloren. Vor ihm lag Armuth, Verfall, Schande. Wieder fiel ihm jenes Ehrengericht ein, seine Kameraden und der unglückliche junge Mann, der sich selbst gerichtet hatte. Er hatte damals den Todten ansehen müssen, er wußte, wie Einer aussah, der so gestorben war. Er wußte jetzt auch, wie man dazu kam, so zu sterben. Sonst hatte ihm gegraut, wenn er an das Bild des Todten dachte, jetzt fühlte er kein Grauen mehr. Seine Lippen bewegten sich, und wie im Traume sprach er zu sich selbst die tröstenden Worte: »Das ist die letzte Hülfe.«

So saßen die beiden Männer einander gegenüber und brüteten vor sich hin, und die Minuten, welche über ihr Haupt zogen, entstellten ihr Antlitz und ihr Urtheil.

Hastiger flackerte das Licht, die Thür wurde aufgerissen, langsam wendeten die Beiden ihr Gesicht dem Eintretenden zu. Ein häßlicher Kopf erschien an der Thür, und ein wilder Ruf wurde gehört: »Hinauf, Hirsch Ehrenthal, Euer Sohn stirbt.« Die Erscheinung verschwand, mit einem lauten Schrei stürzte Ehrenthal nach der Thür, der Freiherr wankte als ein müder Mann zum Hause hinaus.

Als der Vater am Bett seines Sohnes niederfiel, hob sich noch einmal eine weiße Hand drohend in die Höh, dann sank ein todter Leib zurück. Bernhard fuhr nach der Sonne.

Draußen war ein warmer Abend. Ein leichter Wolkendunst bedeckte die Sterne des Nachthimmels, aber ein heimliches Dämmerlicht erhellte die Erde. Von dem blühenden Gebüsch der öffentlichen Anlagen trieb der Luftzug balsamische Düfte in die Straßen der Stadt. Langsam zogen die heimkehrenden Spaziergänger an den Häusern entlang, es wurde ihnen schwer, die südliche Luft zu verlassen und sich in ihre Mauern einzuschließen. Behaglich dehnte sich der Bettler auf der Schwelle des steinernen Palastes; jeder Gesell, der ein Liebchen hatte, eilte heut zu ihr und führte sie durch die Straßen, wer müde war, heut vergaß er die Arbeit des Tages, wer Kummer hatte, heut fühlte er ihn wenig, wer sonst das ganze Jahr allein stand, heut suchte er den Nachbar auf. Vor den Thüren standen die Leute, plauderten und lachten, die Kinder spielten auf der Straße, sie haschten einander in der Dämmerung und tanzten auf den Granitplatten des Pflasters. Heut schmetterte die Nachtigall im Bauer ihr bestes Lied, sie sang, daß der schöne Frühsommer da sei, die glückliche Zeit, wo das Leben leicht wird und die Hoffnungen sich zur Blüthe entfalten.

Durch die Schwärme der Spaziergänger schritt schwerfällig die hohe Gestalt eines Mannes, den Kopf auf der Brust. Seine Pferde stampften ungeduldig auf das Pflaster und erwarteten die Rückkehr des Herrn, um ihn aus dem Gewühl der Arbeiter in das vornehme Quartier zu führen. Sie warteten umsonst bis in die Nacht hinein; der, dem sie dienten, hatte sie vergessen. Er hörte nichts von dem Ruf der Nachtigall und trat durch den Kreis der tanzenden Mädchen, ohne einen Laut von den fröhlichen Kinderstimmen zu vernehmen. Sein Haupt war ihm schwer, und träge der Zug seiner Gedanken. So kam er aus der Stadt in die Anlagen, er stieg langsam einen blumengeschmückten Hügel hinan und setzte sich dort ermüdet auf eine Bank. Unten vor seinen Füßen zog der dunkle Strom dem Meere zu, ihm gegenüber erhoben sich die gewaltigen Massen des alten Doms. Der Fluß vor ihm war bedeckt mit Holzflößen, welche vom Oberlauf des Stroms herkamen, um weit hinab zu fahren bis in die Nähe der See. Auf den Flößen standen die Hütten der Ruderknechte, daneben loderten kleine Feuer, an denen die Leute ihre Abendkost bereiteten. Durch die stille Luft klang zuweilen das laute Gelächter oder ein roher Schrei der Fährleute zu ihm herauf. Das fluthende Wasser, die kühnen Umrisse der Thürme, den duftigen Wolkenschleier hoch oben sah er wie im Nebel, nur ein Gedanke blitzte in seinem finstern Gemüth auf, wie der feurige Punkt dort unten auf dem Fluß. Auch er hatte mit geflößtem Holz Geschäfte gemacht, und das Geld, das er dabei gewonnen, wurde von Andern ein Sündengeld genannt. Es war fremdes Eigenthum, wie die Summe, die der Mann mit der Pistole genommen hatte. Er stand hastig auf und eilte den Hügel hinab.

In einer Allee hoher Platanen lief er hin und her, und wieder blieb er ermüdet stehen und stützte seinen Rücken an einen Baumstamm. Vor ihm stiegen die Schornsteine des Quartiers auf, in dem sich die Fabrikthätigkeit der Stadt angesiedelt hatte, eine Reihe riesiger Obelisken ragte hoch über die Dächer der Menschenwohnungen. Er wußte, was das bedeutete, eine solche Säule in die Wolken bauen. Auch er hatte in den Grund des Baues Alles hineingeworfen, was ihn bis dahin schützend umgeben hatte, seine Kraft, sein Geld, seine Ehre. Mit schlaflosen Nächten, mit grauem Haar hatte sein Wahnwitz ein solches Monument bezahlt, es war die Leichensäule seines Geschlechts, die er auf seinem Gut aufgebaut hatte. Und was er hier vor sich sah in dem undeutlichen Lichte der Nacht, das war ein ungeheurer Kirchhof, viele schattenhafte Denkmäler, unter welchen der Seelenfrieden glücklicher Menschen eingesargt lag. Und er nickte mit seinem Haupt und sagte, so daß er selbst die Worte vernahm: »Das war das Letzte.« Er richtete sich auf und schritt seinem Hause zu.

Auf dem Wege empfand er, wie behaglich ihm war, an das zu denken, was ihn von solchen häßlichen Bildern befreien konnte. So trat er in sein Haus. Er machte ein freundliches Gesicht, als ihm die Lampe des Flurs auf die Augen schien. Als er in dem Entrée stand, hörte er in dem Zimmer der Baronin sprechen. Lenore las vor. Er hörte zu und merkte, was sie vorlas, war aus einem Roman. Er durfte die Frauen nicht erschrecken. Aber es war ein Hinterzimmer im Hause, abgelegen, die Stube daneben unbewohnt, dorthin mußte er gehen. Als er noch so stand, öffnete sich die Thür, und die Baronin sah heraus. Unwillkürlich fuhr sie zurück, als sie ihn an der Thür erblickte. Er lächelte und trat mit munterm Schritt in das Zimmer. Seiner Frau gab er die Hand, er strich über Lenorens Haupt und beugte sich nieder, um zu sehen, was sie las. Die Baronin klagte, daß sie den Thee ohne ihn getrunken, und er scherzte über ihre Ungeduld, die den Lieblingstrank nicht erwarten konnte. Dabei dachte er, daß es ihm selbst auf eine Stunde durchaus nicht ankomme. Er trat zu dem Bauer, in welchem zwei kleine Vögel aus fremdem Lande schlafend auf der Stange saßen, dicht an einander gedrängt, ein Köpfchen an das andere gelehnt; er steckte den Finger zwischen die metallenen Stäbe, als wollte er sie streicheln, und sagte gedankenlos: »sie sind zur Ruh gegangen.« Dann nahm er die Kerze aus der Hand des Bedienten und schritt nach der Thür seines Zimmers. Als er den Griff anfaßte, bemerkte er, daß das Auge seiner Frau ängstlich auf ihn gerichtet war, er wandte sich noch einmal zu ihr und nickte ihr freundlich zu. Dann schloß er die Thür. Er holte einen polirten Kasten aus seinem Schreibtisch und trug ihn mit dem Licht nach der Eckstube des Hauses. Hier war er sicher, Niemanden zu stören.