Soll und Haben, Bd. 1 (2) Roman in sechs Büchern
Part 42
Sie hatten im Nu die letzten Jahre vergessen, sie waren, wie vor Jahren, Ritter und Dame aus der Tanzstunde. Beide sagten einander, wie sehr sie sich seit der Zeit geändert hätten, und während sie das erzählten, waren sie in Empfindungen und Worten unvermerkt wieder jünger geworden um alle die Jahre, welche seit ihrer letzten Unterhaltung vergangen waren.
»Sie tragen Ihren Halskragen wieder aufrecht!« rief Lenore mit leisem Vorwurf. Anton strich ihn schnell herunter.
»Haben Sie noch den Capouchon von damals? Er war mit rother Seite gefüttert, gnädiges Fräulein?« frug er, »der stand Ihnen reizend.«
»Der jetzige hat blaues Futter,« sagte Lenore lachend. »Und denken Sie, die kleine Comteß Lara heirathet in der nächsten Woche, wir haben erst neulich über Sie und das Tagebuch gesprochen. Auch Eugen hat uns von Ihnen geschrieben. Wie allerliebst, daß Sie den Bruder kennen gelernt haben! Kommen Sie herein, Herr Wohlfart, ich muß wissen, wie es Ihnen seit der Zeit gegangen ist.« Sie führte ihn in ein Gesellschaftszimmer und lud ihn ein, auf dem Fauteuil Platz zu nehmen. Sie saß ihm gegenüber und sah ihn mit lachenden Augen an, deren Gruß ihn einst so glücklich gemacht hatte. Vieles in ihm war anders geworden, ja vielleicht schüttelte jetzt zuweilen ein anderer Mädchenkopf seine Locken in dem Zimmer der gelben Katze, aber als er die Gebieterin seiner jungen Jahre, das wilde ehrliche Mädchen als vornehme Dame sich gegenüber sah, da lebten alle Empfindungen der Vergangenheit wieder auf, und er athmete mit Entzücken den feinen Duft des eleganten Zimmers, in dem sie lebte.
»Da ich Sie sehe,« sagte Lenore, »ist mir, als wäre die Tanzstunde gestern gewesen. Es war eine fröhliche Zeit auch für mich! Seitdem habe ich vieles Ernste erfahren,« fügte sie hinzu und senkte ihr Haupt. Anton bedauerte das mit einem Eifer, der das Fräulein zwang, wieder heiter auszusehen und ihm freundlich in die Augen zu blicken.
»Was hat Sie zu meinem Vater geführt?« frug sie endlich mit verändertem Ton.
Anton sprach von Bernhard, von dem langen Siechthum des Freundes und seinen guten Wünschen für ihre Familie, er verbarg ihr nicht, daß sie selbst einen mächtigen Antheil daran habe, so daß Lenore auf ihr Taschentuch heruntersah und die Zipfel zusammenlegte. Er sagte ihr, wie sehr die Krankheit des Freundes ihn besorgt mache. »Wenn Sie Ihrem Herrn Vater die Vermittelung Bernhards empfehlen können, so thun Sie es. Ich werde eine stille Sorge nicht los, daß in dem Comtoir Ehrenthals eine Verschwörung gegen ihn ausgedacht ist. Vielleicht finden Sie ein Mittel, Bernhard oder mich wissen zu lassen, wie wir dem Herrn Baron von Nutzen sein können.«
Lenore sah ängstlich in Antons Gesicht und rückte ihren Stuhl näher an den seinen. »Sie sind mir wie ein alter Freund, Ihnen kann ich vertrauen, was mich ängstigt. Der Vater verbirgt der Mutter und mir, was ihn quält, ach, aber er selbst ist anders geworden von Jahr zu Jahr. Er hat für die Fabrik viel Geld gebraucht, und es fehlt ihm oft daran, das weiß ich. Alle Tage bitten die Mutter und ich den Himmel, uns den Frieden wieder zu geben; eine Zeit, wie damals, wo ich Sie kennen lernte. -- Sobald ich etwas erfahre, sollen Sie es wissen. Ich will Ihnen schreiben,« rief sie entschlossen; »wenn Eugen auf Urlaub herkommt, soll er Sie aufsuchen.«
So verließ Anton die Wohnung des Freiherrn, aufgeregt durch das Wiedersehen der schönen Freundin, voll vom besten Willen, der Familie zu dienen. An der Hausthür stieß er auf Herrn Ehrenthal. Mit kurzem Gruß eilte er an dem gefährlichen Manne vorüber, der ihm die Bitte nachrief, recht bald seinen Sohn Bernhard zu besuchen.
* * * * *
Ehrenthal hatte einige traurige Tage verlebt, er hatte in seinem Leben nicht so viel geseufzt und den Kopf geschüttelt, als jetzt. Vergebens frug seine Frau Sidonie ihre Tochter: »Was hat der Mann, daß er so seufzt?« Vergebens suchte Itzig das gebeugte Gemüth seines Brodherrn durch lockende Bilder der Zukunft aufzurichten. Alle Unzufriedenheit, welche sich in der Seele des Händlers aufgesammelt hatte, entlud sich gegen den Buchhalter. »Sie sind der Mensch, welcher mir hat gerathen zu diesen Schritten gegen den Baron,« schrie er ihn am Morgen nach der Scene mit Bernhard an. »Wissen Sie, was Sie sind? Malhonnet sind Sie.«
Itzig sah erstaunt in das Gesicht ihm gegenüber und zuckte die Achseln. »Wenn Sie weiter nichts wissen,« sagte er, »was ist das für ein Wort »malhonnet«? Soll ich's aufschlagen in dem Buch, wo die fremden Wörter stehen? Reden Sie doch nicht so schwach, Ehrenthal.« Dann seufzte Ehrenthal wieder, sah Veitel böse an und verbarg den Kopf in die Zeitung.
Länger als zwei Tage vermochte er nicht den Schmerz seines Sohnes zu ertragen, welcher zusehends kränker wurde und alles Zureden der Eltern mit kurzen Worten zurückwies. »Ich muß ein Opfer bringen,« sagte Ehrenthal vor sich hin, »ich muß die Ruhe wiedergeben seinen Nächten und machen, daß er aufhört mit seinem Stöhnen. Ich will denken an meinen Sohn, und ich will dem Baron schaffen die andere Herrschaft bei Rosmin, worauf er jetzt stehen hat sein Geld, und wenn nicht, so will ich ihm retten das Geld darauf ohne einen Nutzen für mich. Ich verliere dabei einen Vortheil, den ich machen könnte mit dem Löwenberg von mehr als einem Tausend Thaler. Ich denke, das wird mir bewegen den Bernhard.« So setzte er entschlossen seinen Hut auf, zog ihn tief in die Stirn, um die rebellischen Gedanken, welche immer noch in ihm aufstiegen, kräftig zu unterdrücken, und schritt in die Wohnung seines Schuldners.
Der Freiherr empfing den unerwarteten Besuch mit der Angst, welche ihm jetzt bei jedem Eintritt eines Geschäftsmannes den Athem benahm. »Kaum ist der Warner hinaus, so kommt der Feind selbst. Jetzt wird er die gerichtliche Cession der Hypothek von mir fordern, jetzt kommt, was darauf folgen muß.« Aber freudig erstaunte er, als Ehrenthal mit höflichen Worten aus freien Stücken sich erbot, für ihn nach Rosmin zu reisen und nöthigenfalls von dort aus weiter, um ihn bei dem Verkauf der polnischen Herrschaft zu vertreten. »Ich will mir zu Hülfe nehmen einen sichern Mann, den Justizcommissarius Walther aus Rosmin, damit Sie sehen, daß Alles in Ordnung zugeht. Sie werden mir Vollmacht geben, zu bieten auf das Gut, und die Käufer so weit zu treiben, bis Ihre Hypothek gedeckt ist durch den Kaufpreis, den ein Anderer zahlt.«
»Ich weiß, daß dies nothwendig sein wird,« sagte der Freiherr, »aber um Gottes willen, Ehrenthal! was soll geschehen, wenn die Herrschaft in unsern Händen bleibt?«
Ehrenthal zuckte die Achseln: »Sie wissen, ich habe Ihnen nicht zugeredet zu der Hypothek, ja ich kann sagen, ich habe Ihnen abgeredet, wenn ich mich recht besinne. Wenn Sie mir damals hätten gefolgt, so hätten Sie vielleicht nicht gekauft die Hypothek.«
»Es ist aber einmal geschehen,« versetzte der Freiherr ärgerlich.
»Erst bitte ich Sie, Herr Baron, zu bezeugen, daß ich unschuldig bin.«
»Das ist ja jetzt gleichgültig.«
»Für Sie ist es gleichgültig,« sagte Ehrenthal, »aber nicht für mich und meine Ehre als Geschäftsmann.«
»Wie meinen Sie das,« fuhr der Freiherr auf, daß Ehrenthal zusammenschrak, »Sie wagen zu behaupten, daß mir etwas gleichgültig ist, was selbst Ihnen keine Ehre bringt.«
»Was werden Sie hitzig, Herr Baron,« rief der Händler; »ich spreche ja nichts gegen Ihre Ehre, soll mich Gott davor bewahren!«
»Sie sprachen doch davon,« sagte der unglückliche Mann.
»Wie können Sie mißverstehen einen alten Bekannten!« klagte Ehrenthal; »ich will nichts, als Ihre Versicherung, daß ich unschuldig bin an dem Kauf der Hypothek.«
»Meinetwegen ja,« rief der Freiherr mit dem Fuße stampfend.
»So ist es recht,« sagte der Händler beruhigt. »Und wenn ein Unglück geschieht, und Sie die Herrschaft behalten müssen, so wollen wir sehen, was dann zu thun ist. Es ist eine böse Zeit zum Geldleihen, aber ich will Ihnen doch vorschießen die Caution und die Gerichtskosten gegen eine Hypothek auf die Herrschaft.«
Darauf besprach er die Ausfertigung der Vollmacht und seine Reise nach der benachbarten Provinz. Als er den Freiherrn verließ, blieb dieser als ein Spielball entgegengesetzter Stimmungen zurück.
War er verloren, war er gerettet? Eine quälende Sorge kam ihm, daß diese Hypothek sein Schicksal entscheiden würde. Er beschloß, selbst hinzureisen und Ehrenthal nichts zu überlassen. Aber wieder überfiel ihn die Angst, daß er dem Mann jetzt ein großes Vertrauen zeigen müsse, damit dieser auch ihm nicht mißtraue. So trieb er kraftlos in einer See von Gefahren. Die Wellen hoben sich und rauschten gegen sein Leben heran.
Am Abend trat Ehrenthal wieder in die Krankenstube des Sohnes und legte eine für ihn ausgefertigte Vollmacht auf die Bettdecke.
»Kannst du mir jetzt geben deine Hand?« frug er seinen Sohn, der finster vor sich hinstarrte, »ich reise für den Baron, ihm zu kaufen ein neues Gut. Wir haben Alles mit einander besprochen. Hier ist die Vollmacht, die er mir ausgestellt hat; ich werde ihm noch vorschießen ein Capital; wenn er es versteht, kann er wieder werden ein angesehener Mann.«
Bernhard sah mit trübem Auge auf seinen Vater und schüttelte den Kopf. »Das ist nicht genug, mein armer Vater,« sagte er.
»Ich habe mich doch versöhnt mit dem Baron, und er hat mir zugestanden, daß ich keine Schuld habe an diesem Unglück. Ist dir das genug, mein Sohn?«
»Nein,« sagte der Kranke. »So lange du in deinem Comtoir den schlechten Menschen, diesen Itzig, duldest, wird kein Friede in mein Leben kommen.«
»Er soll fort,« rief Ehrenthal bereitwillig; »wenn mein Sohn Bernhard es verlangt, soll er fort zum nächsten Quartal.«
»Und du willst den Gedanken aufgeben, das Gut des Barons für dich zu erstehen?« frug Bernhard weiter, sich zu dem Vater wendend.
»Wenn es kommt zum Verkauf, will ich denken an das, was du mir gesagt hast,« erwiederte der Vater ausweichend. »Jetzt rede mir nicht mehr von dem Gut; wenn du wieder wirst sein mein gesunder Sohn, dann sprechen wir darüber.« So ergriff er die Hand, welche Bernhard ihm zu geben zögerte, hielt sie fest in der seinen und saß ihm schweigend gegenüber.
War er einmal in seinem Leben zufrieden, so war er es jetzt, wo er sich die Versöhnung mit seinem Sohn erhandelt hatte.
* * * * *
~VII.~
Welle um Welle schlug über das Haupt des Ertrinkenden.
Die Fabrik hatte im Winter einige Monate gearbeitet. Die Rübenernte des Gutes war mißrathen, der Anbau in der Umgegend, von dem der Freiherr Vieles erwartet hatte, war unzureichend gewesen. Manche der kleinen Landwirthe hatten ihre Contracte nicht erfüllt, andere hatten Schlechtes geliefert. Die Rüben fehlten, es fehlte das Capital, die Fabrik stand still, die Arbeiter verliefen sich.
Ehrenthal war in die polnische Landschaft gereist, den Freiherrn schüttelte das Fieber der Erwartung. Er bestellte Postpferde, um seinem Bevollmächtigten nachzureisen, er bestellte sie wieder ab, denn ihm graute vor dem Tage des Termins, vor dem Bieten, dem Schacher und der bebenden Angst bis zum Schluß des Protokolls. Und wenn er dem Händler nicht traute, auf den Anwalt in Rosmin konnte er sich sicher verlassen. So kam der finstre Tag, wo Ehrenthal mit dem Brief des Justizcommissarius Walther vor ihn trat. Das Capital des Freiherrn war nur dadurch zu retten gewesen, daß Ehrenthal die Herrschaft für den Freiherrn erstand. Die Eigenthümer der ersten Hypothek von hunderttausend Thalern hatten ihn hinaufgetrieben bis hundertundviertausend, dann waren sie fortgefahren, kein anderer Käufer war im Termin erschienen. »Die Herrschaft gehört jetzt Ihnen, Herr Baron,« schloß der Händler. »Damit Sie im Stande sind, die Güter zu behaupten, habe ich mit den Eigenthümern der ersten Hypothek verhandelt, sie werden Ihnen die Hunderttausend auf der Herrschaft stehen lassen. Ich habe für Sie erlegt viertausend Thaler und die Gerichtskosten.« Der Freiherr sprach kein Wort, sein Kopf fiel schwer auf das Holz des Schreibtisches. Der Händler erzählte, wie er die Herrschaft für den Freiherrn übernommen hatte. Vor der Thür brummte er: »Es ist vorbei mit ihm. Zum nächsten Quartal verliert er sein altes Gut, und er hat keine Kraft, zu behaupten das neue. Zuletzt werde ich kaufen müssen auch diese Herrschaft.«
Jetzt nahte der Termin, an dem der Freiherr die Interessen aller geliehenen Gelder bezahlen sollte. Er fuhr umher und suchte wieder Geld. Vergebens. Zuletzt kam er zu Georg Werner, der das Gut seiner Mutter übernommen hatte. Befangen empfing ihn der junge Herr, welcher einige Jahre lang Lenoren seine Huldigung gegönnt und sich dann vorsichtig zurückgezogen hatte. Die Verlegenheiten des Freiherrn waren kein Geheimniß mehr. Der Gutsnachbar zeigte den Antheil, der bei solchen Veranlassungen schicklich ist. Er bedauerte sehr, daß dem Freiherrn auf der neugekauften Herrschaft eine so große Hypothek ausgefallen war. »Wen haben Sie zum Termin geschickt?« frug er.
»Den Hirsch Ehrenthal,« erwiederte der Freiherr gedrückt.
Jetzt wurde der Nachbar beredt. »Ich fürchte,« rief er, »der Mensch hat Sie schlecht vertreten. Ich kenne diesen Wucherer. Er hat uns vor Jahren durch seine Schurkerei um eine große Summe gebracht. Mein Vater hatte auf seinem Gut oben in der Provinz einen Wald geschlagen und das Holz an einen Holzhändler abgeliefert. Ehrenthal machte mit diesem Mann ein Gaunergeschäft, er handelte ihm das Holz zu einem Spottpreise ab, der Andere entwich nach Amerika. Die beiden Schurken haben das Geld meines Vaters mit einander getheilt.«
Die Wange des Freiherrn wurde fahl, er stand auf, sprach von seinem Anliegen kein Wort mehr und entwich von der Schwelle des Nachbars wie ein Verbrecher.
Seit dem Tage brütete er in seinem Sessel finster vor sich hin; wenn er ausging, that er es nur, um sich auf Augenblicke zu betäuben. Er war rauh gegen seine Gemahlin, ganz unzugänglich für die Tochter. Die Frauen litten unsäglich.
Noch eine Hoffnung dämmerte ihm, die Vermittlung Bernhards. Und diesmal hatte er Recht, auf dem Wege war noch Rettung zu finden. Aber er ergriff nicht die Hand, die sich ihm uneigennützig darbot, nicht Anton ließ er rufen, sondern einen Andern, der ihm unheimlich war, wenn er ihn nicht sah, und dessen trödelhaftes Wesen ihm wohl that, so oft er ihn erblickte. Noch einmal in der letzten Stunde bot ihm das gnadenvolle Schicksal die freie Entscheidung über seine Zukunft. Ach, aber er selbst war nicht mehr frei. Es war der Fluch einer schlechten That, der jetzt sein Urtheil verwirrte.
Wieder stand Itzig vor ihm, der Freiherr sah die gekrümmte Gestalt von der Seite an: »Der junge Ehrenthal hat sich gegen mich erboten, meine Differenz mit seinem Vater beizulegen.«
Veitel fuhr in die Höhe, wie durch einen Schuß getroffen, »der Bernhard!« rief er heftig.
»So ist ja wohl sein Name, er soll krank sein.«
»Er wird sterben,« erwiederte Veitel.
»Wann?« frug der Freiherr mit seinen Gedanken beschäftigt, er verbesserte sich aber sogleich: »Was fehlt ihm?«
»Es sitzt hier,« sagte Veitel auf die Brust zeigend, »es arbeitet wie ein Blasebalg; wenn ein Loch reißt, hört der Wind auf.«
Der Freiherr zeigte ein bedauerndes Gesicht, aber er dachte nur, daß er selbst Eile habe. »Der Kranke soll so viel Einfluß auf seinen Vater besitzen, daß durch ihn die Einwilligung des Ehrenthal zu hoffen ist.«
»Was versteht der Bernhard von Geschäften, er ist ein Narr,« rief Veitel, unfähig, seinen Aerger zu verbergen. »Wenn man ihm ein altes Leder hinlegt, das mit Buchstaben beschrieben ist, so giebt er dafür jede Hypothek; er ist unwissend.«
»Wie ich sehe, gefällt Ihnen dieser Weg nicht?« frug der Freiherr rathlos.
Bevor Itzig antwortete, stand er lange nachdenkend, unruhig fuhren die Augen von dem Freiherrn in die Ecken des Zimmers. Endlich erwiederte er mit plötzlicher Freundlichkeit: »Der gnädige Herr haben Recht. Es wird am besten sein, wenn Sie und Ehrenthal an das Bett des kranken Bernhard gehen und dort mit einander abmachen Ihr Geschäft.« Wieder schwieg er eine Weile, und sein Gesicht röthete sich von stürmischen Gedanken. »Wollen der gnädige Herr mir überlassen, Ihnen Tag und Stunde anzusagen, wo Sie am besten sprechen den Bernhard Ehrenthal? Wenn Sie eingetreten sind in's Comtoir, dann werde ich schnell hinaufgehen zu Bernhard und ihm sagen, daß Sie gekommen sind. Unterdeß haben Sie die Gnade und warten Sie im Comtoir, und wenn es dauert eine halbe Stunde, bis ich wiederkomme, warten Sie; was auch der Ehrenthal sagt, und wie er auch schreit, warten Sie doch. Wenn ich Sie hinaufhole, wird Alles in Ordnung kommen, denn was der Bernhard von seinem Vater will, das kann er machen.«
»Ich werde Ihre Nachricht erwarten,« schloß der Freiherr, gepeinigt durch die Aussicht auf den schweren Tag.
* * * * *
Itzig verließ den Freiherrn und stürzte in wilder Aufregung nach seinem Lager im Hause des Pinkus. Heftig lief er in dem kleinen Zimmer auf und ab und ballte die Faust gegen Bernhard. Er öffnete den alten Schreibtisch und zog aus einer verborgenen Schublade zwei Schlüssel, die er auf die Tischplatte legte; immer wieder blieb er davor stehen und starrte sie an. Endlich versenkte er sie in die Tasche und sprang hinunter in die Caravanserei. Dort kauerte in einer Ecke der Galerie Herr Hippus, der kluge Freund Veitels. Hippus war in den letzten Jahren durch den Druck der Verhältnisse verhindert worden, stattlicher, jünger und ehrlicher zu werden, er sah vielmehr ungewöhnlich abgenagt und schadhaft aus. Jetzt hatte er sich in einen Winkel gedrückt, in welchen das warme Sonnenlicht fiel, und las in einem schmutzigen Roman. Als Veitel mit schnellem Schritt eintrat, senkte er den Kopf tiefer in sein Buch und schien an jedem Buchstaben mehr Antheil zu nehmen, als an dem jungen Geschäftsmann vor ihm.
»Macht Euer Buch zu und hört mich an,« rief Veitel ungeduldig. »Der Rothsattel wird vom Ehrenthal seine Scheine zurückerhalten, er wird mir die Hypothek geben, und ich werde ihm sollen verschaffen die Achttausend, welche noch Rest sind.«
»Seht doch, seht,« erwiederte der Alte, sein häßliches Haupt wiegend, »was man nicht Alles erlebt! Wenn der Ehrenthal sein Geld an einen Lumpen wegschenkt, der ihm sein Wort gebrochen hat, so wird es Zeit, daß auch wir fromm werden und zur Beichte gehen. Bevor wir weiter reden, kannst du mir etwas heraufbringen, was ich gern esse und trinke. Ich bin durstig und spreche kein Wort mehr.«
Veitel eilte hinab, das Verlangte zu holen, der Alte sah ihm nach und murmelte: »jetzt kommt's,« und starrte kopfschüttelnd über das Buch weg.
Als Veitel die geforderte Mahlzeit vor dem Advocaten aufgestellt hatte, frug er kurz: »Wie viel?«
»Dreihundert,« sagte der Alte, »und dafür muß ich mir's noch überlegen. Es ist nicht mein Genre, holder Itzig. In meinem Beruf stehe ich für weniger zu Dienst, wie du zu deiner Zeit erfahren hast; aber bei einer ehrenwerthen Arbeit im Styl des Herrn Cartouche und anderer Freunde von dir verlange ich eine bessere Bezahlung. Ich bin nur Freiwilliger. Und ich kann nicht sagen, daß ich Vorliebe für solche Geschäfte habe.«
»Hab' ich sie denn?« rief Itzig. »Wenn es ein Mittel giebt, dies zu vermeiden, so sagt's. Wenn Ihr wißt, wie man den Baron und Ehrenthal auseinander halten kann und Jeden ruiniren durch den Andern, so sagt's. Der eigene Sohn Ehrenthals wird Friede machen zwischen den Beiden, er wird zwischen ihnen stehen, wie ein nackter Bocher mit Flügeln auf dem Bilderbogen steht zwischen zwei Verliebten; und wir werden sein die Geprellten.«
»Wir?« sagte der Alte vergnügt. »Du wirst der Geprellte sein, du Dohle. Was gehn mich deine Geschäfte an?«
»Zweihundert,« rief Veitel sich ihm nähernd.
»Drei,« erwiederte der Alte und trank sein Glas aus, »aber ich thue es nicht allein, du mußt dabei sein.«
»Wenn ich dabei sein will,« sagte Veitel, »so kann ich's allein thun und brauche nichts von Eurer Hülfe. Hört mich an. Ich will machen, daß das Haus leer ist, daß der Ehrenthal und der Baron zu gleicher Zeit aus dem Comtoir hinaufgehn; ich will Euch ein Zeichen geben, ob die Papiere auf dem Tisch liegen, oder im Schrank. Es wird finster sein, Ihr werdet haben die Zeit von einer halben Stunde. Ja, ich will zuschließen; den Ausgang zur Hintergasse, der gewöhnlich verriegelt ist, werde ich aufmachen. Es ist so sicher, daß ein Kind von zehn Jahren könnte machen das Geschäft.«
»Sicher genug für dich,« sprach der Alte mürrisch, »aber für mich nicht.«
»Wir haben doch versucht, was man machen kann mit dem Gesetz, und es ist nicht gegangen,« rief Veitel, »so muß es gehen wider das Gesetz.« Er schlug mit der Faust auf das Geländer und preßte die Zähne zusammen, daß sie knirschten. »Und wollt Ihr's nicht thun, so soll es doch geschehn; obgleich ich weiß, daß aller Verdacht auf mich fällt, wenn ich während der Zeit nicht in der Stube des Bernhard bin.«
»So ist's recht, du lustiger Itzig,« sagte der Alte und rückte an seiner Brille, um die zornige Entschlossenheit des Andern genauer zu betrachten. »Da du so tapfer bist, so will ich dich nicht im Stich lassen; aber Dreihundert.«
Der Handel begann. Die Beiden drückten sich in die Ecke der Galerie und sprachen leise mit einander bis zur Dunkelheit.
* * * * *
Einige Tage darauf saß Anton in der Dämmerstunde am Lager des kranken Bernhard: »Nur im Sprunge bin ich hergekommen, zu sehen, wie es Ihnen geht.«
»Schwach,« erwiederte Bernhard, »immer noch schwach; das Athmen wird mir schwer. Wenn ich nur in's Freie käme, nur einmal hinaus aus dem dunkeln Zimmer!«
»Erlaubt der Arzt Ihnen nicht, auszufahren? Wenn die Sonne warm scheint, komme ich morgen mit einem Wagen, Sie abzuholen.«
»Ja,« rief Bernhard, »Sie sollen kommen. Dann werde ich Ihnen auch etwas erzählen.« Er sah sich vorsichtig um. »Ich habe heut durch die Stadtpost einen Zettel ohne Unterschrift erhalten.« Er zog unter seinem Kopfkissen einen kleinen Brief hervor und übergab ihn mit geheimnißvoller Miene dem Freund: »Nehmen Sie, vielleicht kennen Sie die Hand.«
Anton ging zum Fenster und las: »Der Baron Rothsattel will Sie heut gegen Abend sprechen. Sorgen Sie dafür, daß Sie mit Ihrem Vater allein sind.«
Als Anton den Brief zurückgab, betrachtete Bernhard das Papier andächtig und steckte es wieder unter die Kissen. »Kennen Sie die Hand?« frug er.
»Nein,« erwiederte Anton, »die Schrift scheint verstellt, die Hand des Fräuleins ist es nicht.«
»Wer auch der Schreiber ist,« fuhr Bernhard kleinlaut fort, »ich hoffe Gutes von dem heutigen Abend. Wohlfart, dieser Streit liegt mir mit Centnerschwere auf der Brust, er nimmt mir den Athem, wie ein Gewicht fühle ich den Druck. Heut soll das besser werden, heut werde ich frei.«
Das Sprechen machte ihm Mühe. Nur in kurzen Sätzen fiel die Rede von seinen Lippen. »Also Wiedersehen auf morgen,« rief Anton. Als er sich erhob, knisterten weiche Damensohlen, die Mutter und Rosalie traten an das Bett des Kranken und begrüßten den Gast. »Wie geht's, Bernhard?« frug die Mutter, »du wirst heut mit deinem Vater allein sein, es ist heut große musikalische Akademie, die Rosalie wird auf dem Flügel spielen. Wir haben den Flügel in die Hinterstube gerückt, Herr Wohlfart, damit sie den Bernhard nicht durch ihre Uebungen stört.«
»Setze dich noch einen Augenblick zu mir, Mutter,« sagte Bernhard, »ich habe dich lange nicht in deinen schönen Kleidern gesehen. Du siehst heut hübsch aus, ein solches Kleid trugst du, als ich als Knabe das Scharlachfieber bekam. Wenn ich von dir träume, sehe ich dich immer in dem gelben Gewand vor mir. Gieb mir deine Hand, Mutter, und wenn du heut Abend Musik hörst, denke auch an deinen Bernhard, ich werde hier eine stille Musik machen.«
Die Mutter setzte sich zu ihm. »Er hat wieder das Fieber,« sprach sie zu Anton. Anton stimmte schweigend bei.
»Morgen fahre ich in die Sonne,« rief Bernhard aufgeregt, »das wird mein Vergnügen sein.«