Soll und Haben, Bd. 1 (2) Roman in sechs Büchern

Part 40

Chapter 403,709 wordsPublic domain

Diesen Brief erhältst du aus einer neuen Stadt in Tennessee, einem anmuthigen Ort, der dadurch nicht besser wird, daß er auf Speculation von meinem Geld gebaut ist. Einige Holzhütten, die Hälfte davon Schenken, bis unter das Dach angefüllt mit einem schmutzigen und verworfenen Gesindel von Auswanderern, von denen die Hälfte an Fäulniß und Fieber darnieder liegt. -- Auch was noch umherläuft, ist ein hohläugiges, verkümmertes Geschlecht, alle Candidaten des Todes. Täglich, wenn die armen Tröpfe die aufgehende Sonne erblicken, so oft sie den unbescheidenen Wunsch fühlen, etwas zu essen und zu trinken, täglich vom Morgen bis zum Abend ist ihr Lieblingsgeschäft, auf die Landhaifische zu fluchen, welche ihnen ihr Geld für Transportkosten, für Land und Improvements abgenommen, und sie in diese Gegend geführt haben, welche zwei Monate im Jahre unter Wasser steht und die übrige Zeit einem zähen Brei ähnlicher sieht, als irgend welchem Lande. Die Männer aber, welche sie auf diesem kothigen Weg in's Himmelreich weisen, sind meine Agenten und Bundesgenossen, und ich, Fritz Fink, bin der Glückliche, der hier allstündlich mit jedem Fluch der deutschen und irischen Zunge beworfen wird. Was noch gesunde Beine hat, schicke ich fort, was als Bewohner meines Hospitals umherschleicht, das habe ich mit Welschkorn und China zu füttern. In meiner Stube kriechen, während ich dies schreibe, drei nackte Paddykinder auf der Diele umher, ihre Mütter sind so pflichtvergessen gewesen, dies Jammerthal zu verlassen, und ich genieße den Vorzug, die froschartigen Scheusälchen über den Nachttopf zu halten. Eine angenehme Beschäftigung für meines Vaters Sohn! Wie lange ich hier festsitzen werde, weiß ich nicht, möglicherweise bis der Letzte gestorben ist.

Unterdeß bin ich mit meinen Associés in Newyork zerfallen, ich habe den Vorzug gehabt, eine allgemeine Unzufriedenheit zu erregen, die Theilhaber an der großen Westlandcompagnie sind zusammengekommen, man hat Reden gegen mich gehalten und Beschlüsse gefaßt. Mich würde das wenig kümmern, wenn ich einen Weg sähe, mich von dieser Bande loszumachen. Aber der Todte hat die Sache so schlau eingerichtet, daß ich fest geschnürt bin, wie ein Sklave im Negerschiff. Es sind ungeheure Summen in diese wüste Speculation geworfen. Wenn ich ihnen den Kram kündige, so bin ich sicher, daß sie Mittel finden werden, mich die ganze Summe, die der Todte gezeichnet hat, bezahlen zu lassen, und wie ich das durchsetzen soll, ohne nicht nur mich, sondern vielleicht auch die Firma Fink und Becker zu ruiniren, das sehe ich noch nicht.

Indessen wünsche ich deine Meinung über das, was ich thun soll, nicht zu hören. Sie kann mir nichts nutzen, denn ich weiß sie ohnedies. Ich wünsche überhaupt keinen Brief von dir, du einfältiger, altfränkischer Tony, der du glaubst, ehrlich handeln sei eine so einfache Geschichte, wie ein Butterbrod streichen. Denn habe ich Alles gethan, was ich konnte, die Einen begraben, die Andern gefüttert und meine Compagnons so sehr geärgert, als mir möglich ist, dann ziehe ich auf einige Monate weiter nach Westen, in eine ehrliche Prairie, wo weniger Gekrächz von Alligatoren und Nachteulen, und etwas mehr Aristokratism zu finden sein wird, als hier. Giebt es auf der Prairie Tinte und Stift, so schreibe ich dir wieder. Ist dieser Brief der letzte, den du von mir erhältst, so widme mir eine Thräne und sage in deiner salbungsvollen Art: Schade um ihn, er hatte auch seine guten Seiten!«

Darauf folgte eine genaue Darstellung der Geschäfte Finks und die Statuten der Landcompagnie.

Anton las den unerfreulichen Brief einigemal durch, dann setzte er sich an den Schreibtisch und schrieb an den Freund, trotz dem Verbot desselben, die ganze Nacht hindurch.

* * * * *

Noch in dem ruhigen Licht der nächsten Tage behielt Anton die erhobene Stimmung. Wenn er im Comtoir arbeitete und mit seinen Collegen scherzte, immer fühlte er, wie fest sein Leben in den Mauern des großen Hauses Wurzeln geschlagen hatte. Auch den Andern wurde das bemerkbar. Am Mittagstisch war die Unterhaltung jetzt lebhafter als je. Nicht nur der Prinzipal, auch Anton und Sabine führten das Gespräch. In einer Zeit, wo das Geschäft wenig Freudiges brachte, kam in diese Drei ein neues Leben. Der Kaufmann richtete seine Rede fast ausschließlich an Anton, und wenn Anton erzählte, dann hörte der ganze Tisch aufmerksam zu, und zuweilen klang ein heiteres Lachen aller Collegen um die feierliche Tafel. Auch des Abends war Anton eine bevorzugte Person. Er wurde oft in das Vorderhaus geladen, dann saß er mit den Frauen und dem Prinzipal am kleinen Tisch zusammen, und dem Hausherrn war anzusehen, wie lieb ihm das persönliche Verhältniß zu einem Manne wurde, der so innig mit den Interessen seines Geschäfts verwachsen war und in dessen frischem und geordnetem Sinn er ein Bild seiner eigenen Jugend erblickte.

Für Sabine wurden diese Stunden ein Genuß. Es war ihr ein freudiger Fund, wenn sie im Gespräch über die Neuigkeiten des Tages, über ein gelesenes Buch, über Erlebtes und Gefühltes wahrnahm, daß der Mann, der jahrelang so nahe an ihnen gelebt hatte, in so Vielem mit ihr übereinstimmte. Seine Bildung, sein Urtheil überraschten sie, sie sah ein ehrliches Gemüth plötzlich in glänzenden Farben vor sich stehen, wie der Reisende staunend auf eine reiche Landschaft blickt, die ihm wogender Nebel lange verhüllt hat.

Friedlich fanden sich die Collegen in die ungewöhnliche Stellung ihres Genossen. Daß er dem Prinzipal das Leben gerettet hatte, wußten sie aus dem eigenen Munde des Chefs, und dieser Zufall wurde selbst für Herrn Pix ein Grund, die Einladungen Antons in das Vorderhaus ohne Bemerkung zu ertragen. Anton that das Seine, dem Comtoir seine Persönlichkeit werth zu erhalten. An freien Abenden lud er die Einzelnen auf sein Zimmer, nicht selten kam die ganze Gesellschaft bei ihm zusammen. Jordan beklagte sich lächelnd, daß er schon bei Lebzeiten vergessen sei, und das Comtoir gewöhnte sich, in Anton seinen Nachfolger, den stillen Rathgeber der Jüngeren zu sehen. Am liebsten war Anton mit Baumann zusammen, der in dem letzten halben Jahre wieder einige starke Anwandlungen von Missionsgelüsten gehabt hatte und jetzt nur durch die Ueberzeugung zurückgehalten wurde, daß in der schwierigen Gegenwart ein geübter Calculator nicht fehlen dürfe. Am eifrigsten aber bemühte sich um Antons Gunst der phantasiereiche Specht. Ihm hatte der Reisende einen romantischen Heiligenschein bekommen. Was Anton etwa erfahren hatte, das malte die Phantasie des Herrn Specht mit den grellsten Farben aus. Er war geneigt, anzunehmen, daß der College außer den Abenteuern, welche er eingestand, noch unendlich reizende und furchtbare erlebt hatte, die zu verbergen er durch geheimnißvolle Verhältnisse gezwungen war.

Leider war Specht's eigene Stellung zu den Collegen während Antons Abwesenheit mächtig erschüttert worden. Er war immer der Gegenstand gewesen, an welchem sich die gute Laune der Andern aufzurichten liebte, wie die Schlingpflanze an einem dünnen Bäumchen, und oft war er von den Blüthen fremden Witzes fast erstickt worden. Jetzt sah Anton mit Bedauern, daß der gute Herr Specht in dem Zustand allgemeiner Mißachtung lebte. Sogar sein Quartett hatte ihn aufgegeben, wenigstens schwebte zwischen ihm und den beiden Bässen eine finstere Wolke des Mißmuths. So oft Specht eine Behauptung aufstellte, welche nicht ganz unbestreitbar war, zuckte Pix die Achseln und warf ihm mit Verachtung das ungehörige Wort »Kürbis« entgegen. Fast Alles, was Specht sagte, war »Kürbis«; sogar bei Tische kugelte dieser Pflanzenkörper in den untern Regionen von einem Munde zum andern, und so oft das Wort ausgesprochen wurde, gerieth Herr Specht in leidenschaftlichen Zorn, brach tief gekränkt das Gespräch ab und zog sich aus der Gesellschaft der Andern in sich selbst zurück.

Anton besuchte an einem Abend den Verfehmten auf seinem Zimmer. Schon vor der Thür hörte er die scharfe Stimme des Collegen, welcher das berühmte Lied: »Hier sitz' ich auf Rasen mit Veilchen bekränzt« von dem erhabenen Ort seiner Behausung -- Herr Specht wohnte drei Treppen hoch -- in das Haus hinunter sang. Als Anton leise die Thür öffnete, saß Specht in kunstvoller Attitude, graziös auf einen Arm gestützt, bei seiner Lampe am Tisch und sang mit so innigem Behagen, daß Anton einige Augenblicke stehen blieb, den Begeisterten nicht zu stören. Es war kein großes Zimmer, welches Specht bewohnte, und die Erfindungskraft des Herrn hatte jahrelang gearbeitet, demselben einen Charakter zu geben, welcher von dem Wesen gewöhnlicher Stuben verschieden war. Es sah in der That keiner andern irdischen Behausung ähnlich. Alle Wände waren mit Bildern überzogen, mit Portraits berühmter Künstlerinnen, viele im Costüm ihrer Rolle, dazwischen ragten zahlreiche Consolen, auf denen kleine Vasen, Muscheln und Thonfiguren und andere Merkwürdigkeiten standen. Da der Consolen mehr waren, als der darauf zu stellenden Gegenstände, so hatte Specht die leeren mit Tassen und Champagnerflaschen interimistisch besetzt. Ueber dem Bett hing ein großer Ritterschild von glänzendem Messingblech, daneben große Fechthandschuhe und ein Köcher mit Pfeilen. Ueber den Pfeilen war ein Zettel an die Wand geschlagen, mit einem gemalten Todtenkopf und zwei gekreuzten Knochen und dem warnenden Wort: »_Vergiftet_!« Dahinter drei Ausrufungszeichen.

Am auffälligsten aber war die Mitte des Zimmers eingerichtet. Dort schwebte etwas über Manneshöhe ein ungeheurer Reifen, durch Bindfaden an einem Haken der Decke festgehalten. Darunter standen große Thongefäße, mit Erde gefüllt, und von den Gefäßen liefen zahlreich gespannte Schnüre bis zu dem Reifen. Unter dem Reifen stand ein Gartentisch aus knorrigen Baumästen und einige Stühle aus Weidenruthen. Durch diese Vorrichtung erhielt das Zimmer ein durchaus unerhörtes Aussehen, und die freie Bewegung der darin befindlichen Gliedmaßen wurde für jeden Andern, als den erfahrenen Bewohner sehr schwierig. Es war nicht abzusehen, welchen Zweck diese geheimnißvolle Vorrichtung hatte. Allerdings erinnerten der wilde Tisch, die Stühle und Erdtöpfe den menschlichen Geist gewissermaßen an Garten und freie Natur, während wieder die ausgespannten Schnüre eine entfernte Aehnlichkeit mit Strickleitern hatten, welche zum Mastkorb eines Schiffes hinaufführen. Zuletzt neigte sich Anton zu der Ansicht, daß diese Erfindung eine Menschenfalle vorstelle, welche nach dem Muster eines Spinngewebes gebaut und darauf berechnet war, die Köpfe und Beine boshafter Collegen festzuhalten. Wenigstens saß Specht selbst als Dirigent in der Mitte des Netzwerks, und sein Sirenengesang konnte wohl darauf berechnet sein, die Eintretenden durch vorgespiegelten grünen Rasen und falsche Veilchenkränze in's Garn zu locken.

Anton blieb außerhalb der Falle stehen und rief endlich Specht von der Thür an: »Was zum Henker haben Sie in Ihrem Salon für ein Bindfadensystem ausgebreitet?«

Specht sprang auf und versetzte mit glänzenden Augen: »Es ist eine Laube.«

»Eine Laube? Ich sehe ja nichts Grünes.«

»Es kommt,« sagte Specht und führte den Besuch zu seinen Gefäßen.

Bei näherer Betrachtung entdeckte Anton in den Töpfen einige schwache Epheuranken, welche bestäubt und verkommen wie die Ueberreste dämmeriger Traumbilder aussahen, welche dem erwachenden Menschen noch einige Augenblicke an den Fäden seiner Seele hängen, um gleich darauf für immer zu vergehen.

»Aber Specht, dieser Epheu wird's nicht thun,« sagte Anton.

»Er ist auch nicht allein da,« belehrte Specht geheimnißvoll; »sehen Sie, hier kommt noch Anderes.« Er wies auf mehrere magere, spargelähnliche Gebilde, welche sich aus den Töpfen erhoben und mit nichts Anderem zu vergleichen waren, als mit den unglücklichen Versuchen, zu keimen, welche die Kartoffeln zur Zeit des Frühjahrs in einem warmen Keller anstellen.

»Und was sollen diese Keime bedeuten?«

»Es sind Bohnen und Kürbisse,« sagte Herr Specht. »Das Ganze wird eine Kürbislaube; in einigen Wochen werden die Fäden von den Ranken belaufen sein. Denken Sie, Wohlfart, wie famos das aussehen wird! Von allen Seiten die grünen Ranken, die Blüthen und die großen Blätter. Das Ganze wird ein Zelt sein mit zwei Eingängen. Die meisten Kürbisse werde ich abschneiden, damit mir die Last nicht zu schwer wird, einzelne lass' ich hängen, es werden Netze darunter gemacht. Bitte, stellen Sie sich das ganze dicke Grün vor, dazwischen die gelben Blüthen, es wird reizend aussehen! Das wird ein Sitz, mit guten Freunden eine Flasche Wein zu trinken, oder vierstimmig zu singen.«

Ach die guten Freunde hatten Herrn Specht verlassen, er ließ sich aber alle Sonntage vom Bedienten eine halbe Flasche Wein holen, setzte vier Gläser auf den Tisch und trank eines nach dem andern aus.

»Aber Specht,« frug Anton lachend, »können Sie denn im Ernst glauben, daß die Kürbisse in Ihrer Dachstube wachsen werden?«

»Warum sollen sie nicht wachsen?« rief Herr Specht gekränkt. »Sie sind gerade wie die Andern. Die Pflanzen haben ja Sonne, ich sorge für frische Luft, ich gieße mit Rinderblut, sie haben Alles, was sie brauchen.«

»Aber sie sehen verzweifelt kränklich aus.«

»Das ist nur der Anfang, die Luft ist draußen noch kalt, und wir haben einige Wochen gehabt, wo der Sonnenschein fehlte. Später schießen sie auf einmal in die Höhe. Wenn Einer nichts von einem Garten hat, muß er sich zu helfen wissen.« Er sah sich vergnügt in der Stube um. »Sehen Sie, im Decoriren eines Zimmers will ich's mit jedem reichen Mann aufnehmen. Natürlich nach meinen Mitteln. Aus Oelbildern mache ich mir nicht viel, sie werden in der Regel schwarz; meine Bilder hier werden höchstens ein wenig heller. Es hat mich Geld gekostet, dafür ist es hier hübsch geworden. Mein Zimmer ist nicht groß, aber es ist wohnlich.«

»Ja,« entgegnete Anton, »außer für gewisse Unarten unruhiger Menschen, als Geradestehen und Umhergehen. Darauf muß man hier verzichten. Sie können nur solchen Besuch gebrauchen, der sich gleich an der Thür auf den Fußboden setzt.«

»Ruhig zu sitzen, ist ja eine Hauptregel bei der Unterhaltung,« versetzte Specht. »Leider sind die Menschen oft schlecht und ohne Herz. -- Finden Sie nicht auch, Wohlfart, daß in unserm Comtoir einige Collegen gemüthlos sind?« sagte er leise.

»Manchmal etwas kurz,« erwiederte Anton, »aber die Meinung ist gut.«

»Ich finde das nicht,« seufzte Specht. »Ich bin jetzt ganz allein und muß meinen Trost außer dem Hause suchen. Wenn ich kann, gehe ich in's Theater, oder zu den Reitern, und wenn ein Zwerg kommt oder ein Seehund, und natürlich in die Concerte.«

»Aber das hilft doch nicht immer gegen die Einsamkeit.«

»Nein,« versetzte Specht; »denn es kostet Geld, und Sie wissen, ich habe keinen hohen Gehalt, und ich fürchte, ich werde auch nicht viel mehr kriegen, als jetzt. Von Hause aus hatte ich Vermögen,« sagte er wichtig, »aber ein Vetter von mir, der mein Vormund war, hat mich darum gebracht. Hätte ich's noch, könnte ich vielleicht mit Vieren fahren. Glauben Sie nur, ich wäre auch nicht glücklicher. Wenn nur der Pix nicht so grob wäre,« klagte er wieder. »Es ist schauderhaft, Wohlfart, das alle Tage anhören zu müssen. -- Ich wollte ihn fordern, während Sie verreist waren,« rief er und wies auf ein altes Rappier, dessen Klinge hinter dem Bett hervorragte. »Aber er benahm sich schlecht. Ich schrieb ihm, daß es mir sehr leid thäte, ihn fordern zu müssen, und es wäre sehr gleichgültig, wo er sich mit mir duelliren wollte. Ich schlug ihm entweder den Berg auf der Promenade vor oder auch unsern Oberboden, wo Raum genug ist, und ersuchte ihn um eine Mittheilung über die Waffen, welche er gebrauchen wollte. Da schrieb er mir unhöflich zurück, er würde sich nur im Hausflur duelliren, wo er sich alle Stunden des Tages aufhielte, und was die Waffen beträfe, so könnte ich fechten, womit ich wollte, seine Waffe wäre der große Pinsel, er sei bereit, mir auf jede Backe eine Signatur zu machen. Sie werden mir zugeben, daß ich darauf nicht eingehen konnte.«

Das gab Anton zu.

»Jetzt hetzt er die andern Collegen wider mich auf,« fuhr Specht kleinlaut fort. »Der Zustand ist für mich unerträglich, ich kann gar nicht mehr mit den Andern zusammen sein, ohne daß ich beleidigt werde. Aber ich weiß, wodurch ich mich räche. Ich spare jetzt. Wenn die Kürbisse erst blühen, dann gebe ich Allen einen Satz, nur Pix lade ich nicht ein; wie er's damals mit Ihnen gemacht hat, Wohlfart. Ich will uns beide an ihm rächen.«

»Gut,« sagte Anton, »das gefällt mir. Aber wissen Sie was: da auch ich den Collegen eine Aufmerksamkeit schuldig bin, so wollen wir beide zusammen das Fest in Ihrer Stube geben.«

»Das ist ausgezeichnet von Ihnen, Wohlfart,« rief Specht glücklich.

»Und wir wollen nicht warten,« fuhr Anton fort, »bis die Kürbisse groß geworden sind, sondern wollen uns unterdeß durch anderes Grün helfen.«

»Gut,« sagte Specht, »vielleicht durch Tannenbäume.«

»Ich werde dafür sorgen,« fuhr Anton fort, »und endlich wollen wir Pix nicht ausschließen, sondern gerade dazu laden. Das ist eine viel feinere Rache, die Ihres guten Herzens am würdigsten ist.«

»Meinen Sie?« frug Specht zweifelhaft.

»Gewiß,« sagte Anton. »Ich schlage nächsten Sonnabend vor, die Einladung machen wir gemeinschaftlich.«

»Schriftlich,« rief Specht vergnügt, »auf rosa Papier.«

»Das ist recht,« sagte Anton. Darauf beriethen die Beiden in der Laube die nähere Einrichtung des Festes.

Die Collegen waren nicht wenig verwundert, als sie einige Tage darauf durch bunte Billete, die Herr Specht geheimnißvoll vor Anfang der Comtoirstunden auf den Platz eines Jeden gelegt hatte, zur Kürbisblüthe in Herrn Specht's Stube eingeladen wurden. Da Antons geachteter Name mit unterzeichnet war, so blieb ihnen nichts übrig, als die Einladung anzunehmen. Unterdeß zog Anton das Fräulein in das Geheimniß und erbat von ihr aus dem Garten einige vorhandene Epheustöcke und was sonst von Blumen gerade entbehrlich war, Specht aber arbeitete die ganze Woche bei verschlossenen Thüren in seiner Stube und am Tage des Festes bezog er mit Hülfe des Bedienten den leeren Bindfaden mit grünen Ranken, stellte einige blühende Sträucher in Gruppen, ließ sich eine Anzahl bunter Glaslampen holen und befestigte an den Ranken trichterförmige Erfindungen aus gelbem und weißem Papier, welche mit Kürbisblüthen ganz besondere Aehnlichkeit hatten.

Durch diese Vorrichtung erhielt das Zimmer das Aussehen, welches Herr Specht in seinen Träumen schon lange geahnt hatte. Am Abend des Festes waren die Collegen höchlich überrascht. Als Letzter trat Herr Pix herein, und auch er vermochte ein erstauntes »Donnerwetter!« nicht zu unterdrücken, als er die unglückliche Laube wirklich umrankt und mit gelben Blüthen bedeckt sah, welche in dem farbigen Lampenlicht schimmerten und von ihrem Draht freundlich herunternickten. Die großen Thongefäße waren durch Sträucher verdeckt, in der Mitte der Laube hing eine rothe Lampe wie ein Glühwurm herab, und auf dem Gartentisch stand ein riesig großer Kürbis. Anton nöthigte das Quartett in die Laube und besetzte mit den Uebrigen alle noch leeren Theile der Stube, auch das Bett war mit Polstern überdeckt und mußte als zweites Sopha dienen.

Als sich Alle gelagert hatten, trat Specht an den großen Kürbis und rief feierlich: »Sie haben mich lange mit dem Kürbis geneckt, hier ist meine Rache. Hier ist der Kürbis.« Er ergriff den kurzen Stiel und hob den obern Theil ab. Der Kürbis war hohl, eine Bowle stand darin.

Die Collegen lachten und riefen »Bravo!« und Specht schenkte die Gläser voll.

Dennoch war im Anfange eine gewisse Spannung zwischen Herrn Specht und den übrigen Herren nicht abzuleugnen. Zwar das verrufene Wort »Kürbis« wurde nicht gehört, aber seine Vorschläge fanden selten bereitwillige Aufnahme. Als Anton ein Bündel türkischer Pfeifen, die er in der Fremde für die Collegen gekauft hatte, herbeitrug und unter die Anwesenden vertheilte, da machte Specht den Vorschlag, daß Alle sich als Türken mit gekreuzten Beinen auf das Bett oder den Fußboden setzen sollten. Und dieser Vorschlag fiel durch. Auch als er die Behauptung aufstellte, daß die tscherkessischen Mädchen, welche bisher von ihren Eltern in die türkischen Familien verkauft worden, bei größerer Ausdehnung unserer Handelsverbindungen mit dem Orient bis zu uns kommen würden, um die Rolle der Kellnerinnen in den bairischen Bierkellern zu übernehmen, da konnte selbst diese Behauptung sich keine Anerkennung erringen. Aber nach und nach wirkte der milde Inhalt des Kürbis auf die strengen Seelen der Collegen.

Zuerst wurde der Zwiespalt unter den musikalischen Naturen des Hauses ausgeglichen. Anton brachte die Gesundheit des Quartetts aus. Das Quartett dankte mit einiger Befangenheit, da es sich gerade vor vier Wochen in Mißklängen aufgelöst hatte. Es ergab sich aus düstern Andeutungen der Bässe, daß Specht eine ungehörige Forderung an sie gestellt hatte. Herr Specht hatte sie benutzen wollen, um einer Roßbändigerin des Circus, der entzückenden Tillebi, ein Ständchen zu bringen. Die Bässe hatten sich geweigert, bei solchem nächtlichen Werk thätig zu werden, und Specht war auf diese Weigerung in heftigen Zorn gerathen und hatte geschworen, keinen Ton mit den Andern zu singen, so lange sie der Unvergleichlichen aus abgeschmackten Bedenken ihre Huldigung verweigerten. »Hätte er das Ständchen noch am Abend bringen wollen,« sprach Balbus, »so wären wir vielleicht um des lieben Friedens willen mit gegangen, aber er behauptete, es müßte um vier Uhr früh geschehen, weil das die Stunde sei, wo die Kunstreiter aufstünden, um ihre Pferde zu füttern. Das war uns doch zu arg. Unterdeß ist das Frauenzimmer mit einem Bajazzo durchgegangen.«

»Das ist nicht wahr,« rief Specht; »der Bajazzo hat sie gewaltsam entführt.«

»Jedenfalls hat er uns dadurch einen Dienst erwiesen,« sagte Anton, »denn er hat den Herren die Erfüllung Ihres kräftigen Schwurs unmöglich gemacht. Und so sehe ich keinen Grund, weßhalb Sie als Künstler und treue Collegen noch länger der Ausübung Ihrer musikalischen Virtuosität entsagen sollen. Wie ich höre, waren Sie, liebster Specht, ein wenig heftig, machen Sie den Herren darüber Ihre Entschuldigung, wie sie einem Mann von Ehre wohl ansteht, alsdann schlage ich den Herren vor, das Quartett auf der Stelle neu zu begründen.«

Da erhob sich Specht und sprach: »Nach dem Rath meines Freundes Wohlfart mache ich Ihnen meine Entschuldigung, bin übrigens bereit, Ihnen in jeder Art Rede zu stehen.« Worauf er sein Glas austrank und den Bässen heftig die Hand schüttelte.

Darauf wurden die Notenbücher gebracht und mit Behagen ließen alle Vier in der Kürbislaube ihre Stimme erschallen.

Noch blieb die Versöhnung mit Pix als das schwerste Werk. Specht sah seinen Gegner den ganzen Abend mißtrauisch an.

Pix saß gefühllos auf dem Bett und streichelte den Pluto, welcher mit ihm zur Abendgesellschaft gekommen war.

Specht goß Pix das Glas voll und stellte es auf den Bettpfosten. Pix trank es schweigend aus. Specht füllte das Glas von neuem und begann in weltmännischem Ton: »Nun Pix, wie finden Sie den Kürbis?«

»Es ist eine verrückte Idee,« sagte Pix.

Gekränkt wandte sich Specht ab und sah wieder unruhig auf seinen Gegner. Nach einer Weile streckte er die Füße mit scheinbarem Behagen aus, verbarg seine Hände in den Hosentaschen, und sprach über die Schulter: »Sie werden mir zugeben, Pix, daß man über manche Dinge verschiedene Ansicht haben kann und deßhalb doch nicht feindlich zu sein braucht.«

»Das gebe ich zu,« sagte Pix.

»Warum also,« fuhr Specht heftig fort und sprang auf, »warum sind Sie mein Feind? warum denken Sie gering von mir? Es ist hart, mit seinen Collegen in Feindschaft leben. Ich will Ihnen nicht verschweigen, daß ich Sie achte und daß mir Ihr Benehmen unangenehm ist. Sie haben mir Genugthuung verweigert und sind doch noch böse auf mich.«

»Erhitzen Sie sich nicht,« sagte Pix, »ich habe Ihnen keine Genugthuung verweigert und ich bin gar nicht böse auf Sie.«