Soll und Haben, Bd. 1 (2) Roman in sechs Büchern

Part 39

Chapter 393,649 wordsPublic domain

Der Freiherr ging mit großen Schritten auf und ab. Was der ehrerbietige Mann ihm vorgeschlagen hatte, wühlte sein Inneres auf. Ja, es war Rettung für ihn aus dieser und aus kommenden Verlegenheiten, aber er konnte darauf nicht eingehen, das verstand sich von selbst. Er war lächerlich, der ihm den Antrag machte, und man konnte ihm nicht einmal zürnen, er verstand's nicht anders. Aber der Freiherr hatte sein Wort verpfändet, er durfte an die Sache gar nicht mehr denken.

Und doch, wie gering war für ihn die Gefahr. Die Documente blieben ruhig in Ehrenthals Hand, bis der Freiherr seine polnischen Gelder erhielt, dann zahlte er die Summe baar an Ehrenthal und löste seine Documente ein. Kein Mensch durfte etwas von dem Geschäft erfahren, und wenn es zum Schlimmsten kam, so ließ er eine neue Hypothek für Ehrenthal auf sein Gut ausfertigen, er bewilligte ihm noch eine Entschädigung, und der Geldmann gab sich zufrieden. Immer wies er den Gedanken von sich ab, und unaufhörlich kam er zurück. Es schlug eins, es schlug zwei Uhr; er klingelte dem Bedienten und befahl, anzuspannen, und frug gelegentlich, ob der fremde Mensch noch im Hause sei. Der Kutscher fuhr vor, der Fremde stand unten an der Treppe. Der Freiherr stieg die Stufen hinab, ohne ihn anzusehen, und setzte sich in den Wagen. Als der Diener mit abgezogenem Hut neben ihm stand und frug, wohin der Kutscher fahren solle, da erst fiel ihm ein, daß er es selbst nicht wußte. »Zu Ehrenthal!« sagte er endlich.

Ehrenthal hatte unterdeß einen unruhigen Vormittag verlebt. Der freche Eingriff, den ein Dritter in seine Rechte gewagt, flößte ihm den Argwohn ein, daß außer ihm noch eine andere unbekannte Macht gegen den Baron speculire. Er schickte zu Pinkus, überschüttete diesen mit Vorwürfen und suchte auf jede Weise zu erfahren, woher das Capital gekommen sei. Pinkus aber war auf's Beste geschult, er zeigte eine eherne Stirn und war grob. Darauf schickte Ehrenthal nach Itzig. Itzig war nirgend zu finden.

So war er in unholder Laune, als der Freiherr wieder bei ihm vorfuhr, er wußte am besten, daß diese neue Schuld nicht nöthig war, um den Edelmann im ruhigen Lauf der Jahre aus dem Besitz seines Gutes zu bringen, und zürnte ihm deshalb als einem Thoren, der sich eine so unnöthige Verlegenheit bereitete. Und er sagte ihm mit dürren Worten, daß der Tag gekommen sei, wo die Geldzahlungen aufhören müßten. Es gab wieder eine heftige Scene, der Freiherr ging erbittert aus dem Comtoir, setzte sich in seinen Wagen und beschloß, noch einen letzten Versuch bei einem früheren Kameraden zu machen, der als reicher Mann bekannt war.

Es war vier Uhr vorbei, als er hoffnungslos in seinem Quartiere ankam. An der Treppe lehnte eine hagere Gestalt, welche dem Vorübereilenden eine tiefe Verbeugung machte und ruhig stehen blieb. Die Kraft des Freiherrn war erschöpft. Er setzte sich in die Sophaecke, wie am Tage zuvor, und starrte vor sich hin. Es gab keine Rettung, das wußte er jetzt genau, keine andere als die, welche dort unten im Schatten des Pfeilers auf ihn lauerte. In einer wüsten Abspannung erwartete er, was kommen würde. Unthätig, ohne sein Haupt von der Lehne zu erheben, hörte er die Viertelstunden von vier zu fünf schlagen. Wieder schlug es in seinem Haupt, wie mit einem Hammer, jeder Schlag brachte ihn dem Augenblick näher, wo sein Schicksal zu ihm hereintrat. Der letzte Schlag der fünften Stunde war verhallt, der Klingelzug im Vorzimmer zitterte, der Freiherr erhob sich von seinem Sitz. Itzig öffnete die Thür und hielt zwei Papiere in der Hand.

»Ich kann nicht zahlen,« rief ihm der Freiherr mit heiserer Stimme entgegen.

Itzig verneigte sich wieder und bot ihm das andere Papier: »Hier ist der Entwurf zu einem Vertrage.«

Der Freiherr ergriff seinen Hut und sagte, ohne den Fremden anzusehen: »Kommen Sie zu einem Notar!«

* * * * *

Es war Abend, als der Freiherr zu dem Schloß seiner Väter zurückkehrte. Das bleiche Mondlicht glänzte auf den Thürmchen und den Vorsprüngen des Baues, schwarz wie Pech war der See, schwarz die Strebepfeiler, welche den Grund des Hauses zusammenhielten. Und farblos wie der Park und das Haus war das Gesicht des Mannes, der sich in dem Wagen zurücklehnte und die Lippen zusammenpreßte, als Einer, der nach einem langen Kampfe zur Entscheidung gekommen ist. Er sah gleichgültig auf das Wasser, auf die Mauern seines Hauses und auf das kalte Mondlicht am Dach, und doch war ihm lieb, daß die Sonne nicht schien, und daß er das Haus seiner Väter nicht im goldenen Licht des Tages anzusehen hatte. Er mühte sich, in die Zukunft zu denken, die ihm jetzt sicherer war, er überlegte alle Vortheile, die er von seiner Fabrik haben mußte, er dachte hinein bis in die Zeit, wo sein Sohn hier wohnen würde als ein befestigter reicher Mann, ohne die Sorgen, die den Vater in die Gemeinschaft mit niedrigen Geldleuten geführt und sein Haar gebleicht hatten. Er dachte an Alles, aber auch die liebsten seiner Gedanken waren ihm gleichgültig geworden, und er mußte sich zwingen, sie festzuhalten. Er stieg ab und griff nach der gefüllten Brieftasche, bevor er seiner Gemahlin die Hand reichte und Lenore mit einem Kopfnicken grüßte, welches ihren ängstlichen Blick beruhigen sollte. Er sprach herzlich zu den Frauen, und es gelang ihm, Scherze über den unruhigen Tag zu machen; aber er fühlte, daß etwas zwischen ihn und seine Liebsten getreten war; auch sie erschienen ihm fremd. Wenn sie sich an ihn lehnten und seine Hand faßten, so zuckte er leise, als müsse er die Hand zurückziehen. Und wenn seine Frau ihn zärtlich ansah, da lag in ihrem Blick, auf den er immer auch im größten Leid als auf die letzte Hülfe hingesehen hatte, jetzt etwas, das er nicht ertragen konnte, und er schlug das Auge zu Boden. Er schritt zu der Fabrik, wo die Leute noch auf die Ankunft des Herrn warteten, und erblickte seinen Namenszug, der aus bunten Lampen zusammengesetzt über der Thür brannte, darüber die siebenzinkige Krone seines Geschlechts; und er wandte die Augen ab, der Glanz der Lampen stach ihn in die Seele.

Um ihn jubelte die Freude, die Arbeiter brachten ihm ein Hoch nach dem andern aus, die Dorfmusik spielte wieder lustige Tänze. Sie spielte auch denselben Marsch, unter dem er einst mit dem Regiment oft vor seinem alten General vorbeimarschirt war, der den jungen Offizier wie ein Vater geliebt hatte. Er dachte an das narbenvolle Gesicht des alten Kriegers und an seine Kameraden, er dachte auch an ein Ehrengericht, das die Offiziere des Regiments einst über einen Unglücklichen gehalten hatten, der sein Ehrenwort leichtsinnig gegeben und gebrochen. Er ging in sein Schlafzimmer, und ihm war wohl, als es um ihn finster wurde und er nichts mehr von Allem sah, nicht sein Schloß und seine Fabrik, nicht den prüfenden Blick seiner Frau. Und wieder hörte er auf dem Lager eine Stunde nach der andern schlagen, und bei jedem Schlage mußte er denken: »Es giebt jetzt einen andern Mann vom Regiment, der mit grauem Haar dasselbe gethan hat, was damals einen Jüngling dazu brachte, sich eine Kugel in den Kopf zu schießen. Hier liegt der Mann und kann nicht schlafen, weil er sein Ehrenwort gebrochen hat.«

~V.~

Die Frühlingsstürme fuhren über das Flachland, als Anton in das Geschäft zurückgerufen wurde. Der Winter war ihm eine Zeit harter Arbeit, großer Beschwerde gewesen. Aus der fremden Stadt war er mehr als einmal in Kälte und Schnee durch verwüstete Landschaften gereist, weit hinein in den Osten und Süden bis an die Berge Siebenbürgens und in die Weideländer der Magyaren. Er hatte viel Trauriges gesehen, niedergebrannte Edelhöfe, zerstörten Wohlstand, unsichere Menschen, Hunger, Rohheit und brennenden Haß der Parteien.

»Um welche Stunde kommt er?« frug Sabine den Bruder.

»In wenig Stunden, mit dem nächsten Bahnzug.«

Sabine sprang auf und ergriff ihr Schlüsselbund. »Und noch sind die Mädchen nicht fertig, ich muß selbst zum Rechten sehen. Heut Abend soll er bei uns essen, Traugott; auch wir Frauen wollen etwas von ihm haben.«

Der Bruder lachte. »Verzieht ihn nur nicht.«

»Dafür ist gesorgt,« sagte die Tante. »Wenn er einmal wieder im Comtoir sitzt, dann steckt er wie in einer Schublade, man kann ihn, außer Mittags, lange suchen.«

Unterdeß suchte Sabine unter ihren Schätzen, belud den Arm des Bedienten mit allerlei Packeten und sah ungeduldig in den Hof hinab, ob die Herren noch nicht aus dem Hinterhause in das Comtoir gehen wollten. Endlich huschte sie selbst in Antons Stube. Sie warf noch einen prüfenden Blick auf das Sophakissen, das sie für den Abwesenden gestickt hatte, und ordnete in einer Alabasterschaale alle Blumen, welche der Gärtner aufgetrieben hatte. Als sie so über der Schaale stand, fielen ihre Blicke auf die Wände des Zimmers, wo noch die Zeichnung hing, welche Anton in den ersten Wochen nach seinem Eintritt gemacht, und auf den kostbaren Teppich, den noch Fink über den Fußboden gezogen hatte. Zum ersten Mal seit langer Zeit war sie in diesem Raum, den ihr Fuß gemieden hatte, so lange der Andere ein Bewohner des Hauses war. Wo lebte er jetzt? Ihr war heut, als sei sie seit vielen vielen Jahren von ihm getrennt, und die Erinnerung an ihn kam ihr wie das bange Gefühl nach einem schweren Traume. Dem ehrlichen Mann, der jetzt hier wohnte, konnte sie offen sagen, wie werth er ihr geworden war, und freudig durfte sie der Stunde entgegensehen, wo sie ihm danken wollte für Alles, was er ihrem Bruder gethan.

»Aber Sabine!« rief die Tante erschrocken an der Thür. Auch die Tante hatte es leise in das Zimmer ihres Tischnachbars gezogen.

»Was hast du?« rief Sabine aufsehend.

»Aber es sind ja die gestickten Vorhänge, die du aufgezogen hast. Die gehören doch nicht in's Hinterhaus, in diese Herrenwirthschaft!«

»Laß sie hängen,« sagte Sabine lächelnd.

»Und die Ueberzüge, und diese Handtücher, das ist unerhört, es sind ja deine besten Stücke. Mein Gott! Die Ueberzüge mit Spitzen und auch das rosa Futter dazu.«

»Laß dir's gefallen, Tante,« rief Sabine erröthend. »Der heut zurückkommt, hat es wohl verdient, daß er das Beste aus den alten Schränken erhält.«

Aber die Tante fuhr fort, den Kopf zu schütteln. »Wenn ich's nicht selbst sähe, ich hätte es Keinem geglaubt. So etwas für den täglichen Gebrauch zu geben! Ich verstehe dich nicht mehr, Sabine. -- Man wird ihn nach und nach um einige Nummern herabsetzen müssen; er merkt's nicht, das ist mein einziger Trost. Nein, daß ich das erleben mußte!« Sie schlug die Hände zusammen und verließ aufgeregt das Zimmer.

Sabine ergriff wieder die Schlüssel und eilte ihr nach. »Sie macht gegen Traugott unnütze Worte,« sagte sie sich leise im Gehen, »ich muß ihr beweisen, daß es nicht anders einzurichten war.«

Unterdeß war auch dem Reisenden zu Muthe wie einem Sohn, der nach langer Abwesenheit in das Vaterhaus zurückkehrt. Auf den letzten Stationen vor der Hauptstadt pochte sein Herz in freudigen Schlägen; das alte Haus und die Collegen, das Geschäft und sein Pult, der Chef und Sabine, alle fuhren in lachenden Bildern vor seinem Auge vorüber. Endlich hielt die Droschke vor der geöffneten Hausthür. Da standen die Frachtwagen, die Tonnen, der Leiterbaum. Da rief Vater Sturm mit einer Stimme, welche hell über die breite Straße klang, seinen Namen, riß den Wagenschlag auf und hob ihn heraus, wie ein Mann sein Kind aus dem Wagen hebt. Da eilte Herr Pix bis auf die Straße, schüttelte ihm lange die Hand und bemerkte in seiner Freude nicht, daß unterdeß sein schwarzer Pinsel diese Bewegungen benutzte, um auf Antons Pelz allerlei Striche und Punkte zu malen. Dann kam Anton bei der großen Waage vorbei und schüttelte mit der Hand vergnügt an den Ketten. Dann trat er in das vordere Comtoir, wo bereits die Lampen brannten, und rief herzhaft seinen Guten Abend! hinein. Mit lautem Ruf erhoben sich die Collegen wie ein Mann und drängten sich um ihn. Herr Schröter eilte aus der Hinterstube herzu, und als er sein »Willkommen!« rief und die Hand entgegenhielt, fuhr ein heller Strahl von Freude über sein ernstes Gesicht. Das waren glückliche Augenblicke, und Anton wurde weicher, als sich für einen gereisten Mann schickt. Und als er nach den ersten Fragen und Antworten aus dem Comtoir nach seinem Zimmer ging, da sprang im Hofe Pluto mit Ungestüm auf ihn zu und wedelte unmäßig mit dem zottigen Schwanze, und Anton hatte Mühe, sich seiner Liebkosungen zu erwehren. Vor seinem Zimmer kam ihm der Diener mit vergnügtem Lächeln entgegen und riß respectvoll die Thüre auf. Ueberrascht sah sich Anton um, der Raum war festlich geschmückt, im Kamin vor dem Ofen brannte ein behagliches Feuer, eine grüne Guirlande hing über der Thür, auf dem Sopha lag ein neues gesticktes Kissen, auf dem Tische stand ein zierliches Theeservice und daneben eine Alabasterschaale mit Blumen. »Das Fräulein hat selbst Alles aufgestellt,« vertraute ihm Franz. Anton beugte sich über die Schaale und betrachtete die einzelnen Blumen auf's Genaueste. Sie waren im Allgemeinen anderen Naturerzeugnissen ihrer Art nicht unähnlich, aber Anton starrte in sie hinein, als hätte er noch nie etwas Aehnliches gesehen. Darauf nahm er das Kissen, befühlte und streichelte die Stickerei und stellte sie voll Bewunderung wieder an ihre Stelle. Zuletzt nahm er auch die Katze in die Hand, klopfte sie auf den Rücken und setzte sie vorsichtig gleich einem lebenden Geschöpf wieder auf den Schreibtisch; und die Katze war nicht unempfänglich für solche Freundlichkeit, denn in dem rothen Scheine des Kaminfeuers glänzte sie hell und lebendig, und es klang durch das Zimmer wie ein leises Schnurren.

Wieder eilte Anton in das Comtoir, dem Chef über seine letzte Thätigkeit Bericht zu erstatten. Der Kaufmann nahm ihn in sein kleines Zimmer und besprach mit ihm die Ereignisse der vergangenen Zeit in so herzlicher Weise, wie man mit einem Freund über wichtige Angelegenheiten verhandelt. Es war doch eine ernste Unterredung. Vieles war verloren und nicht Weniges noch gefährdet. Erst in der Ferne war Anton mit dem ganzen Umfange der Gefahr bekannt worden, welche das Geschäft bedroht hatte. Und er erkannte, daß die Thätigkeit vieler Jahre nöthig sei, um die Verluste wieder auszugleichen und an Stelle der abgerissenen Fäden neue anzuknüpfen. Mit kurzen Worten sagte ihm der Kaufmann dasselbe. »Ihrer Umsicht und Energie verdanke ich viel,« schloß er, »ich hoffe, Sie werden mir helfen, das verlorene Terrain in anderer Weise wieder zu gewinnen; das Unvermeidliche werden wir tragen.« Und als Anton hinausging, rief er ihm lächelnd nach: »Es ist noch Jemand, der Ihnen zu danken wünscht; ich bitte Sie, heut Abend mein Gast zu sein.«

So trat Anton an sein Pult, öffnete das lang verschlossene und legte sich Papier und Feder zurecht. Aber aus dem Schreiben wurde heut nicht viel. Jordan weigerte sich, ihm Briefe zu geben, und in beiden Arbeitsstuben hörte die unruhige Bewegung nicht auf. Einer nach dem Andern verließ seinen Platz und kam zu Antons Stuhl. Herr Baumann klopfte dem Stubennachbar mehrmals leise auf den Rücken und ging dann immer wieder vergnügt auf seinen Platz zurück, und Herr Specht hockte in großer Aufregung an dem Geländer neben Antons Sitz, und seine Fragen und verwunderten Ausrufe schossen wie ein Bach auf Anton nieder. Herr Liebold legte das Löschblatt mehrere Minuten vor der Schlußstunde in das Hauptbuch und zog sich nach dem vordern Comtoir. Sogar Herr Purzel trat, die heilige Kreide in der Hand, aus seinem Verschlage; zuletzt kam auch Herr Pix in das Zimmer, um Anton im Vertrauen zu erzählen, daß er schon seit einigen Monaten keine Solopartie gespielt, und daß Specht unterdeß in einen Zustand gekommen sei, der mit Verrücktheit eine unverkennbare Aehnlichkeit habe.

Am Abend betrat Anton den obern Stock des Vorderhauses. Die Portière rauschte zurück, Sabine stand vor ihm. Ihr Mund lachte, aber ihre Augen glänzten feucht, als sie sich auf die Hand herabbeugte, welche die Todesgefahr vom Haupt des Bruders abgewandt hatte.

»Fräulein!« rief Anton erschrocken und zog die Hand zurück.

»Ich danke Ihnen, o ich danke Ihnen, Wohlfart!« rief Sabine und hielt ihn mit beiden Händen fest. So blickte sie ihn schweigend an, verklärt durch eine Rührung, welche sie nicht bewältigen konnte. Als Anton das Mädchen betrachtete, welches mit gerötheten Wangen, so bewegt und dankbar zu ihm aufsah, da erkannte er, daß seit jenem Streich des slavischen Säbels auch seine Stellung zur Familie und zu ihr geändert war. Die Schranke war gefallen, welche bis dahin den Arbeiter des Comtoirs von dem Fräulein getrennt hatte. Und mit einer stolzen Freude, welche ihm das Herz schwellte, empfand er auch, daß er selbst in dieser Zeit ein Mann geworden war, wohl werth, daß ein Weib seiner Kraft und Ruhe vertraute.

Er erzählte ihr noch einmal, was sie durch viele Fragen aus seinem Mund zu vernehmen suchte, den Kampf um die Wagen, die Schrecken der wilden Zeit. Andächtig lauschte Sabine seinem Wort. Auch er war ihr ein Anderer, seine Züge waren bestimmter, seine Haltung sicherer, seine Rede fest. Ihr Auge suchte den klaren Glanz des seinen, und wenn ein voller Blick freudig auf sie fiel, schlug sie das ihre unwillkürlich nieder. Nie war ihr aufgefallen, wie hübsch und stattlich er war. Heut sah sie auch das. Ein offenes männliches Antlitz, darüber das kastanienbraune lockige Haar, zwei prächtige Augen von dunklem Blau, ein kräftiger Mund und auf den Wangen ein feines Roth, das in der wachsenden Empfindung sich veränderte, wie das Sonnenlicht auf der lachenden Flur. Er war ihr neu geworden und doch wie ein lieber vertrauter Freund.

Die Tante kam herein, die gestickten Vorhänge hatten in ihrer Seele eine Erschütterung hervorgerufen, welche noch anhielt und jetzt durch ein Seidenkleid und eine neue Haube an das Licht trat. Ihre Begrüßung war laut und wortreich und ihre Bemerkung, daß der neue Backenbart Herrn Wohlfart sehr gut stehe, wurde durch ein stilles Kopfnicken der Nichte bestätigt.

»Da habt Ihr den Helden des Comtoirs,« rief der Kaufmann. »Jetzt zeigt, daß Ihr Ritterdienste besser zu lohnen wißt, als durch schöne Worte. Tragt ihm auf, was Küche und Keller hergeben. Kommen Sie, mein treuer Gefährte. Der Rheinwein erwartet, daß Sie nach manchem schweren Polentrunk auch ihm eine Ehre erweisen.«

In dem ruhigen Licht der Lampe strahlte das Zimmer vor Behagen, als die Vier sich zu Tische setzten. Der Kaufmann hielt Anton das Glas über den Tisch: »Willkommen in der Heimath!« »Willkommen im Hause!« rief Sabine. Da sagte er leise: »Ich habe eine Heimath, ich habe ein Haus, in dem ich mich wohl fühle. Durch Ihre Güte habe ich Beides gewonnen. Viele Abende, wenn ich dort draußen in einer schlechten Herberge saß, unter wildfremden Leuten, deren Sprache ich nur unvollkommen verstand, da habe ich an diesen Tisch gedacht, und welche Freude es für mich sein würde, wieder Ihr Angesicht und diese Räume zu sehen. Denn das Bitterste auf Erden ist doch, sich in den Stunden der Ruhe allein zu fühlen, ohne einen guten Freund, ohne eine Stätte, an welcher das Herz hängt.«

Und als er spät am Abend aufbrach, sagte der Kaufmann beim Nachtgruß: »Wohlfart, ich wünsche Sie noch fester an dies Haus zu fesseln. Jordan verläßt uns mit dem nächsten Vierteljahr, um als Associé in die Handlung seines Oheims zu treten. Ich habe Sie für seine Stelle bestimmt. Ich weiß, daß ich keinen bessern Mann zu meinem Stellvertreter machen kann.«

Als Anton in sein Zimmer zurückkehrte, da fühlte er, was der Mensch nur in wenigen Stunden des Lebens ungestraft fühlen darf, daß er glücklich war, ohne Reue, ohne Wunsch. Er setzte sich auf das Sopha, sah auf das Kissen und die Blumen, und seine Gedanken flogen zurück über die letzten Stunden. Immer wieder sah er Sabine vor sich, wie sie sich auf seine Hand niederbeugte und ihm dankte. Lange saß er so in holdem Traume und legte sein müdes Haupt auf die seidenen Arabesken, welche Sabinens Hand gestickt hatte.

Da fiel sein Auge auf den Tisch, ein Brief lag auf der Decke, das Postzeichen war von Newyork, die Adresse von Finks Hand.

Fink hatte ihm in den ersten Jahren der Trennung einige Mal geschrieben, fast immer nur wenige Zeilen, nie etwas von seinen Geschäften, noch weniger von den Plänen, welche er im Hinterhause für seine Zukunft gemacht hatte. Dann war eine lange Zeit verstrichen, in welcher Anton ohne jede Nachricht vom Freunde geblieben war, er wußte nur, daß Fink viele Zeit auf Reisen im Westen der Union zubrachte, wo er als Bevollmächtigter des Handelshauses, an dessen Spitze sein Oheim gestanden, und im Interesse verschiedener Compagnien, an welchen der Verstorbene Theil hatte, thätig war. Aber mit Bestürzung las Anton heut Folgendes:

»Es muß endlich doch heraus, was ich dir armen Jungen gern verschwiegen hätte. Ich bin unter die Räuber und Mörder gegangen. Wenn du einen harten Kehlabschneider brauchst, wende dich nur an mich. Ich lobe mir einen Burschen, der aus freier Wahl ein Schuft wird; er hat wenigstens das Vergnügen, mit dem Teufel einen klugen Vertrag zu machen, und kann die Classe von Niederträchtigkeiten aussuchen, in der er sich behaglich fühlt. Mein Loos ist weniger angenehm. Ich werde durch den Zwang der Schelmereien, welche Andere ausgedacht haben, auf einem Wege fortgetrieben, welcher eine haarsträubende Aehnlichkeit mit der Chaussee hat, die sich Lawinen auf ihrem Sprunge nach der Tiefe bereiten. Wie das Felsstück in der Schneemasse, so stecke ich, von allen Seiten eingeengt, in der eisigen Kälte der furchtbarsten Speculationen, welche je großartiger Wuchersinn ausgedacht hat. Der Verstorbene hat die Güte gehabt, gerade mich zum Erben seiner Lieblingsprojecte, der Speculationen mit Land, zu machen. Lange vermied ich, mich selbst in die Einzelheiten dieses Geschäfts zu verlieren. Ich ließ ein Jahr lang Westlock diesen Theil der Erbschaft bearbeiten. Wenn das feig war, so fand ich eine Entschuldigung in der Masse von Arbeiten, welche mir die Börsengeschäfte des todten Herrn machten. Endlich wurde die Uebernahme auch dieser Thätigkeit unvermeidlich, und wenn ich schon vorher sehr bestimmte Ahnungen über die weite Ausdehnung des Luftsacks bekommen hatte, den der Todte statt eines Gewissens mit sich herum trug, so ist mir jetzt ganz unzweifelhaft geworden, daß die Absicht seines Testamentes war, sich für die kindischen Bosheiten, die ich gegen ihn geübt, dadurch zu rächen, daß er mich zum Spießgesellen von alten verwitterten Schurken machte, deren Schlauheit so groß ist, daß Satan selbst den Schwanz in die Tasche stecken und ihnen entlaufen würde.