Soll und Haben, Bd. 1 (2) Roman in sechs Büchern
Part 23
Mit diesem Tage begann für Anton und Bernhard ein Verhältniß, welches für Beide Werth erhielt. Bei der Unterhaltung über das Schöne, welches die Kraft eines fremden Volkes geschaffen hatte, genossen sie die Freude, auch das Gute lieb zu gewinnen, das Jeder in dem Andern fand. Bernhards Sprachkenntnisse waren größer, und sein Gefühl für das Reizende in fremder Poesie bis zum Uebermaß fein, in Antons Seele war Alles geordnet und sicher. Wenn Bernhard für Byron kämpfte, so vertrat Anton die ruhige Klarheit Walter Scotts, und Beide waren glücklich, als ihre Begeisterung sich vor dem größten dramatischen Dichter vereinigte.
Anton schilderte die ungewöhnliche Bildung Bernhards dem gleichgültigen Fink. Er freute sich darauf, Beide mit einander bekannt zu machen, und als er einst Bernhard zu sich geladen hatte, bat er auch Fink, heraufzukommen.
»Wenn dir's Spaß macht, Tony,« sagte Fink achselzuckend, »so will ich kommen. Ich sage dir aber im Voraus, daß ich unter allen Creaturen Büchereulen am wenigsten leiden kann. Es giebt kein Volk, welches selbstgefälliger über alles Mögliche aburtheilt, und keines, das sich thörichter benimmt, wenn es selbst etwas thun soll. Und vollends ein Sohn des würdigen Ehrenthal! Nimm mir's nicht übel, wenn ich Euch bald entlaufe.«
Bernhard saß erwartungsvoll auf dem Sopha Antons und sah mit Befangenheit der Ankunft des berühmten Mannes entgegen, über welchen manche Sage sogar in seine stille Studirstube gedrungen war. Als Fink eintrat und die tiefe Verbeugung Bernhards mit einem leichten Kopfnicken beantwortete, sich einen Stuhl zum Tisch zog und den schwachen Thee, den Bernhard so erbeten hatte, durch allerlei Zuthaten trinkbar zu machen suchte, da empfand Anton mit Betrübniß, daß diese Beiden schwerlich zu einander passen würden. Kein größerer Gegensatz war möglich, als ihr Wesen. Die magere durchsichtige Hand Bernhards und der kräftige Fleischton in den Muskeln Finks, die gedrückte Haltung des Einen, die elastische Kraft des Andern, dort ein faltiges Gesicht mit träumerischen Augen, hier stolze Züge mit einem Blick, der dem eines Adlers glich: das paßte nimmermehr zusammen. Doch ging es besser, als Anton gedacht hatte. Bernhard hörte mit Achtung zu, was der Jokei erzählte, und da Anton eifrig bemüht war, das Gespräch auf ein Gebiet zu bringen, wo auch Bernhard Theil nehmen konnte, blieb die Unterhaltung in Fluß.
»Fink hat auch Indianer gesehen,« sagte Anton zu Bernhard.
»Haben Sie etwas von ihren Liedern gehört?« frug der Gelehrte.
»Ich habe sie einige Male gehört. Möglich, daß klügere Leute etwas Erbauliches in ihrem Gesange finden, mir ist er nie anders vorgekommen, als kläglich. Schlagen Sie auf ein altes Buch und singen Sie dazu durch die Nase mit allerlei Nebentönen: »Tum, tum, te -- ticke, ticke te, -- Och, och, tum, tum, te,« so haben Sie ihren Gesang, der auf Deutsch ungefähr bedeuten würde: »Guter Geist, gieb Büffel, Büffel, Büffel. Dicke Büffel gieb uns, guter Geist.« -- Seine Zuhörer lachten. -- »Und wozu sollen diese Geschöpfe kunstvolle Lieder machen? Entweder sind sie auf der Jagd, oder sie suchen Scalpe, oder sie essen und schlafen, oder sie halten Parlamentsreden, wozu sie allerdings große Neigung haben.«
»Aber die Frauen?« frug Bernhard lächelnd.
»Wie es bei den mit der Poesie steht, weiß ich nicht, mir rochen sie immer zu sehr nach Fett. Freilich, wenn man nichts Anderes hat, gewöhnt man sich auch daran. Doch ist mit den Männern noch besser zu verkehren. So ein nackter Bursch auf seinem halbwilden Pferde ist kein übler Anblick.«
»Die erste Begegnung muß doch sehr imponiren, ihre auffallende Tracht und ihr stolzes Wesen,« warf Bernhard ein.
»Das kann ich nicht sagen,« versetzte Fink. »Vor Jahren machte ich mit meinem Onkel eine Reise nach der Agentur einer Pelzwaaren-Compagnie, bei der er betheiligt war. Als wir aus dem Dampfer an's Ufer stiegen, fanden wir am Landungsplatz eine Gesellschaft der röthlichen Herren, welche stark betrunken war. Ein langer Schlingel schritt auf meinen Onkel zu und hielt ihm eine Rede, die, wie der Dolmetsch erklärte, die Versicherung enthielt, daß sie sämmtlich große Krieger wären, und nach jedem Satze bellte die Bande ein lautes Hau, hau, das in ihrer Sprache so viel als ja bedeutet. Es war ein Trupp Schwarzfüße.«
»Es waren Sioux,« verbesserte Bernhard bescheiden.
Fink legte den Theelöffel hin und sah Bernhard groß an. »Ich calculire, Herr, es waren Schwarzfüße.«
»Es waren doch wohl Sioux,« wiederholte Bernhard. »Bei den Schwarzfüßen lautet das Ja anders.«
»Wetter,« rief Fink, »wenn Sie mit den rothen Teufeln so bekannt sind, wozu lassen Sie mich hier meine Jagdgeschichten erzählen?«
»Ich habe mich nur ein wenig um ihre Sprache bekümmert,« erwiederte Bernhard, »es ist ein Zufall, daß ich vor Kurzem einige Wörterverzeichnisse verschiedener Stämme durchgesehen habe.«
»Und wozu haben Sie sich die unnütze Mühe gemacht? Es wird dort drüben schnell aufgeräumt; bevor Sie eine Sprache erlernen, ist der Stamm ausgerottet, der sie sprach.«
Jetzt wurde Bernhard beredt. Er sagte, daß die Kenntniß der Sprachen für die Wissenschaft die beste Hülfe sei, um das Höchste zu verstehen, was der Mensch überhaupt begreifen könne, die Seelen der Völker.
Die vom Geschäft hörten aufmerksam zu. Als Bernhard sich entfernt hatte, rief Fink noch immer verwundert: »Er geht mit unserm alten Herrgott um, wie mit einem Dutzbruder, und konnte vorhin rechts und links nicht unterscheiden.«
* * * * *
Die Folge dieses Abends war, daß Bernhard einige Tage später sogar auf den Polsterstuhl Finks zu sitzen kam und daß er selbst den Muth faßte, mit Anton auch Fink zu sich einzuladen. »Es ist keine Gesellschaft,« fügte er hinzu, »ich möchte nur Sie beide einmal auf meinem Zimmer sehen.«
Fink sagte zu.
Darüber entstand in der Familie Ehrenthal große Aufregung. Bernhard stäubte selbst seine Bücher ab und stellte die verkehrten zurecht, und es geschah das Unerhörte, daß er sich um die Wirthschaft kümmerte. »Es muß Thee sein, Abendessen, Wein, auch Cigarren.«
»Du sollst um nichts sorgen,« beruhigte ihn die Mutter; »wenn der Herr von Fink dein Gast ist, so soll er sehen, wie es in unserm Hause zugeht.«
»Die Cigarren werde ich dir kaufen,« rief der Vater, »wie sie rauchen die jungen Herren, etwas Feines, und ich werde dir auch besorgen den Wein. Laß Fasanen holen, Sidonie.«
»Wir wollen einen Lohndiener annehmen,« sagte die Mutter.
»So will ich's nicht,« widersprach Bernhard ängstlich, »die Herren kommen zu mir als gute Freunde, und so sollen sie aufgenommen werden, in meiner Stube und ohne fremden Diener.«
Und als die Stunde des Besuchs herankam, wie wurde da Bernhard eifrig, ja er wurde ärgerlich, nichts war ihm in Ordnung. »Wo ist der Theekessel? Noch steht kein Kessel in meiner Stube,« rief er der Mutter zu.
»Ich werde dir den Thee eingießen und hineinschicken, wie sich's bei Herrengesellschaft paßt,« sagte die Mutter, die im neuen Seidenkleide auf- und abrauschte.
»Nein,« entgegnete Bernhard eigensinnig, »ich selbst will den Thee machen, Wohlfart macht ihn, und Herr von Fink macht ihn.«
»Der Bernhard will selbst den Thee machen!« rief die Mutter verwundert Rosalien zu. »Ein Wunder, er will selbst den Thee machen!« rief Ehrenthal in seiner Schlafstube, in der er gerade unter den Stiefeln klapperte. »Er will Thee machen!« rief die Köchin in der Küche und schlug die Hände zusammen.
Und wieder kam Bernhard in die Wohnstube gerannt, eine geschliffene Flasche in der Hand. »Was ist das hier?« frug er im Eifer.
»Arak,« sagte die Mutter.
»Es muß Rum sein, Fink trinkt keinen Arak im Thee.«
»Ich werde selbst gehen, Rum holen,« rief Ehrenthal, ergriff seinen Hut und lief mit der Flasche zum Nachbar Goldstein, dem Weinhändler.
Auf dem Wege sagte Anton zu Fink: »Es ist hübsch von dir, Fritz, daß du mitkommst. Bernhard wird eine große Freude darüber haben.«
»Der Mensch muß Opfer bringen,« erwiederte Fink. »Ich habe mir die Freiheit genommen, im Voraus zu Abend zu essen, denn ich habe einen Abscheu vor Gänsefett. Aber das schönste Mädchen der Stadt ist schon eine Entsagung werth. Ich habe sie neulich wieder im Concert gesehen, ein prachtvoller Leib. Und welche Augen! Ihr Vater, der alte Wucherer, hat nie einen Edelstein unter seinen Händen gehabt, der so funkelt.«
»Wir sind zu Bernhard eingeladen,« versetzte Anton mit leisem Vorwurf.
»Jedenfalls wird doch die Schwester zu sehen sein,« sagte Fink; »wo nicht, so zwingen wir ihn, sie vorzuführen.«
»Ich hoffe, sie wird unsichtbar bleiben,« seufzte Anton.
Die Thür öffnete sich, das Entrée war durch zwei prachtvolle Lampen erleuchtet, Bernhards Stube war festlich geschmückt. Eine große Blumenvase stand auf dem Tisch, daneben buntes Porcellan, vergoldete Löffel auf seidener Tischdecke, und ein großes Bund Imperiales von riesigem Format, wahre Stangen, die man ohne Stütze zwischen den Lippen nicht erhalten konnte. Auf dem Boden war ein neuer Teppich ausgebreitet, es war Alles sehr anständig. Und wie liebenswürdig war Bernhard als Wirth. Er machte den Thee. Er bat in rührender Hülflosigkeit Fink um Rath, wie viel Thee er einschütten solle, er drehte den Hahn so künstlich herum, daß lange Zeit gar nichts aus der Oeffnung floß, und dann wieder die Fluth nicht zu bändigen war. Erröthend scherzte er über seine eigene Ungeschicklichkeit, und seine Augen leuchteten vor Freude, als Fink entschied, der Thee sei vortrefflich. Eifrig bot er die Cigarren, andächtig hörte er die Belehrung, die ihm Fink über das schickliche Maß hielt, in welchem diese Erfindung menschlichen Scharfsinnes geformt werden müsse. Und ganz glücklich wurde er, da Anton endlich bat, dem Freund seine Bücherschätze zu zeigen, und da Fink über das Aussehen der fremden Buchstaben humoristische Glossen machte. Als gute Leute saßen die Drei zusammen und plauderten eine Stunde in bester Eintracht. Fink war in der menschenfreundlichsten Stimmung, und Anton bat die Götter im Stillen, die schöne Schwester nur heut von ihrem Tisch fern zu halten.
Doch Punkt neun Uhr öffnete sich die Thür des Nebenzimmers, und Frau Sidonie überschritt majestätisch die Schwelle. »Bathseba tritt ein zu König David,« sagte Fink leise zu Anton; erzürnt drückte ihm Anton den Fuß. Bernhard stellte verlegen vor, die Frau vom Hause lud in das Nebenzimmer, Herr Ehrenthal und Rosalie präsentirten sich. Fink trat zu dem schönen Mädchen, nannte sie gnädiges Fräulein und erzählte ihr, daß er eine alte Bekanntschaft erneuere, da er sie bereits in der Akademie gesehen habe. Er setzte sich zwischen Mutter und Tochter zu Tisch, er sagte ihnen im gleichgültigsten Ton so viele Artigkeiten, daß Beide bezaubert wurden. Er rühmte gegen die Mutter die entfernte Residenz, gegen welche diese Stadt ein kleinlicher Haufe von Ziegelsteinen sei, er ließ sich mit Rosalien in eine lebhafte Unterhaltung über Musik ein, für die er sonst wenig Herz hatte, er versprach ihr beim nächsten Wettrennen einen guten Platz auf der Tribüne, er erzählte kleine Geschichten aus der besten Gesellschaft, in denen er mit Humor die Schwächen derselben karrikirte. Er entzückte dadurch die Frauen, die mit Eifersucht auf die Kreise hinsahen, die sich gegen Leute von Bildung so sehr abschlossen, er erfreute dadurch auch Bernhard, der auf diese Berichte lauschte, wie auf die Kunde aus fremder Welt. Es war von einer Fürstin die Rede, welche für eine berühmte Schönheit galt, Fink war ihr irgend einmal vorgestellt worden und fand, daß sie dem Fräulein vor ihm zum Verwechseln ähnlich sah, etwas kleiner war die Fürstin, die Gestalt weniger edel; er bewunderte dreist eine Mosaikbroche an der Brust von Frau Sidonie und verglich sie mit einem kostbaren Kunstwerk in einem Museum. Nur Vater Ehrenthal war für ihn nicht vorhanden. Nach den ersten Begrüßungen mit Anton machte der Händler einige vergebliche Versuche, mit Fink eine Unterhaltung anzuknüpfen. Aber Fink sprach über ihn weg, als ob ein Stück Luft auf dem Stuhle des Hausherrn sitze. Und doch war er nicht unartig, Jedem war, als müßte es so sein. Ehrenthal selbst fand sich mit Demuth in die bescheidene Rolle, zu der er verurtheilt war, und rächte sich dadurch, daß er einen ganzen Fasan verzehrte.
Als Fink merkte, daß es ein wenig unbequem war, die Frauen zu lebhafter Theilnahme an der Unterhaltung heranzuziehen, fing er an, in seiner Weise mit Worten zu phantasiren.
Die Mutter klagte gegen ihn über Bernhards Stubensitzen.
»Er ist ein Aristokrat,« antwortete Fink gutmüthig. »Der zehnte Mensch ist ihm nicht recht. Die Herren Gelehrten haben alle diese Eigenthümlichkeit. Wenn ich meinem Schöpfer für etwas dankbar bin, so ist es dafür, daß er mich zu einem einfachen bescheidenen Mann gemacht hat, dessen Kopf nicht stark genug ist, große Weisheit zu vertragen. Uns gewöhnlichen Menschen wird es am leichtesten, mit dieser Welt fertig zu werden, wir sind genöthigt, uns in Andere zu schicken. Wer aber berechtigt ist, große Ansprüche zu machen wegen seines Wissens oder wegen seiner Schönheit« -- hier neigte er sich mit überzeugender Ehrlichkeit gegen die Tochter vom Hause -- »der findet leicht die Welt nicht so, wie er sie fordert, während ich und meines Gleichen die Ueberzeugung haben, daß sie ganz vortrefflich eingerichtet ist.«
»Es ist doch viel Gemeines auf der Erde,« sagte Madame Ehrenthal.
»Daß ich nicht wüßte,« rief Fink lachend. »Ich gebe Ihnen zu, daß einige Insecten einen gemeinen Charakter haben, und daß es gemein ist, sich in Branntwein zu betrinken. Im Uebrigen kommt Vieles auf Ansichten an. Sehen Sie diese Auster. Ich wette, es giebt zahlreiche Fische und Erdbewohner, welche dies holde Geschöpf für etwas Gemeines halten, mir erscheint sie als eine der vornehmsten Erfindungen der Natur. Was verlangen wir von einem Vornehmen? Die Auster hat Alles: sie ist ruhig, sie ist still, sie sitzt fest auf ihrem Grund und Boden. Sie schließt sich ab gegen die Außenwelt, wie kein anderes Geschöpf. Wenn sie ihre Schalen zuklappt, so deutet sie auf das entschiedenste an: Ich bin für Niemand zu Hause; wenn sie ihr perlmutternes Haus öffnet, so zeigt sie den bevorzugten Ebenbürtigen ein zartes gefühlvolles Wesen. Wenn der Mensch das Recht hat, etwas Geschaffenes zu beneiden, so ist es die Auster. Sie werden sagen, daß das Seewasser kein ansprechendes Element ist. Aber da muß ich widersprechen. Wer auf die schlechte Gewohnheit verzichten kann, alle Augenblicke nach Luft zu schnappen, wie wir leider thun müssen, für den muß es dort unten auf dem Meeresgrund sehr gemüthlich sein.« Er wandte sich zu Rosalie: »Nur die musikalische Bildung der Auster ist, wie ich fürchte, ungenügend. Außer dem Heulen des Sturmwinds und dem Gerassel des Dampfschiffs dringen nicht viele Töne in ihre Behausung.«
»Treiben Sie Musik?« frug Rosalie.
»Kaum darf ich das zugeben,« erwiederte Fink verbindlich. »Ich klimpere ein wenig auf dem Flügel herum, und wenn ich zu singen versuche, meide ich Menschenwohnungen. Aber ich stehe zur Musik in dem Verhältniß eines unglücklichen Liebhabers. Ich habe ein Instrument, das ich schwärmerisch verehre, und ich würde viel darum geben, wenn ich im Stande wäre, dasselbe mit Meisterschaft zu spielen.«
»Die Violine?« frug Rosalie.
»Vergebung, die Pauke. Ich frage Sie, was heißt spielen auf den anderen Instrumenten? Es ist ein ewiges unruhiges Umherrasen von der Höhe zur Tiefe und wieder umgekehrt, eine ungemüthliche Anstrengung in allen möglichen Schnelligkeiten, Triolen, Trillern, Tremolo's und wie die Quälereien alle heißen. Nur selten erscheint eine lange, dicke, ruhige Note, ein solider Ton, welcher aushallt und nicht von der nächsten Note seinen Fußtritt bekommt. Nehmen Sie dagegen den Ton der Pauke. Welche Kraft, welche Feierlichkeit und welche Wirkung! Und erst der Glückliche, dem ein solches Instrument anvertraut wird! Man sagt den übrigen Virtuosen nach, daß sie reizbar und empfindlich sind, der Pauker wird ein Held, ein großer Charakter, er bekommt eine Weltanschauung, wie sie nur auf dem erhabensten Standpunkt möglich ist. Er pausirt, dreißig, fünfzig Tacte, unterdeß rennt und quiekt das Volk der übrigen Töne durcheinander, wie die Mäuse, wenn die Katze nicht zu Hause ist. Er allein steht in einsamer Größe, scheinbar mit nichts beschäftigt, er nimmt vielleicht eine Prise oder sucht sich lächelnd die schönsten Damen im Zuhörerraum. Aber innerlich denkt er: 27, wartet nur, ihr ruppiges Notengesindel, 28, ich werde euch sogleich eins auf den Kopf geben, 29, diese Geige wird naseweis, 30, bum! er schlägt auf, und die andern Instrumente fahren aufgeregt zusammen, sie fühlen die Sprache ihres Herrn und Meisters, und alle Zuhörer athmen tief auf, das große Wort ist gesprochen.« -- Rosalie lachte.
»Ich lasse mir nächstens ein Paar Pauken bauen und werde mir die Ehre geben, ein Duett für Pauke und Fortepiano zu schreiben und Ihnen, mein Fräulein, zu widmen, am liebsten ein gefühlvolles Notturno. -- Beim Apoll, ein vortrefflicher Wein! Was für ein Landsmann? Ich habe noch nicht die Ehre seiner persönlichen Bekanntschaft.«
»Es ist ein Ungarwein, alter Menes,« rief Vater Ehrenthal über den Tisch, »er hat funfzig Jahre gelegen im Keller.«
»Kennen Sie die Sorte, Herr Bernhard?« frug Fink, die Worte des Vaters überhörend.
»Ich verstehe wenig vom Wein,« sagte Bernhard.
»Schade,« erwiederte Fink. »Wer ein Gönner der Poeten ist, wie Sie, der sollte auch etwas auf seinen Weinkeller halten. Aber da wir von Musik sprechen, müssen Sie uns wenigstens sagen, wie Ihre persischen Freunde, die Herren Jussuf und Sadi, ihre Lieder den schwarzäugigen Schönen vorsingen. Bitte, recitiren Sie uns ein Gedicht auf persische Weise.«
Bernhard setzte ernsthaft auseinander, daß die Musik des Orients für unser Ohr manches Auffallende habe, und hatte lange zu thun, um die angelegentlichen Bitten Finks abzuwehren, welcher durchaus einen Vortrag in Originalsprache und Melodie von ihm hören wollte.
So zog Fink die Tafel hin bis nach Mitternacht, zuletzt mußte Rosalie sich an den Flügel setzen, dann fuhr auch er mit den Fingern über die Tasten und sang ein wildes Lied in spanischer Sprache. Als die Gäste sich entfernten, war die Familie entzückt. Rosalie eilte wieder an den Flügel und suchte die Melodie des fremden Gassenhauers zu wiederholen, die Mutter war unerschöpflich im Ruhme des vornehmen Wesens; auch der von den Stühlen der Menschheit gestrichene Vater war über den Besuch des reichen Erben begeistert und wiederholte in angenehmer Weinlaune, daß er über eine Million schwer sei. Selbst Bernhards unschuldige Seele war durch die Art des gewandten Mannes mächtig gefesselt. Wohl hatte er bei den Reden Finks zuweilen ein leichtes Mißbehagen gefühlt, es war ihm vorgekommen, als mache der Fremde sich über ihn und die Seinen lustig, aber er war zu unerfahren, um das vollständig zu übersehen, und beruhigte sich damit, daß solche Gleichgültigkeit zum Wesen der Weltleute gehöre.
Nur Anton war unzufrieden mit dem Freunde und sagte ihm das auf dem Heimwege.
»Du hast gesessen wie ein Stock,« erwiderte Fink, »ich habe die Leute unterhalten, was willst du mehr? Laß dich in eine Maus verwandeln und kriech in die Löcher der aufgeputzten Stube, und du wirst hören, wie sie jetzt mein Lob singen. Kein Mensch kann mehr verlangen, als daß man ihn so behandelt, wie ihm selbst behaglich ist.«
»Ich meine,« sagte Anton, »man soll ihn so behandeln, wie es der eigenen Bildung würdig ist. Du hast dich benommen, wie ein leichtsinniger Edelmann, der morgen bei dem alten Ehrenthal eine Anleihe machen will.«
»Ich will leichtsinnig sein,« rief Fink lustig, »vielleicht will ich auch eine Anleihe bei dem Hause Ehrenthal machen. Schweig jetzt mit deinen Bußpredigten, es ist ein Uhr vorüber.«
* * * * *
Einige Tage später erinnerte sich Anton nach dem Schluß des Comtoirs, daß er dem jungen Gelehrten die Uebersendung eines Buches versprochen hatte. Da Fink schon vor einer Stunde weggegangen war und, wie er oft that, den Paletot Antons mitgeführt hatte, so wickelte dieser sich in Finks Burnus, der auf seiner Stube lag, und eilte in Ehrenthals Haus. Er trat an die weiße Thür und war nicht wenig verwundert, als die Thür geräuschlos aufging und eine verhüllte Gestalt herausschlüpfte. Ein weicher Arm legte sich in den seinen und eine leise Stimme sprach: »Kommen Sie schnell, ich erwarte Sie schon lange.« Anton erkannte Rosaliens Stimme. Er stand starr wie eine Bildsäule und erwiederte endlich mit dem Erstaunen, das in solcher Lage verzeihlich ist: »Sie verkennen mich, mein Fräulein.« Mit einem unterdrückten Schrei huschte die junge Dame die Stufen hinab, Anton trat kaum weniger erschrocken in Bernhards Zimmer. Er hatte in der Verwirrung den Mantel nicht abgenommen, und erlebte jetzt das Leid, daß der kurzsichtige Bernhard auf ihn zutrat und ihn Herr von Fink anredete. Ein schrecklicher Verdacht stieg in ihm auf, er schützte gegen Bernhard große Eile vor und trug den unglücklichen Mantel schnell nach Hause über einem Herzen voll Schmerz und Aerger. Wenn es Fink war, der von der schönen Tochter Ehrenthals zu so vertraulichem Abholen erwartet wurde! Je länger Anton auf den Abwesenden wartete, desto höher stieg sein Unwille. Endlich hörte er Finks Tritt auf den Steinen des Hofes und eilte mit dem Mantel zu ihm hinab. Er erzählte kurz, was ihm begegnet war, und schloß mit den Worten: »Sieh, ich hatte deinen Mantel um, und es war dunkel, ich habe den häßlichen Verdacht, daß sie mich für dich gehalten hat, und daß du das Vertrauen Bernhards in unverantwortlicher Weise gemißbraucht hast.«
»Ei, ei,« sagte Fink kopfschüttelnd, »da sieht man, wie schnell der Tugendhafte bereit ist, seine Steine auf Andere zu werfen. Du bist ein Kindskopf. Es giebt mehr weiße Mäntel in der Stadt, wie kannst du beweisen, daß es gerade mein Mantel war, der erwartet wurde? Und dann erlaube mir die Bemerkung, daß du selbst dich bei diesem Abenteuer in einer Weise benommen hast, die weder artig, noch entschlossen, noch irgend etwas Anderes war, als täppisch. Warum hast du nicht das Fräulein die Treppe herunter geführt? Und wenn die Verwechselung unten nicht mehr zu verbergen war, konntest du nicht sagen: Zwar bin ich nicht der, für den Sie mich halten, aber ich bin ebenfalls bereit, in Ihrem Dienst zu sterben, und so weiter?«
»Du täuschest mich nicht,« erwiederte Anton. »Ich traue nicht, daß du mir die Wahrheit sagst. Wenn ich mir Alles recht überlege, so kann ich, trotz deinem Leugnen, den Verdacht nicht los werden, daß du doch der Erwartete warst.«
»Du bist ein kleiner Schlaukopf,« sagte Fink gemüthlich, »du wirst mir aber ebenfalls zugestehen, daß ich, da eine Dame im Spiel ist, nichts Anderes thun kann, als leugnen. Denn siehst du, mein Sohn, wenn ich dir Geständnisse machte, so würde ich ja die schöne Tochter des ehrenwerthen Hauses compromittiren.«
»Leider fürchte ich,« rief Anton, »daß sie sich ohnedies compromittirt fühlt.«
»Na,« sagte Fink ruhig, »sie wird's ertragen.«
»Aber Fritz,« rief Anton die Hände ringend, »hast du denn gar keine Empfindung für das Unrecht, was du an Bernhard begehst? Du verleitest die Schwester eines gebildeten und feinfühlenden Menschen zu Thorheiten, die für sie verhängnißvoll werden müssen. Gerade daß sein reines Herz in einer Umgebung schlägt, die er nur ertragen kann, weil er so voll Vertrauen ist und so wenig erfahren, gerade das macht dein Unrecht für mich so bitter.«
»Deßhalb wirst du am klügsten thun, wenn du das große Zartgefühl deines Freundes schonst und seiner Schwester Verschwiegenheit gönnst.«
»Nein,« erwarte Anton zornig, »meine Pflicht gegen Bernhard zwingt mich zu etwas Anderem. Ich muß von dir fordern, daß du dein Verhältniß zu Rosalie, von welcher Art es auch sei, auf der Stelle abbrichst und dich bemühst, in ihr nur das zu sehen, was sie dir immer hätte sein sollen, die Schwester meines Freundes.«