Soll und Haben, Bd. 1 (2) Roman in sechs Büchern
Part 17
Anton ergriff hastig seinen Paletot und sprang dem Freunde nach, der bereits auf der Straße war. »Zu Feroni, Anton!« rief ihm Fink am Arm des Benno Tönnchen zu.
»Ich muß etwas im Vertrauen mit dir sprechen,« sagte Anton an seiner andern Seite.
»Jetzt nicht, du brauner Gesandter,« rief Fink, »ich will nichts mit dir zu thun haben.«
»Ich bitte dich, Fritz,« bat Anton sich an ihn drückend, »gieb das Buch heraus, die Mädchen ängstigen sich bis zum Vergehen.«
»Nur zu!« sagte Fink.
»Keine thut heute Nacht ein Auge zu,« rief Anton.
»Um so besser, wir wollen's auch nicht thun. Sie können sämmtlich zu Feroni kommen, wenn's ihnen zu Haus zu bangsam wird. Wir bleiben bis zum Morgen zusammen. Und du, Anton, wirst dich heut Nacht nicht ohne mich nach Hause schleichen, sondern du wirst aushalten, und zwar in stiller Todesangst.«
»Was ist das für eine Geschichte mit dem Buch?« frug Tönnchen am andern Arme.
»Sage nichts,« bat Anton leise.
»Eine tolle Confusion,« erwiederte Fink, »Sie sollen Alles erfahren.«
»Um Gottes willen, schweig,« bat Anton.
»Ich werde mich nach deinem Benehmen richten,« sagte Fink; »läufst du weg, so lese ich den Andern das ganze Buch vor.«
So kamen sie bei Feroni an. Anton überlegte, ob er sich auf Fink werfen und diesem mit Gewalt das Buch entreißen sollte. Aber der Erfolg war unsicher. Mit Ernst und Bitten war heut vollends nichts auszurichten. Nur List konnte helfen. Während er darüber nachsann, lagerten sich die Herren in dem kleinen Hinterzimmer, ihrer gewöhnlichen Trinkstube. Es waren außer Anton und Fink noch Zernitz und Tönnchen, der kleine Lanzau, ein Werner, ein Cousin Baldereck, (dieser ein junger Herr mit hervorstehenden Augen, der in dem Buch unter dem Namen Laubfrosch angedeutet war) und zwei Tronka, nicht von den Tronka-Hams, sondern aus der andern Linie, in welcher das Majorat ist, Söhne des alten Majoratsherrn.
»Was trinken wir?« frug Fink.
»Jeder seine Flasche,« erwiederte Zernitz.
»Warum nicht gar!« rief Fink.
»Nur nicht Ihren furchtbaren weißen Burgunder,« rief Guido Tronka. »Von unserer letzten Sitzung sind mir noch heute die Adern geschwollen wie Stränge.«
»Dann also Sekt und Porter, ein ehrliches Halb und Halb,« schlug Fink vor.
»Superbos!« rief der kleine Lanzau.
»Das ist eben so ein Höllengetränk,« klagte Zernitz.
»Küfer, Schenk, herbei!« riefen die Herren und die Bestellung wurde gemacht.
Unterdeß verfiel Anton auf ein verzweifeltes Mittel. Er ging hinaus, gab dem Aufwärter einen Thaler und den Auftrag, den Ofen der kleinen Hinterstube zu überheizen und ohne Rücksicht auf die Klagen der Herren immerfort Kohlen nachzuwerfen. Er selbst setzte sich so weit vom Ofen, als irgend möglich war, und sah mit Freude, daß Fink sich dicht an den eisernen Cylinder gerückt hatte. Bald mußte ihm die Wärme unbequem werden, dann zog er seinen Rock aus, wie er stets in solchen Fällen that, dann war es möglich, das rothe Buch vor seinen Augen aus der Rocktasche zu ziehen.
»Ich nehme mir die Freiheit, Sie von einem großen Ereigniß in Kenntniß zu setzen,« begann Tönnchen. »Haben Sie Tronka's Alice gesehen, Fink?«
»Nein,« sagte Fink eingießend, »ist's ein Pferd oder ein Frauenzimmer?«
»Natürlich ein Pferd!« rief Tönnchen.
»Bah, laßt heut die Stalljacke zu Haus,« sagte Fink.
»Es ist aber verdammter Ernst!« rief Tönnchen. »Guido hat zum Herrenreiten eingesetzt.«
»Zahlen Sie Reugeld,« sprach Fink zu Guido Tronka, »und bleiben Sie zu Haus. Den Ajax schlägt kein Traber in diesem Erdenwinkel.«
»Sehen Sie sich morgen meine Alice an,« bat Tronka wieder, »ich möchte Ihr Urtheil hören.«
»Haben Sie die neue Liebhaberin gesehen?« sprach Zernitz zu Anton, »sie hat brillante Augen.«
»Sie trägt magnifique,« rief der andere Tronka zu Fink herüber.
»Sie hat ja eine Hasenscharte,« rief der Laubfrosch verächtlich dazwischen.
»Wer ist nun das wieder?« frug Fink.
»Die Seppi, ein grünäugiges Scheusal,« schrie wieder der Laubfrosch Baldereck. »Gehen Sie denn gar nicht mehr in's Theater?«
»Nein,« versetzte Fink, »aber ich schicke meinen Reitknecht hinein. Wenn Sie Gefühle haben, bei denen er Sie unterstützen kann, so wenden Sie sich nur an ihn.«
Es wurde warm. Anton fühlte die Verpflichtung, die Herren zu beschäftigen. Er bat Herrn von Zernitz um eine komische Geschichte im Volksdialekt, die ihm der Lieutnant neulich anvertraut hatte, er stimmte laut in das Lachen des Laubfrosches ein, er verführte den ältesten Tronka, ein Abenteuer mitzutheilen, welches den Tod eines Hasen und einer Schnepfe verursacht hatte. Er griff nach der Kelle und goß die Gläser voll.
Es wurde wärmer. Die Herren rückten unzufrieden mit ihren Stühlen und riefen nach dem Aufwärter.
»Es verfliegt sogleich,« tröstete dieser.
»Ich finde es gar nicht warm,« sagte Fink ruhig, »im Gegentheil Sie können noch einlegen.«
Aber die Hitze wurde unerträglich, die Herren geriethen in Zorn, Feroni selbst wurde gerufen. Anton protestirte gegen das Oeffnen des Fensters, weil man vom Tanze noch zu warm sei, Fink erklärte die Temperatur für behaglich und behielt seinen Rock an.
Anton war in Verzweiflung. Endlich ergriff er das letzte Mittel, er zog seinen eigenen Rock aus, um den Freund zu gleichem Entschluß anzuregen. Sofort that Fink dasselbe, legte den Rock sorgfältig über seinem Stuhl zusammen und sah lächelnd auf Anton, der mit großer Aufmerksamkeit seine Bewegungen beobachtete.
»Das Buch steckt nicht im Rock,« nickte Fink ihm zu, »die Mühe war umsonst, denke auf etwas Anderes.«
Anton öffnete das Fenster. »Ich versuche nichts mehr,« sagte er resignirt, »du bist mir zu schlau.«
»Halt aus,« sagte Fink. Zernitz machte niedliche Witze, Tönnchen erzählte lügenhafte Geschichten von Tänzerinnen, der kleine Lanzau betrank sich. Endlich pochte Fink auf den Tisch. »Jetzt merkt auf. Ich wollte es verbergen, aber es ist nicht möglich, es schreit zum Himmel.«
Anton fuhr auf: »Ich bitte dich, Fritz.«
»Ruhig, Ofenheizer!« rief Fink. »Hört, Ihr Herren, ich habe heut ein geheimes Tagebuch der Braunen gefunden und habe es durchgeblättert.«
»Hurrah, heraus damit!« riefen sämmtliche Herren.
»Es sind gewiß Verse darin,« rief Zernitz.
»Es mag ein schöner Unsinn darin stehen!« rief Tönnchen, »Phantasie und Bosheit Unmündiger.«
Anton war wüthend.
»Allerdings steht Unsinn darin und die Verse scheinen mir schlecht. Hören Sie, Zernitz, was haben Sie mit der kleinen Lara gehabt?«
»Nichts,« sagte der Lieutnant befremdet, »ich habe ein paar Mal mit ihr getanzt, das ist Alles.«
»So muß es gekommen sein,« fuhr Fink nachdenkend fort. »Die arme Theone! Ich habe ein Lied gelesen, das die Comteß auf Sie gemacht hat. Na, zuletzt sind Sie kein übler Bursch, aber ich hätte es niemals für möglich gehalten, daß man mit solcher Schwärmerei von einem Mann sprechen kann.«
»Zeigen Sie her,« bat Zernitz angelegentlich.
»Hier?« frug Fink vorwurfsvoll, »vor dieser wilden Bande? Wenn Sie auch die Lara, die mir heute in ihrer Angst allerliebst vorkam, nicht gerade begünstigen, so haben Sie doch gar keinen Grund, die reine Leidenschaft des armen Mädchens hier zu profaniren.«
»Sie haben Recht,« sagte Zernitz. »Aber unter vier Augen werden Sie mir's zeigen.«
»Gewiß,« versetzte Fink. »Ihr wißt, ich habe kein Gefühl für alle Creatur, welche ihren Rock länger trägt als bis zum Knie, und wenn es etwas auf der Welt giebt, was mich kalt läßt, so sind es Backfische in Butter und in Kleidern. Aber der Wahrheit soll ihr Recht werden, die Mädchen, welche das Tagebuch mit einander geführt haben, sind seelengute Dinger, es ist auch nicht eine unartige Bemerkung darin.«
Er wandte sich zum Cousin Baldereck: »Von Ihrer Cousine ist auf jeder Seite mit einer Liebe und Herzlichkeit gesprochen, die eben so verdient als rührend genannt werden muß. -- Das strengste Urtheil wird über mich gefällt, ich werde ein Zeisig genannt.«
»Auf die Art ist das Heft ziemlich langweilig,« sagte Benno Tönnchen.
»Ja,« erwiederte Fink, »wenn Sie nicht interessirt, was Hildegard Salt über Sie hineingeschrieben hat.«
»Viel Gutes wird's nicht sein,« versetzte Benno neugierig.
»Nein,« sagte Fink, »sie spricht von Ihnen in einem Ton, der Ihren Bekannten wahrhaft betrübend vorkommen muß. Sie werden groß und still genannt. Ihr Gesicht ein Muster männlicher Kraft, die Dichterin findet Sie voll Kenntnisse, voll Geist und voll Witz; sie frägt, ob ein solcher Mensch nicht zu bedeutend sei, um sich zu einem weichen Mädchen hinabzuneigen. Nun frage ich Alle, wie kann ein gescheidtes Kind, wie Hildegard Salt, sich so weit verirren, Sie in der Stille anzubeten? Denn Sie sind bei der letzten Flasche ein ziemlich kurzweiliger Gesell, Benno, aber wenn ich ein Mädchen wär' und mir ein Ideal aussuchte, ich würde lieber einen Nußknacker zu meinem Götzen machen, als Sie.«
Tönnchen verzog den Mund.
»Ist von uns auch etwas darin?« frug Herr von Werner, auch einer der Grünen, ein Bruder von vier schönen Schwestern, Nachbar der Rothsattel, von jungem Adel, aber reich, in Familieneifersucht aufgewachsen.
»Von Ihnen wenig,« versetzte Fink, »nur zwei Zeilen.« Er nahm das Buch hervor und sah hinein und suchte. -- Anton ballte die Hände unter dem Tisch. -- »Schmerzliche Fügung des Himmels, Lenore liebt und sucht vergebens ihr Herz zu verhüllen. Und der Geliebte gehört den Feinden an. O. Georg W. Jetzt kommen Punkte und drei Ausrufungszeichen.« Fink steckte das Buch wieder ein. Anton beruhigte sich, das konnte nicht in dem Buch stehen, auch sah er, daß die Nasenflügel Finks sich heftig bewegten, ein untrügliches Zeichen, daß er Schelmerei trieb.
Zernitz schob das Glas weg und rief: »Es ist indiscret, daß wir uns in diesem Raume über das unterhalten, was die Mädchen gefühlt haben.«
»Ich bin derselben Meinung,« rief Benno Tönnchen eifrig.
»Ich auch,« sagte Georg Werner.
»Sie müssen das Buch versiegeln und zurückschicken,« sprach der Frosch.
»O Ihr gemüthvollen Zettel,« rief Fink in der glücklichsten Stimmung, »weil Eure haarigen Köpfe von feinen Händen gekraut werden, wird Euer Herz zartfühlend. Ich möchte Eure Gesichter sehen, wenn ich aus dem Buche das Gegentheil herausgelesen hätte. -- Ei, ei! und Keiner kennt den Shakespeare!«
»Comteß Lara und Hildegard sind zu feinfühlend, um das hineinzusetzen, was Ihre Bosheit gern gesehen hätte,« rief Zernitz.
»Die Rothsattel ist zwar stolz,« rief Werner, »aber sie hat keinen Grund, von mir etwas Anderes zu sagen, als was wahr ist. Ich habe sie immer im Stillen für ein tüchtiges Mädchen gehalten, das wohl verdient, einmal die Frau eines ehrlichen Jungen zu werden.«
Fink nickte ihm billigend zu, dann erhob er das Buch und blickte hinauf an die Decke. »Warum werde ich nicht auf der Stelle von dieser sündigen Erde unter bessere Geschöpfe versetzt? Ich bin ein Seraph, und Niemand merkt es, und Niemand wird es glauben, am wenigsten die Weiber. Hier, Anton, empfange das Buch! Nicht durch Ofenwärme, nicht durch Ueberredung oder Zwang ist es erobert; durch freiwilligen Entschluß der tanzenden Herren wird es ungelesen zurückgeschickt.«
Anton ergriff das Buch, eilte in die Schreibstube von Feroni, schrieb auf einen Zettel: »Fink hat einige Blätter gelesen, er wird schweigen, sonst Niemand eine Zeile,« siegelte Zettel und Buch in ein Couvert und sandte dies durch einen von Feroni's Leuten am späten Abend nach dem Hause der Comteß Lara mit dem ausdrücklichen und durch eine Kette von Versprechungen verstärkten Befehl, der Bote müsse unter allen Umständen durch Nachtwächter und Pförtner in das Haus und bis an die Grenzen des Schlafzimmers dringen, wo, wie er mit Grund annahm, Theone jetzt ihre schwarzen Locken durch Ströme von Thränen in träufelnden Bindfaden verwandelte.
Das Gelag nahm seinen Verlauf. Das heiße Zimmer, der starke Trank und ein gewisses nachdenkliches Wesen der meisten Herren machten der Sitzung früher ein Ende, als Finks Absicht war. Endlich brach er auf, weckte den verschlafenen Küfer und sagte zu Anton: »Bezahle die Rechnung.« Als Fink mit Anton nach Hause ging, begann er: »Sei ruhig, Tony, natürlich war Alles gelogen, was ich aus dem Buch erzählt habe. In Wahrheit war alle Bosheit darin aufgesammelt, deren eine Gesellschaft Turteltauben fähig ist.«
»Ich hab's gemerkt,« sagte Anton vergnügt, »in der nächsten Stunde werden deine Herren schön den Hof machen.«
»Einer oder der Andere soll die Geliebte, die ich ihm heut zugetheilt habe, noch heirathen, ich will mich jetzt auf's Kuppeln legen.«
Anton schwieg gekränkt. »Sei ruhig,« fuhr Fink behaglich fort, »auch du sollst deine Einwilligung zu den Partien geben. Sprich, wie gefallen dir meine Herren?«
»Sieh,« sagte Anton, »was sie sagen, erscheint mir oft gewöhnlich, aber sie haben Selbstvertrauen und eine sichere Haltung, die sie auch dann nicht verlieren, wenn sie sich gehen lassen.«
»Na,« sagte Fink, »es geht; sie sind in ihrer Clique, in dem müßigen Umherlaufen mit Cousinen und Sporen an den Beinen verkümmert, sie sollen im Ganzen genommen ein Beispiel sein, wie man nicht sein muß, wenn man amüsant sein will. Ihre Liederlichkeit ist nicht lustig und ihre Lustigkeit ist kläglich, in ein Paar Jahren sind sie schaal und ungenießbar, wie schlechter Most. Dieses Tönnchen wird schon säuerlich. Ich habe große Lust, sie dir nächstens betrunken zu zeigen.«
»Sprich nicht so liederlich,« bat Anton.
»Ach, du armer Junge,« sagte Fink. »Schließ die Thür auf und gieb mir meine Geldbörse zurück.«
»Du hast heut wieder eine große Rechnung bezahlt,« sagte Anton. »Ich bitte dich, sei nicht so freigebig, du demüthigst ja die Andern.«
»Sei ruhig, Anton,« erwiederte Fink, »ich halte mich über sie auf, folglich ist auch billig, daß ich für sie bezahle.«
»Ich hoffe, du wirst niemals für mich bezahlen,« sagte Anton.
»Nein,« entgegnete Fink, »du sollst das Privilegium haben, dein eigener Cassirer zu sein; ich bin zufrieden, daß du mir den Hausschlüssel trägst und bei mir noch deine Cigarre rauchst, während ich mich ausziehe. -- Welche Stunde ist's?«
»Es ist gegen zwei Uhr,« erwiederte Anton vorwurfsvoll.
»Dann sind wir sicher die Letzten. Da ich herkam, konnte das alte Haus solche Excesse nicht vertragen. Als ich das erste Mal beim Frühlicht diesen Riesenschlüssel in's Schloß steckte, fürchtete ich, die alten Mauern würden über mir zusammenbrechen. Jetzt sind sie daran gewöhnt, der Hund, die Hausknechte und der Prinzipal. Oft bleibe ich nur deßhalb länger aus, um diese schauderhafte philiströse Hausordnung umzudrehen.«
* * * * *
Als Hildegard Salt nach einer feuchten Thränennacht gegen Morgen die ersten Anstalten zum Schlafen machte, wurde sie durch einen Brief von Theone Lara geweckt, in dessen vorderem Theile Theone mit schwarzer Krähenfeder die Ansicht aussprach, daß für sie auf dieser Welt kein Raum mehr sei, und in der zweiten Hälfte diese Ansicht dahin berichtigte, daß sie Hildegard und Lenore für nächsten Nachmittag zur Chocolade einlud, um wegen der glücklichen Rettung des Buches eine vertrauliche Festfeier zu begehen.
Auf dieser Conferenz der Braunen wurde die Entweihung des Buches durch Männeraugen lebhaft besprochen. Schrecklich war, daß Fink hineingesehen hatte. Aber auch Wohlfart hatte das Buch in Händen gehabt, und es war sehr zu fürchten, daß auch er es durchgelesen hatte. Lenore war überzeugt, Wohlfart habe nicht darin gelesen. Hildegard dagegen behauptete, er sei ein Mann, und kein Mann, auch der beste nicht, sei einer solchen Discretion fähig. Nach längerer Debatte wurde beschlossen, ihn auf eine Probe zu stellen. »Wenn er hineingesehen hat,« sagte Lenore, »so hat er doch zuerst das Titelblatt angesehen.«
»Das Titelblatt durfte er ansehen,« warf ein brauner Vogel ein.
»Ich hatte ihm verboten, das Buch zu öffnen,« sprach Lenore, »und ich weiß, er hat keine Seite angesehen. Ihr Alle sollt zuhören, wie er meine Fragen beantwortet.«
Als Anton in der nächsten Tanzstunde erschien, trat ihm Lenore an der Spitze der Partei entgegen, ihre Miene war bekümmert, und alle Braunen bemühten sich, die Köpfe zu hängen und eben so traurig auszusehen: »Ach, Herr Wohlfart, was haben Sie gemacht! Das Buch, welches Sie an Theone geschickt haben, war ja nicht ihr Tagebuch, es war das Notizbuch eines Herrn, aus einer fremden Brieftasche.«
»Wie ist das möglich?« rief Anton bestürzt.
»Gleich auf der ersten Seite war eine Rechnung vom 29ten über einen Frack, vom 30ten eine Flasche Rothwein und zwei neue Sporen. Das Buch konnte uns nichts helfen.« Alle Braunen schüttelten den Kopf und sahen betrübt zur Erde.
Anton suchte sich zu entschuldigen. »Fink zog das rothe Buch aus der Westentasche und gab es in meine Hand, ich sandte es sogleich versiegelt ab.«
»Dann muß Herr von Fink das Buch vertauscht haben,« fuhr Lenore fort. »Warum haben Sie denn nicht hineingesehen?« frug sie vorwurfsvoll, »wenigstens auf das Titelblatt.«
»Das durfte ich ja nicht,« rief Anton, »ich hatte Ihnen ja versprochen, keinen Blick hineinzuwerfen. Ich rufe Fink.«
»Halt,« rief Lenore, »noch einen Augenblick! Hat er hineingesehen oder nicht?« frug sie siegreich zu ihrer Schaar gewandt.
Ein bewunderndes »Nein« kam von Aller Lippen. »Bleiben Sie, Herr Wohlfart, es ist das rechte Buch, das Sie zurückgesandt haben. Einige von uns bezweifelten, ob ein Mann, ob selbst Sie das Tagebuch ungelesen aus der Hand geben könnten, ich sagte, Sie wären das im Stande, und habe meinen Freundinnen das so eben bewiesen.«
»Ich danke Ihnen für das gute Zutrauen,« rief Anton erfreut.
»Alles traue ich Ihnen zu, was brav und ehrlich ist,« sagte Lenore und blickte ihn mit herzlichem Vertrauen an.
Das war ein großer Abend im Kränzchen. Anton war bis zum Cotillon von einem Kreis junger Damen umgeben, welche ihn mit rührender Vertraulichkeit behandelten, und als der Augenblick kam, in welchem farbige Schleifen an die Herren ausgetheilt wurden, wurden die Klappen seines Fracks von oben bis unten besteckt, und er sah aus, wie der bunteste Hofmarschall des Continents.
Aber noch Größeres begab sich. Die Partei der Grünen drohte zu zerfallen. Zernitz, Georg Werner und der kleine Lanzau tanzten heut nur mit den Braunen. Hildegard Salt verlebte eine schreckliche halbe Stunde an der Seite des Nußknackers, welcher sie während eines Walzers mit ritterlicher Artigkeit, ja man muß sagen, mit Gefühl behandelte und dadurch in die allergrößte Verlegenheit setzte; Lenore hatte gar von den ehrerbietigen Angriffen des Laubfrosches, des Georg Werner und des kleinen Lanzau zu leiden, welche sämmtlich auf einmal zu der Ueberzeugung gekommen waren, daß Lenore ihrer ernsthaften Huldigungen nicht unwürdig sei. Eugenie selbst war heut gegen die Braunen von aufrichtiger Herzlichkeit, sie hing sich an Lenorens Arm und küßte beim Abschied Theone im überströmenden Gefühl auf beide Wangen. Und Frau von Werner setzte sich neben die Baronin Rothsattel, kündigte für die nächsten Tage ihren und ihrer Töchter Besuch an, bat um die Erlaubniß, ihren Georg mitzubringen, und sprach unaufhörlich davon, wie glücklich ihre Kinder noch im nächsten Sommer darüber sein würden, daß die Tanzstunde sie in ein so intimes Verhältniß zu Lenore gebracht habe. Kurz, das ganze Aussehen der Tanzstunde war verändert. Mit Ausnahme der grünen Damen, welche über die Untreue ihrer Herren zürnten, war Alles in einer gemüthvollen, von Menschenliebe gleichsam überfließenden Stimmung, deren Gegenstand die Damen des braunen Bundes waren. Verlegen erkannten diese die Veränderung ihrer Stellung, die Herzlichkeit der Baldereck, die ernsthaften Huldigungen aller feindlichen Herren, ach, aber zu einem Genuß ihres Glückes konnten sie nicht kommen, in ihrer Brust fühlten sie die Nadelstiche des bösen Gewissens, und um sie herum bewegte sich in weitem Kreise die furchtbare Gestalt Finks, des Wissenden. Durch ein Wort konnte er den unbegreiflichen Zauber zerstören, der sie umgab. -- Den ganzen Abend hielt er sich fern von allen Theilnehmern am Tagebuch, erst am Ende der Stunde trat er zu Lenore: »Ist Fräulein Eugenie heut nicht allerliebst? Ich gebe Ihnen zu, daß sie gefühllos ist, aber diese kleine Unart wird sich möglicher Weise im Laufe der Jahre in eine ganz entgegengesetzte Eigenschaft verwandeln.«
Lenore sah ihn verlegen an. »Kommen Sie mit zu Theone Lara,« sagte sie endlich. »Herr von Fink hat ein Recht auf unsern Dank,« rief sie dort, »wir Alle wollen ihn bitten, daß er über das Buch schweigt, wie er bis jetzt gethan.«
»Ich will mich dazu verpflichten,« versetzte Fink, »unter einer Bedingung. Ein Opfer muß ich haben. Ich muß die Dame erfahren, welche den Vers unter einen gewissen Weinstock geschrieben hat. Ich muß Jemand haben, den ich hassen kann, von dem ich bei Gelegenheit alles Schlechte rede, Jemanden, der dafür bezahlt, daß Sie so leichtsinnig waren, die Documente Ihres scharfen Witzes in meine Hände fallen zu lassen. Nennen Sie mir die Eine, und ich gebe Ihnen freiwillig das Versprechen, daß ich gegen Fremde nie ein Wort aus dem Tagebuche citiren werde.«
In der Gruppe entstand eine ängstliche Bewegung, Jede fürchtete die Beute des rachsüchtigen Indianers zu werden. Lenore sah auf Hildegard, welche vor Schrecken erblich, und sagte eifrig: »Ich habe die Zeichnung gemacht und ich habe die Verse darunter meiner Freundin dictirt; da Sie's gesehen haben, so bitte ich Sie um Verzeihung. Mehr kann ich nicht thun; und wenn Sie jetzt die Absicht haben, sich an mir zu rächen, so werde ich Ihren Haß zu ertragen suchen.«
»Schön,« sagte Fink lächelnd, »ich werde mich rächen, ich werde Sie von heut ab hassen. Uebrigens ist mir angenehm zu erfahren, daß auch das vergänglichste aller Gefühle, Mädchenfreundschaft, die Unglücklichen, welche davon befallen werden, zu heldenmüthigen Opfern begeistern kann. -- Ah, Fräulein Hildegard, finden Sie nicht, daß Benno Tönnchen ein herzensgutes Kind ist? Auch seine Gestalt ist nicht schlecht. Etwas zu voll, werden Sie sagen, aber gerade dies volle Wesen macht ihn und seine Familie so ansprechend.«
Die letzte Folge dieses glücklichen Abends war, daß auf einer neuen Conferenz der Braunen beschlossen wurde, den treuen Ritterdienst Wohlfarts in außerordentlicher Weise zu belohnen. Nach längerer Ueberlegung wurde man einig, daß Theone gemeinschaftlich mit ihren Freundinnen eine prachtvolle Börse zu häkeln habe. Gleich am nächsten Morgen wurden Seide und Perlen gekauft. Lenore wollte, um sich nicht auszuschließen, die Kunst zu häkeln eigens erlernen. Auch strahlte bereits die erste Kappe der Börse in Braun und Gold, als Ereignisse eintraten, welche die Vollendung hinderten.
~III.~
Es ist eine traurige Erfahrung, daß die überirdischen Gewalten dem Menschenkind das Glück einer hochgespannten Empfindung nicht lange unverkümmert lassen. Sie haben die Sache so schlau eingerichtet, daß sich fast immer eine Saite unsers Innern abspannt, so oft sie den Wirbel einer andern zur Höhe herumdrehen. Natürlich entsteht daraus ein Mißklang. Diese schlechte Behandlung erfuhr auch Antons Seele.