Soll und Haben, Bd. 1 (2) Roman in sechs Büchern

Part 16

Chapter 163,735 wordsPublic domain

Und endlich kam der Cotillon. O du längster und merkwürdigster aller Tänze! du halb Spiel und halb Tanz! reizend, wenn du die einzelnen Paare im Kreise umhertreibst, noch reizender, wenn du ihnen erlaubst, ungestört und ein wenig versteckt zu plaudern. Wir hören, daß du dem Geschlecht der Gegenwart für veraltet und spießbürgerlich giltst. Wankelmüthiges Jahrhundert! Wissenschaft und Staatskunst werden nichts Neues erfinden, was so vielfachen Bedürfnissen des Menschengeschlechts Genüge thut, als du. Da ist das kindliche Gemüth, es kann sich als Pyramide aufstellen, es kann sich in Schlangenwindungen umherdrehen, es kann hier und dort hinlaufen, alte Herren vom Spieltisch zu Extratouren holen, es kann auf dem Stuhle sitzend drei bis vier junge Damen verächtlich vor sich stehen lassen, es kann von Tanzlust ergriffen plötzlich aufspringen, irgend eine Dame ergreifen und im Kreise umhertanzen, und kein Mensch kann es ihm verwehren. Da sind höher strebende Naturen, welche Gefühle haben oder Ehrgeiz oder Bosheit und Menschenhaß; allen bist du gefällig. Du giebst jedem Herrn das Recht, sich mehr als einmal eine Tänzerin nach seinem Herzen zu suchen, du erlaubst jeder Dame, in der allerzartesten Weise anzudeuten, welche zwei oder drei Herren ihre höchste Achtung genießen, du vertheilst an strebsame Cavaliere Schleifen und Orden, du heftest massenhafte Blumensträuße vor die Brust der gefeierten Dame. Du läßt aber auch verschmähte Herren zähneknirschend umherlaufen und sich irgend eine Surrogattänzerin suchen; du offenbarst die Lieblinge der Gesellschaft, aber du machst den Unbekannten und Unbeliebten noch einsamer und verlassener. Wenn du beginnst, werden die Blicke der Mütter besorgt, die Nasen vieler Tanten spitz. Du kindischer, lustiger, endloser Tanz! wie viele Glückliche hast du gemacht, wie viele stille Thränen hast du verursacht, wie manches Brautpaar hast du zusammengeführt, und welche Qualen der Eifersucht hast du erregt! Freilich hast du auch endlosen Staub aufgerührt, zahllose Toiletten unscheinbar gemacht, und manche grimmige Feindschaft hervorgerufen. So bist du in deiner Blüthenzeit gewesen, die Freude der Jugend, die große Angelegenheit der Mütter, die Furcht der ermüdeten Väter, ein Greuel nur für die Musiker.

Als dieser vielseitige Tanz herankam, suchte Anton wieder in Lenorens Nähe zu kommen; er bat sie um den Tanz.

»Ich wußte, daß Sie mit mir tanzen würden,« sagte sie aufrichtig; er holte ihr einen Stuhl, schob sich neben sie und war selig. Und als er die Aufgabe hatte, in der Tour eine fremde Dame zu holen, dieser etwas zu schenken, was in einem Körbchen mitten im Kreise aufgestellt war, und darauf mit ihr zu tanzen, da gab er der Welt die energische Erklärung ab, daß für keine andere Dame die Möglichkeit irgend einer Stellung in seinem Herzen vorhanden sei; er holte sein Geschenk aus dem Korbe, wartete, bis seine Tänzerin auf ihren Platz zurückkam, und überreichte dann ihr die rothe Schleife. Das war für Beide der größte Augenblick in dem ganzen großen Abend.

Was darauf folgte, war nur undeutliches Traumgesicht. Er sah sich mit Fink Arm in Arm durch den Saal schlendern, er hörte sich mit ihm und andern Herren über Allerlei sprechen und lachen, er bemerkte sich vor der Dame vom Hause einen Dank murmeln und eine Verbeugung machen; es kam ihm vor, als ob ihm ein Diener den Paletot überreichte, worauf er in die Tasche griff und ihm etwas in die Hand drückte. Schattenhaft und unklar waren alle diese Begebenheiten. Nur Eins sah er noch deutlich, einen weißen Damenmantel mit einem seidenen Capuchon und einer Quaste daran, o diese Quaste, sie war unsäglich entzückend! Noch einmal fiel ein Blick aus den großen Augen voll und glänzend auf ihn, und er hörte von ihren Lippen noch ein leises Flüstern, wie »gute Nacht.« Das Uebrige war wieder ein nichtssagender Traum, daß er neben Fink die Treppe herunterstieg und die spöttischen Reden des Freundes nur mit halbem Ohr hörte, daß er in seiner kleinen Stube ankam, die Lampe anzündete und sich umsah, ob er auch wirklich hier wohne, und daß er sich langsam entkleidete, sich noch in seinem Bett wunderte, daß er all diese Herrlichkeit erlebt hatte, und endlich ermüdet einschlief. Und ein Traum war's, daß sein Hausgeist, die gelbe Katze, sich auf ihrem Postament hoch aufrichtete und den Kopf schüttelte über den langen Zug fremdartiger Bilder und Gefühle, welche in der friedlichen Stube eingekehrt waren.

~II.~

Seit diesem großen Abend hatte die Tanzstunde regelmäßigen Verlauf. Als Anton das Fegefeuer der Einführung bestanden hatte, fühlte er sich unter den Florkleidern, den vornehmen Namen und den Sophakissen mit gestickten Wappen bald heimisch. Er selbst wurde ein nützliches Mitglied des Kränzchens, und zwar durch die bürgerlichsten aller Tugenden, durch Ordnung und Pflichttreue. Und das ging so zu. Das Kränzchen war keine gewöhnliche Tanzstunde, denn bei sämmtlichen Theilnehmern wurden die ersten Anfänge der Kunst vorausgesetzt; es hatte vielmehr den Zweck, einige neue Tänze einzuüben und nebenbei eine Vereinigung der befreundeten Familien in bequemer Façon hervorzubringen. Nun ergab sich bald, daß die bequeme Façon allerdings nach Finks Herzen war, das Einstudiren neuer Tänze aber von ihm und mehreren seiner Kameraden mit einer sträflichen Lauheit betrieben wurde. Er kam oft gegen Ende der Tanzstunde, er betrachtete den Salon nur als eine Gelegenheit, die jüngeren Damen zu necken und sich mit den reiferen Schönheiten eine Stunde zu unterhalten; er vertrat zum Entsetzen des Tanzmeisters den Grundsatz, wo man im Tanz nicht mit dem gewöhnlichen Schritt fortkomme, sei das einfache Pas des Galopps für alle Fälle gut genug, und das einzige Vergnügen bei unsern Tänzen sei, regelmäßig aus dem Takt und wieder hineinzukommen. »Aber, Herr von Fink,« klagte der Tanzmeister, »das heißt nicht mehr tanzen; dabei ist keine Kunst.«

»Es soll auch keine dabei sein,« sagte Fink, »was hat die Kunst mit unserm Tanzen zu thun? Was Sie die Jugend lehren, ist weiter nichts als eine gesellschaftliche Rotation um einen imaginairen Mittelpunkt. Mir ist das langweilig, ich gehe deßhalb in Kometenbahn.« Und er blieb dieser Ansicht getreu, er zwang die unglücklichen Opfer, welche er zu engagiren sich herabließ, sich quer durch die Reihe der Tanzenden zu stürzen, aus einer Ecke des Saals in die andere, aus dem Takt, wieder in den Takt, wie es seiner Laune passend schien.

Gegenüber dieser excentrischen Auffassung, welche leider in dem Kränzchen zahlreiche Anhänger fand, zeigte Wohlfart die Regelmäßigkeit eines Mannes, der mit Entzücken seine Pflicht thut, er erschien pünktlich, er machte jedes Pas, er tanzte jeden Tanz, er war immer in guter Laune und fand eine Freude darin, vernachlässigte junge Damen zu engagiren. Da bei der Sorglosigkeit Finks und seiner Genossen schnell Mangel an Tänzern eintrat, wurde Anton in Kurzem eine anspruchslose Hauptstütze des Salons, Liebling des Tanzmeisters und ein Vertrauter der jungen Damen, durch welchen heimliche Wünsche von den hellen Rändern des Saals zu der dunklen Mitte getragen wurden. Er selbst war in diesen Stunden ein seliger Mann, und die freudige Verklärung, welche auf ihm lag, fiel jungen wie älteren Damen als etwas Ungewöhnliches auf. Die einen wurden in der Ueberzeugung bestärkt, daß er ein guter Junge sei, und die letzteren in der keineswegs entgegengesetzten Ueberzeugung, daß er ein unbekannter Prinz sei. Er selbst wußte am besten, warum er so glücklich war. Alle seine Gedanken und Bewegungen bezogen sich im Stillen auf sie, die unbestrittene Herrin seines Herzens. Alle andern Tänze und jede Unterhaltung mit einer Dritten betrachtete er nur als gesellschaftliche Schnörkel, die er mit der Feder seines Herzens um den einen Namen beschrieb. Und er diente nicht ohne Erhörung. Er wurde von ihr wie ein alter Freund unter Fremden behandelt. Sie bat ihn leise, einen oder den andern Tanz mit ihr zu tanzen, ja sie bat ihn sogar einmal, zu Gunsten eines neu angekommenen Vetters auf seine Rechte zu verzichten. Und sie freute sich, als Anton über dies Ereigniß grenzenlos betrübt war, keine andere Dame aufforderte, sondern still den Tanzenden zusah. Niemals entfernte er sich eher, bis sie den Saal verlassen hatte, dann stand er unweit der Thür, um noch die letzten Aufträge, einen Gruß, einen Blick ihres glänzenden Auges zu erhalten. Und auch ihr Auge flog, so oft sie in den Saal trat, suchend in den Kreis der schwarzröckigen Herren, bis sie Antons braunen Kopf erkannt hatte, dann erst fühlte sie sich heimisch in dem erleuchteten Raum.

Auch mit vielen der Herren kam Anton in ein freundliches Verhältniß. Fink beeilte sich, ihn bei Feroni einzuführen. Zwar gefiel ihm Manches an seinen neuen Bekannten nicht, ihre Urtheile waren zuweilen roher, als ihm behaglich war, und er hatte mehrere von ihnen bald in Verdacht, herzlich ungebildet zu sein. Aber ihre Art zu sprechen und sich zu geberden imponirte ihm doch, vor Allem eine gewisse ritterliche Atmosphäre, die sie umgab, etwas Salonduft, etwas Stallluft und viel von dem Aroma der Weinstube. Da Anton eine harmlose Laune bewies, der nächste Bekannte des mächtigen Fink war und zuweilen eigenen Willen zeigte, wenn er nach Mitternacht gegen eine vorgeschlagene letzte Flasche protestirte, oder die abwesenden Damen gegen eine übermüthige Kritik mit frommem Ernst vertheidigte, so erhielt er unter den andern Herren der Tanzstunde das Renommée eines guten Kerls.

Gleich in den ersten Wochen hatte Anton Gelegenheit, seine angebetete Tänzerin in einer Situation zu sehen, welche die gewaltigsten menschlichen Leidenschaften aufregte. Die jüngeren Damen des Kränzchens waren natürlich unter einander alle ein Herz und eine Seele, jedoch verstand sich von selbst, daß einige in der Stille andere nicht recht leiden konnten. So entstanden Parteien. Bald bildeten sich zwei große Bundesgenossenschaften, zwischen denen Einzelne hin und her schwankten, die aber im Ganzen fest zusammenhielten und im Geheimen starke Antipathien gegen die Gegenpartei nährten. Es kam so weit, daß an einem Abend sämmtliche Damen der einen Partei eine weiße Camellie in der Mitte ihres Ballstraußes trugen und ein sehr auffallendes hellbraunes Band von dem Strauß herunterhängen ließen; dies hatte zur nothwendigen Folge, daß die Gegenpartei am nächsten Abend mit rothen Camellien im Strauß erschien und ein grünes Band darum wand. An der Spitze der Braunen stand Lenore, das Haupt der Grünen war Eugenie, die Tochter des Hauses. Im Vertrauen gesagt, die Grünen waren unerträglich. Sie machten Ansprüche ohne Berechtigung, sie waren moquant, sie gaben sich das Air, älter zu sein, als die Braunen. Weil Hulda Werner und Mechthild Fiorelli den Winter zuvor in der Residenz gewesen waren und auf den Hofbällen getanzt hatten, und weil Fanny Mareschalk bei einem lebenden Bild die Genoveva dargestellt hatte, mit ihrem kleinen Bruder und einem Rehkalb zur Seite, die durch Bänder an die hölzerne Rasenbank festgebunden waren, deßhalb erhoben sie solche Ansprüche. Zu den Braunen gehörten Theone Lara und die reizende Hildegard Salt, zwei innige Freundinnen, die immer Arm in Arm gingen, gleiche Ballroben trugen, und im Anfange des Winters geschworen hatten, einander nie zu verlassen, ein Schwur, gegen dessen Erfüllung sich die einzige Schwierigkeit erhob, daß ihre Eltern den Sommer über in den beiden entgegengesetzten Ecken der Provinz wohnten. Beide waren schwärmerische Naturen, die alle Gefühle mit einander theilten, Beide sangen, Beide spielten den Flügel, Beide liebten dieselben Dichter, Beide hatten einen unüberwindlichen Abscheu vor Herren mit Kinnbärten, Beide saßen wie zwei Sympathievögel zusammen und fanden ihr höchstes Glück darin, einander die Gefühle in's Ohr zu flüstern, die ihnen das Benehmen eines Herrn erregte, oder das melancholische Vorspiel eines Walzers. Diese Beiden schlossen sich bald innig an Lenore Rothsattel; sie, Valeska Panin und Hortense Leloup bildeten den Mittelpunkt der braunen Partei; Lenorens stattliche Größe ragte aus dem Kreise dieser Getreuen hervor, wie die Gestalt eines Häuptlings unter seinen Kriegern. Wenn ein Tanz beendet war, machte sich's von selbst, daß die Braunen zusammentraten; wenn sie in der Quadrille gegen einander tanzten, so erhoben sie unmerklich ihren Strauß und grüßten einander.

Natürlich war Anton braun, braun vom Kopf bis zum Fuß, und als er über seine Gemüthsstimmung ein offenes Bekenntniß ablegte, indem er an einem Abend in braun und weiß gestreifter Ballweste erschien, wurde er in der ersten Tour des Cotillons von allen Damen der Partei auf Verabredung geholt, ein Ereigniß, welches sogar bei den Ehrendamen am Rande des Salons große Aufregung hervorbrachte. Es thut dem wahrhaftigen Geschichtschreiber leid, zu melden, daß Fink unter die Grünen gerechnet wurde, nicht unbedingt, denn er behandelte, wie die Braunen behaupteten, seine grünen Tänzerinnen sehr nachlässig, aber da Eugenie Baldereck seine Dienste vorzugsweise in Anspruch nahm, so war es, wie Anton entschuldigend sagte, seinem Freunde nicht möglich, sich dem Einfluß dieser Farbe ganz zu entziehen. Nun begab sich Folgendes:

Theone Lara hatte ein Tagebuch, in das sie ihre Empfindungen mit einer schwarzen Krähenfeder durch winzig kleine Buchstaben einzeichnete. Außer der bereits früher erwähnten Geschichte von den zwei Molchen stand alles Andere darin, was ihr Herz jemals erregt hatte, ihre Ansichten über Natur, die Menschen und das Kränzchen. Es war ihr höchster Schatz. In einer himmlischen Stunde hatte sie Hildegard Salt in die Geheimnisse dieses Buches eingeweiht, Beide hatten einander geküßt und viel geweint und über diesem Buche ewige Freundschaft beschworen. Von da ab führten Beide das Tagebuch gemeinschaftlich. Ihre vertrautesten Gefühle, die allergeheimsten Bemerkungen waren darin aufgezeichnet. Nach einem Kränzchenabend, wo Lenore sehr nett gegen sie gewesen war, schlossen sie ihr Herz auch gegen diese auf und zeigten ihr wenigstens einige Blätter des Buchs. Seit der Zeit hatte auch Lenore zuweilen den Vorzug gehabt, etwas hineinzuschreiben. Da aber ihre Stärke nicht sowohl war, Gefühle aufzuzeichnen, als vielmehr Gesichter und lächerliche Männchen zu malen, so hatte sie einige Karrikaturen hineingesetzt, und Hildegard, welche Gedichte machen konnte, hatte zu jedem Bilde einige Zeilen gedichtet. In dieses theure Buch durfte kein fremdes Auge blicken, Niemand durfte das Heiligthum sehen und berühren. Theone trennte sich niemals davon. Am Tage und in der Nacht trug sie es bei sich. Bei Nacht lag es unter ihrem Kopfkissen, und während die Kammerjungfer sie anzog, steckte sie es heimlich oben in den Schnürleib hinein und trug es an ihrem warmen unschuldigen Herzen. Es war ein ganz kleines dünnes Buch in carmoisine Seide gebunden. Wenn Hildegard sie zärtlich ansah, oder Lenore sie mit dem Ballstrauß auf den Arm schlug, so deutete sie mit dem Finger heimlich auf ihre Brust. An diesem Abend hatte sie das Buch wieder an seine Stelle geschoben, während der ersten Tänze hatte sie es deutlich gefühlt. Nach einer Quadrille fühlte sie danach, das Buch war verschwunden.

Es war verschwunden, es war nicht mehr an ihr, es mußte während des Tanzes hinausgesprungen oder hinabgeglitten sein bis auf den Fußboden. Wie so etwas möglich war, ist ihr selbst und allen Betheiligten ewig ein finsteres Räthsel geblieben. -- Sie war einer Ohnmacht nahe; kaum vermochte sie Hildegard bei Seite zu ziehen und ihr das Schreckliche zu klagen. Hildegard rief Lenoren, vernichtet standen die Drei neben einander. Das Bundesheiligthum war verloren, es war in fremde Hände gefallen, ja entsetzlich zu denken, vielleicht sogar in die Hände der Grünen. Auf jeder der letzten Seiten waren schelmische Bemerkungen, sämmtliche Herren waren darin aufgeführt, mit fremden Namen zwar, Fink hieß Zeisig, Tönnchen Nußknacker, aber wer konnte dafür stehen, daß sie nicht diese Chiffresprache herausbrachten? Und was mußte dann geschehen! Es war Untergang! Ruin der Tanzstunde, Familienzwist, Auflösung aller menschlichen Bande. Theone saß verstört, sie dachte einen Augenblick an Gift, dann wieder an Flucht, weit hinweg aus allen Ländern, in denen man tanzte. Lenore faßte sich zuerst. »Laß uns suchen,« rief sie, Hildegard am Arme fassend, »vielleicht liegt's noch irgendwo im Saale. Ich sehe nach der Mitte, den Herren unter die Füße, du unter die Sitze der Damen.«

So zogen sie mit einander durch den Saal, äußerlich lustwandelnd, in dem Herzen die Hölle, scheinbar mit einander plaudernd, innerlich weinend. Zuweilen redete ein langweiliger Herr sie an und zwang sie, still zu stehen und zu antworten, während die fliegende Angst in ihrem Haupte umherraste: »jetzt vielleicht findet's ein Anderer.« Sie kamen durch die Gruppe der Grünen, wo sie nach allen Seiten anhalten mußten, um zu lächeln und Freundliches zu sagen, sie kamen zu Eugenie Baldereck, die sie frug, ob es nicht zweckmäßig sei, noch einen Tanz anzuhängen, während sie daran denken mußten, daß in dem Buch ein unverkennbares Portrait zu sehen war mit der Unterschrift: »Naseweis, gefühllos, keck ist E...... B.......;« sie kamen, wehe, wehe! sogar in Finks Nähe, von dem eine schreckliche Zeichnung war, wie er mit Herrn von Tönnchen in einem Rebenstock saß, mit der Unterschrift:

Ein Zeisig und Nußknacker tranken sich voll, Der Zeisig sang: mein Schnabel ist spitz, Grün sind meine Federn und grün mein Witz: Der Nußknacker seufzte: ich bin so hohl, Ich weiß nicht, was das bedeuten soll.

So zogen sie zwei Mal durch den Saal; ein drittes Mal wagten sie's nicht mehr, sie hatten nichts gefunden. Trostlos kamen sie zu Theone zurück.

»Es giebt nur ein Mittel,« rief Lenore. »Wo ist Herr Wohlfart?«

Hildegard hielt sie zurück. »Du willst doch nicht einem Herrn --«

»Ich übernehme die Bürgschaft,« sagte Lenore stolz; »er ist treu, wo steht er?«

»Dort spricht er mit Frau von Baldereck.« Die beiden Suchenden gingen langsam an Anton vorüber, er drehte ihnen zwar den Rücken zu, aber als sie näher kamen, zog es ihn unwiderstehlich, nach der Musik zu sehen. Er wandte sich um, Lenore stand vor ihm, sie sah ihn bedeutsam an, er löste die Unterhaltung mit Frau von Baldereck, er sprach zu ihnen, sie hatten ihn. »Herr Wohlfart, ein kleines Buch in rother Seide, so groß, ist hier im Saale von Theone Lara verloren. Es ist uns unendlich viel daran gelegen, bitte, bitte, schaffen Sie es uns zurück.«

»Ist es gedruckt?«

»Nein, geschrieben, auch Sie dürfen nicht hineinsehen, es sind unsere Geheimnisse darin. Schwören Sie mir, daß Sie mit keinem Auge hineinsehen, wenn Sie es finden.«

»Ich schwöre es Ihnen zu,« erwiederte Anton feierlich.

»Ich danke Ihnen, bitte, seien Sie vorsichtig.«

Anton eilte in das Gewühl und beschäftigte sich die nächste Viertelstunde mit Suchen. Nichts lag auf dem Boden, nichts auf den Plätzen, keiner von den Dienern hatte etwas gefunden, das Buch war verschwunden. In tiefstem Mitgefühl brachte er den Damen die traurige Nachricht. Der Tanz begann. Theone vermochte vor Kopfschmerz nicht sich zu erheben, der innerste Schrein ihres Herzens war geöffnet, sein Inhalt auf den Markt geworfen, alle ihre Gefühle lagen nackt vor Jedermanns Auge, alle ihre Geheimnisse wurden Gemeingut einer rohen Außenwelt. Lenore fühlte das Unglück mehr vom Parteistandpunkt. Die Braunen waren in Gefahr, eine Niederlage zu erleiden, von der sie sich niemals erholen konnten. Und jetzt tanzen! Es war ein Tanz, wie auf einem Vulkan, der Boden war glühende Lava, jeden Augenblick konnte die Explosion erfolgen. Je länger die Verbündeten über ihr Schicksal nachdachten, desto schrecklicher wurden die Aussichten; denn immer noch fielen ihnen neue Gräßlichkeiten ein, die in dem Buche standen.

Als der Tanz beendigt war, begab es sich, daß Fink im Vorbeigehen vor Hildegard mit dem Fuß auf den Boden wippte und zu ihr gewandt sagte: »Dieser Boden klingt so hohl, ich weiß nicht, was das bedeuten soll, vielleicht liegt ein verlorener Schatz unter den Füßen.«

Hildegard stürzte zu Lenore und dem kranken Sympathievogel und rief außer sich: »Herr von Fink weiß es.« Die braunen Bänder flatterten in eine Ecke, die Mädchenköpfe fuhren zusammen und hielten Berathung. Endlich wurde entschieden, daß diese Aeußerung sehr beunruhigend sei, aber keine Gewißheit des Unglücks gebe.

Doch auch diese letzte Unsicherheit sollte verschwinden, denn Finks Benehmen wurde auffallend. Er vernachlässigte heut seine Partei, er suchte alle Braunen auf, er setzte sich zu Theone, welche die Greuel von Juliens Sterbescene und den Untergang des Hauses Capulet bereits drei Mal durchgekostet hatte und ihre Thränen gar nicht mehr zurückhalten konnte; er fing ein Gespräch mit ihr an, er zwang sie zu antworten, er beklagte ihr bleiches Aussehen und schalt auf das heiße Zimmer. Er quälte sie bis zur Ohnmacht und schloß endlich seine teuflische Rache damit, daß er sie auf Hulda Werner aufmerksam machte und frug: »Wie gefällt Ihnen das grüne Kleid? Sieht sie nicht aus wie ein Zeisig?« -- Sein nächstes Opfer war Lenore. Sie stand unter ihrer Schaar noch immer mit dem Stolz einer Fürstin, aber einer entthronten. Vor allen ihren Getreuen redete Fink sie an. Sie war artiger gegen ihn, als je in ihrem Leben, sie preßte ihr Taschentuch zusammen, daß die Spitze riß, um sein Lächeln ruhig auszuhalten. Alles ging gut, bis zu dem Augenblick, wo er dem vorübergehenden Herrn von Tönnchen mitten im Gespräch zurief: »Benno, knacken Sie gern Nüsse?«

Benno Tönnchen, der auch ein Grüner war, sagte verwundert: »Nein, wenn Fräulein Lenore uns eine aufgegeben hat, so fürchte ich, wird sie für mich zu hart sein.«

Jetzt war es entschieden, kein Zweifel mehr möglich, Fink hatte das Buch. Die braunen Bänder rauschten auseinander, die Partei glich einem Schwarm entsetzter Küchlein, unter welche der Habicht stößt. Nur Lenore nahm sich zusammen und trat entschlossen auf Fink zu. »Sie haben das Buch, Herr von Fink, eine meiner Freundinnen hat es verloren und ist sehr unglücklich darüber. Sein Inhalt ist nicht für fremde Augen, er kann in dieser Gesellschaft großen Aerger verursachen. Ich bitte, daß Sie mir das Buch zurückgeben.«

»Ein Buch?« frug Fink neugierig, »was für ein Buch?«

»Verstellen Sie sich nicht,« sagte Lenore, »es ist uns Allen deutlich, daß Sie es haben. Ich kann nicht glauben, daß Sie es nach dem, was ich Ihnen über die Folgen gesagt habe, noch einen Augenblick behalten können.«

»Ich könnte es behalten,« nickte Fink. »Sie sind zu gütig, wenn Sie mir ein solches Zartgefühl zutrauen.«

»Das wäre mehr als unartig,« rief Lenore.

»Es würde mir das größte Vergnügen machen, mehr als unartig zu sein, wenn ich das Buch hätte. Ein Buch, das Ihnen, oder einer Ihrer Freundinnen gehört, das möglicher Weise Ihre Handschrift oder eine andere Erinnerung an Sie enthält, das werde ich Ihnen in keinem Fall zurückgeben, wenn ich es finde; und wenn ich erfahre, wo es liegt, werde ich es stehlen. Und wenn ich es habe, werde ich es Zeile für Zeile auswendig lernen. Ich werde Ihnen dadurch zu gefallen suchen, daß ich Ihnen einige Stellen daraus vortrage, so oft ich die Freude habe, Sie zu sehen.«

Lenore trat ihm einen Schritt näher, und ihre Augen flammten. »Wenn Sie das thun, Herr von Fink,« rief sie, »so werden Sie als ein Unwürdiger handeln.«

Fink nickte ihr freundlich zu. »Der Eifer steht Ihnen allerliebst, Fräulein; aber wie können Sie Würde von einem lustigen Vogel verlangen, wie ich bin? Die Natur hat ihre Gaben verschieden ausgetheilt, Manchem hat sie verliehen, Verse zu machen, Andere zeichnen kleine Bilder, ich habe von ihr einen spitzen Schnabel erhalten, den gebrauche ich. Haben Sie je einen würdigen Zeisig gesehen?« Er wandte sich lachend ab, faßte Benno Tönnchen beim Arm und ging mit ihm nach der Thür.

Lenore eilte zu Anton: »Herr von Fink hat das Buch, ich flehe Sie an, schaffen Sie es uns zurück, er hat sich geweigert. Er darf nicht weiter darin lesen, es wäre Theonens Tod.«