Soll Die Plattdeutsche Sprache Gepflegt Oder Ausgerottet Werden
Chapter 2
Folgen wir ihm, wenn er aus der Kirche kommt. Die Predigt ist herabgefallen, der Gesang verrauscht wie ein Platzregen auf seinen Sonntagsrock, zu Hause zieht er diesen aus und haͤngt ihn mit allen Worten und himmlischen Tropfen, die er nicht nachzaͤhlt, bis zum kuͤnftigen Sonntag wieder an den Nagel. Frage: kann er die hochdeutsche Predigt hochdeutsch durchdenken, spricht er mit Nachbaren, mit Frau und Kindern hochdeutsch vom Inhalt derselben, ist er gewohnt und geuͤbt, ist er nur im Stande, den religioͤsen Gedankengang in's Plattdeutsche zu uͤbersetzen? Antwort: schwerlich. Frage: hat ihn die Predigt das Herz erwaͤrmt, den Verstand erleuchtet? Antwort ein Schweigen. Armer Bauer, vor mir bist du sicher, ich lese dir daruͤber den Text nicht. Kannst du etwas dafuͤr, daß der Kanzelton nicht die Grundsaite deines Lebens beruͤhrt, daß jener Nerv, der von zart und jung auf gewohnt ist, die Worte der Liebe, der Herzlichkeit, des Verstaͤndnisses in dein Inn'res fortzupflanzen, nicht derselbe ist, der sich vom Klang der hochdeutschen Sprache ruͤhren laͤßt. Wer auf der Gefuͤhlsleiter in deine Herzkammer herabsteigen will, muß wollene Struͤmpfe und hoͤlzerne Schuh anziehen, in schwarzseidenen Struͤmpfen dringt man nicht bis dahin. Wuͤßte man nur, begriffe man nur, wie es in deinem einfaͤltigen Kopf zusteht und daß die hochdeutschen Woͤrter und die plattdeutschen Woͤrter, die du darin hast sich gar nicht gut mit einander vertragen, sich nicht verstehn und sich im Grund des Herzens fremd, ja feind sind. Die plattdeutschen Woͤrter sind deine Kinder, deine Nachbaren, dein alter Vater, deine selige Mutter, die hochdeutschen sind der Schulmeister, der Herr Pastor, der Herr Amtmann, vornehme Gaͤste, die dir allzuviel Ehre erweisen, in deinem schlechten Hause vorzukehren, mit dir vorlieb zu nehmen, Woͤrter in der Perruͤcke, in schwarzem Mantel, welche deine und deiner plattdeutschen Wort Familie Behaglichkeit stoͤren, dich in deiner Luft beeintraͤchtigen, dir bald von Abgaben, bald von Tod und juͤngsten Gericht vorsprechen, Grablieder uͤber deinen Sarg singen werden, ohne sich uͤber deine Wiege gebuͤckt und _Eia im Suse_ und andere Wiegenlieder gesungen zu haben. Armer Bauer, ich habe dich immer in Schutz genommen und diese Schrift, obgleich du sie nicht lesen wirst, ist eigentlich nur fuͤr dich und zu deinem Heil und Besten geschrieben. Viele Leute aus der Stadt klagen dich an, daß du trotz deiner Einfalt verschmizt bist, trotz deiner Rohheit nicht weniger als Kind der Natur bist, sie sagen, daß du dir eine und die andere Gewissenlosigkeit gar wenig zu Herzen nimmst. Aber ich habe ihnen immer geantwortet, unser Bauer hat nicht zu wenig Gewissen, er hat zu viel. Er hat zwei Gewissen, ein hochdeutsches und ein plattdeutsches, und das eine ist _ihm_ zu fein, das andere _uns_ zu grob und dickhaͤutig. Zu diesem wird ihm in seinem eigenen Hause der Flachs gesponnen, jenes webt ihm die Moral und die Dogmatik; in dem einen sitzt er wohl und warm und es ist sein Kleid und Brusttuch so lange er lebt, in dem andern friert ihn und er haͤlt es nur deswegen im Schrank, um damit einmal anstaͤndig unter die Schaar der Engel zu treten.
Ist ihm sein Verhaͤltniß zum Staat durch den hochdeutschen Unterricht vielleicht klarer geworden, als sein Verhaͤltniß zur Kirche? Erwirbt er sich durch das hochdeutsche Medium, das einzige, das ihm Aufschluͤsse uͤber eine so wichtige Angelegenheit geben kann, Kenntnisse von seinen Rechten und Pflichten im Staats-Verein, ist ihm dadurch ein Gefuͤhl von Selbststaͤndigkeit, ein Bewußtsein von den Grenzen der Freiheit und des Zwanges, von Gesetz und Willkuͤhr aufgegangen, Gemeinsinn geweckt: sein dumpfes egoistisches Selbst zu einem Bruderkreise erweitert, der Wohl und Weh an allen Gliedern zugleich und gemeinschaftlich spuͤrt? _Wie_ das alles? Seine Beamte klaͤren ihn nicht auf und er selber — er liest nicht, er nimmt keine Schrift, kein Blatt zur Hand, er laͤßt sich auch nicht vorlesen, das ist gelehrt, hochdeutsch, geht uͤber seinen Horizont, laͤßt sich nicht weiter besprechen, sein Verstand hat kaum einen Begriff, seine Sprache kein analoges Wort dafuͤr. Armer Bauer. Und wenn Wunder geschaͤhen und die tausend Stimmen der Zeit, die fuͤr dich und an dich gesprochen, dein Ohr nicht erreichen, wenn sie sich verwandelten und ergoͤßen in eine goͤttliche Stimme, die vom Himmel riefe: Bauer, hebe dein Kreuz auf und wandle — du wuͤrdest liegen bleiben und sprechen: das ist hochdeutsch.
Wie er seine Acker vorteilhafter bestellen, seine Geraͤthe brauchbarer einrichten, nuͤtzlicher dieses und jenes betreiben, wohlfeiler dieses und jenes haben koͤnne, das lehren ihn Blaͤtter und Schriften, von Gesellschaften oder Einzelnen herausgegeben, vergebens: er liest sie nicht. Schlaͤgt man ihm sonstige Verbesserungen und Veraͤnderungen vor, so schuͤttelt er den Kopf und bleibt starrsinnig beim Alten. _Dat geit nich, dat wil ik nich, dat kan ik nich, ne dat do ik nich_; ungluͤckselige, stupide Worte, wie viele beabsichtigte Wohlthaten macht ihr taͤglich scheitern, habt ihr scheitern gemacht. Unseliger Geist der Traͤgheit, der hier mit der Sprache Hand in Hand hinschlentert, mit dieser vereint, durch diese gestaͤrkt allem Neuen und Bewegenden Feindschaft erklaͤrt. Wann erlebt der Menschenfreund, daß dieses unsaubere Paar geschieden wird. Wann erscheint die Zeit, wo diese Eselsbruͤcke zwischen Gestern und Vorgestern abgebrochen wird, wo die einzig; moͤgliche Verbindungsstraße zwischen der heutigen Civilisation und dem norddeutschen Bauer, die hochdeutsche Sprache, diesem wahrhaft zugaͤnglich gemacht wird? Aermster, ich klage dich ja nicht an, ich bedaure dich ja nur.
Oder muß es so sein, muß der deutsche Bauer ein Klotz, ich sage ein Klotz bleiben. Ist es sein ewiges Schicksal nur die Plage des Lebens und nicht deßen Wohlthaten zu genießen? Wird sich nicht einmal seine enggefurchte Stirn menschlich erheitern, ist es unvereinbar mit seinem Stande, seinem Loose, gebildeter Mensch zu sein, mit gebildeten Menschen auf gleichem Fuß zu leben, sich nicht allein mit Spaten und Pflug, sondern auch mit Kopf und Herzen zu beschaͤftigen?
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Das sind sehr exotische Ideen in Niedersachsen! Ich weiß, ich weiß. Ich will sie aber aussprechen, ich will sie vertheidigen, ich will das Meinige dazu thun, daß _einheimische_ Ideen, Fragen und Wuͤnsche daraus werden. Lange genug ist die Bildung ein ausschließliches Vorrecht einiger Menschen, gewißer Staͤnde gewesen. Das muß aufhoͤren, gebildet sollen alle Menschen sein, gelehrt wer will. Volksbildung, und nicht bloß wie bisher Volksunterricht, soll und wird das Ideal, das Feldgeschrei der Zeit werden. Unsere Gelehrten, unsere Beamte, unsere guten Koͤpfe unter den Schriftstellern werden ihren Hochmuth fahren lassen, sich des Volkes erbarmen, und sich einmal erinnern, daß sie selber in der Mehrzahl aus dem Volke stammen. Noch im vorigen Jahrhundert gab sich so ein Gelehrter, Philosoph, Dichter, der vielleicht aus dem dunkelsten Stande geboren war, die laͤcherliche Miene, als ob er unmittelbar aus dem Haupt des Gottes der Goͤtter entsprungen sei und den Olymp besser kenne, als das Haus der armen Frau: die ihn mit Schmerzen geboren und mit Thraͤnen, Sorgen und Entbehrungen groß gezogen hatte. Kein Dichter stuͤrmte seinen Schmerz und Unmuth uͤber die Erniedrigung des Volks in die Saiten, kein Gelehrter schaͤmte und graͤmte sich, die ihm von Natur naͤchsten und liebsten Wesen von sich getrennt zu sehn durch eine ungeheure geistige Kluft, welche nur die Bildung der alten und neuen Welt auszufuͤllen vermogte. Lessing schreibt den Nathan, und beweist, daß der Jude eben so viel Anspruͤche habe auf den Himmel als der Christ, aber er schreibt nichts, worin er beweist, daß der Bauer, sein Vetter, eben so viel Anspruͤche habe den Nathan zu lesen, als der vornehme und gebildete Stadtmensch. Winkelmann steht am Fuße des Vatikans und erfuͤllt die Welt mit Orakelspruͤchen uͤber die Schoͤnheiten des Apoll von Belvedere, uͤber das goͤttliche zornblickende Auge, die geblaͤhten Nasenfluͤgel, die veraͤchtlich aufgeworfene Unterlippe, „eben hat er den Pfeil abgesandt nach den Kindern der Niobe, noch ist sein Arm erhoben,“ und im selbigen Augenblicke vielleicht, als er dieses spricht, hebt sein Vater, ein armer Altflicker, gedruͤckt und gebuͤckt uͤber den Leisten hingebogen, Pfriem und Nadel in die Hoͤhe, blickt mit geisttodten, stumpfen Augen auf einen Kinderschuh und gewaͤhrt den Anblick eines Menschen, gegen den gehalten der letzte Sclave des Praiteles, der an die Palaͤste der altroͤmischen Großen wie ein Hund angekettete Thuͤrwaͤchter apollinische Gestalten waren.
Volksbildung, o das Wort hat einen griechischen Klang in meinen Ohren und ich muß daher fast bezweifeln, ob es auch von meinen Landsleuten gehoͤrig verstanden wird. Schulleute und Gelehrte werden schon wissen, was ich meine, ich brauche nur die Woͤrter zu nennen: γυμναςτιχα, _studia liberalia, id est_, wie mein alter Schuldirektor glossirend hinzufuͤgte, _studia libero homine digna_. Fuͤr das groͤßere Publikum muß ich mich wol zu einer etwas umstaͤndlichern Erklaͤrung anschicken und besonders fuͤr diejenigen, welche nicht begreifen, wie das Volk nicht bloß unterrichtet, in Lesen und Schreiben geuͤbt, sondern auch gebildet werden solle.
Zur Volksbildung, wie zu jeder Bildung gehoͤrt zweierlei, etwas Negatives und etwas Positives. Sage ich aber vorher, daß ich die Saiten nicht zu hoch spanne und daß ich so dem natuͤrlichen Muthwillen der Knaben die ganze koͤrperliche Gymnastik, und der Gunst der Goͤtter ihren Schoͤnheitssinn, ihre musikalische Praxis und dergleichen uͤberlasse. Im Negativen ist die Aufgabe der Bildung, die _vis inertiae_ der rohen Natur vertreiben und bezwingen zu helfen — das Kapitel ist weitlaͤufig — es besteht aber die _vis inertiae_, die Erbsuͤnde des menschlichen Geschlechts, darin, daß im Allgemeinen der ungebildete Mensch — was nun gar der norddeutsche Bauer — Selbstdenken scheut, Vorurtheile pflegt, fremde Meinungen herleiert, Thier der Gewohnheit, tausendstes Echo, Sclave von Sclaven ist, besteht, wie schon die Bibel sagt, darin, daß er Augen hat zu sehen und nicht sieht, Ohren um zu hoͤren und nicht hoͤrt, besteht, um alles kurz zusammenzufassen, darin, daß er sich seines eigenen Verstandes, seines eigenen Gefuͤhls, seines eigenen Willens nur in den wenigsten Augenblicken des Lebens bewußt wird. — Der weichenden Kraft der Traͤgheit folgt, wie eine elastisch nachdruͤckende Feder, die allmaͤhlich hervorspringende Kraft der Thaͤtigkeit. Diese soll beschaͤftigt werden, _angemessenen_ Stoff finden, eine _bestimmte Richtung_ erhalten. Das ist das Geschaͤft der Bildung im Positiven, das ist das Saͤen des Weizenkorns, wenn der Acker von Steinen gereinigt, von unfruchtbarer traͤger Last befreit, durchbrochen, gepfluͤgt und gefurcht. Trieb, Lust und Kraft zum Verarbeiten des Saamenkorns in sich spuͤrte. Mensch und Acker, diese beiden uraͤltesten, natuͤrlichsten und durch den religioͤsen Stil aller heiligen Urkunden gleichsam geweihten Vergleichungsobjekte, sind sich hauptsaͤchlich darin aͤhnlich, daß der Schoͤpfer uͤber beide das Wort ausgesprochen hat: erst gepfluͤgt und dann gesaͤet — erst den starren traͤgen Zusammenhang der Oberflaͤche, der Gemuͤthsdecke durchbrochen, dann hinein mit dem lieben Korn und — jedem Feld das seinige nach Art des Beduͤrfnisses, nach Guͤte und Beschaffenheit des Bodens[4].
Lehrer, wollt ihr mehr als Lehrer, wollt ihr Bildner des Volks sein, lehrt denken, denken und abermals denken. Gedankenlosigkeit fuͤr eine Suͤnde, bestraft sie wie einen Fehler, bindet meinetwegen euren Schuͤlern ein symbolisches Brett vor den Kopf oder stellt sie mit dem Kopf an die bretterne Wand, oder haͤngt ihnen, wie die Englaͤnder thun, Eselsohren an, oder setzt sie, wie unsere Alten thaten, mit dem Steiß auf hoͤlzerne Esel und vor allen Dingen, huͤtet euch, selbst die Esel zu sein.
Ich bin aber gar nicht gesonnen, bloß den Lehrern _ex professo_ die Volkserziehung anheim zu stellen — ihnen dieselbe auf den Stuͤcken zu laden, sollte ich wol sagen, bedenke ich das Loos so vieler tausend braven Maͤnner, die bei kuͤmmerlichem Brod ihre taͤgliche Noth und Sorge haben. Nur immer die Lehrer, nur alles auf ihre Kappe, nur alle Sorge, allen schlechten Erfolg der Erziehung auf ihren Antheil gewaͤlzt. Das ist bequem, bequem freilich, aber nicht patriotisch. Jeder Patriot ist gelegentlich und er sucht die Gelegenheit — Erzieher, Bildner der Menschen, in deren Umgebung er lebt, hier hebt er einen Stein auf, dort ist sein Wort eine Pflugschaar, welche ein Stuͤck harter Kruste aufreißt, dort ein Saamenkorn, das sich heimlich und zu einstiger Frucht in die Spalten des Gemuͤths einsenkt.
Volksbildung, Wunsch meiner Wuͤnsche, Ideal, nicht traͤumerisches, abgoͤttisches, ruͤckwaͤrts gewandtes, aufwaͤrts in den leeren Himmel blickendes, ich glaube an Dich; Ideal, das keinem Dichter vielleicht Stoff zum Besingen gibt, das vielleicht unter der Wuͤrde des Metaphysikers steht, das die scholastische Zunft Ketzerei schilt und der Politiker belaͤchelt, Ideal meiner Seele, Ideal aller Patrioten, im Namen aller spreche ich es aus, ich glaube doch und noch immerfort an Dich.
Laßt ihr gebildeten Niedersachsen die alten Feudalvorurtheile uͤber den Stand eurer Bauern die unreifen Ansichten uͤber ihre Bildungsfaͤhigkeit fallen und fahren; erstere sind so roh, wie leider der Bauernstand jetzt noch selber, letztere so intellektuell hochmuͤthig, wie man nur immer von einem Stand exklusiv Gebildeter im und uͤber'm Volk erwarten kann. Bedenkt aber, was ich sage. Ein Leibnitz, zehn Jahr mit sich allein im dunkeln feuchten Kerker, kann so dumm und albern werden, daß Gaͤnsejungen und Kuhhirten ihren Witz an ihm versuchen. Nun, Monaden sollen unsere Bauern freilich nicht erfinden, Leibnitze nicht werden, aber doch mit denselben Atomen _ihres Hirns_ uͤber die Erscheinungen in der Welt, uͤber Natur und Staat ihre Begriffe zusammensetzen, verbinden und aufloͤsen, Gedanken bilden, Urtheile faͤllen und uͤberhaupt sollen sie geistige Operationen vornehmen, welche in Leibnitzens Kopf schaͤrfer oder abstrakt einseitiger durchgefuͤhrt die Lehre von urtheilbaren beseelten Weltstaͤubchen zum Resultat hatten.
Doch, das alles wird euch ein mecklenburgischer Bauer besser auseinandersetzen — wenn ihr nach einem Hundert oder Zweihundert Jahren zu _reveniren_ Gelegenheit finden solltet.
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Im vorherigen Abschnitt habe ich besonders oder ausschließlich nur auf die durch die herrschende plattdeutsche Sprache verhinderte und daher auch trotz dem Unterricht im Hochdeutschen verfehlte Bildung des Landmanns Ruͤcksicht genommen[5]. Es ist aber auch schwer, wenn von der gewerbtreibenden Klasse, der großen Bevoͤlkerung _norddeutscher Staͤdte_ die Rede ist, die Hemmung und Stockung zu verkennen, welche die plattdeutsche Sprache, wo sie dem taͤglichen Umgang angehoͤrt, uͤber die Koͤpfe verhaͤngt. Man stoͤßt sich da, wo der Block liegt, nur sind die Pfaͤhle, welche den engen plattdeutschen Ideenkreis in der Stadt wie auf dem Lande begrenzen und umpfloͤcken, hier mehr roh, dort mehr spießbuͤrgerlich abgeschaͤlt und hollaͤndisch uͤberpinselt, das ist der Unterschied. Doch giebt es besonders aus groͤßeren norddeutschen Staͤdten, eine erfreuliche Thatsache zu berichten. Viele aus den mittleren achtbaren Staͤnden, Handwerker u.s.w. haben in neuer und neuester Zeit angefangen, sich und ihren Familien eine andere Stellung zur hochdeutschen Sprache und Kultur zu geben, als von ihren Vaͤtern und Vorfahren eingenommen wurde. Ruͤhmlich ist es, was diese fuͤr ihre Kinder thun, mit wie viel Opfern sie oft ihren Lieblingen Gelegenheit verschaffen, sich fuͤr ihren kuͤnftigen Stand so zu befaͤhigen, daß sie nicht, wie jetzt noch die Meisten aus dieser Klasse, mit leeren Haͤnden und offenen Maͤulern den Strom der Einsichten, Ideen, Kenntnisse und Bestrebungen an sich voruͤberrauschen sehen, der Europa, Amerika, die Welt erfuͤllt. Ruͤhmlich und verstaͤndig zugleich, denn es leitet sie der richtige Takt in der Beobachtung, daß Besitz und Vermoͤgen in der Welt immer mobiler werden, daß im raschen Wechsel der Dinge, außer dem blinden Gluͤck, worauf zu rechnen Thorheit waͤre, Verstand und Kenntnisse, die aͤchten Magnete sind, um den aus den Taschen der Erwerbenden und Genießenden lustig hin und her wandernden Besitz anzuziehen, zusammenzuhalten und zu vermehren.
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Waͤhrend der niedersaͤchsische Bauer bis uͤber Kopf und Ohren im Plattdeutschen steckt, der Buͤrgersmann aber schon anfaͤngt, sich zwangloser, als bisher, des hochdeutschen Mediums zu bedienen, sollte man vom Gebildeten _par exellence_, vom Musensohn, vom Beamten des Staats und der Kirche u.s.w. aussagen duͤrfen, daß er sich mit voͤlliger Freiheit und Lust in hochdeutscher Sprache und Bildung bewegte und vom plattdeutschen Idiom nur außer und unter diesem Kreise Gebrauch machte. Allein die Sache verhaͤlt sich anders. Ich muß in dieser Hinsicht Gedanken aͤußern, Erfahrungen mittheilen, welche meinem Gegenstande eine ganz eigentuͤmliche uͤberraschende Wendung geben.
Thatsache ist naͤmlich, daß die plattdeutsche Sprache Haus- und Familiensprache in Tausenden von Beamtenfamilien, Lieblingssprache auf allen norddeutschen Universitaͤten ist. Diese Sprache also, die ich als Schranke alles Strebens und Lebens, als Feindin der Bildung betrachte, ist dieses so wenig in den Augen vieler meiner Landsleute, daß sie den vertrautesten Umgang mit ihr pflegen, daß sie ihr, der von Kanzel und Lehrstuhl und aus guter Gesellschaft laͤngst Vertriebenen, eine Freistaͤte am Heerde ihres Hauses gewaͤhren.
Hier im Schooß der Familien erscheint sie als Exponentin der innigsten Verhaͤltnisse. In Scherz und Ernst fuͤhrt sie oft das Wort, sie ist Vertraute der Gattenliebe, Organ der Kindererziehung, Sprache des Herzens, Lehrmeisterin der Sitte und praktischer Lebensklugheit. Hier hat sie auch meistens ihre Rohheiten abgelegt, kehrt die beste Seite heraus und scheint sich, gleichsam durch ihr Ungluͤck gebessert, des Vertrauens wuͤrdig zu machen.
Kommt hinzu, daß ihre Schutzherrn nicht selten Maͤnner von Talent, Geist und Namen sind. Beruͤhmte Lebende koͤnnte ich anfuͤhren, ich begnuͤge mich den seligen Johann Heinrich Voß zu nennen, der nicht allein in Eutin, sondern noch in Heidelberg bis an seinen Tod mit Frau, Familie und norddeutschen Gaͤsten am liebsten und oͤftersten plattdeutsch sprach.
Das sind Thatsachen. Wie gleiche ich sie aus mit der Behauptung, die plattdeutsche Sprache sei Feindin der Bildung, des Ideenwechsels, der geistigen Lebendigkeit; jetzt, da ich selbst nicht umhin konnte, Maͤnner von Geist und Talent, von Gelehrsamkeit, rastloser Thaͤtigkeit, Maͤnner wie Voß als plattdeutsche zu bezeichnen?
Freilich, ich koͤnnte den nachteiligen Einfluß der plattdeutschen Sprache eben nur auf das Volk und die Volksbildung beschraͤnken. Ich koͤnnte mich etwa, um dem _gebildeten Plattdeutschen_ allen Anstoß aus dem Wege zu raͤumen, folgendermaßen daruͤber ausdruͤcken: _absolut dem Geiste lethal_ ist das Plattdeutsche nur, wo hochdeutsch, sanskrit und boͤhmische Doͤrfer gleich bekannt sind, wie hie und da in Pommern und Meklenburg; was denn von den groͤßten Freunden des Plattdeutschen zugegeben werden muͤßte, da gar nicht zu laͤugnen, daß an sich und fuͤr sich dasselbe nichts Lebendes und Bewegendes enthalte, sondern Todt und Stillstand selber sei; _geistig hemmend und laͤhmend_ bleibt aber das Plattdeutsche immer noch aus der Stufe der Gesellschaft, wo ihm zwar das Hochdeutsche verstaͤndlich naͤher getreten, aber noch als ein Fremdes gegenuͤber steht; _ohne schaͤdlichen Einfluß und gleichsam indifferent fuͤr Geist und Bildung_ zeigte sich die plattdeutsche Sprache, da, wo sie der hochdeutschen nicht als Fremde gegenuͤber steht, sondern schwesterlich zur Seite geht.
Allein, ich fuͤrchte, _indifferent_ ist ein Ausdruck, der hier schon aus allgemeinen psychologischen Gruͤnden unstatthaft erscheint. Zwei Sprachen auf der Zunge sind zwei Seelen im Leibe. Ist die eine Sprache die geliebtere, die Herzenssprache, so ist die andere, fuͤr welche Zwecke sie auch aufgespahrt wird, um ihren schoͤnsten Anteil am Menschen zu kurz gekommen. Sie raͤcht sich, indem sie das nicht zuruͤckgiebt, was sie nicht empfaͤngt, sie schließt ihre innerste Weihe nicht auf und laͤßt sich wol als aͤußeres Werkzeug mit großer Kunst und Kuͤnstelei, aber nicht als zweites Ich mit Liebe und Freiheit gebrauchen.
Der hochdeutschen Sprache verdankt jeder Niedersachse sein veredeltes Selbst, ihr der aus dem Volk geborne Redner, Dichter, Schriftsteller sein Alles und Ruf und Namen im Kauf. Kann er ihr sein Herz dafuͤr nicht zuruͤckschenken, kann er sie nicht zur Sprache seiner haͤuslichen Freuden und Leiden machen, muß sie verstummen, sobald er gemuͤthlich wird, so steht sein gebildetes und veredeltes Selbst im geheimen Kontrast zu seinem intimen Selbst und es wird sich daher auch an seiner Bildung, an seinen Gedichten, Reden, Schriften diese Einseitigkeit, dieser Widerspruch offenbaren und nachweisen muͤssen.
Menzel hat's bekanntlich an Johann Heinrich Voß unternommen. Die Stelle in Menzels Literatur, die Voß betrift, ist bitter, frivol, einseitig, aber sie ist bedeutend und hat dieselbe nachwirkende Sensation hervorgebracht, wie das Urtheil uͤber Goͤthe, das freilich noch einseitiger ausgefallen ist und sich selbst _à la_ Pustkuchen laͤcherlich machte. Als ich Menzels Worte zum erstenmal las, fuͤhlt ich mich empoͤrt. Zeig dich nur erst als so einen _niedersaͤchsischen Bauer_, wie du den Voß zum Spotte nennst, rief ich im Zorn aus; allein ich mußte mir einen Augenblick darauf selbst sagen, daß diese Anmuthung an einen Suͤddeutschen weder billig noch selbst einladend genug klang und daß doch zugleich eben in meinem Ausrufe eine Art von halbem Zugestaͤndnisse lag. Wirklich hatte ich schon immer eine Ansicht uͤber Voß als Dichter und Uebersetzer gehegt, die bei aller Achtung Vor dessen großen, zweifellosen Verdiensten, durchaus nicht nach uͤbertriebener, philologischer Bewunderung und niedersaͤchsischem Patriotismus roch. Ich fand, daß er dem Genius der deutschen Sprache von Jahr zu Jahr mehr Zwang angethan, daß er zu roh und willkuͤhrlich an ihr gezimmert und losgehaͤmmert und daß kein Deutscher, selbst Voß nicht, solche Woͤrter, Wendungen und Redensarten in den Mund nehmen konnte, wovon seine prosaischen und poetischen Schriften voll sind. Gegenwaͤrtig lautet mein Urtheil vielleicht noch entschiedener. Ich sehe an Johann Heinrich Voß bestaͤtigt, was ich eben aussprach. Die hochdeutsche Sprache hatte seine Liebe nicht voͤllig inne, daher erschloß sie ihm nicht ihr eigenes Herz, ihre Heimlichkeiten und Geheimnisse, ihre jungfraͤuliche Natur, die Bluͤthe ihres Leibes und Geistes, lauter Gaben und Geschenke, die man im zaͤrtlichen Umgang freiwillig von der Geliebten eintauscht, nicht aber durch Willkuͤhr und Zwang ihr abgewinnen kann.
Indem ich dieses allen Gebildeten in Niedersachsen zu bedenken gebe, bin ich keinesweges abgeneigt, einer patriotisch-wohlmeinenden Stimme aus ihrer Mitte Aufmerksamkeit zu schenken, welche die Ueberzeugung aͤußert, der Gebrauch der plattdeutschen Sprache in den Familien gebildeter Niedersachsen, welchen Einfluß er auch uͤbe auf die intellektuellen wahren oder ertraͤumten Beduͤrfnisse, auf die verfeinerte Civilisation, Bildung oder Verbildung der Zeit — ich schattire absichtlich diese Ausdruͤcke mit dem bekannten Pinsel, der ohne Zweifel aus guter aber beschraͤnkter Absicht alles was der Gegenwart und der neuesten Zeit angehoͤrt gegen die gute alte im Schwarzen und Bedenklichen laßt — der Gebrauch sei ein guter und treflicher in Ruͤcksicht auf den Charakter der Hausgenossen, weil mit der Sprache der Vaͤter auch ihre alte ehrliche und treue Sitte, ihre Herzlichkeit, Gradheit und Biederkeit sich auf die Enkel fortpflanze.