Sklaven der Liebe, und andere Novellen

Part 7

Chapter 73,869 wordsPublic domain

»Geh!« schrie er dem Sohn an seiner Seite zu. »Du bringst mir Unglück! Kannst du denn nicht sehen, daß du mich ruinierst? Ich muß Revanche haben, ich will mein Geld wieder haben!« Im selben Augenblick fiel ihm aber ein, welche Rolle er spielen wollte, und er fügte hinzu: »Da siehst du, was ich dir zuliebe thue. -- Ich will dich bessern.«

»Ich bin belehrt!« murmelte Pavo.

»Schweig! du bist nicht belehrt. Du fällst wieder zurück. Ich tue das alles um deinetwillen. Jetzt mach, daß du fortkommst.«

Und Pavo erhob sich und ging.

IV

Es war fast zwölf Uhr.

Ein Spieler nach dem andern erhob sich vom Roulettetisch, nur der Rumäne und der einarmige Militär hielten noch stand. Der weißbärtige Krieger spielte sehr vorsichtig, setzte einen kleinen Schein, spielte brutal um kleine Münze und gewann. Er hatte fortwährend Glück, aber sein Glück machte ihn nicht kühner.

Der Herr von Sinvara operierte auf ganz andere Weise, bei dem geringsten Glücksfall wurde er dummdreist. Er hatte vielleicht alles in allem noch gut tausend übrig, als Pavo ihn verließ. In zwei Zügen hatte er darauf sechshundert gewonnen, die er sofort einsetzte und verlor. Im Grunde schien der Herr beklagenswert und er erregte auch die Sympathie der Umherstehenden. Der Prinz, der als Zuschauer in den Saal zurückgekehrt war, holte eigenhändig ein großes Glas Wein für den Herrn von Sinvara.

»Sie haben Unglück!« sagte der Prinz. »Halten Sie für heute abend auf.«

Der Prinz setzte sich über die Regeln hinweg und erteilte diesen Rat mit lauter Stimme. Der Herr von Sinvara antwortete nicht, er sah nur auf, geistesabwesend, ganz vom Spiel in Anspruch genommen, und trank den Wein schweigend aus.

Und plötzlich schien das Glück sich ihm zuwenden zu wollen, er gewann dreimal, Schlag auf Schlag.

»So müssen Sie spielen,« sagt er munter und liebenswürdig zu dem alten Militär. Dieser aber hörte nichts, er ist so in Anspruch genommen von seinem Spiel um den herkömmlichen kleinen Schein. Der Rumäne beobachtet aufmerksam die nervöse Erregung, in der sich der Herr von Sinvara befindet, er wechselt einen Blick mit dem Croupier und zieht seinen letzten Gewinn ein. Auch er beschließt das Spiel.

Der Herr von Sinvara ist jetzt ganz blank. Sein Geld beläuft sich auf ein paar hundert, die setzt er auf Schwarz und verliert. Er sieht verwirrt um sich. Er ist sehr blaß geworden.

»Zum Teufel mit der schwarzen Farbe!« rast er.

Dann besinnt er sich einen Augenblick. Der Croupier läßt ihn nicht aus den Augen; mechanisch bezahlt er dem alten Krieger seinen Schein, mag er gewinnen oder nicht. Der Herr von Sinvara sitzt noch immer regungslos da, er scheint zu überlegen. Warum geht er denn nicht? Er zieht seine beiden Ringe vom Finger, einen nach dem andern, und reicht sie über das Rad hinweg dem Croupier hin. Dieser wirft einen Blick darauf, legt sie ruhig in sein eisernes Schubfach zu anderen Ringen und reicht dem Herrn von Sinvara dreitausend in Gold. Niemand spricht ein Wort. Er hält die schweren Rollen eine ganze Minute in der Hand, er zittert am ganzen Leibe. Plötzlich macht er eine heftige Bewegung, er erhebt sich halb vom Stuhl und setzt die Rollen eine nach der andern auf Schwarz. Die Goldstücke klirren dumpf in den Papierhüllen.

Das Rad dreht sich herum, es saust so leicht und lautlos, zögert bald bei dieser, bald bei jener Zahl, hält endlich an.

»Rot!«

Der Herr von Sinvara springt auf. Er greift sich mit beiden Händen an den Kopf und schreit, stößt einen Ruf aus und verläßt den Tisch.

V

Am nächsten Morgen konnte die Klatschbase von Hoteldiener mir erzählen, daß der Herr von Sinvara am vorhergehenden Abend vierundfünfzigtausend beim Roulette verloren habe. Pavo dahingegen war in sein Zelt zurückgekehrt, er, der Diener, habe ihn bei der Pumpe getroffen, er sei barhäuptig dort gegangen und habe laut mit sich selber geschwatzt oder gepredigt. Übrigens könne kein Priester so predigen wie Pavo, wenn ihm das in den Sinn kam. -- »Fliehe das Verderben!« hatte er einmal über das andere ausgerufen. »Wende dem Versucher den Rücken! Gieb ihm deinen Finger und er nimmt dein Herz. Bist du so tief gesunken, daß ich -- dein verlorener Sohn -- dich warnen muß?«

Pavo hatte wirklich sehr eindringlich geredet, der Diener meinte, er habe sich die Rede eingeübt, die er dem Vater heute morgen halten wollte.

Der durchtriebene Diener steckte seine Nase in alles und wußte überall Bescheid.

»Sie wollen heute abreisen?« sagte er zu mir.

Ich hatte kein Wort davon im Hotel gesagt und auch nicht um meine Rechnung gebeten.

»Woher weißt du das?« fragte ich.

»Ich weiß es nicht,« antwortete er. »Sie haben aber die Nachsendung ihrer Briefe im Posthaus bestellt, und Sie haben auch einen Wagen um fünf Uhr nach dem Dampfer bestellt.«

Sogar dies hatte er herausgeschnüffelt! Ich hatte ein Gefühl, als würde ich von diesem klugen Menschen ausspioniert und ich fühlte mich sehr von ihm abgestoßen. Ein heftiger Zorn erfaßte mich, ich konnte seinen unverschämten Blick nicht ertragen; er hatte ein paar Augen, die mich durchschauerten wie ein eisiger Zugwind.

»Mach, daß du wegkommst, du Hund!« sagte ich.

Er stand ganz still. Der unverschämte Mensch rührte sich nicht vom Fleck. Er hielt die beiden Hände hinter seinem Rücken. Woran dachte er, und was machte er mit den beiden Händen auf dem Rücken? Hatte er irgend etwas vor?

»Was Sie eben sagten, thut mir sehr leid,« sagte er endlich. Weiter sagte er nichts, aber er starrte mich unverwandt an. Ich trete hinter seinen Rücken, um ausfindig zu machen, was er vorhatte. Er hatte nichts in den Händen, er hielt sie gefaltet und rang sie heftig. Ich trete wieder vor ihn hin. Seine Schultern beben und seine Augen haben sich mit Thränen gefüllt. Ich bereue, ihn ausgescholten zu haben, und ich bin im Begriff, es wieder gut zu machen, als er plötzlich eine Bewegung auf mich zu macht, ein seltsamer Gegenstand blitzt in seiner Hand, ein lächerlich aussehender Thürschlüssel mit zwei Bärten. Er hebt ihn in die Höhe und trifft mein rechtes Handgelenk. Meine Hand sinkt herab, der dumpfe Schlag hat sie lahm gemacht. Ich bin ganz starr über seine Frechheit, ich kann kein Wort sagen und stehe regungslos auf demselben Fleck. Er legt seine Hände wieder auf den Rücken. Nach einer Weile gehe ich an ihm vorüber, auf die Thür zu.

»Sie glauben, daß ich Sie noch einmal schlagen will,« sagt er. »Aber das brauchen Sie nicht zu glauben. Gott bewahre!«

Ich öffne die Thür mit der linken Hand und erwidere kühl:

»Geh und hole meine Rechnung!«

Der Diener verneigt sich tief vor mir und geht. Ich höre ihn laut schluchzen, als er zur Thür hinaus ist. -- --

Ich reiste an jenem Tage nicht; meine Hand schmerzte zu heftig, und ich fühlte mich ziemlich krank. In meinem Handgelenk befanden sich zwei tiefe Löcher. Löcher von blutunterlaufenem, zerquetschtem Fleisch. Die Adern schwellen bis an die Schulter hinauf an. Welche Roheit von einem Diener! Er schien indessen seinen Überfall sofort zu bereuen, er brachte mir Spiritus für den Arm und legte mir einen Verband um die Wunde; jetzt hinterher konnte niemand behilflicher sein als er. Er sorgte auch dafür, daß in den Nebenzimmern alles still war, nachdem ich mich am Abend zur Ruhe begeben hatte, und dies that er ganz aus eigenem Antrieb. Einen Haufen betrunkener Bauern, die gegen ein Uhr des Nachts vor meinen Fenstern stehen blieben und sangen, jagte er wütend weg. Ich hörte, wie er ihnen Vorwürfe machte, weil sie die nächtliche Ruhe eines kranken, vornehmen Herrn störten, eines Fürsten, der sein Handgelenk verletzt habe.

Am nächsten Tage schellte ich zweimal, ohne daß er kam. Ich war in gereizter Stimmung und sehr krank, ich zog heftig an der Glocke und schellte noch einmal. Endlich sah ich ihn die Straße heraufkommen. Er war ausgewesen. Als er in mein Zimmer kam, konnte ich mich nicht enthalten zu sagen:

»Ich habe eine Viertelstunde geschellt. Ich will gern das Doppelte bezahlen, wenn Sie glauben, daß Sie es verdienen. Bringen Sie mir Thee.«

Ich sah, wie wehe meine Worte ihm thaten. Er erwiderte nichts, sondern eilte hinaus, um den Thee zu holen. Ich wurde plötzlich ganz gerührt durch seine Geduld und Demut; er hatte vielleicht nie im Leben ein freundliches Wort erhalten, jetzt war ich auch unbillig gewesen. Ich wollte mein Unrecht gleich wieder gut machen. Deswegen sagte ich, als er zurückkam:

»Verzeih mir! Ich werde nie so etwas wieder sagen. Ich bin heute auch krank.«

Er schien sehr erfreut über meine Freundlichkeit zu sein und entgegnete:

»Ich mußte vorhin fortgehen. Ich versichere Sie, daß es eine ganz notwendige Besorgung war.«

Aber durch meine Freundlichkeit ermuntert, kam sofort die alte Geschwätzigkeit wieder zum Vorschein. Er steckte voller Geschichten und war bereit, mir allerlei aufgespürte Geschichten über Dinge und Leute im Hotel zu erzählen.

»Wenn ich es Ihnen erzählen darf,« sagte er, »so hat der Herr von Sinvara in diesem Augenblick einen Mann nach Hause geschickt, um Geld zu holen, viel Geld. Pavo meint, er werde sich am Roulette ruinieren. Seine Ringe hat er noch nicht wieder eingelöst.«

»Es ist gut!« sagte ich.

»Und das kleine Mädchen, das Sie gestern sahen, ist übernacht bei ihm gewesen. Sie ist aus den Bergen, sie hat sich eine solche Erhöhung sicher nicht träumen lassen. Selbst ihr Vater wollte es nicht glauben.«

Gegen Abend saß ich wieder draußen auf dem Balkon und beobachtete den Verkehr unten auf dem Marktplatz. Ich trug die Hand in der Binde. Der Russe lag auf einer Bank neben mir und las in einem Buch. Plötzlich sah er zu mir auf und fragte, ob ich wisse, daß der Herr von Sinvara einen Kurier abgesandt habe, um mehr Geld holen zu lassen. Er habe am Vormittag auch eine Zusammenkunft mit Pavo gehabt. Pavo habe ihm eine Standrede gehalten und der Vater habe ihm recht geben müssen. Aber er wolle sich nichts sagen lassen, er behaupte, er wolle wenigstens sein Geld wieder haben. Ob man sich einbilde, daß er diesem Komplott von Räubern alles in allem dreiundsechzigtausend in blankem Golde überlassen wolle? Dann irre man sich sehr. Er wolle übrigens nicht allein spielen, um nur seinen Verlust wieder zu ersetzen. Die guten Leute, die ihn so bedauert hatten, als er seine Ringe verloren habe, sollten nur wissen, daß er dem ersten besten Bettler einen solchen Ring an jeden Finger schenken könne, ohne dadurch arm zu werden.

»Und das ist wahr,« sagte der Russe, -- »er ist schon ein so eingefleischter Spieler, daß es ihm nicht in erster Linie um seinen Verlust zu thun ist. Was ihn jetzt anzieht, ist der Reiz, die Spannung, die Qual, diese wilden Erregungen des Blutes.«

»Und Pavo? Was hat denn Pavo dazu gesagt?«

»Fliehe das Verderben!« hatte Pavo gesagt. »Richte dich wieder auf, Mensch! Nimm dir ein Beispiel an mir!«

Pavo hatte eindringlich geredet, seine Stimme war traurig gewesen, und von Zeit zu Zeit hatte er sogar zum Himmel emporgezeigt. Es war ein köstlicher Anblick gewesen, diesen abgefeimten jungen Sünder eine Tugend heucheln zu sehen, deren er längst verlustig war. Er war frech genug, dem Vater die ernsteste Ermahnungsrede zu halten. Der Vater hatte behauptet, er spiele nur um des Sohnes willen, er wollte diesen von dem Laster erretten, und zu dem Zweck würde er nicht sparen. Da war Pavo heftig geworden: er habe sein ganzes Leben lang seine Selbstachtung bewahrt, der Vater dahingegen habe seine Ringe verspielt, seine Kleinodien in aller Beisein verpfändet. Er, Pavo, habe seine Würde aufrecht erhalten, er habe nie eine Anleihe auf sein Zelt gemacht, das stehe unberührt da, er besorge immer sein Geschäft. Schließlich habe Pavo dem Alten mit Fürst Yariw gedroht.

»Schweig!« sagte der Vater. »Ich habe mir selber gelobt, dir die Folgen deiner Ausschweifungen zu zeigen, und das werde ich thun. Leb wohl, Pavo!«

Und Pavo hatte gehen müssen. Aber er war direkt von dem Vater in die Spielhölle gegangen.

»Glauben Sie denn nicht, daß es wirklich die Absicht des Vaters ist, Pavo auf diese Weise wieder auf den rechten Weg zu bringen?« fragte ich den Russen.

Er schüttelte den Kopf.

»Vielleicht. Aber das wird ihm nicht gelingen. Außerdem ist der Alte ebenso darauf versessen wie der Junge.«

Jetzt sprachen alle von dem Herrn von Sinvara und seinem Spiel. Das sei ihm ganz einerlei, meinte er, und er trug den Kopf noch höher als bisher und machte ein fröhliches Gesicht. Hin und wieder ließ er sich zu einem Scherz mit seiner Umgebung herab.

»Sie sehen meine Hände an,« sagte er. »Ach ja, ich bin sehr arm geworden, sogar meine Ringe habe ich verspielt! Hahaha!«

Er ging nicht mehr in die Bank, jetzt wo er kein Geld mehr hatte, aber er ließ sich von den Dienern über den Gang des Spieles berichten, wer verlor und wer gewann, wieviel gewagt wurde, wer am kühnsten spielte. Der Russe kam am nächsten Tage und erzählte mir, der Herr von Sinvara habe drei Stunden lang zu Gott um Glück gefleht; er wolle nur das verlorene Geld wieder haben, dann wolle er auch aufhalten. Er habe Gott das mit lauter Stimme gelobt und sogar dabei geweint. Der Russe hatte das von dem Hoteldiener gehört, der durch das Schlüsselloch geguckt hatte.

VI

Es vergingen drei Tage. Meine Hand schmerzte nicht mehr, ich hatte beschlossen, am Abend abzureisen. Ich ging in die Stadt, um einige Angelegenheiten zu ordnen, unter anderem war ich auf der Polizei, um meinen Paß unterschreiben zu lassen. Auf dem Rückwege kam ich an Pavos Zelt vorüber. Ich fing schließlich gegen meinen Willen an, Interesse für diesen Mann und seinen Vater zu fassen. Alle Leute sprachen von ihnen, das ganze Hotel war voll von Geschichten über diese beiden Menschen, ich konnte schließlich nicht mehr umhin, ebensoviel wie die anderen an sie zu denken und jeden Tag nach dem Herrn zu fragen.

Ich ging in Pavos Zelt. Am vorhergehenden Abend hatte ich gehört, daß er eine große Summe im Pharao gewonnen habe. Er hatte einen fremden Reisenden seiner ganzen Barschaft beraubt, und ihm dann hinterher ein paar Hundert geschenkt, dann hatte er sich dem Roulette zugewandt, stets vom Glück begleitet, und die Bank um ein ganzes Vermögen geschädigt.

»Denken Sie nur,« sagte Pavo zu mir, sobald ich sein Zelt betrat, -- »denken Sie nur, der Herr von Sinvara, mein Vater, ist eben hier gewesen, um sich Geld zu leihen! Er wollte seine Ringe einlösen. Es fällt mir natürlich nicht im Traum ein, eine solche Dummheit zu begehen. Mein Vater ist sehr gut und es that mir leid, ihm diesen Liebesdienst abschlagen zu müssen. Aber ich habe es um seiner selbst willen gethan. Ein Sohn muß für die Ehre der Familie sorgen. Es muß meinem Vater klar werden, wohin es führt, wenn man sich in Thorheiten stürzt. Ich finde, daß ich ganz richtig gehandelt habe. Wie denken Sie darüber?«

Sein Äußeres stieß mich diesen Augenblick zurück. Er war selbstbewußt und sicher geworden durch das ungeheure Glück des vorhergehenden Abends, das seine Taschen wieder mit Geld gefüllt hatte. Während er sprach, senkte er die Stirn, verbarg sie, tauchte sie unter, als sei sie gebrandmarkt, und seine Augen logen so sonderbar, sobald er sie aufschlug. Aber er hatte den schönsten Hals, den man sich denken konnte, und einen feinen, roten Mund.

»Wie denken Sie darüber?« wiederholte er.

»Ich habe kein Urteil darüber,« entgegnete ich.

»Das heißt,« murmelte er wütend, »Sie verstehen die Rede eines vernünftigen Mannes nicht.«

Er zuckte heftig die Achseln und lief vor seinem Ladentisch auf und nieder. Dann stand er still und fragte:

»Womit kann ich Ihnen übrigens dienen, da Sie sich die Mühe gemacht haben, mich aufzusuchen?«

Ich nannte allerlei, was mir gerade einfiel, wofür ich aber im Grunde keine Verwendung hatte. Als ich das Gewünschte erhalten hatte, entfernte ich mich wieder.

Kaum war ich ins Hotel zurückgekehrt, als der Diener auf mich zustürzte und mir erzählte, der Kurier des Herrn von Sinvara sei mit Geld angelangt. Jetzt säße er da, bereit, das Spiel von neuem zu beginnen, sobald die Bank geöffnet werde. Pavo wisse nichts davon. Pavo solle nichts wissen, er, der Diener, habe ausdrücklich eine Bezahlung dafür erhalten, daß er nicht hinlief und es Pavo erzählte.

Die Uhr wurde fünf.

Sobald der Spielsaal geöffnet wurde, begab sich der Herr von Sinvara dorthin. Er war in erregter Stimmung, er machte die eigentümlichsten Handbewegungen, als versichere er etwas, als gelobe er etwas.

Der Prinz und der alte Militär waren auch zugegen, der Rumäne hingegen nicht, ein paar Fremde fingen auch an zu spielen. Zuerst löste der Herr von Sinvara seine Ringe aus.

»Ich werde heute abend mit den höchst zulässigen Summen operieren,« sagte er zu dem Croupier, ohne ihn aber anzusehen. Seine Miene war von jetzt an kühl und vornehm.

»Möchte Ihr guter Stern Ihnen Glück schenken,« sagte der Croupier, indem er sich verneigte.

Das Spiel begann.

Der Herr von Sinvara sah entschlossen aus. Er setzte dreimal hintereinander auf Rot und gewann. Dann steckte er sein eigenes Geld in die Tasche und spielte von nun an nur mit dem Gewinn. Er macht ein paar Mal den Versuch mit dreizehn, verliert aber, der Wechsel des Glückes reizt ihn, er setzt noch ein paar Mal auf Rot und gewinnt. Jetzt hat er eine beträchtliche Summe vor sich auf dem Tisch liegen, er spielt ohne Berechnung, ohne Überlegung, er wagt kühn, und um keine Zeit zu verlieren, bereitet er sich schon, ehe das Rad still steht, auf den nächsten Einsatz vor. Er zählt auch nicht, er spielt in Ekstase. Seine Augen fallen auf ein schwarzes Quadrat auf dem Tisch, und er setzt eine große Summe auf dies Quadrat.

Schwarz gewinnt. Er gewinnt jetzt unaufhaltsam. Dieses schwarze Quadrat wird eine Goldgrube, aus der er Schätze schöpft, und er nutzt sie aus. Plötzlich besinnt er sich, er hält einen Augenblick inne, er atmet tief auf. Das Rad dreht sich herum, aber der Herr von Sinvara vergißt, seinen Einsatz zu machen, er atmet noch immer tief auf. Sein kleines Mädchen kommt herein. Lächelnd und rosig nähert sie sich ihm. Er bemerkt sie und winkt ihr ab.

»Siehst du, du kommst, und ich vergaß zu setzen!« sagt er. Im nächsten Augenblick winkt er sie wieder heran. Das Rad ist stehen geblieben, der Zeiger steht auf Rot, und es war das Glück des Herrn von Sinvara, daß er es diesmal unterlassen hat, auf das schwarze Viereck zu setzen. Er legt einen seiner kostbaren Ringe in die Hand des kleinen Mädchens und flüstert ihr etwas zu. Und das kleine Mädchen wird dunkelrot, schlingt die Arme um ihren eigenen Hals und läuft aus dem Saal hinaus.

Aber der Herr von Sinvara setzt das Spiel fort, dummdreist, völlig mechanisch. Er nimmt mehrere Hände voll Geld, viele schwere Rollen und setzt sie auf Rot. Gleich darauf erfaßt ihn eine schreckliche Unsicherheit, er macht eine ängstliche Bewegung mit der Hand, als wolle er die Summe wieder zurückziehen, beherrscht sich aber und läßt sie stehen.

Das Rad hält an.

»Rot!«

»Rot!« wiederholt der Herr von Sinvara. Und er lächelt den Umstehenden wieder triumphierend zu und spricht laut: »Wieder Rot! Ja, ich hatte eine Ahnung davon!«

Von diesem Augenblick an verliert er die Besinnung. Die Uhr wird zehn, mehrere Fremde kommen herein, die eigentlichen Spieler, deren Stunde erst jetzt mit diesem Glockenschlag beginnt. Unter ihnen befindet sich der Rumäne. Ich vergaß meine Reise und rührte mich nicht vom Fleck, ich folgte den Operationen des Herrn von Sinvara mit der größten Spannung. Er selber merkte nichts von allen den neuen Menschen, die ihn umgaben, er ahnte kaum, daß er Mitspieler am Tische hatte. Sein Glück halluciniert ihn, und er arbeitet mit großen Summen auf mehreren Nummern zu gleicher Zeit. Eine Laune, eine plötzliche Eingebung, veranlaßt ihn, eine Hand voll Geld zu nehmen und den höchsten Einsatz auf fünfundzwanzig zu setzen. Drei von den Spielern folgen seinem Beispiel, alle um ihn her flüstern und warten.

»Dreizehn!«

Verloren. Der Rumäne knirscht die Zähne vor Verzweiflung. Der Herr von Sinvara hat einen neuen Einfall. Er richtet sich halb auf seinem Stuhl auf und setzt die höchste Summe auf Null. Niemand folgt ihm mehr, dies verzweifelte Spiel schreckt alle zurück.

»Null!«

In dem Getöse, das jetzt entstand, hörte ich den Rumänen fürchterlich fluchen. Gleich darauf kam Pavo zur Thür herein, von dem Hoteldiener gefolgt, der ihn doch benachrichtigt hatte. Pavo ging gleich auf den Stuhl des Vaters zu; ohne etwas zu sagen, packte er ihn bei der Schulter und schüttelte ihn.

Er sah auf, erkannte den Sohn und ergab sich sofort. Er begriff, daß ihm kein Widerstand half, er war auch zu angegriffen.

»Wie zornig du bist, Pavo,« sagte er nur. Mechanisch zieht er seinen letzten Gewinn ein, sammelt sein Geld und fängt an, seine Taschen zu füllen. Er stopft Gold und Papier zusammen in wilder Unordnung, nimmt dann den letzten Haufen Scheine in die Hand, steht auf und geht mit Pavo.

Der Croupier sieht den Davonziehenden mit wütenden Blicken nach; das Spiel gerät ins Stocken -- --

Später erzählt man im Hotel, der Herr von Sinvara habe nicht nur seinen ganzen Verlust am Roulette vom vorhergehenden Abend wieder eingeholt, sondern außerdem noch eine kleine Summe gewonnen. Man nannte siebenhundert als Reingewinn. Ich freute mich im Stillen darüber, ich gönnte ihm den Sieg. Niemand spielte aus ehrlicherem Herzen als er, und nun würde er dem Roulette sicher für ewige Zeiten den Rücken wenden.

* * * * *

VII

Am nächsten Abend war ich reisefertig. Meine Sachen waren nach dem Dampfer hinuntergeschafft, meine Rechnung war bezahlt und alles geordnet. Ich stecke dem Hoteldiener einen Geldschein in die Hand und sage ihm Lebewohl. Er zuckt heftig mit den weißen Augen und fängt an zu weinen. Der arme Teufel küßt mir die Hand.

»Wollen Sie es wohl glauben,« sagt er gleich darauf und trocknet seine Augen, -- »der Herr von Sinvara reist mit demselben Dampfer wie Sie. Er hat Pavo versprochen, heimzukehren.« Und der allwissende Mensch verfolgt mich bis zum letzten Augenblick mit seinen Geschichten. Pavo hatte seinem Vater wieder eine Rede gehalten. Als es nicht half, daß er ihm mit Fürst Yariw drohte, hatte er ihm eine kleine, völlig unbrauchbare Pistole gezeigt, mit der er sich leider erschießen müsse, um seine Ehre zu retten. Da hatte der Vater nachgegeben. Er wollte wirklich Fürst Yariws Freundschaft nicht verlieren. Außerdem hatte er Gott hoch und teuer gelobt, mit dem Spielen innezuhalten, sobald er sein Geld zurückgewonnen habe. Kurz: der Herr von Sinvara wollte nach Hause reisen.

»Adieu!« sagte der Diener. »Sie treffen ihn unten am Dampfer.«

Die Uhr schlug fünf.

Im selben Augenblick, als der Spielsaal geöffnet wurde, begab ich mich an den Landungsplatz. Der Dampfer nahm eine Partie Bastmatten ein. Einige Minuten später kamen auch wirklich der Herr von Sinvara und sein Diener, sie waren beide reisemäßig gekleidet. Es waren viele Menschen zugegen, Pavo sah ich aber nicht. Ich fragte einen alten Mann nach ihm, ich sagte:

»Weshalb begleitet er seinen Vater nicht an das Schiff?«

»Pavo ist stolz!« antwortete ein junges Mädchen, das gerade herzukam. »Einen Vater, der seine Ringe verspielt, kennt er nicht. Das sieht Pavo ähnlich.«

Da stand auch das kleine Mädchen des Herrn von Sinvara. Sie stand abseits und sah zu, aus der Entfernung, mit gesenktem Haupt. Der, nach dem sie ausschaute, schenkte ihr keinen Blick.

Ich ging ein paar Mal auf dem Kai auf und nieder, bezahlte meinen Wagen und gab acht, daß alle meine Sachen an Bord gebracht waren. Der alte Diener des Herrn von Sinvara war schon da, ihn selber sah ich hingegen nicht. Ich sah mich nach seinem kleinen Mädchen um, auch sie war verschwunden.