Sklaven der Liebe, und andere Novellen

Part 6

Chapter 63,911 wordsPublic domain

Ich blieb in einem sehr verdutzten Zustand zurück. Er hatte mich mit einem Schlage in einen Wirbel von Verwirrung versetzt und meinen klaren Verstand ganz umnebelt. Dieses Schwein! Er hatte die Nacht bei dem Mädchen zugebracht! Bei dem Mädchen? Eine verdammte Lügengeschichte! Er hatte mich zum Besten gehabt, seine erschütternde Erzählung war eine Erfindung von einem Ende bis zum andern. Wer aber war denn dieser Erzschelm? Wenn ich ihn noch einmal wieder treffe, so setzt es was! Er hat die Geschichte vielleicht irgendwo gelesen und sie auswendig gelernt, sie gehörte nicht zu den schlechtesten, der Bursche hatte Talent. Hahaha! Weiß Gott, der hat mich an der Nase herumgeführt!

Ich ging in großer Verwirrung nach Hause. Ich suchte nach meiner Uhr. Sie lag nicht auf dem Tisch. Ich schlug mich gegen die Stirn: meine Uhr war gestohlen! Natürlich hatte er meine Uhr gestohlen, als er neben mir saß. Ha! Dieser Schlingel!

Jetzt blieben mir zwei Auswege. Ich konnte eine Anzeige machen und meine Uhr in ein paar Tagen von einem Pfandleiher wiederbekommen. Dann wurde der Bursche auch wohl bald hinterher festgenommen. Oder ich konnte schweigen. Das war der zweite Ausweg.

Ich schwieg.

Vater und Sohn

Eine Spielergeschichte

I

Im letzten Herbst machte ich eine Reise nach dem Süden, weit nach dem Süden hinab, und kam an einem frühen Morgen mit dem Flußdampfer nach dem Dorf D., einem kleinen Dorf, einem sonderbaren Dorf, versteckt und vergessen, einem Dorf mit einem Dutzend Häuser, einer Kirche, einem Posthause und einer Flaggenstange. Der Ort ist Eingeweihten, Abenteurern und Spielern, feinen Leuten und Vagabunden, bekannt, und während einiger Sommermonate des Jahres herrscht in diesem Krähwinkel Leben und großer Umsatz.

Jetzt war Markt im Dorfe, und die Bevölkerung der Umgegend war herbeigekommen; sie trugen Gewänder aus Seide und Pelz mit Gürteln und Schärpen und Geschmeiden, alles nach Stand und Vermögen. Um die Kirche herum standen Reihen von Zelten, wo gekauft und verkauft wurde; eins dieser Zelte war blau, -- es war das Zelt des Pavo aus Sinvara.

Aber ganz in der Nähe der Kirche, mitten zwischen der Flaggenstange und dem Posthause, lag das Hotel. Das obere Stockwerk war blau, -- dort verspielten die Spieler ihr Geld.

Man erzählte im Hotel, heute abend würde Pavo ganz sicher kommen. Ich fragte, wer Pavo sei, und man ersah aus dieser Frage, daß ich hier fremd war, sonst kannten alle Pavo. Er war der Mann, der die Bank dreimal gesprengt hatte, sein Vater war der Besitzer des größten Gutes in meilenweitem Umkreis, und Pavo selber hatte bei dem letzten Frühlingsfest sein ganzes Vermögen durchgebracht. Alle Mädchen des Dorfes sprachen von ihm, wenn sie am Abend bei der Pumpe zusammenkamen, und die Frommen beteten für ihn, so oft sie an ihn dachten. Kurz, er war der Spieler und der verlorene Sohn, eine gefallene Größe, ein Ex-Krösus, Pavo aus Sinvara. Er war der Stolz der Stadt und ihre Schande zugleich.

Und mit Pavos Zelt hatte es die Bewandtnis, daß seine gute Mutter das Zelt für ihn gekauft, und ihm das Geschäft eingerichtet hatte, um ihn, wenn möglich noch auf den rechten Weg zu bringen. Es hätte ja auch alles gut gehen können, wenn Pavo nur hätte Ernst machen wollen, aber das mißratene Kind hatte schon in der nämlichen Woche sein Zelt mit der blauen Farbe der Spielbank angestrichen, denn sein Sinn war unverändert. Er spielte auch noch immer. Alles, was er hinter dem Ladentisch verdiente, legte er auf den Roulette-Tisch, und in der Regel verließ er die Bank ärmer, als er gekommen war. Sein Zelt hatte eine gute Kundschaft; er verkaufte viele Sachen, weder die Bauern noch die Dorfbewohner gingen an ihm vorüber, alle wollten mit Pavo aus Sinvara handeln. Und seine Mutter verschaffte ihm immer Waren in Hülle und Fülle, sein Zelt war bis an das Dach vollgepfropft.

Jetzt, heute abend, sollte er kommen. Das ganze Dorf wußte, daß er kommen würde.

* * * * *

II

Die Turmuhr schlug, ich hörte den singenden Schlag, der sich in den übrigen Lärm vom Marktplatz her mischte. Plötzlich klopfte der Hoteldiener an mein Zimmer. Der junge Mann war sehr erregt.

»Denken Sie nur,« sagte er, -- »der Herr von Sinvara will auch kommen!«

Ich hatte nicht um diese Mitteilung gebeten, und ich sagte zu dem Diener, daß besagter Herr mich nichts angehe. Wer war es? Woher kam er? Der Diener zuckte die Achseln und erklärte, der Herr aus Sinvara sei kein anderer als der vornehmste Herr der ganzen Gegend, der reichste Herr, Fürst Yariws Freund und Pavos leiblicher Vater. Und _der_ würde kommen. Im übrigen sei der Zweck seines Kommens wohl nichts weiter, als daß er sich danach umsehen wollte, wie es mit seinem Sohn stünde; er wollte selber dies verfluchte Roulette sehen, das sein Kind ruinierte und dessen Mutter so viel Kummer bereitete.

»Alle diese Nachrichten interessieren mich nicht,« antwortete ich dem Diener. »Dagegen habe ich um Thee gebeten. Adieu!«

Und dann ging der Diener.

Als die Uhr sechs war, entstand große Bewegung im Hotel, der Herr war gekommen. Er ging an der Seite seines Sohnes, Pavo in heller Kleidung, er selber in dunkler. Er war ernsthaft und bestimmt. Die Kirchenglocke läutete, denn schon beim Betreten des Dorfes hatte der Herr der Kirche eine große Summe versprochen, die deren Zukunft völlig sicherte. Er hatte außerdem die Flaggenstange des Posthauses mit einer neuen Flagge bedacht. Aus diesem Grunde war das ganze Dorf in gehobener Stimmung. Die Diener erhielten einen freien Tag, alle Leute waren auf den Straßen, und der Bürgermeister ging in einer funkelnagelneuen Uniform umher.

Der Herr von Sinvara war ein würdiger Mann von einigen sechzig Jahren, ein wenig korpulent, ein wenig blaß und aufgeschwemmt von dem stillen Leben, das er führte, aber mit gewichstem Schnurrbart und jungen Augen; er hatte außerdem eine lustige, aufwärts gebogene Nase. Es war allgemein bekannt, daß er Fürst Yariws Freund war, er hatte zwei hohe Orden, trug sie aber selten, weil sein Auftreten auch ohne diese Dekoration höchst respekteinflößend war. Redete er jemand an, so nahm der Angeredete den Hut ab und antwortete.

Als er ein Glas Wein getrunken hatte, sah er alle die neugierigen Menschen an, die ihn bis an das Hotel begleitet hatten, und er gab ihnen allen etwas. Ein kleines Mädchen rief er sogar aus dem Haufen heraus und schenkte ihr mit eigener Hand ein Goldstück. Aber das Mädchen war nun freilich nicht so übertrieben klein, auch war sie nicht mehr unter sechzehn, siebzehn Jahre alt.

Plötzlich sagt er:

»Wo ist die Bank? Ich will dahin.«

Pavo, der ganz entzückt über den Einfall des Vaters ist, geht vor ihm her die Treppe hinauf. Alle folgen ihnen.

Er wurde dadrinnen mit der größten Aufmerksamkeit empfangen. Das Rad ist in vollem Gange, das Spiel ist sehr lebhaft; ein brünetter Herr, den der Diener Prinz nennt, macht liebenswürdig vor seinem Freund, dem großen Herrn von Sinvara Platz.

Im selben Augenblick ruft der Croupier:

»Dreizehn!«

Er heimst alles Geld ein.

Da lagen Haufen von Silber, viele große goldene Münzen und ganze Packen von Papiergeld auf dem Tisch, alles verschwindet in dem eisernen Schubfach der Bank unter dem Tisch. Und es wird von neuem Geld gesetzt, so stillschweigend und ruhig, als sei nichts geschehen. Und doch bedeutete in Wirklichkeit diese Dreizehn einen großen Coup. Aber niemand spricht, das Spiel geht seinen Gang, das Rad saust herum, wird langsamer, steht still: Wieder dreizehn!

»Dreizehn!« ruft der Croupier abermals und heimst das Geld ein.

Diese beiden Coups haben ihn um viele hundert Goldstücke reicher gemacht, als er war. Und wieder wird gesetzt, der Prinz wirft eine ganze Hand voll Scheine auf den Tisch, ohne sie zu zählen. Niemand spricht, es ist sehr still rings umher, einer der Diener stößt in seiner Erregung ein leeres Weinglas gegen den Tisch, ein feines Klirren ertönt und mischt sich in den dumpfen Laut des Rades, das sich dreht.

»Erkläre mir doch das Spiel,« sagte der Herr von Sinvara.

Und Pavo, der das Spiel aus dem Grunde kennt, teilt ihm alles darüber mit. Der große Mann ist ganz von dem Prinzen in Anspruch genommen. »Er wird sich ruinieren!« behauptet er. Und als sei es sein eigenes Geld, das auf dem Spiel steht, rückt er unruhig auf seinem Stuhl hin und her.

»Der Prinz ruiniert sich keineswegs,« entgegnet Pavo. »Er arbeitet nur mit dem Gewinn des Tages. Der versteht zu spielen.«

Es verhielt sich wirklich so. Der Prinz hatte viel gewonnen; ein Diener stand fortwährend neben seinem Stuhl, um ihm Wasser zu reichen, sein Taschentuch aufzunehmen, wenn er es fallen ließ, ihm alle möglichen Dienste zu leisten, alles in der Hoffnung auf eine gute Belohnung, sobald das Spiel beendet war.

Ein großer, blasser Mann, ein dunkelhaariger Rumänier steht neben ihm. Er spielt ums Leben. Infolge der beiden letzten Dreizehn hat er eine ungeheure Summe verloren, da er eigensinnig auf seine eigene, unglückliche Einzelzahl gehalten hat. Er steht halb hinter dem Herrn von Sinvara und streckt die Hand über dessen Schulter, wenn er seinen Einsatz macht. Sein Arm zittert.

»Der junge Mann ist verloren!« sagt der Herr.

Der Sohn, Pavo, nickt und sagt:

»Verloren!«

»Bitte ihn, aufzuhalten!« fährt der Vater fort. »Sage es ihm von mir. Warte, ich will es selber thun.«

Hierauf entgegnete der Sohn, es sei nicht erlaubt, Ratschläge zu erteilen, -- »ebenso wenig,« fügt er verschmitzt hinzu, »ebenso wenig, wie es erlaubt ist, nur als Zuschauer hier zu sitzen.«

Der Vater sieht ihn verwundert an. Er begreift nicht, daß in Pavos Herzen schon die Lust rast, sich am Spiel zu beteiligen.

»Hier stehen ja so viele andere, die auch nicht spielen!« wendet er ein.

»Das sind Spieler, die nur darauf warten, daß die Reihe an sie kommt,« lügt Pavo.

Da zieht der Herr von Sinvara mit großer Vorsicht sein Taschenbuch hervor.

»So, spiele!« sagt er, -- »spiele ein wenig, zeige es mir. Aber ganz niedrig, ungefährlich.«

Gleich darauf aber ergreift er den Arm des Sohnes und verlangt Aufklärung über die sonderbare Zahl dreizehn:

»Warum gewinnt dreizehn jedesmal? Ist das nicht ein Betrug vom Croupier? Sage ihm das doch!«

Er ist gerade im Begriff, sein Taschenbuch wieder einzustecken, als ihm plötzlich ein Gedanke kommt. Er zieht einige Scheine heraus, schiebt sie Pavo hinüber und sagt:

»Setze auf dreizehn!«

Pavo wendet ein:

»Die dreizehn ist zweimal hintereinander herausgekommen.«

Der Vater nickt und entgegnet bestimmt:

»Ja! Setze auf dreizehn!«

Pavo wechselt einen Schein, wirft ein Goldstück auf Nummer dreizehn und lächelt nachsichtig über diese Thorheit.

»Verloren!« sagt der Vater. »Versuche es noch einmal. Setze das Doppelte!«

Pavo machte keine langen Einwendungen. Dies ist zu komisch. Man wechselt die Plätze am Tisch, Pavo setzt einmal nach dem andern die doppelte Summe, und alle wollen den sonderbaren Spieler, den Herrn von Sinvara sehen. Er selber ist schon sehr interessiert, seine lebhaften Augen folgen den Bewegungen des Rades, er rückt auf dem Stuhle hin und her. Er ballt seine etwas fette Hand, an dem einen Finger trägt er zwei kostbare Ringe.

Als der Croupier die Zahl dreiundzwanzig statt der erwünschten dreizehn nennt, ruft er:

»Ei was, setze noch einmal auf dreizehn! Setze hundert!«

»Aber --«

»Setze hundert!«

Und Pavo setzt. Das Rad spinnt weiter, der Zeiger rast zwanzig, dreißig Mal über jede Zahl hin, er sucht zwischen allen diesen Chancen, Rot und Schwarz, Gleich und Ungleich, von eins bis siebzehn, von siebzehn bis vierunddreißig, er durchsucht das ganze System, beschnüffelt jede Zahl und bleibt stehen.

»Dreizehn!« ruft der Croupier.

»Nun, Pavo, hatte ich nicht recht?« sagt der Herr von Sinvara. Und er brüstet sich und läßt alle Umherstehenden hören, was er sagt: »Setze noch einmal, setze hundert auf dreizehn!«

»Das kann nicht dein Ernst sein, Vater. Dreizehn kommt wahrscheinlich den ganzen Abend nicht mehr heraus.«

»Setze hundert auf dreizehn!«

»Warum willst du das Geld wegwerfen?«

Der Herr von Sinvara wurde ungeduldig, er machte eine Bewegung, als wollte er dem Sohn das Geld wegnehmen, beherrschte sich aber und sagte:

»Mein Sohn, wenn ich nun die Absicht hätte, die Bank zu sprengen und das abscheuliche Roulette um einer gewissen Ursache willen zu zerstören? Setze hundert auf dreizehn!«

Und Pavo setzte abermals. Er wechselte ein Lächeln mit dem Croupier, und der Rumäne lachte laut auf. Das Pharaospiel am Nebentisch hörte gänzlich auf, aller Aufmerksamkeit war auf das Roulette gelenkt.

»Dreizehn!«

»Was hab' ich gesagt!« rief der Herr von Sinvara. »Da ist das Geld. Wie viel soll hier sein? Zähle es nach!«

Pavo war ganz bestürzt.

»Dies sind drei und halbes tausend,« sagte er ganz geschlagen. »Du hast im ganzen fünftausend gewonnen.«

»Gut, jetzt spiele du! Laß mich sehen, wie du es machst. Setze auf Rot!«

Pavo setzte auf Rot und verlor.

Der Vater nickte und lächelte den Zuschauern zu.

»So also spielst du! Siehst du denn nicht, wohin das führt? Man hat mir erzählt, du habest die Bank dreimal gesprengt, das war gut gemacht. Aber warum hast du alles wieder verloren? Setze auf Gerade!«

»Wieviel?«

»Soviel du willst. Setze sechshundert.«

»Sechshundert ist zu viel.«

»Ich überlege mir eben, ob du nicht noch mehr setzen sollst. Ja, ich will es! Setze zwölfhundert auf Gerade.«

Gerade verlor.

Da erhob der Herr von Sinvara seinen fetten Finger drohend und sagte heftig:

»Geh, Pavo! Hier haben wir um deinetwillen zwölfhundert verloren. Jetzt entferne dich. Ich wünsche es.«

Und Pavo ging. Ich folgte ihm. Er lachte, lachte wie ein Besessener. Ob ich jemals so ein Spiel gesehen hätte? »Er sitzt da und gewinnt Tausende allein auf Grund seiner Dummheit. Gott halte seine Hand gnädig über ihm. Welch ein Einfall von dem guten Mann, Roulette spielen zu wollen!«

Pavo redete alle an, die er traf und erklärte ihnen unter lautem Lachen, was für einen Einfall der Vater gehabt habe.

Späterhin am Abend hörte ich, der Herr von Sinvara habe neuntausend verloren, ehe er die Bank verließ.

III

Es war zehn Uhr. Ich saß auf dem Balkon des Hotels und rauchte in Gesellschaft des Russen Iljitsch eine Papyrus nach der anderen. Plötzlich ruft der Hoteldiener zu uns herauf, der Herr von Sinvara habe eben nach seinem Sohn geschickt. Ich war gerade im Begriff, ihm einen Verweis wegen seiner Zudringlichkeit zu erteilen, der Russe aber hielt mich zurück. Er war neugierig geworden.

»Geben Sie acht,« sagte er. »Wir wollen doch sehen, was jetzt kommt. Er schickt zu nächtlicher Stunde nach Pavo!«

Wir saßen eine Weile und rauchten schweigend. Pavo kommt. Der Vater geht ihm bis vor die Hoteltreppe entgegen.

»Hör' einmal,« sagt er. »Ich habe neuntausend bei dem verfluchten Roulette verloren. Ich war schon zu Bett gegangen, aber ich konnte nicht einschlafen. Dies Geld peinigt mich, es war genau die Summe, die ich der Kirche gelobt hatte. Ich muß sie zurückgewinnen. Ich finde keine Ruhe, bis ich dies Geld wieder in Händen habe. Ich muß nach der Bank zurück.«

Pavo steht stumm da.

Selbst Pavo, der gewiegte Spieler ist starr vor Staunen. Er sagt kein Wort.

»Was stehst du da!« ruft der Vater aus. »Das Spiel hört ja nicht vor Mitternacht auf, wir haben noch zwei ganze Stunden. Laß uns keine Zeit verlieren.«

Und von dannen ging es.

»Kommen Sie!« sagte der Russe zu mir. »Lassen Sie uns hineingehen. Dort wird sich etwas ereignen.«

Das Spiel war aufgeregter denn je. Wie immer, wenn Mitternacht naht, wurden größere Summen als zu Anfang des Abends gewagt. Der Prinz sitzt noch immer finster und ruhig auf seinem Platz, setzt Geld und gewinnt. Es lagen wohl sechzigtausend vor ihm auf dem Tisch. Er operiert gleichzeitig mit drei Chancen, besorgt alles mit der größten Ruhe, setzt Hände voll Geld, ohne es jedoch zu zählen. Nichts stört ihn, nicht einmal der bleiche, rasende Rumäne, der, nachdem er Dreiviertelstunden regelmäßig und bescheiden gewonnen hat, wieder anfängt zu verlieren. Auch er stapelt sein Geld auf und versucht in jedem freien Augenblick, es zu zählen, es in Haufen zu je eintausend zusammen zu legen, um einen Überblick über den Bestand zu behalten; aber er ist zu unruhig, seine Hände zittern, er muß auch die ganze Zeit hindurch das Rad beobachten, und er giebt es schließlich auf zu zählen. Wie dumm er es macht! Er spielt im Quadrat, belegt vier Nummern, hält ununterbrochen diese Zahlen wie ein trotziges Kind, das nichts aufgeben will. Er würde vielleicht lieber ohne einen roten Heller vom Tische gehen, als diese Chance aufgeben.

Der Prinz wirft einen Blick auf die Thür, als Vater und Sohn wieder eintreten, er macht auch neben sich Platz. Dann setzt er das Spiel kühl und finster fort, völlig kaltblütig. Er scheint sich eines großen Respekts bei den Spielern zu erfreuen.

»Pavo!« sagt der Herr von Sinvara, -- »du spielst wie gewöhnlich, was du selber willst. Hier ist Geld. Nicht wahr, du hast am meisten Glück mit Rot, setze also auf Rot.«

Pavo erkundigt sich bei seinem Nachbar, einem alten Militär mit einem Arm, und dieser teilt ihm mit, daß Rot sieben Mal hintereinander herausgekommen ist. Deshalb setzt Pavo auf Schwarz.

»Gerade -- vierundzwanzig -- siebzehn zu vierunddreißig -- Rot!« meldet der Croupier und streicht das Geld ein.

»Du fängst schlecht an, Pavo, setze aber doch nach deinem Kopf,« sagt der Herr von Sinvara enttäuscht. »Wie oft soll ich es sagen? Glaubst du, daß ich das Geld in Scheffeln habe? Jetzt setzest du auf Rot!«

Aber Rot verlor. Endlich nach acht Malen kam Rot an die Reihe, traf das Kreuz des Rumänen und brachte ihn wieder auf die Beine. Rasend über sein Unglück, zur Verwegenheit getrieben, hatte er diesmal eine kolossale Summe auf seine vier Zahlen geworfen, und von Trotz verfärbt, war es ihm im Augenblick gleichgültig, ob er gewann oder verlor. Als das Rad stillstand und der Zeiger auf einer von seinen vier Zahlen liegen blieb, rief er instinktmäßig den Diener, der hinter dem Stuhl des Prinzen stand und gab ihm, ohne ein Wort zu sagen, einen Schein. Dann setzte er von neuem mit zitternden Händen.

»Pavo!« sagt der Vater wieder, »du hast nun abermals verloren. Du hast gar kein Glück. Ich lasse dich mein Geld durchbringen, und ich thue es um deiner selbst willen. Diese Nacht will ich dich bessern. Pavo, hast du mich verstanden?«

Und der durchtriebene Pavo versteht ihn sehr wohl. Er weiß, daß sein guter Vater schon von dem Rausch des Spiels erfaßt ist, und selbst wenn er verliert, ist es ihm doch eine Lust, teilzunehmen. Er durchlebt so heftig wie nur irgend jemand die Qualen des Spiels, bei den großen Chancen stockt sein Blut, er hört seinen eigenen Atem. Ach, das alles versteht Pavo nur zu gut!

Plötzlich wird er nachdenklich, er wird aufmerksam, geistesabwesend. Der Croupier macht ihn darauf aufmerksam, daß er -- der hochverehrte Spieler -- gegen sich selber spielt, und er wundert sich in seinem stillen Sinn über Pavo. Ich selber werde darauf aufmerksam, daß Pavo einmal über das andere Geld zurücknimmt, das er bereits gesetzt hat, gleichsam um es zu retten, ehe das Rad stillsteht. Ist er vernünftig geworden? Fürchtet er das Unglück?

Der Russe aber führt mich an ein Sofa am Ende des Saales und fängt an über Pavo zu reden. Ob ich nicht bemerkt habe, daß er plötzlich sein Spiel veränderte? Ach, Pavo war im Grunde klug wie ein Teufel, er verstand sich auf so viel. Der Russe zeigte zu Vater und Sohn hinüber und sagte:

»Von den beiden ist der Sohn am geringsten besessen. Pavo hat schon gemerkt, daß die Spielsucht seinen Vater gepackt hat, er will ihn zurückhalten. Es ist sehr komisch, aber er will wirklich versuchen, den Alten zurückzuhalten. Nicht wahr, das ist brillant? Es kann Pavo nicht gleichgültig sein, ob sich der Vater ruiniert.«

Wir sitzen dort im Sofa. Am Roulette geht etwas Ungewöhnliches vor sich, alle haben den Herrn von Sinvara und seinen Sohn umringt. Das Pharaospiel hat aufgehört, selbst die drei Bergbauern in den großen, grauen Mänteln mit den Metallgürteln und die alten Zeltkrämer, die unten an der Thür gesessen und unter sich um Weinkannen gespielt haben, stehen auf und mischen sich unter die Menge am Roulettetisch. Wir gehen auch dahin.

»Geben Sie jetzt acht!« sagt der Russe. Er ist sehr erregt.

Der Herr von Sinvara hatte wieder angefangen mit Nummer dreizehn zu operieren. Er hatte in seinem Eifer selbst das Geld übernommen und den Einsatz persönlich besorgt. Seine fetten Hände wühlten in den Scheinen, zitternd, suchend, das schmutzige Papier umkrallend, eifrig bemüht, es zu zählen und in Haufen zu ordnen. Er spricht nicht und Pavo sitzt schweigend an seiner Seite. Seine Miene ist sehr finster.

»Dreizehn!« meldet der Croupier.

Der Herr von Sinvara zuckt zusammen, und selbst Pavo sieht ganz blödsinnig aus. Welch Glück heftete sich doch an dies sinnlose Spiel! Der letzte Coup bricht eine große Lücke in die Bank. Der Croupier zahlt die Summe mit ruhigen Bewegungen aus. Diesen Mann setzt nichts mehr in Erstaunen, er hat alle Launen des Hazards gesehen, hat die verzweifeltsten Dinge erlebt. Der Prinz bleibt einen Augenblick fassungslos stehen, gleich darauf packt er all sein Geld zusammen, scheidet das Geld von dem Papier und stopft alles in seine Taschen. Er verlangt ein Glas Wein, das er in einem Zuge austrinkt, dann steht er auf und schließt mit dem Spiel ab. Beim Hinausgehen verteilt er Scheine nach rechts und links, an alle Diener, die ihm in den Weg kommen.

Der Herr von Sinvara aber stößt seinen Sohn gegen den Arm und sieht ihn mit fieberglühenden Augen an.

»Siehst du. Siehst du wohl! Willst du mich spielen lehren? Ich spiele euch doch alle unter den Tisch!«

Und er lacht kurz und laut auf, zu den erstaunten Zuschauern gewendet. Entzückt über sein Glück wirft er noch eine Summe auf die dreizehn.

»Laß das da stehen,« sagt er, -- »laß das Geld nur da liegen, sage ich. Dreizehn ist ja doch eine sonderbare Zahl.«

Der Croupier aber holt sein Geld mit der Harke weg. Er thut es zögernd, er hätte gewiß gern gesehen, daß die dreizehn noch einmal herausgekommen wäre, um den reichen Spieler zu ermuntern, der ja doch früher oder später seine Beute werden muß.

Nach vier vergeblichen Versuchen mit der dreizehn geht dem Herrn von Sinvara die Geduld aus. Er redet heftig auf den Sohn ein.

»Ich sage dir, Pavo, ich setze nicht mehr auf dreizehn. Ich habe auf dieser dummen Zahl genug verloren.«

Er wird immer gereizter, ein Diener mit knarrenden Schuhen wird gebeten, seiner Wege zu gehen, der Rumäne erhält einen bitterbösen Blick, als er einmal versäumt, seinen Gewinn einzuziehen und dadurch das Spiel verzögert. Der Herr von Sinvara fängt auch an, sich über alle die Zuschauer zu beklagen, die ihn fortwährend umstehen. Haben die denn gar nichts weiter zu thun? Er winkt das junge Mädchen aus der Menge heran und sagte:

»Habe ich _dir_ nicht vorhin das Goldstück gegeben?«

Das Mädchen errötet und macht einen tiefen Knix.

»Ja, Herr!« antwortet sie.

»Aber warum gehst du denn nicht weg, mein Kind?«

Ihr kleiner roter Mund bewegte sich, aber sie schwieg und schlug die Augen nieder. Der Herr von Sinvara sah sie genauer an und reichte ihr noch ein Goldstück.

»Hier, nimm das! Komm nach dem Spiel, nach Mitternacht zu mir!«

Das kleine Mädchen erglühte über das ganze Gesicht und knixte voller Ehrfurcht. Dann zog sie sich aus der Menge zurück, lächelte allen zu und ging.

Der Herr von Sinvara wandte sich wieder dem Spiel zu.

»Jetzt sind hier Fliegen an den Fenstern,« sagte er. »Hier ist so viel, was stört. Jagt die Fliegen hinaus!«

Sein Geld schwand stark hin. Der Rumäne hatte Glück. Der Herr von Sinvara beobachtete das Glück mit großem Unwillen.

»Siehst du denn nicht, daß ich nur noch ein paar elende Scheine habe?« sagte er zu Pavo. »Aber ich gebe es nicht auf, ich verliere alles. So, jetzt setze ich tausend auf Rot, vielleicht ist das meine Farbe.«

Rot gewann.

»Vielleicht hat Rot wirklich Glück. Ich setze noch einmal. Es ist ein Versuch.«

Rot verlor.

Da war die Geduld des Herrn von Sinvara erschöpft.