Sklaven der Liebe, und andere Novellen

Part 5

Chapter 53,945 wordsPublic domain

»Und dann sitzt da oben ein Mann, der Wächter. Wissen Sie, was der zu thun hat? In erster Linie buchstabiert er seine Zeitung, und dann bewacht er die Gräber. Es herrscht Ordnung im Kultus der Toten. Heute, als ich kam, sagte ich zu ihm, wenn ich ein Kind sähe, das hier Blumen stähle, um sich Schulbücher für den Erlös zu kaufen, ein kleines Mädchen, mager und ängstlich, das eine Kamelie wegnähme, um Essen dafür zu kaufen, so würde ich sie nicht anmelden, ich würde ihr behilflich sein. Das nenne ich Unrecht, sagte der alte Wächter. Unrecht, sagte er. Ein hungriger Mann hält Sie eines Tages auf der Straße an und bittet Sie, ihm zu sagen, wie viel die Uhr ist. Sie holen Ihre Uhr heraus, -- beachten Sie dann einmal seine Augen! Dann entreißt er Ihnen blitzschnell die Uhr und läuft davon. Ihnen bleiben zwei Auswege. Sie können den Raub melden, und dann bekommen Sie ein paar Tage später Ihre Uhr wieder, die bei einem Pfandleiher gefunden ist, und im Laufe von vierundzwanzig Stunden pflegt dann der Sünder zu folgen. Oder Sie können schweigen. Das ist der zweite Ausweg. Sie können schweigen. -- -- Ich bin eigentlich ein wenig müde, denn ich habe die ganze Nacht gewacht.«

»So, Sie haben gewacht! Nun der Tag schreitet vor. Ich habe meine Arbeit.«

Ich erhob mich, um zu gehen.

Er zeigte hinab auf die See und die Brücken.

»Ich bin da unten in den Spelunken umhergegangen, um ausfindig zu machen, wie die Not und das Elend des Nachts schlafen. Hören Sie nur einmal zu! Es geschehen so sonderbare Dinge! Eines Abends vor neun Jahren, als ich hier an diesem selben Fleck saß, -- ich glaube, auf dieser selben Bank -- geschah etwas, was ich nicht vergessen kann. Es war allmählich ganz spät geworden. Die Friedhofbesucher waren nach Hause gegangen; ein Steinhauer, der auf dem Bauch auf einer Marmorplatte da hinten lag und die Inschrift einmeißelte, hatte endlich seine Arbeit beendet, er zog die Jacke wieder an, steckte das Werkzeug in die verschiedenen Taschen und entfernte sich. Es fing an zu wehen, die Kastanienbäume rauschten schon ganz laut, und ein kleines eisernes Kreuz, das hier in der Nähe stand, -- es ist jetzt, glaube ich, weg -- schwankte ein wenig im Winde. Ich knöpfte auch meine Jacke zu und war eben im Begriff zu gehen, als der Totengräber die Biegung dort heraufkommt und im Vorübergehen hastig frägt, ob hier ein kleines Mädchen in gelbem Kleide mit einer Schultasche vorübergekommen sei.

Ich erinnerte mich nicht, sie gesehen zu haben. Was für eine Bewandtnis hatte es denn mit dem kleinen Mädchen?

»Sie hat Blumen gestohlen,« sagte der Totengräber und ging weiter.

Ich saß ganz still hier und wartete, bis er zurückkam.

»Nun? haben Sie sie gefunden?«

»Nein! Aber ich habe die Pforte verschlossen.«

Es sollte eine ordentliche Jagd veranstaltet werden. Das kleine Mädchen war sicher noch auf dem Friedhof, und jetzt mußte endlich Ernst aus der Sache gemacht werden. Dies war nun heute die dritte, die gestohlen hatte. Schulkinder, kluge kleine Mädchen, die sehr wohl wußten, daß es unrecht war. Wie? Sie stehlen die Blumen, binden Sträuße daraus und verkaufen sie. Ja, nette Kinder! das mußte man sagen!

Ich begleitete den Totengräber und half ihm eine Zeitlang, die Kleine suchen. Aber sie hatte sich gut versteckt. Wir nahmen den Wächter mit, wir suchten zu dreien und fanden sie nicht. Es fing an zu dämmern und wir gaben das Suchen auf.

»Wo ist das bestohlene Grab?«

»Dort. Noch dazu ein Kindergrab! Hat man je so etwas erlebt?«

Ich ging dahin. Jetzt stellte es sich heraus, daß ich dies Grab kannte. Das kleine verstorbene Mädchen hatte ich ganz gut gekannt, und am nämlichen Vormittag hatten wir sie begraben. Die Blumen waren verschwunden, auch meine eigenen. Ich sah sie nirgends mehr.

»Wir müssen weiter suchen,« sagte ich zu den anderen. »Dies ist schändlich!«

Der Totengräber hatte eigentlich nichts hiermit zu schaffen, aber er nahm doch der Sache wegen teil. Und nun fingen wir alle drei an, von neuem zu suchen. Plötzlich unten an der Biegung des Weges gewahrte ich ein kleines Menschenkind, ein Mädchen, das zusammengekrochen hinter Brigadevogt With's großer polierter Grabsäule an der Erde kauerte und mich anstarrte. Sie hatte sich so klein gemacht, daß ihr Hals ganz in den Rücken hineingeschoben war.

Aber ich kannte sie ja! Es war die Schwester der Verstorbenen.

»Mein liebes Kind! Weshalb sitzest du denn hier noch so spät?« fragte ich.

Sie antwortete nicht und rührte sich nicht. Ich hob sie in die Höhe, nahm ihre Schultasche in die Hand und hieß sie, mit mir nach Hause zu gehen. »Klein Hanna mag gar nicht, daß du um ihretwillen noch zu so später Stunde hier bist.«

Dann kam sie mit mir und ich sprach zu ihr:

»Weißt du denn auch, daß ein böses Mädchen die Blumen von Hannas Grab gestohlen hat? Ein kleines Mädchen in gelbem Kleid. Hast du die nicht gesehen? Nun, wir werden sie schon finden!«

Und sie ging ruhig neben mir, ohne zu antworten.

»Da haben Sie sie ja!« rief der Totengräber plötzlich. »Da haben wir die Diebin!«

»Wie?«

»Wie? Sie halten sie ja an der Hand!«

Da mußte ich lächeln.

»Nein, da irren Sie. Sie ist die Diebin nicht. Dies ist die kleine Schwester von dem Kinde, das heute begraben wurde. Sie heißt Elina, ich kenne sie.«

Der Totengräber aber war seiner Sache sehr sicher. Auch der Wächter erkannte sie wieder; namentlich an der roten Narbe, die sie an der einen Seite des Kinnes hatte. Sie hatte Blumen von dem Grabe ihrer Schwester gestohlen, und die Ärmste konnte nicht einmal ein Wort zu ihrer Entschuldigung vorbringen.

Jetzt bitte ich Sie eins zu beachten: ich hatte diese beiden Schwestern lange gekannt; wir hatten eine ganze Zeit in demselben elenden Hinterhof gewohnt und sie hatten oft unter meinem Fenster gespielt. Sie zankten sich oft sehr und prügelten sich auch, aber es waren ein paar nette Kinder, und anderen gegenüber nahmen sie sich gegenseitig stets in Schutz. Das hatten sie nicht gut von jemand lernen können. Die Mutter war eine schlechte Person, die selten zu Hause war, und den Vater -- sie hatten, glaube ich, jede ihren eigenen -- hatten sie nie gekannt. Diese beiden Kinder hatten ein kleines Loch, in dem sie lebten, und das kaum größer war als die Grabplatte dort, und da meine Stube der ihren gerade gegenüberlag, stand ich oft am Fenster und sah zu ihnen hinein. Hanna hatte in der Regel das Übergewicht, sie war auch ein paar Jahre älter und war oft so verständig wie eine Erwachsene. Sie holte immer den Blecheimer heraus, wenn sie eine Schnitte Brot haben wollten, und im Sommer, wenn es auf dem Hofe heiß war, hatte Hanna den guten Einfall, eine alte Zeitung an das Fenster zu befestigen, um die ärgste Sonne fern zu halten. Oft habe ich auch gehört, daß sie ihrer Schwester die Schularbeiten überhörte, ehe sie zur Schule gingen. Hanna war ein verwachsenes, ernstes Kind und ihr Leben war nur von kurzer Dauer.

»Lassen Sie uns die Tasche untersuchen,« sagte der Totengräber.

Und richtig, in der Tasche lagen die Blumen. Ich kannte sogar meine eigenen zwei, drei wieder.

Was sollte ich sagen? Und da stand sie, die kleine Sünderin, und sah uns ganz verhärtet an. Ich schüttelte sie und fragte sie aus, sie aber schwieg. Dann nannte der Totengräber die Polizei und nahm das Kind mit sich.

Oben an der Pforte ward ihr plötzlich klar, was geschehen sollte, sie sagte plötzlich:

»Nein, wo soll ich denn hin?«

Der Totengräber antwortete:

»Auf die Polizeistation!«

»Ich habe sie nicht gestohlen,« sagte sie.

Hatte sie sie nicht gestohlen? Sie hatte sie ja in der Tasche, wir hatten es sozusagen gesehen. Sie aber wiederholte ängstlich, sie habe sie nicht gestohlen.

In der Pforte hing der Kleiderärmel der kleinen Elina am Schloß fest, und der dünne Ärmel wurde beinahe ausgerissen. Und dadrinnen schimmerte der magere kleine Arm.

Auf die Polizeistation ging es. Ich begleitete sie. Es wurden einige Erklärungen abgegeben, aber so viel ich weiß, geschah der kleinen Elina nichts weiter. Ich selber sah sie nicht wieder, denn ich reiste fort und blieb neun Jahre weg.

Jetzt aber habe ich mehr Einsicht in die Sache bekommen. Es war ganz verkehrt, was wir da thaten. Sie hatte die Blumen natürlich nicht gestohlen, aber selbst wenn sie es gethan hätte? Ich sage mir: warum nicht? Hat man je so etwas Verkehrtes gehört, als wie wir uns mit ihr benahmen? Aber kein Richter kann uns deswegen verurteilen, wir nahmen sie nur fest und führten sie vor das Gericht. Ich kann Ihnen sagen, ich habe Elina wieder gesehen und kann Sie zu ihr führen!«

Er machte eine Pause.

»Wenn Sie verstehen wollen, was ich erzählen werde, müssen Sie zuhören! Ja, sagt das kranke Kind, wenn ich jetzt sterbe, so werde ich schon Blumen bekommen, vielleicht viele Blumen, denn die Lehrerin wird gewiß ein Bouquet schicken und Frau Bendiche sendet vielleicht gar einen Kranz.

Aber die kleine Kranke ist klug wie eine Alte. Sie ist zu stark gewachsen, um am Leben bleiben zu können, und seither hat die Krankheit ihr Nachdenken unglaublich geschärft. Wenn sie spricht, schweigt die andere, die kleinere Schwester, die angestrengt bemüht ist, sie zu verstehen. Sie wohnen allein dort, und die Mutter ist niemals zu Hause, hin und wieder aber schickt ihnen Frau Bendiche Essen, und sie verhungern nicht. Jetzt zanken sich die Schwestern nie mehr, es ist lange, lange her, seit sie Streit miteinander hatten, und ihre früheren Streitigkeiten aus früheren Zeiten auf dem Spielplatz sind längst vergessen.

Aber die Blumen sind nichts übertrieben Herrliches, fährt die Kranke fort. Sie welken. Und welke Blumen sind nicht schön auf einem Grab zu haben. Und wenn sie tot war, konnte sie sie doch nicht sehen, und wärmen thaten sie auch nicht. Ob Elina aber wohl noch an die Schuhe dächte, die sie einmal im Bazar gesehen hatten? Sie waren warm!

Elina erinnerte sich der Schuhe noch. Und um ihrer Schwester zu zeigen, wie klug sie war, beschrieb sie ihr die Schuhe ganz genau.

Es war jetzt nicht mehr lange bis zum Winter. Und durch das Fenster zog es so schrecklich, daß der Waschlappen dort am Nagel ganz steif fror. Elina könnte so ein Paar Schuhe bekommen.

Die beiden Schwestern sahen sich an. Elina ist gar nicht so dumm.

Ja, sie konnte ihre Blumen nehmen und sie verkaufen. Das konnte sie. Es gingen am Sonntag so viele Leute auf der Straße spazieren. Sie fuhren oft mit Blumen im Knopfloch aufs Land, und oft sah man Herren mit einer Blume im Knopfloch in einer Droschke fahren. Sie kauften gewiß Blumen.

Elina fragte, ob sie nicht eine kleine Katze kaufen könne.

Ja, wenn sie Geld übrig behielt. Erst aber sollte sie die Schuhe kaufen.

Das verabredeten sie miteinander. Niemand hatte etwas darüber zu sagen, die beiden Kinder hatten es unter sich abgemacht. Elina mußte aber acht geben und die Blumen noch am selben Abend abholen, ehe sie verwelkten.«

»Wie alt mochte die Kranke wohl sein?«

»Zwölf, dreizehn Jahre, denke ich. Es ist nicht allemal das Alter, worauf es ankommt. Ich hatte eine Schwester, sie lernte Griechisch als sie noch _so_ klein war.

Aber Elina erging es ja nicht gut bei der Sache. Bestraft wurde sie gerade nicht, aber die Polizei jagte ihr doch einen unschuldigen kleinen Schrecken ein, und damit war sie verhältnismäßig gut davon gekommen. Dann nahm die Lehrerin sich ihrer an. Sich eines Kindes annehmen, heißt es auszeichnen, es auf die Probe stellen, es heimlich beobachten. Elina wird in den Pausen herangerufen: Liebe Elina, warte doch einen Augenblick, ich möchte mit dir sprechen! Dann wird sie ermahnt, liebevoll und bestimmt, zur unrechten Zeit an die Sache erinnert, aufgefordert, Gott um Verzeihung zu bitten.

Da zerbricht etwas in ihr.

Elina erschlafft, sie kommt mit ungewaschenem Gesicht, vergißt ihre Bücher zu Hause. Verdächtigt, von forschenden Augen verfolgt, nimmt sie die Gewohnheit an, sich dem Blick der Lehrerin zu entziehen, es zu vermeiden, den Leuten in die Augen zu sehen. Sie gewöhnt sich die verstohlenen, hastigen Blicke an, die ihr einen scheuen Ausdruck verleihen. Und dann, eines Tages, wird sie konfirmiert, der Pastor giebt ihr einen Spruch gegen ein gewisses Gebot, alle Leute machen sich ihre Gedanken über ihre Vergangenheit. Und dann verläßt sie die Kirche und sie verläßt ihre kleine Stube. Die Sonne scheint golden auf die Stadt hinab, die Leute schlendern mit Blumen im Knopfloch auf der Straße herum, sie macht selber eine Fahrt aufs Land in einer Droschke -- -- --

Und diese Nacht bin ich ihr wieder begegnet. Sie wohnt da unten. Sie stand in einem Thorweg und redete mich flüsternd an. Ich konnte mich nicht irren, ich hatte ihre Stimme gehört, und ich kannte die rote Narbe. Aber, großer Gott, wie stark sie geworden war!«

»Kommen Sie her! Ich bin es!« sagte sie.

»Ja, ich bin es auch,« entgegnete ich. »Wie groß du geworden bist, Elina!«

Groß? Was für ein Schnack war das? Sie hatte keine Zeit zum Plaudern. Wenn ich nicht mit hereinkommen wollte, so brauchte ich nicht länger stehen zu bleiben und andere zu verscheuchen.

Ich nannte meinen Namen, erinnerte sie an den Hinterhof, an die kleine Hanna, an alles, was ich wußte. Lassen Sie uns hineingehen und ein wenig zusammen plaudern, sagte ich.

Als wir hineinkamen, sagte sie:

»Spendieren Sie etwas zu trinken?«

So war sie.

»Denken Sie doch, wenn Hanna jetzt auch hier gewesen wäre! Dann hätten wir drei wieder zusammengesessen und über dies und jenes geschwatzt.«

Sie lachte schrill.

»Was schwatzen Sie da für Unsinn? Sie werden wohl schon wieder kindisch!«

»Denken Sie denn gar nicht mehr an Hanna?« fragte ich.

Da spie sie wütend vor sich hin.

Hanna und immer Hanna! Ob ich denn glaubte, daß sie noch ein Kind sei? Dies mit Hanna lag viel zu weit zurück, was für ein Geschwätz war das doch! Ob sie uns etwas zu trinken holen solle.

»Ja, gern.«

Sie steht auf und geht hinaus.

Rings umher in den Nebenzimmern höre ich Stimmen, Korkenknallen, Fluchen, leise Schreie. Thüren werden geöffnet und wieder zugeschlagen, hin und wieder wurde draußen auf dem Gang nach einer Aufwärterin gerufen, die einen Befehl erhielt.

Elina kehrte zurück. Sie wollte bei mir sitzen, auf meinem Schoß, sie zündete sich auch eine Cigarette an.

»Warum darf ich nicht bei dir sitzen?« fragte sie.

»Wie lange sind Sie hier gewesen?«

»Ich weiß nicht recht. Es ist auch einerlei. Prost!«

Wir tranken. Sie sang eine Melodie ohne Stimme, den blühendsten Blödsinn, irgend etwas aus einem Tingeltangel.

»Wo haben Sie das gelernt?«

»Im Tivoli.«

»Gehen Sie oft dahin?«

»Ja, wenn ich so viel Geld habe. Jetzt habe ich aber nie mehr was. Die Wirtin wollte heute Geld von mir haben. Sie nimmt eine so große Abgabe, sie muß wohl so viel Geld haben, -- und dann bleibt für uns nichts übrig. -- Könntest du mir nicht noch etwas Geld geben?«

Ich hatte Gottlob noch etwas, das ich ihr geben konnte.

Sie nahm es ohne Dank und ohne alle Bewegung, aber vielleicht empfand sie doch eine kleine innere Freude. Sie bat mich, noch eine Flasche Wein zu bestellen. Ich sollte wohl gründlich ausgepumpt werden.

Der Wein kam.

Aber nun wollte sie auch Staat mit mir machen. Sie wollte ein paar von den anderen Mädchen hereinrufen und ihnen von dem Wein abgeben. Die Mädchen kamen. Sie hatten kurze, gesteifte Röcke an, die raschelten, wenn sie sich rührten; ihre Arme waren nackend, und sie trugen abgeschnittenes Haar.

Elina stellte mich vor, und sie wußte meinen Namen noch ganz genau. Sie erzählte in blasiertem Ton, ich hätte ihr viel Geld gegeben, ich sei ein guter alter Freund von ihr, sie könne mich um so viel Geld bitten, wie sie wollte. Es sei immer so gewesen.

Die Mädchen tranken und wurden nun auch vergnügt, sie überboten sich in unglaublichen Zweideutigkeiten, und krähten allerlei Lieder gegeneinander auf. Elina wurde eifersüchtig, wenn ich das Wort auch einmal an eine der anderen richtete, sie wurde mürrisch und unangenehm. Aber ich sprach absichtlich auch mit den anderen, um Elina zu größerer Mitteilsamkeit zu zwingen, denn ich wollte gern einen Einblick in ihren Gemütszustand gewinnen. Ich verfehlte indes meinen Zweck, sie warf den Kopf in den Nacken und machte sich etwas zu thun. Schließlich griff sie nach Hut und Jacke und schickte sich an auszugehen.

»Wollen Sie gehen?« fragte ich.

Sie antwortete nicht, summte mit überlegener Miene eine Melodie vor sich hin und setzte den Hut auf. Plötzlich öffnete sie die Thür nach dem Gang und rief:

»Gina!«

Das war ihre Mutter.

Sie kam, mit schweren Schritten, in weiten Pantoffeln schlurfend. Sie klopfte an, trat ein, blieb an der Thür stehen.

»Ich habe dir doch gesagt, daß du den Staub von der Kommode jeden Tag abwischen sollst!« sagte Elina sehr bestimmt. »Was für eine Schweinerei ist das! Mit der Art Reinmachen komm mir nicht wieder, verstehst du! Und die Photographien da hinten sollen auch jeden Tag mit einem Tuch abgewischt werden!«

Die Mutter sagte: »Ja« und wollte wieder gehen. Sie hatte unzählige Runzeln im Gesicht und eingefallene Wangen. Sie hörte die Tochter gehorsam an und sah sie an, um nichts zu überhören.

»Ich bitte mir nun aus, daß du daran denkst!« sagte Elina.

Die Mutter antwortete: »Jawohl!« und ging. Leise schloß sie die Thür hinter sich, um kein Geräusch zu machen.

Elina stand angekleidet da. Sie wandte sich mir zu und sagte:

»Ja, es wird wohl am besten sein, wenn Sie jetzt den Wein bezahlen und gehen.«

»Vielen Dank!« sagten die Mädchen und leerten ihre Gläser.

Ich war ganz betroffen.

»Den Wein soll ich bezahlen?« sagte ich. »Warten Sie einmal! Ich denke doch, ich habe Ihnen das Geld für den Wein gegeben? Aber vielleicht habe ich noch etwas.« Ich griff wieder in die Tasche.

Die Mädchen fingen an zu lachen.

»Ach, so ist es mit seinem Reichtum bewendet! Du hattest ja so viel Geld von ihm bekommen, Elina, und jetzt kann er nicht einmal den Wein bezahlen! Hahaha!«

Da wurde Elina in ihrer Seele wütend.

»Hinaus mit euch!« schrie sie. »Ich will euch hier nicht mehr haben! Er hat Geld wie Heu! Hier könnt ihr sehen, was er mir gegeben hat!« -- Und triumphierend warf sie Scheine und Silbergeld auf den Tisch. -- »Er hat den Wein bezahlt und mich auch, seht nur her! Ihr habt nie so viel Geld auf einem Haufen gesehen. Ich kann die Wirtin für zwei Monate bezahlen, versteht Ihr mich! Ich sagte es nur, um ihn ein wenig zu ärgern, um ihn zu necken. Ihr sollt aber hinaus!«

Und die Mädchen mußten hinaus.

Elina aber lachte schrill und nervös auf, als sie die Thür hinter ihnen abschloß.

»Ich mag sie wirklich nicht hier haben,« sagte sie entschuldigend. »Es sind im Grunde langweilige Dirnen, mit denen ich gar nicht verkehre. Fandest du nicht auch, daß sie langweilig waren?«

»Nein, das fand ich nicht,« antwortete ich, um sie noch mehr zu beschämen. »Sie antworteten, wenn sie gefragt wurden, sie erzählten mir, was ich von ihnen wissen wollte. Es waren nette Mädchen.«

»Dann kannst du ja auch gehen!« schrie Elina mir zu. »Geh du ihnen nur nach, wenn du Lust hast. Ich halte dich nicht.« Der Sicherheit halber steckte sie jetzt das Geld ein, das sie vorhin auf den Tisch geworfen hatte.

»Ich wollte Sie gern noch etwas fragen,« sagte ich. »Wenn Sie sich entschließen könnten, ruhig zu sitzen und mich anzuhören.«

»Mich nach etwas fragen?« antwortete sie höhnisch. »Ich habe nichts mit dir zu schaffen. Du willst wohl wieder von Hanna anfangen? Dies Gequatsche von Hanna macht mir ganz schlimm und übel. Davon kann ich nicht leben!«

»Möchten Sie denn aber nicht aus diesem Leben heraus?« fragte ich.

Sie that, als höre sie es nicht, sie fing wieder an, im Zimmer herum zu kramen und zu ordnen, und dazu pfiff sie, um sich Mut zu machen.

»Aus diesem Leben heraus?« sagte sie und stand plötzlich vor mir still. »Wozu? Wo soll ich hin? Mit wem soll ich mich wohl verheiraten? Wer wollte wohl so eine wie mich haben? Und dienen mag ich nicht.«

»Sie könnten ja versuchen, außer Landes zu gehen und ein ehrbares Leben anzufangen.«

»Blödsinn! Blödsinn! Schweig davon! Bist du Missionar geworden? Wozu soll ich von hier fortgehen? Ich befinde mich ganz wohl. Ich habe nichts auszustehen. Weißt du was? Laß noch eine Flasche Wein kommen! Aber nur für uns beide ganz allein. Die anderen sollen nichts abhaben -- -- Gina!« rief sie zur Thür hinaus.

Sie bestellte Wein, trank und wurde immer weniger anziehend. Ein vernünftiger Bescheid war nicht aus ihr herauszubringen, sie summte unablässig Bruchstücke von Gassenhauern vor sich hin, während sie dasaß und sann. Dann trank sie wieder, und ihr Benehmen wurde geradezu abstoßend. Sie wollte wieder und wieder auf meinen Schoß, sie streckte die Zunge heraus und sagte: »Da, sieh!« Schließlich fragte sie geradezu:

»Bleibst du übernacht hier?«

»Nein!« antwortete ich.

»Dann gehe ich aus!« sagte sie. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Der Erzähler schwieg.

»Nun?« fragte ich.

»Was würden Sie thun, wenn Ihnen eine solche Wahl gestellt würde? Würden Sie bleiben oder gehen? Sehen Sie, das ist die Frage. Wissen Sie, wozu ich mich entschloß?«

Er sah mich an.

»Ich blieb!« sagte er.

»Sie blieben?« fragte ich gähnend. »Die Nacht über? Bei dem Mädchen?«

»Ich bin eine erbärmliche Seele!« sagte er.

»Aber um des Himmels willen! Was dachten Sie sich denn dabei? Waren Sie betrunken?«

»Das auch. Zuletzt. Aber vor allen Dingen bin ich nicht weniger widerwärtig und jämmerlich als andere Menschen, das ist die Sache. Sie war ein Mädchen, deren Geschichte ich kannte. Es war mir eine solche Wollust, zügellos zu sein. Können Sie das begreifen? So blieb ich denn. Und in welch ein Meer von Zügellosigkeit wir versanken!«

Der abscheuliche Cyniker schüttelte den Kopf über sich selber.

»Aber jetzt will ich wieder zu ihr gehen,« fuhr er fort. »Es muß sich noch etwas thun lassen! Hm! Sie meinen, ich sei nicht die geeignete Persönlichkeit dazu? Ich bin vielleicht doch nicht so schlimm wie Sie glauben. Sie denken an die Geschichte von übernacht. Bedenken Sie, wenn ich nicht geblieben wäre, so wäre ein anderer gekommen, und bei einem solchen Tausch würde sie voraussichtlich verloren haben. Wenn sie ihren Umgang wählen könnte, glaube ich, würde sie unfehlbar mich wählen, ich bin rücksichtsvoll und habe Verständnis, ich vergesse auch keinen Augenblick, ihr zu widerstehen. Aber das Sonderbare ist, daß gerade dieser Zug an mir sie reizte. Das sagte sie selber. >Du widerstehst mir so herrlich!< sagte sie. Was soll man einem solchen Mädchen gegenüber anfangen? Und dann muß man auch bedenken, daß sie einzig und allein um der Blumen willen in ihrem Herzen so übel zugerichtet ist. Das war der Anfang. Wäre es erlaubt gewesen, Blumen auf den Gräbern zu pflücken, so wäre sie jetzt ein anständiges Mädchen. Aber da faßten wir sie ab, und ich war dabei behilflich! Ich war dabei behilflich!«

Er schüttelte von neuem den Kopf und versank in Sinnen.

Endlich erwachte er wie aus einem Traum.

»Ich habe Sie gewiß aufgehalten. Ich fühle auch selber, daß ich müde bin. Ahnen Sie, wieviel Uhr es ist?«

Ich wollte meine Uhr herausziehen. Ich hatte sie nicht bei mir, ich hatte sie zu Hause vergessen.

»Danke, es ist auch einerlei,« sagte er und erhob sich, streckte seine Beine und zog seine Beinkleider herunter. »Sehen Sie, da kommt die vornehme Dame zurück, die Trauer ist beendet, das kleine Mädchen trägt keine Blumen mehr. Die Blumen liegen wieder da unten, Rosen und Kamelien; in vier Tagen sind sie verwelkt. Wenn ein kleines Mädchen sich dieser Blumen bemächtigt, um sich ein Paar Schuhe dafür zu kaufen, so glaube ich, es ist kein Unrecht!« --

Jetzt sah mich der Mann eine ganze Minute an, trat ganz nahe an mich heran und brach in ein verhaltenes Lachen aus.

»Sehen Sie, solche Geschichten muß man erzählen,« sagte er. »Für die findet man willige Ohren. Tausend Dank, verehrter Zuhörer!«

Er nahm den Hut ab, verbeugte sich und ging.

* * * * *