Sklaven der Liebe, und andere Novellen

Part 4

Chapter 43,741 wordsPublic domain

Wir hatten Schottland hinter uns gelassen. Meine Seekrankheit war überstanden. Ich hatte achtundvierzig Stunden gehungert, war achtundvierzig Stunden unmenschlich krank gewesen und war im letzten Augenblick von dem zweiten Koch mit ein paar Löffeln Gerstgrütze, in Wasser gekocht, gerettet worden. Nie werde ich vergessen, wie gut das schmeckte! Überhaupt war die Schiffsmannschaft sehr gut gegen uns, sie erzeigte uns oft eine Extra-Freundlichkeit, wenn wir viel ausgestanden hatten. Als wir uns ein wenig an das Essen an Bord gewöhnt hatten, schmeckte uns das auch so gut, wie wir es nur wünschen konnten. Das Brot war auch gut gebacken und wurde uns in reichlicher Menge geliefert. Wir bekamen jeden Tag Weizenbrot.

Jetzt schwammen wir auf dem Atlantischen Ozean.

Ein finsterer, fast religiöser Ausdruck lag auf den Gesichtern:

Also jetzt! -- In Gottes Namen!

Was meinen Freund, den Jüngling betrifft, so erklärte er, daß ihm ganz flau werde, wenn er den unendlichen Gedanken -- der atlantische Ozean -- denke. Kristen Nyke aber antwortete, daß darüber gar nichts zu denken sei, -- das sei ein Gedanke für Frauen und Kinder. Ginge die Sache gut, so wäre es gut, ginge sie schief, so stürbe man.

»Und welche Ansicht haben Sie denn über den Tod, Kristen?« fragte der Kaufmann.

»Meine Ansicht über den Tod? Sie ist wohl dieselbe wie die Ansicht anderer gebildeter Menschen. Das Ende des Ganzen, der Schluß, der Punkt für alle großen Gedanken. Wenn Sie ein Mann wären, den so etwas interessierte, würde ich Ihnen etwas darüber aus einem Werk in meinem Koffer vorlesen.«

Ich machte einen Besuch in der Familienabteilung, dem Aufenthaltsort der verheirateten Leute und der jungen Mädchen. Das Zwischendeck war hier in größere Kammern abgeteilt, die durch die offenen Luken im Oberdeck Licht und Luft erhielten, und wo die besser eingerichteten Kojen, die Eßtische und die Bänke längs derselben den Aufenthalt für die Familien ganz gemütlich machten. Es befanden sich drei solche Kammern im Schiff, und in ihnen allen war die Luft gut, wenn man die vielen kleinen Kinder und die nicht wenigen seekranken Frauen in Berechnung zog. Zwei Frauen waren miteinander in Streit geraten, aber von Natur zurückhaltend, wie sie waren, und in christlichen Familien erzogen, rissen sie sich gegenseitig nur ein paar Haarbüschel aus, ja die eine von den beiden, eine Witwe, die in Kristianssand an Bord gekommen war, kämpfte in ihrer Demut am liebsten mit den Nägeln.

Dieser kleine Zeitvertreib erregte die allgemeine Aufmerksamkeit, und ich beobachtete, wie ein Passagier aus der ersten Kajüte, ein Schneider aus Kopenhagen, mit seinem goldenen Kneifer dastand und dem Streit durch die Luke im oberen Deck zuschaute. Er wippte umher und wechselte fortwährend den Platz, um besser sehen zu können. Ein paar kleine Kinder dagegen waren ganz teilnahmslos für diesen Kampf der Frauen; ernst und nachdenklich saßen sie da und verzehrten eine alte Zeitung, die zwischen ihnen lag und stießen von Zeit zu Zeit einen unartikulierten Laut aus, wozu sie die ernsthaftesten Gesichter aufsetzten.

Als ich zu meinen Kameraden zurückkehrte, war Herr Nyke gerade im Begriff, sich ein wenig »einzurichten«, wie er es nannte. Er wollte auf der Überfahrt wie ein Mensch wohnen, und wenn sonst niemand aufräumte, müsse er es thun. Zu diesem Zweck hatte er alle Kisten und Koffer zu einem Berg aufgestapelt, ein Stück Gepäck über dem andern, so daß in der Mitte ein freier Gang entstand, -- »zum Spazierengehen«, erklärte Herr Nyke. Oben auf dem Oberdeck wehe ein so kalter Wind, der Nebel lege sich so unangenehm auf das Gesicht, der Kohlenstaub aus dem Schornstein verunreinige außerdem das Gesicht -- war dies da nicht ein guter Gedanke von ihm, -- ein Boulevard unter Dach und Fach?

Der Haugesunder war der erste, der seinen Koffer an seinem gewöhnlichen Platz vermißte, und mit grober Hand riß er Herrn Nykes Gebäude um. Es stand eine kurze Zeit und versank in Trümmer.

Das Wetter war kalt und naß, der Nebel verdichtete sich, vom Schiff aus war nichts zu sehen. Wohin man sich wandte, hing nur der graue Nebel schwer über dem Meer wie ein rauchender Himmel, der mit der Erde verschwamm. Und jede halbe Minute zog der wachthabende Matrose an der Pfeife, diesem starken Instrument, dessen eiserne Stimme brutal über das Meer dahinschallte.

* * * * *

Und die Tage gingen dahin, die See wurde immer ungestümer, der Sturm nahm zu, und eine ganze Menge Auswanderer lag halbtot vor Elend da. Nur ganz ausnahmsweise erblickte man einen gesunden Menschen, den die Seekrankheit verschont hatte. Mein junger Reisegefährte hatte mehrere Tage zu Bett gelegen, er sagte, es sei unnatürlich zu _stehen_, wenn man sterben solle. Und er stöhnte und gebärdete sich wie ein krankes Kalb. Wenn er jemals wieder an Land käme, -- was wohl sehr unwahrscheinlich sei, -- so wolle er nie wieder über Kleinigkeiten wie z. B. den Verlust eines Fingers oder eines Fußes klagen, denn dies sei weit ernster.

Ich traf Herrn Nyke einmal auf Deck. Er schien ein wenig unsicher auf den Beinen, und er war sehr blaß.

»Ist Ihnen nicht wohl?«

»Ach ja, so einigermaßen. Aber hier ist zu viel Ölgeruch, außerdem wird in der Kombüse Fleisch gebraten, der Geruch macht einen elend.«

Nachdem wir aber hinuntergekommen waren und der Kaufmann ihn mit einer Rolle Kautabak traktiert hatte unter dem Vorwand, daß ihn das kurieren werde, ward Herr Nyke mehr und mehr Leiche, er lehnte sich hintenüber, steckte die Hände in die Taschen und schloß die Augen.

»Doch nicht Ihr >Fall<?« fragt der Kaufmann und sieht ihm lächelnd ins Gesicht.

Aber das hätte der Kaufmann lieber nicht thun sollen, Herrn Nykes »Fall« saß zu lose, und der nichts ahnende Spaßvogel mußte seine Unvorsichtigkeit bezahlen.

Der Kaufmann sagte, er glaubte, er ginge hin und wüsche sich.

Seit jenem Tage hütete Herr Nyke beständig das Bett.

Aber als sollte die Sache nie ein Ende nehmen, wurde die See mit jeder Wache, mit jedem Morgengrauen bewegter. Der Nebel kam und ging, der Sturm vertrieb ihn einen Augenblick, bald aber umgab er uns wieder, und das ununterbrochene Kreischen der Takelage tönte bis in das Zwischendeck hinab. In der Nacht brachen einige Kojen ein, die Menschen rollten auf die Erde, müde und seekrank zogen sie die Decken über sich, und halbnackend und verfroren, ohne die Kraft, ihre Matratzen mitzunehmen, schliefen sie auf einem Sack oder einer Kiste elendiglich wieder ein.

Gegen Mitternacht steckte eine Frau den Kopf durch unsere Kojenthür. Sie war mühselig die steile Treppe von dem untersten Zwischendeck, wo die Familien wohnten, heraufgeklettert. Die Laternen brannten trübe an ihren Haken, der Kopf der Frau schimmerte so sonderbar in der Lukenöffnung.

»Kann nicht jemand von hier hingehen und melden, daß da unten am Boden des Schiffes ein so unheimliches Geräusch ist?«

Niemand antwortet. Die Frau schreit lauter, um jemand zu wecken:

»Ist hier nicht jemand, der die Meldung machen kann, daß das Schiff leck ist?«

Jetzt lachen einige laut, und die Frau zieht sich zurück, indem sie mit großer Beharrlichkeit vor sich hin murmelt, daß das Schiff geborsten sei.

Herr Nyke lag im tiefsten Elend in seiner Koje. Es war ein einziger, langer »Fall«. Einer seiner Gefährten fragte ihn einmal, ob er tot sei. Nein, so gut erginge es ihm nicht, murmelte er.

Vom Deck herab klangen die Kommandorufe der Offiziere zu uns herunter, und der Kapitän, dieser über und über mit Goldtressen bedeckte Herr, der uns Emigranten mit so spöttischer Miene begegnet war und uns wiederholt befohlen hatte, ihm aus dem Wege zu gehen, stand nun selber auf der Kommandobrücke. Wir hörten seine Stimme da oben, schnell und scharf erteilte er seine Befehle, und niemand zauderte, ihm zu gehorchen. Wir hatten alle ein Gefühl, daß der Kapitän trotz alledem der beste Mann an Bord wäre, und diesen Augenblick war kein Spott in seinen Mienen.

In den Familienkammern waren jetzt Luft und Licht in einer traurigen Verfassung. Der Seegang war nämlich so schwer geworden, daß man die Luken zu dem obersten Verdeck hatte verrammeln müssen. Die meisten lagen im Bett, die Mütter mit den Kindern eng aneinander geschmiegt, die Männer mit stumpfsinnigen Augen und großen Nasenlöchern, unfähig zu jeder Bewegung. Ganz oben aber an der obersten Treppe stand der gesunde, frische Methodistenprediger, der Mann mit den geistlichen Liedern. Er stand da mit entblößtem Haupt und entblößter Brust, wie versteinert im Gebet. Und die ganze Nacht, seit gestern abend hatte er dagestanden, und von Zeit zu Zeit war ein Auswanderer zu ihm heran gekommen, mit dem er gesprochen hatte. Als es hell wurde und die Leute erwachten, rief er plötzlich mit lauter Stimme zu uns hinab: »Ich bin eine Stimme im Namen des Herrn!« -- Und er fing an mit Bekehrungsworten und Höllenstrafen um sich zu werfen. Aber es war eine schlechte Kirche, dies Schiff mit sechshundert elenden Auswanderern! Die jungen Mädchen waren nach einer durchwachten Nacht endlich eingeschlafen, und wer weiß, vielleicht träumten sie jetzt einen bekannten Traum von einer flotten Mazurka. Die Mütter und Väter hatten jeder seine Last zu tragen, deswegen war die Predigt auch in den Wind gesprochen. Ach, man wollte Ruhe haben. Man war so matt und elend, man vermochte keinen Gedanken zu denken, konnte sich auf keine Sünde besinnen.

Der Kaufmann war gesund, von Zeit zu Zeit zündete er sich sogar heimlich eine ungeheuer übelriechende Pfeife an, obwohl es wegen der Seekranken und der Feuersgefahr strenge verboten war, hier unten zu rauchen. Herr Nyke hatte gerade den infamen Tabaksrauch gespürt und drohte, den Kaufmann anzuzeigen. Dafür begann dieser, seinen Spott mit dem Seminaristen zu treiben, der so bange war. Kristen sei bange, Kristen habe vor einem Augenblick ein Neues Testament unter sein Kopfkissen gesteckt! -- Nyke aber schwur mit dem letzten Rest seiner Kräfte, daß der Kaufmann lüge. -- -- --

Da geschah es, daß oben etwas mit furchtbarem Getöse zertrümmert wurde.

Ein Krachen, ein ohrenbetäubender Donner rollte über das Schiff hin, wir fühlten uns mit plötzlicher Gewalt umgerissen, die See strömte über die Treppen zu uns herab, von allen Seiten ertönte Geschrei. Als ich mich endlich selber wiederfand, mit dem Bauch auf dem Gesicht des Haugesunders, sprang ich schnell auf und sah mich nach meinem Reisegefährten um. Der war aus seiner Koje geschleudert und lag wie tot mit zusammengepreßtem Mund und geballten Fäusten. Als ich ihn anredete, antwortete er nicht, als ich ihn aber wieder auf die Füße gestellt und nach der Koje zurückgeführt hatte, stellte es sich heraus, daß ihm nichts fehlte, der Fall hatte ihm nicht geschadet. »Es ist alles nur eine Kleinigkeit,« sagte er, »ein Glied mehr oder weniger. -- Nein, aber die Seekrankheit, -- die Seekrankheit!«

Der Kaufmann brüllte mir ins Ohr:

»Sehen Sie sich doch Kristen einmal an! Liegt er da nicht auf den Knieen in seiner Koje und küßt das Neue Testament!«

Die Handwerker, die beiden guten Freunde, lagen in dem nassen Zwischendeck am Boden, die See floß über sie hin. In gegenseitiger liebevoller Umarmung sandten sie weinend der Heimat ein letztes Lebewohl durch den Orkan hindurch zu. Abermals spülte eine Sturzsee zu uns herunter und führte Splitter von zertrümmertem Holz die Treppe hinab. Der Kaufmann wollte sich wirklich die Bemerkung erlauben, daß es jetzt anfinge, feucht zu werden! Und zu Herrn Nyke gewandt, dessen Stimme und Miene er nachahmte, sagte er:

»Der Tod, was ist der Tod? Nur der Schlußpunkt für die großen Gedanken!«

Und kaum hatte Herr Nyke diese Worte gehört, als er sich beeilte, daß Neue Testament unter sein Kopfkissen zu legen und sich in seine Koje zurückzuziehen. So verlegen war er. -- --

Von nun an nahm aber das Unwetter allmählich ab. Am nächsten Tage konnten wir schon wieder mit voller Fahrt weiterdampfen, mein Reisegenosse konnte aufrecht in seiner Koje sitzen, und Herr Nyke befand sich in guter Besserung. Zwölf Stunden nach dem Orkan war auf keinem Gesicht mehr eine Spur der ausgestandenen Angst und der stillen Gottergebung, die einige an den Tag gelegt hatten, zu entdecken. Man stürzte sich dahingegen über die vollen Speiseeimer mit einer Gier, wie sie nur von der Seekrankheit genesene Patienten besitzen.

* * * * *

Regen, hoher Wellengang und Sturm waren auf der ganzen Reise unsere Begleiter gewesen, -- ein Ausnahmewetter im August für den Atlantischen Ocean! Als wir endlich ein der Jahreszeit und dem Himmel entsprechendes Wetter bekamen, waren einige von den Auswanderern so stolz, daß sie sich alle Komplimente verbaten. Undankbareren Menschen hat der liebe Gott nie seine Wohlthaten erwiesen. Nur die Seekranken erkannten den Umschlag in der Witterung dankbar an. Der Methodistenprediger stand mitten auf dem Schiff und sang seine geistlichen Lieder, ein Schwarm von völlig neuen Menschen kam zum Vorschein, Leute, die ihre zwölf, vierzehn Tage in den Kojen gelegen hatten, ohne die Kraft zu besitzen, auch nur den Kopf zu erheben, wimmelten plötzlich aus dem untersten Deck herauf, bleich, abgemagert wie Holzpuppen. Jetzt erzählt uns die zunehmende Hitze, daß wir uns der Küste von Amerika nähern. Vögel umschwärmen uns, Vögel mit fremdländischem Aussehen und sonderbarem Geschrei, Segel und qualmende Dampfschiffschornsteine sieht man in allen Richtungen am Horizont, eine norwegische Bark fährt auf uns zu und bittet durch Signale um Angabe der Höhe, auf der wir uns befinden.

Die Handharmonikas, die so lange begraben gelegen haben, werden wieder hervorgeholt, vergessen sind alle Leiden, alle Angst. Der Methodistenprediger aber hat eine kleine Schar um sich versammelt, die am Boden kauert und Gott dankt, weil er unser Leben geschont hat. Und dazu singt der Koch in der Kombüse und macht einen Höllenlärm mit den Kochtöpfen.

Das Schiff war gespült und ausgeputzt, der Lootse war an Bord gekommen, die Passagiere gingen in ihren besten Kleidern umher, und mein Reisegefährte war wieder auf den Beinen.

Da steigt New-York aus dem Meere auf, schwer, farbenreich, gigantisch. In dem nebeligen Sonnenlicht zittert die Stadt marmorweiß, ziegelrot, von den tausenden von Schiffen, die in allen Richtungen, so weit das Auge reicht, hin und her fahren, wehen Flaggen. Schon erreicht uns das Getöse von den Walzen und Rädern der Fabriken, von den Dampfhammerschlägen auf den Werften, von den unendlichen Maschinen aller Art, die mit den glatten Gliedern aus Stahl und Eisen arbeiten.

Zwei Herren steigen von einem kleinen Dampfer zu uns an Bord. Es ist die Gesundheitspolizei, der wir Zwischendeckspassagiere unsere Zunge zeigen, und von der wir unsern Puls befühlen lassen sollen. Abermals steigen zwei Herren von einem anderen kleinen Dampfer an Bord. Es ist der norwegische Konsul in New-York und ein amerikanischer Detektiv. Sie suchen nach einem Norweger, einem gewissen Ole Olsen aus Risör, der Wechselfälschungen begangen hat. Und sie finden den Mann schnell, sein Signalement ist zu deutlich: er hinkt ein wenig und ist pockennarbig. Er war auf der ganzen Reise so still und bescheiden gewesen, jetzt stand er beinahe mit dem Fuß auf Amerikas Grund und Boden und wäre in wenigen Minuten gerettet gewesen. Da kommen die beiden Herren und greifen ihn. Ich vergesse nie sein Gesicht, dies entstellte Gesicht und das hoffnungslose Zittern der Mundwinkel, als der Konsul ihm den Verhaftungsbefehl vorliest.

Kristen Nyke stand am Vordersteven, er war beiseite gegangen und konnte sich nicht erholen von seiner Verwunderung über einen Brief, den er am Morgen in seiner Rocktasche gefunden hatte, und der eine ganze Menge Kronen enthielt, wirklich eine nette kleine Summe in Zehnkronenscheinen, als Geschenk für den armen Seminaristen. Er begriff nicht, woher dies Geschenk kam, und ahnte wohl am wenigsten, daß die Hälfte allein von seinem Plagegeist, dem Kaufmann, stammte.

So glitten wir langsam in den Hafen von New-York hinein.

Ein Erzschelm

Lieber Leser! -- Ich traf diesen Mann auf einem Friedhof. Ich that nichts, um ins Einvernehmen mit ihm zu gelangen, er aber legte gleich Beschlag auf mich. Ich setzte mich nur auf eine Bank, wo er vor mir gesessen hatte, und sagte:

»Störe ich auch?«

Da fing er an:

»Sie stören gar nicht,« sagte er und machte mir Platz. -- »Ich sah nur hier über all diesen toten Reichtum hin.« Er zeigte mit einer Handbewegung auf die Gräber.

Wir waren auf dem Krist-Friedhof.

Je weiter der Morgen vorschritt, um so lebhafter war es da oben geworden; Maurer und Arbeiter waren einer nach dem anderen gekommen, der alte Wächter saß schon in seinem Kiosk und las Zeitungen. Hier und da sah man Frauen in Schwarz, die Blumen pflanzten oder begossen, oder Gras abschnitten, das zu lang geworden war. Und die Vögel zwitscherten laut in den großen Kastanienbäumen.

Er war mir ganz unbekannt. Es war ein junger Mann, breitschulterig, unrasiert und in etwas abgetragenem Anzug. Die Runzeln auf der Stirn, die gewichtige Stimme, seine Gewohnheit, nachdenklich zu blinzeln, wenn er sprach, das alles machte ihn, wie man zu sagen pflegt, »alt und erfahren«.

»Sie sind fremd hier?«

»Ich bin neun Jahre außer Landes gewesen.«

Er lehnte sich zurück, streckte die Beine vor und sah auf den Kirchhof hinaus. Aus seiner Rocktasche guckten deutsche und französische Zeitungen hervor.

»Wie traurig ist es auf einem Friedhof wie dieser hier!« sagte er. »So viel Totes auf einem Fleck! So viel Kraft ertötet und so wenig ausgerichtet.«

»Wie meinen Sie das?«

»Dies ist der Militär-Begräbnisplatz.«

Ach so, der ewige Friede! dachte ich bei mir.

Er fuhr fort:

»Aber das Schändlichste von allem ist doch dieser Kultus, der mit den Toten getrieben wird, diese Art und Weise zu beweinen!«

»Eine fromme Zwecklosigkeit!«

Er machte eine hastige Bewegung und richtete sich auf.

»Wissen Sie, daß ein Vermögen von Granit auf diesen Gräbern steht? Dann streut man kostbare Blumen über den Sand, schafft sich bequeme Bänke an, um darauf zu sitzen und zu weinen, errichtet heilige Götzensteine aus den Brüchen da oben in den Grefsenbergen, -- ein versteinertes Vermögen. Der Friedhof ist einer der am wenigsten bankerotten Plätze in der Stadt. -- -- Ja, nicht wahr, das giebt Ihnen zu denken,« fuhr er fort. »Einmal hierhergesetzt, bleibt dieser Reichtum hier stehen, er ist unantastbar, denn er ist tot. Er erfordert nur noch seine Verwaltung, das heißt seine Aufsicht, seine Thränen, seine Blumen, die rings umher auf den Sandhügeln liegen und welken. Kränze bis zu fünfzig Kronen das Stück!«

Ein Socialist! dachte ich, -- ein reisender Handwerksbursche, der im Ausland gewesen ist und den Schrei nach dem Kapital gelernt hat, -- nach dem Kapital.

»Sind Sie auch fremd hier in der Stadt?« fragte er.

»Ja!«

Dann legte er sich wieder zurück gegen die Lehne der Bank, blinzelte und dachte, blinzelte und dachte.

Ein paar alte Gestalten gleiten vorüber, beide mit einem Stock, krummgebeugt, andächtig, miteinander flüsternd, -- vielleicht Eltern auf dem Wege zu einem Grabe. Ein Windstoß fährt über den Friedhof hin, wirbelt Staub und welke Blumenüberreste auf und raschelt leise mit dem gefallenen Laub, das die Gänge bedeckt, und das von der Sonne getrocknet ist.

»Sehen Sie!« sagt er plötzlich, ohne seine Stellung zu verändern, nur mit einer Bewegung der Augen, »sehen Sie die Dame, die auf uns zu kommt? Geben Sie einmal acht, wenn sie an uns vorüberkommt.«

Nichts war leichter als das. Sie streifte uns fast mit ihrem schwarzen Kleide, und ihr Schleier berührte unsere Hüte. Ein kleines Mädchen, das Blumen trug, folgte ihr, hinter ihr her trug eine Frau Rechen und Gießkanne. Sie verschwanden alle drei in der Biegung, die zu dem unteren Teil des Friedhofes führte.

»Nun?« fragte er.

»Nun?«

»Haben Sie nichts bemerkt?«

»Nichts ungewöhnliches. Sie sah uns an.«

»Bitte sehr, sie sah mich an. Sie lächeln und wollen mir die Versicherung geben, daß darüber kein Streit zwischen uns entstehen soll. Die Sache ist die, daß sie vor einigen Tagen hier vorüberging. Ich saß hier und sprach mit dem Totengräber, ich war bemüht, ihm ein klein wenig Verachtung für sein ehrenwertes Handwerk einzuimpfen.« --

»Aber weshalb denn nur?«

»Weil er unnützerweise die Erde aufwühlt zum großen Schaden für die Lebenden, die davon leben sollen.«

Ein armer, verirrter Freigeist also! dachte ich bei mir; wo steht es in Gottes Wort geschrieben, daß die Leichen nicht in der Erde bestattet werden sollen? Jetzt fängst du an, mich zu langweilen.

»Ich saß hier und sprach mit dem Totengräber. Es ist unrecht, sagte ich. Die Dame ging vorüber, sie hörte meine Worte und sah mich an. Ich sprach von Unrecht an einem heiligen Ort. Apropos: haben Sie wohl die alte Frau mit dem Rechen und der Gießkanne in den abgearbeiteten Händen beachtet? Und ihr Rücken, wie gebeugt der war? Dies Geschöpf hat sich wirklich um ihre Gesundheit gebracht in dem Streben, die Erde, die Quelle des Lebens, aufzuwühlen und brach zu legen. Aber sahen Sie es wohl: drei bis vier Schritte hinter der vornehmen Frau, die zu einem Grabe wollte um ihre Trauer zu verrichten. Ja, das war es eigentlich nicht. Sahen Sie, was das kleine Mädchen trug?«

»Blumen.«

»Kamelien. Rosen. Haben Sie das wohl gesehen? Blumen zu einer Krone das Stück. Feine Blumen, die ein ganz außerordentlich empfindliches Leben haben; wenn die Sonne ein wenig sengt, sterben sie. In vier Tagen werden sie über das Gitter in die Gärtnerei da unten geworfen, dann werden sie durch neue ersetzt.«

Da antwortete ich dem Freigeist und sagte:

»Die Pyramiden waren doch noch teurer.«

Das übte nicht die Wirkung aus, die ich erwartet hatte. Er schien die Einwendung bereits früher gehört zu haben.

»In jener Zeit herrschte keine Armut,« sagte er. »Ägypten war obendrein die Kornkammer des ganzen römischen Reichs, die Welt war damals noch nicht so eng. Ich kann aus Erfahrung mitreden, wie eng sie jetzt ist. Nicht ich persönlich habe diese Erfahrung gemacht, sondern ein anderer. Aber ich weiß nur, die Pyramide in der Wüste ist eins und ein wohlgepflegtes, modernes Grab ist etwas ganz anderes. Sehen Sie sich hier um! hunderte von Gräbern, Monumente für große Summen, Granitrahmen aus den Grefsenbergen zu drei Kronen sechzig Öre die Elle. Grassoden aus Egeberg zu zwei Kronen fünfzig Öre das Quadratmeter. Ich will gar nicht reden von den Inschriften und dem Raffinement, das in Bezug auf steinerne Säulen getrieben wird in polierter oder roher Arbeit, ausgehauen oder gefügt, rot, weiß und grün. Sehen Sie nur einmal diese Unmenge Grassoden an! Ich sprach mit dem Totengräber hierüber, der Handel damit hat dermaßen um sich gegriffen, daß kaum mehr Soden zu haben sind. Nun bitte ich Sie, bedenken Sie doch nur, was Grassoden auf der Erde bedeuten: sie sind das Leben!«

Da erlaubte ich mir zu entgegnen, daß dies Leben nicht aller Idealität beraubt werden könne und dürfe; es habe doch wohl sein bißchen ethische Bedeutung, daß die Menschen noch ein paar Grassoden für ihre lieben Toten übrig hätten. Und der Ansicht bin ich auch heutigen Tages noch.

»Sehen Sie,« sagte der Mann heftig, »von dem, was täglich hier vergeudet wird, könnten Familien leben, Kinder erzogen, schiffbrüchige Existenzen gerettet werden. Jetzt sitzt die junge Frau da unten und gräbt Kamelien in die Erde, die den Wert von zwei Kinderkleidern repräsentieren. Wenn der Kummer die Mittel zu so etwas hat, wird er Gourmand.«

Er war ganz sicher Socialdemokrat, vielleicht war er gar ein Anarchist, dem es Vergnügen machte, ernste Dinge auf den Kopf zu stellen. Ich hörte ihm mit schwindendem Interesse zu.

Er fuhr fort: