Sklaven der Liebe, und andere Novellen

Part 3

Chapter 33,646 wordsPublic domain

Er nimmt den einen der Wasserbehälter, trägt ihn an die Ecke, so recht mitten unter das Küchenfenster, und fängt an, laut in dem Wasser herumzuplätschern. Der Koch hört es und kommt heraus.

Er ist heute groß und überlegen wie nie zuvor, und er geht geradeswegs mit ausgespreizten Armen entschlossen und zornig auf Zachäus zu.

»Was machst du hier?« fragt er.

Zachäus antwortet: »Nichts. Ich wasche mein Hemd.«

»In meinem Wasser?«

»Natürlich!«

Der Koch kommt näher, beugt sich über den Wasserbehälter, um sich davon zu überzeugen, ob es der seine ist, und sucht in dem Wasser nach dem Hemd.

Da zieht Zachäus seinen Revolver aus der Binde der verwundeten Hand heraus, hält ihn dem Koch gerade vors Ohr und drückt ab.

Ein schwacher Knall hallte in die nasse Nacht hinaus.

V

Als Zachäus zu später nächtlicher Stunde in den Schlafschuppen kam, um zur Ruhe zu gehen, erwachten ein paar von seinen Kameraden und fragten, was er so lange draußen gemacht habe.

Zachäus antwortete: »Nichts. Ich habe Polly erschossen.«

Die Kameraden richteten sich auf den Ellenbogen auf, um besser zu hören.

»Du hast ihn erschossen?«

»Ja!«

»Das wäre doch des Satans! Wo trafst du ihn?«

»In den Kopf. Ich schoß ihn durchs Ohr, die Kugel ging nach oben.«

»Den Teufel auch! Wo hast du ihn begraben?«

»Westlich in der Prärie. Ich gab ihm die Zeitung in die Hände.«

»Hast du das gethan?«

Damit legten sich die Kameraden wieder hin, um weiter zu schlafen.

Nach einer Weile fragt noch einer von ihnen: »Starb er gleich?«

»Ja,« antwortete Zachäus, »beinahe sofort. Die Kugel ging durch das Gehirn.«

»Ja, das ist der beste Schuß,« sagt der Kamerad. »Geht sie durch das Gehirn, so ist das der Tod.«

Und dann wird es ruhig in dem Schuppen, und alle schliefen -- -- --.

Der Aufseher ernannte einen neuen Koch, einen der Gehilfen, die seit dem Frühling in Übung waren; dieser ward jetzt zum Chef erhöht und war herzlich glücklich über den Mord.

Und alles ging seinen rührigen Gang bis zur Ernte. Es wurde nicht weiter über Pollys Heimgang geredet, der arme Teufel war tot, er lag irgendwo im Weizenfelde begraben, wo die Ähren ausgerissen waren; dabei war nichts mehr zu machen.

Als der Oktober kam, zogen die Arbeiter aus Billybory nach der nächsten Stadt, um einen gemeinsamen Abschiedstrunk zu trinken und sich dann zu trennen. Alle waren in diesem Augenblick bessere Freunde denn je zuvor, und sie umarmten und dankten einander und meinten es ehrlich damit.

»Wohin gehst du, Zachäus?«

»Ich gehe etwas weiter westlich,« antwortet Zachäus. »Vielleicht nach Wyoming. Aber zum Winter gehe ich wieder in den Wald zum Holzschlagen.«

»Dann treffen wir uns dort. Auf Wiedersehen, Zachäus! Glückliche Reise!«

Und die Kameraden ziehen nach allen Richtungen hinaus in das große Yankeeland. Zachäus reist nach Wyoming.

Und die Prärie liegt da gleich einem endlosen Meer, über das die Oktobersonne ihre langen Strahlen wirft, die blitzenden Pfriemen gleichen.

Über das Meer

Ein Reisebrief

Jetzt, drei Wochen nachdem ich in Amerika gelandet bin, komme ich endlich dazu, Ihnen diesen Bericht über die Reise dahin zu senden. Ich bedaure, daß ich es nicht früher habe thun können, -- der Geist ist willig gewesen, aber das Fleisch war schwach. Mitte August verließ ich Norwegen, wo wir schon seit längerer Zeit einen Überzieher getragen hatten, und kam drei Wochen später in eine Hitze von über 90 Grad Fahrenheit im Schatten hinein. Dies griff mich nicht wenig an und störte meine sonst so gute Septembergesundheit.

Ich will versuchen, aus dem Kopf, ganz nach dem Gedächtnis zu schreiben. Ich habe auch nicht einen Buchstaben mehr von allen meinen wichtigen Papieren vom Schiff. Alles ist weg. Meine sämtlichen Notizen sind eines Nachts am Rande der Newfoundlandsbanks verschwunden. Jeder andere würde wohl den Verstand verloren haben, -- mir entfuhr nicht einmal ein Schrei. Ich setzte mich nur auf meinen gelben Handkoffer und fand mich wie ein Mann in das Unvermeidliche. Und gegen Vormittag ermannte ich mich so weit, daß ich sogar eine Tasse Thee herunterzuschlucken vermochte.

* * * * *

So ließen wir denn die Brücke von Kristiania hinter uns, nachdem wir unsere Abschiedsgrüße geweht, und der Schiffer die Quittung für die Emigrantenladung abgelegt hatte.

»Kann man jetzt nicht mehr umkehren,« fragte mein junger Reisegefährte mit weinerlicher Stimme.

»Ja, in Kristianssand. Aber das wirst du nicht thun.«

»Dann betrinke ich mich und segele viele viele Meilen von der Heimat fort,« schluchzte er.

Ach, dieser blutjunge Mann! Er war siebzehn Jahre alt und war noch nie von Hause fort gewesen.

Es entstand ein Lärmen und ein Geräusch. Sechshundert Menschen wimmelten auf Deck durcheinander, schleppten ganze Fuder von Gepäck in das Zwischendeck hinab. Da waren die verarmten Gebirgsbewohner aus unseren Thälern, Bauern von den dänischen Inseln, grobknochige Schweden, -- Bettler und arme Leute, bankerotte Kaufleute aus den Städten, Handwerker, -- Frauen, junge Mädchen und Kinder. Es war das auswandernde Skandinavien.

»Ja, jetzt schwimmen wir,« sagte ein Mann neben mir. »Sie waren schon früher drüben?«

»Ja!«

Er war ein Mann von dreißig Jahren, fett, sommersprossig und ohne Bart. Eine blonde Haarschnur mit runden Gliedern hing ihm von der Brust herab, um den Hals trug er einen weißen, fettigen Schlips. Er hatte Ohrlöcher in den Ohren.

»Ein schönes Land, das wir verlassen!« sagte er. »Das schönste auf der Erde!« -- Seine gutmütigen Augen wurden ganz blank.

»Weshalb verlassen Sie es denn?«

Das hatte seine besondere Bewandtnis. Er war Seminarist, war Lehrer gewesen, hieß übrigens Nyke, Kristen Nyke. Dann war er in eine theologische Streitigkeit mit dem Pfarrer C. F. Magnus geraten, und diese Streitigkeit endete damit, daß er seine Lehrerstellung verlor. Er erzählte von seinem Appell an die Öffentlichkeit, von seinen vier langen Artikeln in der Stiftszeitung, was er dem Bischof unverzagt auf dessen Brief geantwortet hatte: »Herr Bischof, Ew. Hochwürden können das Unmögliche von mir verlangen, erfüllen kann ich es aber nicht.«

»Und um was hat sich denn der Streit gedreht?«

Aus dem Gesicht des Lehrers strahlte eine unglaubliche Begeisterung:

»Um was sich der Streit gedreht hat? Ich lese viele Bücher, ich durchforsche Zeitungen und Schriften und werde für meine Verhältnisse ein gelehrter Mann. Ich katechisiere die Kinder nach den Forderungen der Zeit und nach meinen eigenen natürlichen Vernunftschlüssen. Da steht von Noah, daß er ein Paar von allen den Tieren mit sich in die Arche nahm, die nicht im Wasser leben konnten. Das soll mir jemand einreden! Hatte er etwa ein Paar Mastodonten, ein Paar Mammuttiere, ein Paar Elefanten bei sich, von denen ein einziges Paar genügt hätte, um sein kleines Fahrzeug zu füllen? Auf der anderen Seite: Besaß Noah ein Vergrößerungsglas und ein Mikroskop? Ich frage so einfältig, weil ich es nicht besser weiß. Konnte Noah alle die Millionen von Millionen unsichtbarer Tiere und Gewürm mitnehmen, die dem menschlichen Auge verborgen sind? Und konnte er sie ohne Vergrößerungsglas untersuchen und ein männliches und ein weibliches Tier von jeder einzigen Art herausfinden?«

Es hatten sich noch mehr Menschen zu uns gesellt, die dem eifrigen Redner lauschten. Hier fingen einige an zu kichern, andere standen in tiefem Sinnen da und hielten an ihrer Kinderlehre fest. Herr Nyke hatte Blut geleckt, er fuhr fort, über die Unwahrscheinlichkeiten der Bibel zu räsonnieren:

»Ebenso verhält es sich mit Jesu Göttlichkeit,« sagte er. »Vor der Kirchenversammlung zu Nicäa stand es jedem frei, darüber zu glauben, was man wollte; da aber wurde es festgestellt. Dies geschah im 4. Jahrhundert nach Christo. Und seither ist es so gewesen. Forscht man aber in Büchern und Schriften, findet man keine Begründung für diesen menschlichen Lehrsatz. Ich habe in einem schwedischen Buch gelesen, das Ganze beruhe auf der fälschlichen Auslegung eines griechischen Buchstabens. Ich will euch das alles zeigen, wenn ich nur erst zu meinem Koffer gelangen kann; da habe ich eine Menge Bücher.«

Oben auf Deck war es jetzt einigermaßen ruhig geworden, so daß Herr Nyke ganz ungestört reden konnte; durch die Luken des Zwischendecks stieg ein Gesurre von Stimmen von allen den geschäftigen Menschen da unten auf, die ihre Kojen mit geballten Fäusten verteidigten und ihr Gepäck beiseite stauten.

Vier junge Damen in flottgeschürzten Karl-Johann-Toiletten und blauen Ringen unter den Augen gingen plaudernd je zu zweien vorüber. Sie orientierten sich für die kommenden Tage an Bord, starrten mit großen, blauen Augen um sich, redeten jeden sündhaften Matrosen an und stiegen unerschrocken über all das Gepäck, das ihnen im Wege lag, ohne auch nur die fetten, kleinen Hände aus den Manteltaschen zu ziehen. Strauchelte eine von ihnen, so lachten sie alle vier und meinten, es sei ein recht vergnügliches Leben an Bord.

Ich ging hinunter, um mir eine Koje in einer einigermaßen reinlichen Nachbarschaft auszusuchen. Das hatte indessen mein junger Reisegefährte schon besorgt; er saß wie ein Kaiser oben auf seiner Strohmatratze und warf allen, die ihm seine Koje nehmen wollten, wütende Worte an den Kopf.

* * * * *

In der Nähe unserer Koje hatten auch Kristen Nyke und seine Kameraden Unterkommen gefunden. Zwei von ihnen seien »gewöhnliche Handwerker«, sagte Herr Nyke, sie hatten einen gemeinsamen Geldbeutel und einen gemeinsamen Koffer, ohne doch Brüder zu sein; der dritte hatte feinere Hände und ein lustiges, verschmitztes Gesicht, er war aus einer Kaufmannsfamilie. Dieser Mann sollte uns während der Überfahrt viele Unterhaltung verschaffen. Nie seekrank, immer lustig, hilfsbereit und immer parat, fuhr er zwischen den Passagieren umher und streute seine Scherze willig über das ganze Zwischendeck aus. Seinerseits schien dieses kleine drollige Männchen nur _ein_ Vergnügen hier im Leben zu kennen: nämlich seinen Reisegenossen Nyke, den er immer bei seinem Vornamen Kristen nannte, tüchtig zu necken, und es kam nur selten vor, daß diese beiden Frieden hielten. Zuweilen weckte er den Seminaristen mitten in der Nacht, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen, oder er erzählte ihm, wieviel die Uhr war, während Nyke wütend erwachte und ihm schreckliche Rache für diesen »Schurkenstreich« schwur. Und dann schliefen sie beide wieder ein.

Jetzt standen sie da und warteten auf das Mittagessen.

»Nyke soll drüben Pastor werden,« sagte der Kaufmann.

Da lachte Nyke. Pastor, er! Dazu war er ein viel zu aufgeklärter Mensch! Und er wandte sich nach mir um und fragte, was ein Mann mit seiner Ausbildung eigentlich anfangen sollte. Er gehöre nicht zu denen, die körperliche Arbeit verachteten, aber man müsse ihm wohl recht geben, daß er die Bedingungen zu etwas anderem in sich trüge. Er habe an die Stellung eines Professors an einem College gedacht.

Als die Essensglocke ertönte und die großen Eimer mit Emigrantenspeise auf das Zwischendeck herabgelassen wurden, wurde das Gedränge so groß und der Lärm so stark, daß ich es für das Geratenste hielt, eine Weile auf Deck hinaufzufliehen. Es ging über die Glieder der Mitmenschen her. Der Matrose, der als Zwischendecks-Polizist angestellt war, fand den Zustand derartig, daß auch er es vor seinem Gewissen verantworten zu können glaubte, jetzt seiner Wege zu gehen, -- jetzt, so lange er noch ohne andere Hilfe gehen _konnte_.

Freie und ledige Leute konnten die Schlacht ja wagen, er aber hatte Frau und Kinder in Kopenhagen.

Nachdem ich mich auf dem obersten Deck eine halbe Stunde herumgetrieben und das Getöse unten sich ein wenig gelegt hatte, ging ich wieder hinab. Meine neuen Bekannten, sowie mein junger Reisegenosse von daheim saßen alle um eine Kiste herum und schnitten ein Stück herrlichen, gelblichen Speck, der ganz danach angethan schien, um Seekrankheit zu erzeugen, in Stücke und verzehrten es. Und überall in jeder Koje, in jedem Schlupfwinkel war man mit dem Mittagsessen beschäftigt. Ach ja, der Mensch lebt _für_ das, _wovon_ er lebt! Auch nicht _ein_ Gesicht verriet Spuren von den Thränen, die für das Vaterland gefallen waren, das man verlassen hatte. Speck lag auf den Kisten, trieb sich am Fußboden und auf den Matratzen herum, Kinder spielten damit, Jünglinge bombardierten einander damit, man saß da, Speck in den Zähnen, zwischen den Fingern, auf den Knieen, -- überall glänzte dieser fette, gelbe Stoff, der überall Flecke hinterließ.

Viele aber langten mit herzerfreuendem Appetit zu. Die Gebirgsbewohner aus den engen Thälern hatten wohl jetzt zum ersten Mal in ihrem Leben Gelegenheit, nach Herzenslust in Zukost zu ihrem Brot zu schwelgen.

Aber mein junger Reisegefährte, der übrigens von ebenso armer Herkunft war wie ich selber, sollte sein erstes Mittagessen an Bord eines Oceandampfers teuer bezahlen. Er lag den ganzen Nachmittag in seiner Koje und befand sich schlecht, und ich konnte nicht an ihm vorübergehen, ohne daß er nicht eine Unterhaltung über trockne Schiffszwieback anfing, so recht trockne, gute Zwieback, auf denen man kauen konnte, oder daß er mich um ein Mittel gegen Übelkeit um Rat fragte.

Herr Nyke dahingegen litt infolge der gefährlichen Gärung im Magen an einer gewissen Verdauungsträgheit. Er nähme die Sache mit Ruhe, sagte er, und habe keine Lust, etwas vorzunehmen. Späterhin am Abend sollte er indessen genug zu thun bekommen. Wir hörten ihn eifrig nach einem gewissen Schlüssel suchen, dessen er denn schließlich auch habhaft wurde, den er dann aber gar nicht wieder abgeben wollte, obwohl es der Schlüssel zu einer gewissen Bequemlichkeit war, zu der auch andere Zutritt haben sollten.

* * * * *

Indessen war die Stimmung unter den Auswanderern ganz vorzüglich. Sie hatten vor Abgang des Schiffes in Kristiania eine größere Menge Abschiedsbier getrunken und hatten noch einen Schluck in der Reiseflasche. Nach Tische kamen dann die Handharmonikas auf Deck und es entspann sich gleich ein so lebhafter Tanz, daß schwache Leute unter die Starken gerieten; einige von den Frauen flehten sicher aufrichtig um Geduld im Leiden.

Eine kleinere Gruppe von Menschen hatte sich am Vordersteven gesammelt, dort sang ein schwedischer Methodistenprediger aus Amerika geistliche Lieder von Sankey und betete um gutes Wetter für die Überfahrt. Man ist so gottlos als junger Auswanderer -- bis zu dem Augenblick, wo die Gefahr im Anzuge ist. Hier waren es nur ein paar ältere Sünder, die in sich gingen, während da unten auf dem Zwischendeck ein Schwarm lustiger Leute Mazurka tanzten und sich nicht um den lieben Gott kümmerten.

Herr Nyke und der Kaufmann kamen vorüber. Herr Nyke schimpfte. Er trug seinen Speiseneimer in der Hand, ein sonderbares, verbogenes Blechgefäß mit einem eisernen Henkel. Es war sehr mitgenommen.

»Er hat es gethan!« sagte Herr Nyke. »Er hat es absichtlich gethan, sich daraufgesetzt, es zerbrochen. Sehen Sie nur!«

Der Kaufmann that sein Bestes, um ernsthaft zu bleiben. Es sei versehentlich geschehen, sagte er. Es sei da unten so dunkel gewesen, da habe er sich, ohne es zu wollen, darauf gesetzt.

Und beide gingen weiter und redeten mit lauter Stimme über die Sache.

Der Tanz wurde bis an den dunklen Abend fortgesetzt, wo das Deck geräumt werden sollte. Das Reglement schrieb vor, daß wir Passagiere vom Zwischendeck bis zu einem gewissen Glockenschlag in unserer Koje sein sollten, und sobald der Zeitpunkt gekommen war, sah man den Proviantverwalter und einen der Offiziere, jeder mit einer kleinen Diebslaterne unter dem Rock, in allen Winkeln und Ecken herumstöbern, um plötzlich einen Lichtstrahl auf ein verspätetes Paar zu werfen, das noch im Verborgenen dasaß und sich in flüsterndem Zwiegespräch vergessen hatte. Ein kleiner erschreckter Schrei, zwei Paar entsetzte Augen starrten die Laterne an, dann eine hastige Flucht über das Deck -- in ein besseres Versteck. Die vier Karl-Johann-Damen forderten sogar, das Reglement zu sehen, das ihnen verbieten konnte, auf Deck zu sitzen, bis der Morgen dämmerte. Das möchten sie sich denn doch ausbitten!

Und dann bekamen sie das Reglement zu sehen.

* * * * *

Wir dampften in die Nordsee hinein.

In Kristianssand waren wir an Bord gewesen und hatten ein paar Briefe geschrieben, eßbare Speisen gekauft, so gut sie zu haben waren und so weit es unsere Mittel erlaubten, ein wenig Bier getrunken. Das war das letzte, was wir auf europäischem Festland verzehrten. Jetzt dampften wir in die Nordsee hinein.

Es war am Morgen, rings umher erwachten die Leute, die Uhr war sieben, in einer Stunde kam das Frühstück. Mehrere von uns hatten schon Stiefel an.

Ich schloß die Augen wieder. Das Schiff rollte. Die stampfende Bewegung hatte meinen Kopf schon etwas schwer gemacht. Ich schlief wieder ein.

Ich erwachte von einem schallenden Gelächter meiner Kameraden, die schon unten auf den Kisten saßen, im Begriff ihr Frühstück einzunehmen, und ich richtete mich gerade früh genug auf, um Herrn Nykes Beine die Treppe zum Deck hinauf verschwinden zu sehen.

Was gab es denn nur?

Herr Nyke hatte einen Heringskopf in seinem Kaffee-Eimer gefunden, und deswegen war er jetzt auf dem Wege zum Kapitän, um sich zu beklagen.

Der Haugesunder an meiner linken Seite fragte gähnend, wieviel die Uhr sei, alle Leute erwachten und sprangen zu beiden Seiten des Ganges im Mitteldeck aus den Kojen; aus der Abteilung der verheirateten Leute drang das unangenehme Geräusch seekranker Frauen, in meinem eigenen Kopf machte sich ein verdächtiges Gefühl bemerkbar. Ich zog schnell die Stiefel an und begab mich auf Deck.

Hier und da, im Schutz gegen den Wind, saßen bleiche Menschen, denen offenbar übel war; einige hingen schon trostlos über der Schanzverkleidung. Und der Wind stand uns gerade entgegen. Die See wurde immer unruhiger.

Herr Nyke kehrte in höchster Erregung zurück und erging sich über den Heringskopf. War das vielleicht mit den modernen Gesundheitsregeln der Hygiene zu vereinen?

Ein leidender Mitreisender, der offenbar genug zu thun hatte, um sich auf den Beinen zu halten, mußte trotz alledem über die Wut des Seminaristen lachen. Er gab sich sogar Mühe, über die Sache nachzudenken.

»Der Heringskopf ist ein Schelmstück von einem Ihrer Kameraden,« sagte er. »Der ist nicht aus dem Eimer des Stewarts gekommen, er wäre gar nicht durch den Guß hindurch gegangen!«

Nyke senkte sinnend das Haupt.

»Was Sie da sagen, hat etwas für sich, und ich habe auch schon daran gedacht. Die Öffnung in dem Eimer des Stewarts war wirklich zu eng dazu. Deshalb bin ich auch nicht zum Kapitän gegangen, das wäre zu dumm gewesen --« Und Herr Nyke meinte, was er sagte. Es wäre doch wirklich ein abscheulicher Scherz. Schließlich sprach er seine Besorgnis vor einem »gewissen Fall« aus, der bei ihm einzutreten pflege, wenn er »solchen Schweinkram« gegessen hatte.

Und die See ward immer bewegter, die Seekrankheit griff mehr und mehr um sich. Ein Emigrant nach dem andern brach jammervoll zusammen, und unten in den Kajüten der ersten und zweiten Klasse hatten die dienstbaren Geister genug mit dem Reinigen zu thun. Mit welcher Unbarmherzigkeit greift diese Krankheit nicht den stärksten Mann an! Ich war sehr viel auf See gewesen, und doch war ich jetzt ohnmächtig, totkrank achtundvierzig Stunden lang. Bis zu der schottischen Küste hielt ich mich einigermaßen, dann lag ich da! Einmal, als mein Elend seinen Höhepunkt erreicht hatte, und ich hilflos in einem Winkel des Decks zusammen mit ein paar andern Leidensgefährten lag, kam mein Kamerad aus der Koje links, der Haugesunder, vorüber, dieser dicke, unbehilfliche Mensch, der in seinen eigenen Stiefeln stolpern konnte, und trat ohne die geringste Notwendigkeit auf meinen Fuß, -- ich war nicht imstande, mich aufzurichten und ihn nach Verdienst zu züchtigen. Er entkam mir. Im übrigen war der Haugesunder ein hilfreicher Mann. Er stahl gelbe Wurzeln für mich aus einem Vorratsschrank während der Zeit, wo ich seekrank war, er ergriff Herrn Nykes Partei, als dieser eines Tages mit dem Methodistenprediger über die Wunder in Streit geriet, und auf den Newfoundlandsbanks, als ich alle meine wichtigen Notizen verloren hatte, erklärte er, er empfinde das als ein persönliches Unglück, das könne ich ihm glauben.

* * * * *

Mein junger Reisegefährte, Herr Nyke und die beiden Handwerker saßen unten und belustigten sich mit einer Flasche Rum. Der Kaufmann war gerade von der schwarzen Victoria in Anspruch genommen, einer ganz jungen Mexikanerin, die ihren Herzensfreund, einen Schiffer aus Sandefjord auf seinem Schiff nach Norwegen begleitet hatte -- und sich nun auf dem Rückwege in ihre ferne Heimat befand. Gleich einem seltenen, fremdartigen Tier ging sie an Bord umher, zärtlich, sehr empfänglich für Aufmerksamkeiten; sie sang spanische Lieder und rauchte Cigaretten wie ein Mann. Der Kaufmann sah ihr von Zeit zu Zeit ins Gesicht und nannte sie mit liebevoller Betonung sein kleines Ungetüm, sein kleines, schwarzes Beast, Worte, die sie ja nicht verstand. Einmal geriet sie in Streit mit einer der Karl-Johann-Damen. Da sprang das kleine, feurige Ding plötzlich auf und überschüttete ihre Gegnerin mit einem Strom englischer Schimpfworte und Spottnamen, die wie die Sonne in ihrem Heimatlande brannten, rohe, blutige Farben und Gebärden, Worte, die so nackt waren, daß es nicht möglich ist, sie zu wiederholen -- --

Ein Gesang, ein Mittelding zwischen Gesang und Rede, ertönte hinter mir. Es war Herr Nyke, der lallte. Herr Nyke war betrunken, der Rum war ihm zu Kopf gegangen. Mit einem sonnigen, glücklichen Lächeln erklärte er, nichts sei so schön, als im Mond spazieren gehn, spazieren gehn! Er setzte sich auf den ersten besten Platz und lallte weiter.

Jetzt war alles still geworden, nur die Maschine stampfte, und die Wellen ließen das Schiff erzittern. Die Müden und die Kranken lagen alle durcheinander in den Kojen oder auf ihren Koffern. Mein Freund, der Jüngling, war auf einem Sack umgesunken, eine leere Rumflasche und ein Glas lagen neben ihm; die Handwerker saßen, den Kopf auf die Brust gesunken, da und schliefen.

Ich schüttelte meinen Freund. Er schlug die Augen auf und fragte wütend, wer ich sei. Und was wollte ich mit seinem Speck, seinem eigenen Mittagessen, dem Speck und dem Schiffszwieback? Später erholte er sich ein wenig von dem Rausch und erklärte, es sei nicht hübsch von mir gewesen, ganz und gar nicht hübsch! Wir seien nun so manch lieben Tag Freunde gewesen, sagte er, und jetzt müsse ich diese Schande über ihn bringen. -- Er litt unter dem Wahn, daß er mir versprochen habe, sich zu betrinken, ehe er die Heimat viele, viele hundert Meilen hinter sich gelassen hatte. Ich hatte ihn jedenfalls nicht davon zurückgehalten.

Der Kaufmann kehrte zurück. Er fragte gleich nach Nyke. Wo Nyke sei? Er müsse ihn sprechen. Er erzählte weiter, er sei bei seiner süßen Schwarzen gewesen. »Sehen Sie nur! Da hat sie mich in den Finger gebissen, das infame Frauensmensch! --« Und er zeigte mir einen blutenden Finger.

Aber ein paar Stunden später hatten Herr Nyke und mein junger Freund sich wieder gefunden. Sie standen da und fragten sich nach ihrem gegenseitigen Befinden. Beide hatten den Rausch ein wenig verschlafen, sie sahen sich etwas verschämt mit einem verlegenen Lächeln an, ihre Augen waren rot und sie suchten ihre Stimmen so klar zu machen, wie es ihnen möglich war.