Sklaven der Liebe, und andere Novellen

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Sklaven der Liebe

Ein Verzeichnis der Werke Knut Hamsuns findet sich am Schluß dieses Buches

KNUT HAMSUN

SKLAVEN DER LIEBE

und andere Novellen

Einzig berechtigte Übersetzung von *Mathilde Mann*

5. und 6. Tausend

Albert Langen Verlag für Literatur und Kunst München 1922

Inhalt

Seite

Sklaven der Liebe 1

Der Sohn der Sonne 17

Zachäus 31

Über das Meer 61

Ein Erzschelm 101

Vater und Sohn 139

Sklaven der Liebe

Geschrieben von mir, geschrieben heute, um mein Herz zu erleichtern. Ich habe meine Stellung im Café verloren und meine frohen Tage.

Ein junger Herr in grauem Anzug kam Abend für Abend mit zwei Freunden und setzte sich an einen meiner Tische. Es kamen so viele Herren und alle hatten ein freundliches Wort für mich, nur er nicht. Er war groß und schlank, hatte weiches, schwarzes Haar und blaue Augen, mit denen er mich zuweilen streifte, und einen Anflug von Bart auf der Oberlippe.

Nun, er mochte anfangs wohl etwas gegen mich haben. Er kam eine ganze Woche hindurch ununterbrochen. Ich hatte mich an ihn gewöhnt und vermißte ihn, als er eines Abends ausblieb. Ich ging durch das ganze Café und sah mich nach ihm um; endlich fand ich ihn an einer der großen Säulen am anderen Ende; er saß mit einer Dame vom Cirkus zusammen. Sie trug ein gelbes Kleid und lange Handschuhe, die bis über die Ellenbogen reichten. Sie war jung und hatte schöne, dunkle Augen, -- und meine Augen waren blau.

Ich blieb einen Augenblick bei ihnen stehen und hörte zu, wovon sie sprachen: sie machte ihm Vorwürfe, sie war seiner überdrüssig und hieß ihn gehen. Ich dachte in meinem Herzen: Heilige Jungfrau, warum geht er nicht zu mir?

Am nächsten Abend kam er mit seinen beiden Freunden und nahm wieder an meinem Tisch Platz. Ich ging nicht heran, wie ich sonst wohl that, sondern stellte mich, als hätte ich sie nicht bemerkt. Als er mir winkte, trat ich an den Tisch und sagte: »Sie waren gestern nicht hier.«

»Wie wundervoll unsere Kellnerin gewachsen ist,« sagte er zu seinen Kameraden.

»Bier?« fragte ich.

»Ja,« antwortete er. Und im Geschwindschritt holte ich drei Seidel.

Ein paar Tage vergingen.

Er gab mir eine Karte und sagte: »Bringen Sie die hinüber zu ...«

Ich nahm die Karte, ehe er ausgesprochen hatte und brachte sie der gelben Dame. Unterwegs las ich seinen Namen: Wladimierz F.

Als ich zurückkam, sah er mich fragend an.

»Ja, ich habe sie hingebracht,« sagte ich.

»Und Sie haben keine Antwort erhalten?«

»Nein.«

Er gab mir eine Mark und sagte lächelnd:

»Keine Antwort ist auch eine Antwort.«

Den ganzen Abend blieb er sitzen und starrte zu der Dame und ihren Begleitern hinüber. Um elf Uhr stand er auf und ging an ihren Tisch. Sie empfing ihn kühl, ihre beiden Herren aber ließen sich näher mit ihm ein und schienen ihn zu foppen. Er blieb einige Minuten, und als er wiederkam, sagte ich ihm, daß in die eine Tasche seines Sommerüberziehers Bier gegossen sei. Er zog ihn aus, wandte sich hastig um und sah einen Augenblick nach dem Tisch der Cirkusdame hinüber. Ich trocknete ihm den Überzieher ab und er sagte lächelnd zu mir: »Danke, Sklavin!«

Als er ihn wieder anzog, half ich ihm und strich ihm heimlich über den Rücken.

Er setzte sich, zerstreut. Einer seiner Freunde bestellte noch Bier, ich nahm das Seidel und wollte auch F.s Seidel nehmen. Er sagte aber: »Nein« und legte seine Hand auf die meinige. Bei dieser Berührung sank mein Arm plötzlich herab, er merkte es und zog seine Hand sofort zurück.

Am Abend betete ich zweimal vor meinem Bett auf den Knieen für ihn. Und ich küßte ganz glücklich meine rechte Hand, die er berührt hatte.

* * * * *

Einmal schenkte er mir Blumen, eine Menge Blumen. Er kaufte sie bei dem Blumenmädchen, als er hereinkam; sie waren frisch und rot und fast ihr ganzer Vorrat. Er ließ sie bei sich auf dem Tisch liegen. Keiner seiner Freunde war mit da. Ich stand, so oft ich Zeit hatte, hinter einer Säule und starrte ihn an, und ich dachte bei mir: Wladimierz F. heißt er.

Es mochte vielleicht eine Stunde vergangen sein. Er sah fortwährend nach der Uhr. Ich fragte ihn:

»Erwarten Sie jemand?«

Er sah mich wie geistesabwesend an und sagte plötzlich:

»Nein, ich erwarte niemand. Was fragen Sie?«

»Ich meinte nur, ob Sie vielleicht jemand erwarteten.«

»Kommen Sie her,« erwiderte er. »Das ist für Sie.«

Und er gab mir die Blumen.

Ich dankte ihm, aber ich konnte nicht gleich ein Wort hervorbringen, ich flüsterte nur. Eine blutrote Freude überkam mich; atemlos stand ich vor dem Buffet, wo ich etwas holen sollte.

»Was wünschen Sie?« fragte die Mamsell.

»Ja, was glauben Sie?« fragte ich. Ich wußte es selbst nicht.

»Was ich glaube?« sagte die Mamsell. »Sind Sie verrückt?«

»Raten Sie einmal, von wem ich diese Blumen bekommen habe.«

Der Oberkellner ging vorüber. »Sie vergessen das Bier für den Herrn mit dem Stelzfuß,« hörte ich ihn sagen.

»Ich habe sie von Wladimierz bekommen,« sagte ich und eilte mit dem Bier davon.

F. war noch nicht gegangen. Ich dankte ihm abermals, als er sich erhob, um zu gehen. Er stutzte und sagte:

»Ich kaufte sie eigentlich für eine andere.«

Nun ja. Er hatte sie vielleicht für eine andere gekauft. Aber ich bekam sie. Ich bekam sie, nicht die, für die er sie gekauft hatte. Und so durfte ich ihm auch dafür danken. Gute Nacht, Wladimierz.

Am Morgen darauf regnete es.

»Soll ich heute mein schwarzes oder mein grünes Kleid anziehen?« dachte ich. »Das grüne, denn das ist das neueste; das ziehe ich also an.« Ich war sehr heiter.

Als ich an die Haltestelle kam, stand eine Dame im Regen und wartete auf die Pferdebahn. Sie hatte keinen Schirm. Ich bot ihr an, mit unter meinem zu stehen, aber sie lehnte es dankend ab. Da spannte ich meinen Regenschirm auch herunter, während ich wartete. Dann wird die Dame doch nicht allein naß, dachte ich bei mir.

Am Abend kam Wladimierz ins Café.

»Ich danke Ihnen für die Blumen,« sagte ich stolz.

»Welche Blumen?« fragte er. »Ach so: schweigen Sie doch von den Blumen.«

»Ich wollte mich dafür bedanken,« sagte ich.

Er zuckte die Achseln und entgegnete:

»Sie liebe ich nicht, Sklavin!«

Er liebte mich nicht, nein. Ich hatte es auch nicht erwartet und war nicht enttäuscht. Aber ich sah ihn jeden Abend; er setzte sich an meinen Tisch und ich brachte ihm Bier. Auf Wiedersehen, Wladimierz!

Am nächsten Abend kam er sehr spät. Er fragte:

»Haben Sie viel Geld, Sklavin?«

»Nein, leider nicht«, antwortete ich. »Ich bin ein armes Mädchen.«

Da sah er mich an und sagte lächelnd:

»Sie mißverstehen mich. Ich brauche bis morgen etwas Geld.«

»Ich habe etwas Geld,« entgegnete ich. »Ich habe viel Geld, ich habe hundertunddreißig Mark zu Hause.«

»Zu Hause? Nicht hier?«

Ich antwortete: »Warten Sie eine Viertelstunde und kommen Sie mit mir, wenn wir schließen.«

Er wartete die Viertelstunde und ging mit mir.

»Nur hundert Mark,« sagte er. Er hielt sich die ganze Zeit an meiner Seite und ließ mich weder voran noch hinterdrein gehen.

»Ich habe nur eine kleine Kammer,« sagte ich, als wir an meiner Hausthür stehen blieben.

»Ich gehe nicht mit hinauf,« erwiderte er. »Ich warte hier.«

Er wartete.

Als ich wieder herunterkam, zählte er das Geld und sagte:

»Das sind mehr als hundert Mark. Ich gebe Ihnen zehn Mark als Trinkgeld. -- Ja, ja, hören Sie, ich will Ihnen zehn Mark als Trinkgeld geben.«

Und er reichte mir das Geld, wünschte Gute Nacht und ging. An der Ecke sah ich ihn stehen bleiben und der alten, lahmen Bettlerin eine Mark geben.

Er bedauerte am nächsten Abend, daß er mir das Geld nicht zurückzahlen könne. Ich dankte ihm dafür, daß er es nicht konnte. Er gestand offen, daß er es durchgebracht habe.

»Was soll man dazu sagen, Sklavin,« sagte er lächelnd. »Sie wissen: die gelbe Dame!«

»Weshalb nennst du unsere Kellnerin Sklavin?« sagte einer seiner Freunde. »Du bist ja mehr Sklave als sie.«

»Bier?« fragte ich und unterbrach sie.

Bald darauf trat die gelbe Dame ein. F. erhob und verbeugte sich. Sie ging an ihm vorüber und setzte sich an einen leeren Tisch, lehnte aber zwei Stühle umgekehrt dagegen. F. ging sofort zu ihr hin, nahm den einen Stuhl und setzte sich. Nach zwei Minuten erhob er sich wieder und sagte sehr laut: »Gut, ich gehe. Und ich kehre nie wieder zurück.«

»Danke,« entgegnete sie.

Ich fühlte vor lauter Freude kaum meine Füße, lief ans Büffett und sagte etwas. Ich erzählte wohl, daß er nie wieder zu ihr zurückkehren werde. Der Oberkellner ging vorüber; er erteilte mir einen scharfen Verweis, aber ich machte mir nichts daraus.

Als das Lokal um elf Uhr geschlossen wurde, begleitete mich F. bis an meine Hausthür.

»Fünf von den zehn Mark, die ich Ihnen gestern gab,« sagte er.

Ich wollte ihm alle zehn geben und er nahm sie an, gab mir aber trotz meines Sträubens fünf als Trinkgeld zurück.

»Ich bin heute abend so vergnügt,« sagte ich. »Wenn ich Sie bitten dürfte, mit hinauf zu kommen! ... Aber ich habe nur eine kleine Kammer.«

»Ich gehe nicht mit hinauf,« erwiderte er. »Gute Nacht!«

Er ging. Er kam wieder an der alten Bettlerin vorüber, vergaß aber, ihr etwas zu geben, obwohl sie ihm einen Knix machte. Ich lief zu ihr hin, gab ihr einige Groschen und sagte: »Das ist von dem Herrn, der eben vorüber ging, von dem Herrn im grauen Anzug.«

»Von dem Herrn im grauen Anzug?« fragte die Frau.

»Von dem mit dem schwarzen Haar, Wladimierz.«

»Sind Sie seine Frau?«

Ich antwortete: »Nein. Ich bin seine Sklavin.«

Er beklagte sich dann mehrere Abende hintereinander, daß er mir mein Geld nicht zurückgeben könne. Ich bat ihn, mir nicht so weh zu thun. Er sagte es so laut, daß alle es hören konnten, und mehrere lachten deshalb über ihn.

»Ich bin ein Schurke und ein Spitzbube,« sagte er. »Ich habe Geld von Ihnen geliehen und kann es Ihnen nicht zurückgeben. Ich ließe mir die rechte Hand für einen Fünfzigmarkschein abhauen.«

Es schmerzte mich, ihn so reden zu hören, und ich dachte darüber nach, wie ich ihm wohl Geld verschaffen könnte. Aber ich konnte es nicht.

Er sagte ferner zu mir: »Wenn Sie mich übrigens fragen, wie es mir geht, so ... Die gelbe Dame und der Cirkus sind abgereist. Ich habe sie vergessen. Ich denke gar nicht mehr an sie.«

»Und doch hast Du ihr heute noch einen Brief geschrieben,« sagte einer seiner Freunde.

»Das war der letzte,« entgegnete Wladimierz.

Ich kaufte eine Rose von dem Blumenmädchen und steckte sie ihm in das Knopfloch an der linken Seite. Ich fühlte seinen Atem auf meinen Händen, während ich es that, und es war mir fast unmöglich, die Stecknadel zu befestigen.

»Danke!« sagte er.

Ich forderte mir drei Mark, die ich noch an der Kasse gut hatte, und gab sie ihm. Das war eine Kleinigkeit.

»Danke!« sagte er abermals.

Ich war den ganzen Abend glücklich, bis Wladimierz plötzlich sagte:

»Für die drei Mark reise ich auf eine Woche fort. Wenn ich zurückkomme, sollen Sie Ihr Geld wieder haben.« Als er meine Bewegung sah, fügte er hinzu: »Sie allein liebe ich!« Und er ergriff meine Hand.

Ich war ganz bestürzt, daß er fortreisen und nicht sagen wollte, wohin, obgleich ich ihn fragte. Alles, das ganze Café und die vielen Gäste, tanzte um mich herum; ich konnte es nicht länger aushalten und ergriff flehend seine beiden Hände.

»In einer Woche kehre ich zu Ihnen zurück,« sagte er und erhob sich.

Ich hörte den Oberkellner zu mir sagen: »Sie verlassen uns also in vierzehn Tagen!«

Meinetwegen, dachte ich bei mir; was macht das? In einer Woche ist Wladimierz wieder bei mir! Und ich wollte ihm dafür danken, ich wandte mich um, -- er war schon gegangen.

* * * * *

Eine Woche später fand ich, als ich nach Haus kam, einen Brief von ihm. Er schrieb so trostlos, er erzählte, er sei der gelben Dame nachgereist, er könne mir nie mein Geld zurückbezahlen, niemals, er sei ganz gebrochen durch die Not. Dann schalt er sich wieder eine niederträchtige Seele und unter den Brief hatte er geschrieben: »Der Sklave der gelben Dame.«

Ich trauerte Tag und Nacht und konnte nichts weiter thun. Eine Woche später verlor ich meine Stellung und mußte mich nach einer neuen umsehen. Am Tage stellte ich mich in anderen Cafés und Hotels vor; ich schellte auch bei Privatpersonen und bot ihnen meine Dienste an. Es glückte mir aber nicht. Spät am Abend kaufte ich dann ganz billig alle Zeitungen und las die Annoncen sorgfältig, wenn ich nach Haus kam. Ich dachte: vielleicht kann ich Wladimierz und mich retten ...

Gestern abend fand ich seinen Namen in einem Blatt und las von ihm. Ich ging gleich darauf aus, durch viele Straßen, und kam erst heute morgens zurück. Vielleicht habe ich irgendwo geschlafen oder auch auf einer Treppe gesessen, ohne weiter gehen zu können; aber das weiß ich jetzt nicht.

Ich habe es heute wieder gelesen; aber gestern abends, als ich nach Haus kam, habe ich es zuerst gelesen. Ich rang die Hände; dann setzte ich mich auf einen Stuhl. Nach einer Weile setzte ich mich auf die Erde und lehnte mich gegen den Stuhl. Ich schlug mit den flachen Händen auf den Fußboden, während ich nachdachte. Vielleicht dachte ich gar nicht; aber es sauste mir so im Kopf und ich wußte nichts von mir selbst. Dann bin ich wohl aufgestanden und hinausgegangen. Unten an der Straßenecke, dessen entsinne ich mich, gab ich der alten Bettlerin einen Groschen und sagte: »Das ist von dem Herrn mit dem grauen Anzug. Sie wissen ja!«

»Sind Sie vielleicht seine Braut?« fragte sie.

Ich antwortete: »Nein, -- ich bin seine Witwe.«

Und ich trieb mich bis heute morgen auf der Straße herum. Und jetzt habe ich es nochmals gelesen. Wladimierz F. hieß er.

Der Sohn der Sonne

Über Nacht war der Schnee gekommen. Ein dichter, weißer Mantel lag über der Erde.

Er war mit der frohen Erinnerung erwacht, daß er gestern einen Brief erhalten hatte, eine überraschende, erlösende Nachricht, er fühlte sich jung und glücklich, und er fing an, ein wenig zu singen. Da geschah es, daß er ans Fenster trat, den Vorhang zurückzog und den Schnee sah. Sein Gesang verstummte plötzlich, ein trostloses Gefühl zog in seine Seele ein, und seine armen, schräg abfallenden Schultern zuckten.

Mit dem Winter kam eine böse Zeit für ihn, eine Qual wie keine andere, und die kein anderer verstand. Allein der Anblick des Schnees raunte ihm Tod, raunte ihm Vernichtung ins Ohr. Die langen Abende kamen mit ihrer Finsternis und ihrem dummen, sinnlosen Schweigen, er konnte nicht in seinem Atelier arbeiten, seine Seele fiel in Winterschlaf und blieb stumm. Während eines Sommers hatte er in einem kleinen Städtchen ein helles und großes Zimmer bewohnt, in dem die untersten Fensterscheiben geweißt waren. Dieser Anstrich von Kalk an den Fensterscheiben erinnerte ihn an Eis, und er konnte bei ihrem Anblick nicht Herr seiner Qual werden. Er wollte sich zwingen, er hielt sich mehrere Monate lang in dem Zimmer auf und sagte täglich zu sich selber, daß auch das Eis seine Schönheit für viele habe, daß Winter und Sommer beide Äußerungen derselben ewigen Idee seien und Gott angehörten, -- aber es half alles nichts, seine Arbeit konnte er nicht anrühren, und die tägliche Qual zehrte an ihm. -- -- Späterhin im Leben wohnte er in Paris. Wenn die Stadt ihre frohen Feste feierte, pflegte er auf die Boulevards hinauszugehen und das Spiel zu beobachten. Es konnte mitten im warmen Sommer sein, die Abende waren schwül, und über der Stadt schwebte der Blumenduft aus den großen Parks; die Straßen schimmerten im Schein des elektrischen Lichts, lächelnde und jubelnde Menschen wogten auf und nieder, riefen, sangen, warfen Confetti; alles war eitel Freude. Er konnte mit dem redlichen Vorsatz ausgehen, sich unter die Menge zu mischen und mit zu jubeln; aber schon nach einer halben Stunde hatte er eine Droschke genommen und war wieder heimgekehrt. Weshalb? Eine Erinnerung hatte aus der Ferne zu ihm geredet; in dem elektrischen Licht wirbelte die große Menge Confetti wie Schnee vor seinen Augen, und sein Vergnügen nahm ein jähes Ende.

Dies hatte sich Jahr für Jahr wiederholt.

Wo lag die Heimat seiner Seele? Vielleicht in einem Sonnenland, am Ufer des Ganges, wo die Lotosblume nimmer welkt! -- --

Über Nacht war der Schnee gekommen. Er dachte daran, wie die Vögel im Walde frieren mußten, und wie hart die Wurzeln der Veilchen in der Erde litten, ehe sie abstarben. Und wovon sollte der Hase heute leben!

Er konnte nicht mehr ausgehen. Mehrere Monate lang würde er jetzt das Zimmer kaum verlassen, sondern nur zwischen seinen vier Wänden auf und nieder gehen und auf dem Stuhl sitzen und denken. Niemand verstand, wie er unter dieser Gefangenschaft litt. Er war jung genug, um am Leben teilzunehmen, es fehlte ihm auch nicht an Kräften dazu; aber durch eine Laune des Frostes, durch eine zufällige Witterungsveränderung sah er sich plötzlich darauf beschränkt, in seinem Zimmer zu sitzen und zu denken.

Seine Vorstellungen wechselten in auffallend kurzer Zeit. Im allgemeinen war es ihm eine Qual, Briefe zu beantworten, jetzt eilte er an seinen Arbeitstisch und schrieb eine Menge Briefe an alle möglichen Menschen, ja, sogar an fremde, denen er keine Antwort schuldig war, und er hatte dabei ein dunkles Gefühl, daß das Ende, die Vernichtung im Anmarsch wären, und daß er durch diese vielen Briefe nach Süden und nach Norden eine Zeitlang noch die Verbindung mit dem Leben aufrecht erhalten könne. Auch in anderer Hinsicht gingen Veränderungen mit ihm vor; sein Gemütsleben war gestört, er weinte oft still für sich, und sein Schlaf in der Nacht war nur ein Schlummer, den seltsame Träume beunruhigten.

Dieser Mann, der im Sommer den fröhlichsten Sinn hatte, konnte an kalten, dunklen Wintertagen von einer furchtbaren Niedergeschlagenheit überwältigt werden. Alle seine Übergänge waren jäh, heftig wie ein Unwetter, hin und wieder fiel er vor seinem jüngsten Kinde auf die Kniee und flehte unter heißen Thränen für dasselbe zu Gott. Sein Wunsch war, daß der Knabe niemals eine öffentliche Persönlichkeit werden möge, wie er selber. Bei allen öffentlichen Persönlichkeiten wurden die Quellen der Seele getrübt, sie wurden dadurch verdorben, daß man sie öffentlich besprach, daß das Publikum sie auf der Straße beachtete, und daß sie die Bemerkungen hörten, die Vorübergehende über sie machten. Wie wurde nicht ihr Blick, ihr Gang, ihre Haltung durch diese ewige Ausstellung verfälscht! Der Knabe sollte die Erde besäen und den Ertrag der Erde ernten. Es sollte ihm auch erspart bleiben, jemals fremde Erde zu betreten. Wie suchte man im fremden Lande vergebens mit seinen Wurzeln nach einem günstigen Boden, nach einem Heim! Man verstand nicht alle die Worte, die gesprochen wurden, nicht die Blicke, nicht das Lächeln. Der Himmel war ein anderer, die Sterne standen in umgekehrter Richtung und waren nicht wieder zu erkennen. Betrachtete man die Blumen, so hatten diese oft eine fremde Nuance; oft waren es auch nicht dieselben Vögel. Und auf den Stangen wehten nicht dieselben Flaggen.

Er selber fühlte instinktiv, daß er aus seinem Naturzusammenhang herausgerissen war, er hatte vielleicht einmal in einer fernen Vergangenheit einer fremden Welt in weiter Ferne angehört, -- so sollte denn der Sohn auf demselben Fleckchen Erde, das er während seines Daseins hier auf Erden bestellt und dessen Ertrag er geerntet hatte, leben und sterben.

-30° Celsius.

Er merkt mit Entsetzen, daß die Kälte zunimmt, und daß alles Leben auf dem Felde erstirbt. Sein Fenster liegt nach dem Walde hinaus, und nach dem breiten Wege, auf dem sich die Menschen von und zu der Stadt bewegen. Kein Blatt zittert mehr, die Tannennadeln sind wie Pfriemen, und es liegt Reif auf allen Bäumen. Eine arme, kleine Meise hat noch Kräfte genug, um die Flügel zu bewegen; da, wo sie geflogen ist, sieht man in der Luft einen dünnen Dampfstreif. Die Natur hat keinen Atemzug, sie ist ganz still und kalt, kein Wind bewegt die Luft, alles ist steif und weiß wie Talg.

Da ertönt Schellengeklingel unten auf dem Wege, ein Schlitten zieht vorüber, in dem Schlitten sitzen ein Herr und eine Dame. Über dem Pferd und den beiden Menschen lagert während der ganzen Zeit eine weiße Wolke, die sich fortwährend erneuert. Dieser Herr und diese Dame haben wohl niemals in ihrem Leben eine Weintraube wachsen sehen, vielleicht haben sie auch noch niemals eine gekostet. In ihren Mienen gewahrt man keine Unzufriedenheit mit dem Wetter, sie fahren dahin, um ihr kleines Anliegen in der Stadt zu erledigen, und sie rufen von Zeit zu Zeit dem Pferde zu, wenn sie meinen, daß es sich in dem wunderlichen Talg zu langsam bewegt. Ein Mensch aus dem Sonnenlande würde sich über diesen Aufzug totlachen. Ihre Augen sehen ganz offen und ohne Verwunderung dies entsetzliche, kalte Rätsel an, das sie an allen Seiten umgiebt, und sie opfern ihm keinen Gedanken, weil sie selber Kinder des Schnees und im Schnee aufgewachsen sind.

Er sieht seine kleine Tochter draußen auf dem Hof vor den Fenstern spielen. Sie ist von oben bis unten in dicke, wollene Kleider gehüllt, nur unter den langen Strümpfen aus Ziegenhaaren liegen lederne Sohlen. Ihre Schritte knirschen schmerzlich im Schnee, wenn sie den Schlitten zieht. Bei diesem Anblick fangen seine Schultern an zu zucken, er schließt die Augen, als wäre er ermattet, seine wunderliche Qual treibt ihm den kalten Schweiß auf die Stirn.

Das Kind ruft zu ihm herauf, es wendet sein rotwangiges Antlitz unbefangen nach oben und klagt, daß der Strick an seinem Schlitten zerrissen ist. Er geht sogleich hinunter und knüpft den Strick wieder zusammen, und er hat keinen Hut auf und keine dicken Kleider an. »Friert dich nicht?« fragt das Kind. Ihn fror nicht, seine Hände waren warm, nur einen stechenden Schmerz verursachte die eisgesättigte Luft in seiner Kehle. Aber ihn fror nie.

Er bemerkt, daß die große, alte Birke vor der Hausthür ihr Aussehen verändert hat, ihr Stamm ist gerissen. Das hat die Kälte gethan! denkt er mit zitternder Seele.

In der Nacht schlug die Witterung um. Er saß aufrecht im Bett und wartete auf das milde Wetter, obwohl er wußte, daß der Winter wieder von neuem anfangen und noch eine ganze Zeit währen würde. Es war, als wenn eine Hoffnung in ihm entzündet werde.

Die Kälte nahm beständig ab, es fing schließlich an, von den Dächern zu tropfen, und draußen im Weltenraum brauste es wie von gewaltigem Wellenschlag. Er ging mit größeren und größeren Hoffnungen im Herzen einher, dies Brausen in der Luft durchströmte ihn wie Musik, es konnte der Frühling sein, der seine goldenen Trommeln rührte.

Eines Nachts hörte er ein klatschendes Geräusch gegen sein Fenster, er richtete sich auf und lauschte, es war der Regen! Eine wunderliche Freude durchrieselte ihn, er warf die Kleider über, eilte in sein Atelier und zündete alle Lampen an. Sein Heimweh nach dem Sommer schlug in hellen Flammen empor, alle seine gebundenen Kräfte lösten sich, und er stürzte sich noch in derselben Nacht über seine Arbeit. Gesichte und Stimmen aus warmen Gegenden strömten aus weiter Ferne her auf ihn ein und erfüllten ihn; da war eine Landschaft, die in einer seltsamen und schönen Klarheit der Vision vor seinen Augen lag, ein Märchenthal, und mitten in dem Thal stand _Der Mensch_, die junge Herrlichkeit, die zum erstenmal den Blick über die Erde schweifen läßt.