Part 9
Ich sah keine Möglichkeit, mir die Sache zu ersparen, und so machte ich mich denn tief gedemütigt daran, eine ›Antwort‹ auf den Wust von grundlosen Beschuldigungen und boshaften Lügen vorzubereiten. Aber ich brachte diese Aufgabe nicht zu stande. Schon am folgenden Morgen erschien nämlich eine neue gräßliche Geschichte in einem Blatt; mit abscheulicher Erfindungsgabe beschuldigte man mich allen Ernstes, ein Irrenhaus nebst sämtlichen Insassen niedergebrannt zu haben, weil es die Aussicht vor meinem Hause versperre. Dies versetzte mich in Todesschrecken. -- Ferner sollte ich noch meinen Onkel vergiftet haben, um sein Vermögen an mich zu bringen, und man bestand heftig darauf, das Grab müsse geöffnet werden. Es trieb mich an den Rand der Verzweiflung. Als nun noch die Anklage folgte, ich hätte als Pfleger des Findelhauses meine zahnlosen, altersschwachen Verwandten angestellt, um die Kost zu bereiten -- da begann ich zu wanken, und die Sinne schwanden mir. Schließlich setzte man der empörenden Verunglimpfung, die der Parteihaß mir angethan, noch die Krone auf, indem man neun zerlumpte Kinder, in allen Farbenschattierungen, die kaum laufen gelernt hatten, abrichtete, bei einer öffentlichen Versammlung auf die Rednertribüne zu stürzen, sich an mich zu drängen und mich Papa zu nennen.
Das gab den Ausschlag. Ich strich die Flagge und ergab mich. Zum Wahlkampf im Staate New York bei Besetzung des Gouverneurpostens reichten meine Kräfte nicht aus. Ich sandte meinen Verzicht auf die Kandidatur ein und unterzeichnete mich in der Bitterkeit meines Herzens
Ihr ergebener
ehemaliger Ehrenmann,
aber jetzt S.M. -- M.D. -- L.Sch. -- D.T. -- E.V. u. S.R.
_Mark Twain_.
Der große Rindfleisch-Kontrakt.
Mit so wenig Worten wie möglich will ich der Nation über meine Beteiligung an einer Sache berichten, welche die öffentliche Meinung in hohem Grade beschäftigt und viel böses Blut erregt hat.
Die traurige Angelegenheit ist von den Zeitungen der alten und der neuen Welt mit den schrecklichsten Uebertreibungen und Verzerrungen dargestellt worden; für alle Thatsachen, welche ich anführe, finden sich aber -- das kann ich versichern -- mehr als genügende urkundliche Beweise in den Staatsarchiven der Union vor. Der Verlauf der Sache war ursprünglich folgender:
John Wilson Mackenzie aus Rotterdam in der Grafschaft Chemung im Staate New Jersey, jetzt verstorben, schloß etwa am 10. Oktober 1861 mit der Regierung der Vereinigten Staaten einen Kontrakt ab, nach welchem er dem General Sherman dreißig Faß eingepökeltes Rindfleisch zu liefern hatte.
Nun gut.
Er machte sich auf, um Sherman das Rindfleisch zu bringen, aber als er in Washington ankam, war der General nach Manassas unterwegs; er zog ihm daher mit dem Rindfleisch nach, kam aber zu spät. Nun folgte er ihm nach Nashville, von Nashville nach Chatanooga, von Chatanooga nach Atlanta -- einholen konnte er ihn jedoch nicht. In Atlanta nahm er einen neuen Anlauf und zog auf dem ganzen Marsch nach der Meeresküste hinter Sherman drein. Wieder kam er um einige Tage zu spät; da er aber erfuhr, der General habe sich in der ›Quaker-City‹ nach dem Heiligen Lande eingeschifft, ging er nach Beirut unter Segel, überzeugt, er werde das andere Schiff einholen können. In Jerusalem angekommen, erhielt er die Nachricht, der General sei nicht mit der ›Quaker-City‹ abgesegelt, sondern nach der Prairie aufgebrochen, um gegen die Indianer zu kämpfen. Er kehrte daher nach Amerika zurück und zog in das Felsengebirge. Nach achtundsechzigtägiger, mühseliger Wanderung durch die Prairie, nur noch vier Meilen von Shermans Hauptquartier entfernt, fiel er den Indianern in die Hände, die ihn mit dem Tomahawk erschlugen, ihm die Kopfhaut abzogen und sich des Rindfleischs bemächtigten. Sie nahmen das ganze, bis auf ein Faß, welches Shermans Armee eroberte. Der kühne Reisende erfüllte also sogar im Tode noch seinen Kontrakt, wenigstens zum Teil. In seinem Testament, das er wie ein Tagebuch führte, vermachte er den Kontrakt seinem Sohn Bartholomäus W. Dieser schrieb die folgende Rechnung auf -- dann starb er:
_Rechnung für die Ver. Staaten._
_In Rechnung für _John Wilson Mackenzie_ von New Jersey, jetzt verstorben, 30 Fass_
_eingepökeltes Rindfleisch für General _Sherman_ à 100 Dollars_ _3000 Doll._ _Reisespesen und Transport des Fleisches_ _14000 Doll._ ------------- _Summa 17000 Doll._
_Den Betrag empfangen zu haben bescheinigt_
.................................
Bei seinem Ableben hinterließ er den Kontrakt dem Wm. J. Martin, welcher sich bemühte, die Summe zu erheben, aber darüber starb und seine Forderung an Barker J. Allen vermachte. Auch dieser erhielt bei seinen Lebzeiten keine Bezahlung und hinterließ die Schriftstücke Anson G. Rogers, der bei seinem Versuch, den Betrag einzukassieren, eben bis zum neunten Rechnungsführer gelangt war, als der Tod, der alles zum Abschluß bringt, ungerufen erschien und ihm die ferneren Verhandlungen abschnitt. Die Papiere hinterließ er einem Verwandten in Connecticut, Namens Vengeance Hopkins, welcher es vier Wochen und zwei Tage aushielt und unerhörten Erfolg hatte, denn fast wäre er bis zum zwölften Rechnungsführer gelangt. Er vermachte den Kontrakt testamentarisch seinem Onkel, der Freudenreich Johnson hieß. Aber Freudenreich ertrug es nicht lange. Seine letzten Worte waren: »Ich sterbe gern -- weinet nicht über mich!« Und er starb wirklich gern, der arme Mann. Nach seinem Tode erbten noch sieben andere Leute Kontrakt und Rechnung, die alle bald starben. So kamen die Papiere zuletzt in meinen Besitz. Ich erhielt sie von meinem Verwandten Betlehem Hubbard aus Indiana, der schon lange einen Groll gegen mich hegte. Auf seinem Totenbette schickte er aber nach mir, verzieh mir alles, und übergab mir mit Thränen in den Augen den Rindfleisch-Kontrakt.
Dies ist die Vorgeschichte desselben, bis zu der Zeit, da er mein Eigentum wurde. Jetzt will ich den Versuch machen, mich angesichts der ganzen Nation wegen meines Anteils an der Sache zu rechtfertigen. Mit dem Kontrakt und der Rechnung über Reisespesen und Transport der gelieferten Ware begab ich mich zu dem Präsidenten der Vereinigten Staaten.
»Was wünschen Sie, mein Herr,« fragte er mich. Ich erwiderte: »Majestät, etwa am 10. Oktober des Jahres 1861 schloß John Wilson Mackenzie aus Rotterdam in der Grafschaft Chemung im Staate New Jersey, jetzt verstorben, mit der Regierung der Vereinigten Staaten einen Kontrakt ab, nach welchem er dem General Sherman dreißig Faß eingepökeltes Rindfleisch -- --«
Hier fiel er mir ins Wort, freundlich, aber mit fester Stimme, und entließ mich. Am nächsten Tage machte ich dem Staatssekretär meine Aufwartung.
»Ihr Begehr, mein Herr?« fragte dieser.
»Königliche Hoheit,« begann ich, »etwa am 10. Oktober des Jahres 1861 schloß John Wilson Mackenzie aus Rotterdam in der Grafschaft Chemung im Staate New Jersey, jetzt verstorben, mit der Regierung der Vereinigten Staaten einen Kontrakt ab, nach welchem er dem General Sherman dreißig Faß eingepökeltes Rindfleisch -- --«
»Genug, mein Herr -- genug, sage ich! Wir haben in diesem Ministerium nichts mit Kontrakten über Rindfleisch zu schaffen.« Ich wurde hinauskomplimentiert. Nachdem ich mir die Sache reiflich überlegt hatte, stattete ich tags darauf dem Marineminister einen Besuch ab. Der sagte: »Rasch, mein Herr, bringen Sie Ihr Anliegen vor; lassen Sie mich nicht warten!«
»Königliche Hoheit,« sagte ich, »etwa am 10. Oktober des Jahres 1861 schloß John Wilson Mackenzie aus Rotterdam in der Grafschaft Chemung im Staate New Jersey, jetzt verstorben, mit der Regierung der Vereinigten Staaten einen Kontrakt ab, nach welchem er dem General Sherman dreißig Faß eingepökeltes Rindfleisch -- --«
Weiter kam ich nicht. Auch ihn gingen die Rindfleischlieferungen für General Sherman nichts an. Ich dachte, das sei doch eine recht kuriose Regierung! Es hatte ja fast den Anschein, als habe sie überhaupt keine Lust, das Rindfleisch zu bezahlen. Am nächsten Tage ging ich zum Minister des Innern.
»Kaiserliche Hoheit,« sagte ich, »etwa am 10. Oktober des --«
»Sparen Sie sich die Mühe, mein Herr,« fuhr er auf; »ich habe schon von Ihnen gehört. Machen Sie, daß Sie mit Ihrem niederträchtigen Kontrakt aus dem Hause kommen. Mit der Verproviantierung der Armeen hat das Ministerium des Innern durchaus nichts zu thun.«
Ich entfernte mich; aber jetzt war ich wirklich aufgebracht. So leichten Kaufs sollten sie mich nicht los werden; ich nahm mir vor, jedes Departement dieser gottlosen Regierung heimzusuchen, bis das Geschäft mit dem Kontrakt geordnet sei. Entweder wollte ich das Geld einkassieren oder das Leben lassen bei dem Versuch, wie alle meine Vorgänger. Ich ging dem Generalpostmeister zu Leibe, ich belagerte das Ackerbauministerium, ich lauerte dem Sprecher des Repräsentantenhauses auf. Sie alle hatten nichts mit den Armeelieferungen von Rindfleisch zu schaffen. Darauf wandte ich mich an den Vorsitzenden des Patentamts.
»Hochwohlgeborene Excellenz,« sagte ich, »etwa am -- --«
»Zum Henker, sind Sie mit Ihrem verfluchten Rindfleisch-Kontrakt endlich auch hierher gelangt! Ich versichere Sie, werter Herr, uns gehen weder die Armeelieferungen etwas an, noch Ihr Kontrakt.«
»O, das kann jeder sagen -- -- _irgend jemand_ muß das Fleisch doch bezahlen! Die Sache wird jetzt auf der Stelle ins reine gebracht, sonst lege ich Beschlag auf dies alte Patentamt, mit allem was darin ist.«
»Aber bester Herr! --«
»Es ist mir alles einerlei. Das Patentamt ist verpflichtet, das Rindfleisch zu bezahlen. Darauf bestehe ich. Alle Ausreden sind umsonst; ich wanke und weiche nicht vom Platze, bis das Patentamt bezahlt hat.«
Die weiteren Einzelheiten thun nichts zu der Sache. Sie endete in einer Prügelei und das Patentamt behielt die Oberhand. Aber etwas hatte ich bei der Gelegenheit doch erfahren, was mir Vorteil brachte, nämlich, daß, wenn ich zur richtigen Behörde gehen wolle, ich mich an das Schatzamt wenden müsse. Ich begab mich dorthin und wartete drittehalb Stunden, dann ward ich beim ersten Lord der Schatzkammer vorgelassen.
»Alleredelster, würdigster und hochgeschätztester Signor,« sagte ich, »etwa am 10. Oktober des Jahres 1861 schloß John Wilson Macken -- --«
»Nicht weiter, mein Herr -- ich weiß, ich weiß! Gehen Sie zum ersten Rechnungsführer.«
Das that ich und er schickte mich zum zweiten Rechnungsführer. Der schickte mich zum Oberregistrator der Abteilung für Pökelfleisch. Das fing doch an geschäftsmäßig auszusehen! Er ging die Bücher durch, auch alle noch ungehefteten Akten, fand aber den Rindfleisch-Kontrakt nirgends eingetragen und schickte mich zum zweiten Registrator. Auch dieser sah seine Bücher und Papiere durch, aber ohne Erfolg. Jetzt schöpfte ich neuen Mut und kam im Lauf der Woche bis zum sechsten Registrator der Pökelfleisch-Abteilung. In der zweiten Woche machte ich die Abteilung für Schuldforderungen durch, in der dritten erledigte ich die Abteilung für unerfüllte Kontrakte und faßte Fuß in der Abteilung für unbezahlte Rechnungen. Dort waren meine Erkundigungen schon nach drei Tagen zu Ende.
Es gab jetzt nur noch einen Ort, wo ich nachfragen konnte. Ich belagerte den Kommissionär für Bagatellsachen. Das heißt, er selbst war nicht da, ich hielt mich an einen Schreiber. In dem Zimmer befanden sich sechzehn wunderhübsche Damen, welche die Bücher führten, und sieben Schreiber von wohlgefälligem Aeußern, die ihnen zeigten, wie sie es machen müßten. Die jungen Damen wandten den Kopf und lächelten über ihre Schultern nach oben, die Schreiber lächelten zu ihnen hinab und es ging so lustig her, wie wenn die Glocke zur Hochzeit läutet. Zwei oder drei andere Schreiber, welche die Zeitung lasen, sahen mich mit scharfen Blicken an, fuhren aber fort zu lesen und niemand sprach ein Wort. An solche Zuvorkommenheit und bereitwillige Bedienung war ich aber in meiner ereignisreichen Laufbahn schon gewöhnt, da ich sie seit dem Tage, als ich das erste Bureau der Pökelfleisch-Abteilung betrat, bis ich das letzte verließ, um mich in die Abteilung für Bagatellsachen zu begeben, bei allen Schreibergehilfen der Registratoren angetroffen hatte. Durch viele Uebung war ich schon so weit gekommen, daß ich, von meinem Eintritt ins Bureau an, bis zu dem Augenblick, daß der Schreiber mich anredete, auf einem Bein stehen konnte, ohne dasselbe mehr als zwei- oder höchstens dreimal zu wechseln.
Jetzt stand ich hier, bis ich das Bein viermal gewechselt hatte. Dann sagte ich zu einem der Schreiber, welche lasen:
»Erlauchter Bummler, wo ist der Großtürke?«
»Was meinen Sie, mein Herr? Wen meinen Sie? -- Wenn Sie den Bureauchef meinen -- der ist ausgegangen.«
»Wird er heute noch den Harem besuchen?«
Der junge Mann sah mich eine Weile grimmig an und vertiefte sich dann wieder in seine Zeitung. Aber das kümmerte mich nicht, ich kannte die Art dieser Schreiber und wußte, daß Hoffnung für mich vorhanden sei, wenn er eher fertig wurde, als die neuen Zeitungen aus New York eintrafen. Er war jetzt schon bei dem vorvorletzten Tageblatt angekommen. Nach einer Weile hatte er alles durchgelesen, dann gähnte er und fragte nach meinem Begehr.
»Weltberühmter und hochverehrter Staatsmann, etwa am 10. --«
»Ah, Sie sind der Mann mit dem Rindfleisch-Kontrakt. Geben Sie mir Ihre Papiere.«
Er nahm sie in Empfang und wühlte dann lange Zeit in seinen Bagatellsachen herum. Endlich fand er die Nordwestpassage, oder was für mich dasselbe bedeutete, den lange verlorenen Vermerk über den Rindfleisch-Kontrakt -- die Klippe, an welcher so viele meiner Vorgänger gescheitert waren, ohne sie je zu erreichen. Meine Rührung war groß und doch frohlockte ich im Herzen -- denn ich lebte ja noch. Ich sagte mit bewegter Stimme:
»Geben Sie mir das Dokument! Die Regierung wird jetzt sicherlich die Schuld abtragen.«
Er bedeutete mir jedoch, ich solle mich gedulden, es sei vorher noch etwas zu erledigen.
»Wo ist jener John Wilson Mackenzie?« fragte er.
»Tot.«
»Wann ist er gestorben?«
»Gestorben ist er überhaupt nicht -- man hat ihn totgeschlagen.«
»Wie das?«
»Mit einem Tomahawk erschlagen.«
»Wer hat ihn mit dem Tomahawk erschlagen?«
»Natürlich doch ein Indianer. Sie glaubten doch nicht, der Superintendent einer Sonntagsschule hätte es gethan?«
»Nein. Also ein Indianer war es?«
»Jawohl.«
»Sein Name?«
»Sein Name? -- Ich werde doch nicht seinen Namen wissen sollen!«
»_Name_ unbedingt erforderlich. Wer hat denn gesehen, daß er mit dem Tomahawk erschlagen wurde?«
»Das weiß ich nicht.«
»Sie selbst waren also nicht zugegen?«
»Nein -- wie Sie an meinen Haaren sehen können.«
»Woher wissen Sie denn, daß Mackenzie tot ist?«
»Weil er zu jener Zeit wirklich gestorben und seitdem auch tot geblieben ist, wie ich allen Grund habe zu glauben. Ja, ich weiß es ganz bestimmt.«
»Wir müssen Beweise haben. Ist der Indianer zur Stelle?«
»Natürlich nicht.«
»Den müssen Sie herbeischaffen. Haben Sie den Tomahawk hier?«
»Bewahre, ich denke gar nicht daran.«
»Sie müssen den Tomahawk beibringen und ihn uns zusamt dem Indianer vorführen. Wenn sich hierdurch Mackenzies Tod beweisen läßt, haben Sie sich an die Kommission zu wenden, welche eingesetzt ist, um schwebende Forderungen zu prüfen. Vielleicht kommt dann Ihre Sache so in den Zug, daß Ihre Kinder die Bezahlung der Rechnung noch erleben und das Geld verzehren können. Aber vor allem muß der Tod jenes Mannes bewiesen werden. Uebrigens kann ich Ihnen gleich noch sagen, daß die Regierung die Transport- und Reisespesen des seligen Mackenzie nimmermehr bezahlen wird. _Möglicherweise_ wird sie das Faß Pökelfleisch bezahlen, welches Shermans Soldaten erobert haben, wenn Sie auf Schadenersatz klagen und der Kongreß Ihre Forderung anerkennt; aber die neunundzwanzig Faß, welche die Indianer aufgegessen haben, wird sie Ihnen nicht bezahlen.«
»Demnach hätte ich nur hundert Dollars zu beanspruchen und selbst diese sind mir nicht sicher! Und das nach Mackenzies endlosem Hin- und Herreisen mit dem Pökelfleisch in Europa, Asien und Amerika, nach allen Beschwerden, Prüfungen und Plackereien, die er erduldet hat, nach dem Hinsterben so vieler Unschuldiger, die bei dem Versuch, die Rechnung einzukassieren, ums Leben gekommen sind! Junger Mann, warum hat mir der Oberregistrator der Pökelfleisch-Abteilung das nicht gleich gesagt?«
»Er wußte nicht, daß Ihr Anspruch begründet war.«
»Warum hat es mir der zweite, der dritte nicht gesagt -- warum erfuhr ich es in keiner einzigen der Abteilungen und Unterabteilungen?«
»Weil man nirgends etwas davon wußte. Bei uns geschieht alles nach dem Geschäftsgang. Dem sind Sie gefolgt und haben in Erfahrung gebracht, was Sie zu wissen wünschten. Es ist das der beste Weg. Er ist ganz ordnungsmäßig, man kommt dabei sehr langsam, aber sehr sicher zum Ziel.«
»Jawohl, zum sichern Tode. Dahin hat er die meisten der Unsrigen geführt. Ich fühle, daß es auch mit mir zu Ende geht. -- Junger Mann, Sie lieben jenes fröhliche Geschöpf da drüben mit den sanften, blauen Augen und dem Federhalter hinter dem Ohr -- ich sehe das an Ihren schmachtenden Blicken. Sie wünschen sie zu heiraten -- aber Sie sind arm. Hier -- strecken Sie die Hand aus, hier ist der Rindfleisch-Kontrakt! Wohlan, nehmt euch, seid glücklich! Gott segne euch, meine Kinder!«
* * * * *
Das ist alles, was ich von dem großen Rindfleisch-Kontrakt weiß, der so viel Aufsehen in der Welt gemacht hat. Der Schreiber, dem ich ihn abgetreten habe, ist gestorben. Was weiter aus dem Kontrakte und seinen spätern Besitzern geworden ist, vermag ich nicht zu sagen. Nur soviel weiß ich, daß, wenn jemand lange genug am Leben bleibt, um seine Sache durch das ganze Umständlichkeitsamt in Washington hindurch zu verfolgen, er zuletzt, nach vieler Mühe, Arbeit und Verzögerung, das herausfinden wird, was er am ersten Tage hätte erfahren können, wenn der Geschäftsgang im Umständlichkeitsamt so geschickt und zweckentsprechend geregelt wäre, wie in jedem großen kaufmännischen Institut.
Der gestohlene weiße Elefant.
I.
Die folgende merkwürdige Geschichte wurde mir von einem Manne erzählt, den ich zufällig auf der Eisenbahn kennen lernte. Er war ein alter Herr von mehr als siebzig Jahren, dessen gutmütiges Gesicht und aufrichtiges Wesen jedem seiner Worte den unverkennbaren Stempel der Wahrhaftigkeit aufdrückte. Er sagte:
Sie wissen, welche Verehrung der königliche weiße Elefant von Siam bei der Bevölkerung jenes Landes genießt. Sie wissen, daß er den Königen geweiht ist, daß nur Könige ihn besitzen dürfen und daß er in einer Hinsicht selbst den Königen überlegen ist, indem er nicht bloß geehrt, sondern auch angebetet wird. Nun gut; als sich vor fünf Jahren Streitigkeiten über die Grenzlinie zwischen Britisch-Indien und Siam erhoben, stellte sich alsbald heraus, daß Siam unrecht hatte. So wurde denn die Sache rasch und zur Zufriedenheit des Vertreters von England geregelt. Teils zum Zeichen seiner Dankbarkeit, teils auch wohl, um jede noch etwa vorhandene Spur von Mißstimmung auf englischer Seite zu verwischen, beabsichtigte der König von Siam der Königin Viktoria ein Geschenk zu senden -- nach orientalischen Begriffen der einzig sichere Weg, einen Feind zu beschwichtigen. Dieses Geschenk sollte nicht nur ein königliches, sondern auch in jeder Beziehung einzig sein. Was konnte sich dazu besser eignen, als ein weißer Elefant? Da ich eine angesehene Stellung im indischen Zivildienst einnahm, ward ich der Ehre gewürdigt, Ihrer Majestät das Geschenk zu überbringen. Man rüstete für mich und meine Dienerschaft nebst den Wärtern des Elefanten ein Schiff aus. Ich gelangte zur gehörigen Zeit im Hafen von New York an und brachte meinen königlichen Schutzbefohlenen in einem prächtigen Quartiere zu Jersey City unter. Wir mußten notgedrungen einige Zeit rasten, bevor wir die Reise fortsetzten, denn die Kräfte des Tieres verlangten Schonung.
Vierzehn Tage lang ging alles gut -- dann begannen meine Nöte. Der weiße Elefant war gestohlen worden! Man hatte mich mitten in der Nacht aufgeweckt und von dem entsetzlichen Verlust benachrichtigt. Ich war einige Augenblicke außer mir vor Schreck und Angst; dann wurde ich ruhiger und sammelte meine fünf Sinne. Ich sah bald, welchen Weg ich einzuschlagen hatte -- für einen vernünftigen Menschen konnte es in der That nur einen geben. Trotz der späten Stunde eilte ich sogleich nach New York und ließ mich von einem Schutzmann nach dem Hauptquartier der Geheimpolizei führen. Ich langte noch zur rechten Zeit an, gerade als der Chef, der berühmte Inspektor Blunt, im Begriff war, nach Hause zu gehen. Er war ein Mann von mittlerer Größe und gedrungenem Körperbau. Schon sein Anblick flößte mir Hoffnung und Vertrauen ein. Wenn er in tiefes Nachdenken versunken war, hatte er eine Art, die Brauen zusammenzuziehen und sich mit dem Zeigefinger nachdenklich auf die Stirn zu klopfen, die mich sofort überzeugte, es mit keiner gewöhnlichen Persönlichkeit zu thun zu haben. Ich trug ihm meine Sache vor: sie brachte ihn nicht im geringsten aus der Fassung; ja -- machte sichtlich nicht mehr Eindruck auf seine eherne Selbstbeherrschung, als wenn es sich um einen gestohlenen Hund handelte. Er wies mir einen Sitz an und sagte ruhig:
»Bitte, lassen Sie mich ein wenig nachdenken.«
Indem er das sagte, setzte er sich an seinen Schreibtisch und stützte den Kopf auf die Hand. Einige Schreiber arbeiteten am andern Ende des Zimmers; das Kratzen ihrer Federn war das einzige Geräusch, das ich während der nächsten sechs oder sieben Minuten hörte. Mittlerweile blieb der Inspektor in tiefe Gedanken versunken; endlich erhob er das Haupt, und in den festen Zügen seines Gesichts lag etwas, was mir anzeigte, daß sein Gehirn seine Schuldigkeit gethan habe und daß sein Plan fertig sei. Er sprach -- seine Stimme war leise und eindringlich --:
»Kein gewöhnlicher Fall das! Jeder Schritt muß vorsichtig geschehen; jeder Schritt muß sicher gemacht werden, bevor der nächste gewagt wird. Und die Sache muß verschwiegen bleiben -- tiefes, unverbrüchliches Geheimnis. Sprechen Sie mit niemand darüber, nicht einmal mit den Reportern; ich will dafür sorgen, daß sie nur erfahren und berichten, was meinen Zwecken dient.« Er schellte; ein Jüngling erschien. »Alarich, sagen Sie den Reportern, sie sollen vorläufig dableiben.« Der Jüngling verschwand. »Und nun zur Sache -- und das systematisch. In meinem Beruf kann man es zu nichts bringen, ohne strenge und genaue Methode.«
Er ergriff eine Feder und legte sich einen Bogen Papier zurecht. »Nun! -- der Name des Elefanten?«
»Hassan Ben Ali Ben Selim Abdallah Mohamed Moisé Alhammal Jamtsetjejeebhoy Dhulepp Sultan Ebu Bhudpoor.«
»Sehr gut. Rufname?«
»Jumbo.«
»Sehr gut. Geburtsort?«
»Die Hauptstadt von Siam.«
»Eltern lebend?«
»Nein -- tot.«
»Hatten sie noch andere Nachkommenschaft?«
»Nein, er war der einzige Sohn.«
»Gut! diese Personalien genügen für diese Rubrik. Und nun, bitte, beschreiben Sie den Elefanten und lassen Sie keine Einzelheit aus, sei sie auch noch so unbedeutend -- d. h. unbedeutend von _Ihrem_ Gesichtspunkt aus. Für Leute meines Berufs _giebt_ es keine unbedeutenden Einzelheiten.«
Ich _beschrieb_ und er schrieb _nieder_; als ich zu Ende war, sagte er:
»Hören Sie zu und berichtigen Sie mich, wenn ich einen Fehler gemacht habe.«
Er las wie folgt: