Skizzenbuch

Part 8

Chapter 83,514 wordsPublic domain

Behalten Sie Ihre statistischen Notizen ein andermal für sich! Ich habe das ganze Bündel genommen und mir die Pfeife damit angezündet. Leute von Ihrem Schlage sind mir verhaßt. Sie rechnen fortwährend aus, wie sehr ein Mensch seiner Gesundheit schadet, wie sehr er seine Denkkraft schwächt und wie viele elende Dollars und Cents er vergeudet, wenn er sich zweiundneunzig Jahre lang den verderblichen Genuß des Rauchens gestattet, der ebenso verderblichen Gewohnheit des Kaffeetrinkens fröhnt, gelegentlich eine Partie Billard spielt, bei Tische ein Glas Wein trinkt u. s. w. u. s. w. Und Sie zählen sich immer an den Fingern her, wie viele Frauen der gefährlichen Mode, weite Reifröcke zu tragen, zum Opfer gefallen und verbrannt sind u. s. w.

Immer sehen Sie nur die _eine_ Seite der Frage. Sie sind blind gegen die Thatsache, daß die meisten alten Männer in Amerika rauchen und Kaffee trinken, obgleich sie nach Ihrer Theorie alle jung gestorben sein sollten, daß rüstige alte Engländer Wein trinken und am Leben bleiben, daß dicke alte Holländer sowohl tüchtig trinken als rauchen und doch die ganze Zeit über nur immer älter und wohlbeleibter werden. Auch kümmern Sie sich nie darum, wie viel Behagen, Erholung und Vergnügen der Mensch im Lauf seines Lebens vom Rauchen hat (was zehnmal soviel wert ist als das Geld, welches er sparen würde, wenn er es bleiben ließe), und fragen gar nicht danach, was für eine ungeheure Menge von Wohlsein dem Menschen in seiner Lebenszeit verloren geht, wenn er, -- wie Ihresgleichen -- nicht raucht.

Natürlich können Sie Geld sparen, wenn Sie sich fünfzig Jahre lang jene kleinen lasterhaften Genüsse versagen, aber was wird Ihnen das nützen, wozu können Sie das Geld gebrauchen? Es kann Ihre arme sündhafte Seele doch nicht ewig selig machen. Nützlich verwendet wird das Geld nur, wenn es uns in diesem Leben Genuß und Behagen verschafft; für Sie, der Sie ein abgesagter Feind von Genuß und Behagen sind, hat es daher keinerlei Zweck, Schätze aufzuhäufen. Sagen Sie nur nicht, Sie fänden es besser, das Geld für gute, gesunde Speisen auszugeben, Werke der Barmherzigkeit zu thun und sich an Traktätchen-Gesellschaften zu beteiligen. Sie wissen recht gut, daß Leute von Ihrer Sorte, die keine kleinen menschlichen Schwächen haben, nie einen Cent verschenken und sich die Nahrung so knapp zumessen, daß sie immer hohlwangig und hungrig aussehen. Sie getrauen sich ja bei Tage kaum zu lachen, aus Furcht, irgend ein armer Teufel, der Sie bei guter Laune sieht, möchte den Versuch machen, Ihnen einen Dollar abzuborgen. In der Kirche liegen Sie auf den Knieen und vergraben Ihr Gesicht in das Kissen, wenn der Klingelbeutel herankommt, und dem Steuerbeamten geben Sie nie den vollen Betrag Ihres Einkommens an. Das alles wissen Sie recht gut selber, nicht wahr? -- Nun also -- wozu sollten Sie Ihr erbärmliches Leben bis in ein armseliges, welkes Alter ausdehnen? Was nützt es Ihnen, Geld zusammenzuscharren, das doch völlig wertlos für Sie ist? Kurz und gut, warum legen Sie sich nicht lieber hin und sterben, anstatt fort und fort den Versuch zu machen, andere Leute mit Ihrer abscheulichen Moralstatistik zu verführen, ebenso ›tugendhaft‹ und unausstehlich zu werden wie Sie? Ich für meine Person billige die Verschwendung nicht und treibe selbst keine; aber ich hege das größte Mißtrauen gegen einen Menschen, der gar keine kleinen Schwächen hat und wünsche deshalb nichts mehr von Ihnen zu hören.

II.

An einen jungen Schriftsteller.

Jawohl, Agassiz empfiehlt den Schriftstellern Fische zu essen, weil ihr Phosphorgehalt Gehirn erzeugt. Insofern haben Sie ganz recht. Aber zu einer Entscheidung der Frage, wieviel Sie davon essen müssen, kann ich Ihnen nicht verhelfen -- wenigstens nicht mit Sicherheit. Wenn der Probeaufsatz, den Sie einschicken, dem entspricht, was Sie im Durchschnitt leisten können, so sollte ich denken, daß für jetzt ein paar Walfische genügen würden. Es brauchten nicht gerade die allergrößten Walfische zu sein, sondern eine gute, gesunde Mittelsorte.

III.

An einen verschmähten Liebhaber.

Herr Higgins in Los Angeles schreibt mir: »Mein Leben ist verfehlt. Ich habe sie bis zum Wahnsinn geliebt und angebetet; sie aber hat sich kalt von mir abgewendet und ihr Herz einem andern geschenkt. Raten Sie mir, was soll ich thun?«

_Antwort._ Schenken Sie Ihr Herz auch einer andern -- oder mehreren, wenn genug zu haben sind. Thun Sie auch alles, was in Ihrer Macht steht, um Ihre frühere Flamme unglücklich zu machen. In Romanen findet man die abgeschmackte Vorstellung verbreitet, daß ein verschmähter Liebhaber sich um so glücklicher fühlt, je glücklicher seine Geliebte mit einem andern ist. Glauben Sie nur ja nicht an solchen Unsinn. Je mehr das Mädchen Ursache hat zu beklagen, daß es nicht Ihre Frau geworden ist, um so behaglicher wird Ihnen dabei zu Mute sein. Das klingt nicht poetisch, ist aber eine höchst vernünftige Regel.

IV.

An Arthur Augustus.

Nein, da haben Sie unrecht. Das ist wohl die Art, wie man einen Pflasterstein oder einen Tomahawk schleudert, aber für einen Blumenstrauß eignet sie sich weniger; Sie könnten dabei leicht einmal jemand Schaden anthun. Einen Strauß hält man mit den Blumen nach unten, faßt ihn bei den Stengeln und wirft ihn dann im Bogen. Haben Sie je mit der Wurfscheibe gespielt? Gerade so muß man's machen. Die Sitte, ungeheuere massive Bouquets von der Größe und Schwere eines preisgekrönten Kohlkopfs aus den schwindelnden Höhen der Galerie hinabzuwerfen, ist höchst gefährlich und tadelnswert. Wissen Sie, was vorgestern abend in der Musikakademie geschehen ist? -- Eben hatte die Signorina das wundervolle Lied ›Des Sommers letzte Rose‹ zu Ende gesungen, da kam ein solcher Schmiedehammer aus dem Blumengeschlecht durch die mit Beifallssturm erfüllte Luft herniedergesaust. Hätte sie nicht eine schnelle Wendung nach rechts gemacht, so würde er sie wie einen Schindelnagel in die Bretter der Bühne hineingehämmert haben. Natürlich wurde der Strauß in guter Absicht geworfen, aber hätten Sie etwa die Zielscheibe sein mögen? Glauben Sie mir -- eine aufrichtig gemeinte Artigkeit wird von einer Dame stets dankbar empfunden, so lange man nicht versucht, sie damit zu Boden zu schmettern.

V.

Einer jungen Mutter.

Sie denken also, ein kleines Kind sei allezeit ein Ausbund von Schönheit und eine Quelle ewiger Freude? Die Idee ist zwar ansprechend, aber wie mir scheint nicht ganz neu. Jede Kuh denkt dasselbe von ihrem Kalbe. Vielleicht denkt es die Kuh auf weniger anmutige Art, aber sie denkt es doch und ich rechne es der Kuh zur Ehre an. Wir alle schätzen dieses rührende mütterliche Gefühl, wo wir es auch finden, sei es im Hause der Pracht und des Reichtums oder im niedern Kuhstall. Aber wirklich, verehrte Frau, genau betrachtet, finde ich, daß Ihre Behauptung sich nicht in allen Fällen als stichhaltig erweist. Man kann ein schmutziges Kind, dem nicht rechtzeitig die Nase geputzt wird, nicht mit gutem Gewissen für einen Ausbund von Schönheit erklären, und da das früheste Kindesalter höchstens drei kurze Jahre umfaßt, kann ein kleines Kind unmöglich eine ›ewige‹ Freude sein. Es schmerzt mich, daß ich genötigt bin, zwei Drittteile Ihres schönen Ausspruchs mit einem einzigen Satz zu vernichten, aber bei meiner verantwortlichen Stellung als Redakteur darf ich Ihnen nicht gestatten, das Publikum mit wohlklingenden Redensarten zu täuschen und in die Irre zu führen.

Ich kenne ein kleines Kind weiblichen Geschlechts in dieser Stadt, das achtzehn Monate alt ist und außer stande vierundzwanzig Stunden hintereinander eine Quelle der Freude zu sein -- von ›ewig‹ gar nicht zu reden! Es ergeht sich in den merkwürdigsten Absonderlichkeiten und besitzt einen Appetit, wie er mir noch nicht vorgekommen ist. Ich will hier aufzählen, was dieses Kind an einem einzigen Tage sich alles ganz allein ausgedacht, vorgenommen und ausgeführt hat, ohne Anraten und Hilfe seiner Mutter oder einer andern Person. Auch bemerke ich, daß sich meine sämtlichen Angaben durch beschworene Zeugenaussagen bestätigen lassen.

Das Kind begann damit, ein Dutzend große Pillen samt der Schachtel zu verzehren, dann fiel es die Treppe hinunter und stand mit einer dicken blauroten Beule an der Stirn wieder auf, um sich sofort nach anderer Unterhaltung und Zerstreuung umzusehen. Es fand eine Glasbrosche mit Messingverzierung, zerbrach erst das Glas, verspeiste es und verschluckte dann das Messing. Hierauf trank es wohl ein Dutzend Eßlöffel voll starken Kampferspiritus und etwa zwanzig Tropfen Laudanum; wäre mehr dagewesen, es hätte noch mehr getrunken. Dann legte es sich auf den Rücken und steckte sich einen Spazierstock mit silbernem Knopf vier bis fünf Zoll weit in den Hals hinab, wo er so fest saß, daß die Mutter die größte Mühe hatte, ihn wieder herauszuziehen, ohne ein Stück von dem Kinde selbst mit herauszureißen. Dann verspürte es wieder Hunger nach Glas, brach ein paar Weingläser entzwei und begann die Scherben zu verzehren; daß es sich dabei verschiedene Male schnitt, machte ihm nichts aus. Ferner aß es eine Menge Butter, Salz, Pfeffer und Zündhölzchen; immer abwechselnd einen Löffel voll Butter, einen voll Salz, einen voll Pfeffer und drei oder vier Hölzchen. Nun wusch es sich den Kopf mit Seife und Wasser, aß die übrige Seife auf und trank soviel von dem Seifwasser, als es unterbringen konnte. Darauf spazierte es hinaus, faßte die Kuh vertraulich am Schwanz und erhielt von derselben einen Schlag mit dem Huf, daß es einen Purzelbaum schoß. Wenn diese ›Quelle der Freude‹ im Lauf des Tages gerade nichts anderes vorhatte, vertrieb sie sich die Zeit damit, auf Stühle und Tische zu klettern, herabzufallen und sich regelmäßig dabei weh zu thun. Trotz ihrer Jugend kann sie einzelne Wörter schon ganz deutlich aussprechen und da sie auch in anderer Hinsicht nicht hinter dem Berge hält, sondern dreist auf alles losgeht, eröffnet sie die Unterhaltung mit jedem Fremden, sei er männlichen oder weiblichen Geschlechts mit derselben Formel: »Wie geht's Jim?«

Da ich mit den Eigenheiten der Kinder im allgemeinen nicht vertraut bin, habe ich vielleicht Dinge als etwas Außergewöhnliches geschildert, die jedem, der in der Kinderstube Bescheid weiß, höchst alltäglich erscheinen. Indessen kann ich doch nicht glauben, daß dies wirklich der Fall ist, und wiederhole daher nochmals, daß mein Bericht über die Thaten dieses Kindes vollkommen mit der Wahrheit übereinstimmt; sollte irgend jemand hieran zweifeln, so kann ich ihm das Mädchen vorführen. Ich will mich auch dafür verbürgen, daß es alles verschlingen wird, was man ihm giebt (einen Amboß möchte ich allenfalls ausnehmen), und überall hinunterfallen, wo man es hinsetzt.

Aber ich sehe, daß ich zu weit von meinem Gegenstand abschweife, deshalb will ich nur noch einmal die Ueberzeugung aussprechen, daß nicht jedes kleine Kind ein Ausbund von Schönheit und eine Quelle ewiger Freude ist.

VI.

An einen gelehrten Fragesteller.

Ein Arithmetikus aus Virginia in Nevada schreibt: »Ich studiere mit Begeisterung Mathematik und finde es recht verdrießlich, daß mein Fortschritt unaufhörlich durch geheimnisvolle, technische Ausdrücke der Gelehrten gehemmt wird. Wollen Sie mir nicht gefälligst sagen, worin der Unterschied zwischen Geometrie und Conchologie besteht?«

_Antwort_: Bleiben Sie mir vom Leibe mit Ihren arithmetischen Rätseln, mir ist der Kopf ohnehin von einem Schnupfen eingenommen, der mich halb tot macht. Hätten Sie den Ausdruck von Hohn sehen können, der noch vor einem Augenblick meine Gesichtszüge verdüsterte und sofort vom Mittelpunkt aus durch mein letztes Niesen nach allen Seiten hin gesprengt wurde, wie ein zersplittertes Spiegelglas, Sie würden diese schimpfliche Frage schwerlich niedergeschrieben haben.

Die Conchologie ist eine Wissenschaft, die nichts mit der Mathematik zu thun hat; sie bezieht sich einzig und allein auf Schaltiere. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß ein Mann, welcher Austerschalen für ein Gasthaus öffnet, oder sich einer Wageschale bedient, Schalen mit Milch füllt, oder Eierschalen ausbläst, ein Student der Conchologie ist -- diese feine sarkastische Bemerkung wird an einer so hohlen Hirnschale wie die Ihrige wohl verschwendet sein. Nun vergleichen Sie einmal die Conchologie und die Geometrie mit einander, da werden Sie sehen, was der Unterschied ist und die Antwort auf Ihre Frage finden. Aber martern Sie mich nicht wieder mit Ihren arithmetischen Greueln, bis Sie hören, daß ich meinen Schnupfen losgeworden bin. Mich erfüllt in diesem Augenblick der bitterste Haß gegen Sie, weil Sie mich auf solche Weise nörgeln und quälen, während ich vor Wut nur niesen und meine Taschentücher zu Atomen zerschnauben kann. Seien Sie froh, daß Sie nicht im Bereich meiner Nase sind. Es wäre mir eine wahre Genugthuung, Sie mit einem kolossalen Nieser in alle Winde zu blasen.

Kandidatenfreuden.

Vor ein paar Monaten wurde ich im großen Staate New York von der Partei der Unabhängigen als Kandidat für den Gouverneursposten aufgestellt. Meine Gegenkandidaten waren John T. Smith und Blank J. Blank. Diesen Herren gegenüber glaubte ich erheblich im Vorteil zu sein -- ich erfreute mich nämlich eines guten Rufes. Wenn sie aber -- das konnte man leicht aus den Zeitungen ersehen -- je gewußt hatten, was es heißt, einen fleckenlosen Namen zu tragen, so war diese Zeit längst vorüber. Offenbar hatten sie sich in den letzten Jahren mit den schändlichsten Verbrechen ganz vertraut gemacht. Aber während ich mich noch insgeheim an dem Bewußtsein meiner Ueberlegenheit ergötzte, lauerte schon ein trübes Unbehagen im Hintergrunde meiner Seele und nagte an den Wurzeln meines Glücks. Mich quälte der Gedanke, daß nun mein Name fortwährend in Verbindung mit demjenigen solcher Menschen genannt werden würde. Meine Unruhe darüber wuchs von Tag zu Tage. Endlich schrieb ich es meiner Großmutter. Ihre Antwort traf ein und lautete sehr bestimmt wie folgt:

»Du hast nie in deinem Leben das geringste gethan, dessen du dich zu schämen brauchtest, nicht das geringste. Nun wirf einen Blick in die Zeitungen, lies und erkenne, was für Charaktere die Herren Smith und Blank sind und dann prüfe dich, ob du willens bist, dich so weit zu erniedrigen, daß du mit ihnen den öffentlichen Wettbewerb um ein Amt aufnimmst.«

Mir ganz aus der Seele gesprochen! Ich verbrachte eine schlaflose Nacht; aber wie ich's mir auch überlegte, zurücktreten konnte ich nicht mehr, ich war meinen Wählern gegenüber gebunden und mußte den Kampf fortsetzen. Als ich beim Frühstück mechanisch die Zeitung überblickte, stieß ich auf den folgenden Artikel, und, ehrlich gestanden, hat mich noch nie im Leben etwas dermaßen verblüfft:

»_Meineid._ -- Da nun Herr M. Twain öffentlich als Kandidat für den Gouverneursposten auftritt, wird er sich vielleicht zu einer Erklärung herbeilassen, wie es kam, daß er im Jahre 1863 zu Wakawak in Cochinchina von vierunddreißig Zeugen des Meineids überführt wurde. Der Zweck dieses Meineids war, eine arme eingeborene Witwe und ihre hilflosen Kinder der elenden kleinen Bananenpflanzung zu berauben, welche ihnen in ihrer Not und Verlassenheit allein Nahrung und Unterhalt gewährte. Herr Twain ist es sich selbst und dem großen Volke schuldig, um dessen Stimmen er sich bewirbt, diese Angelegenheit aufzuklären. Wird er es thun?« --

Ich meinte, mich rühre der Schlag vor Entsetzen. Eine so grausame und herzlose Beschuldigung! Cochinchina hatte ich nie gesehen und von Wakawak niemals gehört. Ich hätte eine Bananenpflanzung nicht von einem Känguruh unterscheiden können. Ich war ratlos, von Sinnen, wußte mir nicht zu helfen! So verging der Tag, ohne daß ich einen Entschluß faßte. Am nächsten Morgen brachte dieselbe Zeitung folgende kurze Notiz:

»_Bezeichnend._ -- Herr Twain hüllt sich, wie man bemerkt, über den Cochinchina-Meineid in ein vielsagendes Schweigen.«

Während des ganzen Wahlkampfes wurde ich, beiläufig gesagt, von dieser Zeitung nie anders erwähnt, als mit dem Beifügen: »Der schändliche, meineidige Twain.«

* * * * *

Die ›Gazette‹ brachte nun zunächst folgendes:

»_Anfrage._ -- Wird der neue Gouverneurskandidat die Güte haben, einige seiner Mitbürger, die ihre Stimmen nicht leichtsinnig abgeben wollen, über einen geringfügigen Umstand aufzuklären? Wie kam es, daß seine Schlafgenossen in Montana dann und wann kleine Wertsachen verloren, die jedesmal an Herrn Twains Person oder in seinem ›Koffer‹ (einem Zeitungsblatt, in welches er seine Habseligkeiten einzuwickeln pflegte) vorgefunden wurden, bis man sich endlich veranlaßt fühlte, ihm zu seinem eigenen Besten eine freundliche Verwarnung zu erteilen? Man theerte und federte ihn, ließ ihn auf einem Balken reiten und gab ihm schließlich den Rat, an dem Platz, den er gewöhnlich im Lager einnahm, eine bleibende Lücke zu lassen. Wird er dem Rate folgen?« --

Konnte man sich etwas ausgeklügelt Boshafteres vorstellen, zumal ich zu keiner Zeit meines Lebens in Montana gewesen bin?

Von da ab nannte mich dieses Journal nie anders als den ›Montana-Dieb Twain.‹

Ich kam so weit, daß ich mich fast fürchtete, eine Zeitung in die Hand zu nehmen; ungefähr wie jemand, der eine wollene Decke, die er nötig braucht, aufheben möchte, aber eine Klapperschlange darunter vermutet. Eines Tages las ich folgendes:

»_Der Lügner ist entlarvt!_ -- Durch die beschworenen Aussagen der Herren Michael O'Flanagan, Snub Rafferty und Catty Mulligan aus Five-Points und Water-Street[1] wurde festgestellt, daß Herrn Mark Twains schändliche Behauptung, als wäre der verstorbene Großvater unseres edlen Bannerträgers Blank J. Blank wegen Straßenraubs gehängt worden, eine gemeine, aus der Luft gegriffene Lüge ist. Für tugendhafte Männer ist es eine niederschmetternde Erfahrung, daß man zu solchen unehrenhaften Mitteln greifen kann, um einen politischen Erfolg zu erringen, daß man sich nicht scheut, die Toten noch im Grabe zu beschimpfen und auf ihren geachteten Namen Verleumdungen zu häufen. Wenn wir an den Schmerz denken, den diese elende Lüge den unschuldigen Verwandten und Freunden des Verewigten bereitet haben muß, sind wir fast versucht, das betrogene und beleidigte Publikum zu schneller, wenn auch ungesetzmäßiger Rache gegen den Verleumder aufzustacheln. Aber nein -- überlassen wir ihn den Qualen eines gepeinigten Gewissens! -- Sollte jedoch der Fall eintreten, daß das Publikum, von Leidenschaft übermannt, in blinder Wut dem Verleumder körperliche Mißhandlungen zufügte, so liegt es auf der Hand, daß kein Schwurgericht die Thäter für schuldig erklären, kein Richter sie strafen könnte.«

[1] Eine berüchtigte Gegend New Yorks, wo viel irisches Gesindel wohnt.

Der geschickt abgefaßte Schlußsatz bewirkte, daß ich noch in derselben Nacht in größter Eile aus dem Bette und zur Hinterthür hinausflüchten mußte, während das ›betrogene und beleidigte‹ Publikum vor dem Hause wütete und tobte wie brandende Meereswogen, in seiner gerechten Entrüstung beim Kommen Möbel und Fenster zerschlug und beim Gehen so viel von meinem Eigentum mitnahm, als es tragen konnte. Und doch kann ich meine Hand auf die Bibel legen und versichern, daß ich Herrn Blanks Großvater niemals verleumdet habe. Ja noch mehr -- ich hatte bis zu jener Stunde seinen Namen nicht einmal nennen hören.

Gelegentlich will ich nur erwähnen, daß das Journal, welchem obige Mitteilung entstammt, mich von nun an immer als ›Twain, den Leichenschänder‹ bezeichnete.

* * * * *

Der nächste Zeitungsartikel, der meine Aufmerksamkeit erregte, lautete wie folgt:

»_Ein netter Kandidat!_ -- Herr Mark Twain, der gestern abend bei der Volksversammlung der Unabhängigen eine donnernde Rede halten sollte, glänzte durch Abwesenheit. Ein Telegramm seines Arztes meldete, daß er von einem durchgegangenen Gespann zu Boden geworfen worden sei und an einem doppelten Beinbruch in großen Schmerzen darniederliege, und so weiter, und so weiter, noch ein ganzer Haufen ähnlichen Unsinns. Die Unabhängigen gaben sich alle Mühe, die elende Notlüge hinunterzuschlucken und zu thun, als ahnten sie den eigentlichen Grund der Abwesenheit jenes Verworfenen nicht, den sie zu ihrem Bannerträger erkoren haben. _Gestern abend sah man einen gewissen Menschen im Zustand viehischer Betrunkenheit_ in Herrn Twains Hotel hineintaumeln! Es ist unbedingt Pflicht für die Unabhängigen, zu beweisen, daß dieses zum Tier entwürdigte Geschöpf nicht Mark Twain selbst gewesen ist. Jetzt endlich sind sie gefangen -- hier giebt es kein Entrinnen! Im Donnerton ruft die Volksstimme: _Wer war der Mensch?_« --

* * * * *

Unglaublich, völlig unglaublich, daß es wirklich mein Name war, den man mit diesem schmachvollen Verdacht in Verbindung brachte! Waren doch drei Jahre über mein Haupt dahingegangen, seit ich einen Tropfen Ale, Bier, Wein oder überhaupt ein geistiges Getränk angerührt hatte.

Es zeigt, wie abgestumpft ich schon mit der Zeit geworden war, daß ich es ohne Schmerz ertragen konnte, mich in der nächsten Nummer dieses Journals ganz selbstverständlich als Herr ›~Delirium Tremens Twain~‹ erwähnt zu finden, obgleich ich sicher sein konnte, daß das Blatt mit unwandelbarer Eintönigkeit fortfahren werde, mich bis ans Ende so zu bezeichnen.

Unter den Postsachen, welche ich täglich erhielt, begannen jetzt anonyme Briefe eine große Rolle zu spielen. Die Form derselben war meistens folgende:

»Wie war's denn mit die alte Bettelfrau, die Sie von Ihrer Dürschwölle mit Fußdritte wegjachten?

Pol Pry.«

Dann weiter: --

»Sie haben Dahten gethan, welche niemand bewußt sind wie mir. Rücken Sie nur ein bar Batzen raus an Ihren Ergebenen oder Sie sollen durch die Zeitungen was hören von

Handy Andy.«

So ungefähr lauteten sie. Auf Wunsch könnte ich damit fortfahren, bis der Leser übergenug hat.

Bald darauf ›überführte‹ mich das bedeutendste republikanische Journal einer großartigen Bestechung und das demokratische Hauptblatt bezüchtigte mich eines niederträchtigen Erpressungsversuches. Auf diese Weise erwarb ich zwei neue Titel: ›Twain, der elende Verführer‹ und ›Twain, der schändliche Räuber.‹

Inzwischen verlangte man mit solchem Toben eine ›Antwort‹ auf alle die entsetzlichen Beschuldigungen, die gegen mich laut geworden waren, daß die Redakteure und die Führer meiner Partei behaupteten, es wäre mein politischer Ruin, wollte ich länger bei meinem Schweigen verharren. Wie um ihr Verlangen noch dringender zu machen, erschien schon am nächsten Tage folgendes in einer Zeitung:

»_Seht einmal den Menschen an!_ -- Der Kandidat der Unabhängigen schweigt noch immer, weil er nicht zu reden wagt. Alle gegen ihn erhobenen Anschuldigungen sind vollauf bewiesen worden und sein fortgesetztes, beredtes Schweigen hat deren Wahrheit genug bestätigt, so daß er nunmehr für alle Zeit überführt dasteht. -- Ihr Unabhängigen, seht ihn euch einmal an, euern Kandidaten! Seht den verruchten Meineidigen, den Montana-Dieb, den Leichenschänder! Betrachtet euch euern ~Delirium Tremens~, den elenden Verführer, den schändlichen Räuber! Schaut ihn an -- genau und gründlich -- und dann sagt, ob ihr mit gutem Gewissen einem Schurken eure Stimme geben könnt, der sich durch seine entsetzlichen Verbrechen eine so grauenvolle Auswahl von Ehrentiteln erworben hat und es nicht wagt, den Mund aufzuthun, um auch nur einen einzigen von sich zu weisen.«