Part 7
Beide Pistolen knallten zu gleicher Zeit los. Die Kugel des Obersten raubte dem Chef eine Haarlocke und drang dann in den fleischigen Teil meines Schenkels. Dem Oberst war ein Stück der linken Schulter weggeschossen. Sie feuerten zum zweitenmal, schossen aber vorbei, nur ich erhielt meinen Anteil -- einen Schuß in den Arm. Die dritte Ladung verwundete beide Herren leicht und mir ward ein Knöchel angeschossen. Hierauf äußerte ich, es käme mir unzart vor, noch länger bei dieser Privatangelegenheit zugegen zu sein; ich wolle lieber hinausgehen und einen Spaziergang machen. Aber die Herren baten mich sitzen zu bleiben, und versicherten, ich sei ihnen durchaus nicht im Wege.
Sie unterhielten sich nun über die Wahlen und den Ausfall der Ernte, während sie wieder luden, und ich begab mich daran, meine Wunden zu verbinden. Darauf fingen sie von neuem mit Eifer zu feuern an und jeder Schuß traf -- doch muß ich bemerken, daß von sechs Kugeln fünf auf meine Rechnung kamen. Die sechste brachte dem Obersten eine tödliche Wunde bei, worauf er mit seinem Humor bemerkte, er wolle uns jetzt einen Guten Morgen wünschen, da er Geschäfte in der Stadt habe. Dann fragte er nach der Wohnung des Leichenbesorgers und entfernte sich.
Der Chefredakteur wendete sich nun zu mir und sagte: »Ich erwarte Gäste zu Tische und muß mich jetzt zurecht machen. Sie thun mir wohl den Gefallen, unterdessen die Korrektur zu lesen und die Besucher zu empfangen.«
Bei dem Gedanken an die Besucher ward mir etwas bange zu Mute; aber mir fiel nichts ein, was ich erwidern konnte, so betäubt war ich noch von dem Knattern der Pistolenschüsse, das mir fortwährend in den Ohren klang.
Er fuhr fort: »Jones wird um drei Uhr hier sein -- walken Sie ihn tüchtig durch. Gillespie kommt vielleicht noch früher -- werfen Sie ihn zum Fenster hinaus. Ferguson trifft wahrscheinlich gegen vier Uhr ein -- schlagen Sie ihn tot. Für heute ist das alles, glaube ich. Wenn Sie Zeit übrig haben, schreiben Sie einen fulminanten Artikel gegen die Polizei; geben Sie dem Oberinspektor ein paar tüchtige Hiebe. -- Die Knüttel liegen unter dem Tisch, die Pistolen in der Schublade, der Schießbedarf dort in der Ecke, Leinwand und Verbandzeug im Fach des Schreibtisches. Wenn Ihnen etwas zustößt, gehen Sie zu Lancet, dem Wundarzt, hinunter. Er macht Anzeigen in unserm Blatt und wir begleichen die Rechnungen tauschweise.«
Fort war er. Mir schauderte. -- Nach Verlauf von drei Stunden hatte ich so entsetzliche Gefahren bestanden, daß alle Seelenruhe und Heiterkeit von mir gewichen war. Gillespie hatte sich eingefunden und _mich_ aus dem Fenster geworfen; Jones war pünktlich gekommen, als ich mich aber anschickte, ihn durchzuwalken, nahm er mir die Arbeit ab. Bei dem Zusammenstoß mit einem Unbekannten, der nicht auf der Liste stand, hatte ich mein Haar mit samt der Kopfhaut verloren. Ein anderer Fremder, der sich Thompson nannte, ließ mich als Trümmerhaufen und Lumpenbündel zurück. Zuletzt sah ich mich voll Verzweiflung in einen Winkel getrieben und durch eine wütende Rotte von Zeitungsschreibern, Gaunern, Politikern und Strolchen belagert, die alle in wilder Raserei tobten, fluchten und ihre Waffen über meinem Haupte schwangen, bis die ganze Luft von blitzendem Stahle flimmerte. Schon war ich im Begriff, meine Stelle bei der Zeitung aufzugeben, als der Chef eintrat, begleitet von einer Schar schwärmerischer Freunde und Anhänger. Nun entstand ein Auftritt, der jeder Beschreibung spottet, ein Blutbad und Gemetzel, das keine Federpose, keine Stahlfeder zu schildern vermag. Die Leute wurden erschossen, erdolcht, zerstückt, in die Luft gesprengt und aus dem Fenster geworfen. Auf einen kurzen Wirbelsturm von entsetzlichen Flüchen folgte noch ein wahnsinniger, wirrer Kriegstanz -- und alles war vorüber. Nach fünf Minuten herrschte Totenstille; der grimme Chef und ich saßen allein da und überschauten die blutigen Trümmer, welche die Diele ringsumher bedeckten.
Er sagte: »Es wird Ihnen hier schon gefallen, wenn Sie sich erst an die Stelle gewöhnt haben.«
»Sie werden mich wohl entschuldigen müssen,« entgegnete ich. »Vielleicht würde ich es nach einer Weile dahin bringen, daß Ihnen meine Schreibweise gefiele; sobald ich die Sprache gelernt hätte, könnte es mir bei einiger Uebung wohl nicht fehlen. Aber, offen gestanden, hat eine so kräftige Ausdrucksweise auch allerhand Nachteile und man wird bei der Arbeit zu häufig unterbrochen. Sie sehen das selbst. Eine kernige Schreibart mag viel zur geistigen Förderung der Leser beitragen, aber man lenkt dadurch die öffentliche Aufmerksamkeit zu sehr auf sich, und das ist mir unbehaglich. Wenn ich so oft gestört werde, wie heute, kann ich nicht mit Gemütsruhe schreiben. Die Stelle wäre mir sonst ganz angenehm, aber ich mag nicht allein im Bureau bleiben, um die Besucher zu empfangen. Ich gestehe zwar, daß die Erfahrungen, welche man dabei macht, neu und gewissermaßen recht unterhaltend sind, aber es geht doch nicht ganz nach Recht und Billigkeit zu. Ein Herr feuert nach Ihnen durch das Fenster und schießt mich zum Krüppel; eine Granate platzt zu Ihrem Vergnügen im Ofenrohr und die Ofenthür fliegt mir an den Kopf; ein Freund besucht Sie, um mit Ihnen Komplimente auszutauschen und sprenkelt mir die Haut mit so vielen Kugellöchern, daß sie kaum mehr zusammenhält. Dann, während Sie zum Mittagessen gehen, kommt Jones mit seinem Knüttel, Gillespie wirft mich aus dem Fenster, Thompson reißt mir die Kleider vom Leibe und ein völlig Unbekannter zieht mir mit solcher Unbefangenheit die Kopfhaut ab, als wären wir längst mit einander vertraut. Gleich darauf kommen noch sämtliche Schurken der Umgegend, erschrecken mich zu Tode mit ihren gräßlichen Kriegstänzen und drohen, mir mit ihren Tomahawks vollends den Garaus zu machen. Alles in allem habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht so viele Aufregungen durchgemacht wie heute. Sonst habe ich nichts gegen Sie; im Gegenteil, die ruhige Art und Weise, mit der Sie den Besuchern Ihre Ansicht auseinandersetzen, gefällt mir; aber wie gesagt, mir ist sie ungewohnt. Das Herz der Südländer ist so ungestüm, sie sind zu freigebig in ihrer Gastfreundschaft gegen den Fremdling. Die Artikel, welche ich heute geschrieben habe und in deren kalte Sätze Ihre Meisterhand alle Glut des Zeitungsstils von Tennessee hineingegossen hat, werden abermals einen ganzen Hornissenschwarm aufstören. Die Redakteure werden sich haufenweise auf uns stürzen und vor Hunger jemand zum Frühstück verspeisen wollen. Deshalb sage ich Ihnen Lebewohl. Ich wünsche dem Festmahl nicht beizuwohnen. Meiner Gesundheit wegen habe ich mich in den Süden begeben -- meiner Gesundheit wegen muß ich machen, daß ich wieder fortkomme. Das Zeitungswesen in Tennessee ist zu aufregend für mich.«
Hierauf trennten wir uns unter beiderseitigem Bedauern und ich suchte mir eine Wohnung im Hospital.
Ein Berichterstatterstück.
Jawohl, meine verehrten Herrschaften, zu jener Zeit gab es im Staate Nevada betriebsame Zeitungen, das kann ich Sie versichern.
Mein Hauptnebenbuhler in der Presse war Boggs von der ›Union‹, ein ganz vorzüglicher Berichterstatter.
Alle drei oder vier Monate betrank er sich einmal ein wenig, aber er war im allgemeinen kein unvorsichtiger oder leidenschaftlicher Trinker, wenn er sich auch gern dann und wann einen kleinen Spitz holte.
In einer Beziehung hatte er entschieden etwas vor mir voraus; ihm stand nämlich stets der monatliche Schulbericht zur Verfügung und mir nicht, weil der Direktor der Volksschule mein Blatt, den ›Fortschritt‹, nicht leiden konnte.
Um die Zeit, da der Bericht gewöhnlich erschien, machte ich mich einmal an einem Winterabend auf, kummervoll überlegend, wie ich ihn mir verschaffen solle.
Ich war nur wenige Schritte gegangen, als ich in der fast menschenleeren Straße auf Boggs stieß, den ich fragte, wohin er wolle.
»Den Schulbericht holen.«
»Dann komme ich mit.«
»Nicht doch, Verehrtester, das wäre vergebliche Mühe.«
»So -- meinen Sie?«
Eben trug der Kellner der nahen Schenkwirtschaft eine Bowle voll dampfenden Punsches an uns vorbei und Boggs sog den Wohlgeruch mit gierigen Zügen ein. Sehnsüchtigen Blickes folgte er dem Träger und sah ihn die Treppe zum Bureau des ›Fortschritt‹ hinaufsteigen.
»Schade,« sagte ich, »daß Sie mir nicht zu dem Schulbericht verhelfen können; da das aber nun einmal unmöglich ist, will ich sehen, ob ich nicht in der Redaktion der ›Union‹ einen Abzug bekomme, nachdem der Bericht gesetzt ist. Ich glaube es zwar nicht, aber man kann's doch versuchen. Gute Nacht!«
»Warten Sie noch einen Augenblick. Meinetwegen will ich den Bericht holen und dann eine Weile oben bei den Jungens sitzen bleiben, bis Sie ihn abgeschrieben haben. Kommen Sie nur mit zum Direktor.«
»Das nenne ich einmal vernünftig gesprochen. Also vorwärts.«
Wir trabten einige Straßen weiter durch den Schnee, erhielten den Bericht und bald war das kurze Schriftstück in unserm Bureau abgeschrieben.
Boggs that sich derweil an dem Punsch gütlich.
Nachdem ich ihm das Manuskript zurückgegeben, gingen wir beide wieder fort, weil es uns noch an einer Leichenschau fehlte.
Um vier Uhr morgens, als unser Blatt in der Presse war, und wir wie gewöhnlich zur Erholung ein Konzert veranstalteten -- denn einige von den Setzern waren gute Sänger, andere spielten hübsch die Guitarre und das gräßliche Instrument: die Ziehharmonika, -- kam der Besitzer der ›Union‹ mit großen Schritten herein und fragte, ob wir nicht wüßten, was aus Boggs und dem Schulbericht geworden sei.
Wir teilten ihm den Sachverhalt mit und rückten dann alle aus, um nach dem Missethäter zu suchen.
In einer Schenkstube fanden wir ihn, mit einer alten Blechlaterne in der einen Hand und dem Schulbericht in der andern, auf dem Tische stehen und einem Haufen ›angeheiterter‹ Bergleute eine Rede darüber halten, wie gottlos und ungerecht es sei, die öffentlichen Gelder für Volksunterricht zu verschleudern, während Hunderte von Arbeitern, die sich's redlich sauer werden ließen, buchstäblich wegen Mangels an Whiskey verdursten müßten.
Er hatte diesen Leuten stundenlang bei einer herrlichen Kneiperei Gesellschaft geleistet.
Wir schleppten ihn fort und brachten ihn zu Bette.
Natürlich konnte der Schulbericht in der ›Union‹ nicht erscheinen und Boggs machte mich dafür verantwortlich, obwohl ich doch weder gewünscht noch beabsichtigt hatte, dies zu veranlassen und es mir von Herzen leid that, daß ihm jenes Mißgeschick zugestoßen war.
Aber wir blieben trotzdem auf ganz freundschaftlichem Fuße.
An dem Tage, als der Schulbericht abermals fällig war, schickte uns der Eigentümer des Tennessee-Bergwerks einen Einspänner mit der Bitte, dorthin zu fahren, sein Besitztum in Augenschein zu nehmen und es in der Zeitung zu besprechen -- kein ungewöhnliches Verlangen und eins, dem wir immer mit Vergnügen nachkamen, wenn uns dazu ein Einspänner geliefert wurde, denn wir machten ebenso gern Spazierfahrten als andere Leute.
In das ›Bergwerk‹, ein 90 Fuß tiefes Loch im Boden, konnte man nur gelangen, wenn man sich an einem Tau festhielt und mittelst einer Winde herabgelassen wurde.
Die Arbeiter mußten wohl gerade irgend wohin zum Essen gegangen sein.
Ich war nicht stark genug, um einen Menschen von Boggs' Körpergewicht hinabzuwinden, so nahm ich denn eine unangezündete Kerze zwischen die Zähne, machte in das Ende des Taues eine Schlinge für meinen Fuß, bat Boggs die Winde festzuhalten, auch ja nicht einzuschlafen und schwang mich hinaus über den Schacht.
Ich erreichte den Boden desselben wohlbehalten, wenn auch etwas schmutzig und mit geschundenen Ellenbogen, zündete die Kerze an, untersuchte die Felswand, steckte verschiedene Proben des Gesteins in die Tasche und rief dann Boggs zu, mich wieder hinauf zu ziehen.
Keine Antwort.
Bald darauf erschien oben in der Rundung ein Kopf, vom Tageslicht beleuchtet, und eine Stimme schallte herab:
»Sind Sie ganz fertig?«
»Jawohl -- winden Sie nur tapfer zu.«
»Ihnen ist doch nicht unbehaglich zu Mute?«
»Gar nicht.«
»Könnten Sie vielleicht ein Weilchen warten?«
»O ja -- ich habe keine besondere Eile.«
»Nun -- dann leben Sie wohl!«
»Wie so? -- wo wollen Sie hin?«
»Den Schulbericht holen.«
Das that er denn auch.
Ich blieb eine Stunde da unten und setzte die Bergleute sehr in Erstaunen, als sie beim Aufwinden statt eines Kübels voll Steine einen Menschen am Tau hängen fanden. Dann begab ich mich nach Hause, fünf Meilen weit, zu Fuß und bergan.
Am nächsten Morgen fehlte bei uns der Schulbericht -- aber die ›Union‹ brachte ihn.
Allgemeine Antwort an Schriftsteller oder solche, die es werden wollen.
Wenn jemand die Redaktion einer Zeitung oder eines Journals übernimmt, so schicken ihm allerhand Leute, die sich der Schriftstellerei befleißigen, sofort ihre Manuskripte zu und bitten ihn um sein Urteil über ihre Erzeugnisse. Nachdem er in acht bis zehn Fällen diesem Verlangen entsprochen hat, nimmt er schließlich seine Zuflucht zu einer allgemeinen Predigt, die er in sein Blatt einrückt, um allen spätern _Briefstellern_ kund zu thun, daß dies ein für allemal seine Antwort ist. Auf dieser Stufe meiner litterarischen Laufbahn bin ich jetzt auch angelangt; ich höre auf, denen, die sich bei mir Rat holen wollen, privatim zu schreiben und mache mich an die Ausarbeitung meiner öffentlichen Predigt.
Da die betreffenden Zuschriften alle denselben Inhalt haben und nur dem Wortlaut nach verschieden sind, so lasse ich hier als Durchschnittsbeispiel den letzten Brief folgen, welchen ich erhalten habe:
»An Herrn Mark Twain, Wohlgeboren.
Den 3. Oktober.
Geehrter Herr!
Ich bin ein junger Mann, der eben die Schule verlassen hat und im Begriff steht, ins Leben einzutreten. Wohin ich aber auch sehe, finde ich keine Beschäftigung, die mir so recht gefällt. Ist das Schriftstellerleben leicht und einträglich, oder ist es wirklich ein so saures Brot, wie man immer sagt? Es _muß_ doch bequemer sein als viele, ja als die meisten Berufsarten; mich drängt es unwiderstehlich, mich darauf zu werfen. Mag es biegen oder brechen, ich will mein Glück damit versuchen, will schwimmen oder untersinken, triumphieren oder erliegen. Wie hat man es denn aber anzufangen, wenn es einem in der Litteratur glücken soll? -- Fürchten Sie sich ja nicht, mir die Sache genau so darzustellen, wie sie ist. Im schlimmsten Fall würde mein Vorhaben eben mißlingen, und davor ist man doch niemals geschützt. Ich habe an die juristische Laufbahn gedacht, auch an fünf oder sechs andere Berufsarten, aber überall fand ich die gleichen Uebelstände, -- alles überfüllt, vollgepfropft, immer mehr Angebot als Nachfrage, der Erfolg ein Ding der Unmöglichkeit, weil es viel zu viele Hände giebt und zu wenig Arbeit. Aber ich _muß_ etwas ergreifen, und da suche ich denn mein Heil bei der Litteratur. Eine innere Stimme sagt mir, daß dies das rechte Feld für meine Begabung ist, wenn ich überhaupt Talent dazu habe. Ich lege einige Proben bei. Bitte, lesen Sie dieselben und teilen Sie mir Ihre aufrichtige, unparteiische Meinung mit. Und dann noch eins -- ich bedaure, Ihnen beschwerlich fallen zu müssen, aber erinnern Sie sich daran, daß Sie selbst einmal ein junger Anfänger gewesen sind und verschaffen Sie mir Arbeit für eine Zeitung. Sie stehen mit vielen Redaktionen in Verbindung und ich bin gänzlich unbekannt. Auch bitte ich Sie, mir möglichst günstige Bedingungen auszuwirken; ich weiß wohl, daß ich zuerst nicht auf hohe Bezahlung rechnen kann, aber, wie viel meinen Sie, daß man für Artikel wie die beifolgenden ungefähr fordern könnte? Ich habe noch eine Menge dergleichen in meiner Mappe; wenn Sie diese unterbringen und es mich wissen lassen, kann ich Ihnen andere schicken, die ganz ebenso gut, vielleicht sogar besser sind.
Einer baldigen Antwort u. s. w.
Ihr ergebener u. s. w.«
Ich will Ihnen offen und ehrlich antworten. Ob, was ich zu sagen habe, von großem Werte für Sie sein wird, oder ob Sie finden werden, daß es sich der Mühe lohnt, meine Ratschläge zu befolgen, sind Dinge, deren Entscheidung ich mit Freuden Ihrem eigenen Urteil überlasse.
Zunächst enthielt Ihr Brief mehrere Fragen, die jeder nur nach eigener Lebenserfahrung endgültig beantworten kann. Diese Fragen übergehe ich einfach und erwidere Ihnen Folgendes:
1. Daß die Litteratur, das geistliche Amt, die Medizin, die Jurisprudenz und alle andern Berufsarten ins Stocken geraten sind und nicht die erwünschten Fortschritte machen, daran ist nicht Mangel an Arbeit schuld, sondern Mangel an Arbeitskräften. Wenn jemand Ihnen das Gegenteil versichert, so sagt er eine Unwahrheit. Wollen Sie prüfen, ob meine Behauptung richtig ist, so versuchen Sie doch einmal, einen Redakteur, Berichterstatter, Verwalter, Werkführer, Handwerker, Gewerbebeflissenen oder Künstler, der in seinem Fach Hervorragendes leistet, für irgend eine Arbeit zu gewinnen! Sie werden finden, daß der Mann schon eine Stelle hat und überreichlich beschäftigt ist. Er ist nüchtern, fleißig, tüchtig und zuverlässig und die Nachfrage nach ihm hört nicht auf. Keinen Tag hat er frei, außer durch besondere Berücksichtigung von seiten seines Arbeitgebers, der städtischen Verwaltung oder des Publikums im allgemeinen. Können Sie aber Faulenzer brauchen, Tagediebe, Halbgebildete, Leute ohne Ehrgeiz, leichtsinnige oder bequeme Redakteure, Berichterstatter, Anwälte, Aerzte und Handwerker, so wenden Sie sich wohin Sie wollen. Von _der_ Sorte sind Millionen zu haben, man findet sie überall und braucht nur die Hand auszustrecken.
2. Ich werde mich wohl hüten, über den litterarischen Wert Ihrer Erzeugnisse eine Meinung abzugeben. Das Publikum ist der einzige Kritiker, dessen Urteil überhaupt etwas gilt. Sie brauchen mir das nicht aufs Wort zu glauben; denken Sie nur einmal einen Augenblick darüber nach und entscheiden Sie selbst. Hätten z. B. Sylvanus Cobb oder T. S. Arthur Ihnen ihre Erstlings-Manuskripte unterbreitet, so würden Sie mit Thränen in den Augen gesagt haben: Nein, bitte, schreiben Sie nichts mehr! -- Und Sie sehen doch, wie beliebt ihre Sachen sind. Wäre es Ihnen überlassen worden, Sie hätten vielleicht gesagt, der ›Marmorfaun‹ sei langweilig und das ›Verlorene Paradies‹ nicht erheiternd genug; aber beide haben guten Absatz, wie Sie wohl wissen. Viele Leute, die klüger und besser waren als Sie, haben vor kaum zwei Jahrhunderten geringschätzig von Shakespeare gesprochen, der alte Herr hat sie indessen alle überlebt. Darum will und kann ich nicht über Ihre Schriftstellerei zu Gericht sitzen. Wenn ich Sie nach bestem Wissen und Gewissen lobte, könnte ich dem Publikum auf die Dauer die entsetzlichste Langeweile aufbürden; wenn ich Sie nach bestem Wissen und Gewissen für unbrauchbar erklärte, würde ich der Welt möglicherweise einen noch unerkannten und unentwickelten Dickens oder Shakespeare rauben.
3. Ich schrecke vor der Aufgabe zurück, Ihnen schriftstellerische Arbeiten zu verschaffen, für welche Sie Honorar beanspruchen. Sobald Ihre Leistungen selbst den Beweis geliefert haben, daß sie wirklich wertvoll sind, werden Sie nie mehr herumzugehen brauchen, um nach litterarischer Beschäftigung zu suchen. Sie werden alle Hände voll zu thun bekommen und mehr Grütze im Kopf nötig haben, als Ihnen vielleicht jemals zur Verfügung steht, um nur die Hälfte der Arbeit zu verrichten, die man Ihnen antragen wird. Will der angehende Schriftsteller den Beweis beibringen, daß er wirklich etwas Gutes zu leisten vermag, so weiß ich ein ganz einfaches Mittel, ein vollkommen sicheres Verfahren, um diesen Zweck zu erreichen: er schreibe so lange ohne Bezahlung, bis ihm jemand Honorar anbietet. Wird ihm im Lauf von drei Jahren kein Honorar angeboten, so darf er dies mit vollem Vertrauen als ein Zeichen betrachten, daß ihn die Natur zum Holzhacker bestimmt hat. Wenn er auch nur ein Körnchen Weisheit besitzt, wird er sich mit Würde zurückziehen und den ihm vom Himmel verordneten Beruf ergreifen.
* * * * *
Ein Verfahren, wie ich es hier schildere, haben Leute wie Charles Dickens und andere hervorragende Schriftsteller befolgen müssen; aber meinem Klienten wird es schwerlich zusagen. Der junge, angehende Litterat ist ein sehr, sehr sonderbares Geschöpf. Er weiß, daß, wenn er Klempner werden wollte, der Meister von ihm ein Zeugnis über sein seitheriges sittliches Betragen verlangen und ihm das Versprechen abfordern würde, wenigstens drei -- vielleicht sogar vier Jahre -- bei ihm in der Lehre zu bleiben. Er müßte im ersten Jahre die Werkstatt fegen, Wasser holen, Feuer anzünden und in der Pause lernen, wie man die Oefen schwärzt. Zum Lohn für alle diese Dienste erhielte er seine Kost und zwei billige Anzüge. Im zweiten Jahre käme die Unterweisung im Handwerk an die Reihe, und als Wochenlohn würde ihm ein Dollar ausgezahlt, im dritten Jahr zwei, im vierten drei Dollars. Als ausgelernter Klempner könnte er dann wöchentlich fünfzehn bis zwanzig, vielleicht auch dreißig Dollars verdienen; zu einem Wochenlohn von fünfundsiebzig Dollars würde er es aber niemals bringen. Bei jedem andern Handwerk, für das er sich entscheidet, muß er dieselbe langwierige und schlecht bezahlte Lehrlingszeit durchmachen. Advokat oder Doktor zu werden ist aber noch hundertmal schwerer, denn da erhält er nicht nur während der ganzen Lehrzeit keinen Lohn, sondern er hat noch eine große Summe für seinen Unterricht zu bezahlen und genießt das Vorrecht, sich selbst beköstigen und kleiden zu dürfen.
Das alles weiß der angehende Litterat und hat doch die Dreistigkeit sich zur Aufnahme in die Schriftstellergilde zu melden und seinen Teil von ihren hohen Ehren und Einkünften zu verlangen, ohne zur Rechtfertigung für seine Anmaßung auch nur eine zwölfmonatliche Lehrzeit nachweisen zu können. Er würde nur unschuldsvoll lächeln, wollte man ihm zumuten, ohne vorherige Anweisung selbst das einfachste kleine Blechnäpfchen anzufertigen. Aber, ohne Kenntnis der Grammatik, phrasenhaft, weitschweifig und mit den verschrobenen Begriffen von Welt und Menschen, die er sich auf irgend einem Neste im Hinterwald angeeignet hat, getraut sich der unwissende Gelbschnabel, die Feder, diese gefährliche Waffe, zur Hand zu nehmen, um damit die gewaltigen Mächte, Handel, Finanzen, Krieg und Politik aufs Geratewohl anzugreifen. Wenn es nicht so traurig wäre, würde es einfach lächerlich sein. Der arme Junge wagt sich ohne bestandene Lehrzeit nicht in die Klempnerwerkstatt hinein, aber er scheut sich nicht, mit ungeübter Hand ein Werkzeug zu ergreifen und zu führen, welches Königsthrone zu stürzen, Religionen zu ändern und das Wohl oder Wehe ganzer Völker zu entscheiden vermag.
Wenn der Verfasser jenes Briefes für die Zeitungen, die in der Nachbarschaft seines Wohnorts erscheinen, unentgeltlich schreiben will, so ist hundert gegen eins zu wetten, daß er so viele Aufträge erhält, als er unter dieser Bedingung nur irgend übernehmen kann. -- Stellt sich dann heraus, daß seine Schreibereien wirklich etwas wert sind, so finden sich sicherlich eine Menge Leute, die ihm Geld dafür anbieten.
Zum Schluß will ich ihm als ernste und wohlgemeinte Ermutigung noch einmal die Thatsache zu Gemüte führen, daß annehmbare und lesenswerte Schriftsteller höchst selten sind. Sowohl Buchhändler als Herausgeber von Zeitungen suchen unablässig nach ihnen und zwar mit solchem Eifer, daß sie sich bei dem Geschäft keinen Augenblick Rast oder Ruhe gönnen.
Antworten auf Zuschriften.
I.
An einen Moral-Statistiker.