Skizzenbuch

Part 5

Chapter 53,603 wordsPublic domain

Mehrere Tage vergingen, ohne daß ich mit meinem Freunde zusammentraf. Am Dienstag-Abend kam er jedoch in mein Zimmer geschlichen, wo er matt und trostlos auf einen Stuhl niedersank. Er war bleich und abgezehrt, nur noch ein Schatten von seinem früheren Selbst.

»Mark,« sagte er, und hob den müden Blick zu mir empor, »das war eine Unglücksstunde, in der ich jene heillosen Reime lernte. Sie haben mich seitdem Tag und Nacht verfolgt, gleich bösen Geistern. Alle Qualen der Hölle habe ich erduldet, seit wir uns zuletzt sahen. Am Sonnabend wurde ich telegraphisch nach Boston berufen. Ein lieber, alter Freund von mir war gestorben und ich sollte ihm die Leichenrede halten. Ich benutzte den Nachtzug; die Predigt dachte ich mir unterwegs im Kopfe zurechtzulegen. Aber ich kam nur bis zu den Eingangsworten; der Zug ging ab, die Räder begannen ihr Gerassel -- klack, klack -- klack, klack, klack -- und sofort paßten sich die abscheulichen Reime dieser Begleitung an. Wohl eine Stunde saß ich da und sagte Silbe für Silbe zu dem klack, klack, klack der Eisenbahn her, bis ich so abgearbeitet und totmüde war, als hätte ich den ganzen Tag Holz gehackt. Mein Kopf schmerzte zum Zerspringen, ich glaubte wahnsinnig werden zu müssen. Rasch eilte ich nach dem Schlafwagen und kleidete mich aus. Kaum aber hatte ich mich auf das Lager gestreckt, so fing die Geschichte von neuem an: ›Klack, klack, klack -- Acht-Cents-Fahrt -- klack, klack, klack -- Ein blau' Papier -- klack, klack, klack -- Sechs-Cents-Fahrt -- klack, klack, klack -- Ein gelb' Papier und so weiter, und so weiter -- Zahlt die Taxe der Passagier.‹ Schlafen? -- Ja, Prosit! Ich war fast für das Tollhaus reif, als der Zug in Boston ankam. Frage mich nicht nach der Leichenfeier. Ich that mir übermenschlichen Zwang an, aber jeder einzige Satz war von innen und außen übersponnen und durchwoben mit: ›Brüder, knipst ein das Fahrpapier -- Zahlt die Taxe der Passagier.‹ Das allerschrecklichste dabei war jedoch, daß ich meine Rede ganz in dem hüpfenden Rhythmus der entsetzlichen Reime hielt. Bald sah ich thatsächlich, daß verschiedene Zuhörer wie geistesabwesend im Takt dazu nickten. Ja, du magst mir's glauben oder nicht, Mark, noch bevor ich zu Ende war, wiegte die ganze Trauerversammlung, der Leichenbestatter und alle übrigen im feierlichen Verein mit dem Kopfe hin und her. Kaum hatte ich das letzte Wort gesprochen, so floh ich, wie vom Wahnsinn getrieben, in die Sakristei. Dort traf ich aber zum Unglück mit einer alten unverheirateten Tante des Verstorbenen zusammen, die zu spät gekommen war, um der kirchlichen Feier beizuwohnen.

»›Ach, er ist tot, er ist tot,‹ schluchzte sie tiefbetrübt, ›und ich habe ihn nicht einmal mehr gesehen vor seinem Ende!‹

»›Ja,‹ sagte ich, ›er ist tot -- er ist tot -- er ist tot -- o, wird denn diese Qual niemals aufhören!‹

»›Sie haben ihn also auch geliebt, wie ich?‹

»›Geliebt, -- wen?‹

»›Den seligen Georg -- meinen teuern Neffen.‹

»›Ach -- _den_. Jawohl -- jawohl -- freilich, freilich. Knips' ein, knips' ein -- ach, das Elend bringt mich noch um.‹

»›Dank, Ehrwürden, tausend Dank für die Trostesworte. Auch _mir_ schlägt der Verlust eine tiefe Wunde. Sie waren wohl bei ihm in den letzten Augenblicken?‹

»›Letzte Augenblicke -- bei wem?‹

»›Nun bei dem geliebten Verstorbenen.‹

»›Ja so -- o ja -- ich glaube wohl -- ich weiß nicht. Gewiß -- ich war da -- ich war da!‹

»›Wie beneide ich Sie um dieses Glück. Was sprach er denn noch -- o, teilen Sie mir seine Abschiedsworte mit!‹

»›Er sagte -- er sagte -- o mein Kopf, mein Kopf, mein Kopf! Nichts, gar nichts sagte er als: Knips' ein, knips' ein das Fahrpapier! -- Seien Sie barmherzig, Verehrteste; ich beschwöre Sie, dringen Sie nicht weiter in mich, überlassen Sie mich meinem Wahnsinn, meinem Jammer, meiner Verzweiflung. -- Sechs-Cents-Fahrt, ein gelb' Papier -- Drei-Cents-Fahrt, ein rot' Papier -- nein, länger ertrage ich es nicht -- Zahlt die Taxe der Passagier.‹«

Mein Freund schwieg erschöpft und sah mich wohl eine Minute lang mit stieren Blicken an.

»Mark,« stieß er endlich mühsam heraus, »bin ich denn ganz verloren? Du erwiderst kein Wort, du giebst mir keine Hoffnung! Ach, ich sehe es ein, mir kann niemand helfen; Worte vermögen mir keinen Trost mehr zu geben -- mein Geschick ist unabwendbar. Eine innere Stimme sagt mir, daß meine Zunge verdammt ist, in alle Ewigkeit nach dem unsinnigen Reimgebimmel hin und her zu pendeln. Da -- da kommt es schon wieder: Acht-Cents-Fahrt, ein blau' Papier -- Sechs-Cents-Fahrt, ein gelb' Papier -- --«

Schwächer und schwächer klang seine Stimme, bis er endlich in einen wohlthätigen Starrkrampf verfiel, der ihn auf eine kurze Frist seinen Qualen entrückte.

Wie aber rettete ich ihn schließlich vor dem Irrenhause? Ich reiste mit ihm nach der ersten besten Universität und ließ ihn seine Last und Pein auf die armen, nichtsahnenden Studenten abladen, welche die Reime mit gierigen Ohren einsogen. Fragt mich nicht, in welchem Zustand sie sich dort jetzt befinden. Die Folgen sind zu trostlos, als daß ich sie zu schildern vermöchte.

Was mich trieb, dies alles niederzuschreiben, war nur die edle Absicht, dich, lieber Leser, zu warnen. Solltest du je irgendwo auf jene unheilvollen Verse stoßen, so fliehe sie -- fliehe sie wie die Pest! --

Ein geheimnisvoller Besuch.

Der erste Mensch, welcher mich aufsuchte, nachdem ich mich in der Stadt niedergelassen hatte, war ein Herr, der sich damit einführte, daß er sagte, er sei Taxator und stehe mit der Abteilung für innere Einkünfte der Vereinigten Staaten in Verbindung. Ich sagte, ich hätte nie von diesem Geschäftszweig gehört, sei aber trotzdem sehr erfreut ihn zu sehen und bäte ihn, Platz zu nehmen. Er setzte sich. Mir fiel gerade nichts Besonderes ein, womit ich ihn unterhalten konnte, aber ich bedachte, daß, wer einem Hauswesen vorstehen will, auch die Pflicht hat, gesprächig, liebenswürdig und entgegenkommend zu sein. In Ermangelung von etwas anderm fragte ich ihn also, ob er seinen Laden in unserer Nachbarschaft eröffnen werde.

Er bejahte dieses, ohne jedoch, wie ich gehofft hatte, von selbst zu erwähnen was er verkaufe, und ich wollte doch nicht neugierig erscheinen.

Also versuchte ich es mit der Frage: »Geht das Geschäft gut?« und er erwiderte: »Hm, so so.«

Darauf sagte ich, wir würden bei ihm vorsprechen und wenn man uns in seinem Hause ebenso gut bediene wie in andern, so wollten wir ihm unsere Kundschaft zuwenden.

Er antwortete, sein Etablissement würde uns unzweifelhaft genügen. Ihm sei wenigstens noch nie jemand vorgekommen, der einen andern Vertreter seines Faches aufgesucht hätte, nachdem er einmal mit ihm verhandelt habe.

Das klang ziemlich selbstbewußt, aber abgesehen von der natürlichen Schlechtigkeit, die uns allen im Gesicht geschrieben steht, sah der Mann ganz ehrlich aus.

Ich erinnere mich nicht mehr _wie_ es zuging, aber allmählich tauten wir auf und kamen in Fluß, das heißt unsere Unterhaltung, und nun ging es wie ein aufgezogenes Uhrwerk.

Es wurde geredet, geredet, geredet -- wenigstens meinerseits, und gelacht, gelacht, gelacht -- wenigstens seinerseits. Aber während der ganzen Zeit hatte ich die Geistesgegenwart nicht verloren, meine natürliche Schlauheit war auf ›vollen Dampf‹ gesetzt, wie die Maschinisten sagen. Ich war entschlossen alles zu erfahren, was sein Geschäft anging, trotz der dunkeln Antworten, die er gab, und zwar dachte ich es aus ihm herauszubekommen, ohne daß er es selbst gewahr wurde. Ich wollte ihn in eine tiefe, tiefe Falle locken, ihm alles über mein eigenes Geschäft erzählen und ihn dadurch so erwärmen und zutraulich machen, bis er nicht umhin konnte, mir ausführliche Mitteilungen über _sein_ Geschäft zu machen, ehe er noch merkte, um was es mir zu thun war. »Du ahnst nicht, mein Sohn,« dachte ich bei mir selbst, »mit welchem schlauen Fuchs du es zu thun hast!«

»Können Sie wohl raten,« sagte ich, »wie viel ich im vergangenen Winter und Frühling mit meinen Vorlesungen eingenommen habe?«

»Nein, gewiß nicht -- und wenn mein Kopf daran hinge! Erlauben Sie -- etwa zweitausend Dollars, wie? -- Aber nein, nein -- so viel können Sie nicht verdient haben. Sagen wir siebzehnhundert.«

»Haha! das hab' ich mir gedacht! Meine Einnahmen für Vorlesungen letzten Winter und diesen Frühling betrugen vierzehntausendsiebenhundertundfünfzig Dollars. Was sagen Sie dazu?«

»Ja, das ist ja unglaublich, ganz unglaublich! Das werde ich mir merken. Und Sie meinten, das sei noch nicht einmal alles?«

»Alles! -- kein Gedanke! Dazu kam noch mein Gehalt beim ›Täglichen Kriegsruf‹ auf vier Monate, ungefähr -- ungefähr -- nun was würden Sie sagen, wenn ich es auf achttausend Dollars angäbe?«

»Was ich sagen würde? -- Je nun -- daß ich wohl auch in solchem Meer des Ueberflusses schwimmen möchte. Achttausend -- das will ich mir merken! Und das ist alles noch nicht genug, Sie Glückspilz! Wenn ich Sie recht verstehe, haben Sie noch andere Einnahmen gehabt?«

»Hahaha! natürlich. Wir stehen erst beim Anfang sozusagen. Nun kommt noch mein Buch ›Unschuld auf Reisen‹ -- Preis drei Dollars fünfzig Cents bis fünf Dollars, je nach dem Einband. Sehen Sie mir ins Auge und hören Sie: Während der letzten fünftehalb Monate -- ganz abgesehen von allem was vorher verkauft worden ist -- nur während der letzten fünftehalb Monate haben wir fünfundneunzigtausend Exemplare von dem Buch abgesetzt. Fünfundneunzigtausend! Denken Sie einmal! Durchschnittlich vier Dollars das Exemplar, das macht vierhunderttausend Dollars, mein Freund -- und ich bekomme die Hälfte!«

»Alle Wetter! Ich will das aufschreiben. Vierzehn -- sieben -- fünf -- acht -- zweihundert -- Summa sagen wir -- meiner Treu, die Gesamtsumme macht ungefähr zweihundertdreizehn- oder vierzehntausend Dollars. Ist das möglich?«

»Möglich? Wenn irgend ein Fehler dabei ist, so habe ich zu wenig angegeben. Zweihundertvierzehntausend bar ist mein diesjähriges Einkommen, wenn ich überhaupt rechnen kann.«

Jetzt stand der Herr auf um zu gehen. Mich überfiel der peinliche Gedanke, ob ich am Ende meine Enthüllungen umsonst gemacht habe. Noch dazu hatte ich mich durch seine laute Bewunderung verführen lassen, die Beträge recht ansehnlich zu vergrößern. Aber, nein, im letzten Augenblick überreichte mir der Herr ein großes Couvert mit der Bemerkung, daß es seine Geschäftsanzeige enthalte, die mir jeden gewünschten Aufschluß geben könne, er würde stolz sein, einen Mann von so ungeheuerm Einkommen zum Kunden zu haben. Früher habe er gedacht, daß es mehrere wohlhabende Herren in der Stadt gäbe, aber sobald er geschäftlich mit ihnen in Verbindung getreten sei, habe es sich gezeigt, daß sie kaum genug besäßen, um davon leben zu können. Es sei wirklich eine solche Ewigkeit her, seit er einen reichen Mann von Angesicht gesehen, mit ihm gesprochen, und ihm die Hand gereicht habe, daß er sich kaum enthalten könne, mir um den Hals zu fallen -- ich würde ihn unendlich glücklich machen, wenn ich ihm die Erlaubnis gäbe, mich zu umarmen.

Das gefiel mir so gut, daß ich nicht versuchte Widerstand zu leisten, sondern dem biedern Fremdling gestattete, die Arme um meinen Hals zu schlingen und ein paar beruhigende Thränen zu vergießen, die mir den Nacken herabrieselten. Dann ging er seiner Wege.

Sobald er fort war, öffnete ich das Couvert mit seiner ›Anzeige‹. Ich studierte sie aufmerksam vier Minuten lang, dann rief ich die Köchin herauf und sagte:

»Bitte, halten Sie mich -- ich falle in Ohnmacht -- Marie kann unterdessen die Pfannkuchen umwenden.«

Als ich wieder zur Besinnung gekommen war, schickte ich nach dem nächsten Schnapsladen und mietete mir um Wochenlohn einen Mann, der sich aufs Fluchen verstand, damit er die ganze Nacht aufsitzen und jenen Fremden verwünschen sollte, und mich am Tage manchmal dabei ablösen, wenn ich nicht weiter wußte.

Er war aber auch ein ganz abgefeimter Schurke. Seine ganze Geschäftsanzeige bestand aus weiter nichts als einem niederträchtigen Steuerzettel -- einer Kette von unverschämten Fragen über meine Privatangelegenheiten, die beinahe vier engbedruckte Folioseiten einnahmen. Fragen, die mit so erstaunlicher Spitzfindigkeit zusammengesetzt waren, daß die ältesten Leute nicht herausgefunden hätten, was sie bedeuten sollten. Fragen, die so eingerichtet waren, daß man sein Einkommen ungefähr viermal so hoch angeben mußte, als es in Wirklichkeit war, aus lauter Angst, man könne eine Lüge beschwören. Ich suchte nach einem Ausweg, aber es schien keinen zu geben. Gleich die erste Frage paßte so vollkommen auf meinen Fall, wie ein Regenschirm auf einen Ameisenhaufen, wenn man ihn aufspannt:

»Wie hoch beliefen sich Ihre Einnahmen im vergangenen Jahr aus Ihrem Handel, Geschäft oder Beruf, gleichviel wo Sie denselben betrieben haben?«

Und diese Frage zog dreizehn andere von ebenso eindringlicher Art nach sich, von denen die bescheidenste Aufschluß darüber verlangte, ob ich einen Betrug oder Straßenraub verübt hätte oder durch Brandstiftung und andere geheime Erwerbsquellen zu Vermögen gelangt sei, das bei meiner Antwort auf Nr. 1 nicht mit angegeben wäre.

Es war klar, daß der Fremde mir Gelegenheit gegeben hatte, mich zu blamieren. Dies lag so sehr auf der Hand, daß ich ausging und mir noch einen Mann zum Fluchen mietete. Der Fremde hatte mich mit seinen Schmeicheleien verführt, ein Einkommen von zweihundertvierzehntausend Dollars anzugeben. Gesetzmäßig waren tausend davon steuerfrei, das war der einzige Abschlag, den ich entdecken konnte, und das war doch nur ein Tropfen im Ozean. Bei den gesetzlichen fünf Prozent mußte ich der Regierung die Summe von zehntausendsechshundertfünfzig Dollars Einkommensteuer bezahlen.

(Ich will hier gleich bemerken, daß ich es nicht gethan habe.)

Ich bin mit einem sehr begüterten Manne bekannt, der einen Palast bewohnt und eine wahrhaft fürstliche Tafel hält, dessen Ausgaben ganz enorm sind und der doch kein Einkommen hat, wie ich oft an seinen Steuerzetteln gesehen habe. Zu diesem begab ich mich in meiner Not. Er nahm meine schreckliche Liste von Einnahmen zur Hand, setzte sich die Brille auf, tauchte die Feder ein, und -- ehe ich mich's versah, war ich ein Bettler. Es geschah auf die einfachste Weise von der Welt und ward durch die Geschicklichkeit, mit der er den Paragraphen ›Abzüge‹ benützte, ganz leicht zu stande gebracht. Er setzte meine Staats- und meine städtischen Steuern auf so und so viel fest, meine Verluste durch Schiffbruch, Feuer u. s. w. auf so und so viel; Verluste beim ›Verkauf von Landbesitz‹ -- ›Verkauf von Viehstand‹ -- ›Zahlungen für Miete des Anwesens‹ -- ›Ausbesserungen, Umbauten, Zinsvergütung‹ -- ›schon vorher besteuerter Gehalt als Offizier der Armee, der Flotte u. s. w. u. s. w.‹ und dergleichen mehr. Aus jedem dieser Punkte wußte er ganz erstaunliche Abzüge herauszuschlagen. Als er fertig war und mir das Blatt hinreichte, sah ich auf den ersten Blick, daß während des ganzen Jahres meine Einnahme, das heißt der Gewinn dabei, nur zwölfhundertfünfzig Dollars vierzig Cent betragen hatte.

»Dazu kommt,« sagte er, »daß tausend Dollars steuerfrei sind. Gehen Sie jetzt aufs Steueramt und beschwören Sie dies Dokument, dann bezahlen Sie Steuern von zweihundertfünfzig Dollars.«

(Während er sprach, zog sein Söhnchen, der kleine Willy, einen Zweidollarschein aus des Vaters Westentasche und verschwand damit. Ich möchte _alles_ wetten, daß der Junge _auch_ sein Einkommen falsch angeben würde, wenn mein fremder Herr ihn morgen besuchte.)

»Machen Sie die Abzüge immer auf diese Art?« fragte ich, »auch wenn Sie Ihre eigenen Steuern berechnen?«

»Natürlich, das versteht sich von selbst. Wenn unter der Rubrik ›Abzüge‹ nicht jene elf tröstlichen Klauseln ständen, müßte ich ja alljährlich an den Bettelstab kommen, nur um diese verhaßte, schlechte, geldgierige und tyrannische Regierung zu unterstützen.«

Dieser Herr gehört zu den allerbesten und solidesten Männern der Stadt, zu den Männern von moralischem Gewicht, von kaufmännischer Ehrenhaftigkeit, von zweifelloser, unantastbarer Zuverlässigkeit -- folglich unterwarf ich mich seinem Urteil. Ich begab mich auf das Steueramt -- und da stand ich, unter den Augen meines fremden Herrn, die mich schwer anklagten, und beschwor eine Lüge nach der andern, eine Schlechtigkeit nach der andern, bis meine Seele zolldick mit Meineiden überzogen war, und ich meine Selbstachtung auf ewige Zeiten verloren hatte.

Aber was schadet's? Thun denn nicht Tausende der reichsten und stolzesten, der gerechtesten und gefeiertsten Männer in Amerika alljährlich dasselbe? -- --

Redakteur und Berichterstatter.

Wie ich ein landwirtschaftliches Blatt herausgab.

Als ich aushilfsweise die Redaktion einer landwirtschaftlichen Zeitung übernahm, that ich es nicht ohne bange Zweifel. Wenn jemand, der gewohnt ist auf dem Lande zu leben, plötzlich ein Schiff befehligen sollte, würde er wohl auch seine Besorgnis dabei haben. Ich befand mich jedoch in Verhältnissen, bei denen mir der Gehalt von Wichtigkeit war. Als daher der ständige Redakteur der Zeitung mir anbot, ihn während der Ferien zu vertreten, ging ich auf seine Bedingungen ein und nahm seine Stelle.

Wieder bei der Arbeit zu sein, war ein köstliches Gefühl, und ich schrieb die ganze Woche hindurch mit unablässigem Vergnügen. Nachdem alles in der Presse war, wartete ich einen Tag lang in großer Spannung auf irgend ein Anzeichen, daß meine Bemühung die Aufmerksamkeit des Publikums erregt habe. Bei Sonnenuntergang verließ ich das Bureau und sah, daß eine Gruppe von Männern und Knaben, die sich am Fuß der Treppe versammelt hatten, sobald ich erschien, wie auf gemeinsamen Antrieb auseinanderstob, um mich durchzulassen. »Das ist er!« hörte ich sie zu einander sagen. Der Vorfall war mir natürlich sehr schmeichelhaft. Am nächsten Morgen bemerkte ich eine ähnliche Gruppe an der Treppe; auch vereinzelt und zu zweien standen die Leute vor dem Hause und drüben auf der andern Seite der Straße, mich mit großem Interesse beobachtend. Als ich näher kam, zerstreuten sie sich und wichen zurück, doch hörte ich noch, wie ein Mann sagte:

»Seht nur mal seine Augen an.« -- Ich that, als wüßte ich nicht, was ich für Aufsehen machte, doch freute ich mich im stillen darüber und nahm mir vor, es meiner Tante zu schreiben.

Während ich die wenigen Treppenstufen hinaufstieg und mich der Thür näherte, vernahm ich fröhliche Stimmen und schallendes Gelächter. Beim Eintreten gewahrte ich einen Augenblick zwei junge Männer, die wie Landwirte aussahen; sobald sie meiner ansichtig wurden, erbleichten sie, machten lange Gesichter und sprangen plötzlich mit einem großen Krach zum Fenster hinaus. Darüber verwunderte ich mich sehr.

Etwa eine halbe Stunde später trat ein alter Herr mit lang herabwallendem Bart und feinen, aber strengen Gesichtszügen bei mir ein. Ich forderte ihn auf, Platz zu nehmen, und er setzte sich, schien jedoch etwas auf dem Herzen zu haben. Er nahm den Hut ab, stellte ihn auf den Boden und holte ein rotseidenes Taschentuch heraus, sowie ein Exemplar unserer Zeitung.

Das Blatt legte er auf seine Kniee und fragte, während er sich die Brille mit dem Taschentuch putzte: »Sind Sie der neue Redakteur?«

Ich bejahte dies.

»Haben Sie schon früher ein landwirtschaftliches Blatt redigiert?«

»Nein,« erwiderte ich, »dies ist mein erster Versuch.«

»Das dachte ich mir. Haben Sie die Landwirtschaft praktisch betrieben?«

»Nein, ich glaube nicht.«

»Ein gewisser Instinkt hat mir das gesagt,« meinte der alte Herr, setzte seine Brille auf und maß mich über dieselbe hinweg mit strengen Blicken, wobei er die Zeitung in ein bequemes Format zusammenfaltete. »Ich will Ihnen vorlesen, was diesen Instinkt bei mir erweckt hat. Es war die folgende Bemerkung. Hören Sie, ob sie aus Ihrer Feder stammt:

»_Rüben_ sollte man niemals pflücken, weil ihnen das schadet. Es ist viel besser, einen Knaben auf den Baum klettern, und sie herunterschütteln zu lassen.«

Nun, was sagen Sie dazu -- denn ich bin fest überzeugt, Sie haben es geschrieben!«

»Was soll ich denn sagen? Ich glaube es ist gut und verständig. Ohne Zweifel werden alljährlich im Umkreis dieser Stadt viele Millionen Scheffel Rüben verdorben, weil man sie in halbreifem Zustand abpflückt, während, wenn man sie durch einen Knaben vom Baum schütteln ließe --«

»Warum nicht gar von Ihrer Großmutter? Rüben wachsen doch nicht auf Bäumen.«

»O, wirklich thun sie das nicht! Wer hat denn schon gesagt, daß sie da wüchsen? -- Es war ja natürlich bildlich gemeint, nur bildlich! Jeder, der überhaupt Sinn und Verstand hat, muß doch gleich wissen, daß ich meinte, der Knabe sollte die Ranke schütteln.«

Der alte Mann schnellte von seinem Sitze in die Höhe, zerriß die Zeitung in kleine Stücke, stampfte mit dem Fuß darauf, zerschlug allerlei Gegenstände mit seinem Stock und sagte, so viel wie ich, wüßte auch eine Kuh. Dann ging er hinaus und warf die Thür hinter sich ins Schloß. Bei diesem Benehmen kam mir der Gedanke, es müsse etwas sein Mißfallen erregt haben. Da ich aber nicht wußte, was ihn verdrossen habe, konnte ich ihm auch nicht helfen.

Bald nachher kam ein langer, hagerer Mensch zur Thür hereingeschossen. Spärliche Locken hingen ihm bis auf die Schultern herab und sein Gesicht war in allen Höhen und Tiefen mit den stacheligen Bartstoppeln einer ganzen Woche bedeckt. Er blieb zuerst regungslos stehen und legte den Finger auf den Mund, dann beugte er sich lauschend vor. Kein Geräusch ließ sich hören. Noch immer horchte er. Als alles still blieb, drehte er den Schlüssel um, schlich behutsam auf den Zehen näher zu mir heran und stellte sich in gemessener Entfernung vor mich hin. Eine Weile forschte er mit großem Interesse in meinen Zügen, nahm dann ein zusammengefaltetes Exemplar unseres Blattes aus der Brusttasche und sagte:

»Sehen Sie hier -- das haben Sie geschrieben. Lesen Sie es mir vor -- rasch! Befreien Sie mich, Herr! Ich leide entsetzlich.«

Ich las was folgt, und während meine Lippen Satz für Satz aussprachen, schien er sich zusehends erleichtert zu fühlen; die starren Muskeln verloren ihre Spannung, die ängstliche Besorgnis wich aus seinem Gesicht und Friede und Ruhe verbreiteten sich über seine Züge, wie lindes Mondlicht über eine öde Landschaft.

»Der _Guano_ ist ein schöner Vogel, aber es bedarf großer Sorgfalt, wenn man ihn aufziehen will. Man darf ihn nicht früher als im Juni und nicht später als im September bei uns einführen. Im Winter muß er an einen warmen Ort gebracht werden, um seine Jungen ausbrüten zu können.«

»Augenscheinlich werden wir mit unserer _Getreideernte_ dies Jahr im Rückstand bleiben. Der Landmann wird daher wohl daran thun, die Maiskolben und Buchweizenkuchen schon im Juli statt im August zu pflanzen.«

»_Vom Kürbis._ Dies ist eine Lieblingsbeere der Eingeborenen von Neuengland. Bei der Bereitung von Obstkuchen zieht man sie dort zu Lande sogar der Stachelbeere vor. Sie ist vorteilhafter als die Himbeere zum Füttern der Kühe, da sie mehr füllt und stopft und ganz ebenso nahrhaft ist. Der Kürbis ist die einzige eßbare Abart der Familie Orangenpflanze, die im Norden gedeiht, ausgenommen die Melone und der Türkenbund. Man pflanzt ihn jedoch jetzt weniger häufig unter dem Buschwerk im Vordergarten an, da man allgemein die Ansicht hegt, daß der Kürbis kein Baum ist, welcher Schatten giebt.«

»Jetzt, bei Eintritt des warmen Wetters, beginnt der _Gänserich_ zu laichen und --«

In höchster Aufregung trat der Zuhörer dicht vor mich hin, schüttelte mir die Hand und sagte: