Part 20
»Na, na, na, diese Ueberraschung! Ein oder zweimal war mir dein Name in Verbindung mit dieser Bezeichnung zu Gesicht gekommen, aber es kam mir nie dabei in den Sinn, daß du der fragliche Henry Adams sein könntest. Es ist doch noch kein halbes Jahr her, daß du in San Francisco auf Hopkins' Kontor gebüffelt und um dir einen Nebenverdienst zu verschaffen, ganze Nächte lang mit mir an der Ordnung und Richtigstellung der Bücher und Geschäftsberichte der Gould- und Curry-Extension-Gruben gearbeitet hast. Und jetzt soll ich mir vorstellen, daß du hier in London als vielfacher Millionär und kolossale Berühmtheit herumläufst! Es ist ja das reinste Märchen aus Tausend und eine Nacht. Mensch, ich kann es gar nicht fassen, nicht begreifen -- laß mich nur erst wieder etwas zu mir kommen.«
»Wahrhaftig, Lloyd, es geht mir kein Haar besser als dir. Es ist mir selbst unfaßlich.«
»Bei Gott, wirklich ganz unerhört! Heute ist es gerade drei Monate her, daß wir zusammen nach dem Miners-Restaurant gingen.« --
»Nein, nach dem What-Cheer.«
»Richtig, jawohl, nach dem What-Cheer. Da ließen wir uns um zwei Uhr morgens ein Kotelett und eine Tasse Kaffee geben, nachdem wir sechs Stunden zusammen über den Büchern der Extension geschwitzt hatten. Damals wollte ich dich überreden, mit mir nach London zu kommen und machte mich verbindlich, dir Urlaub auszuwirken und dich völlig frei zu halten, versprach dir auch noch etwas extra für den Fall, daß es mir gelänge, die Kuxe an den Mann zu bringen. Aber da wolltest du nichts von der Sache wissen. Du meintest, dabei komme doch nichts heraus, und du könntest doch nicht aufs Ungewisse deine ganze Stellung aufgeben, um dann vielleicht nach Jahr und Tag wieder von vorne anfangen zu müssen. Und nun bist du doch hier. Welch eine merkwürdige Geschichte ist das doch! Was hat dich denn hierher verschlagen, und wodurch in aller Welt hast du dich so kolossal heraufgebracht?«
»Ach, das kam ganz zufällig. Es ist eine lange Geschichte -- ein ganzer Roman kann man sagen. Ich erzähle dir alles, aber nicht jetzt.«
»Wann denn?«
»Ende dieses Monats.«
»Das sind ja noch über vierzehn Tage. Das heißt doch der menschlichen Neugierde zuviel zumuten. Sage lieber, in einer Woche.«
»Das geht nicht. Den Grund wirst du schon noch erfahren. Nun, wie steht es denn mit den Geschäften?«
Mit einemmal war der heitere Ausdruck in seinen Mienen wie weggeblasen, und mit einem Seufzer erwiderte er: »Du hattest ganz recht mit deiner Prophezeiung, ganz recht. Wäre ich doch nicht hierher gekommen. Ich mag gar nicht davon reden.«
»Doch, doch. Wenn wir hier fertig sind, mußt du mit mir nach Hause kommen und mir alles erzählen.«
»Wie? Darf ich? Ist das dein Ernst?« Dabei wurden ihm die Augen feucht.
»Jawohl, ich will die ganze Geschichte hören, Wort für Wort.«
»Ach, wie beglückt bin ich, daß ich endlich wieder bei einem menschlichen Wesen in Blick und Wort einem Interesse für meine Angelegenheiten begegnen darf nach allem, was ich durchgemacht habe. Lieber Gott! Auf den Knieen möchte ich dir dafür danken!«
Mit einem warmen Druck meiner Hand sprang er auf und sah in fröhlichster Stimmung der Mahlzeit entgegen -- aus der jedoch nichts wurde. Nein, es ging wie es stets geht bei der verkehrten, widerwärtigen englischen Sitte -- man war nicht imstande, sich über die Rangordnung zu einigen und so gab es keine Mahlzeit. Wenn ein Engländer zum Diner eingeladen wird, so ißt er sich jedesmal zu Hause satt, ein Fremder dagegen, der von keiner Seite gewarnt wird, geht ahnungslos in die Falle. Diesmal freilich kam niemand zu Schaden, wir hatten alle bereits zu Hause gespeist, dem einzigen Neuling unter uns, Hastings, hatte der Gesandte gleich bei der Einladung gesagt, daß er getreu dem Landesbrauche für ein Gastmahl keine Vorsorge habe treffen lassen. Trotzdem setzte man sich nun, um den Schein zu wahren, ein jeder Herr mit einer Dame am Arm, nach dem Speisesaal in Bewegung; allein dabei ging der Streit bereits an. Der Herzog beanspruchte den Vortritt sowie den Platz oben an der Tafel, indem er einem Gesandten, der nur ein Volk, nicht einen Monarchen vertrete, an Rang vorgehe. Dem gegenüber machte ich meine Rechte geltend, ohne einen Fußbreit nachzugeben. Die Zeitungen wiesen mir im Personalbericht den Platz vor allen Herzögen an, die nicht dem königlichen Hause angehörten, demnach sei es ganz in der Ordnung, daß mir vor _diesem_ Herzog der Vorrang gebühre. Mit allem Hin- und Herreden, worin wir unser Möglichstes leisteten, kam die Sache natürlich nicht zum Austrag. Endlich war mein Gegner so unbedachtsam, Geburt und Ahnen ins Feld zu führen; da übertrumpfte ich ihn jedoch mit dem Hinweis darauf, daß ich, wie schon mein Name zeige, in gerader Linie von Adam abstamme, während aus dem seinigen zusammen mit seiner normännischen Abkunft klar hervorgehe, daß er nur in der Seitenlinie mit dem Stammvater des Menschengeschlechts verwandt sei. So bewegte sich denn der Zug nach dem Salon zurück, wo wir, gruppenweise herumstehend, eine bescheidene Erfrischung -- bestehend in einem Teller voll Sardinen und ein paar Erdbeeren -- einnahmen. Dabei wurde es mit der Heiligkeit der Rangordnung etwas weniger streng genommen; die beiden Höchststehenden loosten miteinander, indem sie ein Geldstück in die Luft warfen. Der Gewinner machte sich darauf zuerst über seine Erdbeeren her, während der Verlierende den Schilling einsteckte. So ging es dann weiter, bei allen nach der Reihe. Nach der Erfrischung brachte man Spieltische und wir spielten sämtlich Cribbage, um sechs Pence die Partie. In England spielt man nämlich niemals zum bloßen Vergnügen. Man will durchaus gewinnen oder verlieren -- ob das eine oder das andere, ist gleichgiltig -- sonst verzichtet man lieber ganz.
Der Abend verfloß allerliebst, wenigstens uns beiden, Miß Langham und mir. Ich war so bezaubert von dem holden Geschöpf, daß ich nicht imstande war, meine Trümpfe zu zählen, wenn es über zwei Sequenzen hinaus ging; und wenn ich einen Stich gemacht hatte, übersah ich es jedesmal und fing wieder an auszuspielen, sodaß ich eine Partie um die andere verloren haben würde, wäre es meiner Partnerin nicht genau ebenso gegangen. So war es ganz natürlich, daß keins von uns beiden aufkam, das fiel uns aber nicht im mindesten auf, wir wußten nur, daß wir glücklich waren, und weiter wollten wir auch nichts wissen und hatten nur den Wunsch, in diesem Gefühl nicht gestört zu sein.
Ich erklärte ihr sogar -- wirklich in allem Ernste -- ich _erklärte_ ihr, daß ich sie liebe, und sie -- nun sie wurde wohl rot bis unter die Haare, hatte aber nichts dagegen -- und sagte dies auch. O, es war der schönste Abend meines Lebens! Jedesmal, so oft ich ansagte, oder meine Trümpfe zählte, fügte ich als Postskript bei: »Gott, wie reizend Sie sind!« oder etwas Aehnliches, wofür sie mir dann bei der gleichen Gelegenheit die Empfangsbestätigung erteilte, indem sie zum Schluß anhängte: »Finden Sie das wirklich?« Und dabei ließ sie einen so süßen, schelmischen Blick unter ihren langen Wimpern auf mich blitzen. O, es war wirklich zu -- herrlich!
Ich benahm mich übrigens vollständig offen und ehrlich dem Mädchen gegenüber. Ich sagte ihr, daß ich nichts auf der Welt besäße, als eben die eine Millionennote, von der sie schon so viel gehört habe, und daß selbst diese nicht mein Eigentum sei. Dies erregte ihre Neugier, und darauf hin erzählte ich ihr halblaut die ganze Geschichte frisch von der Leber weg. Sie wollte sich darüber fast totlachen. Was sie dabei so lächerlich fand, war mir ein Rätsel, aber so war es nun einmal. Jede halbe Minute erregte irgend ein Umstand ihre Lachlust aufs neue, sodaß ich ihr wieder anderthalb Minuten Zeit zum Atemschöpfen lassen mußte. Sie lachte sich buchstäblich lahm; noch nie war mir so etwas vorgekommen. Daß eine traurige Geschichte -- eine Geschichte, die von nichts anderem handelt als von den Leiden, Kümmernissen und Sorgen eines Menschen -- eine solche Wirkung hervorbrachte, war doch unerhört. Und doch hatte ich sie nur um so lieber dafür, daß sie so heiter zu sein wußte, wo eigentlich gar kein Grund zur Heiterkeit vorlag; sah es doch ganz darnach aus, als könnte ich eine derartige Frau demnächst recht notwendig brauchen. Ich eröffnete ihr natürlich, daß wir wohl ein paar Jahre würden warten müssen, bis ich in Genuß meines Gehaltes käme; hieraus machte sie sich aber nichts und ermahnte mich nur zur größten Sparsamkeit, damit nicht auch noch mein dritter Jahresgehalt angegriffen werden müsse. Dann wurde sie auf einmal besorgt und meinte, ob wir mit unseren Vermutungen über den Betrag meines ersten Jahresgehalts nicht doch am Ende die Rechnung ohne den Wirt machten.
Diese nur zu wohl begründete Bemerkung brachte zwar mein Vertrauen in die Zukunft einigermaßen ins Wanken, dafür gab sie mir aber auch einen guten, praktischen Gedanken ein, den ich sofort frischweg aussprach: »Portia, mein Schatz, würde es dir etwas ausmachen, mich zu den alten Herren zu begleiten, wenn ich mich ihnen wieder vorstellen muß?«
Sie erschrak ein wenig, sagte aber: »N -- un, wenn meine Begleitung dazu beitragen kann, dir Mut zu machen. Aber ist es denn auch ganz passend, was meinst du?«
»Das wohl schwerlich, oder eigentlich nicht; aber sieh', es hängt so unendlich viel davon ab, daß --«
»Dann gehe ich unter allen Umständen mit, ob passend oder nicht!« erwiderte sie mit edler Begeisterung, die ihr herrlich stand. »O, der Gedanke macht mich so glücklich, etwas für dich thun zu können.«
»Etwas, mein Herz? Alles thust du, ganz allein. Du bist so schön, so lieblich, so bezaubernd, daß, wenn ich dich zur Seite habe, die guten alten Herren uns ohne Widerrede jeden beliebigen Gehalt bewilligen müssen, und sollten sie darüber zu Bettlern werden.«
Ha, nun mußte man sehen, wie ihr das Blut voll in die Wangen strömte und ihre Augen in Glück erstrahlten!
»Du böser Schmeichler! Das ist ja alles nicht wahr, was du da sagst, aber mit gehe ich doch. Vielleicht wird es dir bei der Gelegenheit klar, daß andere Leute mich mit andern Augen betrachten als du.«
Hegte ich nun noch Zweifel? War mein Vertrauen noch erschüttert? Es wird wohl genügen, wenn ich sage, daß ich bei mir selbst in aller Stille meinen Gehalt unverzüglich auf zwölfhundert Pfund im Jahr erhöhte. Ich sagte ihr aber davon nichts; das sparte ich mir zu einer Ueberraschung für später auf.
Auf dem ganzen Wege nach meiner Wohnung schwebte ich in höheren Regionen und hörte kein Wort von allem, was Hastings an mich hinsprach. Erst, als wir zu Hause anlangten und Hastings sich beim Eintritt in meinen Salon in begeisterten Lobsprüchen auf meine reiche und bequeme Einrichtung erging, kam ich wieder zu mir.
»Erst lasse mich einen Augenblick hier stehen bleiben,« rief er, »damit ich mich satt sehen kann! Guter Gott, das ist ja ein Palast, der leibhaftige Palast! Und da fehlt nichts, bis zum behaglichen Kaminfeuer und dem Abendbrot. Henry, hier kommt man nicht nur zum Bewußtsein, wie reich du bist, nein, hier fühle ich auch im tiefsten Innern, wie arm ich bin, wie arm und wie elend, wie geschlagen, gebrochen, und vernichtet!«
Hol's der Henker! Seine Worte wirkten auf mich wie ein kaltes Sturzbad. Mit einem Schlage war ich völlig ernüchtert und zu dem Bewußtsein erwacht, daß ich auf einem Vulkan stehe, der jeden Augenblick ausbrechen konnte. Ich hatte ja nicht gewußt, oder vielmehr, ich hatte eine kurze Zeit selbst nicht eingestehen wollen, daß alles nur ein Traum sei; aber jetzt, -- guter Himmel! Tief in Schulden, ohne einen Heller Geld, eines holden Mädchens Lebensglück an mein Schicksal gekettet und dabei nichts vor mir als die Aussicht auf einen Gehalt, die sich vielleicht -- ach nein, gewiß -- nie verwirklichen sollte. O, ich bin verloren, rettungslos verloren! --
»Henry, was bei deinem Einkommen jeden Tag nur so nebenbei abfällt, würde, --«
»Ach, mein tägliches Einkommen! Da steht ein heißer Punsch, damit vertreibe dir die trüben Gedanken. Profit! Oder nein, warte, du bist hungrig; komm, setze dich und --«
»Nein, keinen Bissen; ich bringe nichts mehr hinunter; ich kann schon ein paar Tage lang nichts mehr essen. Aber trinken will ich mit dir, bis ich nicht mehr stehen kann. Komm!« --
»Da thue ich mit, so lang du willst! Also, frisch drauf los! Lasse jetzt deine Geschichte vom Stapel, während ich den Punsch braue.«
»Meine Geschichte? Wie? Noch einmal?«
»Noch einmal? Wie meinst du das?«
»Nun, ich meine, ob du die Geschichte zum zweitenmal von vorne anhören willst.«
»Ob ich sie zum zweitenmal von vorne anhören will! Na, das ist wirklich ein toller Spaß. Halt, trinke nichts mehr, du kannst nichts mehr brauchen.«
»Henry, du machst mir Angst. Habe ich dir denn nicht auf dem Weg hierher die ganze Geschichte erzählt?«
»Du?«
»Ja, ich.«
»Ich lasse mich hängen, wenn ich ein Wort davon gehört habe.«
»Henry, das ist außerm Spaß. Du beunruhigst mich. Was hast du denn bei dem Gesandten zu dir genommen?«
Jetzt ging mir plötzlich ein wunderbares Licht auf, ich faßte mir ein Herz und gestand ihm frei und offen: »Das herzigste Mädel auf der Welt habe ich dort -- erobert!«
In ungestümer Freude stürzte er auf mich los und wir schüttelten uns die Hände, bis sie uns wehe thaten. Darüber, daß ich von seiner Erzählung, die unsern anderthalb Stunden dauernden Heimweg ausfüllte, nicht das geringste vernommen hatte, sagte er kein Wort. Er setzte sich ruhig hin und erzählte mit der ihm eigenen Gutmütigkeit und Geduld die ganze Geschichte noch einmal von vorne.
Sie lief auf folgendes hinaus: Er war im Auftrag der Besitzer der Gould- und Curry-Extension-Gruben nach London gekommen, um die Anteile zu veräußern, und es sollte dabei alles, was er über eine Million Dollars lösen würde, ihm verbleiben. In der Hoffnung, dabei ein vortreffliches Geschäft zu machen, hatte er sich keine Mühe verdrießen, kein ehrliches Mittel unversucht gelassen und fast seinen letzten eigenen Heller daran gesetzt, ohne daß es ihm jedoch gelungen wäre, einen einzigen Kapitalisten zum Anbeißen zu bewegen, und mit Ende des Monats lief seine Berechtigung ab. Mit einem Worte: er war zu Grunde gerichtet. Am Schlusse sprang er auf und rief:
»Henry, du kannst mich retten! Du allein auf dem ganzen Erdenrund! Wirst du mich retten? Oder wirst du mich _nicht_ retten?«
»Sage mir nur, wie ich das machen soll? Erkläre dich, mein Junge.«
»Nimm mir mein Verkaufsrecht ab und zahle mir dafür eine Million und die Heimreise. Bitte, bitte, sage nicht nein!«
Es war wirklich nicht mehr auszuhalten. Eben stand ich auf dem Punkte, mit dem Bekenntnis herauszuplatzen: »Lloyd, ich bin ja selbst ein Bettler -- ohne einen Pfennig Geld und stecke dazu noch in Schulden.« Aber da leuchtete plötzlich ein herrlicher Gedanke blitzähnlich in meinem Kopfe auf. Ich biß die Zähne zusammen und bezwang mich, bis ich so kalt war, wie ein Großkapitalist. Dann sagte ich mit vollkommen geschäftsmäßiger Ruhe: »Ich will dich retten, Lloyd.«
»Dann bin ich schon gerettet; Gott segne dich ewig dafür! Wenn ich je --«
»Laß mich ausreden, Lloyd. Ich will dich retten, aber nicht so, wie du meinst. Denn nach all den Mühen und Opfern, die du es dich hast kosten lassen, wäre das nicht anständig an dir gehandelt. Ich brauche keine Minenanteile; an einem Weltplatz wie London kann ich auch mein Geld ohne dies arbeiten lassen, es ist ja bis jetzt auch gegangen. Nein, wir machen die Sachen folgendermaßen: Ich kenne ja natürlich dieses Bergwerk ganz genau; ich weiß, welch ungeheurer Wert darin steckt und kann es auf Verlangen jedem eidlich bekräftigen. Du sollst im Lauf der nächsten vierzehn Tage für bare drei Millionen Anteilscheine verkaufen, indem du von meinem Namen unbeschränkten Gebrauch machst, und dann teilen wir den Gewinn -- halb und halb.«
Lloyd geriet darüber so außer sich vor Freude, daß er wie toll herumtanzte und mir meine ganze Einrichtung kurz und klein geschlagen haben würde, hätte ich ihm nicht schließlich ein Bein gestellt und ihn an Händen und Füßen gebunden. Als er so dalag, rief er ganz beseligt aus: »Ich darf deinen Namen gebrauchen! deinen Namen! -- Stelle dir nur vor, Mensch! In Scharen kommen sie gelaufen, diese reichen Londoner und prügeln sich um die Anteile! Ich bin ein gemachter Mann, geborgen für alle Zeit, in meinem ganzen Leben vergesse ich dir das nicht!«
Keine vierundzwanzig Stunden dauerte es, so war die Sache bereits in ganz London herumgekommen. Ich hatte Tag für Tag nichts zu thun, als zu Hause zu sitzen und all den Leuten, die bei mir erschienen, zu sagen: »Jawohl, ich habe ihm gestattet sich auf mich zu beziehen. Ich kenne ihn und kenne das Bergwerk. Er selbst verdient volles Vertrauen und die Anteile sind weit mehr wert, als er dafür verlangt!«
Inzwischen verbrachte ich alle meine Abende bei dem Gesandten mit Portia. Von dem Bergwerk sagte ich ihr keine Silbe, das sparte ich mir zu einer späteren Ueberraschung auf. Wir sprachen immer nur von unserer Liebe und vom Gehalt, bald von dem einen, bald von dem andern, manchmal auch von beidem untereinander. Und dann, guter Gott, das Interesse, das Frau und Tochter des Gesandten an unserer Angelegenheit nahmen und die endlosen Listen und Schlauheiten, die sie ersannen, um uns vor Störungen zu schützen und den Gesandten nicht hinter die Sache kommen zu lassen -- ach, es war wirklich allerliebst von den beiden!
Als der Monat um war, besaß ich ein Guthaben von einer Million Dollars bei der London- und County-Bank, und Hastings stand ebenso. In ausgesuchtester Toilette fuhr ich an Portland-Place vorbei. Als ich mich an dem Aussehen der Wohnung überzeugt hatte, daß meine Vögel wieder zu Neste geflogen sein mußten, holte ich meinen Schatz bei dem Gesandten ab und fuhr mit ihr zusammen wieder nach Portland Place. Während der ganzen Fahrt bildete der Gehalt den Gegenstand unserer eifrigsten Erörterungen. Die Besorgnis, in die sie sich dabei hinein redete, ließ sie so reizend erscheinen, daß es kaum mehr auszuhalten war.
»Mein Herzchen,« sagte ich zu ihr, »so wie du jetzt aussiehst, wäre es ein Verbrechen, einen Pfennig weniger als dreitausend Pfund im Jahre zu verlangen.«
»Henry, Henry, du richtest uns noch zu Grunde,« erwiderte sie.
»Sei unbesorgt! Sieh nur so aus und verlasse dich auf mich. Ich will die Sache schon machen.«
Es war soweit gekommen, daß ich auf dem ganzen Wege ihr Mut zusprechen mußte. Sie selbst redete noch fortwährend auf mich ein:
»Bedenke doch, daß, wenn wir zu viel verlangen, wir vielleicht gar keinen Gehalt bekommen; und was soll dann aus uns werden, wenn wir nicht wissen, womit wir unsern Unterhalt verdienen wollen?«
Es war wieder derselbe Diener, der uns einließ, und da waren sie auch wieder, die beiden alten Herren. Natürlich waren sie höchlich überrascht über das holde Geschöpf an meiner Seite. Ich erklärte jedoch:
»Sie dürfen keinen Anstoß daran nehmen, meine Herren, es ist meine zukünftige Lebensgefährtin.« Darauf stellte ich ihr die Herren mit ihren Namen vor. Diese zeigten sich hierüber gar nicht erstaunt; sie dachten vermutlich, daß ich so gescheit gewesen sein würde, im Adreßbuch nachzuschlagen. Sie forderten uns auf, Platz zu nehmen und behandelten mich mit größter Höflichkeit, gaben sich auch alle Mühe, meiner Begleiterin durch freundlichen Zuspruch über ihre Verlegenheit hinweg zu helfen. Endlich sagte ich:
»Meine Herren, ich komme, Ihnen Bericht zu erstatten.«
»Das ist uns sehr angenehm,« erwiderte mein Gönner, »dann können wir ja die Wette zwischen mir und meinem Bruder Abel jetzt zur Entscheidung bringen. Falls Sie für mich gewonnen haben, dürfen Sie sich jede beliebige Stellung wählen, die ich zu vergeben habe. Sind Sie noch im Besitz der Millionennote?«
»Hier ist sie.« Damit behändigte ich ihm dieselbe.
»Gewonnen!« rief er und gab seinem Bruder einen Klapps auf den Rücken. »Nun, was sagst du jetzt, Bruder?«
»Ich sage, _er_ hat es überlebt und _ich_ habe zwanzigtausend Pfund verloren. Ich hätte es niemals geglaubt!«
»Ich habe noch mehr zu berichten,« fuhr ich fort, »und zwar ziemlich viel. Ich bitte, mir demnächst eine Stunde bestimmen zu wollen, um Ihnen meine Erlebnisse während dieses ganzen Monats genauer zu schildern. Sie können sich darauf verlassen, es lohnt sich den Bericht anzuhören. Inzwischen wollen Sie gefälligst dies hier in Augenschein nehmen.«
»Was, Mensch, einen Depositenschein über 200000 Pfund? Gehört das Ihnen?«
»Gehört mir. Das ist die Frucht des weisen Gebrauchs, den ich von dem kleinen Darlehen gemacht habe, das Sie mir gütigst gewährten. Und dieser Gebrauch bestand lediglich darin, daß ich von Zeit zu Zeit einen kleinen Einkauf machte und beim Bezahlen allemal die Banknote zum Wechseln hingab.«
»Mensch, das ist ja äußerst merkwürdig, ganz unglaublich!«
»Und doch verhält es sich so; ich werde Ihnen den Beweis liefern. Sie brauchen mir durchaus nicht auf mein bloßes Wort zu glauben.«
Jetzt war die Reihe des Erstaunens an Portia. Mit weit geöffneten Augen fragte sie:
»Henry, gehört dieses Geld wirklich dir? Hast du mir die Unwahrheit gesagt?«
»Das habe ich allerdings, mein Liebchen. Aber ich weiß, du bist mir deswegen nicht böse.«
»O, doch!« schmollte sie. »Es war abscheulich von dir, mich so hinters Licht zu führen.«
»Ach, gewiß. Es war ja nur ein schlechter Scherz, weißt du. Komm, wir wollen uns jetzt verabschieden.«
»Aber, so warten Sie doch. Wegen des Postens. Sie wissen ja. Ich muß Ihnen doch den Posten geben,« warf mein Gönner ein.
»Ach,« erwiderte ich, »ich danke Ihnen tausendmal, aber ich brauche wirklich keinen.«
»Aber ich hätte Ihnen den allerbesten gegeben, den ich zu vergeben habe.«
»Ich danke Ihnen nochmals von ganzem Herzen, aber auch _diesen_ brauche ich nicht.«
»Schäme dich, Henry! Du bist dem guten Herrn nicht halb so dankbar als er es verdiente. Darf ich ihm an deiner Statt den Dank abstatten?«
»Freilich, mein Liebchen. Ich bin nur neugierig, wie du das machen willst.«
Sie ging zu meinem Gönner hin, setzte sich ihm auf den Schoß, schlang ihren Arm um seinen Hals und gab ihm einen Kuß mitten auf den Mund. Dabei wußten sich die beiden alten Herren vor Lachen kaum zu fassen, während ich selbst vor Erstaunen wie versteinert dastand, bis Portia sagte:
»Papa, er hat gesagt, von all den Posten, die du zu vergeben hast, wolle er keinen einzigen annehmen, und das thut mir so weh, gerade als ob --«
»Wie, lieber Schatz, dies ist dein _Papa_?«
»Jawohl, mein Stiefpapa, und zwar der allerbeste, den es auf der ganzen Welt giebt. Nicht wahr, nun begreifst du, warum ich bei dem Gesandten so lachen mußte, als du, ohne mein Verhältnis zu Papa und Onkel Abel zu kennen, mir die Sorgen und Nöte schildertest, in die ihr Einfall dich versetzt hatte.«
Natürlich sprach ich jetzt ohne Scheu und Umschweife ganz wie mir ums Herz war.
»Mein verehrter Herr,« sagte ich, »ich muß meine Erklärung zurücknehmen. _Eine_ Stellung haben Sie doch zu vergeben, die ich sehr gern haben möchte.«
»Welche ist das?«
»Die Stelle eines Schwiegersohnes.«
»So? Aber wenn Sie als solcher noch nie bedienstet waren, so sind Sie auch nicht imstande, das Zeugnis darüber beizubringen, das in unserem Abkommen zur Bedingung gemacht ist und so --«
»Machen Sie den Versuch mit mir, ich bitte Sie inständigst! Nur so dreißig bis vierzig Jahre lang probieren Sie es mit mir, und wenn dann --«
»Nun ja, gut denn; das ist ja gar nicht viel verlangt. So nehmen Sie Portia.«
Ob wir beide glücklich waren? Keine Sprache besitzt Worte genug, um es auszudrücken. Und _das_ Geschwätz und _das_ Vergnügen in ganz London, als nach ein paar Tagen alle meine Erlebnisse mit der Banknote bekannt wurden, nebst der Wendung, welche die Sache zuletzt genommen! Du guter Gott! --