Skizzenbuch

Part 18

Chapter 183,470 wordsPublic domain

Wir alle haben es wohl schon erlebt, daß plötzlich eine Reihe von Gedanken und Empfindungen auf uns einstürmten, die wir ganz auf dieselbe Weise bereits in einem frühern Dasein durchgemacht zu haben glauben. Ein unheimliches Gefühl! -- Zwar ist ein früheres Dasein nicht unmöglich, aber dadurch wird dieses spukhafte Geheimnis keineswegs erklärt. Seine Erklärung liegt vielmehr darin, daß ein Fremder aus weiter Ferne uns seine Gedanken ins Bewußtsein telegraphiert, bis ein Gegenstrom oder irgend ein anderes Hindernis plötzlich die Verbindung unterbricht. Vielleicht scheint es uns etwas früher Erlebtes, weil es das schon Erlebte eines andern ist, das wir nur aus zweiter Hand übernehmen. Ob Herr Brown, der berühmte Gedankenleser, wirklich die Gedanken anderer liest, weiß ich nicht, -- aber _das_ weiß ich, daß _ich_ sie schon gelesen habe, und warum sollte es da Herr Brown nicht auch thun können!

* * * * *

Vorstehendes schrieb ich vor drei Jahren in Heidelberg und legte das Manuskript beiseite mit der Absicht, bei Gelegenheit neue Beispiele der Gedankentelegraphie, die mir vorkommen würden, hinzuzufügen. Inzwischen hat sich das ›Briefkreuzen‹ so unzähligemale wiederholt, daß es anfängt eintönig zu werden. Ich habe mir aber eine Lehre daraus gezogen: wenn ich jetzt die Lust verliere zu warten, ob es jemand, von dem ich gern Nachricht hätte, endlich gefällig sein wird zur Feder zu greifen, so zwinge ich ihn dazu, indem ich mich hinsetze und meinerseits an _ihn_ schreibe. Dann zerreiße ich meinen Brief in guter Ruhe; ihn abzuschicken ist unnötig, das _Schreiben_ allein genügt vollständig, um den säumigen Freund zum Entschluß zu bringen.

Nachdem wir Heidelberg verlassen hatten, hielten wir uns eine Zeitlang in Venedig auf. Eines Tages fuhr ich in einer Gondel den großen Kanal hinab, als ich einen lauten Zuruf hinter mir hörte und mich umblickte; eine Gondel folgte der meinigen und der Gondelier machte heftige Zeichen, ich solle anhalten. Als das Boot herankam, erblickte ich darin eine amerikanische Dame, die sich seit längerer Zeit in Venedig aufhielt.

»Sie müssen mir helfen,« sagte sie in großer Aufregung, als ihre Gondel neben der meinigen angelegt hatte. »Im Britannia-Hotel ist vor einer Woche ein Herr aus New York mit seiner Frau abgestiegen. Sie erwarteten Nachrichten von ihrem Sohn vorzufinden, von dem sie seit acht Monaten nichts gehört haben. Leider war ihre Hoffnung vergebens, die Dame liegt nun krank, sie ist in Verzweiflung und ihr Mann kann weder essen noch schlafen. Der Sohn ist vor acht Monaten in San Francisco angekommen und hat seine Ankunft den Eltern sofort brieflich angezeigt. Das ist die letzte Spur von ihm. Die Eltern sind inzwischen in Europa ruhelos von Ort zu Ort gezogen, die ganze Reise ist ihnen verdorben und sie haben Briefe nach allen Himmelsgegenden geschrieben in der Hoffnung, Nachrichten über das Verbleiben ihres Sohnes zu erhalten, dessen Schweigen noch immer unaufgeklärt ist.

»Nun will der Herr es mit einem Kabeltelegramm versuchen. Er will nach San Francisco telegraphieren, hat sich aber bis jetzt noch nicht dazu entschließen können, aus Furcht vor was? -- ohne Zweifel aus Furcht, die Todesnachricht seines Sohnes zu erhalten. Er verlangt jetzt von mir, daß ich die Depesche abschicke, aber das _kann_ ich nicht, denn, wenn keine Rückantwort erfolgte -- es wäre der Tod der armen Mutter. In meiner Angst bin ich Ihnen nachgefahren. Sie müssen mir beistehen, den Mann zu überreden noch einige Wochen geduldig zu warten, der Aufschub ist vielleicht die Rettung seiner Frau. Kommen Sie, wir dürfen keine Zeit verlieren.«

Ich that ihr den Willen, aber auf _meine_ Weise. Als ich dem Herrn vorgestellt war, sagte ich: »In dergleichen Dingen habe ich meinen besonderen Aberglauben, der aber wohl beachtet zu werden verdient. Wenn Sie sofort nach San Francisco telegraphieren, werden Sie binnen vierundzwanzig Stunden Nachricht erhalten, vielleicht nicht gerade von dort, aber jedenfalls irgendwoher. Telegraphieren Sie nur schnell, das ist alles was nötig ist. Die Nachricht wird in vierundzwanzig Stunden eintreffen, einerlei, ob Sie das Telegramm nach Peking schicken oder sonstwohin. Die Verzögerung ist nur dadurch entstanden, daß Sie Ihr Telegramm nicht sofort abgehen ließen, als Sie zuerst Neigung dazu verspürten.«

Wie thöricht es auch erscheinen mag, der Mann ließ sich wahrhaftig von dem Unsinn beeinflussen; er erheiterte sich sichtlich, schickte die Depesche ab und als am nächsten Tage ein langer Brief von dem verlorenen Sohn ankam, war er mir so dankbar, als hätte mein Rat wirklich die Ankunft des Briefes beschleunigt. Der Sohn hatte von San Francisco aus eine Reise im Segelschiff angetreten und erst nach Monaten in dem ersten Hafen, den er berührte, Gelegenheit gefunden, den Eltern Nachricht zu geben.

Dies Beispiel hat wenig Bedeutung und beweist nichts; _ich_ erwähne es nur um zu zeigen, wie sehr das ewige Briefkreuzen meinen Aberglauben inzwischen verstärkt hatte. Ich war so fest davon überzeugt, daß ein irgendwohin gerichtetes Kabeltelegramm sich mit den ersehnten Nachrichten kreuzen würde, daß meine Zuversicht sogar einen Hoffnungslosen aufzurichten und zu ermutigen vermochte.

Ich lasse hier einige Beispiele von absoluter Gedankentelegraphie folgen:

An einem Montagmorgen, als die Postsachen hereingebracht wurden, sagte ich, auf einen der Briefe deutend, zu meinem Freunde: »Ich will dir angeben, was dieser Brief enthält, ohne ihn zu öffnen. Er kommt von Frau X., welche schreibt, daß sie letzten Sonnabend in New York gewesen ist und die Absicht gehabt hat, mit dem Nachmittagszug einen Abstecher zu machen, um uns zu überraschen, im letzten Augenblick sich aber anders besonnen habe und nach Hause gefahren sei.«

Alle Einzelheiten stimmten genau. Und doch hatten wir vorher nicht im mindesten daran gedacht, daß Frau X. nach New York kommen und beabsichtigen würde, uns zu besuchen.

* * * * *

Ich rauche ziemlich stark, ja -- ich gestehe es -- fast ohne Unterbrechung. Daher versuche ich seit sieben Jahren, eine Schachtel mit Streichhölzchen hinter einem Bild auf dem Kaminsims immer bereit zu haben. Leider blieb es aber bei dem Versuch, denn George, mein schwarzer Diener, der Feuer und Gas anzuzünden hat, brauchte dazu immer _meine_ Streichhölzchen, ohne daß ihm je einfiel, sie wieder an ihren Platz zu stellen. Sieben Jahre lang gingen Befehle und Bitten spurlos an ihm vorüber. Letzten Sommer nun kehrten wir nach einer mehrmonatlichen Abwesenheit nach Hause zurück und beim Eintreten sage ich zu einem Familiengliede:

»Nach so langen Ferien und gänzlichem Mangel an Unterbrechungen -- --«

»Ich kann den Satz für dich beenden,« fiel mein Hausgenosse ein.

»Nun, so thue es,« antwortete ich.

»Sollte doch George endlich gelernt haben, meine Streichhölzchen in Ruhe zu lassen!«

Es stimmte ganz genau. Gerade das hatte ich sagen wollen. Und doch hatte ich seit drei Monaten nicht an George und die Streichhölzchen gedacht, auch gab der Anfang meines Satzes sicherlich nicht den geringsten Aufschluß über das, was folgen sollte.

Dergleichen Vorkommnisse würden mich vor einigen Jahren noch in Erstaunen gesetzt haben, aber jetzt überraschen sie mich nicht mehr. Ich weiß ja nun, daß _ein_ Geist auf das innigste mit dem _andern_ verkehren kann, ohne das unbeholfene und beschwerliche Medium der Sprache.

Unser Zeitalter scheint sich in Erfindungen beinahe erschöpft zu haben, aber _eine_ wichtige Frage bleibt ihm noch zu lösen: -- die Erfindung des Phrenophons, das heißt, einer Methode, nach welcher die Gedankenwechselwirkung mit Sicherheit geleitet und in ein System gebracht werden kann. Der Telegraph und das Telephon fangen an für unsere Bedürfnisse zu langsam und wortreich zu arbeiten. Uns genügt nur, daß der Gedanke selbst, aus beliebiger Entfernung, unmittelbar mit Blitzesschnelle in unser Gehirn verpflanzt wird; wenn wir ihn dann durchaus noch in Worte kleiden müssen, so kann ja dieses leidige Geschäft später mit Muße geschehen. Das gewisse Etwas, welches den Gedanken durch die Luft von Gehirn zu Gehirn leitet, ist ohne Zweifel eine zartere und empfindlichere Form der Elektrizität, und es handelt sich nur darum, auf welche Weise man sie binden und dienstbar machen kann, ähnlich wie dies mit dem elektrischen Strom geschehen ist. Vor Erfindung des Telegraphen hätte man alle mit diesem verwandten Wunder für unausführbar gehalten, eins so gut wie das andere.

Ich möchte darauf wetten, daß, während ich diese Gedanken zu Papier bringe, irgend jemand auf der andern Hälfte der Erdkugel dasselbe schreibt. Ob aber _ich_ den Betreffenden anrege oder _er_ mich, läßt sich nicht bestimmen.

Prinzenverehrung.

Bei meinem Besuche des Bayreuther Theaters bemerkte ich mit Verwunderung, daß, während die Menge hereinströmte, jeder einzelne sich umwandte und begierig nach einer Art offenen Galerie hinblickte, auf welcher die fürstlichen Personen Platz genommen hatten. Viele von den Zuschauern schienen dabei förmlich vor Entzücken zu erstarren und konnten sich nicht wieder losreißen.

Ob bei diesem Wohlgefallen an einem Prinzen Neid oder Verehrung vorherrscht, weiß ich nicht, jedenfalls ist es eine Mischung von beiden. Auch wird der Hunger und Durst nach dem Anblick eines Fürsten nicht durch einmalige Betrachtung gestillt, nein, er bleibt unwandelbar derselbe. Vielleicht erklärt sich diese Erscheinung aus der Freude, welche der Mensch an einem Wertgegenstand hat, den er gewinnt, ohne ihn zu erwerben. Der Thaler, den du zufällig findest, freut dich mehr als die neunundneunzig, die dir Mühe und Arbeit gekostet haben, und der Gewinn im Pharo oder an der Börse thut deinem Herzen ganz besonders wohl. -- Ein Prinz findet umsonst, schon in der Wiege, Macht, Ansehen, freie Zeit, unentgeltliche Verpflegung, aus reinem Zufall, weil er als Prinz geboren ist; deshalb schaut die kummervolle Armut und Niedrigkeit zu ihm auf, wie zu einer monumentalen Verkörperung des Glücks. Und dann -- o größter Vorzug -- kein anderes Glück auf Erden ist so fest gegründet wie das seine. Der Millionär kann über Nacht zum Bettler werden, der große Staatsmann einen Fehler begehen, man läßt ihn fallen und er wird vergessen. Der berühmte General kann eine entscheidende Schlacht verlieren und verliert dabei zugleich sein Ansehen bei den Menschen. Aber _bist_ du ein Prinz, so _bleibst_ du ein Prinz, das heißt ein Halbgott; weder Unglück noch Niederträchtigkeit, weder ein hohler Kopf noch sonstige Eseleien können dich deiner Hoheit entkleiden. In der Huldigung der Menschen, mag sie verdient sein oder unverdient, besteht nach einmütigem Beschluß aller Nationen und aller Zeiten das höchste Gut auf Erden; folglich ist die Stellung eines Prinzen die wünschenswerteste unter der Sonne.

Natürlich sind in _unsern_ Augen Fürstlichkeiten nicht das, was sie dem Europäer gelten. Wir sind nicht dazu erzogen einen Prinzen zu vergöttern; es würde uns genügen, ihn _einmal_ recht gründlich anzuschauen, dann wäre unsere Neugier befriedigt; das nächstemal würden wir ihm schon gleichgültiger begegnen und trachten, einen neuen zu Gesicht zu bekommen. Nicht so der Europäer; ihm bleibt derselbe Prinz immer neu und interessant, er veraltet nie.

* * * * *

An einem häßlichen, nebligen, naßkalten Dezembertag vor achtzehn Jahren war ich einmal in London und begab mich in das Haus eines Engländers, um, wie verabredet, seiner Frau und der verheirateten Tochter einen Besuch abzustatten. Ich mußte eine halbe Stunde warten, dann kamen die Damen halb erfroren angegangen und erzählten, daß ein unerwarteter Umstand sie aufgehalten habe. Während sie am Marlborough House vorübergingen, sahen sie, wie sich eine Volksmenge versammelte, und man sagte ihnen, der Prinz von Wales sei im Begriff auszufahren; sie blieben also stehen und warteten. Nachdem sie eine halbe Stunde auf dem Bürgersteig gestanden hatten und vom Frost ganz erstarrt waren, erfuhren sie, daß der Prinz von Wales sich anders besonnen habe, und gingen betrübt nach Hause. Das überraschte mich sehr.

»Ist es denn möglich,« fragte ich ganz erstaunt, »daß Sie alle die Jahre in London leben und den Prinzen von Wales noch nicht gesehen haben?«

Aber siehe, nun war das Erstaunen auf _ihrer_ Seite.

»Was für eine Idee!« riefen sie. »Natürlich haben wir ihn schon hundertmal gesehen!«

Sie hatten ihn schon hundertmal gesehen und doch eine halbe Stunde in bitterer Kälte und Dunkelheit auf ihn gewartet, eingekeilt in einem Haufen ebensolcher Narren, um ihn _noch_ einmal zu sehen! -- Ich traute meinen Ohren kaum, aber was eine Engländerin sagt, muß man glauben, mag es noch so unwahrscheinlich klingen. Es wurde mir schwer eine passende Erwiderung zu finden, endlich verfiel ich auf folgende:

»Mir ist das ganz unbegreiflich. Selbst wenn ich den General Grant _nie_ gesehen hätte, würde ich schwerlich solche Opfer bringen, um mir seinen Anblick zu verschaffen.«

Die verständnislosen Gesichter der Damen verrieten mir, daß der Sinn des Vergleichs ihnen gänzlich dunkel war. Endlich sagten sie gelassen:

»Das versteht sich von selbst -- er ist ja nur ein Präsident!«

Es steht also unumstößlich fest, daß nur ein Prinz von unvergänglichem, unerschöpflichem Interesse ist. Der General, den kein Feind besiegt hat, der General, der nie einen Kriegsrat brauchte, der einzige General, der eine Schlachtlinie befehligte, welche ununterbrochen zwölfhundert Meilen lang war, der Schmied, der die getrennten Teile unserer Republik zusammengeschweißt hat und sie so fest gefügt, daß sie voraussichtlich alle Monarchieen der Welt überdauern wird -- der war in ihren Augen schließlich nur ein Mensch. Ihr Prinz dagegen war weit mehr, nämlich ein Wesen aus ganz anderm Stoff, hoch erhaben über dem gewöhnlichen Sterblichen, den er überstrahlt wie die ewigen Sterne am Firmament unsere armseligen Talglichter, welche qualmen und verlöschen, von denen nichts zurückbleibt, als ein Häufchen Asche und ein schlechter Geruch.

Die 1000000 Pfund-Note.

Mit siebenundzwanzig Jahren nahm ich in San Francisco eine Stellung auf dem Kontor eines Minenmaklers ein und hatte mir dabei eine gründliche Kenntnis dieses Geschäftszweiges erworben. Ich stand allein auf der Welt, nichts nannte ich mein eigen als meinen gesunden Verstand und einen fleckenlosen Ruf, und diese beiden Güter hatten sich mir bisher als kräftige Stützen auf meinem Wege zum Glück erwiesen, frohen Mutes schaute ich also in die Zukunft.

Sonnabends hatte ich den Nachmittag für mich und brachte diese freie Zeit meist auf dem Wasser zu, indem ich mich in einem kleinen Segelboot in der Bucht herum tummelte. Eines Tages wagte ich mich zu weit hinaus und wurde in die offene See getrieben. Schon brach die Nacht herein, meine letzte Hoffnung begann zu schwinden, da nahm mich eine kleine Brigg, die auf ihrem Weg nach London vorüber segelte, an Bord.

Sie hatte eine lange, stürmische Fahrt, und ich mußte das Reisegeld als gemeiner Matrose abdienen. In zerlumpten, abgeschabten Kleidern stieg ich in London ans Land, einen einzigen Dollar in der Tasche. Dafür verschaffte ich mir Nahrung und Obdach für die ersten vierundzwanzig Stunden. Die folgenden vierundzwanzig dagegen verbrachte ich ohne diese schätzenswerten irdischen Güter.

Am folgenden Morgen schleppte ich mich, müde und hungrig, -- es mochte etwa zehn Uhr sein -- an Portland-Place vorüber, als ein Kind, das an der Hand seiner Wärterin des Weges kam, eine köstliche große Birne, die es eben erst angebissen hatte, in den Rinnstein fallen ließ. Ich machte natürlich sofort Halt und heftete meinen begehrlichen Blick auf diesen schmutztriefenden Schatz. Der Mund wässerte mir, mein Magen bäumte sich, jede Faser an mir lechzte darnach. Aber so oft ich Miene machte nach der Birne zu greifen, bemerkte jedesmal das Auge eines Vorübergehenden mein Vorhaben; natürlich richtete ich mich dann stets wieder kerzengerade auf und nahm eine gleichgiltige Miene an, als hätte ich überhaupt niemals im entferntesten an diese Birne gedacht. So ging es immer und immer wieder, und ich konnte ihrer nicht habhaft werden. Meine Verzweiflung hatte bereits einen solchen Grad erreicht, daß ich allem Schamgefühl zum Trotz im Begriffe war, die Birne aufzuheben. Da ging hinter mir ein Fenster auf und ein Herr richtete die Worte an mich:

»Bitte, kommen Sie hier herein.«

Ein reich galonnierter Lakai ließ mich ein und führte mich in ein kostbar eingerichtetes Zimmer, in welchem zwei ältliche Herren saßen. Nachdem sie den Diener weggeschickt, forderten sie mich auf, Platz zu nehmen. Sie waren eben erst mit ihrem Frühstück fertig geworden, und der Anblick seiner Ueberreste ging fast über meine Kräfte. Ich vermochte kaum meine fünf Sinne zusammenzuhalten, während ich diese Herrlichkeiten da vor mir stehen sah; da man mich jedoch nicht aufforderte, davon zu kosten, so mußte ich mich in meine Lage fügen so gut es ging.

Der Vorgang, der sich hier kurz zuvor abgespielt hatte, blieb mir selbst zwar noch geraume Zeit völlig unbekannt, dem Leser dagegen will ich ihn gleich jetzt mitteilen. Die beiden Brüder hatten am Tage vorher einen ziemlich heftigen Disput gehabt, den sie ganz nach Landessitte schließlich in Form einer Wette beilegten.

Die Bank von England hatte seinerzeit einmal bei Gelegenheit eines Geschäftes, das die Regierung mit einer auswärtigen Macht abschloß, eigens nur zu diesem Zwecke zwei Noten von je einer Million Pfund Sterling ausgegeben. Aus irgend einem Grunde war nur die eine der beiden Noten hiebei gebraucht und dann entwertet worden, während die andere noch in den Gewölben der Bank lag. Nun waren die beiden Brüder im Laufe des Gesprächs ganz zufällig auf die Erörterung der Frage gekommen: wie es wohl einem durchaus ehrlichen und gescheiten Fremden ergehen würde, der in London auftauchte, ohne dort einen Menschen zu kennen, zugleich ohne allen weiteren Geldbesitz außer dieser Millionenbanknote und endlich ohne die Möglichkeit, sich über deren Erwerb auszuweisen? Bruder A. behauptete, der Betreffende müsse einfach Hungers sterben, während Bruder B. durchaus entgegengesetzter Meinung war. Bruder A. machte geltend, der Besitzer der Note könnte ja die Note weder bei der Bank noch sonst wo anbringen, ohne auf der Stelle festgenommen zu werden. In dieser Weise stritten sie so lange hin und her, bis Bruder B. sich schließlich bereit erklärte, zwanzigtausend Pfund darauf zu wetten, daß der Fremde dreißig Tage lang _unfehlbar_ von der Millionennote leben könne und zwar ohne ins Gefängnis zu kommen. Bruder A. nahm die Wette an, worauf Bruder B. sich ohne Verzug nach der Bank begab und die Note kaufte. Echt englisch, wie man sieht: geradeswegs forsch aufs Ziel los! Er ließ sodann von einem seiner Angestellten einen Brief in schöner Rundschrift dazu ausfertigen, und nun warteten die beiden Brüder am Fenster einen ganzen Tag lang auf einen Vorübergehenden, der darnach aussähe, als käme bei ihm das inhaltschwere Schriftstück in die richtigen Hände.

Es kamen viele ehrliche Gesichter vorüber, die aber nicht gescheit genug aussahen; ebensoviele, bei denen das Umgekehrte der Fall war, viele wiederum, bei denen beides zutraf; aber diese waren dann entweder nicht arm genug oder, wenn auch dieses stimmte, doch keine Fremden. Stets hatte die Sache irgend einen Haken, bis ich auftauchte. Bei mir hatten beide sofort den Eindruck, daß sämtliche Erfordernisse in vollem Umfang erfüllt seien; die Wahl war demnach einstimmig auf mich gefallen, und da saß ich nun und harrte der Eröffnung, wozu man mich eigentlich hereingerufen habe. Zuvörderst hatte ich ein eingehendes Examen über meine persönlichen Verhältnisse zu bestehen, infolgedessen sie bald genug mit meiner ganzen Geschichte bekannt waren; das Ergebnis war: ich sei ganz der richtige Mann für ihr Vorhaben. Ich erwiderte, das sei mir höchst erfreulich, ich bäte nur, mir sagen zu wollen, worin dieses bestehe. Hierauf behändigte mir der eine der Beiden einen verschlossenen Briefumschlag mit dem Bemerken, darin sei die Erklärung enthalten. Ich wollte den Umschlag ohne weiteres öffnen, allein er ließ dies nicht zu; ich solle denselben nur mit nach Hause nehmen, den Inhalt aufmerksam ansehen und dann mit vollem Bedacht und ruhiger Ueberlegung handeln. Einigermaßen verdutzt meinte ich, es wäre mir doch lieber, wenn die Sache etwas genauer erörtert werden könnte, sie ließen sich jedoch nicht darauf ein; so verabschiedete ich mich denn, tief gekränkt über den schlechten Scherz, den man sich offenbar mit mir erlaubt hatte, und voll Grimm über meine dermalige Lage, in der ich mir diesen Schimpf von so reichen und mächtigen Leuten ganz ruhig mußte gefallen lassen.

Die Birne hätte ich jetzt unfehlbar aufgehoben und vor aller Welt verzehrt, aber sie war nicht mehr da. Also auch um sie hatte mich die unselige Geschichte gebracht! Diese Vorstellung war nicht dazu angethan, mich den beiden alten Herren gegenüber sanfter zu stimmen. Sobald ich aus der Sehweite des Hauses war, öffnete ich den Umschlag. Ich erblickte eine Banknote! Nun erschienen mir die Herren natürlich auf einmal in ganz anderem Lichte. Ohne mich einen Augenblick zu besinnen, schob ich den Brief samt dem Geld in die Westentasche und lief spornstreichs nach der nächsten billigen Speisewirtschaft. Nun, wie ich da einhieb, das mußte man sehen! Als schließlich nichts mehr in mich hineinging, nahm ich die Note aus der Tasche und faltete sie auseinander. Beim ersten Blick darauf wäre ich beinahe in Ohnmacht gefallen. Fünf Millionen Dollars!! Mir wirbelte der Kopf bei der bloßen Vorstellung.

Eine volle Minute dauerte es, bis ich aus der Betäubung, in welche mich der Anblick der Note versetzte, heraus und wieder ordentlich zu mir kam. Das erste, was mir nun ins Auge fiel, war der Wirt. Wie versteinert stand er da, starr den Blick auf die Banknote gerichtet. Es sah aus, als sei er vor lauter Verzückung nicht mehr imstande ein Glied zu rühren. Augenblicklich hatte ich den Entschluß gefaßt, der bei dieser Sachlage der einzig vernünftige war. Ich streckte ihm die Note hin und sagte dabei in ganz unbefangenem Tone:

»Bitte, wollen Sie mir herausgeben.«

Diese Anrede gab ihm sein geistiges Gleichgewicht wieder. Er erschöpfte sich in Entschuldigungen, daß er nicht imstande sei die Note zu wechseln, und wollte sie um keinen Preis annehmen. Nur anschauen wollte er sie, immer wieder anschauen; es war, als könnte er sich nicht satt daran sehen; vor ihrer Berührung dagegen scheute er zurück, als wäre es ein geweihter Gegenstand, viel zu heilig für die Hände eines Sterblichen.

»Es thut mir leid, wenn ich Ihnen Mühe mache,« begann ich wieder, »allein ich muß darauf beharren, daß Sie mir auf die Note herausgeben, ich habe kein Geld sonst.«