Part 17
»Ja, es wird wenigstens tausend Dollars wert sein, wenn Sie es vollenden. Vielleicht mehr noch.«
»Na, ich denke halb und halb ebenso. Ich bin nicht ungeschickt im Führen eines Tagebuches.«
Eines Abends sagte ich später in Paris, nachdem wir uns mit der Besichtigung von Sehenswürdigkeiten abgearbeitet hatten, zu ihm:
»Nun, ich will gehen und ein Weilchen um die Cafés herumstrolchen, Jack, und Ihnen Gelegenheit geben, Ihr Tagebuch weiterzuführen, alter Junge.«
Sein Gesicht verlor sein Feuer. Er sagte:
»Na, das braucht Sie nicht zu kümmern. Ich denke, ich werde dieses Tagebuch nicht weiter fortsetzen. Es ist furchtbar langweilig. Wissen Sie wohl, daß ich viertausend Seiten noch nachzureiten hätte? Ich habe noch gar nichts über Frankreich drin. Erst dachte ich, ich wollte Frankreich weglassen und von Frischem anfangen. Aber nicht wahr, das ginge nicht an. Der Alte würde sagen: Hallo, was ist das -- nichts von Frankreich gesehen? Dann dachte ich, ich wollte Frankreich aus dem Reiseführer abschreiben, wie der alte Badger in der Vorderkajüte, der ein Buch schreibt, aber es sind mehr als dreihundert Seiten darüber. O, mir scheint, ein Tagebuch hat gar keinen Nutzen, nicht wahr? Nichts als Plack und Langeweile, nicht wahr?«
»Ja, ein unvollständiges Tagebuch hat gar keinen Nutzen, aber ein gehörig geführtes Tagebuch ist seine tausend Dollars wert -- wenn man es fertig hat.«
»Tausend -- nun ja, das sollt' ich meinen. Ich aber möchte es für eine Million nicht fertig machen.«
Seine Erfahrung war nur die Erfahrung der Mehrzahl derjenigen unserer Reisegesellschaft, welche gleich ihm ein Tagebuch führten. Wenn man einem jungen Menschen eine unbarmherzige und bösartige Strafe auferlegen will, so verpflichte man ihn, ein Jahr lang ein Tagebuch zu führen.
Ueber das Briefschreiben.
Ich glaube, es giebt kaum etwas auf der Welt, was uns allen so widerwärtig ist, als die Pflicht einen Brief zu schreiben -- besonders einen Privatbrief. Geschäftsbriefe sind übrigens nur wenig angenehmer. Fast alle Freude über einen Brief, den ich erhalte, wird mir durch den Gedanken vergällt, daß er beantwortet werden muß. Ja, ich fürchte mich so sehr vor der Qual, solche Antworten auf der Seele zu haben, daß mich häufig die Lust anwandelt, meine ganze Post ins Feuer zu werfen, statt sie zu öffnen.
Zehn Jahre lang ist mir diese Furcht erspart geblieben, weil ich fortwährend umherzog, von Stadt zu Stadt, von Staat zu Staat und von Land zu Land. Da konnte ich, ganz nach Gefallen, sämtliche Briefe unbeantwortet lassen, die Absender derselben nahmen natürlich an, daß ich meinen Aufenthaltsort gewechselt habe und ihre Zuschriften fehlgegangen seien.
Jetzt kann ich aber leider diese Form der Täuschung nicht mehr anwenden. Ich bin vor Anker gegangen, bin festgefahren -- und nun kommen die tödlichen Geschosse, die Briefe aller Art, schnurgerade auf mich losgeflogen.
Es sind Briefe der verschiedensten Gattung und sie behandeln die mannigfaltigsten Gegenstände. Ich lese sie meist beim Frühstück und sehr oft verderben sie mir mein ganzes Tagewerk; sie leiten meinen Gedankengang in neue Kanäle, das Arbeitsprogramm, welches ich mir für meine Schreiberei aufgestellt habe, gerät in Verwirrung, ja es wird wohl auch gänzlich umgestoßen.
Nach dem Frühstück werfe ich mich gewöhnlich ins Geschirr und versuche eine Stunde lang fleißig zu schreiben, aber ich komme nur mühsam vorwärts, da die Briefe immer wieder in meine Gedanken eingreifen. Die Sache hat keinen rechten Fluß, ich gebe sie zuletzt auf und verschiebe alle weiteren Bemühungen auf den nächsten Tag.
Man sollte meinen, ich würde mich nun schleunigst daran machen die Briefe zu beantworten und aus dem Wege zu schaffen. Alle Musterknaben, von denen wir lesen, daß sie barfuß nach New York gewandert kommen und im Laufe der Zeit zu unverschämten Millionären werden, hätten damit sicherlich keinen Augenblick gezögert -- aber, ich bin nicht wie sie.
Es fällt mir gar nicht ein, die Gewohnheiten jener Leute anzunehmen, denn ich werde nie ein Millionär werden. Wäre ich darauf ausgegangen, so hätte ich nicht gleich von vornherein den verhängnisvollen Mißgriff begehen dürfen, Stiefel an den Füßen zu tragen und mehr als vierzig Cents in der Tasche zu haben, als ich in New York einzog.
Wie hätte ich nach einem so verkehrten Beginn meiner Laufbahn noch den Versuch machen sollen mir Reichtümer zu erwerben? Man würde mich nur mit größtem Mißtrauen betrachtet haben und mich einfach zum Betrüger stempeln.
Deshalb verzichte ich also darauf in die Fußstapfen dieser Krösusse zu treten und meine Briefe mit kaufmännischer Pünktlichkeit und Schnelligkeit zu beantworten. Ich setze meine Arbeiten einen Tag lang aus, und die aufgeschichteten Briefe von heute bleiben bei denen liegen, welche gestern, vorgestern und von allen früheren Daten angekommen sind.
Erst wenn der Haufen so angewachsen ist, daß mir angst und bange davon wird, blase ich zum Angriff und laufe Sturm, manchmal fünf volle Stunden lang, zuweilen sogar sechs.
Und wie viele Briefe beantworte ich in dieser Zeit? Nie mehr als neun, oft auch nur fünf und sechs. Der Korrespondent in einem großen kaufmännischen Geschäft würde in einer solchen Reihe von Stunden wenigstens hundert Antworten zu Papier bringen.
Einem Mann, der Jahre damit zugebracht hat, für die Presse zu schreiben, kann man aber eine solche Federgewandtheit unmöglich zutrauen.
Aus alter Gewohnheit knüpft er dabei einen Gedanken an den andern; geduldig zerbricht er sich minutenlang den Kopf, um auf eine unwichtige Zuschrift die passende Erwiderung zusammen zu drechseln, und so verfließt ihm unversehens die kostbare Zeit.
Mir ist es in den letzten Jahren förmlich zur andern Natur geworden, Schriftstücke jeder Art -- selbst Privatbriefe nicht ausgeschlossen -- mit Sorgfalt und reiflicher Ueberlegung abzufassen. Die Folge davon ist, daß ich das Briefschreiben hasse, und ich habe noch bei allen meinen Bekannten, die für Zeitungen und Journale arbeiten, eine ähnliche Abneigung dagegen gefunden.
Obige Bemerkungen sollen nur zur Erklärung und zu meiner Entschuldigung bei allen den Leuten dienen, welche mir über allerlei Angelegenheiten geschrieben haben, ohne eine Antwort zu erhalten.
Einmal übers andere habe ich, im guten Glauben, daß es mir gelingen würde, wirklich versucht ihnen zu antworten. Einiges konnte ich wohl erledigen, aber unwiderruflich blieb doch die Mehrzahl der in der letzten Woche eingegangenen Briefe bis zur nächsten liegen.
Die Folge war dann jedesmal, daß die sich aufhäufenden Briefe zuerst eine vorwurfsvolle Miene annahmen, dann mir grimmige Blicke zuwarfen, als wollten sie mir eine Strafpredigt halten, und zuletzt ein so beleidigendes, unverschämtes Gesicht machten, daß mir die Geduld ausging. Wenn das geschah, öffnete ich die Ofenthür und statuierte ein Exempel an ihnen.
Und siehe da -- sofort war jedes bedrückende Gefühl über vernachlässigte Pflichten verschwunden und alle meine verlorene Seelenheiterkeit kehrte zurück.
Gedankentelegraphie.
Es giebt gewisse Begebenheiten im Menschenleben, welche man seit Anbeginn der Welt für ein Spiel des Zufalls gehalten hat. Erst in unsern Tagen ist es der Psychologischen Gesellschaft in England gelungen, der Menschheit klar zu machen, daß, was wir gewöhnlich als ›merkwürdiges Zusammentreffen‹ bezeichnen, keineswegs auf blindem Zufall beruht, sondern einfach die Wirkung der Botschaft ist, welche ein Geist dem andern, oft weit über Land und Meer zuschickt. Beispiele von Gedankentelegraphie kommen viel häufiger vor als man gemeinhin glaubt und entstehen so wenig aus bloßem Zufall wie Abgang und Ankunft einer telegraphischen Depesche.
Ich hatte die Entdeckung schon längst gemacht und meine Erfahrungen niedergeschrieben; doch konnte ich mich nicht entschließen, sie zu veröffentlichen, aus Furcht, man möchte für Scherz halten, was im vollen Ernst gemeint war. Jetzt aber erscheint die Frage in einem ganz neuen Licht, dank der verdienstlichen und einflußreichen Thätigkeit der Psychologischen Gesellschaft, und ich brauche mein altes Manuskript, das aus dem Jahre 1878 stammt, nicht länger im Schreibtisch zu verwahren: -- -- --
* * * * *
Schon wieder habe ich eins jener kleinen merkwürdigen Erlebnisse zu verzeichnen, wie sie hie und da jedem Menschen zustoßen. Man denkt stundenlang darüber nach und bleibt so klug wie zuvor, denn eine Erklärung sucht man vergebens. Die Sache, welche an sich ganz unbedeutend aussieht, verhielt sich wie folgt:
Vor einigen Tagen sagte ich: »Es scheint, Frank Millet weiß gar nicht, daß wir in Deutschland sind, sonst würde er längst geschrieben haben. In den letzten sechs Wochen bin ich wohl ein Dutzendmal drauf und dran gewesen, ein paar Zeilen an ihn zu spedieren, habe aber immer wieder beschlossen zu warten, da er doch endlich etwas von sich hören lassen muß. Jetzt schreibe ich aber sofort.« Ich that es, schickte den Brief nach Paris und dachte bei mir: »Ehe dieser Brief fünfzig Meilen über Heidelberg hinaus ist, haben wir bereits Nachricht von Frank -- so geht es ja immer.«
Und richtig, was ich gesagt hatte traf ein. Es geschieht ja wunderbarerweise nichts häufiger im Leben, als daß sich Briefe kreuzen; ob das aber auf einem Zufall beruht, möchte ich bezweifeln. Unser Vorgefühl, daß sich der Brief, den wir eben an eine Person schreiben, mit einem von derselben Person an uns gerichteten kreuzen wird, ist oft schon stark genug gewesen, um uns zu veranlassen, den schriftlichen Erguß merkwürdig kurz zu fassen, da man seine Zeit nicht unnütz verschwenden will -- die Briefe kreuzen sich ja doch. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß mich dieses Vorgefühl meistens ergriff, wenn ich meinen Brief eine ganze Weile verschoben hatte, in der Hoffnung, der andere würde zuerst schreiben.
Ich erhielt Millets Brief, der an demselben Tage abgeschickt war wie der meinige, in Berlin, durch Vermittlung des amerikanischen Gesandten. Millet schrieb, er habe sich sechs Wochen lang vergeblich bemüht, jemand aufzutreiben, der ihm meine deutsche Adresse mitteilen könne, zuletzt sei er auf den Gedanken gekommen, daß man wohl auf der Gesandtschaft in Berlin wissen würde, wo ich zu finden sei. -- Vielleicht war es ein Zufall, aber ich glaube es nicht, daß er endlich in demselben Augenblick zur Feder griff, in welchem ich mich entschloß an ihn zu schreiben.
Es giebt für mich nichts Aergerlicheres, als wenn ich in einer einfachen Geschäftsangelegenheit gewartet und gewartet habe, in der Hoffnung, der andere werde die Mühe des Schreibens übernehmen und mich zuletzt doch selbst daran machen muß, noch dazu mit der Ueberzeugung, daß jener sich mit mir zugleich hinsetzt, um einen Brief zu schreiben, der sich mit dem meinigen kreuzen wird. Wollte ich die Arbeit aber verschieben und vom Schreibtisch aufstehen, so würde der andere Mensch unfehlbar dasselbe thun, genau als wären wir zusammengespannt wie die siamesischen Zwillinge und genötigt die nämlichen Bewegungen zu machen.
Einige Monate bevor ich mich auf Reisen begab, hatten Techniker eines New Yorker Geschäfts eine Arbeit in meinem Hause vorgenommen, die nicht zu meiner Zufriedenheit ausgefallen war. Ich benachrichtigte daher die Firma, daß ich die Rechnung erst bezahlen würde, nachdem die Sache ganz in Ordnung gebracht sei. In der Antwort bat man mich wegen Geschäftsüberhäufung etwas Geduld zu haben; sobald der Sachverständige entbehrt werden könne, solle er alles nach Wunsch erledigen. Ueber zwei Monate wartete ich und ertrug mit Ergebung die Hausgenossenschaft elektrischer Klingeln, die urplötzlich von selbst und wie rasend Sturm läuteten, ohne daß jemand sie berührte, und dann wieder keinen Ton von sich geben wollten, wenn man auch den Knopf wie mit einem Schmiedehammer bearbeitete. Unzähligemale nahm ich mir vor zu schreiben, aber immer wieder verschob ich es. Eines Abends endlich setzte ich mich hin und ergoß meinen Aerger ungefähr eine Seite lang; plötzlich aber brach ich den Brief kurz ab, denn ein deutliches Gefühl sagte mir, daß die Firma jetzt auch ein Lebenszeichen von sich geben werde. Als ich am nächsten Morgen zum Frühstück erschien, war mein Brief noch nicht abgegangen, aber der ›elektrische Klingelmann‹ hatte bereits alles Nötige besorgt und war wieder verschwunden. Am Abend vorher hatte er von seinem Prinzipal den Auftrag erhalten und war sogleich mit dem Nachtzug zu uns gefahren. Wenn das auch ein ›Zufall‹ war, so gehörten ungefähr drei Monate dazu, bis er zustande kam.
* * * * *
Letzten Sommer langte ich eines Abends in Washington an, stieg im Orlington-Hotel ab und ging auf mein Zimmer. Ich las und rauchte ungefähr bis zehn Uhr und da ich nicht schläfrig war, wollte ich noch ein wenig frische Luft schnappen. So ging ich denn im Regen hinaus und wanderte vergnüglich und ziellos umher. Mein Freund O. befand sich auch gerade in der Stadt und es hätte mich gefreut, wenn wir zufällig aufeinandergestoßen wären, doch ihn um Mitternacht aufzustöbern, zumal ich seine Wohnung nicht wußte, lag mir gänzlich fern. Da ich mich in den öden Straßen verlassen zu fühlen begann, trat ich gegen zwölf Uhr in einen Zigarrenladen, hielt mich dort eine Viertelstunde auf und hörte den nationalpolitischen Gesprächen einiger Kunden zu. Plötzlich ergriff mich der prophetische Geist und ich sprach zu mir selbst: »Wenn ich jetzt zu dieser Thür hinausgehe, mich links wende und zehn Schritte mache, werde ich O. gegenüberstehen.«
Genau so traf es ein. Zwar konnte ich sein Gesicht unter dem Regenschirm nicht sehen, zumal es ziemlich dunkel war, aber ich erkannte ihn an der Stimme, als er seinem Begleiter in die Rede fiel, und rief ihn an.
Daß ich den Laden verließ und O. begegnete war nichts, aber daß ich es vorher wußte, war sehr viel. Bei näherer Betrachtung ist es doch ein höchst merkwürdiges Erlebnis. Ich stand ganz hinten in dem Zigarrenladen als der Geist der Weissagung über mich kam. Fünf Schritte bis zur Thür, drei Stufen zum Bürgersteig hinunter, Wendung nach links, einige weitere Schritte und richtig -- da war mein Mann. Ist es nicht wunderbar, wie alles zutraf?
Oft reden wir von einem Abwesenden und kaum haben wir es gethan, so sehen wir ihn vor uns. Wir lachen dann und sagen: »Wenn man den Teufel an die Wand malt u. s. w.«; dann denken wir nicht mehr an den sogenannten ›Zufall‹. Das ist eine recht billige und bequeme Art, über ein ernstes und schwieriges Rätsel hinwegzukommen, das zu lösen wohl der Mühe verlohnte.
Nun komme ich aber auf das Sonderbarste zu sprechen, was ich je erlebt habe: Vor zwei oder drei Jahren lag ich eines Morgens im Bett und dachte an nichts Besonderes -- es war am zweiten März -- als plötzlich eine funkelnagelneue Idee wie eine Bombe auf mich hereingesaust kam und mit solcher Gewalt explodierte, daß aus der ganzen Umgegend alle müßigen Betrachtungen zerfetzt und zersplittert davonflogen. Diese Idee bestand, kurz gesagt, darin, daß jetzt der günstige Augenblick gekommen sei, ein gewisses Buch, dem das allgemeine Interesse nicht fehlen konnte, sofort zu schreiben und auf den Markt zu bringen -- ein Buch über die Silbergruben in Nevada. Die ›Große Bonanza-Mine‹ war damals ein neues Weltwunder und bildete das Tagesgespräch.
Die geeignetste Person für diese Arbeit schien mir William Wright, ein Journalist aus Virginia in Nevada, an dessen Seite ich dort, vor zwölf Jahren, monatelang als Reporter Zeitungsartikel gekritzelt hatte. Vielleicht war er noch am Leben, vielleicht war er tot, wer konnte es wissen, aber jedenfalls wollte ich ihm schreiben. Ich begann damit, ihm bescheidentlich den Vorschlag zu machen, das bewußte Buch zu verfassen; im weitern Verlauf wuchs jedoch mein Eifer und ich ließ mich hinreißen, nach eigenem Ermessen den ganzen Plan des Werkes zu entwerfen, überzeugt, daß Wright, als guter Freund, meine Absicht nicht mißdeuten werde. Ich ging sogar auf Einzelheiten ein und besprach deren Anordnung und Reihenfolge. Eben wollte ich das Manuskript in einen Umschlag stecken, da fiel mir ein, wie unangenehm es wäre, wenn das Buch auf meine Veranlassung geschrieben würde und sich dann kein Verleger fände. Ich behielt daher den Brief einstweilen zurück, warf ihn in ein Fach und richtete ein paar Zeilen an meinen eigenen Verleger, den ich um eine geschäftliche Besprechung bat. Der Herr war jedoch gerade verreist, meine Zuschrift blieb unbeantwortet und nach einigen Tagen hatte ich die ganze Angelegenheit vergessen. Am neunten März brachte der Postbote verschiedene Briefe, darunter einen besonders dicken, dessen Aufschrift eine halbschlummernde Erinnerung in mir zu wecken schien. Zuerst wußte ich nicht wohin damit, aber bald ging mir ein Licht auf und ich sagte zu einem Verwandten, der gerade anwesend war:
»Gieb acht, jetzt will ich ein Wunder thun. Ich werde dir aufs genauste Inhalt, Datum und Unterschrift dieses Briefes sagen, ohne ihn zu erbrechen. Er kommt von einem Herrn Wright aus Virginia in Nevada, und ist vom zweiten März datiert. Wright teilt mir darin sein Vorhaben mit, ein Buch über die Silberminen zu schreiben und fragt, was ich als Freund davon denke. Ferner setzt er mir alles Einzelne des Nähern auseinander und sagt, daß er zum Schluß die Geschichte des ›Großen Bonanza‹ erzählen wolle.«
Ich öffnete nun den Brief und bewies, daß meine sämtlichen Angaben richtig waren. Wrights Brief enthielt in der That genau dasselbe wie der meinige, der, am nämlichen Datum geschrieben, seit sieben Tagen im Fach meines Schreibtisches lag.
Mit Hellseherei, wenigstens wie _ich_ dieselbe verstehe, hatte dieser Vorfall, glaube ich, nichts zu thun. Ein Hellseher behauptet, verborgene Schrift wirklich Wort für Wort ablesen zu können. Das war bei mir nicht der Fall. Ich glaubte nur den Inhalt des Briefes im einzelnen mit vollkommener Sicherheit zu kennen, aber die Worte mußte ich selbst finden und gewissermaßen Wrights Ausdrucksweise in die meinige übersetzen.
Dies Zusammentreffen aller Umstände konnte doch unmöglich auf Zufall beruhen. Bei einem Zufall hätte vielleicht einiges gestimmt, aber alles übrige wäre wesentlich abgewichen. Für mich unterlag es keinem Zweifel -- Wrights Geist hatte am zweiten März über Gebirge und Wüste hinweg, trotz der Entfernung von dreitausend Meilen, mit dem meinigen in engster und krystallklarster Verbindung gestanden. Meiner Meinung nach waren wir nicht beide zugleich auf die ursprüngliche Idee gekommen, sondern der Geist des einen hatte sie erdacht und sie dem andern telegraphiert.
Es reizte mich doch zu wissen, wessen Gehirn das Telegraphieren übernommen hatte und wer der Empfänger der Depesche gewesen war, so schrieb ich denn an Wright, um mich darnach zu erkundigen. Seine Antwort bewies mir, daß Gedanke und Botschaft von _seinem_ Geist ausgegangen waren und der meinige beides nur aufgenommen hatte. Sein Buch steckte ihm schon lange im Kopfe; es liegt daher auf der Hand, daß die erste Idee von ihm und nicht von mir herrührt; der Stoff lag mir ganz fern und ich war obendrein von andern Dingen vollauf in Anspruch genommen. Trotzdem vermochte es dieser Freund, an den ich seit elf Jahren nicht mehr gedacht hatte, mir seine Gedanken aus weiter Ferne in den Kopf zu blitzen, und zwar mit solchem Nachdruck, daß ich für den Augenblick kein anderes Interesse mehr kannte. Er hatte den Brief an mich geschrieben, nachdem seine Arbeit für das Morgenblatt beendet war, etwas nach drei Uhr. Drei Uhr morgens in Nevada ist ungefähr 6 Uhr in Hartford, zu welcher Zeit ich, wie erwähnt, im Bette lag und an nichts Besonderes dachte. Gerade um diese Zeit ergoß sich der Strom seiner Gedanken über den Kontinent hinweg in mein Gehirn, ich stand auf und schrieb sie nieder unter dem Eindruck, daß sie ausschließlich von mir selbst stammten.
Das ist sehr bedeutungsvoll und kann von der höchsten Wichtigkeit werden. Man bedenke nur, wie mancher herrliche Originalgedanke einem so mir nichts dir nichts von einem dreitausend Meilen weit entfernten Menschen weggestohlen werden kann. Sollte jemand versucht sein, diese Thatsache anzuzweifeln, so bitte ich nur, einen Blick in das Konversationslexikon zu werfen und wieder einmal über den sonderbaren Umstand in der Geschichte der Erfindungen nachzugrübeln, der einem jeden schon zu denken gegeben hat -- darüber nämlich, daß so häufig dieselben Maschinen und Apparate gleichzeitig von mehreren Personen in verschiedenen Weltteilen erfunden worden sind. Es liegt nicht außer dem Bereich der Möglichkeit, daß die Erfinder sich, ohne es zu wollen, gegenseitig ihre Ideen fortstehlen, obgleich sie viel tausend Meilen von einander getrennt sind.
Gewöhnlich erklärt man zwar dies Gedankenzusammentreffen daraus, daß große und bedeutsame Entdeckungen sich immer auf Fragen beziehen, mit welchen die hervorragendsten Geister sich bereits lange und eingehend beschäftigt haben. Als Beispiele solcher zugleich von verschiedenen Seiten gewonnener Errungenschaften auf wissenschaftlichem Gebiet führt man unter andern die Erfindung der Differentialrechnung an, die Entdeckung des Planeten Neptun, die Entzifferung der egyptischen Hieroglyphen, die Aufstellung der Vibrationstheorie des Lichts, die Erfindung des elektrischen Telegraphen und der Spektralanalyse. Aber vielleicht ist in jedem der angegebenen Fälle die Idee in dem Geist eines _einzigen_ Gelehrten entsprungen, der sie weiter telegraphiert hat. Schon seit einem Jahrhundert hatten die Astronomen jene Aberrationen beobachtet, die endlich Leverrier auf die Vermutung brachten, daß sich im unermeßlichen Raum ein Planet verbergen müsse, welcher der Urheber jener Störungen sei. Wie ging es nun aber zu, daß drei durch weite Entfernung von einander getrennte Menschen, Leverrier, Mrs. Somerville und Adams auf einmal zu gleicher Zeit anfingen, sich mit den Aberrationen abzuquälen und alles daran zu setzen, um ausfindig zu machen, was wohl die Ursache derselben sein könne? -- Das sonderbare Unternehmen, einen unsichtbaren Planeten zu messen, zu wägen, seine Bahn zu berechnen, ihm förmlich nachzujagen und ihn endlich einzufangen, an das noch niemand zuvor gedacht hatte, konnte nur in dem Kopf eines einzigen Astronomen entsprungen und durch Gedankentelegraphie den andern Geistern übermittelt worden sein.
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Letzten Frühling kam ein litterarischer Freund von fern her, um mich zu besuchen. Im Lauf des Gesprächs erzählte er mir, es sei ihm eine vollständig neue Idee aufgegangen, wie sie sicherlich in der Litteratur noch nicht dagewesen wäre, und teilte mir dieselbe mit. Darauf überreichte ich ihm ein Manuskript, welches ich vor acht Tagen geschrieben hatte, mit dem Bedeuten, daß er darin seine Idee der Hauptsache nach getreulich wiedergegeben finden würde. Schon seit dem vergangenen November beschäftigte dieser Gedanke mein Gehirn -- in das seinige geriet er aber erst vor acht Tagen, während ich das Schriftstück abfaßte. Da er seine Idee noch nicht zu Papier gebracht hatte, überließ er mir nun liebenswürdigerweise alle Rechte und Titel des Erfinders.
Mich haben die spiritistischen Vorstellungen und Geisterkundgebungen, bei denen ich zugegen war, nie im geringsten überzeugen können, was jedoch nicht viel sagen will, da meine Erfahrungen auf diesem Felde nur oberflächlich sind. Daß aber der Geist eines noch -- im Fleisch wandelnden -- Menschen mit einem andern Menschengeist verkehren kann, selbst wenn beide durch große Entfernungen getrennt sind, glaube ich fest. Ja, es ist nicht einmal erforderlich, vorher auf künstliche Weise einen ›sympathetischen Zustand‹ zu erzeugen, durch welchen die Gedankentelegraphie vermittelt würde. Nach meiner Ueberzeugung findet die geistige Wechselwirkung überhaupt nur statt, wenn ein sympathetischer Zustand vorhanden ist; ich halte es aber nicht für unmöglich, daß bei ununterbrochenem sympathetischem Zustand auch der Gedankenverkehr ins Unbegrenzte fortgesetzt werden könnte.