Skizzenbuch

Part 16

Chapter 163,649 wordsPublic domain

Als fünfzehnter programmgemäßer Toast, gehalten bei dem Festessen, das im November 1879 von der Tennessee-Armee ihrem ersten Kommandeur, General Grant, zu Ehren veranstaltet wurde.

»Das lob ich mir! Wir sind nicht alle so glücklich, zum schönen Geschlecht zu gehören; wir können nicht alle Generale, Dichter oder Staatsmänner sein; aber wenn die Trinksprüche herabsteigen bis zu den Säuglingen, da stehen wir alle auf gemeinsamem Boden. Es ist eine Schande, daß Jahrtausende lang auf allen Festessen der Welt der Säugling ganz übergangen wurde, als wenn er gar nichts bedeutete. Wenn Sie einen Augenblick nachdenken und so ein, fünfzig bis hundert Jahre zurückblicken mögen auf die erste Zeit Ihrer Ehe, um in Gedanken wieder Ihren ersten Säugling zu betrachten, so werden Sie sich erinnern, daß er etwas zu bedeuten hatte, und mehr noch als das. Ihr Soldaten wißt wohl, daß, als dieser kleine Bursche im Familienhauptquartier sich meldete, es Zeit für euch war, euren Abschied zu nehmen; denn er kommandierte von nun an unumschränkt. Ihr hattet ihm als Kammerdiener aufzuwarten und er war kein Vorgesetzter, der Rücksicht nahm auf Zeit, Wetter oder sonstige Umstände. Ihr habt seinem Befehl folgen müssen, ob es möglich war oder nicht; und da gab es nur eine einzige Gangart in seinem Handbuche der Taktik und das war der -- Laufschritt. Er behandelte euch mit aller erdenkbaren Impertinenz und Mißachtung und selbst der Tapferste von euch durfte kein Wörtlein dagegen sagen. Ihr habt dem Tod bei Donelson und Vicksburg ins Antlitz gesehen und Hieb um Hieb zurückgegeben, aber wenn _er_ euch am Schnurrbart zupfte und euer Haar zauste und eure Nase zwickte, da habt ihr es euch ruhig gefallen lassen. Als die Donner der Schlacht in eure Ohren posaunten, da seid ihr den Batterien aufrecht gegenüber gestanden und mit stetem Schritt vorgerückt; aber wenn _er_ sein Schlachtgeschrei ertönen ließ, dann ging es bei euch an ein Avancieren in verkehrter Richtung. Wenn _er_ nach dem Schlotzer verlangte, wagtet ihr etwa Bemerkungen fallen zu lassen, daß gewisse Dienstleistungen sich für einen Offizier und Gentleman nicht schicken? Nein! Ihr seid einfach aufgestanden und habt den Schlotzer geholt. Wenn _er_ seine Trinkflasche verlangte und sie war nicht warm -- habt ihr Einwendungen gemacht? Ihr und Einwendungen! Ihr habt euch daran gemacht und sie gewärmt! Ja, ihr habt euch so weit herabgelassen in eurem Knechtsdienst, daß ihr diesen dummen, faden Stoff darin selber versucht habt, um zu wissen, ob er auch recht gemischt sei: drei Teile Wasser mit einem Teil Milch und eine Prise Zucker von wegen der Kolik, und ein Tropfen Pfeffermünze gegen den ewigen Schlucker. Ich habe den Geschmack noch auf der Zunge -- puh! Poetisch gestimmte Seelen glauben immer noch an das schöne, alte Märchen, daß, wenn das Wiegenkind im Schlummer lächelt, ihm die Englein was ins Ohr flüstern. Klingt hübsch, ist aber sehr schwach -- 's kam einfach von einer Blähung her, meine Freunde. Wenn der Säugling einen Spaziergang vorschlug zu seiner beliebten Stunde, zwei Uhr morgens, seid ihr da nicht schnell aufgestanden mit der Bemerkung, die eurem Wahrheitssinn keine sonderliche Ehre macht, daß ihr denselben Vorschlag gerade eben hättet machen wollen. O, ihr habt euch unter guter Zucht befunden! Und wie ihr so im Zimmer in eurer Nachtuniform auf- und abgetänzelt seid, da habt ihr nicht nur angefangen, unwürdig zu lallen, sondern habt mit eurer Bärenstimme den Versuch gemacht, Liedchen zu singen, z. B.: Schlaf, Kindchen, schlaf! Was für ein Schauspiel für eine Armee von Tennessee! Und wenn das so weiter ging, so zwei bis drei Stunden lang, und euer kleiner Flaumkopf zu verstehen gab, daß ihm nichts lieber sei, als diese musikalische Marschübung, was habt ihr dann gemacht? (Seid nur ruhig!) Ihr seid einfach weiter spaziert, bis ihr nicht mehr konntet. Eine lächerliche Idee das: ein Säugling habe nichts zu sagen und zu bedeuten!!

Ja, es war höchste Zeit für den Vorsitzenden eines Banketts, die Bedeutung der Säuglinge zu erkennen. Bedenkt, was kann aus der jungen Brut noch alles werden. Fünfzig Jahre von heute werden wir alle tot sein, denke ich, und dann wird dieses Sternenbanner, wenn es noch existiert und ich hoffe, das wird es -- über einer Republik flattern, die 200 Millionen Seelen zählt, gemäß den natürlichen Gesetzen unserer Volksvermehrung. Aus unserem gegenwärtigen Staatsschooner wird ein politischer Leviathan, ein Great Eastern geworden sein. Die Wiegenkinder von heute werden auf Deck sein. Sorgt für eine gute Erziehung; denn wir werden in ihren Händen ein schweres Stück Arbeit hinterlassen. Unter den drei bis vier Millionen Wiegen, die jetzt im Lande geschaukelt werden, befinden sich einige, die unsere Nation als Heiligtümer aufbewahren würde, wenn man nur schon wüßte, welche. In einer dieser Wiegen zahnt in diesem Augenblick, sich selber unbewußt, der Farragut[9] der Zukunft; in einer andern blinzelt der künftige berühmte Astronom noch ohne sonderliches Interesse die Milchstraße an -- der arme Kleine sehnt sich nach einer andern Milchstraße, nämlich seiner Amme. In einer andern liegt der zukünftige große Geschichtsschreiber und wird zweifelsohne dereinst fortfahren zu lügen, bis seine irdische Sendung vollendet ist. In einer andern beschäftigt sich der zukünftige Präsident mit keinem wichtigeren Staatsproblem als mit dem, warum er so früh keine Haare mehr hat, und in einer mächtigen Reihe von Wiegen liegen 60000 zukünftige Stellenjäger, bereit, den Präsidenten späterhin Gelegenheit zu geben, sich mit demselben alten Problem zum zweiten Male zu beschäftigen,[10] und in einer weitern Wiege irgendwo unter der Flagge liegt der zukünftige berühmte Feldmarschall der amerikanischen Armee, so wenig beschwert von seiner herannahenden Größe und Verantwortung, daß er seinen ganzen strategischen Scharfsinn in diesem Augenblick darauf gerichtet hat, wie er seinen großen Zehen in den Mund kriegen kann, ein Bestreben, das -- mit allem Respekt gesagt -- vor 56 Jahren auch die ganze Aufmerksamkeit unseres heute abend gefeierten Helden in Anspruch genommen hat. Wenn aber das Kind nur die Vorahnung des künftigen Mannes ist, so werden wenige zweifeln, daß sein Bestreben von damals mit Erfolg gekrönt war.«

[9] Größter Admiral der Vereinigten Staaten.

[10] Anspielung auf die Sorgen, welche dem Präsidenten die Befriedigung der Aemterjäger seiner Partei macht.

Der selige Benjamin Franklin.

Spare nie auf morgen, was du übermorgen gerade so gut thun kannst. --

Benjamin Franklin.

Dieser Mensch war eins von den Individuen, welche man Philosophen nennt. Er kam als Doppelwesen oder als ein paar Zwillinge zur Welt, gleichzeitig in zwei verschiedenen Häusern von Boston. Die Häuser stehen noch heutigen Tages und tragen Tafeln, deren Inschriften die obige Thatsache bezeugen. Die Tafeln nehmen sich ganz gut aus, aber notwendig sind sie gerade nicht, da die Einwohner dem Fremden so wie so die beiden Geburtsstätten zeigen, zuweilen sogar mehrmals an einem Tage.

Der Mann, von welchem diese Denkschrift handelt, war heimtückischer Gemütsart und mißbrauchte seine Gaben schon frühzeitig zur Erfindung von allerlei Lebensregeln und Denksprüchen, die darauf berechnet waren, dem heranwachsenden Geschlecht aller folgenden Zeitalter Schmerzen zu bereiten. Sogar seine alltäglichsten Handlungen verrichtete er im Hinblick darauf, daß sie den Knaben fort und fort zur Nacheiferung vorgehalten werden sollten -- den Knaben, die sich sonst hätten glücklich fühlen können. Aus gleicher Absicht wurde er der Sohn eines Seifensieders, wahrscheinlich nur, damit die Bestrebungen aller zukünftigen Knaben, die es zu irgend etwas bringen wollten, von vornherein mit Mißtrauen betrachtet werden möchten, wenn sie nicht Söhne von Seifensiedern wären. Mit einer Böswilligkeit, die in der Geschichte ohne gleichen dasteht, pflegte er den Tag über zu arbeiten und dann die Nacht hindurch aufzubleiben, unter dem Vorwand, daß er beim Schein eines glimmenden Feuers Algebra studiere -- damit alle andern Knaben genötigt wären das auch zu thun, weil man ihnen sonst Benjamin Franklin vorrückte. Ja noch mehr: es war seine Gewohnheit, sich nur von Wasser und Brot zu nähren und während der Mahlzeit Astronomie zu treiben -- das hat seitdem Millionen von Knaben, deren Väter Franklins verderbliche Biographie gelesen hatten, in große Trübsal gebracht.

Seine Lebensregeln waren voll Feindseligkeit gegen die Jugend. Heutzutage kann kein Knabe irgend einer natürlichen Regung folgen, ohne daß er auf der Stelle über einen jener unvermeidlichen Denksprüche stolpert und von Franklin zu hören bekommt. Kauft er sich für zwei Cents Pfeffernüsse, so sagt sein Vater: »Weißt du nicht, mein Sohn, daß Franklin spricht: ›Einen Heller den Tag, einen Groschen das Jahr‹!« -- und mit der Freude an den Pfeffernüssen ist's vorbei. Will der Knabe nach gethaner Arbeit Kreisel spielen, gleich mahnt der Vater: »Aufschub ist ein Tagedieb.« Wenn er eine gute That thut, bekommt er nie etwas dafür, denn »die Tugend trägt ihren Lohn in sich.« Er wird zu Tode gehetzt und der nötigsten Ruhe beraubt, weil Franklin in einem begeisterten Anflug von Bosheit einmal gereimt hat:

»Früh zu Bett und früh wieder auf, Macht klug, gesund und reich im Kauf.«

Als ob einem Knaben etwas daran läge, um solchen Preis klug, gesund und reich zu werden! Was _mir_ dieser Denkspruch für Leiden gebracht hat, als mein Vater damit Versuche bei mir anstellte, spricht keines Menschen Zunge aus. Das naturgemäße Ergebnis derselben ist meine jetzige körperliche Hinfälligkeit, Armut und Geistesschwäche. Als ich ein Knabe war, pflegten mich meine Eltern bisweilen schon vor neun Uhr des Morgens zu wecken. Hätten sie mich schlafen lassen wie es meine Natur verlangte -- was würde nicht aus mir geworden sein? Vielleicht wäre ich jetzt Ladenbesitzer und allgemein geachtet ...

Benjamin Franklin hat viel Anerkennenswertes für sein Vaterland gethan und dessen jungen Namen bei andern Völkern zu hohen Ehren gebracht, weil es solchen Sohn erzeugt hat. Das will diese Denkschrift durchaus nicht bestreiten, oder mit Stillschweigen übergehen. Ihr Zweck ist nur, Einspruch gegen seine anmaßlichen Lebensregeln zu erheben, die er unter dem Schein, als wären sie von ihm erdacht, aus selbstverständlichen Wahrheiten zusammengestoppelt hat, welche schon abgedroschene Gemeinplätze waren, noch ehe sich die Völker beim Turmbau zu Babel zerstreuten. Mein Wunsch war lediglich, gegen die unter den Familienhäuptern herrschende unselige Idee zu Felde zu ziehen, als habe Franklin seine angeborene Geistesgröße eigens dadurch erworben, daß er umsonst arbeitete, bei Mondlicht studierte und in der Nacht aufstand, statt wie ein guter Christ bis zum Morgen zu warten -- und als könne dieses Programm, wenn es nur streng durchgeführt würde, aus jedes Vaters dummem Jungen einen Franklin machen. Es ist Zeit, daß die Herren Väter sich endlich klar machen, daß jenes abscheuliche Thun und Treiben nur die Wirkung des Genius war und nicht seine Ursache. Ich wollte, ich wäre lange genug der Vater meiner Eltern gewesen, um ihnen diese Wahrheit zu Gemüte zu führen, damit sie versuchten ihrem Sohne das Leben leichter zu machen. Als Kind mußte ich Seife sieden, obgleich mein Vater ein wohlhabender Mann war, ich mußte zeitig aufstehen, beim Frühstück Geometrie studieren, mit meinen eigenen Gedichten hausieren gehen und alles ganz so thun wie es Franklin gethan hatte. Man war der festen Hoffnung, ich würde auf solche Weise einst ein Franklin werden. Und was bin ich nun?! --

Wohlthun trägt Zinsen.

(In Beispielen.)

Von Kindheit auf habe ich mit besonderer Vorliebe eine gewisse Sammlung moralischer Erzählungen gelesen, aus denen ich Vergnügen und Belehrung schöpfte. Das Buch lag mir stets bequem zur Hand und sobald mein Glaube an menschliche Tugend zu wanken drohte, griff ich danach und vertrieb mir alle Zweifel. Auch wenn mich ein Gefühl meiner eigenen Schwäche und unedlen Gesinnung niederdrückte, wies mich das Buch zurecht und zeigte mir den Weg, wie ich die verlorene Selbstachtung wiedergewinnen könne.

Nur _eines_ vermißte ich: Die schönen Geschichten brachen alle ab, sobald der Höhepunkt erreicht, die glückliche Lösung erfolgt war, und ich hätte doch so gern von dem weitern Ergehen der großmütigen Wohlthäter und ihrer Schützlinge noch etwas erfahren. Mein Verlangen hiernach ward zuletzt so dringend, daß ich beschloß, mir über den ferneren Verlauf der Geschichten selbst Klarheit zu verschaffen. Ich unternahm zu diesem Zweck lange und mühevolle Forschungen und kam dabei zu merkwürdigen Ergebnissen. Ich will nachstehend nur zwei Proben davon zum allgemeinen Besten mitteilen. Zuerst werde ich die Geschichte, wie sie in den ›Beispielen des Guten‹ steht, erzählen und dann die Fortsetzung beifügen, wie es mir gelungen ist, sie zu ermitteln.

Der wohlwollende Schriftsteller.

Ein armer, angehender Literat hatte sich vergeblich bemüht, für seine Manuskripte einen Verleger zu finden. Endlich, als er schon nahe am Verhungern war, klagte er einem berühmten Schriftsteller seine traurige Lage und bat ihn um Rat und Hilfe.

Der hochherzige Mann legte sogleich seine eigenen Sachen beiseite und begann eins der verschmähten Manuskripte durchzulesen. Als er dies menschenfreundliche Werk beendet hatte, schüttelte er dem jungen Manne herzlich die Hand und sagte: »Ihre Arbeit ist nicht schlecht; kommen Sie am nächsten Montag wieder.«

Zur verabredeten Zeit erschien der junge Autor; der berühmte Schriftsteller aber öffnete, ohne ein Wort zu sagen, ein Journal, das soeben erst aus der Presse kam und zeigte dem Staunenden seinen eigenen Artikel, der in den Spalten des Blattes abgedruckt war. Der junge Mann sank auf die Kniee und brach in Thränen aus: »Wie kann ich mich Ihnen für solchen Edelmut je dankbar genug erweisen!« rief er.

Der Schriftsteller, welcher dieses gethan, war der große Snodgraß und der junge Literat, den er aus dem Dunkel hervorzog und vom Hungertode errettete, kein anderer als der später nicht minder berühmte Snagsby.

Möchten wir uns an diesem erfreulichen Vorgang ein Beispiel nehmen und bereitwillig allen Anfängern beistehen, welche der Hilfe bedürfen.

Fortsetzung.

In der folgenden Woche stellte sich Snagsby wieder ein und brachte fünf zurückgewiesene Manuskripte mit. Dies überraschte den berühmten Snodgraß einigermaßen, weil die jungen Leute, von denen das Buch erzählt, nie mehr als einmal der Handreichung bedurften um emporzukommen. Indessen arbeitete er die Schriftstücke durch, schnitt hier und da viele unnötige Blumen fort und rodete die Eigenschaftswörter scheffelweise aus. Es gelang ihm darauf wirklich zwei der Artikel bei Zeitschriften unterzubringen.

Nach Ablauf einer Woche erschien der dankbare Snagsby mit einer neuen Ladung von Manuskripten. Wohl hatte es dem berühmten Autor zuerst eine hohe innere Befriedigung gewährt, dem strebsamen jungen Manne mit Erfolg helfen zu können und sich mit den großmütigen Leuten zu vergleichen, von denen das Geschichtenbuch berichtet; jetzt aber begann sich in ihm der Argwohn zu regen, daß vielleicht nicht alles in Richtigkeit sei. Trotzdem sich sein Enthusiasmus plötzlich abgekühlt hatte, gewann er es aber nicht über sich, den jungen Menschen zurückzustoßen, der sich in seiner vertrauensvollen Herzenseinfalt so fest an ihn klammerte.

Das Ende vom Liede war denn auch, daß der berühmte Schriftsteller den armen, jungen Anfänger fortdauernd auf dem Halse behielt. Die schwachen Versuche, welche er anstellte, sich der Last zu entledigen, waren vergebens. Immer wieder mußte er Snagsby Rat erteilen und ihm Mut einsprechen, mußte sich bemühen die Annahme seiner Manuskripte bei den Zeitschriften durchzusetzen und sie vorher gehörig zustutzen, weil sie sonst unbrauchbar waren. Als der junge Streber endlich im Sattel saß, schwang er sich plötzlich mit einem kühnen Sprung auf den Gipfel des Ruhms. Er beschrieb nämlich das Privatleben des berühmten Autors bis in die kleinsten Einzelheiten mit so beißendem Witz, daß sein Buch einen fabelhaften Absatz fand, dem gefeierten Schriftsteller aber vor Kränkung darüber das Herz brach. Noch mit dem letzten Atemzug seufzte er: »Ach, jenes verlockende Buch hat mich betrogen; es verschweigt die letzte Hälfte der Geschichte. Hütet euch, meine Freunde, vor strebsamen jungen Literaten! Kein Mensch soll sich vermessen, jemand vom Tode zu retten, den Gott verhungern lassen will -- er läuft nur in sein eigenes Verderben.«

Der dankbare Gatte.

Eine Dame fuhr einmal mit ihrem Söhnchen durch die Hauptstraße einer großen Stadt, als plötzlich die Pferde scheu wurden und in wildem Laufe davonjagten. Der Kutscher ward vom Bock geschleudert und die Insassen des Wagens bebten vor Todesangst. Aber ein wackerer Jüngling, der gerade mit seinem Gemüsewagen des Weges fuhr, fiel den durchgehenden Pferden in die Zügel und es gelang ihm mit Gefahr seines eigenen Lebens, sie in ihrer Flucht aufzuhalten. Die gerettete Dame ließ sich seine Adresse sagen und erzählte daheim die Heldenthat ihrem Gatten (der das Buch mit den moralischen Erzählungen gelesen hatte). Dieser vergoß Thränen der Rührung bei dem erschütternden Bericht und dankte im Verein mit seinen ihm wiedergeschenkten Lieben dem Allgütigen, ohne dessen Willen kein Sperling vom Dache fällt, für die wunderbare Hilfe. Dann sandte er nach dem wackern, jungen Mann, überreichte ihm einen Wechsel auf 500 Dollars und sagte: »Nimm dies zum Lohn für deine edle That, William Ferguson, und wenn du je eines Freundes bedarfst, so erinnere dich, daß Thomas Spadden ein dankbares Herz hat.«

Laßt uns hieraus lernen, daß jede gute That dem der sie thut, nützt und frommt und wenn er auch aus dem niedrigsten Stande wäre.

Fortsetzung.

In der folgenden Woche fand sich William Ferguson bei Herrn Spadden mit der Bitte ein, er möge ihm durch seinen Einfluß eine bessere Beschäftigung verschaffen, da er Größeres leisten könne, als den Gemüsewagen zu fahren. Herr Spadden verhalf ihm denn auch zu einer Bureaustelle mit gutem Gehalt.

Bald darauf wurde Williams Mutter krank und er -- doch ich will mich möglichst kurz fassen: Spadden willigte ein, sie zu sich ins Haus zu nehmen. Nicht lange, so fühlte sie Sehnsucht nach ihren jüngern Kindern, worauf Marie, Julie und Jaköbchen gleichfalls bei Spadden Aufnahme fanden. Jaköbchen hatte ein Taschenmesser, mit dem er sich eines Tages allein ins Wohnzimmer begab, und ehe noch Dreiviertelstunden vergingen, war das Mobiliar, welches etwa zehntausend Dollars gekostet hatte, so von ihm bearbeitet worden, daß sein Wert sich nicht mehr schätzen ließ. Einige Tage später fiel Jaköbchen die Treppe hinunter und brach den Hals. Siebzehn Anverwandte kamen in das Haus, um seiner Leiche zu folgen. Bei der Gelegenheit wurden sie dort bekannt und fanden sich seitdem häufig in der Küche ein. Auch bekamen die Spaddens vollauf zu thun, um ihnen nicht nur einmal Stellen zu verschaffen, sondern auch immer von neuem wieder, wenn sie Abwechslung brauchten.

Die alte Frau Ferguson war trunksüchtig und führte oft gottlose Reden: da hielten es denn die Spaddens, aus Erkenntlichkeit gegen den Sohn, für ihre Pflicht, sie von diesen Lastern zu bekehren und widmeten sich der Aufgabe mit hohem Edelsinn. William kam häufig, erhielt immer kleinere Geldbeträge und forderte immer höhere und einträglichere Beschäftigung, zu welcher ihm die dankbaren Spaddens mehr oder weniger rasch verhalfen. Nach verschiedenen Einwendungen verstand sich Spadden sogar dazu, William auf die Universität zu schicken; als aber der Held vor den ersten Ferien das Verlangen stellte, man möge ihn aus Gesundheitsrücksichten nach Europa reisen lassen, da empörte sich der bedrängte Spadden endlich gegen seinen Tyrannen. Er schlug ihm die Forderung rundweg ab.

William Fergusons Mutter war darüber so verblüfft, daß sie die Schnapsflasche fallen ließ und eine Verwünschung ihr in der Kehle stecken blieb. Als sie sich vom ersten Schrecken erholt hatte, stieß sie keuchend hervor: »So also beweisen Sie Ihre Dankbarkeit? Wo wäre Ihre Frau und Ihr Junge jetzt ohne meinen Sohn?«

William sagte: »So also beweisen Sie Ihre Dankbarkeit? Sagen Sie einmal -- habe ich Ihrer Frau das Leben gerettet oder nicht?«

Sieben Anverwandte liefen aus der Küche herbei und sagten einer nach dem andern: »So also beweisen Sie Ihre Dankbarkeit?«

Williams Schwestern standen starr vor Verwunderung. »So also beweisen Sie -- --« fingen sie an, kamen jedoch nicht weiter, da ihre Mutter sie mit vor Schluchzen erstickter Stimme unterbrach und rief: »Und im Dienst eines solchen Ungeheuers hat mein seliger kleiner Jakob sein teueres Leben geopfert!«

Da schwoll dem empörten Spadden der Mut und in der Erregung des Augenblicks rief er voll edlen Zornes:

»Hinaus aus meinem Hause, ihr Bettlerpack! Ich weiß es jetzt, jenes Geschichtenbuch hat mich bethört, aber es soll mich nie wieder zum Narren halten. -- Ja, du hast meiner Frau das Leben gerettet,« donnerte er William an, »und dem nächsten, welcher das thut, mache ich auf der Stelle den Garaus!« --

* * * * *

Zum Schluß bemerke ich noch, daß sich die Geschichte mit William Ferguson in meiner persönlichen Bekanntschaft wirklich zugetragen hat; doch sind von mir alle Einzelheiten dergestalt verändert worden, daß William sein Spiegelbild nicht wiedererkennen wird.

Jeder Leser dieser Skizze ist wohl einmal den ›Beispielen des Guten‹ gefolgt, von welchen die Bücher berichten, und hat in irgend einer schönen, begeisterungsvollen Stunde seines Lebens eine edelmütige That vollbracht. Es wäre mir lieb zu erfahren, wie viele dieser Großmütigen Lust haben, über jenes Erlebnis nachträglich zu reden und sich gern an die Folgen erinnern lassen, welche aus demselben entstanden sind!? --

Ueber Tagebücher.

Zu gewissen Zeiten wird es der liebste Ehrgeiz eines Menschen, einen getreuen Bericht über sein Thun in einem Buche aufzubewahren, und er stürzt sich in diese Arbeit mit einer Begeisterung, als ob ein Tagebuch zu führen die heiligste Pflicht und der größte Genuß in der Welt sei. Aber wenn er nur einundzwanzig Tage verlebt hat, so wird er finden, daß nur jene seltenen Naturen voll Ausdauer, Hingebung an die Pflicht und unbesiegbarer Entschlossenheit sich an ein so gewaltiges Unternehmen, wie es das Führen eines Tagebuchs ist, wagen können, ohne eine schmachvolle Niederlage zu erleiden.

Als ich auf der Quaker-City meine erste Reise nach Europa machte, hatten wir an Bord einen jungen Mann, Namens Jack. Dieser prächtige junge Bursche hatte ein Tagebuch angefangen und pflegte über seine Fortschritte jeden Morgen in der glühendsten und aufgewecktesten Weise zu berichten. Eines Tages fing er an:

»O, ich komme höllisch gut fort damit. Ich schrieb letzte Nacht zehn Seiten in mein Tagebuch -- und wissen Sie, ich hatte die Nacht vorher neun und die Nacht vor dieser zwölf geschrieben. Je nun, das ist reiner Spaß.«

»Was finden Sie denn Aufzeichnenswertes, Jack?«

»O, alles! Längen- und Breitengrade, Mittagszeit, und wie viele Meilen wir in den letzten vierundzwanzig Stunden gemacht haben, und alle die Spiele Domino und Pferdebillard, die ich gewonnen habe, und Walfische und Haie und Schweinfische und Sonntags den Text der Predigt (wissen Sie, weil das zu Hause was gelten wird), und die Schiffe, die wir salutierten, und welcher Nation sie angehörten, und was für Wind war, und ob es eine schwere See gab, und was für Segel wir führten, obwohl wir eigentlich niemals welche führen, da wir immer den Wind von vorn haben -- möchte wissen, was der Grund davon ist -- und wie viele Lügen Moult uns erzählt hat. O, alles! Ich habe alles schwarz auf weiß. Mein Vater hieß mich dieses Tagebuch führen. Vater würde es nicht für tausend Dollars hergeben, wenn ich's fertig kriegte.«

»Nein, Jack, es wird mehr als tausend Dollars wert sein -- wenn Sie es fertig kriegen.«

»Meinen Sie? Aber Sie denken wohl, ich kriege es nicht fertig?«