Skizzenbuch

Part 15

Chapter 153,635 wordsPublic domain

Wer aber von dem ›Versteinerten Menschen‹ liest, der bei Syracuse im Staate New York oder anderswo ausgegraben worden ist, der sei auf seiner Hut. Will der Barnum, der ihn dort eingegraben hat, ihn für eine Unsumme verkaufen, so soll er sich damit an den Papst wenden.

* * * * *

_Anmerkung._ Obige Skizze wurde zu einer Zeit geschrieben, als der Schwindel mit dem ›Versteinerten Menschen‹ in Amerika Aufsehen erregte.

Mehr Glück als Verstand.

(Anm. Dies ist keine erfundene Geschichte. Ein Geistlicher, der vor vierzig Jahren Lehrer an der englischen Kriegsschule in Woolwich war, hat sie mir erzählt und sich für die Wahrheit verbürgt. -- M. T.)

Es war in London bei dem Festmahl, das zu Ehren einer der wenigen großen militärischen Berühmtheiten der Gegenwart gegeben wurde, welche England besitzt. Den wahren Namen und Titel dieses Kriegshelden und Inhabers der höchsten Orden verschweige ich aus Gründen, welche jedem sofort einleuchten werden. Ich will ihn Generallieutenant Arthur Scoresby nennen.

Welcher Reiz doch in einem berühmten Namen liegt! Dort saß der Mann in Fleisch und Blut, von dem ich viel tausendmal gehört hatte, seit jenem Tage vor über dreißig Jahren, als der Glanz seines Ruhmes plötzlich von einem Schlachtfeld der Krim bis zu den Sternen emporstieg, um nie wieder zu verblassen! Ich verwandte kein Auge von dem Halbgott; sein Anblick war mir wie eine wahre Herzenserquickung, ich konnte mich nicht satt an ihm sehen. Nichts entging meiner scharfen Beobachtung: ich sah die Ruhe, die Zurückhaltung, den edlen Ernst seines Antlitzes, die biedere Redlichkeit, die sich in seinem ganzen Wesen ausprägte. Dabei schien er weder ein Bewußtsein von seiner eigenen Größe zu haben, noch zu bemerken, wie viele bewundernde Blicke auf ihn gerichtet waren, mit wie tiefer, aufrichtiger, liebevoller Verehrung die Herzen der Versammelten ihm entgegenschlugen.

Zu meiner Rechten saß ein alter Bekannter von mir. Er war jetzt Pfarrer, hatte jedoch nicht immer ein geistliches Amt bekleidet, sondern sein halbes Leben als Lehrer in der Militärschule zu Woolwich und im Feldlager zugebracht. In seinen Augen schimmerte ein seltsam verschleierter Glanz, als er sich jetzt zu mir herabbog und auf den Helden deutend, dem die Feier galt, mir verstohlen zuflüsterte:

»Im Vertrauen gesagt -- er ist ein Dummkopf, wie es keinen zweiten giebt.«

Dieses Urteil überraschte mich aufs höchste. Wäre es über Napoleon, Sokrates oder Salomo gefällt worden, mein Staunen hätte nicht größer sein können. An der Wahrheitsliebe des Pfarrers zweifelte ich keinen Augenblick, auch wußte ich, daß er große Menschenkenntnis besaß. Daher stand es für mich sofort mit unumstößlicher Sicherheit fest, daß sich die Welt in betreff dieses Helden im Irrtum befinden müsse: er war wirklich ein Dummkopf. Mich interessierte nur noch, zu wissen, wie der Pfarrer ganz allein und auf eigene Hand dies Geheimnis entdeckt habe. Ich beschloß, mich bei nächster Gelegenheit danach zu erkundigen.

Einige Tage später that ich das und der Pfarrer erzählte folgendes:

»Vor vierzig Jahren war ich als Lehrer an der Militärschule zu Woolwich und hörte in der Abteilung, bei welcher sich der junge Scoresby befand, dem Probeexamen zu. Mit aufrichtigem Mitleid bemerkte ich, daß, während seine Klassengefährten kluge und richtige Antworten gaben, er sozusagen _gar nichts_ wußte. Er machte den Eindruck eines guten, freundlichen, harmlosen und liebenswürdigen jungen Menschen und es war mir höchst peinlich, ihn mit der größten Unbefangenheit Antworten geben zu hören, die eine wahrhaft beispiellose Unwissenheit und Dummheit verrieten. Voll innigem Mitgefühl sagte ich mir, daß er zwar beim Examen bestimmt durchfallen müsse, es aber doch menschenfreundlich wäre ihm beizustehen, damit seine Niederlage ihn nicht völlig zu Boden schmettere.

»So nahm ich ihn denn besonders vor und entdeckte, daß er mit Cäsars Geschichte einigermaßen vertraut war; da er im übrigen gar nichts wußte, machte ich mich ans Werk und trichterte ihm, im Schweiße meines Angesichts, ein Dutzend Antworten auf die herkömmlichen Fragen über Cäsar ein. Und mit Hilfe dieser ganz oberflächlichen Einpaukerei -- sollte man sich so etwas vorstellen -- bestand er nicht nur sein Examen glänzend, sondern erntete noch Lobsprüche obendrein, während andere, die tausendmal mehr wußten als er, einfach durchfielen. Ein merkwürdig glücklicher Zufall, wie er vielleicht im Laufe eines Jahrhunderts nicht zum zweitenmal vorkommt, hatte nämlich gewollt, daß keine Frage an ihn gerichtet wurde, auf welche ich ihm die Antwort nicht eingepaukt hatte.

»So ging es auch mit den übrigen Fächern; ich lieh ihm meine Hilfe, denn ich hatte Erbarmen mit ihm, wie eine Mutter mit ihrem schwächlichen Kinde -- und siehe da -- jedesmal rettete er sich wie durch ein Wunder vor dem Untergang.

»An der Mathematik mußte er jedoch schließlich Schiffbruch leiden, das war klar. Ich beschloß, ihm den Sturz so erträglich zu machen, wie es ging. Ich richtete ihn ab und stopfte in ihn hinein so viel ich konnte, paukte ihm die Antwort ein, die der Examinator aller Wahrscheinlichkeit nach verlangen würde, und überließ ihn dann seinem Schicksal. Nun denken Sie sich meine Verwunderung und Bestürzung, als er den Preis erhielt und alle Anwesenden seines Lobes voll waren.

»Mein Gewissen ließ mir Tag und Nacht keine Ruhe. Mir lag eine Last auf der Seele als hätte ich ein Verbrechen begangen. Eine Woche lang that ich kein Auge zu -- und doch hatte ich nur aus reinstem Mitleid dem armen Jungen beigestanden, damit seine Niederlage nicht gar zu kläglich werden möchte. Der Gedanke an ein so unerhörtes Ergebnis, wie das vorliegende, wäre mir auch nicht im Traume gekommen. Es konnte die verhängnisvollsten Folgen nach sich ziehen. Ich hatte einem völlig vernagelten Menschen den Weg zur glänzendsten Laufbahn eröffnet, vielleicht zu einer Stellung von der höchsten Verantwortlichkeit. Vertraute man ihm aber einen solchen Posten an, so war er und seine Sache bei dem ersten besten Anlaß unrettbar verloren.

»Der Krimkrieg war gerade ausgebrochen. Natürlich -- dachte ich bei mir -- muß ein Krieg kommen, um jenem Dummkopf Gelegenheit zu geben, sich totschießen zu lassen, bevor seine Unfähigkeit ans Licht kam. Ich zitterte vor einem großen Krach -- und er blieb nicht aus. In der Zeitung las ich, daß der Mensch zum Hauptmann ernannt worden war und mit seinem Regiment ausrücken sollte. Andere Leute können alt und grau werden, ehe sie zu solcher Höhe emporklimmen. Wie war es nur möglich, daß man einer so unerfahrenen und ungeprüften Kraft eine derartige Verantwortung auflud? -- Hätte man ihn zum Fähnrich gemacht, ich würde mich vielleicht beruhigt haben -- aber zum Hauptmann -- das war unerhört. Ich glaubte, mich solle der Schlag rühren.

»Nun hören Sie, was ich that -- ich, der ich Ruhe und Beschaulichkeit über alles liebe. Ich sagte mir, daß _ich_ mein Vaterland in diese Gefahr gebracht habe und es daher meine Pflicht sei, es, soweit es in meiner Macht stehe, vor Scoresby zu schützen. So beschloß ich denn, ihm nicht von der Seite zu weichen; ich nahm seufzend mein kleines Kapital zur Hand, das ich mit jahrelanger harter Arbeit und strengster Sparsamkeit erworben hatte, kaufte mir ein Fähnrichpatent in seiner Kompagnie und fort ging es auf den Kriegsschauplatz.

»Aber dort -- du lieber Himmel -- was mußte ich erleben! Daß er einen Mißgriff nach dem andern begehen würde, verstand sich von selbst. Allein, niemand wußte um sein Geheimnis; man umgab ihn mit einem falschen Nimbus und beurteilte alle seine Thaten von einem verkehrten Gesichtspunkt aus -- die größten Dummheiten die er machte, galten für geniale Eingebungen. Es war entsetzlich! Er ließ sich Versehen zu Schulden kommen, von denen das geringste der Art war, daß wer nur den gewöhnlichsten Menschenverstand besaß, darüber hätte weinen mögen. Das that ich denn auch im geheimen; ja, ich weinte nicht nur, ich raste und schäumte vor Wut.

»Was mich aber in förmlichen Angstschweiß versetzte, war die Beobachtung, daß jeder neue Irrtum, in den er geriet, den Glanz seines Namens nur vermehrte. ›Er wird so hoch steigen,‹ sagte ich mir, ›daß man meint, die Sonne falle vom Himmel herunter, wenn die unausbleibliche Entdeckung schließlich erfolgt.‹

»Ueber die Leichen seiner Vorgesetzten hinweg ward er von einer Stufe zur andern befördert, bis endlich, im wildesten Gewühl der Schlacht bei * * * unser Oberst vom Pferde sank. Alles Blut strömte mir zum Herzen -- denn Scoresby war ihm im Rang der nächste. ›Jetzt ist der Augenblick da,‹ dachte ich, ›noch zehn Minuten und wir sind alle zum Teufel.‹

»Die Schlacht tobte fürchterlich, überall gerieten die Verbündeten ins Wanken. Unser Regiment nahm eine der wichtigsten Stellungen ein -- geschah jetzt ein Mißgriff, so waren wir vernichtet.

»Was aber that der Narr aller Narren in diesem entscheidungsvollen Augenblick? -- Er ließ das Regiment ausrücken, um einen benachbarten Hügel zu besetzen, auf welchem auch nicht die geringste Spur feindlicher Truppen zu entdecken war.

»›Nur immer zu,‹ dachte ich bei mir, ›jetzt läufst du sicher in dein Verderben!‹

»Fort stürmten wir und hatten schon den Gipfel des Hügels erreicht, bevor noch das wahnwitzige Unternehmen entdeckt und verhindert werden konnte. Was aber fanden wir? -- Eine ganze russische Reservearmee, von der kein Mensch etwas ahnte. Und was geschah? -- Wurden wir in Stücke gehauen? Das wäre in neunundneunzig Fällen unter hundert unfehlbar geschehen. Doch nein -- die Russen sagten sich, daß, wie die Sachen standen, unmöglich ein einziges Regiment den Angriff wagen könne, die ganze englische Armee müsse im Anzug -- die geplante Kriegslist entdeckt und vereitelt sein. Sie machten rechtsumkehrt und stürzten sich über Hals und Kopf in wildem Durcheinander den Hügel hinab auf das Schlachtfeld -- wir immer hinter ihnen drein. Sie selbst durchbrachen die feste, russische Schlachtordnung und richteten die heilloseste Verwirrung an. Die Niederlage der Verbündeten verwandelte sich in einen entscheidenden, glänzenden Sieg.

»Marschall Canrobert, welcher, überwältigt von Staunen, Bewunderung und Entzücken, den Angriff beobachtet hatte, sandte sofort nach Scoresby, schloß ihn gerührt in die Arme und schmückte ihm eigenhändig, im Angesicht sämtlicher Heere, die Brust mit dem höchsten Orden.

»Was aber war die eigentliche Veranlassung zu Scoresbys Mißgriff gewesen? Diesmal weiter nichts, als daß er rechts und links verwechselt hatte. Ihm war Befehl erteilt worden, sich zurückzuziehen, um den rechten Flügel zu verstärken; statt dessen rückte er vor und zog sich nach links den Hügel hinauf. Der Ruhm seines wunderbaren militärischen Genies aber ist seit jenem Tage in alle Welt hinaus geflogen und wird für ewige Zeiten in den Büchern der Geschichte leuchten.

»Liebenswürdig ist er, freundlich, gut und anspruchslos, wie nur ein Mensch sein kann, aber er versteht gar nichts, in keiner Lage weiß er sich zu helfen und würde sich ruhig naß regnen lassen, statt unter Dach zu gehen. Ich versichere Sie, es ist die reinste Wahrheit: einen größeren Dummkopf wie ihn giebt es nicht auf der Welt. Noch vor einer halben Stunde aber war ich, außer ihm selbst, der einzige Mensch der das wußte. Jahraus, jahrein und Tag für Tag ist er von einem ganz unerhörten und beispiellosen Glück förmlich verfolgt worden. Er hat sich ein Menschenalter hindurch in allen unsern Kriegen mit Glanz hervorgethan. Seine militärische Laufbahn wimmelt von Mißgriffen aller Art, aber für jeden Fehler, den er beging, hat er entweder ein Ehrenzeichen erhalten, oder er ist zum Lord, zum Baron oder zu sonst etwas gemacht worden. Sie haben ja neulich bei dem Festmahl gesehen, wie seine Brust mit fremden und einheimischen Orden über und über bedeckt war; jeden einzigen, das können Sie mir glauben, trägt er zum Andenken an irgend einen haarsträubenden Irrtum, alle zusammen genommen aber bilden den schlagendsten Beweis, _daß Glück_ das beste Angebinde ist, welches einem Menschenkinde in die Wiege gelegt werden kann.« --

* * * * *

Bald nach Erscheinen dieser Satire in Harpers Monatsschrift kam Mark Twain nach England. Seine Freunde dort gaben ihm den dringenden Rat, dem _General Wolseley_ aus dem Wege zu gehen und es entspann sich darob folgendes Gespräch:

_Mark Twain_: Warum denn? Ich bin ihm nichts schuldig.

_Seine Freunde_: Das mag sein, aber vielleicht er Ihnen!

_Mark Twain_: Wieso? Ich verstehe nicht.

_Seine Freunde_: Nun, -- für Ihre Geschichte im letzten Harperschen Monatsheft.

_Mark Twain_: Ach was! Für die bin ich längst bezahlt! Was geht ihn das an? --

_Seine Freunde_: O nichts -- nur insofern, als er der Held dieser Geschichte ist.

Es scheint, daß diese Gründe auf Mark Twain doch einen gewissen Eindruck gemacht haben, denn es heißt, daß er auf seiner Reise in England sich angelegen sein ließ, dem berühmten General aus dem Wege zu gehen.

Wie der Verfasser in Newark angeführt wurde.

Es ist nicht gerade angenehm, etwas Ungünstiges von sich selbst zu erzählen, aber der Mensch hat hin und wieder einmal das Bedürfnis, eine Beichte abzulegen. Ich fühle mich gedrungen mein Gemüt zu erleichtern, aber ich glaube fast, daß ich es mehr thue, um meinem Unmut über einen andern Luft zu machen, als um Balsam auf mein verwundetes Herz zu träufeln. (Was Balsam ist, weiß ich nicht; ich habe niemals Balsam gesehen, aber mich dünkt, das ist bei solcher Veranlassung der herkömmliche Ausdruck.)

* * * * *

Bekanntlich habe ich kürzlich in Newark vor den jungen Herren der Museums-Gesellschaft eine Vorlesung gehalten. Vorher sprach ich mit einem der jungen Herren, welcher sagte, er habe einen Onkel, der aus irgend einer Ursache dauernd der Fähigkeit beraubt zu sein scheine, in Gemütsbewegung zu geraten. Mit Thränen in den Augen rief der junge Mann:

»O, könnte ich ihn nur lachen hören, könnte ich ihn nur einmal weinen sehen!«

Ich war gerührt. Bei Schmerz und Kummer wird mir immer weich ums Herz; deshalb sagte ich: »Bringen Sie ihn nur mit in die Vorlesung, da will ich ihm schon zusetzen, bis wieder Leben in ihn kommt.«

»O, wenn Sie das thun könnten -- wenn Ihnen das möglich wäre! Unsere ganze Familie würde Sie in alle Ewigkeit dafür segnen -- er liegt uns allen so sehr am Herzen! Können Sie ihn wirklich zum Lachen bringen, mein Wohlthäter? Können Sie die trockenen Augensterne zu lindernden Thränen rühren?«

Ich war tief ergriffen und sagte: »Mein Sohn, bringen Sie den guten Alten nur mit. Es kommen in meinem Vortrag ein paar Späße vor, über die er lachen wird, wenn er überhaupt noch ein Zwerchfell hat. Thun diese keine Wirkung, so habe ich ein paar andere, die ihn weinen machen oder ihn umbringen -- entweder -- oder.« Da schluchzte der junge Mann an meinem Halse, wünschte mir Gottes Segen und suchte seinen Onkel auf. Er setzte ihn am Abend mir gegenüber auf die zweite Bank und -- ich ging ans Werk. Ich versuchte es zuerst mit feinen Scherzen und dann mit gröberen; ich nahm ihn mit schlechten Witzen in die Kur und hielt ihn mit guten Witzen zum Besten; ich bombardierte ihn mit abgedroschenen Späßen und beschoß ihn von allen Seiten mit gepfefferten, funkelnagelneuen. Ich wurde warm bei meiner Arbeit und stürmte von rechts und links, von vorn und hinten auf ihn ein; ich dampfte und schwitzte, eiferte und tobte, bis ich heiser und krank, toll und rasend war, aber -- ich konnte kein Leben in ihn bringen -- weder ein Lächeln noch eine Thräne preßte ich ihm ab. Nicht den Schatten eines Lächelns und keine Spur von Feuchtigkeit. Ich war starr vor Staunen. Endlich schloß ich den Vortrag mit einem verzweifelten Aufschrei, in einem wilden Ausbruch von Humor, und schleuderte ihm einen Witz von übernatürlicher Ungeheuerlichkeit an den Kopf. Dann setzte ich mich verwirrt und erschöpft nieder.

Der Vorstand der Gesellschaft trat zu mir, kühlte mir die Stirn mit frischem Wasser und fragte: »Was hat Sie nur gegen das Ende so in Aufregung gebracht?«

»Ich wollte den verdammten alten Narren in der zweiten Reihe durchaus zum Lachen bringen,« rief ich.

»Ah so -- ja, da haben Sie sich umsonst bemüht,« erwiderte er; »_der_ Mann ist taub und stumm und so blind wie ein Maulwurf.«

Nun frage ich -- war es von dem Neffen des alten Mannes nicht unverantwortlich, einem Fremden und Waisenknaben wie mir, so mitzuspielen? Ich frage den Leser als Mitmenschen und Bruder, ob das rechtschaffen von ihm gehandelt war?

Schonend beigebracht.

Als der selige Richter Bagley damals im Gerichtshause stolperte, die Treppe hinabstürzte und den Hals brach, entstand die große Frage, wie man seiner armen Frau die Trauernachricht mitteilen solle. Endlich war die Leiche auf den Wagen unseres alten, braven Fuhrmanns geladen und diesem die Weisung erteilt, den Verunglückten nach Frau Bagleys Wohnung zu schaffen, aber dabei mit der größten Rücksicht und Behutsamkeit zu Werke zu gehen, insbesondere die Unglücksbotschaft ja nicht plötzlich und auf einmal auszurichten, sondern Frau Bagley erst gehörig darauf vorzubereiten.

Nachdem der Fuhrmann mit seiner traurigen Last angelangt war, schrie er laut, bis die Frau des Richters an der Thüre erschien.

Alsdann fragte er: »Wohnt hier nicht die Witwe Bagley?«

»Die _Witwe_ Bagley? -- Nein, die wohnt nicht hier!«

»Ich will doch gleich drauf wetten, daß sie hier wohnt! -- Aber, nichts für ungut -- wohnt der Richter Bagley vielleicht hier?«

»Jawohl, der Richter Bagley wohnt hier.«

»Ich will doch gleich drauf wetten, daß er nicht hier wohnt! Aber, wie Sie wollen; ich bin nicht rechthaberisch. Ist der Richter zu Hause?«

»Nein, im Augenblick nicht.«

»Dacht' ich mir's doch! -- Weil nämlich -- lehnen Sie sich an die Wand, Madame -- die Kleinigkeit, die ich Ihnen anzukündigen habe, bringt Sie vielleicht etwas aus dem Gleichgewicht. Es ist ein Unglück geschehen -- draußen auf meinem Wagen liegt der alte Richter. Wenn Sie ihn näher ansehen, werden Sie sich überzeugen, daß hier nichts mehr zu machen ist, als die Totenschau über ihn zu halten.«

Trinksprüche.

Auf die Weiber.

Bei dem Jahresfest der Schottischen Gesellschaft in London, am Montag-Abend, brachte Mark Twain den Toast auf die ›Damen‹ aus; dieser lautete nach dem ›Observer‹ wie folgt:

»Es erfüllt mich mit aufrichtigem Stolz, daß ich gewählt worden bin, um gerade den Toast auf die ›Damen‹ auszubringen oder -- wenn Sie nichts dagegen haben -- auf die Weiber, denn diese Bezeichnung scheint mir doch besser; sie ist jedenfalls die ältere und daher die ehrwürdigere. (Gelächter.) Ich habe bemerkt, daß die Bibel, mit der den heiligen Schriften so eigentümlichen Einfachheit und Offenheit, sogar von der erhabenen Mutter des ganzen Menschengeschlechts nie den Ausdruck ›Dame‹ gebraucht, sondern sie stets ein Weib nennt. (Gelächter.) Das mag seltsam erscheinen, aber es ist eine Thatsache. -- Ich bin besonders stolz auf diese Ehre, weil ich finde, daß der Trinkspruch auf die Weiber, sowohl von Rechts wegen als nach den Regeln der Höflichkeit allen andern vorausgehen sollte -- dem Toast auf das Heer, auf die Flotte, ja vielleicht selbst auf die Träger der Königswürde, obgleich letzteres heutzutage in diesem Lande nicht nötig ist, weil man stillschweigend die Gesundheit aller guten Frauen im allgemeinen ausbringt, wenn man die Königin von England und die Prinzessin von Wales leben läßt. (Laute Hochrufe.) Mir fällt dabei ein Gedicht ein, das Ihnen wohlbekannt ist; jedermann kennt es ja. Der gegenwärtige Trinkspruch ruft es aber uns allen so recht ins Gedächtnis und wir stimmen begeistert mit ein in die Worte des edelsten, reinsten, anmutigsten und lieblichsten unserer Dichter, wenn er sagt:

›Weib -- o Weib! -- Hm -- Weib --‹

(Gelächter.) Ohne Zweifel entsinnen Sie sich der Verse, die uns mit so vielem Gefühl und so anmutiger Zartheit, fast ohne daß wir's gewahr werden, Zug für Zug das Ideal des echten und vollkommenen Weibes vorführen. Wir schauen im Geist das vollendete Meisterwerk und preisen bewundernd den Genius, der ein so holdes Wesen durch den Hauch seines Mundes, durch bloße Worte zu schaffen vermocht hat. Sie werden sich ferner erinnern, wie der Dichter in treuer Uebereinstimmung mit der Geschichte des ganzen Menschengeschlechts dies schöne Kind seines Herzens und Verstandes den Prüfungen und Sorgen dahingiebt, welche früher oder später allen Erdenbewohnern beschieden sind, bis die traurige Geschichte zuletzt in der wilden, leidvollen Ansprache gipfelt, die allen vergangenen Kummer aufs neue wach ruft. Der Wortlaut der Zeilen ist folgender:

-- Ach! -- o weh! -- ach! --

und so weiter. (Gelächter.) Mir ist das übrige nicht gegenwärtig; aber alles in allem halte ich diese Verse für die schönste Huldigung, welche der Genius des Dichters den Frauen je gewidmet hat. (Gelächter.) Ich weiß, ich könnte stundenlang sprechen, ohne meinem großen Thema auf anmutigere oder vollendetere Weise Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, als ich es gethan habe, indem ich einfach die unvergleichlichen Dichterworte anführte. (Erneutes Gelächter.)

Die Entwicklungsformen des weiblichen Geschlechts sind von unendlicher Mannigfaltigkeit. Man betrachte welchen Typus des Weibes man will, immer wird man daran etwas zu achten, zu bewundern, zu lieben finden, etwas, das Herz und Hand beglückt. Wer besaß mehr Vaterlandsliebe als die Jungfrau von Orleans? Wer war tapferer? Wer hat uns ein erhabeneres Beispiel opferfreudiger Hingabe gezeigt? Wie deutlich, wie lebendig erinnern wir uns alle an die Nachricht, welche wie eine große Woge des Kummers zu uns heranflutete, daß Jeanne d'Arc bei Waterloo gefallen sei. (Stürmisches Gelächter.) Wer trauert nicht um den Tod der Sappho, der holden Sängerin Israels? (Gelächter.) Wer unter uns vermißt nicht die liebreichen Dienste, den sanften Einfluß, die demütige Frömmigkeit der Lucrezia Borgia? (Gelächter.) Wer kann in die herzlose Verleumdung einstimmen, welche sagt, das Weib sei verschwenderisch in Putz und Kleidung, wenn er zurückblickt und sich den einfachen Anzug unserer Mutter Eva ins Gedächtnis ruft, welcher der Hochlandstracht glich -- mit geringen Abänderungen. (Schallendes Gelächter.) Verehrte Anwesende, die Weiber sind Kriegerinnen gewesen, sie waren Malerinnen, Dichterinnen. So lange es eine Sprache giebt, wird der Name Cleopatra in aller Munde leben. Nicht etwa, weil sie Georg den Dritten eroberte -- (Gelächter) -- sondern weil sie die klassischen Zeilen schrieb:

»Es beißt der Hund und bellt voll Lust; Gott schuf den Trieb ihm in der Brust!«

(Lautes Gelächter.) Auf den weiten Gefilden der Geschichte ragen ganze Bergzüge erhabener Weiber empor -- die Königin von Saba, Josephine Semiramis -- die Liste ist endlos. (Gelächter.) Aber ich will nicht Heerschau über sie alle halten; schon bei der bloßen Andeutung steigen die Namen in Ihrem Gedächtnis auf, leuchtend von dem Ruhm unsterblicher Thaten, geheiligt durch die Liebe und Verehrung aller Guten und Edlen jeden Zeitalters und jeden Weltteils (Hochrufe.) Möge es unserem Stolz und unserer Ehrliebe genügen, daß unsere Zeit dieser Liste Namen wie Grace Darling und Florence Nightingale hinzugefügt hat. (Hochrufe.)

Das Weib ist ganz wie es sein sollte -- sanft, geduldig, langmütig, vertrauensvoll, selbstlos, voll edler, hochherziger Triebe. Es ist des Weibes heiliger Beruf, die Traurigen zu trösten, für die Irrenden zu bitten, die Gefallenen aufzurichten, den Freundlosen Liebe zu erzeigen. Mit einem Wort, die Frau schenkt allen mißhandelten und verfolgten Kindern des Unglücks, die an ihre Thüre klopfen, den heilenden Balsam ihres Mitgefühls und gewährt ihnen eine Freistätte in ihrem Herzen. Jeder, der die veredelnde Gemeinschaft einer Gattin, die nie ermüdende Hingebung einer Mutter kennt, wird von Herzen einstimmen, wenn ich sage: Gott segne das Weib!« -- (Laute und andauernde Beifallsrufe.)

Auf die Säuglinge.