Part 14
Gab Alonzo sie auf? Keineswegs. Er sagte bei sich: »Sie wird jenes holde Lied singen, wenn sie schwermütig ist; ich werde sie finden.« Und so nahm er seinen Reisesack und ein tragbares Telephon und schüttelte den Schnee seiner Vaterstadt von seinen Füßen und ging hinaus in die Welt. Er wanderte weit und breit hin und her und durch viele Staaten; wieder und wieder blickten Fremde erstaunt auf einen abgezehrten, blassen, melancholischen Mann, der mühevoll an winterlichen und einsamen Orten eine Telegraphenstange erklomm, dort traurig eine Stunde saß mit dem Ohr an einem kleinen Kästchen, dann seufzend herabkam und müde weiterwanderte. Manchmal wurde auf ihn geschossen, weil man ihn für verrückt und gefährlich hielt. Seine Kleider wurden von Kugeln zerfetzt und er selber am Ende schwer verletzt; aber er ertrug alles geduldig.
So verflossen langsam sieben Wochen, und endlich ergriffen ihn einige Menschenfreunde und brachten ihn in eine Privatirrenanstalt zu New York. Er wehklagte nicht, denn alle seine Kraft war dahin, und mit ihr aller Mut und alle Hoffnung. Der Oberaufseher trat ihm mitleidig seine eigenen behaglichen Gemächer, Wohn- und Schlafzimmer ab und pflegte ihn mit liebender Hingebung.
Nach Verlauf einer Woche war der Patient imstande, zum erstenmale das Bett zu verlassen. Er lag, auf Kissen gestützt, bequem auf dem Sofa und lauschte den Klagelauten der frostigen Märzwinde und dem dumpfen Ton der Fußtritte auf der Straße drunten, -- denn es war etwa sechs Uhr abends, und New York ging von der Arbeit heim. Er hatte ein helles Feuer und zur Erhöhung der Behaglichkeit zwei Studierlampen, und so war es warm und behaglich drinnen, wenn auch draußen frostig und rauh.
Ein schwaches Lächeln glitt über Alonzos Antlitz bei dem Gedanken, daß seine Streifereien aus Liebe ihn in den Augen der Welt zu einem Verrückten gemacht hatten, und er wollte eben seinen Gedankengang weiter verfolgen, als eine schwache, holde Melodie -- sozusagen ein Tonschatten, so fern und dünn schien sie -- an sein Ohr schlug. Seine Pulse hörten auf zu schlagen; er lauschte mit offenen Lippen und verhaltenem Atem. Das Lied tönte weiter -- er harrte, lauschte, erhob sich langsam und unbewußt aus seiner Rückenlage und rief endlich frohlockend aus:
»Sie ist's! sie ist's! O, die göttlichen, um einen halben Ton zu tiefen Noten!«
Er schleppte sich begierig zu der Ecke, aus der die Töne kamen, riß einen Vorhang auf die Seite und entdeckte ein Telephon. Er beugte sich darüber, und als die letzte Note erstarb, brach er in den lauten Ausruf aus:
»O, dem Himmel sei Dank, endlich gefunden! Sprich mit mir, teuerste Rosannah! Das qualvolle Geheimnis ist enthüllt; es war der schurkische Burley, der meine Stimme nachahmte und dich mit unverschämter Rede beleidigte!«
Es folgte eine atemlose Pause, für den wartenden Alonzo ein Menschenalter; dann kam ein schwacher Laut, der sich zur Rede formte:
»O, sage diese köstlichen Worte nochmals, Alonzo!«
»Sie sind die Wahrheit, die reinste Wahrheit, meine Rosannah, und du sollst den Beweis haben, glänzenden und vollen Beweis!«
»O, Alonzo, bleibe bei mir! Verlasse mich keinen Augenblick! Laß mich fühlen, daß du mir nahe bist! Sage mir, daß wir nie wieder getrennt sein sollen! O, diese glückliche Stunde, diese gesegnete, denkwürdige Stunde!«
»Wir wollen sie uns ins Gedächtnis einprägen, meine Rosannah; jedes Jahr, wenn die Uhr diese Stunde schlägt, werden wir sie mit Dankgebeten feiern, unser ganzes Leben lang.«
»Das wollen wir, Alonzo, -- ja, das wollen wir!«
»Vier Minuten nach sechs Uhr abends, meine Rosannah, soll hinfort -- --«
»Zwölf Uhr dreiundzwanzig Minuten nachmittags -- --«
»Ei, Rosannah, mein Schatz, wo bist du denn?«
»In Honolulu auf den Sandwichsinseln. Und wo bist du? Bleibe bei mir; verlasse mich keinen Augenblick! Ich könnt' es nicht ertragen. Bist du daheim?«
»Nein, Teure, ich bin in New York -- ein Patient in ärztlicher Behandlung.«
Ein qualvoller Schrei drang in Alonzos Ohr, es klang wie das scharfe Summen einer verletzten Fliege: die Reise von ein paar tausend Meilen hatte die Kraft des Lautes abgeschwächt. Alonzo sagte rasch:
»Beruhige dich, mein Kind. Es ist nichts; ich werde bereits wieder gesund durch die Heilkraft deiner holden Nähe. -- Meine Rosannah!«
»Ja, Alonzo? O, wie du mich erschreckt hast! Fahre fort.«
»Bestimme den Hochzeitstag, Rosannah!«
Es folgte eine kleine Pause; dann antwortete eine schüchterne, leise Stimme: »Ich erröte -- aber vor Freude, vor Glück. Möchtest du es gerne bald haben?«
»Noch in dieser Nacht, Rosannah! nur nicht das Wagnis eines weiteren Verzuges! Warum nicht gleich? -- noch in dieser Nacht, in diesem Augenblick!«
»O, du ungeduldiger Mann! Ich habe niemand hier als meinen guten alten Onkel, einen früheren Missionar -- niemand als ihn und seine Frau. Es würde mir so von Herzen lieb sein, wenn deine Mutter und deine Tante Susanne -- --«
»_Unsere_ Mutter und _unsere_ Tante Susanne, meine Rosannah!«
»Ja, _unsere_ Mutter und _unsere_ Tante Susanne -- ich will gerne so sagen, wenn es dir recht ist; es wäre mir so lieb, wenn sie bei der Trauung zugegen wären.«
»Ich möchte es auch. Wie wär's, wenn du an Tante Susanne telegraphiertest? Wie lange würde es dauern, bis sie käme?«
»Der Dampfer geht übermorgen von San Francisco ab und ist acht Tage unterwegs; sie würde also am 31. März hier sein.«
»Dann bestimme den 1. April, teuerste Rosannah!«
»Ums Himmels willen, Alonzo, da würden wir ja zu Aprilnarren!«
»Wir würden dann jedenfalls die glücklichsten, welche die Sonne jenes Tages auf dem ganzen weiten Erdenrund bescheint; was ficht's uns also an? Sage am 1. April, Teure.«
»Nun denn, von Herzen gern, der 1. April soll es sein.«
»Wie herrlich! Bestimme auch die Stunde, Rosannah.«
»Ich liebe den Morgen mit seiner Frische und Heiterkeit. Paßt es dir um acht Uhr morgens, Alonzo?«
»Die schönste Stunde des Tages -- da sie dich zu der meinigen macht.«
Es folgte eine Pause, während welcher ein Ton hörbar war, als ob körperlose Geister Küsse austauschten; dann sagte Rosannah: »Entschuldige mich nur für einen Augenblick, Lieber; ich muß einen Besuch erwarten, drüben im andern Zimmer.«
Das junge Mädchen eilte in das Besuchszimmer und nahm an einem Fenster Platz, das die Aussicht auf eine schöne Landschaft gewährte. Zur Linken konnte man das hübsche Nuuanathal, eingesäumt von einer üppigen Fülle tropischer Blumen und graziöser Kokospalmen, überschauen; die anstoßenden niederen Hügel waren in das leuchtende Grün von Zitronen- und Orangenbäumen gekleidet; die geschichtlich berühmte Schlucht drüben, in welche der erste Kamehameha seine dem Untergange geweihten Feinde hineintrieb, hatte wahrscheinlich ihre grausige Geschichte vergessen, denn wie gewöhnlich am Mittag wölbte sich eine Anzahl von Regenbogen über ihr. Gerade vor dem Fenster sah man die wunderlich gebaute Stadt und hie und da eine Gruppe von dunkelfarbenen Eingeborenen, die sich des fast unerträglich heißen Wetters freuten; und weitab zur Rechten lag der ruhelose Ozean, der seine weiße Mähne im Sonnenscheine schüttelte.
Rosannah saß wartend da, in ihrem leichten weißen Gewand, und fächelte ihr erregtes und erhitztes Gesicht; endlich steckte ein halbnackter, mit einem Cylinderhut bedeckter Kanakenknabe den Kopf zur Thür herein und meldete: »Herr aus 'Friesko!«[8]
[8] Abkürzung für San Francisco.
»Weise ihn herein,« sagte das Mädchen, indem sie sich aufrichtete und eine entschiedene Haltung annahm. Herr Sidney Algernon Burley trat ein, von Kopf bis zu Fuß in blendendes Weiß, d. h. in die leichteste und weißeste irische Leinwand gekleidet. Er trat rasch heran, aber das Mädchen machte eine Bewegung mit der Hand und warf ihm einen Blick zu, der ihn plötzlich stehen bleiben ließ. Sie sagte kalt: »Ich bin hier, wie ich versprach. Ich glaubte Ihren Versicherungen, gab ihrem ungestümen Drängen nach und sagte, ich würde den Tag bestimmen. Ich bestimme den 1. April um acht Uhr des morgens. Und nun gehen Sie.«
»O, meine Teuerste, wenn die Dankbarkeit einer Lebenszeit -- --«
»Kein Wort mehr. Erlassen Sie mir Ihren Anblick und jeden Verkehr mit Ihnen bis zu jener Stunde. Nein -- keine Bitten; ich will es so haben.«
Als er fort war, sank sie erschöpft in einen Stuhl, denn die lange Belagerung des Kummers, die sie ausgehalten, hatte ihre Kraft geschwächt. Gleich darauf sagte sie: »Mit knapper Not entkommen! Wenn er eine Stunde früher gekommen wäre, -- -- es schaudert mich, wenn ich daran denke! Denken zu müssen, daß es mit mir dahin gekommen wäre, daß ich mir einbildete, dieses betrügerische, dieses falsche, dieses verräterische Ungeheuer zu lieben! O, er soll seine Schurkerei bereuen!«
Wir wollen diese Geschichte jetzt rasch zu Ende führen, denn es ist nur weniges noch zu sagen. Am 2. April enthielt der Honoluluer ›Anzeiger‹ folgende Notiz:
»_Verheiratet._ -- Dahier, per Telephon, gestern früh um acht Uhr, durch den hochwürdigen Herrn Nathan Hays, unter Assistenz des hochwürdigen Herrn Nathaniel Davis zu New York, Herr Alonzo Fitz Clarence von Eastport in Maine, mit Fräulein Ethelton von Portland in Oregon. Zugegen war Frau Susanne Howland von San Francisco, eine Freundin der Braut, gegenwärtig zu Gast bei Herrn und Frau Hays, dem Onkel und der Tante der Braut. Auch Herr Sidney Algernon Burley von San Francisco war zugegen, blieb aber nicht bis zum Schluß der Trauungsfeierlichkeit. Kapitän Hawthornes hübsche und geschmackvoll dekorierte Yacht wartete im Hafen, und die glückliche Braut und ihre Freunde brachen gleich darauf zu einem Ausflug nach Lahaina und Haleakala auf.«
Die New Yorker Zeitungen vom selben Datum enthielten folgende Notiz:
»_Verheiratet._ -- Dahier, gestern, per Telephon, um halb drei Uhr in der Frühe, durch den hochw. Herrn Nathaniel Davis, unter Assistenz des hochw. Herrn Nathan Hays zu Honolulu, Herr Alonzo Fitz Clarence von Eastport in Maine und Fräulein Rosannah Ethelton von Portland in Oregon. Die Eltern und mehrere Freunde des Bräutigams waren zugegen. Nachdem die Gesellschaft ein festliches Frühstück genossen und sich bis gegen Sonnenaufgang vergnügt unterhalten, brach sie zu einem Ausflug nach dem Aquarium auf, da des Bräutigams Gesundheitszustand keine ausgedehntere Reise zuläßt.«
Gegen das Ende jenes denkwürdigen Tages waren Herr und Frau Alonzo Fitz Clarence in ein zärtliches Gespräch über die Vergnügungen ihrer beiderseitigen Hochzeitsausflüge vertieft, als plötzlich die junge Frau ausrief: »O Lonny, ich vergaß ganz! Ich that, was ich mir vorgenommen.«
»Was, Geliebte?«
»Ich machte _ihn_ zum Aprilnarren! Und ich sagte es ihm auch! O, es war eine reizende Ueberraschung! Da stand er, schmorend in einem schwarzen Anzug, während das Thermometer oben zur Röhre hinauswollte, in Erwartung der Trauung. Du hättest die Miene sehen sollen, die er machte, als ich es ihm ins Ohr flüsterte! Ach, seine Verruchtheit hatte mir viel Herzeleid gebracht und manche Thräne erpreßt; aber in jenem Augenblick war alles quitt. Das Gefühl der Rache wich gänzlich aus meinem Herzen und ich lud ihn ein zu bleiben und sagte, ich habe ihm alles vergeben; aber er wollte nicht. Er schwur, sich grimmig zu rächen und unser Leben zu einem Fluch für uns zu machen. Aber das _kann_ er nicht, mein Teuerster, nicht wahr?«
»Niemals in dieser Welt, meine Rosannah,« antwortete Alonzo innig. --
* * * * *
Tante Susanne, die Großmutter in Oregon, das junge Paar und ihre Mutter zu Eastport sind alle glücklich, während ich dies schreibe, und werden es wohl auch bleiben. Tante Susanne holte die Braut von den Sandwichsinseln ab, begleitete sie über den amerikanischen Kontinent und hatte das Glück, die entzückte Begegnung zweier sich anbetender Ehegatten mitanzusehen, die bis dahin einander nie gesehen hatten.
Ein Wort über den nichtswürdigen Burley, dessen verruchte Ränke beinahe die Herzen unseres lieben jungen Paares gebrochen und ihr Leben elend gemacht hätten, wird genügen. Bei einem Anfall auf einen verkrüppelten und hilflosen Arbeiter, der ihm, wie er sich einbildete, eine geringfügige Beleidigung angethan hatte, zersprang sein Revolver und tötete ihn auf der Stelle.
Die kapitolinische Venus.
Erstes Kapitel.
(Ort der Handlung: das Atelier eines Künstlers in Rom.)
»O George, wie liebe ich dich!«
»Meine Mary, mein geliebtes Herz, ich weiß es. Warum ist dein Vater so unerbittlich?«
»George, er meint es gut, aber ihm ist die Kunst eine Thorheit; er versteht nur den Spezereihandel. Er meint, ich würde bei dir verhungern.«
»Verwünscht sei seine Klugheit! Warum bin ich nicht ein geldmachender, herzloser Gewürzkrämer, statt eines gottbegabten Bildhauers -- der nichts zu essen hat!«
»Verzage nur nicht, mein George! -- Alle seine Vorurteile werden schwinden, sobald du erst einmal fünfzigtausend Dollars erworb -- --«
»Fünfzigtausend Teufel! -- Kind, ich bin mein Kostgeld noch schuldig!« --
Zweites Kapitel.
(Ort der Handlung: eine Wohnung in Rom.)
»Geehrter Herr, alles Reden ist unnütz. Ich habe nichts gegen Sie; aber ich kann meine Tochter nicht an ein Ragout von Liebe, Kunst und Hunger verheiraten -- und sonst haben Sie, glaube ich, nichts zu bieten.«
»Mein Herr, ich bin arm, ich leugne es nicht. Aber hat denn der Ruhm keinen Wert? Der Senator Belem Fyoodle von Arkansas sagt, daß meine neue Statue der Amerika ein treffliches Werk der Bildhauerkunst ist und er die Ueberzeugung hegt, mein Name werde noch einmal berühmt werden.«
»Leeres Geschwätz! Was versteht der Esel aus Arkansas davon? -- Auf den Marktpreis Ihrer marmornen Vogelscheuche kommt es an. Sechs Monate haben Sie daran herumgemeißelt und jetzt giebt Ihnen keiner hundert Dollars dafür. Nein, mein Herr. Weisen Sie mir fünfzigtausend Dollars vor und Sie können meine Tochter haben -- andernfalls heiratet sie den jungen Simper. Sie haben sechs Monate Zeit, die Summe herbeizuschaffen. -- Guten Morgen, mein Herr.« --
* * * * *
»Ach, ich Unglücklicher!«
Drittes Kapitel.
(Ort der Handlung: das Atelier.)
»O John, Freund meiner Knabenjahre! Ich bin der unseligste der Menschen.«
»Ein Einfaltspinsel bist du!«
»Nichts bleibt mir, das ich lieben könnte, als meine Statue der Amerika -- und ach! selbst sie zeigt kein Mitgefühl für mich in ihren kalten Gesichtszügen -- so schön und so herzlos!«
»Du bist ein Narr!«
»O John!«
»O Unsinn! -- Hast du nicht gesagt, du hättest sechs Monate Zeit, um das Geld zusammen zu bringen?«
»Spotte nicht meiner Qual, John. Wenn ich sechs Jahrhunderte hätte, was würde es mir nützen? Was könnte es einem armen Schlucker ohne Namen, ohne Kapital, ohne Freunde helfen?«
»Hasenfuß, Kindskopf, Feigling, der du bist! Sechs Monate, um die Summe herbeizuschaffen, und fünf sind genug!«
»Bist du von Sinnen?«
»Sechs Monate -- Zeit die Fülle! überlasse mir's -- ich verschaffe sie dir.« --
»Was sprichst du, John? Wie in aller Welt willst du eine so ungeheure Summe für mich auftreiben?« --
»Das laß meine Sorge sein, du darfst dich gar nicht hineinmischen! Willst du die ganze Sache in meine Hände legen? Willst du geloben, dich allem zu unterwerfen, was ich thue? Willst du mir schwören, alle meine Handlungen gut zu heißen?«
»Mir schwindelt -- es wird mir schwarz vor den Augen -- aber -- ich schwöre!«
Hierauf ergreift John einen Hammer und schlägt der Amerika mit der größten Ruhe die Nase ab. Er holt noch einmal aus und zwei ihrer Finger liegen auf dem Boden; noch ein Streich und von dem einen Ohr fliegt ein Stück ab; noch einer und eine Reihe Zehen sind zertrümmert und abgehauen; ein letzter Hammerschlag und das linke Bein, vom Knie abwärts, liegt als Trümmerhaufen da.
John nimmt seinen Hut und geht.
* * * * *
George starrt dreißig Sekunden lang sprachlos auf die verstümmelte Greuelgestalt, die vor ihm steht, dann wälzt er sich in Krämpfen am Boden.
Bald darauf kehrt John mit einem Wagen zurück, ladet den Künstler mit dem gebrochenen Herzen, sowie die Statue mit dem gebrochenen Bein auf und fährt in aller Gemütsruhe leise pfeifend davon. Den Künstler schafft er nach dessen Wohnung, fährt mit der Statue weiter und verschwindet mit ihr die ~Via Quirinalis~ hinunter.
Viertes Kapitel.
(Ort der Handlung: das Atelier.)
»Heute um zwei Uhr sind die sechs Monate um. O Höllenqual! Mein Leben ist vernichtet! Ich wollte, ich wäre tot! Gestern nicht zu Nacht gegessen -- heute kein Frühstück! Ich wage mich in kein Speisehaus hinein. Aber hungrig bin ich -- o, still davon! -- Mein Schuster plagt mich bis aufs Blut -- mein Schneider liegt mir in den Ohren -- mein Hauswirt mahnt mich zu zahlen. Wie elend bin ich! John habe ich seit jenem entsetzlichen Tage nicht wieder gesehen. _Sie_ lächelt mir zärtlich zu, wenn wir uns auf einer der Hauptstraßen begegnen, aber auf den grausamen Wink ihres Vaters mit dem Kieselherzen muß sie gleich nach der andern Seite sehen. -- Horch! Wer klopft an der Thür? Wer verfolgt mich schon wieder? Gewiß dieser boshafte Halunke, der Schuster -- Herein!«
* * * * *
»Ach -- Glück und Segen über Ew. Hoheit! Der Himmel beschütze Ew. Gnaden. Ich habe Dero neue Stiefel gebracht. -- Bitte -- von Bezahlung ist gar nicht die Rede -- damit hat es keine Eile -- nicht die allergeringste; ich werde stolz sein, wenn der gnädige Herr mich auch fernerhin mit seiner Kundschaft beehren will -- ergebenster Diener -- empfehle mich unterthänigst.«
»Er bringt die Stiefel selbst! Braucht keine Bezahlung! Empfiehlt sich mit einem Kratzfuß wie für eine Majestät. Wünscht meine fernere Kundschaft! Steht denn das Ende der Welt bevor? Was bei allen -- Herein!«
»Verzeihung, Signore, aber ich bringe Ihren neuen Anzug zum --«
»Herein!!«
»Bitte tausendmal um Entschuldigung, wenn ich störe, gnädiger Herr. Ich habe die Reihe schöner Zimmer im unteren Stock für Sie hergerichtet. Dieses elende Loch paßt ja durchaus nicht für --«
»Herein!!!«
»Ich komme Ihnen zu melden, daß Ihr Kredit in unserem Bankhause, der leider seit einiger Zeit unterbrochen war, in durchaus befriedigender Weise aufs neue wieder eröffnet ist. Wir stehen mit Vergnügen zu Ihren Diensten, welchen Betrag Sie auch zu entnehmen wünschen --«
»Herein!!!!«
»Mein wackerer Junge! Sie ist die Deinige! Sogleich wird sie hier sein. Nimm sie, heirate sie, liebe sie, seid glücklich! Gott segne euch beide. Hurra! Hoch!«
»Herein!!!!!«
»O George, mein Geliebter, wir sind gerettet!«
»O Mary, mein teures Herz, wir sind gerettet! Aber, bei meiner Seele -- ich weiß weder warum noch wie!« --
Fünftes Kapitel.
(Ort der Handlung: ein Kaffeehaus in Rom.)
Mehrere amerikanische Herren sitzen beisammen. Einer derselben liest und übersetzt aus dem Wochenblatt: ~Il Slangwhanger di Roma~ den folgenden Artikel:
_Wunderbare Entdeckung._
»Vor etwa sechs Monaten kaufte Herr John Smith, ein Amerikaner, seit einigen Jahren in Rom wohnhaft, für eine unbedeutende Summe ein kleines Stück Land in der Campagna, gerade hinter dem Grabmal der Familie Scipio, von dem Eigentümer, einem bankerotten Verwandten der Prinzessin Borghese. Hierauf begab sich Herr Smith zum Minister der öffentlichen Angelegenheiten und ließ das Grundstück auf einen armen amerikanischen Künstler Namens George Arnold übertragen, indem er erklärte, er thäte das als Vergütung und Ersatz für einen baren Schaden, welchen er vor langer Zeit zufällig an Herrn Arnolds Eigentum angerichtet habe. Auch fügte er hinzu, er wolle, um den Herrn völlig zufrieden zu stellen, verschiedene Verbesserungen auf dem Grundstück für eigene Rechnung ausführen lassen.
Vor vier Wochen nun, bei Gelegenheit einer notwendigen Umgrabung auf dem Grundstück, förderte Herr Smith die herrlichste antike Statue zu Tage, welche jemals den reichen Kunstschätzen Roms hinzugefügt worden ist. Es war eine wundervolle Frauengestalt, die, obgleich auf traurige Weise im Erdboden von dem Moder der Jahrhunderte beschädigt, dennoch jedes Auge durch ihre hinreißende Schönheit entzücken muß. Die Nase, das linke Bein vom Knie an, ein Ohr, zwei Finger einer Hand, sowie die Zehen des rechten Fußes fehlen; im übrigen ist die edle Gestalt aber wunderbar gut erhalten. Die Regierung sandte sofort eine Wache ab, um Beschlag auf die Statue zu legen und setzte eine Kommission von Kunstkennern, Altertumsforschern und Kirchenfürsten ein, um ihren Wert abzuschätzen und die Höhe der Entschädigung zu bestimmen, welche dem Besitzer des Grund und Bodens gebühre, auf dem sie gefunden worden. Bis zum gestrigen Abend herrschte über die ganze Angelegenheit das tiefste Geheimnis und die Kommission hielt ihre Sitzungen bei verschlossenen Thüren. Schließlich war einstimmig festgestellt, daß die Statue eine Venus sei und von einem unbekannten aber hochbegabten Künstler aus dem dritten Jahrhundert vor Christo herrühre. Sie ward für das tadelloseste Kunstwerk erklärt, das die Welt je gesehen hat.
Um Mitternacht erfolgte die Schlußberatung, in welcher die Venus auf die ungeheure Summe von zehn Millionen Franken geschätzt ward. Da nach römischem Gesetz und Brauch der Staat zur Hälfte Eigentümer aller in der Campagna gefundenen Kunstschätze ist, so hat die Regierung weiter nichts zu thun, als Herrn Arnold fünf Millionen Franken zu zahlen und dauernden Besitz von der schönen Statue zu nehmen. Heute morgen wird die Venus auf das Kapitol geschafft und dort bleibend aufgestellt werden. Am Nachmittag begiebt sich darauf die Kommission zu Herrn Arnold, um ihm eine Anweisung für die päpstliche Schatzkammer zu übergeben, welche auf die fürstliche Summe von fünf Millionen Franken in Gold lautet.«
_Chor von Stimmen_: »Ein unerhörtes Glück. So etwas ist noch gar nie dagewesen!«
_Eine Stimme_: »Meine Herren, ich schlage vor, daß wir sofort eine amerikanische Aktiengesellschaft gründen zur Erwerbung von Landbesitz und Ausgrabung von Bildwerken. Für rechtzeitiges Steigen und Fallen der Papiere sollen unsere New Yorker Börsenagenten Sorge tragen.«
_Alle_: »Einverstanden!«
Sechstes Kapitel.
(Ort der Handlung: das römische Kapitol.)
(Zehn Jahre später.)
»Teure Mary, dies ist die berühmteste Statue der Welt, die gefeierte ›kapitolinische Venus‹, von der du so viel gehört hast. Da steht sie -- ihre kleinen Schäden sind restauriert, (das heißt ausgeflickt) durch die angesehensten römischen Künstler. Die bloße Thatsache, daß sie an einer so edlen Schöpfung jene bescheidenen Ausbesserungen vorgenommen haben, wird ihrem Namen Glanz verleihen, so lange die Erde steht. Wie sonderbar kommt er mir doch vor -- dieser Ort! Einen Tag vor dem, wo ich zuletzt, vor zehn glücklichen Jahren, hier stand, -- war ich kein reicher Mann. Gott bewahre! Ich besaß nicht einen roten Heller. Und doch hatte ich mein redlich Thun dabei, daß Rom in den Besitz dieses größten Werkes antiker Kunst gelangt ist, welches die Welt kennt.«
»Die angebetete, die gefeierte kapitolinische Venus! Und wie hoch schätzte man ihren Wert -- auf zehn Millionen Franken, nicht wahr?«
»Ja -- _jetzt_.«
»Aber, George, sie ist auch göttlich schön!«
»Jawohl -- doch nichts gegen das, was sie war, ehe der treffliche John Smith ihr das Bein zerbrach und die Nase abschlug. Erfindungsreicher Smith! -- erleuchteter Smith! -- edler Smith! Urheber all unseres Glücks! -- -- -- Aber Mary, um des Himmels willen, horch! -- Weißt du, was das Röcheln bedeutet? -- Das Kleine hat den Keuchhusten und du bringst es hierher! Wirst du denn niemals lernen auf Kinder acht geben?«
Schluß.
Die kapitolinische Venus steht noch auf dem Kapitol zu Rom und ist immer noch das bezauberndste und berühmteste antike Kunstwerk, dessen die Welt sich rühmen kann. Wenn der Leser jemals das Glück haben sollte, davor zu stehen und in das übliche Entzücken darüber auszubrechen, so möge ihn diese wahre und geheime Geschichte ihres Ursprungs bei dem Genuß nicht stören.