Skizzenbuch

Part 12

Chapter 123,938 wordsPublic domain

»Es gelang ihm zwar einen Aufschubsbefehl gegen seinen Konkurrenten zu erwirken, der letztere appellierte jedoch und brachte die Sache vor eine höhere Instanz. Sie führten den Prozeß weiter bis zum obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten. Es entstand ein heilloser Wirrwarr. Zwei von den Richtern waren der Ansicht, ein Echo sei persönliches Eigentum. Obwohl nicht greifbar, sei es doch käuflich und verkäuflich und daher ein besteuerbarer Gegenstand; zwei andere Richter meinten, ein Echo sei ein Liegenschaftsobjekt, weil es offenbar am Grund und Boden hafte und nicht beweglich sei; andere Richter behaupteten, ein Echo sei überhaupt kein Eigentum.

»Es wurde schließlich entschieden, daß ein Echo ein Eigentumsobjekt sei; daß die beiden Prozessierenden getrennte und unabhängige Eigentümer der beiden Hügel, aber gemeinsame Inhaber des Echos seien: es stehe deshalb dem Beklagten vollkommen frei, seinen Hügel abzutragen, da er ihm allein gehöre, aber er müsse eine Kaution von drei Millionen Dollars stellen als Ersatz für den Schaden, den meines Onkels halber Anteil an dem Echo erleiden könnte. Im weiteren verbot das Urteil meinem Onkel, ohne die Erlaubnis des Gegners, dessen Hügel zur Weckung des Echos zu benützen; er dürfe dazu nur seines eigenen Hügels sich bedienen; könne er unter diesen Umständen seinen Zweck nicht erreichen, so sei das sehr bedauerlich, aber der Gerichtshof könne daran nichts ändern. In derselben Weise wurde der Gegner in Bezug auf diesen Punkt beschieden. Sie können sich denken, was nun geschah. Keiner von beiden wollte dem andern die Einwilligung zur Benützung seines Eigentums geben, und so mußte das berühmte und erhabene Echo auf seine Bethätigung verzichten; seit jenem Tage gleicht das wertvolle Besitztum einer verzauberten Prinzessin, die auf Erlösung harrt.

»Eine Woche vor meinem Hochzeitstage, während ich noch in einem Meer der Wonne schwamm und der hohe Adel von Fern und Nah zur Verherrlichung des Ereignisses sich versammelte, traf die Nachricht von dem Tode meines Onkels und zugleich die Abschrift seines Testaments, das mich zu seinem alleinigen Erben einsetzte, ein. Er war dahin -- ach! mein teurer Wohlthäter war nicht mehr: der Gedanke daran belastet mein Herz noch heute, nach so langer Zeit. Ich händigte das Testament dem Grafen, meinem Schwiegervater, ein, da ich es meiner Thränen wegen nicht lesen konnte. Der Graf las es und sagte dann finster: ›Nennen Sie das Reichtum, Sir? Das kann man nur in Ihrem schwindelhaften Amerika. Sie sind nichts weiter als der alleinige Erbe einer umfangreichen Sammlung von Echos, wenn man das eine Sammlung nennen kann, was weit und breit über das ganze amerikanische Festland zerstreut ist. Und das ist nicht alles, Sir; Sie stecken bis über die Ohren in Schulden; nicht ein Echo unter der ganzen Partie, auf dem keine Hypothek ruhte. Ich bin nicht hartherzig, Sir, aber ich muß das Interesse meines Kindes wahren. Wenn Sie nur _ein_ Echo hätten, das Sie mit Recht Ihr Eigentum nennen könnten, wenn Sie nur ein Echo hätten, das frei wäre von Lasten, so daß Sie sich mit meinem Kinde dorthin zurückziehen und es durch unverdrossenen Fleiß kultivieren und verbessern könnten, so würde ich nicht nein sagen; aber ich kann mein Kind an keinen Bettler verheiraten. Verlasse ihn, mein Liebling! Und Sie, Sir, nehmen Sie Ihre hypothekenbelasteten Echos und gehen Sie mir für immer aus den Augen.‹

»Meine edle Cölestine klammerte sich in Thränen, mit liebenden Armen an mich und schwor, sie wolle gerne, ja mit tausend Freuden die Meine werden, auch wenn ich nicht _ein_ Echo in der Welt hätte. Aber es durfte nicht sein; wir wurden auseinander gerissen -- sie, um innerhalb eines Jahres sich langsam zu Tode zu härmen -- ich, um allein mich hinzuschleppen auf des Lebens langem, beschwerlichem Pfad, täglich, stündlich betend um die Erlösung, die uns wieder vereinen soll in einem himmlischen Reich. Und nun, mein Herr, wenn Sie so freundlich sein wollen, die Karten und Pläne in meiner Mappe anzusehen; ich kann Ihnen gewiß ein Echo billiger ablassen, als irgend jemand. Dieses hier zum Beispiel, welches meinen Onkel vor dreißig Jahren zehn Dollars kostete und eines der entzückendsten in Texas ist, will ich Ihnen für -- --«

»Einen Augenblick, bitte!« sagte ich. »Mein Freund, ich habe heute vor lauter Hausierern noch keine Minute Ruhe gehabt. Ich habe eine Nähmaschine gekauft, die ich nicht brauchte; ich habe eine Landkarte gekauft, die voller Fehler ist; ich habe eine Uhr gekauft, die nicht gehen will; ich habe Mottengift gekauft, das die Motten jeder andern Nahrung vorziehen; ich habe eine endlose Menge nutzloser Erfindungen gekauft, und jetzt bin ich dieser Thorheit satt. Ich möchte keines von Ihren Echos auch nur geschenkt. Ich bin auf jeden wütend, der mir Echos zum Verkauf anbietet. Sehen Sie dieses Gewehr? Nun packen Sie Ihre Sammlung zusammen und sputen Sie sich; lassen Sie es nicht zum Blutvergießen kommen.«

Aber er lächelte nur -- ein melancholisches, sanftes Lächeln -- und zog weitere Pläne heraus. Sie kennen die Geschichte; hat man einmal einem Hausierer die Thür geöffnet, so zieht man immer den kürzeren.

Nach Verfluß einer unerträglichen Stunde waren wir handelseinig. Ich kaufte zwei doppelläufige Echos in gutem Zustand, ein drittes bekam ich drein, das, wie er sagte, unverkäuflich sei, weil es nur Deutsch spräche. »Es war einst vollkommen polyglott,« sagte er, »hat aber irgendwie den größten Teil seiner Sprachfertigkeit eingebüßt.«

Eine wahre Geschichte.

(Gerade so wiedererzählt wie ich sie gehört habe.)

Es war im Sommer, zur Dämmerstunde. Wir saßen alle unter dem Vordach des Landhauses, Tante Rahel in bescheidener Ehrerbietung etwas tiefer wie wir auf den Stufen, denn sie war unsere Magd und eine Farbige. Von hohem Wuchs und gewaltigem Körperbau, hatte sie trotz ihrer sechzig Jahre ihre alte Kraft bewahrt und ihr Augenlicht war noch ungeschwächt. Der braven, lustigen Seele war das Lachen so natürlich wie einem Vogel das Singen. Wie gewöhnlich nach beendetem Tagewerk stand sie auch jetzt wieder im Feuer, das heißt, sie wurde unbarmherzig geneckt, und das machte ihr großes Vergnügen. Sie brach wieder und wieder in schallendes Gelächter aus und wenn sie keinen Atem mehr hatte, hielt sie ihren Kopf mit beiden Händen fest und schüttelte sich im Uebermaß der Wonne und des Entzückens.

»Tante Rahel,« sagte ich zu ihr, als sie dies wieder einmal that, »wie kommt es, daß du sechzig Jahre alt geworden bist und gar nichts Trauriges erlebt hast?«

Da war ihr Lachkrampf vorüber; sie schwieg einen Augenblick, sah über die Schulter nach mir hin und alle Fröhlichkeit war von ihr gewichen.

»Ist das Ihr Ernst, Mista Charles?« fragte sie.

Das überraschte mich sehr und mir verging die scherzhafte Stimmung.

»Je nun,« entgegnete ich betroffen, »ich dachte -- das heißt, ich meinte nur, -- du könntest doch unmöglich jemals Kummer gehabt haben. Noch nie habe ich einen Seufzer von dir gehört, und wenn ich dich sehe, lachst du immer übers ganze Gesicht.« Sie drehte sich jetzt vollends herum und sah mich mit großer Ernsthaftigkeit an.

»Ich -- keinen Kummer? -- Hören Sie Mista Charles, ich erzählen will alles und dann sagen Sie sich's selber. Ich bin geboren unter Sklaven, ganz da unten und weiß alle Dinge von die Sklaverei, weil ich selbst gewesen eine. Nun also, mein Alter -- das heißt mein Mann -- der war lieb und gut zu mir, wie Mista zu seiner eigenen Frau. Sieben Kinder wir haben gehabt und sie geliebt haben wie Mista liebt seine Kinder. Sie schwarz gewesen, aber uns' Herrgott können nicht machen Kinder so schwarz, daß ihre eigene Mutter sie nicht liebt und für nichts in der ganzen Welt hergeben will.

»Nun, Mista Charles, groß geworden ich bin im alten Virginien, aber meine Mutter, sie stammte aus Maryland. -- Mein' Seel', wenn die in Zorn geriet, das schrecklich war; sie konnte den Leuten die Pelz waschen, daß die Haare flogen. Wenn sie so recht im Harnisch war, dann sie hatte immer bloß eine Wort, die sie sagte. Sie reckte hoch sich in der Höhe, stemmte die Fäuste in die Seite und sagte: ›Na, wartet, ich das werd' euch lehren! Ihr denkt wohl, ich stamm' aus 'nem Bettelsack und wollt mich narren, ihr Lumpenpack? Ich bin von die alte blaue Henne ihr Hühnchen, daß ihr's wißt!‹ -- Sehen Sie, so Leute sich nennen, die in Maryland sind geboren und sind stolz darauf. Ja, ja, sie sagte das immer, und ich vergeß' es mein Lebtag nicht, weil sie sagte es so oft und auch einmal, als mein kleiner Henry sich hatte einer Loch in die Kopf gefallen, gerade auf der Stirn und seine Handgelenk blutig gerissen -- o schrecklich! Und die Nigger, sie kamen nicht gleich herbeigeflogen, das Kind zu helfen. Da war meine Mutter furchtbar böse und sie trat vor sie hin und sagte: ›Na wartet, ihr Nigger, ich das werd' euch lehren! Ihr denkt wohl, ich stamm' aus 'nem Bettelsack und wollt mich narren, ihr Lumpenpack? Ich bin von die alte blaue Henne ihr Hühnchen, daß ihr's wißt!‹ Dann trieb sie sie alle aus die Küche 'raus und verband die Kind selbst. Da hab' ich mich das angewöhnt, und wenn der Aerger über mich kommt, sag' ich auch das Wort von meine Mutter.

»Nun also, mit der Zeit, meine alte Missis[4] sagt einmal, mit ihr wär' alles aus, sie muß verkaufen ihre Platz und alle Nigger. Wie ich aber höre, daß sie uns wollte verkaufen auf dem Markt in Richmond -- o du meine Güte, das Schrecken! Ich wußte ja, was der Glocke hat geschlagen.«

[4] Herrin.

(Tante Rahel war allmählich im Eifer ihrer Erzählung aufgestanden; ihre große Gestalt ragte jetzt über uns hinaus und hob sich schwarz und deutlich ab vom Sternenhimmel.)

»Sie legten uns in Ketten und stellten uns auf eine Tritt so hoch wie der Vordach. Und die Leute standen herum, viele Haufen. Sie kamen da 'rauf und besahen uns von vorn und von hinten, sie drückten unser Arme, machten uns stehen und gehen und sagten dann: der ist zu alt, der taugt nichts mehr. Der ist lahm. Der ist nicht viel wert. Und sie verkauften mein alter Mann und führten ihn weg. Dann fangen sie an und verkaufen meine Kinder und nehmen sie fort. Ich laut heule, aber die Mann sagt: Laß deine verdammte Gewinsel, und schlägt mich mit sein Hand auf meine Mund. Wenn alle fort sind bis auf mein kleiner Henry, ich presse ihn ganz fest an meine Brust und trete hin und schrei: ›den ihr dürft nicht nehmen mit, nein, nein, wer ihn anrührt, den schlagen ich tot.‹ Aber mein kleiner Henry, er spricht mir ins Ohr: ›Ich thu weglaufen, und dann arbeiten ich und kaufen dich los.‹ Gott segne die Kind, es war immer so gut! -- Und das Kerle, sie kommen und nehmen ihn, aber ich sie packen und reißen sie die Kleider vom Leibe und schlage sie mit meine Kette über die Kopf. Sie haben's tüchtig wiedergegeben mir, freilich -- aber was kümmerten mich das!

»Na also, mein Alter war fort und meine Kinder -- meine ganzen sieben Kinder -- und sechs davon habe ich nie wieder mit Augen gesehen bis zum heutigen Tag -- zweiundzwanzig Jahr letzte Ostern. Mich kaufte ein Mann aus Newbern und hat gebracht mich dorthin. Dann vergehen die Jahre und der Krieg kommt. Mein Massa[5] war ein Oberst von die Konförderierte und ich Köchin in seine Familie. Wie aber die Unioner kommen und einnehmen die Stadt, sind sie alle fortgelaufen und mich allein gelassen haben mit die andern Nigger in Massas großes Haus. Nun die großen Offiziers von die Unioner sind eingezogen und haben mich gefragt, will ich kochen vor ihnen. ›Na Herrje, freilich,‹ sage ich, ›zu was wär' ich sonst da?‹

[5] Herr.

»Das sind keine so kleine Offiziers gewesen, nein, von die allergrößten, und wie die ihre Soldaten 'rumschwenken ließen! Der General zu mir sagt, ich soll die Kommando haben über das Küche und alle rausjagen, die sich mengen wollen in meinen Sachen. ›Nur nicht fürchten dich,‹ sagte er, ›du bist jetzt unter guten Freunden.‹

»Na, ich denken bei mir, wenn mein kleiner Henry Gelegenheit gefunden zum Fortlaufen, so ist er natürlich nach das Norden. Und eine Tag ich gehe ins Wohnzimmer, wo die großen Offiziers sind, mache eine Knix und fange an zu erzählen von mein kleiner Henry, und sie hörten meine traurige Geschichte zu, gerade als ob ich eins von die weiße Leut' wär'. Und ich sage: ›Weswegen ich komme, das ist, weil, wenn er ist fortgelaufen und nach das Norden, wo die Herrens herauskommen, sie ihn haben vielleicht gesehen und können mir sagen, wo ich ihn finden wieder. Er ganz klein ist und hat eine Narben am linken Handgelenk und oben auf die Stirn.‹ Dann machten sie betrübte Gesicht und der General fragt: ›Wie lange ist es her, seit man dir dein Kind genommen hat?‹ Und ich sage: ›Dreizehn Jahr.‹ ›Dann ist er jetzt nicht mehr klein,‹ antwortet der General, ›er ist ein Mann.‹

»Daran ich hatt' vorher nie noch gedacht, er war für mich noch immer die kleine Junge, mir war nie eingefallen, daß er gewachsen und groß geworden sein muß. Aber nun ich es verstand. Keiner von den Offiziers war ihm begegnet und sie konnten mir nicht helfen. Aber die ganze Zeit, ohne daß ich's wußte, vor vieler Jahr, war mein Henry schon fort nach das Norden und war ein Barbier, der für eigener Rechnung arbeiten that. Wie aber der Krieg kam, da hat er gesagt: ›Jetzt ich laß das scheren und gehe meine alte Mutter zu suchen, wenn es nicht schon tot ist.‹ So verkauft er sein Sach' und geht hin, wo sie Soldaten werben und verdingt sich als Bursche bei die Oberst. Nun er marschiert überall mit durch allen Schlachten, sein alte Mutter zu finden, erst er war bei eine Offizier, dann bei eine andere, bis er ist gezogen durch das ganze Süden. Aber von das alles wußt' ich nicht ein Sterbenswort. Wie ich's sollt' auch wissen?

»Nun, eine Abend hatten wir großer Soldatenball. Die Soldaten in Newbern immerzu wollten tanzen und jubeln, und sie tanzten oft und oft in meine Küche, weil die ist so arg groß. Nun wissen Sie, mir gar nicht das gefiel, weil ich diente die Offiziers, und es ärgerte mich zu sehen die gemeine Soldaten ihre Sprünge machen in meine Küche. Aber ich blieb immer dabei und sah nach das Rechte und wenn sie trieben es zu arg und ich einen Zorn kriegte, dann 'raus mit sie aus meine Küche -- hast du nicht gesehen!

»Also einemal -- Freitag abend -- da kam eine ganze Bataillon von das Nigger-Regiment, das die Wache hatte beim Haus -- die Haus war der Hauptquartier, wissen Sie. Da kocht alles inwendig bei mir. Ich bin im hellen Zorn und nur warte drauf, daß sie was thun, daß ich könnte drunter hineinfahren. Und sie walzten und sprangen herum, heisahopsasa -- und ich schwoll und schwoll vor Wut. Nicht lange, so kommt da ein junger Springinsfeld von Nigger gesegelt daher, den Arm um seine gelbe Tänzerin; die drehen und schwingen sich im Kreise, rund, rund, rund, daß einem ganz wirbelig wird, sie anzusehen. Und als sie dicht vor mir sind, da hopsen sie erst auf eine Fuß, dann auf die andere und lachen über meine große rote Kopftuch und treiben ihren Spaß. Da ich fahre auf sie los und sage: ›Macht, daß ihr fortkommt ihr, ihr Gesindel!‹ Da wird das Gesicht von der junge Nigger auf einmal ernst, aber nur eine Augenblick, dann war er wieder lustig und lachte wie zuvor. Indem kommt eine ganze Bande Nigger herein, die wo die Musik machen und immer so vornehm thun. Aber sobald sie das an die Abend versuchen, fahre ich auf sie ein. Sie lachten und da es wurde noch ärger. Die andern Nigger fangen auch an lachen und nun ich war wie ein Feuerbrand. Ich reckte mich in der Höhe, so -- gerade wie jetzt -- fast bis an die Decke, stemmte die Fäuste in die Seite und sagte: ›Na, wartet, ihr Nigger, ich das werd' euch lehren. Ihr denkt wohl, ich stamm' aus 'nem Bettelsack und wollt mich narren, ihr Lumpenpack? Ich bin von die alte blaue Henne ihr Hühnchen, daß ihr's wißt!‹ Da stand die junge Mann stocksteif da, die Augen nach das Decke, als ob er was vergessen hätt' und sich nicht mehr erinnern könnt'. Ich aber gehe den Niggers zu Leibe, wie eine richtige General, und sie nehmen Reißaus und drängen nach die Thür. Und wie die junge Mann rausgeht, hör' ich, wie er zu einen andern Nigger sagt: ›Jim‹, sagt er, ›geh' mal hin und sag' die Hauptmann, ich würd' morgen früh um acht zur Hand sein; aber ich hab' was auf dem Herzen, schlafen ich kann heute nacht nicht mehr, geh, laß mich allein.‹

»Das war um 1 Uhr in die Nacht, und wie es sieben Uhr schlug, war ich auf und hantierte herum, den Offiziers zu machen das Frühstück. Wie ich mich nun zu die Ofen bücke -- grade als wär' Ihr Fuß die Ofen -- und die Thüre aufmache mit meine Hand und zurückstoße sie -- wie jetzt Ihre Fuß -- und die Pfanne mit das heiße Backwerk in die Hand halte und aufstehen will -- da sehe ich ein schwarzes Gesicht sich vor meines hinschieben und mir in die Augen schauen -- grade wie ich jetzt ansehe Sie -- ich rühre mich nicht und gucke und gucke nur in einem fort -- so -- bis die Pfanne zu zittern anfängt -- und auf einmal -- da wußt' ich's. Die Pfanne liegt am Boden und ich packe ihn an der linken Hand, schiebe den Aermel zurück -- grade so, wie ich's mache mit Sie, und dann kommt das Stirn an die Reihe und ich streiche seine Haar zurück, so -- und ›Junge,‹ sag ich, ›wenn du nicht mein Henry bist, wie du kommst zu die Narbe am Handgelenk und die Schramme auf die Stirn? -- Der Herrgott im Himmel gepriesen sei, ich habe meine Herzensjunge wieder!‹

* * * * *

»Ja, ja, ich hab' Kummer gehabt -- aber auch Freude, Mista Charles -- auch Freude!«

Die Liebe des schönen Alonzo Fitz Clarence und der schönen Rosannah Ethelton.

I.

Es war am Morgen eines bitterkalten Wintertages. Die Stadt Eastport im Staate Maine lag unter tiefem, frisch gefallenem Schnee begraben. Das gewöhnliche geschäftige Treiben auf den Straßen fehlte; weit und breit auf denselben nichts als eine weiße Decke und entsprechende Stille. Die Trottoirs waren nur noch lange, tiefe Gräben mit steilen Schneehügeln zu beiden Seiten. Hie und da konnte man das schwache, ferne Kratzen einer hölzernen Schaufel vernehmen und ein flüchtiges Bild von einer entfernten, schwarzen Gestalt erhaschen, die sich bückte und in einem jener Gräben verschwand, um im nächsten Augenblick wieder aufzutauchen, mit einer Bewegung, die das Herausschaufeln von Schnee verriet. Aber man mußte rasch blicken, denn jene schwarze Gestalt verweilte nicht, sondern ließ bald die Schaufel fallen und lief auf das Haus zu, wobei sie mit den Armen um sich warf, um sich zu wärmen. Ja, es war zu bitter kalt, als daß ein Schneeschaufler oder sonst jemand lange draußen bleiben konnte.

Bald darauf verdüsterte sich der Himmel: der Wind hatte sich erhoben und wirbelte in heftigen ungleichen Stößen ganze Wolken pulverigen Schnees in die Höhe und nach allen Seiten. Unter der Wucht dieser Windstöße legten sich große weiße Schneehügel wie Gräber quer über die Straßen; einen Augenblick später bettete sie ein anderer Windstoß in anderer Richtung, wobei er einen feinen Sprühregen Schnees von ihren spitzen Kämmen fegte, wie eine frische Brise den Schaum von den Wogen spritzt; einem dritten Stoß gefiel es, den Platz so glatt zu fegen wie einen Tisch. Das war Tändelei, das war Spiel; aber daß es keiner von diesen Windstößen unterließ, einen Haufen Schnee in die Trottoirgräben zu werfen, das gehörte offenbar zum Geschäft.

Alonzo Fitz Clarence saß in seinem behaglichen und eleganten kleinen Empfangszimmer, in einem blauseidenen, mit Aufschlägen und Säumen von karmoisinrotem Sammet besetzten Schlafrock. Die Ueberreste seines Frühstücks standen vor ihm, und das zierliche und kostbare Tischzeug fügte der Anmut, Schönheit und dem Reichtum der Ausstattung des Zimmers noch einen weiteren harmonischen Reiz bei. Ein lustiges Feuer prasselte im Kamin.

Ein wütender Windstoß ließ die Fenster erzittern, und eine große Schneewoge rollte gegen sie, wenn man so sagen darf. Der hübsche junge Mann murmelte:

»Das bedeutet -- keinen Ausgang heute! Nun meinetwegen. Aber wie steht's mit der Unterhaltung? Mutter ist ja ganz recht, Tante Susanne ebenso; aber diese beiden kann ich immer haben. An einem so bösen Tag bedarf es eines neuen Interesses, eines frischen Elements, um die stumpfe Schneide der Gefangenschaft zu schärfen. Eine hübsche Phrase -- hat aber keinen Sinn! Man will ja die Schneide der Gefangenschaft nicht geschärft haben, sondern gerade das Gegenteil.«

Er blickte auf seine hübsche französische Stutzuhr.

»Die Uhr geht wieder falsch; sie weiß kaum je, was die Zeit ist, und wenn sie es weiß, lügt sie mich an, was auf dasselbe hinausläuft. -- Alfred!«

Keine Antwort.

»Alfred! Ein guter Diener, aber ebenso unzuverlässig wie die Uhr.«

Alonzo berührte den Knopf einer elektrischen Leitung in der Wand, wartete ein Weilchen und berührte ihn dann nochmals; hierauf wartete er wieder einige Augenblicke und sagte endlich:

»Ohne Zweifel ist die Batterie nicht in Ordnung; nun ich aber einmal darauf aus bin, will ich auch herauskriegen, wie viel Uhr es ist.« Er schritt zu einem Sprachrohr in der Ecke und rief ›Mutter!‹ mit zweimaliger Wiederholung.

»Es hilft nichts. Auch der Mutter Batterie geht nicht. Kann niemand drunten auf die Beine bringen -- das ist klar.«

Er setzte sich vor einem Pult aus Rosenholz nieder, lehnte sein Kinn gegen dessen linke Kante und sprach, gleichsam gegen den Fußboden gewendet: »Tante Susanne!«

Eine leise, angenehme Stimme antwortet: »Bist du's, Alonzo?«

»Ja. Ich bin zu faul und fühle mich zu behaglich, um die Stiege hinabzugehen; ich bin in größter Not und kann scheints, keine Hilfe herbeirufen.«

»Du lieber Himmel, was giebt's?«

»Genug, -- das kann ich dir sagen!«

»O, lasse mich nicht in Ungewißheit, Lieber. Was ist's denn?«

»Ich möchte wissen, wie viel Uhr es ist.«

»Du unartiger Junge; du hast mich recht in Schrecken gejagt! Ist das alles?«

»Alles -- auf Ehre. Beruhige dich; sage mir die Zeit und empfange meinen Segen.«

»Gerade fünf Minuten nach neun Uhr. Keine Ursache zum Danken -- behalte deinen Segen.«

»Danke schön, Tantchen. Er würde mich nicht gerade ärmer gemacht haben, und dich nicht so reich, daß du ohne andere Mittel leben könntest.« Er stand auf und murmelte: »Gerade fünf Minuten nach neun Uhr,« und stellte sich seiner Uhr gegenüber. »Ah,« sagte er, »du machst deine Sache besser wie gewöhnlich. Du gehst nur um vierunddreißig Minuten falsch. Warte ... Warte ... Dreiunddreißig und einundzwanzig ist vierundfünfzig; viermal vierundfünfzig ist zweihundertsechsunddreißig; eins ab, bleibt zweihundertfünfunddreißig. So ist's recht.«[6]

[6] Tante und Neffe, welche also per Telephon verkehren, sind weit auseinander: _sie_ in San Francisco, er in einer Stadt des Ostens, daher die Zeitdifferenz.

Der Uebers.

Er drehte die Uhrzeiger vorwärts, bis sie fünfundzwanzig Minuten auf Eins zeigten und sagte: »Nun sieh, ob du nicht eine Zeit lang richtig gehen kannst ... sonst werde ich dir kommen!«

Er setzte sich wieder vor das Pult und sagte: »Tante Susanne!«

»Ja, Lieber.«

»Gefrühstückt?«

»Gewiß, vor einer Stunde schon.«

»Sehr beschäftigt?«

»Nein -- nähe bloß ein wenig. Warum?«

»Gesellschaft bei dir?«

»Nein, aber ich erwarte solche um halb zehn Uhr.«

»Wollte, ich auch. Ich fühle mich einsam und möchte mit jemand plaudern.«

»Nun gut, so plaudere mit mir.«

»Ja, aber ich hab' 'was ganz Privates!«

»Sei unbesorgt! -- plaudre frisch drauf los; es ist außer mir niemand da.«

»Ich weiß fast nicht, ob ich es wagen soll, aber --«

»Aber was? Sprich nur! Du weißt, Alonzo, daß du mir vertrauen kannst -- du weißt es.«

»Bin überzeugt, Tante; aber die Sache ist sehr ernst; sie berührt mich sehr nahe -- mich und die ganze Familie -- selbst die ganze Gemeinde.«

»O, Alonzo, sage mir's! Ich werde nie ein Wort davon laut werden lassen. Um was handelt es sich?«

»Soll ich's wagen ...«

»O bitte, thu's! Ich habe dich so lieb und kann dir ganz nachfühlen. Sage mir alles -- vertraue mir! Was hast du auf dem Herzen?«

»Das Wetter!«

»Zum Kuckuck mit dem Wetter! Ich weiß nicht, wie du's übers Herz bringen kannst, mir so mitzuspielen, Lon.«