Skizzenbuch

Part 11

Chapter 113,496 wordsPublic domain

Wir hörten keine weiteren Neuigkeiten außer von den eifrigen und zuversichtlichen Detektivs, die über New Jersey, Pennsylvanien, Delaware und Virginia zerstreut waren -- sie folgten alle frischen und vielversprechenden Spuren -- bis kurz nach 2 Uhr nachmittags folgendes Telegramm ankam:

»=Baxter-Centre=: 2.15 Nachm.

Elefant hier gewesen, über und über mit Zirkusplakaten beklebt; zerstreute ein Methodisten-Revivalmeeting[3] und erschlug und verletzte viele, die eben im Begriffe waren, ein besseres Leben anzufangen. Bürger pferchten ihn ein und stellten eine Wache auf. Als Detektiv Brown und ich ankamen, betraten wir die Umzäunung und schritten zur Feststellung der Identität des Elefanten an der Hand der Photographie und des Signalements. Alle Zeichen stimmten genau, ausgenommen eines, das wir nicht sehen konnten -- die Narbe unter der Achselhöhle. Um sich darüber zu vergewissern, kroch Brown unter das Tier, -- er lag im nächsten Augenblick mit zerschmetterter Hirnschale am Boden. Alle flohen, so auch der Elefant, der mit viel Effekt nach rechts und links um sich schlug. Entkam, ließ aber starke Blutspuren von Böllerschußwunden zurück. Wiederauffindung gewiß. Brach südwärts durch einen dichten Wald; ich ihm unverzüglich nach.

Brent, Detektiv.«

[3] Religiöse Versammlung von Wanderpredigern, meist auf offenem Felde abgehalten.

Dies war das letzte Telegramm. Gegen Abend sank ein Nebel auf alles herab -- so dicht, daß man auf drei Schritte Entfernung nicht das geringste unterscheiden konnte. Er hielt die ganze Nacht über an. Die Dampfboote und selbst die Omnibusse mußten ihre Fahrt einstellen.

III.

Am nächsten Morgen waren die Zeitungen ebenso voll von Theorien wie am vorhergehenden; sie brachten ausführlich alle uns bekannten tragischen Ereignisse, dazu noch eine Menge weiterer telegraphischer Berichte, die sie von ihren Korrespondenten erhalten hatten. Spalte auf Spalte begegnete ich herzzerreißenden Artikelüberschriften. Der Grundton derselben war stets derselbe; etwa wie folgt:

»_Der weiße Elefant ist los! Er schreitet weiter auf seinem verhängnisvollen Marsche! Ganze Ortschaften verlassen von den entsetzten Einwohnern! Furcht und Schrecken gehen vor ihm her, Tod und Verwüstung folgen ihm. Diesen nach die Detektivs. Scheunen verwüstet. Werkstätten beraubt. Ernten verzehrt. Oeffentliche Versammlungen gesprengt, begleitet von Blutscenen, die nicht zu beschreiben sind! Berichte von vierunddreißig der ausgezeichnetsten Detektivpolizisten! Bericht des Inspektors Blunt!_«

»Ah!« rief Inspektor Blunt, der Erregung nahe; »das ist prächtig! Das ist die größte Leistung, die je eine polizeiliche Organisation vollbracht hat. Die Welt wird davon sprechen.«

Für mich aber gab es keine Freude; mir war zu Mute, als ob ich alle diese blutigen Verbrechen begangen hätte und der Elefant mein unverantwortliches Werkzeug wäre. Und wie die Unfallliste angewachsen war! In einem Orte hatte er sich in »eine Wahl gemischt und fünf Agitatoren getötet.« Er hatte dieser That die Vernichtung zweier armer Teufel folgen lassen -- armer O'Donohue, armer Mc Flannigan! -- die »erst am Tage vorher in der Heimat der Unterdrückten aller Länder eine Zuflucht gefunden hatten und im Begriffe waren, zum erstenmale das kostbare Recht amerikanischer Bürger an der Urne auszuüben, als sie niedergeschmettert wurden von der mitleidslosen Hand der Geißel Siams.« An einem anderen Orte hatte er »einen verrückten Sensationsprediger niedergerannt, der eben für die nächste Saison seine heroischen Angriffe auf den Tanz, das Theater und ähnliches Teufelswerk vorbereitete.« In einem dritten Orte hatte er »einen Blitzableiteragenten erschlagen.« Und so ging die Liste weiter und wurde immer blutiger und herzzerreißender. Sechzig Personen hatte er getötet, zweihundertundvierzig verwundet. Alle Berichte legten vollgültiges Zeugnis ab von der Thätigkeit und dem hingebenden Eifer der Detektivs, und alle schlossen mit der Bemerkung, daß »dreimalhunderttausend Bürger und vier Detektivs das schreckliche Wesen sahen, sowie daß er zwei von letzteren ums Leben brachte.«

Nur mit Angst hörte ich von neuem das Ticken des Telegraphenapparates; es regnete förmlich Depeschen, aber glücklicherweise rechtfertigte ihr Inhalt meine Befürchtungen nicht. Es stellte sich bald heraus, daß jede Spur des Elefanten verloren war: der Nebel hatte es ihm ermöglicht, sich unbemerkt ein gutes Versteck zu suchen. Telegramme von Punkten, die lächerlich weit entfernt waren, berichteten, daß man zu der und der Stunde eine ungeheure trübe Masse durch den Nebel habe schimmern sehen! es sei das »unzweifelhaft der Elefant gewesen!« Diese trübe ungeheure Masse hatte man in New Haven, in New Jersey, in Pennsylvania, im Staate New York, in Brooklyn und sogar in der City von New York selbst gesehen! Immer aber war die trübe ungeheure Masse rasch wieder verschwunden, ohne eine Spur zu hinterlassen. Jeder von den Hunderten über diese ungeheure Landstrecke zerstreuten Detektivs sandte stündlich seinen Rapport, und jeder hatte eine Spur, verfolgte sie und war dem Elefanten dicht auf den Fersen.

Aber der Tag verging ohne weiteres Resultat. Ebenso der nächste Tag. Der dritte desgleichen.

Die Zeitungsberichte mit ihren nichtssagenden Thatsachen, ihren Spuren, die zu nichts führten, und ihren blendenden, sinnverwirrenden Theorien fingen an langweilig zu werden.

Auf den Rat des Inspektors verdoppelte ich die Belohnung.

Vier weitere eintönige Tage folgten; dann kam ein schwerer Schlag für die armen geplagten Detektivs -- die Zeitungen lehnten es ab, ihre Konjekturen zu drucken, und sagten kühl: Laßt uns in Ruhe.

Vierzehn Tage nach dem Verschwinden des Elefanten erhöhte ich auf des Inspektors Rat die Belohnung auf 75000 Dollars. Es war das eine große Summe; aber ich wollte lieber mein ganzes Vermögen opfern, als mein Ansehen bei der Regierung einbüßen. Jetzt, da die Detektivs in Nöten waren, begannen die Zeitungen über sie herzufallen und die beißendsten Sarkasmen gegen sie zu schleudern. Das war Futter für die Bänkelsänger! Sie kostümierten sich als Detektivs, und führten auf der Bühne die Jagd nach dem verlorenen Elefanten auf. Die Karikaturenzeichner entwarfen Skizzen von Detektivs, die das Land mit Feldstechern absuchten, während der Elefant hinter ihrem Rücken ihnen Aepfel aus den Taschen holte, und machten das Wappenzeichen der Detektivs -- ein weitgeöffnetes Auge mit der Devise: »_Wir schlafen nie_« -- auf alle mögliche Weise lächerlich. Die Luft war geschwängert mit Sarkasmen.

Aber einen Mann gab es, der bei alledem ruhig, gelassen und unerschüttert blieb -- es war jenes eichenfeste Herz, der Inspektor Blunt. Sein kühnes Auge senkte sich nie, seine heitere Zuversicht wankte nie; er wiederholte nur:

»Laßt sie spotten; wer zuletzt lacht, lacht am besten.«

Meine Bewunderung für den Mann grenzte an Vergötterung. Ich war stets an seiner Seite. Sein Bureau war ein qualvoller Aufenthalt für mich geworden und wurde es täglich mehr; doch solange er es dort aushalten konnte, war auch ich entschlossen zu bleiben -- solang als irgend möglich. So kam ich denn regelmäßig und blieb -- zu jedermanns Verwunderung. Es war mir oft, als müsse ich davonlaufen; wenn ich dann aber in jenes ruhige und anscheinend leidenschaftslose Antlitz blickte, hielt ich wieder stand.

Etwa drei Wochen nach dem Verschwinden des Elefanten war ich eines Morgens eben im Begriff zu sagen: ich werde die Segel streichen und mich zurückziehen müssen, als der große Detektiv diesen feigen Gedanken wieder zurückscheuchte, indem er einen neuen meisterhaften Schachzug vorschlug -- nämlich, mit den Dieben einen Kompromiß zu schließen. Die Fruchtbarkeit der Erfindungsgabe dieses Mannes überstiegen alles, was ich je erlebt, und das will etwas sagen, war ich doch mit den auserlesensten Geistern der Welt in Berührung gekommen. Er sagte, er sei der besten Zuversicht, daß er für 100000 Dollars einen Kompromiß schließen und den Elefanten wieder erlangen könne. Ich sagte, ich würde am Ende die Summe auftreiben können; aber was sollte mit den armen Detektivs werden, die so wacker gearbeitet hatten?

Er entgegnete:

»Bei Kompromissen bekommen sie stets die Hälfte.«

Das beseitigte meinen einzigen Einwand, und so schrieb denn der Inspektor zwei Noten wie folgt:

»Werte Frau, -- Ihr Gatte kann sich viel Geld machen (und das ganz ohne Gefahr vor dem Strafgesetz), wenn er sich sogleich bei mir einfinden will.

Chef Blunt.«

Von diesen beiden Noten sandte er die eine durch seinen vertrauten Boten an die ›wohlgeborene Frau‹ Brick Duffys, die andere an die ›wohlgeborene Frau‹ des roten McFadden.

Innerhalb einer Stunde kamen folgende beiliegende Antworten zurück.

»Sie alter Narr! Brick Duffy ist gestorben, schon vor zwei Jahren.

Bridget Mahoney.«

»Chef-Nachteule, -- der rote McFadden ist gehangen und im Himmel seit achtzehn Monaten. Jeder Esel außer einem Detektiv weiß das.

Mary O'Hooligan.«

»Ich hatte das lange vermutet,« sagte der Inspektor; »es beweist mir nur die nie irrende Schärfe meines Instinkts.«

Sobald ein Mittel sich als erfolglos erwies, war er nie um ein anderes verlegen. Er schrieb sogleich ein Inserat für die Morgenblätter, von dem ich eine Abschrift aufbewahre --

»A. -- xwblv. 142 N. Tjnd -- fz 328 wmlg. Ozpo, --; 2 m! ogw. Mum.«

»Lebt der Dieb noch,« erklärte mir der Inspektor, »so wird ihn das sicher an den gewöhnlichen Rendezvousplatz bringen.« Es sei dies ein Platz, wo alle geschäftlichen Angelegenheiten zwischen Detektivs und Verbrechern abgemacht werden. Die gesuchte Begegnung solle in der nächsten Nacht um zwölf Uhr stattfinden. Bis dahin war nichts zu thun; ich verließ also ohne Verzug und dankbaren Herzens das Bureau.

Um elf Uhr in der nächsten Nacht legte ich 100000 Dollars in die Hände des Inspektors, und gleich darauf verabschiedete er sich, die heldenmütige alte ungetrübte Zuversicht in seinen Augen. Eine fast unerträglich lange Stunde schlich zu Ende, da hörte ich seinen willkommenen Tritt, erhob mich keuchend und wankte ihm entgegen. Wie seine schönen Augen im Triumph glänzten! Er sagte --:

»Wir haben einen Vergleich geschlossen! Die Spötter werden morgen ein anderes Lied singen! Folgen Sie mir!«

Er ergriff eine brennende Kerze und schritt voran, hinab in das ungeheure gewölbte Erdgeschoß, wo fortwährend sechzig Detektivs schliefen und wo jetzt etwa zwanzig Karten spielten, um sich die Zeit zu vertreiben. Ich folgte ihm auf den Fersen. Er schritt rasch hinab an das düstere, ferne Ende des Platzes, und in dem Augenblick, da ich in der dicken Stickluft ohnmächtig umsank, strauchelte und fiel er über die ausgestreckten Gliedmaßen eines mächtigen Körpers, und ich hörte ihn gerade noch beim Hinfallen ausrufen:

»Unser edler Beruf ist gerechtfertigt. Hier ist Ihr Elefant!«

Ich wurde in das Bureau hinaufgetragen und mit Karbolsäure wieder zum Bewußtsein gebracht. Die ganze Detektivmannschaft schwärmte herein, und es folgte eine Siegesfeier, wie ich noch keine erlebt hatte. Die Reporter wurden geholt, der Champagner floß in Strömen, Toaste wurden ausgebracht, die Händedrücke und Beglückwünschungen waren enthusiastisch und wollten kein Ende nehmen. Der Chef war natürlich der Held des Tages, und sein Glück war so vollständig und es war mit so viel Ausdauer, Würde und Bravour verdient worden, daß es mich beglückte, Zeuge desselben zu sein, obgleich ich dastand als ein heimatloser Bettler; -- denn mein unschätzbarer Schutzbefohlener war _tot_ und ich meiner Stellung im Dienste meines Vaterlandes verlustig, weil ich unmöglich den übeln Schein, als habe ich das in mich gesetzte hohe Vertrauen durch eine sorglose Ausführung meines Auftrags getäuscht, von mir abzuwenden vermochte. Manches beredte Auge bezeugte seine hohe Bewunderung für den Chef, und manches Detektivs Stimme murmelte: »Seht ihn an, den König der Profession -- gebt ihm nur die Spur von einer Spur, -- und es bleibt nichts vor ihm verborgen.« Die Teilung der 50000 Dollars machte viel Vergnügen; als sie vollzogen war, hielt der Chef, während er seinen Anteil in die Tasche steckte, eine kleine Rede, in der er sagte: »Genießt das Geld, denn ihr habt es verdient; und mehr als das -- ihr habt unserem schönen Berufe unsterblichen Ruhm erworben.«

Ein Telegramm langte an, folgenden Inhalts: --

»=Monroe, Michigan=: 10. -- Nachm.

Zum erstenmal seit drei Wochen erreichte ich eben ein Telegraphenamt. Folgte jenen Fußstapfen zu Pferde durch die Wälder, etwa zweihundert Meilen bis hieher; sie werden täglich stärker, größer und frischer. Quälen Sie sich nicht unnötig ab -- ehe acht Tage verflossen sind, habe ich den Elefanten -- auf mein Wort!

Darley, Detektiv.«

Der Chef brachte drei Hochrufe aus auf »Darley, einen der feinsten Köpfe unter der Mannschaft,« in welche sämtliche Anwesende begeistert einstimmten; dann ließ er an Darley telegraphieren, er möge heimkehren und seinen Anteil an der Belohnung in Empfang nehmen.

* * * * *

So endete jene wunderbare Episode von dem gestohlenen Elefanten. Die Zeitungen waren am nächsten Tage wieder voll Anerkennung -- mit einer nichtssagenden Ausnahme. Ein Blatt schrieb nämlich: »Groß ist der Detektiv! Er mag im Auffinden eines kleinen Gegenstandes, wie es ein verlorener Elefant ist, ein wenig langsam sein -- er mag ihn drei Wochen lang den ganzen Tag verfolgen und des Nachts neben seinem verwesenden Kadaver schlafen, aber er wird ihn endlich finden, -- sobald er nur den Mann, der den Elefanten verloren hat, dahin bringt, ihm den Platz zu zeigen.«

Der arme Hassan war auf ewig für mich verloren. Die Böllerschüsse hatten ihn tödlich verwundet. Er war im Nebel an jenen düsteren Platz gekrochen; und dort, umgeben von seinen Feinden und fortwährend in Gefahr entdeckt zu werden, war er dahingeschwunden vor Hunger und Leiden, bis der Tod ihn erlöste.

Der Kompromiß kostete mich 100000 Dollars; meine Auslagen für die Detektivs betrugen weitere 42000 Dollars; ich bewarb mich nie wieder um eine Anstellung im Dienste meiner Regierung; ich bin ein ruinierter Mann und ein unstäter Wanderer auf Erden -- aber meine Bewunderung für jenen Mann, den ich für den größten Geheimpolizisten halte, welchen die Welt hervorgebracht hat, bleibt unvermindert bis auf diesen Tag und wird so bleiben bis an mein seliges Ende.

* * * * *

[Der Verleger kann nicht umhin, zur Ehrenrettung der Geheimpolizisten auf die genialen Thaten derselben, wie sie in den _Kriminal- und Detektivromanen_ von _Green_, _Hawthorne_, _Lynch_ und _Doyle_ zum glänzenden Ausdruck kommen, zu verweisen.]

Die Geschichte des Hausierers.

Der arme, melancholisch blickende Fremde! Es lag etwas in seiner demütigen Miene, seinem müden Blick, seinen abgeschabten, ehemals feinen Kleidern, das mein Mitleid erregte. Ich bemerkte eine Mappe unter seinem Arm, wie sie Kolporteure und Hausierer zu tragen pflegen.

Nun, diese Leute flößen einem stets Interesse ein. Bevor ich mich dessen versah, war ich -- ganz Ohr und Teilnahme -- im Anhören seiner Lebensgeschichte versunken. Sie lautete ungefähr wie folgt:

»Meine Eltern starben, als ich noch ein kleines, unschuldiges Kind war. Mein Onkel Ithuriel gewann mich lieb und nahm mich an Kindesstatt an. Er war mein einziger Verwandter in der weiten Welt; er war so gut und großmütig und dabei reich. Er erzog mich im Schoß des Ueberflusses. Alle meine Wünsche, die mit Geld zu befriedigen waren, wurden erfüllt.

»Nachdem ich auf der Universität studiert, ging ich mit zweien meiner Diener -- meinem Kammerdiener und meinem Lakai -- auf Reisen in fremde Länder. Vier Jahre lang flatterte ich auf sorglosen Schwingen in den prächtigen Gefilden der Fremde umher, -- wenn Sie diese Sprache ihrem ergebenen Diener gestatten wollen, dessen Zunge stets poetisch gestimmt war; ja ich darf kühnlich also zu Ihnen sprechen, denn Ihre Augen verraten mir, daß auch in Ihren Adern das Feuer der holden Poesie glüht. In jenen fernen Landen schwelgte ich in der ambrosischen Speise, welche der Seele, dem Geiste, dem Herzen frommt. Was aber vor allen Dingen und am kräftigsten an meinen angeborenen ästhetischen Geschmack appellierte, war der dort unter den Reichen herrschende Brauch, Sammlungen von eleganten und kostbaren Seltenheiten und hübschen Liebhabereien anzulegen; und in einer verhängnisvollen Stunde versuchte ich es, in meinem Onkel Ithuriel Gefallen an dieser ausgezeichneten Beschäftigung zu erwecken.

»Ich schrieb und erzählte ihm von der äußerst umfangreichen Muschelsammlung eines Herrn, von eines andern ausgezeichneter Sammlung von Meerschaumpfeifen, von eines dritten wunderbarer Sammlung von unentzifferbaren Autographen, eines vierten unschätzbarer Sammlung von chinesischem Porzellan, eines fünften bezaubernder Briefmarkensammlung -- und so weiter und so weiter. Bald trugen meine Briefe Frucht: mein Onkel begann sich nach dem Gegenstand für eine Sammlung umzusehen. Sie wissen wohl, wie leidenschaftlich bald die Pflege einer Liebhaberei wird; die seinige wurde bald ein rasendes Fieber. Er begann sein großes Schweinegeschäft zu vernachlässigen; bald darauf zog er sich ganz von demselben zurück, und aus einem bequemen Lebemann wurde ein toller Raritätenjäger. Sein Reichtum war ungeheuer, und er sparte ihn nicht. Zuerst versuchte er es mit Kuhglocken. Er legte eine Sammlung an, die fünf große Säle füllte und alle Arten von solchen Glocken, von der Urzeit bis zur Gegenwart, in sich schloß -- bis auf _eine_. Diese eine -- eine Antike und das einzige noch vorhandene Exemplar dieser Art -- war im Besitz eines andern Sammlers, dem mein Onkel enorme Summen dafür bot -- vergebens. Sie können sich denken, was notwendigerweise folgte. Ein wahrer Sammler legt bekanntlich einer Sammlung, die nicht vollständig ist, nicht den mindesten Wert bei: sein glühendes Herz erkaltet, er verkauft seinen Schatz und wendet seinen Sinn einem andern Gebiet zu, das unausgebeutet zu sein scheint.

»So machte es auch mein Onkel. Er versuchte es dann mit Ziegelsteinen. Nachdem er eine umfangreiche und äußerst interessante Sammlung davon angelegt hatte, stellte sich die alte Schwierigkeit ein. Mit blutendem Herzen verkaufte er seine abgöttisch geliebte Sammlung an einen früheren Bierbrauer, der den fehlenden Ziegel besaß. Dann versuchte er es mit steinernen Aexten und anderen Geräten des urweltlichen Menschen, entdeckte aber bald, daß die Fabrik, wo sie gemacht wurden, andere Sammler ebensowohl versorgte wie ihn selbst. Er versuchte es mit aztekischen Inschriften und ausgestopften Walfischen -- wieder ein Mißerfolg, nach unglücklichen Mühen und Kosten. Denn als seine Sammlung endlich vollständig schien, kam ein ausgestopfter Walfisch aus Grönland und eine aztekische Inschrift aus der Cundurangogegend in Mittelamerika an, die alle früheren Exemplare gänzlich in den Schatten stellten. Mein Onkel beeilte sich, diese edlen Kleinodien für sich zu gewinnen: er bekam den ausgestopften Walfisch, ein anderer Sammler aber die Inschrift. Eine echte Cundurango aber ist, wie Sie vielleicht wissen, ein Besitz von so köstlichem Wert, daß ein Sammler, wenn er sie einmal erlangt hat, eher von seiner Familie sich trennt, als von ihr. So verkaufte denn mein Onkel aus; er sah seine Lieblinge scheiden auf Nimmerwiedersehen und sein kohlschwarzes Haar wurde weiß wie Schnee in einer einzigen Nacht.

»Nun wartete er und überlegte; er wußte, daß eine weitere Enttäuschung ihm das Leben kosten könnte. Er war entschlossen, das nächstemal Dinge zu wählen, bei welchen die Konkurrenz weniger zu fürchten war. Er überlegte lange und reiflich; dann machte er sich noch einmal ans Werk -- diesmal, um eine Sammlung von Echos zu gewinnen.«

»Von was?« rief ich erstaunt.

»Von Echos, mein Herr. Sein erster Kauf war ein Echo in Georgia, das viermal wiederhallte, sein nächster ein sechsfaches Echo in Maryland, sein nächster ein dreizehnfaches in Maine, sein nächster ein neunfaches in Kansas, sein nächster ein zwölffaches Echo in Tennessee, das er billig bekam, weil es sozusagen baufällig war, denn ein Teil des Felsens, der es zurückwarf, war herabgefallen. Er glaubte es mit einem Aufwand von einigen Tausend Dollars reparieren lassen und durch Aufmauerung des Felsens die Repetierfähigkeit verdreifachen zu können; aber der Architekt, der die Arbeit übernahm, hatte nie zuvor ein Echo gebaut, und so verdarb er es denn gänzlich. Bevor er es verpfuschte, antwortete es wie ein keifendes Marktweib, nachher aber taugte es höchstens noch für ein Taubstummenasyl. Nun, nächstdem kaufte er eine Partie kleiner doppelläufiger Echos in verschiedenen Staaten und Territorien; man gewährte ihm 20% Rabatt, weil er die ganze Partie nahm. Dann kaufte er ein Echo, das wie eine Kruppsche Kanone knallte; es kostete ein Heidengeld, das kann ich Ihnen sagen. Sie müssen nämlich wissen, daß auf dem Echomarkt die Preisskala ansteigt wie die Karatskala bei den Diamanten; im Handel gelten auch dieselben Ausdrücke für das eine wie das andere. Ein einkarätiges Echo ist nur zehn Dollars über den Preis des Grundes und Bodens, auf dem es ruht, wert, ein zweikarätiges oder doppelläufiges Echo ist dreißig Dollars darüber wert, ein fünfkarätiges über neunhundert, ein zehnkarätiges dreizehntausend Dollars. Meines Onkels Echo in Oregon, welches er das ›Echo des großen Pitt‹ nannte, war ein Kleinod von zweiundzwanzig Karaten und kostete zweihundertsechzehntausend Dollars -- man gab ihm das Land drein, denn es war zweihundert Stunden von einer Niederlassung entfernt.

»Nun, während dieser Zeit war mein Lebensweg ein Rosenpfad. Ich bewarb mich um die einzige und liebliche Tochter eines englischen Grafen und wurde geliebt bis zur Raserei. In ihrer teuren Nähe schwamm ich in einem Meer der Wonne. Da man wußte, daß ich der alleinige Erbe meines Onkels sei, den man auf fünf Millionen Dollars schätzte, gaben die Eltern um so bereitwilliger ihre Zustimmung. Sowohl ihnen wie mir war es unbekannt geblieben, daß mein Onkel unter die Sammler gegangen war -- wenigstens wußten wir nicht, daß er anders als ganz nebenbei sammle.

»Die Wolken zogen sich indes über meinem unschuldigen Haupt zusammen. Jenes göttliche Echo, das seitdem durch die ganze Welt als der große Koh--i--noor oder Berg der Wiederholungen bekannt wurde, war entdeckt worden: es war ein fünfundsechzigkarätiger Edelstein. Aeußerte man nur ein Wort, so antwortete es einem fünfzehn Minuten lang, wenn das Wetter windstill war. Aber siehe da, zu gleicher Zeit machte mein Onkel die Entdeckung, daß ein zweiter Echosammler vorhanden war. Die beiden beeilten sich, den unvergleichlichen Kauf abzuschließen. Das Grundstück bestand aus zwei kleinen Hügeln mit einem seichten Thal dazwischen, hinten in den Ansiedelungen des Staates New York. Beide Männer kamen zu gleicher Zeit an Ort und Stelle an, doch wußte keiner, daß der andere auch da war. Das Grundstück mit dem Echo gehörte nicht einem Manne allein; ein gewisser Williamson Bolivar Jarvis besaß den einen Hügel, den anderen ein gewisser Harbison J. Bledso; das Thal bildete die Grenzlinie. Während nun mein Onkel Jarvis' Hügel für drei Millionen zweihundertundfünfundachtzigtausend Dollars kaufte, erwarb sein Konkurrent Bledsos Hügel für etwas über drei Millionen.

»Keiner von den beiden Männern war mit diesem geteilten Eigentumsrecht zufrieden, doch wollte keiner seinen Anteil an den andern verkaufen und schließlich schritt jener andere Sammler -- mit einer Böswilligkeit, wie sie nur ein Sammler gegen einen Mitmenschen und Kollegen fühlen kann -- dazu, seinen Hügel abzutragen!

»Also, da er das Echo selbst nicht erlangen konnte, wollte er es auch keinem andern gönnen. Alle Vorstellungen meines Onkels waren vergeblich.