Skizzenbuch

Part 10

Chapter 103,490 wordsPublic domain

»Höhe 19 Fuß; Länge von der Stirn bis zum Schwanzansatz 26 Fuß; Länge des Rüssels 16 Fuß; Länge des Schwanzes 6 Fuß; Totallänge einschließlich Rüssel und Schwanz 48 Fuß; Länge der Stoßzähne 9½ Fuß; Ohren, im Verhältnis zu diesen Dimensionen; Fußspur gleicht der Spur eines Fasses, das man im Schnee aufrecht stellt; Farbe des Elefanten ein schmutziges Weiß; hat in jedem Ohr ein Loch von der Größe eines Tellers zum Einhängen von Schmucksachen; besitzt in hohem Grade die Gewohnheit, Gaffer mit Wasser zu bespritzen und mit seinem Rüssel nicht nur Leute, mit denen er bekannt ist, sondern selbst Fremde zu mißhandeln; hat eine Narbe unter der Achselhöhle, hinkt ein wenig auf dem rechten Hinterbein und hatte, als er gestohlen wurde, auf dem Rücken einen Turm mit Sitzen für fünfzehn Personen und eine Satteldecke aus Goldbrokat von der Größe eines gewöhnlichen Teppichs.«

Das Signalement war tadellos; der Inspektor schellte, händigte Alarich die Beschreibung ein und sagte:

»Lassen Sie sogleich fünfzigtausend Exemplare von diesem Signalement drucken und per Bahn an alle Polizeiämter und Pfandleiher in Nordamerika versenden.« Alarich zog sich zurück. »So, damit wären wir fertig. Nun muß ich eine Photographie des gestohlenen Eigentums haben.«

Ich gab ihm eine; er betrachtete sie kritisch und sagte:

»Sie muß genügen, da wir keine bessere haben; aber er hat den Rüssel aufgerollt und in den Mund gesteckt. Das ist schade, denn es kann leicht irre führen, weil er natürlich den Rüssel für gewöhnlich nicht so trägt.« Er schellte.

»Alarich, lassen Sie sogleich fünfzigtausend Abdrücke dieser Photographie anfertigen und mit dem Signalement versenden.«

Alarich ging, um seine Befehle zu vollziehen. Der Inspektor sagte:

»Man wird natürlich eine Belohnung aussetzen müssen. Wie hoch meinen Sie?«

»Welche Summe würden Sie mir raten?«

»Vorerst würde ich sagen -- nun, fünfundzwanzigtausend Dollars. Es ist eine verwickelte und schwierige Arbeit; es giebt tausend Gelegenheiten zum Entkommen und zum Verbergen. Diese Diebe haben überall Freunde und Helfershelfer.« -- --

»Lieber Himmel, wissen Sie denn, wer sie sind?«

Das kluge Gesicht, geübt im Verbergen der Gedanken und Gefühle, verriet mir nicht das mindeste, ebensowenig die vollkommen ruhig geäußerte Erwiderung:

»Lassen Sie's gut sein! Vielleicht weiß ich's, vielleicht auch nicht. Wir gewinnen gewöhnlich einen ziemlich deutlichen Hinweis auf die Thäter aus der Art und Weise, wie sie zu Werk gehen und aus der Größe ihres Raubes. Wir haben es hier nicht mit einem Taschendieb oder Uhrenabzwicker zu thun, darauf können Sie Gift nehmen -- dieser Gegenstand wurde von keinem Anfänger ›aufgehoben‹. Aber, was ich sagen wollte, in Anbetracht der vielen Reisen, die gemacht werden müssen, und des Eifers, mit dem die Diebe ihre Spuren verwischen werden, mögen fünfundzwanzigtausend Dollars fast zu wenig sein; doch kann man immerhin damit anfangen.«

So einigten wir uns denn über diese Summe für den Anfang. Dann sagte der Inspektor, dem nichts entging, was nur irgendwie als Fingerzeig dienen konnte:

»Es giebt in der Polizeigeschichte Fälle, die beweisen, daß Verbrecher durch Eigentümlichkeiten in ihrer Geschmacksrichtung entdeckt worden sind. Sagen Sie, was frißt Ihr Elefant, und wieviel?«

»_Was_ er frißt? -- einfach alles! Er frißt einen Menschen, er frißt eine Bibel -- er frißt alles, was zwischen Mensch und Bibel liegt.«

»Gut, wirklich sehr gut, aber zu allgemein. Ich brauche Details -- Details haben in unserem Berufe allein Wert. Also, die Menschen betreffend: wie viele davon wird er, wenn sie frisch sind, zu einer Mahlzeit oder -- sagen wir -- während eines Tages verzehren?«

»Er wird keinen großen Unterschied machen, ob frisch oder nicht; und ich denke, daß fünf Menschen eine gewöhnliche Mahlzeit für ihn sind.«

»Sehr gut -- fünf Menschen; wir wollen das notieren. Welche Rassen hat er am liebsten?«

»In dieser Beziehung ist er nicht sehr wählerisch. Er zieht Bekannte vor, hat aber keinerlei Voreingenommenheit gegen Fremde.«

»Sehr gut -- nun zu den Bibeln. Wie viele Bibeln würde er zu einer Mahlzeit brauchen?«

»Eine ganze Auflage.«

»Das ist kaum genau genug. Meinen Sie die gewöhnliche Oktavbibel oder die illustrierte Familienbibel?«

»Ich glaube nicht, daß ihm an den Illustrationen viel liegen würde -- d. h. er wird sie nicht höher schätzen als einfachen Druck.«

»Sie haben mich nicht recht verstanden. Es kommt auf das Gewicht an. Die gewöhnliche Oktavbibel wiegt etwa zwei und ein halbes Pfund, während die Großquartbibel mit den Illustrationen von Doré zehn bis zwölf Pfund wiegt. Wieviel Dorébibeln würde er wohl auf einmal verzehren?«

»Man sieht, daß Sie den Elefanten nicht kennen, sonst würden Sie nicht fragen. Er frißt ganz einfach soviel, als man ihm giebt.«

»Gut, drücken Sie es in Dollars und Cents aus; wir müssen uns bestimmt fassen. Die Dorébibel kostet hundert Dollars pro Exemplar, in Juchtenleder gebunden ...«

»Er würde für etwa fünfzigtausend Dollars brauchen -- sagen wir, eine Auflage von fünfhundert Exemplaren.«

»So, das ist genauer; ich will's notieren. Also, er frißt gerne Menschen und Bibeln -- das hätten wir! Was frißt er sonst? Ich brauche Details.«

»Hat er keine Bibeln, so frißt er Backsteine; hat er keine Backsteine, so frißt er Flaschen; hat er keine Flaschen, so frißt er Kleider; hat er keine Kleider, so frißt er Katzen; hat er keine Katzen, so frißt er Austern; er frißt ferner Schinken, Zucker, Pasteten, Kartoffeln, Kleie, Heu, Hafer und besonders Reis, denn damit wurde er hauptsächlich aufgezogen, kurzum er frißt alles, was er kriegen kann.«

»Sehr gut. Gewöhnliche Menge zu einer Mahlzeit?«

»Nun, so zwischen sieben und acht Zentner.«

»Und er säuft -- --«

»Alles was flüssig ist: Milch, Wasser, Schnaps, Syrup, Kastoröl, Kamphergeist, Karbolsäure -- es ist unnütz, auf Einzelheiten einzugehen; was Ihnen Flüssiges einfällt, notieren Sie getrost.«

»Sehr gut. Quantität?«

»Notieren Sie acht bis fünfundzwanzig Hektoliter -- sein Durst schwankt, sein Appetit wenig.«

»Das sind alles sehr bemerkenswerte Anhaltspunkte, und sehr dienlich zu seiner Aufspürung.«

Er schellte.

»Alarich, senden Sie Kapitän Burns herein.«

Burns erschien; Inspektor Blunt enthüllte ihm die ganze Angelegenheit Punkt für Punkt. Dann sagte er in der klaren, entschiedenen Weise eines Mannes, der sich seinen Plan genau vorgezeichnet hat und ans Befehlen gewöhnt ist:

»Kapitän Burns, weisen Sie die Detektivpolizisten Jones, Davis, Halsey, Bates und Hackett an, den Elefanten aufzuspüren.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Weisen Sie die Detektivpolizisten Moses, Dakin, Murphy, Rogers, Tupper, Higgins und Bartholomey an, die Diebe aufzuspüren.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Senden Sie eine starke Wache -- eine Wache von dreißig auserlesenen Leuten mit einer Ablösung von dreißig Mann -- an den Ort, wo der Elefant gestohlen wurde; sie sollen dort scharfe Wache halten Tag und Nacht und niemand -- Reporter ausgenommen -- ohne schriftliche Ermächtigung von mir in die Nähe kommen lassen.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Verteilen Sie Detektivs in gewöhnlicher Kleidung auf den Bahnhöfen, Dampfschiffen und Landungsdepots und auf allen Wegen, die aus Jersey City führen, mit dem Befehle, alle verdächtigen Personen zu durchsuchen.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Versehen Sie alle diese Leute mit der Photographie und dem Signalement des Elefanten und instruieren Sie dieselben, alle Züge und abgehenden Fahrzeuge genau zu visitieren.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Wenn der Elefant gefunden werden sollte, so ergreife man ihn und benachrichtige mich telegraphisch.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Lassen Sie mich sogleich benachrichtigen, wenn eine Spur gefunden werden sollte -- Fußspuren oder dergleichen.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Erlassen Sie einen Befehl an die Hafenpolizei, fleißig am Ufer zu patroullieren.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Senden Sie Detektivs in gewöhnlicher Kleidung mit allen Bahnzügen ab -- nördlich bis Kanada, westlich bis Ohio, südlich bis Washington.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Stellen Sie Sachverständige in allen Telegraphenämtern auf; dieselben sollen auf alle Telegramme achten und sich die chiffrierten Depeschen entziffern lassen.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Lassen Sie dieses alles mit der äußersten Heimlichkeit ausführen -- hören Sie, mit der undurchdringlichsten Heimlichkeit.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Rapportieren Sie mir pünktlich zur gewöhnlichen Stunde.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Nun können Sie gehen!«

»Sehr wohl, Sir« -- und fort war er.

Inspektor Blunt war einen Augenblick still und nachdenklich, dann ließ das Feuer in seinen Augen nach und verlosch. Hierauf wandte er sich zu mir und sagte in ruhigem Ton:

»Ich rühme mich nicht gern, es ist das nicht meine Sache; aber wir werden den Elefanten finden.«

Ich schüttelte ihm warm die Hand und dankte ihm -- der Dank kam von Herzen. Je mehr ich von dem Manne gesehen hatte, desto mehr schätzte und bewunderte ich ihn, desto mehr staunte ich über die mysteriösen Wunder seines Berufs. Dann trennten wir uns für die Nacht und ich ging nach Hause -- mit viel leichterem Herzen als ich gekommen war.

II.

Am nächsten Morgen stand alles haarklein in den Zeitungen, sogar mit Zusätzen -- bestehend aus Detektiv A.'s, Detektiv B.'s und Detektiv N. N.'s ›Theorie‹ in Bezug auf die Ausführung des Diebstahls, auf die Person der Diebe und auf die Richtung, in der sie mit ihrer Beute entflohen waren. Es waren elf solcher Theorien zu lesen, welche alle Möglichkeiten erschöpften, ein Beweis, was für verständige Denker die Geheimpolizisten sind. Nicht zwei von den elf Theorien stimmten überein oder glichen sich auch nur halbwegs, außer in einem einzigen auffallenden Punkt, in dem alle elf Theorien einander gleich waren. Obgleich nämlich die Rückwand des Gebäudes herausgerissen und die einzige Thüre verschlossen geblieben war, stellten alle elf Theorien die Behauptung auf, daß der Elefant nicht durch jene Bresche, sondern auf irgend einem andern (noch unentdeckten) Wege entfernt worden sei, und daß die Diebe jene Oeffnung nur gemacht hätten, um die Polizei irre zu führen. Daran würde ich oder irgend ein anderer Laie vielleicht nie gedacht haben, die Detektivs aber hatten den Umstand auch nicht einen Augenblick verkannt. So war das einzige Moment, hinter dem ich kein Geheimnis vermutet hatte, gerade dasjenige, worin ich am weitesten fehlgegangen war. Alle elf Theorien nannten die vermutlichen Diebe, keine zwei aber dieselben; die Totalsumme der verdächtigen Personen war siebenunddreißig. Die verschiedenen Zeitungen schlossen alle mit der wichtigsten Ansicht von allen -- der des Inspektors Blunt. Dieselbe lautete im Auszug wie folgt:

»Der Chef weiß, wer die zwei Hauptthäter sind -- nämlich Brick Duffy und der ›rote‹ McFadden. Zehn Tage vor der Ausführung des Diebstahls wußte er bereits, daß derselbe versucht werden würde, und hat sich in aller Stille daran gemacht, diese zwei notorischen Spitzbuben zu verfolgen; unglücklicherweise aber ging in der fraglichen Nacht ihre Spur verloren, und ehe man sie wieder auffinden konnte, war der Vogel -- das heißt der Elefant -- ausgeflogen.

»Duffy und McFadden sind die verwegensten Schurken in der ganzen Verbrecherzunft; der Chef hat Grund zu der Annahme, daß sie die Männer sind, die letzten Winter in einer bitterkalten Nacht den Ofen aus der Polizeiwache stahlen, infolgedessen sich vor Tagesanbruch der Chef und sämtliche Geheimpolizisten in ärztlicher Behandlung befanden; -- einige wegen erfrorener Füße, andere wegen erfrorener Hände, Ohren, Nasen und anderer Körperteile.«

Als ich die erste Hälfte dieser Theorie las, war ich mehr als je erstaunt über den wunderbaren Scharfsinn des seltenen Mannes: er sah nicht nur alles Gegenwärtige mit klaren Augen, auch das Zukünftige entschleierte sich vor seinem Blicke. Ich begab mich alsbald in sein Bureau und sagte ihm, ich bedauere nur, daß er jene Spitzbuben nicht habe festnehmen lassen, wodurch das ganze Unheil verhütet worden wäre; aber seine Antwort war kurz und bündig:

»Es ist nicht unseres Amtes, das Verbrechen zu verhindern, sondern es zu bestrafen. Das können wir aber erst, nachdem es begangen worden ist.«

Ich bemerkte, daß die Heimlichkeit, mit der wir zu Werk gegangen, durch die Zeitungen verletzt worden sei, nicht nur alle Thatsächlichkeiten, sondern auch alle unsere Anhaltspunkte und Absichten seien enthüllt und selbst alle verdächtigen Personen namhaft gemacht worden -- letztere würden sich jetzt ohne Zweifel maskieren oder ihre geheimen Schlupfwinkel aufsuchen.

»Sie sollen's nur!« sagte der Inspektor. »Sie werden bald merken, daß, wenn ich es auf sie abgesehen habe, meine Hand auf sie niederfallen wird, so unfehlbar wie die Hand des Schicksals. Was die Zeitungen anbelangt, so müssen wir mit ihnen rechnen: Ruhm, Reputation, fortwährende öffentliche Erwähnung -- sind des Geheimpolizisten täglich Brot. Er muß seine Entdeckungen veröffentlichen, sonst glaubt man, daß er keine macht; er muß seine Theorie veröffentlichen, es giebt nichts Seltsameres und Ueberraschenderes, als die Theorie eines Polizisten, und nichts trägt ihm so viel Bewunderung und Hochachtung ein; wir müssen unsere Pläne veröffentlichen, denn die Zeitungen bestehen darauf, und wir können es ihnen nicht abschlagen, ohne sie zu beleidigen. Wir müssen dem Publikum zeigen, was wir thun, damit es nicht glaubt, daß wir nichts thun. Es ist viel angenehmer, wenn eine Zeitung schreibt: ›Inspektor Blunts geniale und ungewöhnliche Theorie lautet wie folgt,‹ als wenn sie einen unfreundlichen oder -- was noch schlimmer -- sarkastischen Artikel bringt.«

»Ich verkenne das Zwingende dieser Gründe nicht. -- In einem Teil Ihrer Bemerkungen in den Morgenzeitungen fiel mir auf, daß Sie mit Ihrer Ansicht über einen gewissen untergeordneten Punkt zurückhielten.«

»Ja, das thun wir stets; es macht immer Effekt. Uebrigens hatte ich mir über jenen Punkt eine Ansicht noch gar nicht gebildet.«

Ich deponierte bei dem Inspektor eine beträchtliche Geldsumme zur Bestreitung der laufenden Ausgaben und setzte mich dann nieder, um auf Nachrichten zu warten; jeden Augenblick konnten Telegramme einlaufen. Inzwischen blätterte ich die Zeitungen und unser Zirkularsignalement nochmals durch und entdeckte, daß anscheinend unsere 25000 Doll. Belohnung nur für Detektivpolizisten ausgesetzt waren. Ich war der Meinung gewesen, jeder solle sie bekommen, der den Elefanten auffinden würde. Der Inspektor klärte mich auf:

»Meine Geheimen werden den Elefanten auffinden, die Belohnung _muß_ daher an die rechte Adresse gelangen. Wenn andere Leute das Tier fänden, so wäre das nur dadurch möglich, daß sie die Polizisten ausspionieren und aus Kenntnissen und Beobachtungen der Polizisten, welche sie sich zu eigen gemacht, Vorteil ziehen; an der Berechtigung der Polizei zu der Belohnung könnte das nichts ändern. Eine solche Belohnung ist dazu da, die Männer, welche dieser Art von Arbeit ihre Zeit und ihren ausgebildeten Scharfsinn widmen, anzuspornen, nicht aber dem ersten besten in den Schoß zu fallen, der zufällig einen Fang gemacht hat.«

Das war sicher nur recht und billig. Auf einmal begann der Telegraphenapparat in der Ecke zu ticken, das Resultat war folgende Depesche:

»=Flower-Station=, New York: 7.30 Vorm.

Habe eine Spur. Fand eine Reihe tiefer Spuren, die über eine benachbarte Farm führen. Folgte ihnen eine halbe Stunde östlich ohne Resultat; der Elefant ging wahrscheinlich westlich. Werde ihm jetzt in jener Richtung nachspüren.

Darley, Detektiv.«

»Darley ist einer unserer tüchtigsten Polizisten,« sagte der Inspektor. »Wir werden bald mehr von ihm hören.«

Telegramm Nr. 2 kam.

»=Barkers=, New Jersey: 7.40 Vorm.

Eben angekommen. Glasfabrik hier während der Nacht erbrochen und 800 Flaschen entwendet. Wasser in größerer Menge erst fünf Meilen von hier zu haben. Werde dahin aufbrechen. Elefant wahrscheinlich durstig. Flaschen waren leer.

Baker, Detektiv.«

»Auch das ist vielversprechend,« sagte der Inspektor. »Ich sagte Ihnen, seine Begierden würden keine schlechten Fingerzeige sein.«

Weitere Telegramme:

»=Taylorville=, Long Island: 8.15 Vorm.

Ein Heuschober in der Nähe verschwand während der Nacht -- wahrscheinlich aufgefressen. Fand eine Spur und verfolge sie eilig.

Hubbard, Detektiv.«

»Was er für Sprünge macht!« sagte der Inspektor. »Ich wußte, daß wir ein schwieriges Stück Arbeit vor uns hätten; aber wir werden ihn deshalb doch kriegen.«

»=Flower-Station=, New York: 9 Vorm.

Verfolgte die Spuren über eine Stunde westlich -- sind groß, tief und ausgezackt. Bin eben einem Farmer begegnet, der sagte, es seien keine Elefantenfußstapfen; sagt, es seien Löcher von den Bäumchen, die er letzten Winter aus dem gefrorenen Grunde ausgrub. Ich bitte um Verhaltungsbefehle bezüglich weiterer Schritte.

Darley, Detektiv.«

»Aha, ein Helfershelfer der Diebe! Die Sache wird ernst!« sagte der Inspektor und diktierte folgendes Telegramm an Darley:

»Verhaften Sie den Mann und zwingen Sie ihn, seine Komplizen zu nennen. Verfolgen Sie die Spuren weiter -- bis zum Stillen Ozean, wenn's sein muß.

Inspektor Blunt.«

Nächstes Telegramm:

»=Coney-Point=, Pennsylvania: 8.45 Vorm.

Bureau der Gasanstalt hier während der Nacht erbrochen und die unbezahlten Gasrechnungen von drei Monaten gestohlen. Fand eine Spur und verfolge sie.

Murphy, Detektiv.«

»Himmel!« rief der Inspektor; »sollte er Gasrechnungen verzehren?«

»Wahrscheinlich aus Dummheit.« --

Darauf kam nachstehendes aufregendes Telegramm:

»=Ironville=, New York: 9.30 Vorm.

Soeben angekommen. Stadt in Aufregung. Elefant kam hier durch, früh 5 Uhr. Einige sagen, er ging östlich, andere sagen westlich, einige nördlich, andere südlich -- keiner aber weiß etwas Genaueres zu berichten. Er tötete ein Pferd; ich verschaffte mir ein Stück davon -- für alle Fälle. Tötete es mit seinem Rüssel; schließe aus der Wunde, daß er von links schlug. Aus der Lage des Pferdes schließe, daß der Elefant nordwärts, die Berkley-Bahn entlang, reiste. Hat 4½ Stunden Vorsprung; folge aber sogleich seiner Spur.

Hawes, Detektiv.«

Ich konnte meine Freude nicht zurückhalten. Der Inspektor blieb so ruhig wie eine Statue. Er schellte gelassen.

»Alarich, senden Sie Kapitän Burns zu mir.«

Burns erschien.

»Wieviel Mann sind reisefertig?«

»Sechsundneunzig, Sir.«

»Senden Sie dieselben sogleich nach Norden; sie sollen sich längs der Berkley-Bahnlinie nördlich von Ironville konzentrieren.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Sie sollen ihre Bewegungen mit der äußersten Heimlichkeit ausführen. Sobald andere von den Leuten frei werden, sollen sie sich fertig machen!«

»Sehr wohl, Sir.«

»Sie können gehen.«

»Sehr wohl, Sir.«

Gleich darauf kam ein weiteres Telegramm:

»=Sage-Corners=, New York: 10.30 Vorm.

Eben angelangt. Elefant kam 8.15 hier durch. Alle bis auf einen Polizisten entkamen aus der Stadt. Elefant wollte anscheinend nicht nach dem Polizisten, sondern nach einem Laternenpfahl schlagen, traf aber beide. Verschaffte mir ein Stück von dem Polizisten, um es für alle Fälle zu behalten.

Stumm, Detektiv.«

»Der Elefant hat sich also gegen Westen gewendet,« sagte der Inspektor. »Es wird ihm aber nichts helfen, denn meine Leute sind über die ganze Gegend zerstreut.«

Das nächste Telegramm besagte:

»=Glovers=: 11.15.

Eben angelangt. Stadt verlassen, ausgenommen von Kranken und Greisen. Elefant kam durch vor dreiviertel Stunden. Die Anti-Mäßigkeits-Massen-Versammlung tagte; er steckte seinen Rüssel durchs Fenster hinein und spritzte alles voll Zisternenwasser. Einige schluckten das Wasser -- starben seitdem; mehrere ertranken. Detektivs Croß und O'Shaugnessy passierten die Stadt, gingen aber südlich und verfehlten so den Elefanten. Ganze Gegend auf viele Stunden im Umkreis voll Entsetzen -- Leute fliehen aus ihrer Heimat. Allenthalben stoßen sie auf den Elefanten; viele werden getötet.

Brant, Detektiv.«

Ich hielt kaum meine Thränen zurück, so traurig stimmte mich dieses Gemetzel, der Inspektor aber sagte nur:

»Sie sehen, wir umringen ihn. Er fühlt unsere Nähe; er hat sich wieder gegen Osten gewendet.«

Es harrten unserer bereits neue beängstigende Nachrichten. Der Telegraph meldete:

»=Hoganport=: 12.19 Nachm.

Eben angelangt. Elefant kam vor einer halben Stunde hier durch, jähen Schrecken verbreitend; wütete durch die Straßen; zwei Arbeiter gingen vorüber -- tötete den einen, der andere entkam. Bedauern allgemein.

O'Flaherty, Detektiv.«

»Nun ist er mitten unter meinen Leuten,« sagte der Inspektor. »Jetzt ist kein Entrinnen für ihn möglich!«

Eine Anzahl anderer Telegramme lief dazwischen ein von Detektivs, die über New Jersey und Pennsylvanien zerstreut waren. Aus zerstörten Fabriken, Scheunen und Sonntagsschulbibliotheken wiesen sie die Spur des Elefanten mit an Sicherheit grenzenden Ausdrücken nach.

Der Inspektor sagte:

»Ich wollte, ich könnte mit ihnen verkehren und sie nach Norden dirigieren, aber das ist unmöglich. Ein ›Geheimer‹ geht nur dann zum Telegraphenamt, wenn er seinen Bericht absendet; man weiß nie, wo man ihn fassen kann.«

Nun kam folgende Depesche:

»=Bridgeport=, Connecticut: 12.15 Nachm.

Barnum[2] bietet Doll. 4000 jährlich für ausschließliches Recht, Elefant als wandernde Reklame zu benützen, von jetzt an bis ihn Detektivs auffinden. Will Zirkusplakate auf ihn kleben. Verlangt umgehende Antwort.

Boggs, Detektiv.«

[2] Barnum, der bekannte Schaubudenbesitzer und Meister in der Kunst der Reklame.

»Das ist doch zu lächerlich!« rief ich aus.

»Ja freilich,« sagte der Inspektor. »Herr Barnum, der sich für so gewitzigt hält, kennt mich offenbar nicht -- aber ich kenne ihn.«

Dann diktierte er folgende Antwortdepesche:

»Herrn Barnums Anerbieten abgelehnt. Entweder Doll. 7000 oder nichts.

Inspektor Blunt.«

»So. Wir werden nicht lange auf Antwort zu warten brauchen. Herr Barnum ist nicht zu Hause; er ist gewöhnlich auf dem Telegraphenamt, wenn es einen Handel gilt. Vor drei Uhr --«

»Abgemacht. -- P. T. Barnum.«

So unterbrach der tickende Telegraphenapparat. Ehe ich mir einen Vers machen konnte auf diesen ungewöhnlichen Zwischenfall, leitete folgende Depesche meine Gedanken in ein anderes und sehr betrübendes Fahrwasser:

»=Bolivia=, New York: 12.50 Nachm.

Elefant kam hier an aus dem Süden und passierte den Wald um 11.50, er sprengte einen daherkommenden Leichenzug auseinander und verminderte die Leidtragenden um zwei. Bürger feuerten einige Schüsse aus einem kleinen Böller auf ihn ab und flohen dann. Detektiv Burke und ich langten zehn Minuten später aus dem Norden an, hielten aber ein paar Vertiefungen fälschlich für Fußstapfen und verloren so ziemlich viel Zeit; endlich aber kamen wir auf die rechte Spur und verfolgten sie bis zu den Wäldern. Wir krochen nun auf Händen und Knieen vorwärts, verfolgten die Spur mit scharfem Auge und gelangten so ins Gebüsch. Burke war voraus. Unglücklicherweise hatte das Tier angehalten, um auszuruhen; Burke, der, auf die Spur erpicht, die Augen auf den Boden geheftet hatte, stieß plötzlich, ehe er die Nähe des Elefanten gewahr wurde, gegen dessen Hinterbeine. Burke sprang sogleich auf die Füße, ergriff den Schwanz und rief freudig aus: ›ich beanspruche die Be -- --‹, kam aber nicht weiter, denn ein einziger Schlag mit dem mächtigen Rüssel streckte den braven Burschen tot nieder. Ich floh zurück, aber der Elefant wandte sich um und verfolgte mich bis an den Rand des Gehölzes in schrecklicher Eile; ich wäre unrettbar verloren gewesen, wenn nicht zufällig der Rest des Leichenzuges dem Tiere in den Weg gekommen wäre und seine Aufmerksamkeit abgelenkt hätte. Erfahre soeben, daß von jenem Leichenzug nichts mehr vorhanden ist; schadet nichts, Stoff genug für andere vorhanden. Elefant mittlerweile wieder verschwunden.

Mulrooney, Detektiv.«