Skizzen einer Fußreise durch Oesterreich, Steiermark, Kärnthen, Salzburg, Berchtesgaden, Tirol und Baiern nach Wien,

Part 5

Chapter 53,389 wordsPublic domain

Nebst dem Halurgen findet auch Botaniker und Zoologe reiche Ausbeute für sein Studium, in den Klüften der ungeheueren Wälder und Gebirge, welche sich am Feising- und Wölikbach nordöstlich ausdehnen. Weniger bei der zunehmenden Träufe dazu gestimmt, wanderte ich auf der Straße zu einem dieselbe umspannenden Thorbogen (Klausen genannt).

Kärnthen.

Dieses aus rohen Steinen längst aufgeführte Mauerwerk, bildet die Gränze Steiermarks und Kärnthens. Rechts und links erheben sich nun die Vorläufer hoher Gebirge, zwischen denen nur für die enge Fahrtstrasse und tosende Drau die Pfade hinlaufen.

Das erste Häuschen Kärnthens, nächst dem Thorbogen, macht gleich für den Fremdling den widerlichsten Eindruck. Eine arme von Schmutz und Kröpfen ganz entstellte Familie darin fleht die Vorbeireisenden um Mitleid, man fürchtet, und erblickt dann wirklich bald darauf mehrere Aehnlichkeiten, Kinder laufen herbei und suchen mit halsbrecherischen Bockssprüngen dem Wanderer Vergnügen zu gewähren und Geld abzulocken.

Am jenseitigen rechten Ufer der Drau blickt das alte Schloß Puchenstein abentheuerlich herüber. Nicht allzugroß an Umfang, konnte es doch leicht in dieser Häuser-armen Gegend Glanz und Würde verbreiten. Weder Schiffer noch Kahn konnten meinem Wunsche verhülflich seyn, das Schloß zu besichtigen.

In halber Stunde erreichte ich

Unterdrauburg.

Ein Brand hatte kürzlich mehrere Häuser vernichtet, Manches lag noch wild und wüste durcheinander und entstellte den ohnedieß unansehnlichen nur eine lange Berggasse bildenden Markt. Rechts auf glatter Felsenhöhe trauern die Trümmer der alten Veste. Ihr Umfang muß noch kleiner, als jener von Puchenstein gewesen seyn. Von dem wenigen Gemäuer hat sich noch ein viereckiger Thurm erhalten, der von Laubholz schön begrünt dasteht. Die Seitenmauern, welche bei jedem Lüftchen den Einsturz drohen, sind durch Schatzgräber so Verderben-drohend geworden, weil vor 20 Jahren ein armer Handwerksbursche, durch Geldmangel zu einem Nachtquartier in denen damals noch einigermassen Schutz gewährenden Hallen gezwungen, einen Fund von bedeutendem Werthe soll gemacht haben. Ob, wenn ja ein Bursche plötzlich zu Gelde gekommen, diese Ausbeute eben nicht List von dem vorgeblichen Finder gewesen sey, sich strenger Untersuchung zu entziehen, kann ich nicht untersuchen; genug, den Mauern ließ man es entgelten, daß sie einem Fremden so leichtfertig Schätze überließen. Das Schloß Unterdrauburg sammt dem Markte hat einstens denen berühmten Rittern von _Auffenstein_ gehört; als aber Friedrich, der letzte dieses Stammes sich wider den Landesfürsten empörte, nahm das Reich davon Besitz.

Leider mußte ich nun bei den schlüpfrigen Feldwegen, welche durch die zunehmende Nässe sich noch verschlimmerten, die lästige Fahrtstrasse fortwährend wählen. Es war auch eine der abgeschmaktesten Promenaden, im Kothe Berg auf und ab, durch einzelne Wälder, die nichts Sonderliches darbothen, immer fortzuwandern; auch kein Erholungspunkt an der links sich hinwälzenden Drau, kein Kahn darauf, kein Vogel in dem Nebel-umflorten Haine ließ reges Leben verspüren; selbst das heilige Dreifaltigkeits-Kirchlein, so passend es rechts einen Felsen krönt, konnte bei seinem düsteren Schweigen nichts weniger als Ermunterung spenden. Endlich hatte ich

Lavamünd

erreicht; ich staunte, einen Markt zu sehen, welcher jedem Städter als Exil Furcht einjagen müßte. Wenn ich ihn mit einem Dorfe um Wien vergleichen wollte, so müßte ich mich, die österreichischen Dörfer so herabsetzend für rügewürdig fühlen. So schlecht die Hülle, so die Fülle würde ich sagen, wenn man in den Gasthäusern etwas mehr als sauren Wein bekommen könnte; da man aber -- hier der Speisen vielleicht entwöhnt, gar nichts zu essen bekömmt, so läßt sich auch nichts kritisiren.

Ich versprach also meinem Magen alles Gute, betrachtete das preiswürdigste aller Thäler Kärnthens -- das angerühmte Lavantthal, welches zur Rechten auf eine Strecke von sechs Stunden Länge und zweistündiger Breite gegen Steiermark nördlich hinreicht, und wanderte getrost nach Eis, einem Dörfchen aus fünf Häuschen bestehend, wo die Posthalterin zugleich Gastwirthin ist. Hier schienen auch alle Hausbewohner jüngst im Essen überladen, eine weise Diät zu halten; oder die Millionen Fliegen bereits alles weggeschnappt zu haben. Ich sollte einen Kampf mit diesen Wolken von Ungeziefern um den Sitzplatz beginnen, wollte aber nicht einem Tirannen ähnlich Tausende meiner Bequemlichkeit wegen ermorden, sondern ging abermal friedfertig von dannen. Ich mußte also in Hoffnung eines Imbisses nun auch die dritte Post zurücklegen, jedoch auf besserem Wege. Der Regen versiegte, der festere Sandboden gewährte sicheren Tritt, und da die lästigen Hügel- und Thalwege sich etwas minderten, so schien es, als hätte mich der Hunger zu grösserer Eile gestärkt. Rechts in einer Thalschlucht birgt sich das Dorf

Ehrnegg;

ober ihm schlummert das ehemalig stolze Schloß gleiches Namens. Beide einer schönen Lage sich freuend, schienen für meinen Magen dießmal zu mager, und ich gelobte ihnen für die Zukunft mehr Zeit und Aufmerksamkeit; die Herrn von _Haunstatt_ und später die Grafen von _Dietrichstein_ sind als Besitzer dieses Gutes bekannt. Das Felsenschloß _Griffen_ nördlicher von Ehrnegg sich thürmend, verdient gewiß noch mehr Aufmerksamkeit. Ueber eine hölzerne Brücke gelangt man nunmehr nach

Völkermarkt.

Obgleich diese Stadt an Umfang und Zierde gegen ehedem soll verloren haben, so ist sie doch sehr lebhaft, reinlich und befriedigend für Lebensbedürfnisse. Ich war heute acht Meilen gewandert, es schien mir daher willkommen, in einem wohlbespannten Wagen nach Klagenfurt zu gelangen. Hätte ich Tage dahin zu verwenden gehabt, so wären mir die zahlreichen Ritterburgen, welche die Berghöhen rings im Gebirge behaupten, ein besonderer Gewinn gewesen. Ich wußte, daß einem Sterblichen nicht alles zu genießen vergönnt sey, und ließ mich getrost in dem schnell vorstrebenden Wagen auf der schlechten Strasse jämmerlich hin und her schleudern. Bemerkenswerth schien mir hier die Art, auf dem Felde Klee und Getreide zu dörren. Hohe dicke Löcher-durchstemmte Bäume werden drei bis vier Klafter von einander entfernt, perpendikulär in der Erde befestigt, und dann auf denen horizontal sie durchlaufenden dünnen Bäumchen die Ernte aufgehangen. Man nennt diese Gerüste nicht unpassend -- Harfen, und sie erreichen oft eine Höhe von sechs Klaftern, und gleichen dann so mit der Frucht beschwert, ungeheueren Rohrwänden, die der leiseste Wind umzulegen vermögend wäre. In tiefen, Ueberschwemmungen unterliegenden Gegenden, wäre mir die Mühe, seine Ernte wohl zu bewahren, einleuchtend, warum man aber diesen Gebrauch selbst in höheren Bezirken beibehielt, und so dem Winde mehr Schaden zu üben vergönnt, ist unbegreiflich.

Immer mehr treten die Berge zurück, eine weite aber nicht ganz ebene Fläche, mit Dörfern hinlänglich besäet, läßt die zahlreiche Volksmenge vermuthen, die sich in dieser Gegend nicht stiefmütterlich geneckt fühlen muß. Auch sieht man es dem Boden an, daß er mit etwas Sorgfalt mehr als dürren Hafer und Heidekorn bringe; jedoch dürften Pferd und Rindvieh, das wirklich über allen Ausdruck schlecht ist, kaum die Nähe Salzburgs und Tirols vermuthen lassen.

Im Süden jenseits der Drau, glänzten bereits die bleichen Zinken des Zugthiere-Quälers _Loibel_ mit seinen rauhen Geschwistern im röthlichten Dunkel des sinkenden Tages; Nacht lag über der tief sich hinwälzenden Drau, stille flossen die Gurg und Glan ihrer Verschwisterung zu, die früher so oft sich gesträubt, so oft andere Bahnen sich brechen wollten. Nur einzelne Flammen, bedeutungsvoll dem Fremdling, stiegen vereinzelt hie und da über ein Häuschen empor, und erleuchteten bisweilen die Umgebung. Es waren die Feuerbrände zu Bereitung des

Steinbieres,

des elendesten Getränkes, welches je auf der Welt gekünstelt werden kann. Nur Menschen, welche nie etwas besseres getrunken, und das in der That äusserst schlechte Wasser[14] nicht immer geniessen wollen, können es für etwas Besseres halten. Die Bereitung desselben geschieht folgendermassen. Auf grosse angezündete Holzhaufen werden was immer für Steine zum Glühen geworfen. In einer hölzernen Bodung darneben macht man Wasseraufguß über Gerste, mitunter auch Weizen, etwas Wachholderbeere, gewisse Kräuter und dgl., jedoch ohne Hopfen; wirft dann die glühenden Steine hinein, nimmt sie erkaltet heraus, um sie wieder wie zuvor zu gebrauchen, bis endlich das Wasser in Sud kommt, und Bier spottweise heißt. Dieses wird dann am zweiten Tage darauf getrunken, ohne geklärt zu seyn, noch je rein zu werden. Geruch von Rauch, Lehm oder sonstigen Süssigkeiten, ist immer die Zugabe jenes ekelhaften Getränkes, welches der Wirth selbst nie wagt seinen Gästen in einem Glase, sondern in eigenen dazu bestimmten schwarzen Krügen aufzusetzen. Die Maß solch edlen Getränkes, zum Essen und Trinken gleich ausgibig, das jeder Bauer terminweise zu brauen berechtiget ist, kostet vier Kreuzer W. W. und droht dem durstigen Wanderer auf eine Strecke von vier Meilen um Klagenfurt. Zum Glücke bekommt man hie und da, besonders in der Hauptstadt, auch Kesselbier, jedoch ist es entweder wegen Wasser oder Unkenntniß im Brauen von keinem besonderen Belange. Noch muß ich bemerken, daß ich zu Klagenfurt einige übrigens gebildete Männer traf, welche das Steinbier eben wegen dessen Widerwärtigkeit gewissermassen als Medizin seit Jahren tranken, und sich dabei wohl zu befinden versicherten. Ich gönnte ihnen gerne diese freiwillige Abtödtung alles guten Geschmackes, ohne je mir oder Anderen bei Krankheiten eine solche Kurart zu wünschen. In

Klagenfurt

gibt es so viele und gute Wirthshäuser, daß man einer Erholung in jedem derselben gewiß seyn kann.

[14] Es dürfte auffallen, wie im Gebirgslande, das sonst so hoch gepriesene Kristallgetränk hier als matt und trübe getadelt werde. Es ist aber dennoch so, die Gebirge sind zu weit, der Lauf der wenigen Bäche zu träge, die Beete zu schlammig und der Sonne zu viel ausgesetzt; nur die Stadt erfreut sich einiger ordentlicher Wasserleitungen.

Da die Stadt durch breite Gässen eine große Ausdehnung, aber kaum 10,000 Einwohner hat, so ist die Menschenleere auffallend; die meistens zwei Stock hohen Häuser mit ihren Schindeldächern biethen keine Merkwürdigkeiten dar; eben so wenig erfreuen die 1809 von den Franzosen gesprengten Stadtmauern, zwischen denen nur einzelne Kohlbeete grünen. Klagenfurt war nie eine Festung; dennoch mußte sogar das durch kleine Wohnungen itzt verunstaltete Thor des Fürstenplatzes, von dem verewigten Naturfreunde und Erzbischofe Fürst _Salm_ um eine beträchtliche Summe denen feindlichen Maulwürfen abgekauft werden. Nebst dem mit einem marmornen Obeliske, der Residenz gegenüber, gezierten Fürstenplatz, besteht noch der Florian-, Benediktiner-, alte und neue Platz; dieser ist der größte von allen, besitzt in der Mitte ein Bassin mit einem riesigen Lindwurme, der aber von Unkunst und Verwitterung entstellt, eigentlich gar Niemanden ähnelt; nebenan ist die aufgestellte Büste der Kaiserin Maria Theresia, von Blei, ebenfalls ohne besondere Vorzüge.

Da man keine guten Steine zur Pflasterung herbeischaffen konnte, so war man klug genug, dieselben größtentheils ganz zu entbehren.

Der Charakter der Einwohner erweckt den Wunsch des Fremden, wenn auch nicht der Stadt, doch der Bewohner sich länger zu freuen. Mitten durch die Stadt fließt das Bächelchen Glan, es ist zu unbeträchtlich, um einen anderen Nutzen, als den der Reinigung zu bezwecken.

Die Uebersicht ausgenommen, welche sich vom Stadtpfarrthurme darbiethet, ist sonst Klagenfurt nichts weniger als interessant; in der Mitte einer weiten Fläche braucht man Stunden, um sich im waldigen Grün, oder mit klassischen Resten der Vorzeit, die verschwenderisch die Runde füllen, zu ergetzen. Die einzigen nahen Spaziergänge sind an den Ufern des nicht preiswürdigen Sees, der noch überdieß für Klagenfurt in Sanitäts-Hinsicht schädlich ist, weil besonders im Herbste die über dem grossen Gewässer sich sammelnden Dünste, öfter bis Mittag die Stadt verfinstern und die Luft verderben; die zweite Promenade nach dem eine halbe Stunde entlegenen Parke zu

Ebenthal

dürfte angenehmer, allein zu oft wiederholt noch dürftiger scheinen. Hier ist der Sammelplatz der Honoratioren, die auf der prächtigen Fahrtstrasse im Schatten hundertjähriger Lindenbäume auf Wägen dahinrollen. Der großherzige Besitzer Graf von _Goes_ überläßt den Park zum Genusse dem Publikum. Er besteht aus einem Obst-, Zier- und Küchengarten, und mag wohl in der Umgebung der schönste seyn, allein darum doch nicht lobenswerth. In Mitte sich kreuzender Alleen steht das marmorne Monument, welches der dankbare Sohn seinem verblichenen Vater 1801 setzen ließ, es ist der bestgewählte Punct des Parks.

Die drei Viertel Stunden von hier, östlich auf einem steilen Felsen durcheinander geworfenen Trümmer der uralten

Veste Gurnitz,

deren Fall die Türken 1473 bezweckten, sind kaum der Besichtigung werth. -- Bald wird von dem stolzen Familienschlosse der ruhmvollen Ritter von _Auffenstein_, deren letzter _Friedrich_, mit Ende des vierzehnten Jahrhunderts, erniedrigend seinen Stamm, als Empörer im Kerker verblich, alle Spur gewichen seyn, indeß ihre Thaten ewig der Nachwelt fortblühen! Vom Schlosse sieht man die Glan und Glanfurt, nachdem sie gutmüthig die Heimath bewässert, zum weiteren Laufe sich einen, bis sie die Gurk, und diese die habsüchtige Drau verschlingt.

Von den Lobpreisungen der sechs Stunden von Klagenfurt entfernten

Veste Osterwitz

eingenommen, beschloß ich einer dahin fahrenden Gesellschaft mich anzuschliessen. Auf einem herrlichen Wege des Zollfeldes, beiderseits mit den schönsten Konturen begränzt, die zu schnell dem brausenden Wagen entflohen, erholten wir eine große Menschenmasse, die nach der rechts von malerischer Berghöhe winkenden Gnadenkirche _Maria Saal_ wallfahrteten. -- _St. Veith_, die alte Hauptstadt _Carniens_, blickte düster uns entgegen; schwarz wie die Häuser, umschleiert die Vergangenheit deren Schicksale. Burgen, Wartthürme und alte Denkmähler -- des Faustrechts sattsame Zeugen, bereiten den Pilger vor, das Antlitz der keuschen unbesiegten Jungfrau zu schauen. Rechts bog sich der Weg von der Hauptstrasse, mannhafte Vesten erheben das Haupt, kommenden _Säculen_ trotzend, sie überblickte mit höhnender Miene das erprobte _Osterwitz_. Ueber bewaldeter Höhe gelangten wir zu Fuße nach _St. Sebastian_, einem Dörfchen, dessen paradisische Lage sanfte Ruhe erhöht; vor Jahren soll der hiesige Kirchenpatron der Pestverhüthung wegen viele Wallfahrter zugezogen haben. Nicht achtet man des friedfertigen, sich mit des Herrschers Namen freuenden Dörfchens Neuosterwitz, das demüthig den Wanderer einen Blick der Huld durch sein reines Antlitz abzulocken strebt. Jedoch kein Ausdruck kann schildern, welche Ueberraschung _Hochosterwitz_ jedem Fremden abzwingt, auch bin ich zu weit entfernt, die Vorzüge der allbekanntesten und bestens erhaltenen Veste, die zu oft trefflich geschildert wurden, entweder nachzukauen, oder matter darzustellen. Bekannt ist, daß der kegelförmige, theilweis überhangende Schloßfelsen, welcher kahl nur am Fusse mit Nadelholz bewurzelt ist, 800′ mißt, daß man auf dem schneckenförmigen den Felsen umwindenden Fahrtwege zum Schloß hinauf, 14 Wachthäuser und Thürme, die in der Vorzeit eben so viele Schlösser bildeten, und drei Brücken über tiefe Klüfte überschreiten muß; daß die Veste, obgleich ein halbes Jahrtausend überlebend, noch immer rüstig der Zeiten Schläge erträgt, und nun der meisten Waffen gegen Feinde entblößt, doch nimmer dem Feinde erlag. Von den zwei oben Wasser sammelnden Zisternen ist eine zur Dunggrube verwendet, doch erhält der 50 Klafter in Felsen gehauene Brunnen rühmlichst seinen vorigen Werth. Die Kapelle, viele Wohn- und Waffenzimmer, Prunksäle und sämmtliche Gemächer werden als fideicommis-Gut von der gräflichen Familie _Khevenhüller-Metsch_ ziemlich gut erhalten.

Stunden kann man verwenden mit Untersuchung der Schwerter, Schilde, Sturmhauben, Streitkolben etc., deren hinlängliche Anzahl sich wohl geordnet präsentirt; wenn man diese schweren Waffen ihrer einst rüstigen Führer schwingt, durchglüht stolzes Gefühl für die Vorzeit den Mann, der damals kraftvoll auch wußte, daß er zu wirken vermöge, ohne durch einen entnervten Weichling kaum des Blickes werth, Tod durch verrätherisches Pulver zu besorgen.

Die unterirdischen Gänge, Keller und Kerker, die bis über die Hälfte des Felsens hinabreichen, jedoch hie und da vermauert sind, wurden mehrentheils in Felsen gehauen, und gewähren im Sommer eine besondere Kühlung, mögen aber einstens manchen armen Gefangenen Schweißtropfen erpreßt haben. So sind jedem Jahrhunderte traurige Stürme beschieden, vor deren Spuren die Nachwelt erbleicht.

Von der Aussicht, welche stolz die Umgebung beherrscht, liessen sich Bogen anfüllen, wenn Wortkram Werth hätte; doch vergißt man nicht leicht, wie nördlich das gleichfalls erhaltene Schloß _Mannsberg_[15] vom bewaldeten Berge stolzen Willkomm entbiethet; wie an den Ufern der Gurk im Norden und Süden, und westlich gegen _St. Veit_ von höheren Bergen umringt, Vesten den Feinden zu schwach, ihre mißhandelten Mauern enthüllten; wie südlich über Gebirge, Klagenfurts spitziger Thurm neckend die Hauptstadt verrathet; östlich küsset die Gurk für tapferen Schutz stiller Dörfer, dankbar des Felsens Fuß. Die Bewohner des Dörfchens _St. Martin_, an _Osterwitzens_ Glocke gewohnt, erkennen die Töne genau, die ihnen Arbeit des Tages und Heimkehr zum Imbiß verkünden.

[15] War bis zum Jahre 1628 ebenfalls ein Eigenthum des Freiherrn von Khevenhüller’schen Hauses, wurde aber damals von _Sigmund_ dem Domkapitel zu Gurk verkauft, welches bis jetzt Mannsberg besitzet.

Hat man die Nähe durchirrt, und sucht dann der Ferne Ziel, so endigt es, wie der schmeichelhafte Wunsch des Menschen, groß und ausgezeichnet. Westlich erheben die Villacher-Alpen ihre 1000 Klafter hohen Häupter, im Süden die 20 Meilen fortlaufenden _Caravancas_, welche mit ihren befrosteten Himmelsspitzen Kärnthen und Illirien unabänderlich trennen; im Norden über die mit heldigem Blute der Deutschen ruhmgekrönten Felder[16] hinaus, blicken Steiermarks Alpen herüber, und gönnen kaum etwas im Westen -- auf ebneren Wegen die Feinde des Landes schneller zu bannen!

[16] Zoll- und Krapffeld, welche sich von Klagenfurt über _St_. _Veit_ gegen _Althofen_ ausbreiten, waren seit undenklichen Zeiten immer die Schlachtbänke der kärnthnerischen Kriege. Gegenwärtig, wo jeder Fleiß sich des Besitzes freuen kann, sind es wogende Aecker und Wiesen, die um den Vorzug dort sich streiten. Am Zollfelde geschah auch die Huldigung der alten Herzoge von Kärnthen. Auf einem noch vorfindigen grossen Steine (Herzogsstuhl genannt) sitzend, wurden sie nach einigen Ceremonien zu Herzogen ausgerufen, hier wurden dann vom neuen Landesherrn Ritter geschlagen, und Lehen ausgetheilt.

Im Schlosse werden zum Theile sehr alte Denkbücher gezeigt; eine ungeheuere Menge Namen und passende _Vota_ bestätigen den zahlreichen Besuch. Man sieht, daß nebst hohen Herrschaften und durchlauchtigsten Prinzen, auch unser geliebter Monarch diese Veste 1810 mit seinem Besuche beehrte.

Ich wollte nun den Rückweg antreten, allein meine galanten Gefährten, Kaufleute aus Klagenfurt, die mit dem Schloßinspector befreundet waren, nöthigten mich, hier zu übernachten. Nichts Erwünschteres hätte man mir anbiethen können; mir war die Veste zu lieb, längeres Verweilen schien doppelt Gewinn.

Um einen runden Tisch im Prunkgemache sassen wir aufgeräumt durch mässigen Genuß edlen Luttenbergers, betrachteten die in gleichzeitiger Tracht mit und ohne Knebelbart stolzierenden Bildnisse der Ritter, welche diese Burg besassen, oder im Lande sich Ruhm erwarben; Freunde und Feinde zierten in holder Eintracht die Wände, wie im besseren Jenseits, wo Neid und Kriege verstummen. Jeder von uns erzählte nun etwas, und opferte ein Gläschen den Manen seiner Helden. Lächelnd oder finster, je nachdem sie die Sage schilderte, schienen die Köpfe auf uns nieder zu blicken. Da waren nebst den Ahnen der im Reiche immer ausgezeichneten Fürst Khevenhüller’schen Familie, Conrad der II. von Kraig, der 1395 Friedrichen von _Auffenstein_, Burkharden von _Schärfenberg_, Ruprechten von _Gradenegg_, und Ulrich von _Weissenegg_, am Krapffelde schlug und gefangen nahm; zwei Grafen von _Cilly_, die Kärnthens Schrecken gewesen, _Dietrichsteine_ und _Welzer_, Ritter in Kärnthen gleich rühmlich und zahlreich; Rudolph von _Habsburg_ und sein gedemüthigter Rivale, der stolze _Ottokar_, beide für Kärnthen unvergeßlich; dort das kriegerische Weib Margaretha _Maultasche_ im ritterlichen Harnisch, wie sie 1334 nach ihrem verstorbenen Vater Herzog _Heinrich_, Kärnthen gewaltsam in Besitz zu nehmen, mit einem Tiroler-Heere Dörfer und Burgen verwüstete, bis am Felsen von _Osterwitz_ derer Glück und Kräfte sich brachen; ihr tapferer und fintenreicher Gegner Adalbert von _Schenk_ schien auch itzt als Herr der Veste zu gebiethen; Leonhard _Lohner_ zu _Liebenfels_, läugnet im dreihundertjährigen Harren nicht den Feuerblick, mit dem er 1529 zweihundert gepanzerte Reiter nach Wien gegen die gewaltigen Feinde der Christenheit kampflustig leitete. Von denen, welche mit ihrem Leben das Merkwürdigste verloren, kein Wort! diese Portraite entstellen die nachbarlichen!

So von Kärnthens Helden, dessen klassischen Boden und wunderlichen Mährchen noch manches erzählend, hatten wir uns in die Vorwelt dermassen verstrickt, daß man uns wiederholt zur Ruhe mahnen mußte. Wir folgten endlich dem klugen Rathe; dumpf tönten die Schritte durch den langen Gang, worin Jedem ein Zimmer angewiesen wurde; ohne mich vorher viel umzusehen, genoß ich der Ruhe.

Wie die lebhaftesten Eindrücke des Tages auf unsere Phantasie wirken, so haben sie sonder Zweifel ihren Einfluß auf den Schlaf. Ein was immer für lebhafter Traum hatte mich zu einem Schlage auf die Mauer erbittert. Ich erwachte, mein Hund (vielleicht wegen des Schlages) winselte und murrte unterm Bette; ich wollte ihn besänftigen, da rollte mit fürchterlichem Getöse das Bett gegen die Mitte des Zimmers, mein _Duna_ stürzte hervor, sein donnerndes Gebell und das Schmettern einer ganzen Scherbenfabrik hätte selbst die Todten erschreckt, ich sprang auf! -- Vor mir einige Schritte stand, vom matten Sternenlicht kaum beleuchtet, eine weisse Gestalt; bedächtig hin und her schwebend, schien sie doch weder näher noch weiter zu kommen. Ich dachte, es gelte einen Spaß, und geboth unwillig, anderswo die lästigen Künste zu produziren; -- keine Antwort! es war zu finster, um Stock oder Stiefel zu finden, die verdiente Bezahlung zu leisten; da entbrannte mein Zorn, Herr und Hund eilten zu der Gestalt, und ich packte -- einen Kleiderstock! Beschämt ließ ich ihn verschont, und überließ dem Tage die Aufklärung. Diese kam auch bald und natürlich; das Bett, welches nach alter Art mit Rädern in den Füssen versehen war, wurde sowohl durch einen Ruck von mir, als auch von dem deßhalb hervorspringenden starken Hunde in Bewegung gebracht, der dann zum Unglück ein Tischchen umwarf, worauf nebst dem nöthigen Geschirr zum Reinigen, auch einige Gläser und Flaschen mit Wasser standen. Die Gestalt endlich war ein langes Handtuch, welches Jemand über den Kleiderstock zum Gebrauche hing, und das durch den Luftzug der aus Versehen offen gelassenen oberen Fenstertäfelchen fortwährend bewegt wurde.

Meine Reisegefährten, die wie natürlich, dieser tumultuarische Kampf erwecket hatte, frugen scherzend, ob mich die Geister von _Osterwitz_ geplagt, oder die wilden Jäger aus dem verzauberten Forste zum Balle laden wollten? -- Ich konnte in der Verlegenheit nur die Wahrheit sagen, und sie würzte bei Lachen das Frühstück.