Part 3
halb Ruine, halb bewohnbar, verbindet das Schloß Gegenwart und Vergangenheit in herrlicher Eintracht. Ein Jäger -- Bewohner von neun zum Theile sehr grossen Zimmern, hat Muße genug, bei schlechter Witterung in seiner Behausung Jagd auf unwillkommenes Wild anzustellen, das ihm jedoch bald den Sieg streitig machen wird, wenn die lockeren Fenster und mürbe mit Backsteinen geschwerte Bedachung nicht verbessert werden. Malerei und Fußgetäfel der Zimmer zeigen von einstiger Pracht und Vernachlässigung des Alters.
Einen schönen Anblick gewährt auch der senkrechte Fels rechts vor dem Postorte Peckau, Jungfernsprung genannt; die Mur bricht sich an demselben mit wüthender Gewalt und spielt mit dem in Schaum getauchten Fahrzeuge gleich einem Ei; mit Stangen und Hacken müssen die gewandten Schiffleute dem gähen Anprellen desselben zuvorkommem. Eng rücken die Felsen zusamm, brausend erkämpft sich der Fluß seine weitere Bahn! Ein zweispänniger Separat-Eilwagen jagte vor uns links auf der Strasse nach Grätz; bald war er eingeholt und zurückgedrängt. Ich hätte eine solche Schnelligkeit der Mur nie geahndet, und kaum der oberen Traun[6] die noch reissender ist, zugetraut.
[6] Begreift die Strecke aus dem Hallstädter-See bis nach Stadl; von Stadl bis zum Einflusse der Traun in die Donau bei Zizlau versiegt ihr ungemeiner Schnelllauf; demohngeachtet machen die Untiefen und Inseln auf der unteren Traun die Fahrt gefährlicher.
Doch nach Peckau zurück; östlich vom Markte in einer beflurten Thalbucht ruht auf einem karg begrünten Steinhügel, die Schloßruine
Peckau;
ein Wald auf höheren Bergrücken im Norden und Osten scheint das dürre Skelet vor den es bedrohenden Gewitterstürmen zu schützen, weil nun ausser diesen ihm keine bewaffnete Faust noch feindlich das Banner schwingt. Der Weg hinauf über angenehme Wiesen ist ganz unbeschwerlich und unverfehlbar. Auf der Anhöhe vor dem Schlosse steht ein Bauernhäuschen, deren fleissige Bewohner den alten Schloßgarten verjüngen und künstlich benützen. Ober dem Thorbogen befindet sich noch das gemalte Wappen der ehemaligen Besitzer Ritter von Pfannberg, so wie im Burghofe eine grosse Sonnenuhr. Das Schloß selbst bildet ein Labyrinth von Ruinen, dorischen Säulen (aus neuerer Zeit herstammend), und Gewölbern, welche unter einander geworfen der Phantasie noch bedeutenden Spielraum zu Betrachtungen liefern. Weniges ist mehr deutlich zu entziffern, ausser das leider überall abschreckende Burgverließ links beim Eingange in den Säulenhof; dann noch die Küche, deren mit starken Eisenstangen durchzogene Wände noch 100 Jahren allen Flammen Trotz biethen könnten. Die einstigen Bewohner müssen geradezu wahre Schwelger gewesen seyn, denn so viele Keller und eine so grosse Küche wären auch zur Verpflegung eines Regiments Soldaten hinlänglich! -- Den Thurm kann man nicht mehr besteigen, die Stufen sind ausgebrochen, und das verwitterte Mauerwerk stürzt bei der leisesten Berührung herab.
Die Aussicht ist weniger befriedigend als zu Pfannberg. Peckau gegenüber liegt der seiner silberhältigen Bleibergwerke wegen hinlänglich bekannte Markt Feistritz.
Eine Höhle links an der Strasse Gratwein gegenüber, dürfte noch die Aufmerksamkeit der Reisenden fesseln. Sie scheint obgleich bei 80 Fuß lang, 70 breit und 65 hoch, doch größtentheils mit dem Meissel gegraben worden zu seyn; eine Mühe deren Nutzen nicht einleuchtend ist. In dieser einer Kirche ähnlichen Halle befindet sich ein halb zerfallener Backofen, und neben diesem links ein massives, aus Baumstämmen gezimmertes Geländer; Schwarzdorn- und Holunder-Gebüsche drängt sich an die kalte Felsenwand beim Eingang, den einige Erlen bewachen. Still und ernst wie das Grab schlummert die Höhle, dumpf verhallet der Tritt und kein Lüftchen sanft lispelnd verweilt, die Töne des Lebens zu wecken. Das Abenddunkel ruft dann dem Wanderer die Zeiten der Druiden zurück, und zaubert ihm magische Bilder: So mögen die haidnischen Hallen ausgesehen haben, wo die blutgierigen Priester ihre entehrenden Menschenopfer begingen; dort in der Mitte drohte der Herd, dessen Rauch die verblendete Menschheit entzückte; hier herum die Umzäunung, welche nur geweihte Barbaren überschreiten durften, sich im Morden zu unterstützen; alles dieses dem Auge des ewigen Forschers zu entziehen, spannten greisige Stämme ihre weit reichenden Fittige aus.
Bald lag der Wallfahrtsort _Maria Straßengel_ mit seinem gothischen Kirchthurme rechts im Hintergrund, und Göstings ernsthaftes Antlitz prüfte uns Fremdlinge, als die Schiffleute ermahnten, achtsam zu seyn, und nicht in Angst zu gerathen -- die gefürchtete Weinzettelbrücke mit seinem Kreuze lag vor uns. Alle Männer entblößten das Haupt sich kreuzigend; ich wußte noch nicht was da kommen würde, doch mußte ich auf Ermahnen des Floßdirektors meine Jagdtasche um- und den Hund anhängen, beide nicht zu verlieren. Einige Mädchen zitterten und schrieen erbärmlich; umsonst, der Lauf war unerbittlich! und donnernd stürzten wir ohngefähr fünf Schuh über eine Wehre herab; durch und über das Floß drängten sich die Wogen fußhoch auf sämmtliche Passagiers. Es war wirklich kein Spaß, nicht erholt von erster Taufe, gleich darauf der zweiten ganz ähnlichen sich zu unterziehen. Diese zwei Abfälle sind geflissentlich zur Ableitung zweier Mühlbäche nach Grätz ganz widersinnig hier beisammen angebracht, um die ohnedieß gefährliche Schifffahrt noch zu erschweren. Eine besondere Kenntniß und Geistesgegenwart wird bei Schiffleuten daselbst erfordert, glücklich durchzukommen; zwei Stangen sind die Gränzzeichen dieses Passes, der aber leider schon Viele vernichtete.
Somit war auch die einzige Gefahr auf dieser sechsmeiligen Bahn überstanden; pfeilschnell flohen wir nun durch eine liebliche Aue, die nur der erhabene Schloßberg durchspähte, der versteckten Stadt zu. Nun hob sich der Vorhang, Leben und Frohsinn spielten die Rollen, Grätz war erreicht! -- Unter der gedeckten Brücke durch, am rechten Ufer (_Länd_) betraten wir das Land. Die Mädchen, welche sich von ihrer Taufe noch nicht getrocknet und im possierlichen Aufzuge sahen, schämten sich nicht wenig bei dem Anblicke der in Anzahl herbeigekommenen wie überall neugierigen Städter.
Grätz.
Ich wählte, von dieser fünfstündigen Fahrt mich zu restauriren, den angerühmten wilden Mann in der Schmidtgasse. Wenn ein Gasthaus einer Provinzialstadt den meisten in der Residenz als Muster belobt zu werden verdient, so ists der wilde Mann zu Grätz. Lange Jahre glänzt dem braven Gastgeber und Hausbesitzer dieses Lob, und es wird fortwähren, solange diese Reinlichkeit, wohlzugerichtete Speisen, unverfälschte Getränke, muntere Bedienung und herrliche Tischgesellschaft, Magen und Gemüth des Gastes würzen; für welche auserwählte Erquickung noch überdies eine billige Zeche abverlangt wird.
Grätz zu beschreiben wäre von mir Uebermuth, da ich in sechs Tagen gewiß nicht dasjenige auffassen, noch weniger aber überbiethen kann, was vor mir würdige Schilderer durch mehrjährigen Aufenthalt dahier entdeckt und dargestellt haben. Nur was sich seit jenen wohlverfaßten Beschreibungen in einem Zeitraume von sechzehn Jahren wesentlich hier verändert, erlaube man mir anzuführen.
Grätz ist ebenfalls eine von den Damen die sich im Alter zu schmücken anfangen, um noch neue Anbether zuzulocken. Ich beginne vom Fusse, weil das Pflaster eine Hauptbeziehung auf den gehenden Beobachter hat, der seine Beine auch noch für andere Exkursionen ganz behalten will. Dieses ist nun nach Versicherung der Einwohner gegen frühere Jahre merklich verbessert; und zum Theile zeigen auch die am Haupt- und Jakomini-Platze, so wie in der Herrn-, Rauber- und einigen anderen Gässen angebrachten Trottoire vor den Häusern, die Möglichkeit, wenn auch nicht guten Willen der übrigen Hauseigenthümer, geeignete Steine herbeizuschaffen. Man gewinnt bei dieser weisen Nachlässigkeit den Vortheil, daß man von einer Wohnung weg die Stadt in allen Gäßchen durchschreitend, sich ebenso ermüdet auf den Stuhl hinwirft, als nach einer Wanderung vom entlegenen Scheckel[7]; wo Sturm und Regen den Pilger leicht überfallen und seiner Gesundheit schaden können; was für herrlicher Vortheil! -- Will man aber durchaus (besonders bei Regenwetter) ohne sich die Füsse auszutreten Besuche machen, oder in Geschäften herumgelangen: so sind zur Bequemlichkeit des Publikums wohlbespannte Fiakreswägen bereit, dem Befehle zu willfahren. Es sind deren 20, und wenn die Wege nicht so schlecht wären, so könnten sich (nach der Fußkraft der Grätzer zu urtheilen) bei 38,000 Einwohnern kaum diese erhalten.
[7] Berg, 4800 Fuß über der Meeresfläche erhaben, wird von Grätzern häufig der schönen Aussicht wegen bestiegen.
Nun zum Körper: Die Stadt mit ihren schönen Kirchen, Rath- und ehrwürdigen Landhause, Burg, herrschaftlichen Palais, Säulen auf den Plätzen etc. ist noch, einige moderne Ziegeldächer ausgenommen, genau wie sie Dr. _Sartori_ treffend beschrieb; nur _Taliens_ Tempel (in der Hofgasse) hat sich verschönert dem vertilgenden Brande entwunden, er prangt im angenehmen Style, das Herz durch die Form schon einladend. Der Raum zur Zu- und Abfahrt ist ziemlich geengt, doch ist zu wünschen, daß er nie breit genug scheinen möge. Gegenwärtig war das Dach noch nicht vollendet; Seine Majestät beehrten aber dennoch den Musentempel mit höchst Dero Besichtigung. Ein höherer, ja unvergeßlicher Genuß, wird jedoch jedem gebildeten Reisenden die Prüfung und Durchwanderung des weit berühmten _Johanneums_ seyn; welches Sonntags von 12 bis 3 Uhr für Jedermann, in Wochentagen aber Naturkundigen auf Ansuchen geöffnet wird. Groß ist die Erwartung, grösser wird sie bey Besichtigung des prächtigen, alle heimischen Merkwürdigkeiten einschliessenden Pallastes, (in der Raubergasse) doch übertroffen wird sie beim Eintritt. Ich fühlte an meinem Pulse das zehnfache Entzücken, welches einen Kenner beim Durchwandern dieser Heiligthümer ergreifen und fesseln muß, maß diese Wonne mit jener der Stifter -- und meine Feder verstummt! Jedes Kunst- und Naturprodukt, jedes aufbewahrte Kleinod, sind eben so viele Trophäen zur Verewigung der Stände, und ihres würdigen Oberhauptes Erzherzogs _Johann_. Tage, Wochen, ja Monate könnte man verweilen, und Bruchstücke würde man nur vom Unermeßlichen bewundert haben. Mein zagender Fuß stritt mit dem hundertfach gefesselten Auge; vielfach wollte sich der Blick verschärfen, um Neues zu sehen, und doch nimmer das Gesehene verlassen.
Vier Zimmer sind für das Thierreich; als: Fische, Vögel, vierfüssige Thiere und Insekten bestimmt; dann andere vier Zimmer, worin die seltsamsten Mineralien, Versteinerungen, Kristallisationen, dann alle Holzgattungen in Bücherform, woran die Rinde den Ueberzug, das gehobelte Holz die Schatulle, und die Blätter, Blüthe, Samen und Wurzeltheile das Eingeweide ausmachen, aufbewahret werden. Das Herbarium, welches sämmtlichen kostbaren Schätzen würdig sich anreiht, läßt nichts zu wünschen übrig. Alle diese Naturerzeugnisse und eine ungeheuere Menge von aus Wachs kunstreich nachgemachten Obstgattungen jeder Art, sind innländischen Ursprungs. Das neunte Zimmer endlich oder vielmehr der Saal, enthält physikalische Instrumente und Apparate, nebst verschiedenen Modellen von Maschinen, u. d. gl.
Ich durchschritt zaudernd die herrlichen Gemächer, als ginge ich zum gezwungenen Grabe, und kam doch zu neuen und bezaubernden Schönheiten! Die Eisenblüthe, deren groteskeste Gebilde ich bewunderte, verdrängte der Anblick eines prächtigen Königsadlers, diesen ein sonderbarer Bergkristall aus dem Paltenthale, jenen ein ungeheuerer Bär u. s. w. man sieht umher, wohl überzeugt, zuviel für den Augenblick, zu wenig für die Zukunft gesehen zu haben; doch wird sich der Zoologe schwerlich eines lauten Ausrufs des Erstaunens entziehen können. Das Antiken- und Münzkabinet verdient nicht minder die Aufmerksamkeit des Besuchers, wenn er auch jenes zu Wien schon gesehen hätte. Der Garten, welcher in botanischer Hinsicht erst im Aufkeimen ist, läßt viel erwarten; die Bildergallerie aber, welche sich in der Neugasse befindet, wird gewiß Niemand unbefriediget verlassen. Neben dem _Johanneum_ wird gegenwärtig ein neues großes Gebäude für die schöne Bibliothek eingerichtet.
Jeder wißbegierige Reisende wird sich überdieß durch die Gefälligkeit, Unterweisung, Humanität und tiefgewurzelte Kenntniß der dortigen Herrn _Custoden_ auf das Angenehmste überrascht finden. -- Wohl dem Schiffe, das mit solchen Leitern und Rudern ausgerüstet ist! was mangelt ihm noch, das Ziel zu erreichen? und es hat solches errungen, und zwar eher, als selbes erreicht zu seyn schien! -- Doch wohin treibt mich meine Phantasie? ich will eine Reise, und keine _psychologische_ Abhandlung entwerfen.
Das Haupt von Grätz, ich meine den Schloßberg, hat durch die bitteren Wunden des Jahres 1809 sein früheres Antlitz ganz verloren; doch gewinnt die Stadt durch dessen gemilderte Miene an Freundlichkeit ungemein.
Wenn ich auch annehme, daß es jammerschade ist, den Zeugen der Tapferkeit und Vaterlandsliebe treuer Unterthanen von übermüthigen Feinden rachlustig zerstören zu lassen; so wird mir doch Jeder beistimmen: daß es gewiß zur Seelenerheiterung dient, statt denen mit Unglücksmenschen, welche Erziehung und Schicksal zu Verbrechen geleitet, angefüllten Bastionen, nunmehr zierliche Gärten zu sehen, auf deren Höhe Grätz ihr Gutes und Angenehmes dem Besucher so gerne enthüllt. Kein Stöhnen und Kettengerassel der Arrestanten[8], bannet den sanfteren Menschen; Musik und muntere Ansprache bei erquickendem Getränke ladet auf der Höhe zum Frohsinn. Statt Palisaden reihen sich Obstbäume, statt Bajonetten -- Blumenkohl. Schattige Rebengewölbe laden zur Kühle, wo einstens Batterien erhitzten. Kanonen sind zwar noch vorhanden, von der Bürgermilitz bewacht, zu besonderen Feierlichkeiten oder Anzeige eines Feuerausbruchs in der Umgebung bestimmt; aber keine Kugeln drohen über der friedliebenden Stadt, außer welche geübte Spieler mit kräftiger Faust dem Kegelbahn-Ziele hinsenden. Die Festung der Grätzer ist also dahin, aber die Einwohner haben sich jeder einzeln im Herzen eine Schanze erbaut, die kein Feind der Welt zu besiegen vermag. Der runde Glockenthurm, dessen Verschonung die Bürgerschaft denen Franzosen abkaufen mußte, und nun wie der Wiener Stephansthurm zur Feuerwache bestimmt ist, nebst einer geräumigen Zisterne, dem Häuschen für den Schanzwachmeister, und dem tiefer unten befindlichen viereckigen Uhrthurme, sind die einzigen Mauerwerke auf der breiten Berghöhe.
[8] Zucht- und Strafhaus befindet sich gegenwärtig in der Karlau, südlich von Grätz.
Gerne verweilt der Fuß, um dem Auge seinen schönen Tribut hier zu gönnen: Ringsherum an den Schloßberg Stadt und Vorstädte in holder Eintracht gedrängt; das frischgrüne Glacis durch gesunde Kastanienalleen in kleinere Felder zierlich getheilt, und westlich die dunkel hinströmende Mur, sind die Punkte, auf denen der Blick, von den bunten Ziegeldächern ermüdet, angenehm ausruht. Diesen nahen in paradiesischer Runde gutmüthige Dörfchen, bewinzerte Hügel und Meiereien mit Küchen und Obstgärten, dann schwere Kornfelder auf gedehnter Fläche bis zum Schloß _Wildon_ im lachenden Süden, um ihren Reichthum der älter gebornen Freundin anzubiethen. Ueber alle diese Braven spricht die erhabene Wallfahrtskirche _Maria Trost_ den Segen aus freundlichem Osten. Diesen zu sichern, Kraft und Würde zu verkünden, steht östlicher die kampflustige Heldin, Veste _Riegersburg_[9]. Vom Fuß bis zum hohen Scheitel wohl gepanzert, trägt sie die Waffen aus entwichenen Jahrhunderten, um noch die Feinde der Nachwelt zu erschüttern! -- Weiterhin drängen sich bergige Wälder zusamm, frisch und mächtig, unwillkommenen Besuchern die Wege zu hemmen. Alles in der Ferne schon zu erspähen, erhebt nördlich sein Haupt zur Sonne der hochgeachtete Scheckel. Die Ruine _Gösting_ hingegen, da Kraft und Jugend entschwand, will nun nimmer um irdische Reitze sich kümmern; wild über den Undank der Menschen, welche die alte Gränzhütherin nicht mehr benöthigen und zu vergessen scheinen, erhebt sie die Reste ihres zerstümmelten Körpers bleich aus waldigem Dunkel auf felsiger Spitze im Westen.
[9] Eine der festesten Bergschlösser des Alterthums und gewesene Schutzfestung gegen Ungarn, zwischen Feldbach und Fürstenfeld befindlich; wurde durch Katharina _Galler_ Wittwe, geborne _Wechsler_ und Freifrau zu Riegersburg 1597 im Baue angefangen, und in sechzehn Jahren vollendet. Sieben Thore, deren jedes einzelne eine Festung vorstellt, machte dieses Schloß in damaligen Zeiten unüberwindlich -- Milde denken die Frauen, doch in männlicher Entschlossenheit gebähren sie Riesen!
Ich bin zu schwach, die Eindrücke alle zu entwerfen, welche auf dieser unbedeutenden Höhe so hochbegeisternd sich entwickeln, und überlasse es jedem Gefühlvollen, sich selbst eine Zaubergruppe davon auszuschmücken. Nur dem Kapuzinerberge bei Salzburg, der noch einen besonderen Vortheil besitzt, muß ich den Vorzug über diesen, und den ersten Platz unter Oesterreichs preiswürdigsten Hügeln einräumen; doch davon später.
Besonders erfreute mich zu Grätz der in Hauptstädten jetzt beinahe ganz vernachlässigte Unterschied der Trachten; wovon aber auch hier die Phrynen, welche auf das Allgemeine ohnedieß keinen Bezug haben, auszunehmen sind. Bescheiden hüllt sich das Bürgermädchen in die lieblich sie formende einfache Korsette, weißen Rock mit schwarz seidenem Vortuche, und eine sammtene Kappe oder gothische Haube deckt das geflochtene üppig sich hervordrängende Haar, ohne bei dieser einfachen Kleidung dem Anspruche auf den Rang einer Grazie gleich denen schimmernden Damen zu entsagen. Lieblich schweben sie daher die munteren frischwangigen blonden oder brünneten Mädchen, ohne von einer Städterin eine andere Spur, als die ihrer Bildung zu zeigen. Die Männer sind bei all ihrer Knochenstärke artig im Benehmen; bescheiden, Neuigkeiten zu erfahren, quälen sie Niemanden mit Fragen zu Tode, sondern überlassen es der Fremden Willkühr, zu sprechen, und dagegen -- zu erfahren. Die feine und gebildete Welt mag sich wohl überall ziemlich gleich bleiben, nur fand ich hier weniger lächerliche Modesucht, und einen seltsamen Wunsch sich lästigen Höflichkeiten zu entziehen. Ein Beweis von letzteren mag der Befehl seyn, welchen eine Tafel auf der ständischen Allee (Glacis nächst dem eisernen Thore, von dem nun die Werke abgetragen und der Stadtgraben zugeschüttet wird), enthält, alles Hutabnehmen daselbst zu unterlassen. Ein anderer Promenadeort ist der Merscheingarten, ein flacher Platz mit großen Lindenalleen durchflochten, der mir jedoch keinen Beifall abgewinnen konnte. Besser gefiel mir der Rosenhain, dessen zunehmendes Alter ihn nun schöner kleidet, als da er zwanzig Jahre jünger gewesen, wo er von Reisebeschreibern sehr getadelt wurde.
Ungemein angenehm, besonders für Fremde, ist ein Spaziergang auf der gedeckten Murbrücke[10], welche auf drei hölzernen und einem steinernen Pfeiler (Joche) ruht. Bei Tage, und Abends mit guter Beleuchtung, passieren hier immer Menschen; viele kaufen etwas von den in eng angereihten Hüttchen hier feilgebothenen Waaren, andere gehen in Geschäften nach Stadt oder Vorstadt. Ich glaube, man könnte hier in einem Tage die Hälfte aller Einwohner von Grätz ersehen, was besonders bei regnerischem Wetter, wo der Fremde bloß auf Kaffeh- oder Wirthshäuser gebunden wäre, nicht unwillkommen ist. Mitten auf der Brücke sind zwei Altanen zum Ueberblick der reissenden Mur, an deren Ufern sich die thätigen Hände der Gärber, Färber und Schiffsleute, welche ein- und auspacken, recht lebhaft darstellen. Weiter unten befindet sich die ungedeckte oder sogenannte Neuebrücke, welche die Jakomini-Vorstadt mit dem Gries verbindet. Die Murvorstadt ist zwar die belebteste, aber gewiß nicht die solideste.
[10] Leider ist jene durch die im Frühjahre 1827 stattgehabte furchtbare Wasserfluth sammt den aus festen Quadern sie stützenden Ufersaume abgerissen, und nur einstweilen durch eine schlichte Nothbrücke ersetzt worden. Noch ist ungewiß, ob und was für eine andere Brücke für die Zukunft das Lob der vorigen erringen wird.
Nun wandere ich zum Kalvarienberg, westlich von Grätz auf einem pyramidenförmig isolirten Fels knapp an der Mur befindlich. Der Weg sowohl als der 125 Fuß hohe Berg sind herrlich, und geschaffen, das Gemüth des Wanderers zu sanften Gesinnungen zu stimmen.
Einstens soll dieser Fels einen Wartthurm getragen haben, 1606 aber errichtete Bernhard _Walter_, Oberststallmeister des Erzherzogs _Maximilian_ _Ernest_, zuerst ein Kreuz darauf; 1764 warf es der Blitz herab; darauf bekam das wiedererrichtete, gegenwärtiges _Cronographicum_:
fVLMen DeIeCIt CongregatIo reparaVIt.
Sonntags den 21. August war Feuerwerk im Pumperwaldel, (Prater, der aber mit jenem zu Wien gar keine Aehnlichkeit hat, außer daß einige Bierschenken und Kegelbahnen vorhanden sind); ich besah es, konnte mich aber nicht wie Tags vorher im Grätzer-Aushülfstheater (in der landständischen Reitschule) der aufgeopferten Zeit erfreuen.
Die Tage flohen wie herrliche Stunden; Freunde und Gefilde täuschten mich herzlich; deren Wonnegaben verkostend hätte ich bald jeder ferneren Reise entsagt: hätte nicht ein Blick auf die mitgenommene topographische Karte meinen schlummernden Willen erweckt, und schnell mich zur Abreise gerüstet. Ein herrlicher Morgen vergoldete mir die Hoffnung einer lieblichen Wanderung; Grätz schlummerte noch, schlummerte wie das edle unschuldige Mädchen -- schmucklos in höchster Pracht, ohne Arglist von Feinden zu besorgen. Ausgebreitet lag es harmonisch auf herrlicher Flur, von den spähenden Thürmen und grünenden Bergen begrüßt; kein neidischer Nebel entzog etwas der reitzenden Gestalt, noch suchte schwelgerischer Rauch zu verbergen, was es so liebenswürdig macht. Gesunde Luft spielte sanft mit den Blättern der Bäume, als wären sie Locken der Schönen, damit dieser anmuthige Wirbeltanz höheren Schmuck noch verleihe. Die immer wachsame Mur durchlief die Stadt mit zunehmender Schnelligkeit, als wollte sie Versäumtes ereilen, oder den Weg verkürzen. Geschäftige Schwalben umzogen sie neugierig, um eigene Schönheit im wässrigen Morgenspiegel zu schauen; erfreut ob schmeichelnder Empfindung, zollten sie singend dem Schöpfer freudigen Dank. Es war ein Bild zum Entzücken, welches nur die Erinnerung von wahrer Seligkeit trennte: daß nicht alles Beglückende ewig dauere, und nur öfter so ein ähnlicher Augenblick mondenlange Schwermuth versüße, um bald wieder neues Mißgeschick erträglich zu machen. »Lebe wohl, geliebte Freistadt des Vergnügens und der Anmuth! lebe wohl, du neueres _Eden_! lebet wohl, ihr selbes bewohnenden Seelen!« sprach ich innigst gerührt dem stummen verlassenen Städtchen, und zwang den unwilligen Fuß,
Gösting’s