Part 10
[19] Die wesentlichsten Stein- und Erdarten des Salzberges bestehen in Marmor, gelb und graulich-weissen Kalkstein, Gips, grau und lettenartigen -- bisweilen Schieferthon u. d. gl.
[20] Schachte sind kleinere ausgezimmerte Stollen im salzreichen Berge, worin man von einem Sinkwerke zum anderen gelangt.
[21] Schüttpütten sind den vorigen an Grösse und Zimmerung gleich, jedoch mit einer perpendikulären Richtung, befinden sich im tauben Gebirge, und gehören nur zur Beseitigung des im Berge vorfindigen Lettens, welcher im Stollen nicht füglich hinausgeschafft werden kann.
[22] Probieröfen sind eingetriebene schachtförmige Erweiterungen im Berge, Salzlagen zu erforschen, aus deren salzreicheren in der Folge Sinkwerke entstehen.
[23] Sind die künstlichen Vorrichtungen, womit die Probieröfen und Sinkwerke mit Letten und Zimmerung verschlagen, die Salzsohle gesichert und sodann abgelassen wird.
Die Anlassung der Sinkwerke, entweder durch Selbstwasser (welches sich im Berge sammelt), oder durch äussere Bächelchen (Tagwässer) mittels Tagschürfen, (schiefe Stollen, welche ausgedielt mit Bretern bewändet, an der Sohle zu beiden Seiten Röhren, um Wasser zuzuführen, und Leitern zum Auf- und Abklettern der Knappen besitzen), hat man weniger Gelegenheit selbst zu sehen, sondern muß sich mit gründlicher Erklärung begnügen; desto sicherer wird man von dem seltsamen Eindrucke überwiesen, den solch ein aufgelassenes Sinkwerk bei gehöriger Beleuchtung auf den Fremdling macht. Sollte eine 50° lange, 30° breite und kaum 6′ hohe Höhle, welche mit den herabhängenden und am Boden liegenden schon niedergestürzten Bergklumpen, wie der zahnreiche Rachen eines wunderbaren Ungeheuers mit feurigem Hauche den Fremdling umfaßt und zu zermalmen droht, der dumpfe Ton der ferne befliessenen Häuer, welcher den Berg zu werfen scheint, die verhallenden Worte der Sprecher, wie hohle Stimmen erstandener Geister, endlich die schlechte, jeden Ungeweihten ängstigende Luft, nicht auf den Fremden ausserordentlich wirken? Diese Sinkwerke sind die unmittelbaren Fundgruben der Salzausbeute, wenn sie mit süssem Wasser angefüllt, nach 30 oder 40 Tagen (nachdem der Salzstoff reicher und leichter zum Auflösen ist), eine 25½ Grad wiegende Sohle abgeben; 325 Eimer Sohle liefern dann bei gutem Sude 100 Zentner Kochsalz. Daß diese Sinkwerke eine ungleiche Quantität Sulz erzeugen, versteht sich von selbst; die kleinsten welche 14,000 bis 60,000 Eimer fassen, können jährlich zwei bis dreimal angelassen werden; die größten von 208,000 bis 500,000 Eimer, höchstens alle drei Jahre einmal.
Nach jedesmaligem Ablassen der Sohle erweitert sich das Sinkwerk, theils durch das aufgelöste Salz, theils durch den sich mitauswaschenden Lehm oder Unberg, der als Schlamm den Boden bedeckend, mit den Truhen (Hunden) zu Tage befördert werden muß. Sind die Sinkwerke endlich zu groß, daß entweder die Ausräumung (Säuberung) zu viel kostet, oder der Salzstock hie und da zu erschöpft ist, so wird es aufgelassen (nimmer betrieben), und anderswo Probieröfen und Sinkwerke angelegt.
Vom Sinkwerke wieder umzukehren, oder weiter die Wanderung in des _Plutus_ labyrinthisches Reich fortzusetzen, überläßt man dem Gaste, der gerne letzteres wählt. Nun heißt es Klettern oder Rutschen, wozu die Rollen (ausgezimmerte 3′ breite Schächte, mit einer ungefähr 40 gradigen Neigung) Gelegenheit biethen. Strebt man abwärts, so muß man sich bequemen, darin auf zwei, schuhweit neben einander hinablaufenden glatten Bäumen, rechts mit einem Stricke versehen, der mit Hand und Fuß zu umfassen ist, nieder zu rutschen, aufwärts aber, die zwischen diesen Bäumen fortlaufenden steilen Stufen, mühsam zu ersteigen. Beides scheint den Fremdling beim ersten Anblick ängstigend und gefahrvoll, die Probe erst zernichtet den Wahn. Mich ergetzte diese Flugfahrt wie jedes Besondere, zündete das verloschene Grubenlicht immer geduldig wieder an, besah noch mehrere Wehren, Sinkwerke, Probieröfen etc., und kam so mit Vogels Schnelle in den untersten Wolf-Dietrich-Stollen, welcher gegen den zuerst besuchten Leonhartsberger-Stollen, eine Senkung von 1000′ haben mag. Hier wird man aufmerksam gemacht auf die ungemeine Dauer der Stollenauszimmerung im salzreichen Berge, die vor zehn Jahren verfertigt, besser erhalten ist, als jene, welche im tauben Gebirge kaum so viel Monate zählt. Am vortheilhaftesten rentirt sich der Stollenbau, wenn er durch festes Gebirge, wie öfter im Dürenberge, auf weite Strecken durch Marmor leitet; denn obgleich die erste Ausgabe des Durchbruches ungemein mehr beträgt, so währt sie dagegen, ohne Zimmerung und Reparaturen, für die Ewigkeit.
Ein Karren nahm mich sodann wieder auf, und rollte, durch die Behendigkeit zweier Knappen beflügelt, dem Mundloche (Eingangsstollen) zu. Das Tageslicht blitzte entgegen, grösser und weiter wurde die Lücke, reinere Luft wirbelte die Locken der Eilenden, ich tauschte den Tag um die Nacht!
Meine wohlbenützte Maske abgelegt, betrachtete ich noch einmal mit Ehrfurcht den Salzberg, der so viel Grosses, Wohlthätiges in seinem Innern verschließt, und in dem die sinnenden Männer so manche Preisdenkmähler ihrer Wissenschaft und Geschicklichkeit sich bauten, und wanderte befriedigt hinab.
Ein Wettreiten
seltener Art hielt mich ab, vom schnelleren Besuche Berchtesgadens. Ich hatte zwar mehreren in Ungarn und Oesterreich schon beigewohnt, wo mit entsprechenden leichtfüssigen Rennern dieses Spiel ausgeführt wurde; hier aber war vorzüglich eine Schwere der riesigen Gaule von wenigstens neun Zentnern erforderlich, um zum Wettkampfe zugelassen zu werden; auf das Alter der Pferde und deren Lenker nahm man weniger Rücksicht. Die Rennbahn war unter Hallein eine Fläche gegen Salzburg; weder Schranken noch Wache gab dem Spiele grösseres Ansehen, man bedurfte ihrer nicht, weil kein Andrang der Volksmenge Beirrungen entspann.
Drei seidene Tüchel, mit ungleicher Anzahl Thalern beschwert, waren der Preis für eben so viele Bestrenner. Diese Elephantengaule, keineswegs zum Schnelllaufen, vortrefflich aber zum schweren oder Schiffzuge dienlich, standen ohne Sattel und Zaum, nur mit strickenen Halftern versehen, in Reihe aufgestellt. Muthig massen auf diesen Kolossen die winzig scheinenden Reiter ihrer Gefährten sprechendes Antlitz.
Der Knall einer Halderpeitsche gab das Signal zum Aufbruch; mit langen Gerten ergeisselten die rocklosen Lenker die Schnelle der schwerfüssigen Thiere; einige sich immer umdrehend, gingen gar nicht vom Fleck, andere sprangen und bäumten sich, und warfen entweder des Reiters Hut oder ihn selbst mit zu Boden; schallendes Gelächter der Menge frohlockte dann über des Unbehülflichen Mißgeschick. Nur Wenige sprengten im schweren Galoppe von dannen, daß der Boden erbebte, und die Staubwolken wie durch Besen gewirbelt, sich hoben. Reiter und Pferde verschwanden, bis Stillstand beim Ziele sie wieder erschuf.
Von den ersteren Dreien waren Zwei zugleich angekommen, diese mußten noch einmal rennen; nun hatten sich aber die Gaule auf der kaum viertelmeiligen Bahn bereits müde gelaufen, sie wollten also von neuer Schnelle durchaus nichts wissen. Schritt für Schritt, mit etwas Trapp, den ungewöhnliche Ruthenstreiche erzwangen, wurde nun zum wiederholten Male das -- Wettrennen ausgeführt! Kaum war der eine Reiter beim Ziele angekommen, als der Andere hinter ihm abstieg, und sein Pferd bei der Halfterschnur nachzog, um schneller den dritten Preis zu erhalten. Daß dieses zweite Rennen, dessen Schneckeneile mancher Zuseher vorging, Vielen etwas Neues, Allen aber gewiß Stoff zum lautesten Lachen wurde, unterliegt keinem Zweifel.
Einige Tage früher soll noch ein interessanterer
Wettlauf
von ledigen Dirnen aus der Umgebung Statt gefunden haben; den Preis machten unverarbeitete Kleidungsstoffe.
Eben so wurde für kommende Woche ein Wettgehen junger Burschen, welche bis an den Hals im Sacke eingemacht werden, bekannt gegeben. Diese Wanderung wird nur mittelst kleiner Sprünge bezweckt, welche öfteres Umfallen nach sich ziehen, wovon sich dann der Sackläufer nicht sobald ohne Mitwirkung der Hände erholen kann, sondern sich am Boden herumwälzend die lächerlichsten Situationen liefert.
Diese und noch andere Wettkämpfe, wozu die Streitfahrten der Fischer auf Seen von Oberösterreich, Salzburg und Berchtesgaden gehören, werden alljährig mitunter in anderen Bezirken begangen, und bleiben von der neugierigen Nachbarschaft ja nie unbesucht. Der anwesende Fremde gewinnt dabei ein doppeltes Interesse, am Feste sowohl, als auch an Kenntniß der Umbewohner, deren Wuchs, Wohlstand und Kleiderschnitt sich vorzüglich darstellen.
Von Hallein führt ein steiler Bergpfad nächst dem Kalvarienberge durch eine Schlucht nach dem Gränzposten
Schöpfruh,
der vor Zeiten als Mauth, so oft Gelegenheit zu Zwist und Rachsucht den Berchtesgadnern und Salzburgern unter einander gab.
In einem Häuschen, unter dessen Zwinger-ähnlichem Thorbogen die Strasse fortführt, befindet sich das österr. Zoll- und Aufsichtspersonale, und etwas tiefer unten zu
Zill,
jenes der königl. bair. Regierung. Waaren und rohe Stoffe müssen hier verzollt werden, Reisende aber, die von Salzburg nur einen Abstecher nach Berchtesgaden des herrlichen Königssees wegen machen wollen, können es immerhin wagen, ohne Besorgnisse um königl. bair. Paß.
Die krumme Fahrstrasse führt nun Anfangs neben duftenden Wiesen, von lebendigen Zäunen begränzt, welche man öfter anzutreffen wünscht, statt den holzfressenden Breteinfriedungen, welche undauerhaft überdieß noch in waldarmen Ländern häufiger bestehen.
Der herrliche Waldweg, welcher nun bisweilen neben der entgegen brausenden Ache, die nur durch ihr Geräusche dem Wanderer sich verräth, fortleitet, wurde durch die väterliche Sorgfalt des verstorbenen Königs _Maximilian Joseph_ zum Wohle seiner dankbaren Unterthanen hergestellt.
Lustig pilgert der Fremdling in das Ländchen, dessen Pforte schon so schöne Spuren von Kultur und Anmuth trägt. Bald grüssen ihn freiere Bilder der sinnreichen Natur in
Berchtesgaden’s
Hügelthale, das besäet mit Hütten und Häusern, durchflochten von Wäldchen und Wiesen, beschimmert durch der abstürzenden Bäche murmelnden Streif, und umwunden von den Stachelgürteln der Alpen mit ihren beschneiten Spitzen, ein zauberisches Blendwerk magischer Kunst schiene: wären nicht Gegenbeweis, rüstige Arme, die allenthalben ihr thätiges Daseyn verkünden. So eilen über der Fluren gemähtes Grün die munteren Dirnen zur Heimath, nicht fühlend die wiegende Last der duftenden Kräuter, nur des Lobes gewärtig der emsigen Herrin. Dort über die steinige Höhe schleppen wohlgenährte Rinder die astlosen Lindenstämme zu mancherlei Arbeit bestimmt, in die entlegene Scheune; die Brust kracht im krummen Joche, ihre Gewalt erstickt, Meister und Gesellen müssen sich mühen, mit schwächerer Kraft die gedämpfte Stärke zu unterstützen, die Axen knarren empört, doch menschlicher Wille vollbringt.
Von des schwarzen Domes zugespitzten Marmorthurme schallet vielglockiger Ton echovermehret herüber, er scheinet ein Fest zu verkünden, ob Trauer, ob Lust zur Sprache ihn rief? -- es sammeln sich Bewohner des Marktes!
Friedlich umschliessen desselben 142 zerstreute Wohnhäuser, die nach den Vermögensumständen der 1000 Einwohner, theils von Holz, theils von Stein aufgeführt sind, ihre drei längst erbauten Kirchen; was den ärmlichen Wohnungen und krummen holperigen Gässen an Anmuth fehlt, das ist den meisten Gesichtern der freundlichen Bewohner aufgeprägt, die gerne den Fremden unterweisen, in die Werkstätten der Künstler und Professionisten ihn führen, und den Dank seiner Willkühr überlassen.
Ferne über des Marktes Bereiche wirbeln sich schwarze Dünste in Wolken zusammen; höher breitet sich unter ihnen die Finsterniß, von jenem Winkel scheint die Nacht ihre Bothen zu senden; ein Windstoß -- und zerrissen ist der täuschende Schleier; das schöne Pfannhaus zu Fronreit zeigt sich dem Fremden mit all dem Glanz und Grossen, wie sich der Stolz dem geringeren Anblicke nur zeitweis zur Bewunderung überläßt.
Ich wanderte durchs Unthal, die Gasse des Vormarktes; Lärmen und Jubel beim Wirthe _Springler_ um die zehnte Vormittagsstunde, schien etwas mehr als gewöhnliches Sonntagsfest zu verkünden, auf meine Frage bekam ich mehrstimmiges Hozet
(Hochzeit)
zur Antwort. Unglaublich! kaum zwei Stunden vom Salzburgischen entfernt, und einen Rasttag! ohne früher den preiswürdigen Königssee zu bewundern? Dieß hätte ich nimmer gedacht; aber auch eben so wenig, Zeuge einer Hochzeitfeier zu seyn, wo mitten im Gebirgslande die kräftigsten Burschen und hübschesten Dirnen bei Tanz und Jubel sich ergetzen; dieser Seltenheit kann man wohl einen halben Tag widmen.
Bei meinem Eintritt überzeugte ich mich alsobald, daß des Bachus siegend Panier auch in die entfernteste Gebirgsschlucht gedrungen; denn schon hatte die Freude oder der Wirth manchen der männlichen Gäste zu freigebig mit Wein überladen; die Macht des Geistes, oder die Schwäche der Füsse warf dann den zu stark Durstigen röchelnd in einen Winkel des Zimmers, während die Anderen diesem bald zu folgen, mit vollen Gläsern ein Spottlied über den Gesunkenen anstimmten. Nun kommt der Bräutigam am Arme seiner Auserwählten. Ein ausgelassenes Zurufen tönte aus allen Kehlen dem Brautpaare entgegen, wofür sich beide durch zwei geleerte volle Gläser bedankten. Alle die nicht zur Hochzeit geladen waren, mußten nun den Saal räumen, jedoch gönnte man mir als Fremden freundlich mein einsames Plätzchen, was mich einigermassen die Trunkenheit dieser Leute wieder vergessen machte.
Nach dem Mahle, wo wirklich Ueberfluß herrschte, und ich so ziemlich die ungezwungenen Naturmenschen zu erkennen Gelegenheit hatte, gab Jeder seiner Dirne, welche während des Essens schon hinlänglich abgeküßt wurde, seinen Arm, und man tanzte, daß der Boden durchzusinken schien; mir wurde des Klatschens und Singens wegen für mein Gehör bange, und schwerlich hätte man einen Büchsenschuß wahrgenommen; ich fand aber an der Behendigkeit einiger nicht mißgestalteter Dirnen, sich um den Finger ihres Tänzers etliche zehnmal zu drehen, Behagen, und duldete dieses Allarmgeschrei ein paar Stunden; nun wurden mir aber diese Zeremonien lästig, und ich eilte von dannen.
Was den unmässigen, ja ausserordentlichen Hang zur Schwelgerei im Essen und Trinken bei ähnlichen Feierlichkeiten anbelangt, muß ich freilich nur die Vergebung des nüchternen Beurtheilers ansprechen, und zwar um so mehr, als diese ohnedieß sehr dürftigen Bewohner nicht selten einige ihrer Möbeln oder Werkzeuge veräussern, um einen Tag (wie sie sagen,) recht aufhauen zu können. Doch auch hier wage ich, zwar nicht um sie ganz zu entschuldigen, anzuführen: daß gerade darin der Grund ihrer sonstigen Nüchternheit und steten Fleisses beruht.
Als minder gebildete Menschen kennen sie die Wohlthat der Enthaltsamkeit nicht; würden sie aber täglich, wie anderwärts wohlhabendere Männer, nur etwas schwelgen, so wäre ihr Verdienst und Arbeitslust verschwunden, und Berchtesgaden hätte eben so viele Bettler, als es Bewohner zählt; so aber fand ich nicht Einen! Man zecht einmal, denkt jahrelang an das Gute und Nachtheilige dieses seltenen Tages, arbeitet, um das Verschwendete hereinzubringen, und sich vor ähnlichen Ausschweifungen möglichst zu hüthen. Wer wenig hat, und sich auf Weniges beschränkt, spart meines Erachtens mehr, als der viel hat, und sich im Mehreren beschränkt.
Nachmittags benutzte ich die erhaltene Erlaubniß, sowohl den
Salzberg zu Bischofswiesen,
als auch das zu selben gehörige Pfannhaus in Fronreit zu besehen.
Wenn man einen Salzberg bereits befahren, und _ein_ Pfannhaus gesehen, so wird man, ohne Halurge zu seyn, im Allgemeinen wenig Unterschied finden; es müßte denn nur, wie hier der ungemein reichere Salzstock, welcher sogar in grossen Stücken mit Pulver entsprengt wird, und das neue schön gebaut und eingerichtete Pfannhaus, dessen Aussenseite gegen jene zu Hallein schon so empfehlend sich darstellt, etwas mehr Interesse erregen.
Der Abend kleidete sich trübe und wolkicht, schwühl hauchte die Luft, welche zeitweis ein Windstoß, aus den nahen Eisgebirgen entsprossen, etwas kühlte; es war auf angenehmes Weiterwandern nicht zu denken; ich begnügte mich demnach, auf etwas längerem Wege um den romantischen Markt, obigem Gasthause wieder zuzuschreiten. Da führt mich der Zufall zum
Friedhofe Berchtesgaden’s.
Ich gestehe, weder unter die empfindsame Klasse der Melancholiker, noch unter jene der gewöhnlichen Besucher von Kirchhöfen zu gehören, welche allsogleich bei jeder Grabstätte zu Betrachtungen hingerissen werden; doch über diesem Ruheorte scheint ein besonderer Genius zu schweben. Schönere, kostbarere Monumente mag man wohl auf tausend Gottesäckern finden, schwerlich aber einfach zierlichere, und ein schöneres Plätzchen! Wie im Blumengarten ruhen die Sorge-befreiten Hüllen, gleich im Leben und Tode mit einander verwandt; keine Gruftmauer, kein Alabaster mit Golde sich paarend, will da Ausnahmen machen, bewundernde Blicke des Fremdlings sich zuziehen; man sieht hier, wie nach dem Tode die Körper sich gleichen, wie Haß und Stolz zerstäuben, und die Luft der Ewigkeit sie verzehrt. Kreuze schmücken die Hügel, zwar nur von Holz, aber zierlich gearbeitet und bemalt sind sie alle; man sieht hier nicht, wie Verwandte, aus Freude wegen der übergrossen Erbschaft, dem Verblichenen ein prächtiges Denkmal setzen, und so wie der Nachlaß bei den schwelgerisch Traurenden sich schmälert, auch das Andenken an den großmüthigen Sparer und sein Monument schwindet; bis endlich der Spender ganz vergessen, dem beschädigten, überflüssig gewordenen Denksteine aber vom Grabwärter ein Plätzchen zur Ausfüllung einer Lücke in der Kirchhofmauer angewiesen wird. Hier sucht Jeder, Andenken und Dankbarkeit an seinem lieben Verblichenen so neu als möglich zu erhalten, bis einst das Plätzchen einen Anderen aufnehmend, die Reste des Vorigen zurückgibt, oder ihr Achter selbst entschwunden, und die gleiche Liebe von seinen Nachkommen erwartet.
Hie und da hat natürliches Talent seinen gesicherten Theuren eine Grabschrift gespendet; kein Schwulst verübter Großthaten, ausgezeichneter Geisteskraft -- hier unbekannt! ruhmkrönen des Verblichenen Leben. Einfach, dem Wirken gleich, lautet ihr Lob. Hier folgen zwei der Epitaphien, welche ich wegen ihrer Nationalität der Notirung werth fand, zur Beurtheilung:
Ruhe lieber Vater, ruhe sanft, Du hast im Leben dich viel geplagt; Dafür danken bei dir knieend, deine dir schuldenden Kinder.
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Ein treues Weib, so wie sie war, Gibt mir die Welt nun nimmerdar, Ich wart, bis mir der liebe Gott Sie wieder bringt nach meinem Tod.
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Er schläft; höherer Beruf rief ihn zu sich von der launigen Welt, er findet dort die Blume der Ewigkeit, die hier nur Minuten uns blüht, und für die er sein junges Leben gebüßt.
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Diese letzte Aufschrift hatte mich besonders ergriffen, sie war höher gegeben, und ließ auf ungewöhnliches Ende des Ruhenden folgern. Ich fragte den Schliesser, welcher eben aus der Kirche trat, und erhielt mit der Antwort Befriedigung: Diese Grabstätte verwahre einen jungen Pharmaceuten aus Salzburg, der des Botanisirens wegen schon mehrere Alpen bestiegen, und ohnlängst sich am Königsberge erfallen habe; dessen Freunde hätten sonach diese Zeilen seiner Erinnerung geweiht.
Blumen und gute Nachrede! was kann man Schöneres über dem Grabhügel des braven Mannes säen?
In Reflexionen über das gewürfelte Loos, dem der Mensch von der Wiege an schon zueilt, umstieg ich noch mehrere Grabhügel; es wurde finsterer, tief neigten sich im Friedhofe die Aeste der Trauerweiden, indeß die frische Birke und kräftige Linde mehr Männlichkeit vor dem hochtrabenden Winde behaupteten. »Wieder ein Bild des menschlichen Lebens,« dachte ich; und es sprach der Luft klagender Ton so sonderbar durch die Gewölber der Kirche herauf, und durch die Risse der Mauer und dichte Verzweigung der Bäume pfiff sein wildes Gespotte herüber.
Schwärzer kleideten sich die Gürtel der Alpen, nebelschwangere Wolken umtanzten deren rothgeschmückte Schneegipfel, und entzogen der Gestirne wohlthuenden Schimmer -- das Willkommene der Nacht. So schließt sich die Sanduhr, so Titan’s willkommenes Reich wohl Manchen noch heute, der Schimmer des Lebens sinkt unter der Krankheit erschöpfenden Qual; itzt schlug neun Uhr der nahen Glocke dumpfer Ton, unwillkührlich zitterte durch mein Inneres der Gedanke -- »bis auch dich die Stunde ruft zum Abzuge. Möge sie immerhin nur von Wolken des Firmaments beschattet werden, welche der kommende Morgen wieder zerstreut!«
Zunehmender Regen jagte mich schneller als gewöhnlich ins Wirthshaus; die noch immer lustige Gesellschaft darin, schien dessen nicht zu achten; ich ließ sie toben, und wünschte lieber einen schönen kommenden Tag, verzehrte den wohlschmeckenden Imbiß, und pflog im entlegenen Stübchen der Ruhe.
Kein grösseres Mißgeschick foltert den Reisenden, das mag die Erfahrung versichern, als in einer schönen Gegend, im Kreise noch zu durchwandelnder Paradiese, durch Ungewitter an das Wirthshaus gefesselt zu werden, wie hier durch zwei Tage! Ich ging mitunter in die Werkstätten der Tischler, Drechsler etc., kaufte einige Kleinigkeiten, konnte aber die lange Weile nicht verscheuchen. Endlich am Morgen des dritten Tages schien das Gewitter versöhnt, doch nur oben versiegte die Fluth; der Gebirge Klüfte öffneten ihre Schleussen, und es stürzten allenthalben Bäche und Ströme hervor; die Fluren waren überschwemmt, die Ache schwoll zum riesigen Fluß, und ihre Wellen schlugen an die zagenden Füsse des Wanderers; von jedem Baume fielen schwere Tropfen, wie aus Becken herab, die Luftbewohner drängten sich ängstlich in ihr Nest, und der hungernde Adler krächzte vergebens in der neblichten Höhe, durch Raub seine Gierde zu stillen.
Wie lieblich möge der romantische Pfad durch Schönau und Hofreit an schönen Sommertagen zurückzulegen seyn! wie beglückt die gutmüthigen Bewohner in ihren an Felsen und Waldbergen gelehnten Hüttchen scheinen! So aber zittert man für die zu viel Wagenden, wenn der Winter seine Schrecken vermehrt, Lavinen oder Gießbäche herabsendet von den Himmelszinnen, und vertilgt, ehe man noch Vernichtung geahndet. Den Bach aufwärts verfolgend, kommt man bald zum steinernen Holzrechen, und somit auch zum Hafen des
St. Bartholomäus oder Königssees.
Viele niedliche Kähne ruhten unter hölzernen, auf Pfählen in See hineingebauten Scheunen; freundliche Fischerhütten lagerten sich in frischgrüner Fläche, und ausgespannte Netze zeigten von der Thätigkeit der hiesigen Bewohner; einige grasende Kühe und muntere Geissen, welche die bewaldeten Wiesenstreife hinauf wanderten, dann der wellenlose Spiegel des finsteren Sees, worin sich die bunten Konturen der Gebirgsmassen malten, vollendeten das seltsame Landschaftsbild der einzigen Schweiz.