Singapore, Malacca, Java. Reiseskizzen von F. Jagor.

Part 9

Chapter 93,411 wordsPublic domain

Nach Crawfurd ist der Verbrauch in Singapore per Kopf und Jahr 330 Gran, in China 140 Gran, in Java 40 Gran. Da aber bei der in China und Hinterindien üblichen Art, das Opium im Wege des Rauchens zu geniessen, die Hälfte seines Nutzeffekts verloren geht, so muss man diese Mengen halbiren, um sie mit dem Konsum in England zu vergleichen. Man erhält dann 165, 70 und 20 Gran gegen 18, resp. 26,6 Gran in England. Nach der Angabe des Commercial Guide, dass China jetzt 100,000 Kisten per Jahr verbrauche, erhielte man, die Kiste zu 70 Katti Tschandu (rauchbaren Extrakt) = 93-1/3 ℔ engl. gerechnet, 163-1/3 Gran per Kopf und Jahr bei einer Bevölkerung von 400 Millionen, d. h. für China so viel, als Crawfurd für Singapore annimmt!

Johnston sagt, dass trotz der grossen Zunahme des Opiumverbrauchs in England durchaus die statistischen Daten fehlen, auf welchen man die Annahme begründen könnte, dass der Opiumgenuss schon jetzt unter der Bevölkerung Grossbritanniens ein Nationallaster geworden sei oder bald werden würde. Nach ihm soll die ländliche Bevölkerung noch frei davon sein.

Eine England eigenthümliche Form des Opiummissbrauchs, dessen ausgedehnte Verbreitung nach J. auf unbestreitbarem Zeugniss beruht, ist aber die folgende: Die Mütter in den Fabrikstädten geben ihre Kinder an Pflegemütter und diese beruhigen die Kinder und bringen sie in Schlaf durch Opium. Rev. Clay gab an, dass allein in Preston 1843, 1600 Familien die Gewohnheit hatten, Godfrey's Cordial oder eine andre ebenso schädliche Komposition zu gebrauchen, und dass in einem der Begräbnissklubs jener Stadt 64% der Mitglieder vor dem fünften Jahre starben.

Seitdem scheint sich aber das Uebel auch in der ländlichen Bevölkerung eingebürgert zu haben, wie nachfolgende wörtlich übersetzte Stellen aus dem 6^{th.} Report of the Medical Officers to the Privy Council 1863 pg. 81 zeigen:

„Es kann, sagt Dr. Hunter, kein Zweifel an der Wahrheit der entsetzlichen Thatsache sein, die fast jeder Arzt in den Marschländern angiebt, dass daselbst keine Tagelöhnerwohnung zu finden sei, in welcher man nicht die Opiatflasche sähe, und kein Kind, das nicht davon auf eine oder andre Weise erhielte. In andern Gegenden, wo Frauen ausser dem Hause arbeiten, wie in den Fabrikstädten, wird es den Kindern von den Pflegemüttern eingegeben, und man braucht sich nicht zu wundern, dasselbe Verfahren hier in Anwendung zu finden; aber andre Umstände treten hinzu, die es zu einer allgemeinen Gewohnheit machen, dieses System des Dokterns in einer Ausdehnung zu betreiben, wie man es nur in dem fraglichen Distrikt kennt.

Die schmerzhaften Rheumatismen und Neuralgien, die in den Mooren immer noch häufig sind (d. h. unter älteren Leuten, aber wahrscheinlich ohne allen Verdacht, dass kleine Kinder daran leiden), behandelt man allgemein durch reichlichen Gebrauch von Opium, und die ganze Bevölkerung ist mit dieser Droge durchaus vertraut geworden. Die Drogengrosshändler berichten, dass sie ungeheure Mengen nach diesen Gegenden senden, und die Drogenkrämer verkaufen oft bis zu 200 ℔ im Jahr[31]. Sie wird in Pillen und Penny-Stangen verkauft und ein Laden mit guter Kundschaft versieht wohl an einem Samstag Abend 300-400 Kunden mit diesem Artikel. Die Drogisten meinen, dass ihre grössten Konsumenten nicht die Bewohner der Dörfer oder kleinen Städte seien, in welchen sich ihr Laden befand, sondern vielmehr die Bewohner kleiner Weiler oder einzeln gelegener Bauernhöfe in den Mooren.

Opium wird oft unter irgend einem rothwälschen Namen verlangt, und die damit verbundene Vorstellung ist die einer verbotenen Lust. Die Menge, die ein Opiumesser zu sich nehmen kann, ist oft angeführt worden (etwa eine halbe Unze täglich ist nicht ungewöhnlich), sie findet ihre Grenze eher im Preise, als in der Stärke der Droge. Ein Mann in Süd-Lincolnshire beklagte sich, dass seine Frau 100 £ für Opium ausgegeben habe, seit seiner Verheirathung. Man sieht mitunter auf dem Felde einen Mann im Schlaf, auf seine Hacke gelehnt, -- er fährt auf, wenn man ihm nahe kommt, und arbeitet eine Zeit lang rüstig weiter. Ein Mann, der ein schweres Stück Arbeit vorhat, nimmt seine Pille als eine Vorbereitung, und Viele trinken ihr Bier nie, ohne ein Stück Opium hineinzuwerfen. Um dem volksthümlichen Geschmack zu entsprechen, aber zur höchsten Unbehaglichkeit für Fremde, werden dem Bier narkotische Mittel von den Brauern oder Wiederverkäufern zugesetzt. Vor einem halben Jahrhundert wurde der Bau des Gartenmohns für den Londoner Drogenmarkt in diesem leichten Boden betrieben. Damals nahm der Landmann Mohntrank mit aufs Feld, und jetzt bildet der Mohnkopf, obgleich der Anbau des Artikels für den Handel fast aufgegeben ist, den Hauptbestandtheil der Kräuterthees und Hausmittel der Umgegend. Bei solcher Vertrautheit mit der Droge ist es kein Wunder, dass ein Jeder bereit ist, sie anzuwenden, um ein schreiendes Kind zu beruhigen, obgleich es dann sicher wieder schreit, sobald es erwacht. Opiumesser sollen immer Proselytenmacher sein und einem Kinde wohl Opium hinter dem Rücken der Mutter oder Amme geben. Die beliebteste Form für Kinder ist Godfrey's Cordial, eine Mischung von Opium, Syrup und einer Infusion von Sassafras. Es ist dickflüssig und wird häufig in einer Theetasse geholt. Wenn die Mutter auf Feldarbeit geht und ihr Kind einer Wärterin übergiebt, so hält sie es für das Beste, ihre eigene Flasche Godfrey zurückzulassen, denn die Praeparate in den verschiedenen Läden sind verschieden, und es giebt keinen kleinen Dorfladen, der überhaupt etwas verkauft, welcher nicht auch seinen eigenen Godfrey verkaufte. Den Absatz der Opiate in diesen kleinen Läden zu steigern, ist das eifrige Bestreben einiger unternehmender Grosshändler. Bei den Drogisten gelten sie für den „Haupt-Artikel” und der Gewinn daran ist gering, wenn er im rohen Zustande verkauft wird. Nicht selten ist es vorgekommen, dass eine Pflegeamme ihren eigenen Godfrey statt desjenigen ihrer Clientin gereicht, und über die Wirkung erschrocken, den Wundarzt herbeigerufen hat, der ein halbes Dutzend kleiner Kinder im Zimmer umherliegend antrifft, einige schnarchend, andere schielend, alle bleich mit hohlen Augen, und vergiftet.”

Auch unter den wohlhabenden Klassen soll der Gebrauch immer mehr zunehmen, namentlich bei nervösen Frauen und geistig thätigen Männern in Form von Medizin. Nach Angabe der Aerzte und Missionäre nehmen auch in China die Meisten das Opium zuerst als schmerzstillendes, angenehm erregendes Mittel und gewöhnen sich allmälig so an den Genuss, dass sie ihm nicht mehr entsagen können. De Quincey's angeblich gegen das Opiumlaster geschriebene Buch hat auch gewiss schon manchen Proselyten unter müssigen Reichen gemacht.

Bei solchen Verhältnissen wird man unwillkürlich an eine geistreiche Aeusserung Huc's erinnert (Chine I, 32). Nachdem er darauf aufmerksam gemacht, wie die Engländer durch Konterbande, Bestechung der Beamten und offene Gewalt trotz allem Widerstande der Regierung, das Opium in China verbreitet haben, führt er an, dass es jetzt schon im Lande selbst gebaut wird. In seiner allerdings sehr lebhaften Phantasie sieht er die Zeit kommen, wo die Chinesen das Opium am billigsten produziren, dann werden die englischen Schiffe, da der Verbrauch in England so schnell zunimmt, ihren Bedarf aus China holen. Er schliesst mit der Bemerkung: Beim Anblick dieser Schiffe, welche den giftigen Stoff aus dem himmlischen Reich heimtragen, um England zu vergiften, wäre es erlaubt, auszurufen: „Laissez passer la justice de Dieu!”

Nach der Tydschrift voor Staathuiskunde en Statistiek 1863 pg. 339 war der Opiumverbrauch in Java 1854 48,660, 1855 61,602, 1856 70,787, 1857 84,629, 1858 91,300, 1859 99,807, 1860 105,537 Katti, in 6 Jahren mehr als das Doppelte!

Die holländische Regierung ist ernstlich bemüht, den Opium-Konsum in Java zu vermindern, hat aber auch noch kein wirksames Mittel ersinnen können. Obgleich die Anzahl Opiumläden verringert wurde, stieg der Verbrauch. Zu der so schnellen Steigerung in den letzten Jahren haben Duymaer van Twist's wohlgemeinte, aber verfehlte Maasregeln beigetragen, welche den Verbrauch zu beschränken beabsichtigten. Nach Bleeker betrug die Bevölkerung von Java und Madura 1860: 12,718,717 Seelen, darnach würde der Opiumverbrauch per Kopf 77,4 Gran für das Jahr 1860 betragen, so dass Crawfurd's Annahme, die sich auf eine wenigstens 6 Jahr frühere Zeit bezieht, wohl eher zu hoch als zu tief gegriffen ist.

Als die gewöhnliche tägliche Dosis eines Opiumrauchers in China giebt Lockhart 1 Drachme an (Little nimmt für Singapore etwa halb so viel an), woraus sich bei einer Einfuhr von 67,000 Kisten die Zahl der Raucher in ganz China auf wenig über 2 Millionen berechnet (nach meiner Rechnung fast doppelt so viel, da eine Kiste 70 Katti = 93-1/2 ℔ x 226 Drachmen rauchbaren Extrakts enthält); manche verbrauchen bis 10 Drachmen per Tag, dies sind aber nur die Reichen.

Ueber die Dosen, die ein Opiumesser in Europa zu sich nimmt, führt Husemann, Toxicologie pg. 595, höchst auffallende Thatsachen an:

„Eine der merkwürdigsten, dem Opium wohl mehr als irgend einem andern Narkotikum eigenthümliche Eigenschaft ist die ausserordentlich verschiedene Wirkung, die es in verschiedenen Ländern, auf verschiedene Rassen, auf verschiedene Individuen, in verschiedenen Lebensaltern, unter verschiedenen Idiosynkrasien hervorbringt. Auf Kinder ist die Wirkung ausserordentlich intensiv und inkonstant. Abgesehen von 2 vielleicht nicht ganz sicheren Fällen, wo 1/90 und 1/20 Gran tödtlich wirkten, sind viele Fälle bekannt, wo Kinder bis zu 5 Jahren durch 1/6 bis 1/2 Gran getödtet wurden.... Die Quantitäten, an welche sich Erwachsene gewöhnen können, sind wahrhaft erschreckend. Mir ist eine Dame bekannt, welche 1/2 Unze Opiumtinktur pro Dose nahm; Bäcker erzählt von einem Arzt, der täglich 30 Gran Opium in Substanz verzehrte. Die Confessions of an Opiumeater zeigen am besten, wie weit es ein Europäer bringen kann. Christison erzählt von einem alten Weibe, das 40 Jahre lang täglich 1/2 Unze Laudanum nahm; aber dies ist nichts gegen den Verfasser der Confessions, der es bis zu 8000 Tropfen des „dread agent of unimaginable pleasure” brachte.[32] Nach Zeviani verzehrte ein Frauenzimmer in 33 Jahren 2 Zentner Opium, nach Krüger Hansen ein Kranker in 1 Jahr 4700 Gran. Christison erzählt sogar von einer Steigerung der Gabe bis zu 17 Unzen Laudanum!”

Als Fälle sonderbarer Idiosynkrasien bei Erwachsenen sind in demselben Werk angeführt: 3 Tage anhaltende Intoxication durch 1/2 Gran Opium; Sopor nach 1/3-1/2 Gran Opium; Vergiftung durch 1 Gran Opium per Clysma.

Siebentes Kapitel.

Gründung und schnelles Aufblühen Singapores. -- Rhiow. -- Seeräuberei. -- Malayische Kronik. -- Uebersicht der Verkehrsverhältnisse, sonst und jetzt. -- Ausbreitung der Chinesen. -- Dampfschiffe.

Singapore ist sehr neuer Entstehung. Als die Holländer nach dem Frieden von 1815 ihre ostindischen Besitzungen zurückerhielten, die ihnen die Engländer während der französischen Kriege abgenommen hatten, breiteten sie mit Eifer ihren Einfluss immer weiter über jene Meere aus durch Besitznahme neuer Territorien und durch Verträge mit einheimischen Fürsten, die ihnen grosse Vorrechte vor anderen Nationen einräumten. In England sowohl als in Britisch-Indien wurde damals die grosse Wichtigkeit des indischen Archipels für den Handel wenig gewürdigt, und es möchte vielleicht den Holländern gelungen sein, ihre Nebenbuhler zeitweis aus diesen Gewässern ganz zu verdrängen, wenn jene nicht in Sir Stamford Raffles einen unüberwindlichen Gegner gefunden hätten. Dieser hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, das Monopol der Holländer in jenen Meeren zum Vortheil seiner Landsleute zu brechen. Mit eben so viel Kühnheit als Geschick und Beharrlichkeit schuf er durch die Gründung von Singapore einen Stützpunkt für den britischen Handel in demselben Augenblick, als die Engländer durch die traktatmässige Rückgabe Malaccas an die Holländer den letzten Quadratfuss Landes in jenen Gegenden verloren. Der Plan sowohl, als die Ausführung und die spätere Vertheidigung seiner Schöpfung gegen die heftigsten Angriffe sind fast ausschliesslich sein Werk. Es würde zu weit führen, hier alle Hindernisse aufzuzählen, die er zu bekämpfen hatte. Am heftigsten war natürlich der Widerstand von Seiten der Holländer, die sich in ihren vertragsmässigen Rechten gekränkt hielten. Aber auch bei seinen Landsleuten fand Raffles nur geringe Unterstützung, von mehreren Seiten grossen Widerstand. Besonders von Pinang aus, das in Singapore einen gefährlichen Nebenbuhler erkannte, wurden ihm viele Schwierigkeiten bereitet. In England, wo die schwache Regierung der ostindischen Kompanie nichts gegen die Beschwerden des holländischen Gesandten vermochte, und die Wichtigkeit der neuen Kolonie nicht gewürdigt wurde, kam es so weit, dass Lord Bathurst im offenen Parlament Raffles desavouirte. Auch von den Direktoren der Kompanie erhielt er einen Verweis. Nur bei den Kaufleuten fand er einige Unterstützung.

Schon 1818 hatte Raffles dem damaligen General-Guvernör von Britisch-Indien einen Plan vorgelegt, um mitten im Archipel, am Ostende der Malaccastrasse, als Gegengewicht gegen den holländischen Einfluss ein Emporium zu gründen, und als im Januar 1819 Malacca aufgegeben wurde, zauderte Raffles nicht länger mit der Ausführung. Ohne vorher auf Instruktionen aus England zu warten, zum Theil auf eigene Verantwortlichkeit, da er Gefahr im Verzuge sah, verschaffte er sich bereits am 6. Februar 1819 ein Stück Land am südlichen Rande der Insel und begann sofort die Gründung einer Stadt. Erst am 2. August 1824 schloss Crawfurd einen neuen Vertrag, wodurch den Engländern die ganze Insel und Alles, was in einem 10 Miles breiten Gürtel darum liegt, mit Ausnahme des entsprechenden Streifens auf der Halbinsel Johor, überlassen wurde. Es befinden sich in diesem Gürtel 75 kleine Inseln, deren Flächeninhalt zusammen 17 □Miles beträgt. Singapore hat 206 □Miles (ungefähr 10 deutsche Quadratmeilen), die ganze Besitzung also 223 □M.

Ich erwähne nicht die diplomatischen Verhandlungen mit den einheimischen Häuptlingen, deren Dispositionsfähigkeit die Holländer bestritten, noch die Konflikte mit den letzteren, da sie zu verwickelter Art und von zu lokalem Interesse sind, führe aber am Schluss dieses Abschnitts einige Stellen aus einer von Raffles' malayischem Schreiber verfassten Kronik an, welche auch als ein Beispiel der Auffassungsweise eines sehr fähigen Eingebornen von Interesse sind.

Damals war Singapore eine von dichtem Urwald bedeckte Insel, ein Zufluchtsort der gefürchtetsten Seeräuber. Etwa 700 Jahre früher war von Palémbang aus eine Stadt Singa-pura (Löwenstadt) auf der Insel gegründet worden, die aber später von den Siamesen (?) zerstört wurde. Seit Jahrhunderten war Alles wieder mit dichtem Walde bedeckt. Erst 1811 hatte sich der Tumongong von Johor, Vater des S. 52 erwähnten, selbst einer der verrufensten Seeräuberfürsten, am Südrande der Insel mit einem Gefolge von etwa 150 Mann niedergelassen.

Eine der grössten Schwierigkeiten für Raffles war die Beschaffung eines ~Besitzers~ der Insel, von welchem diese rechtsgültig an die Engländer abgetreten werden konnte. Unter den verschiedenen Prätendenten, die nach dem Tode des letzten Sultans von Johor um die Erbschaft stritten, wählte Raffles den Tuanko-Long, dessen Anrechte durchaus nicht ohne Zweifel waren, und selbst diesen musste er den Holländern mit grosser Heimlichkeit und List aus Rhiow entführen. Die Holländer hielten darauf den Bruder Tuanko-Long's als Gegenkandidaten aufrecht, und Jahre lang bekämpften sich die beiden Seemächte hinter diesen vorgeschobenen Puppen. Erst 1824 wurde die Besitznahme von Singapore ausdrücklich durch die Holländer anerkannt. Aber unter allen diesen Stürmen hatte sich der gelegte Keim so schnell und kräftig entwickelt, dass Raffles bei seinem letzten Besuch, 1823, die Freude hatte, in der erst 4 Jahre alten Kolonie eine Bevölkerung von 10,000 Seelen und einen Handel von 2 Millionen Pfund Sterling vorzufinden![33] Der Grund des schnellen Aufblühens liegt einerseits in den freien Institutionen, die immer dort geherrscht haben, andererseits in der günstigen Lage am äussersten Ende der malayischen Halbinsel. Da Vorder- Indien und China viel weiter nördlich endigen, während die Halbinsel sich fast bis an den Aequator erstreckt, das Meer dort überdies frei von Gefahren und Stürmen ist, so drängt sich die ganze Schifffahrt zwischen Indien und China unmittelbar an Singapore vorbei, so dass die Rhede dieser Stadt einen Theil der grossen Handelsstrasse selbst ausmacht.

Die völlige Freiheit von allen Abgaben und aller Kontrolle, den drückenden Monopolen gegenüber, die bis dahin immer alle in jenen Meeren herrschende europäische Nationen zur Ausschliessung fremder Flaggen aufrecht erhalten hatten, andererseits die Sicherheit der Person und des Eigenthums gegenüber der Rechtlosigkeit und Lebensgefahr in den Staaten der einheimischen Fürsten, machten Singapore bald zum Stapelplatz der Produkte des ganzen Archipels sowohl, als zu dem der europäischen, namentlich englischen Waaren, die von hier aus ihre Weiterverbreitung nach allen Inseln und nahe gelegenen Küstenländern fanden. Der Schifffahrt zwischen Indien und China bot Singapore auch grosse Bequemlichkeiten als eine gerade in der Mitte gelegene Station. Dazu kommen noch sehr günstige klimatische Verhältnisse, eine für die Lage milde Temperatur, und trotz des Rhizophorensaumes, der den grössten Theil der Insel umgiebt, sehr gesunde Luft. Den Chinesen entgingen die Vortheile nicht, welche ihnen die englische Niederlassung darbot. Sie strömten massenweis herbei, die Regierung begünstigte ihren Zuzug, da sie als fleissige Arbeiter unter den trägen Völkern Hinterindiens willkommen waren.

1826/28 erklärten die Holländer das nahe gelegene Rhiow, auf der Insel Bintang,[34] zum Freihafen, in der Hoffnung, dadurch einen Theil des Handels von Singapore abzuziehen und ihm einen Nebenbuhler zu schaffen. Die Maasregel erwies sich aber als eine verfehlte, denn schon war Singapore der Mittelpunkt eines grossen Weltverkehrs geworden: es besass reiche Handelshäuser, Agenturen, Banken, Versicherungsgesellschaften und grosse Waarenmagazine; -- Rhiow hatte nicht Einen Vorzug vor Singapore. Selbst in der Lage, worin es ihm noch am meisten nahe kommt, steht es ihm nach, da die zwischen Indien und China fahrenden Schiffe, um Rhiow zu erreichen, einen Umweg machen müssen, während sie an Singapore vorüberfahren, ohne einen Strich aus ihrem Kurs zu weichen. Auf Rhiow besteht ~kein~ grosses Handelshaus; mehrere, die sich daselbst aufthaten, wurden mit grossem Verlust wieder aufgelöst. Es ist fraglich, ob sich die Holländer nicht geschadet haben, indem sie Rhiow zum Freihafen erklärten, jedenfalls hat aber Singapore dadurch gewonnen, da der Schmuggelhandel, der von dieser Stadt nach den niederländischen Besitzungen getrieben wird, dort eine bequeme Station findet.

Ausser Raffles hat Singapore seine schnelle Entwicklung lediglich sich selbst zu danken. Man kann sich nicht der Betrachtung entziehen, wie in diesen sonst nur den Monopolen und der Willkür verfallenen Ländern die Einführung gesunder, freihändlerischer Grundsätze die glänzendsten Erfolge herbeigeführt hat: In diesem Hafen giebt es weder Einfuhr-, noch Ausfuhrzölle, Schiffe aller Nationen sind frei von jeder Abgabe. Jeder kommt und geht, woher und wohin es ihm beliebt.

Anfänglich stand Singapore unter der Regierung von Bencoolen (Sumatra), dessen Guvernör Raffles war. 1826, als die Engländer gegen ihre Besitzungen in Sumatra Malacca von den Holländern eintauschten, kam es mit dieser Kolonie zusammen unter Pinang. 1830 erhielten Singapore, Malacca und Pinang unter dem Namen „The Straits Settlements” einen gemeinschaftlichen der Regierung von Bengalen untergeordneten Guvernör; die Lokalverwaltung in jeder Kolonie führt ein Resident-Councillor. Bisher hat aber die Bengalische Regierung auf die Entwicklung Singapores eher hemmend, als fördernd gewirkt. Der Guvernör der Kolonien in der Meerenge hat sehr wenig Macht und muss sich oft selbst in reinen Lokalsachen nach Kalkutta wenden, wo die dringendsten Verbesserungsvorschläge häufig unbeachtet liegen bleiben. Wenn einige von dort ausgegangene Verordnungen, die für Singapore die schlimmsten Folgen gehabt haben würden (Einführung von Tonnengeldern, Einfuhrzöllen, einer neuen Geldwährung u. a.), nicht zur Ausführung kamen, so ist dies nur der Wachsamkeit und Energie seiner europäischen Bevölkerung zuzuschreiben, die gegen dergleichen Beschlüsse lebhaft opponirte und sich direkt an das englische Parlament wendete, von dem sie rückgängig gemacht wurden. Nicht mit Unrecht warf man der Regierung von Kalkutta vor, dass Singapore für sie kein anderes Interesse habe, als das einer Station zur Deportation von Sträflingen. Seine grosse Wichtigkeit für den Handel scheint dort nie volle Würdigung gefunden zu haben. Allem Anscheine nach wird aber binnen Kurzem die Verwaltung dieser blühenden Besitzungen von der indischen Regierung unabhängig gemacht und unmittelbar unter das Kolonialministerium gestellt werden.

Einer der grössten Uebelstände, die aus der Machtlosigkeit der Regierung von Singapore hervorgehen, ist ihre Unfähigkeit die Seeräuberei zu unterdrücken, die eher zu- als abzunehmen scheint. Wegen der Unsicherheit der dortigen Meere sind alle Schiffe bewaffnet, und wenn die Gelegenheit günstig ist, so greift das stärkere das schwächere an; nur ein sehr geringer Theil der Räubereien wird bekannt. -- In seinem Bericht von 1859 klagt der Guvernör, dass die Seeräuberei im verflossenen Jahre sehr zugenommen habe, sowohl in Form von eigens ausgerüsteten Unternehmungen in grossem Massstab, als von Strassenraub auf offenem Meere, häufig von Mord begleitet; erstere in Junken, die in Singapore armirt werden.

Die Spanier und Holländer haben bisher mehr zur Vernichtung des Seeraubes im Archipel gethan als die Engländer. Am meisten hat aber wohl im Verhältniss zu seinen Mitteln ein englischer Privatmann, Sir James Brooke, der Rajah von Sarawak, geleistet. Wenn sich nicht alle vier Seemächte, die jetzt in jenen Meeren Kolonien haben, zu gemeinschaftlichen Massregeln auf längere Zeit vereinigen, wird es wohl nicht gelingen, die Seeräuberei auszurotten, denn viele unbewohnte Küsten und kleine Inseln gewähren Zufluchtsstätten, welche häufig mit Kokos- und Sago-Palmen versehen, und von einem schützenden Wall von Rhizophoren-Wäldern oder Korallenriffen umgürtet sind, die Trepang, Muscheln, Schildkröten und Fische liefern, und nur durch schmale, den Seeräubern allein bekannte, nur für ihre kleinen Boote zugängliche Kanäle unterbrochen sind. Die leichten, flachen, sehr stark mit Ruderern bemannten Boote sind so geschwind, dass nur die schnellsten Dampfer ihnen folgen können, diese verrathen sich aber schon aus grosser Ferne an ihrer Rauchsäule, so dass die nur wenige Fuss über das Wasser ragenden, und folglich in sehr geringer Ferne unsichtbaren „Pankos” gewöhnlich vollauf Zeit haben, zu entwischen. Auch wechseln die Räuber wohl Nachts ihren Aufenthalt, wenn Gefahr in der Nähe ist.