Singapore, Malacca, Java. Reiseskizzen von F. Jagor.

Part 8

Chapter 83,563 wordsPublic domain

Die Chinesen auf diesen Plantagen sind es, die so häufig von Tigern umgebracht werden. Wann der Kuli fast nackt im dichten Gebüsch hockt, um die Blätter zu pflücken, so beschleicht ihn der Tiger von hinten und tödtet ihn gewöhnlich mit einem Biss in den Nacken. Finden die Kameraden den Leichnam, so verscharren sie ihn so schnell als möglich, denn wenn die Polizei es erfährt, so zwingt sie die Leute, die vielleicht schon stark verweste Leiche zur Stadt zu tragen, damit sie vom Todtenbeschauer besichtigt werde, ohne ihnen dafür irgend eine Entschädigung zu gewähren. Erwägt man, wie ungern die Chinesen einen Schritt umsonst thun, wie höchst beschwerlich und ekelhaft der ihnen aufgezwungene Dienst ist, und dass sie überdies schon aus der Heimath eine heilige Scheu vor der Polizei mitbringen und jeden Kontakt mit derselben vermeiden, berücksichtigt man ferner, dass weder ein Passwesen, noch irgend eine Kontrolle über die sich hier aufhaltenden Personen besteht, dass namentlich die Pflanzer in ihren entlegenen Schlupfwinkeln im Walde fast nie aufgesucht werden, so darf man sich nicht wundern, wenn nur eine sehr geringe Zahl dieser Todesfälle den Behörden zu Ohren kommt. Dennoch werden im Jahr durchschnittlich 75 Fälle gemeldet, und auf der Annahme, dass die wirkliche Zahl der Opfer wenigstens das Fünffache betrage, beruht die Angabe, dass jährlich 300-400 Personen von Tigern umgebracht werden. Ich habe mich an den sichersten Quellen häufig über diesen Gegenstand erkundigt und kann nur wiederholen, dass die bestunterrichteten Beamten diese Zahl eher für zu gering, als zu gross halten. Zum Beweise, dass es auch in der neuesten Zeit nicht besser geworden, füge ich einen Auszug aus den Straits Times, Overland Journal, 21. Nov. 1863, bei: „Singapore. Die Todesfälle durch Tiger sind wieder im Zunehmen. In den letzten 14 Tagen sind 7 Fälle bei der Polizei angemeldet und die verstümmelten Leichen aufgefunden worden, die keinen Zweifel über die Ursache des Todes liessen. Alle, die auf diese Weise ihren Tod gefunden, waren Arbeiter auf Gambirpflanzungen.... Es ist bemerkenswerth, dass bei diesen Leichen immer nur ein kleiner Theil des Körpers verzehrt ist, es fehlt nur ein Bein, ein Arm, häufig nur der Kopf.”.. Der Redaktör schliesst mit der Betrachtung: „Es ist ein Jammer, dass die Thiere nicht ein Opfer ganz verzehren, bevor sie ein anderes angreifen, es würde ein grosses Ersparniss an Menschenleben sein.”

Ausser den angeführten landwirthschaftlichen Produkten verdient noch ein Industrieerzeugniss besondere Erwähnung: der Sago, welcher in beträchtlicher Menge (jährlich für 60-70,000 Dollars) von Singapore ausgeführt wird. Der rohe Sago kommt von Sumatra und Borneo, wird in Singapore durch Schlämmen gereinigt und dann als Sagomehl, grösstentheils aber, nachdem er vorher geperlt worden, als Perlsago ausgeführt. Um es zu perlen, wird das noch etwas feuchte Mehl ein wenig geknetet, in einem durch einen Kreuzstock weit offen gehaltenen flachen Sack in rotirende Bewegung gesetzt, wobei sich kleine Klümpchen bilden, die, nachdem sie durch ein grobes und ein feines Sieb gegangen, gleiche Grösse haben. Sie werden in einer schräg eingemauerten, flachen, mit Oel bestrichenen, eisernen Pfanne über gelindem Feuer mit einem hölzernen Spaten vorsichtig umgerührt, wobei durch die an der Oberfläche eintretende Kleisterbildung die Kugeln eine gewisse Festigkeit bekommen, aber auch zusammenbacken; um sie zu trennen, werden sie noch einmal gesiebt und dann abermals gedörrt, bis sie die gehörige Härte erlangt haben.

Deutsche Hausfrauen pflegen die Perlform für das Kennzeichen des Sago zu halten und unter Sago Perlen von beliebigem Stärkemehl zu verstehen. Der eigentliche Sago ist aber das Produkt der Sagopalmen (Sagus laevis und S. genuina), die besonders im Osten des Archipels sehr verbreitet sind; sie liefern fast allein den Sago des Handels. Die Eingebornen gewinnen ihn aber, besonders bei missrathener Reisernte, noch aus mehreren andern Palmen- und Cycasarten für ihren eignen Bedarf. In Singapore kommt die Sagopalme nur vereinzelt vor und wird nicht ausgebeutet. Die Art, den rohen Sago zu gewinnen, habe ich nicht gesehen, sie ist von J. R. Logan im Journal of the Ind. Arch. III. 288 ausführlich beschrieben.

Die Sagopalmen sind von sehr grossem Interesse, weil keine Pflanze, selbst nicht die Banane und Kokospalme, bei so geringer Mühe eine solche Menge Nahrungsstoff liefert. Die Produktion kann bei der ausserordentlichen Fülle des Materials unbegrenzt gesteigert werden. Wegen der jetzt gebräuchlichen, unvollkommenen Methoden der Bereitung und besonders, weil der Sago nicht gleich an Ort und Stelle für die Ausfuhr raffinirt wird, ist sein Preis zu hoch.[24] Nach Logan sollte ein Pikul nicht mehr als 1/4 Dollar (11 Sgr.) kosten.

Ueber den ausserordentlichen Ertrag der Sagopalme geben folgende, Logan's Aufsatz entnommene Angaben eine Vorstellung. In den östlichen Inseln des Archipels, in Neu-Guinea, in Borneo und Sumatra ist die Sagopalme am häufigsten und bildet in sumpfigen Niederungen grosse Wälder. Dort ist Sago das Hauptnahrungsmittel. Eine Ertrag gebende Pflanzung ist gar nicht mehr auszurotten, denn unähnlich andern Palmen pflanzt sich die Sagopalme nicht nur durch Samen fort, sie treibt auch Schösse aus der Wurzel, wie die Banane, und liefert so eine ununterbrochene Ernte. Sie blüht terminal und stirbt, wenn die Früchte reif sind, allmälig ab. Will man aber den Sago gewinnen, so wird der Baum kurz vor der Blüthezeit umgehauen; der Stamm ist dann ein Cylinder von 20 Zoll Durchmesser und 15-20 Fuss Länge; die Rinde bildet nur eine dünne Schale, das ganze Innere ist mit Mark erfüllt, das aus Cellulose und Stärkemehl besteht. Man rechnet, dass ein Baum durchschnittlich 700 ℔ Stärkemehl (Sago) liefert. Nach Logan's Berechnung geben 3 Bäume mehr Nahrungsstoff als 1 Acre Weizen und 6 Bäume mehr als 1 Acre Kartoffeln. Ein Acre mit Sagobäumen bepflanzt, giebt, wenn er auf einmal umgehauen wird, 5220 Bushel (= 3452 Scheffel Preuss.) oder so viel, wie 163 Acres Weizen; und je nachdem man 7 oder 15 Jahre als den Zeitraum annimmt, den der Baum zu seiner Entwicklung nöthig hat (darüber sind die Angaben schwankend), kommt ein Acre Sago in seinem jährlichen Ertrag 10 oder 23 Acres Weizen gleich. (Da 163 Acres = 258,35 Morgen, so nimmt Logan etwas mehr als 13-1/3 Scheffel Weizen pro Morgen an.)

In Berlin kostet durchschnittlich der Zentner „Kartoffel-Sago”, d. h. geperlte Kartoffel- oder Weizen-Stärke, 10-11 Thlr., Palmen-Sago 16-17 Thlr., Tapioka-Sago, d. h. geperltes Manihot-Mehl, 22-23 Thlr. In Singapore kostet 1 Ztr. Palmen-Sago durchschnittlich 2 Dollars als Mehl, 3 Ds. in Perlform; Tapioka-Mehl 3 Ds., Perlen 4 Ds. Die Fracht übersteigt selten 1 Dollar per Zentner. Der grosse Unterschied im Preise ist die Prämie der Zwischenhändler; sie zeigt, wie unvollkommen, unsere Verkehrsverhältnisse noch sind.

Sechstes Kapitel.

Opium.

Die hervorragendste Leidenschaft der Hinterindier, namentlich der Chinesen, scheint die Spielsucht. In Canton spielt der hungrige Kuli mit dem Garkoch um das Essen; gewinnt er, so speist er gratis, im andern Fall verliert er den Einsatz und speist gar nicht. Das Spielen ist aber hier sowohl als in Pinang und Malacca streng verboten, und wird deshalb heimlich getrieben. Es ist ein öffentliches Geheimniss, dass die niederen Polizeibeamten, alle selbst Asiaten, im Sold der Spielunternehmer stehen und nicht nur die Spielhäuser nicht verrathen, sondern sie gewöhnlich bei Zeiten warnen, wenn einmal von Seiten der höheren Beamten ein Ueberfall gegen ein verdächtiges Haus ausgeführt werden soll. Im Anfang des Bestehens der Kolonie waren auch Spielhäuser gestattet, die Konzession dazu wurde, wie zum Opium- und Branntwein-Handel dem Meistbietenden verpachtet und bildete eine der bedeutendsten Einnahmen. Der einflussreichere Theil der europäischen Bevölkerung fand aber hierin etwas Unsittliches; so ist denn jetzt das Spiel seit einer Reihe von Jahren verboten, obgleich jedermann weiss, dass die polizeilichen Mittel zur wirklichen Unterdrückung desselben nicht vorhanden sind. In neuester Zeit wird daher die Ansicht immer allgemeiner, dass es unter den bestehenden Verhältnissen angemessener wäre, wieder öffentliche Spielhäuser einzurichten und sie zu einer Steuerquelle zu benutzen, wie die Holländer und Spanier thun. -- In diesem Sinne hat sich auch die Grand-Jury in ihrem letzten Bericht über den Zustand der Kolonie (1865) ausgesprochen. Jedenfalls scheint es eine grosse Inkonsequenz, das Spiel aus moralischem Zartgefühl zu verbieten und das ~Opium~rauchen zu gestatten, das noch schlimmer ist, als Hasardspiel, da es, einmal zur Leidenschaft geworden, den Menschen nicht nur eben so sicher, wie jenes, moralisch und finanziell, sondern auch physisch zu Grunde richtet. Die Ursache der Inkonsequenz liegt wohl in dem grossen Gewinn, den die britische Regierung aus der Bereitung des Opiums, die Kolonial-Regierung aus der Accise und die Kaufleute aus dem Vertrieb ziehen, an dem sich übrigens nicht nur Engländer, sondern Leute von allen Nationen mit gleichem Eifer und mit derselben Unbefangenheit betheiligen, wie am Handel mit Tabak oder Spirituosen.

Opium ist bekanntlich der eingetrocknete Milchsaft des Gartenmohns (Papaver somniferum) und wird besonders in der Türkei und in Indien gewonnen. Das türkische Opium wird in Europa und Java, das indische in China und Hinterindien genossen. In Britisch-Indien ist die Opiumerzeugung Monopol der Regierung, in den Malwa- und andern Staaten unter einheimischen Fürsten steht sie jedem frei; das Fabrikat zahlt aber in Bombay einen Transitzoll von 400 Rupien per Kiste. Das Opium von Behar, im Handel als Patna bekannt, und das von Benares, beide unter der strengen Aufsicht englischer Beamten dargestellt, sind besser als Malwa-Opium. Letzteres geht fast ausschliesslich nach Nord-China.[25]

Zum Rauchen ist das Opium, wie es aus Indien kommt, noch nicht geeignet; es wird erst durch ein umständliches Verfahren, das 18 Stunden Zeit in Anspruch nimmt, im Wesentlichen aber nur im Ausziehen der in Wasser löslichen Bestandtheile und Eindicken des Auszugs besteht, in die von den Rauchern beliebte Substanz ~Tschandu~ verwandelt, die wie Melasse aussieht, aber noch konsistenter ist.[26]

Das Recht, das Tschandu zu bereiten, ist in Singapore Monopol der Regierung, die es dem Meistbietenden verpachtet. Diese Pacht bildet ihre ~Haupt-Einnahme~; der Pächter ist immer ein Chinese, keinem Andern würde es möglich sein, unter der hiesigen Bevölkerung eine gewinnbringende Kontrolle auszuüben. Der Pächter, der gewöhnlich sehr reich wird, verkauft das Tschandu an die Opiumkrämer, von denen es die Raucher in einzelnen Dosen entnehmen. Die Wiederverkäufer erhalten gar keinen, oder nur sehr geringen Rabatt, der höchstens für solche, die entfernt wohnen, bis auf 8% steigt. Die Konsumenten kaufen ihr Tschandu bei dem Pächter nicht billiger, als bei dem Kleinhändler; der Gewinn des letzteren besteht lediglich in den Abfällen. Das Tschandu hinterlässt nämlich beim Rauchen einen Rückstand, bestehend aus Kohle, brenzlichen Oelen, einigen Salzen und etwas unverbranntem Opium. Dieser Rückstand heisst Tinko und beträgt fast die Hälfte des ursprünglichen Tschandu. Er wird an die ärmere Klasse zum halben Preis verkauft; man raucht oder verschluckt ihn. Im ersterem Falle lässt er wieder einen Rückstand, Samsching, der von noch Aermeren gekauft und verschluckt wird, da er nicht mehr brennt. Aus dem Verkauf der Rückstände bestreitet der Opiumkrämer die Miethe seines Lokals und den Unterhalt seiner Familie.

Wohlhabende rauchen ihr Opium zu Haus, Aermere bei den Krämern, die zu dem Zweck einen besonderen Raum verfügbar halten, in welchem mehrere Bambuspritschen angebracht sind. Diese engen, heissen, von Opiumrauch erfüllten Räume werden als eine der Sehenswürdigkeiten Singapores gewöhnlich von Fremden besucht. Daher sind die „Gräuel dieser Höllen, der fürchterliche Qualm und die Entsetzen erregenden Gestalten der Unglücklichen, die dem Laster fröhnen”, schon oft mit sehr lebhaften Farben beschrieben worden. Ich habe diese Orte mehrere Male besucht, fand aber den Qualm nie so unerträglich, als den Tabaksqualm mancher deutschen Bierstuben, auch gelang es mir ebenso wenig, die schrecklichen Folgen des Lasters gleich auf den Gesichtern der Raucher zu lesen, als die Folgen der Trunksucht auf den Gesichtern von Stammgästen, oder die des Spielens auf denen, die in Baden den Roulettetisch umgeben. Der Raucher liegt auf einer Pritsche ausgestreckt, nimmt mit einer langen Nadel eine kleine Menge Tschandu, zündet sie an, wozu einige Geschicklichkeit gehört, da die Masse schwer brennt, und bringt sie auf die feine Oeffnung eines birnförmig gestalteten Pfeifenkopfs, zieht den Rauch mit einem oder einigen langen Athemzügen ein, behält ihn einige Zeit bei sich und bläst ihn aus.

Nach Crawfurd wird an keinem Ort der Welt im Verhältniss zur Kopfzahl so viel Opium konsumirt als in Singapore. Den Grund dafür sieht er in den hohen Löhnen und in der überwiegend chinesischen Bevölkerung. Nach ihm soll sich der Opiumverbrauch in Singapore zu dem in China und in Java verhalten wie 33 zu 14 zu 4. C. giebt aber die Quellen dieser Zahlen nicht an. Ich habe vergeblich versucht, ihre Richtigkeit zu prüfen, da die in den mir zugänglichen Schriftstellern und Reports enthaltenen einander so widersprechen, dass sie nicht in Einklang zu bringen sind. Es wäre aber eine sehr interessante Arbeit für Jemand, dem ausreichendes Material zur Verfügung steht, eine auf zuverlässige Zahlen begründete, vergleichende Uebersicht der schnellen Zunahme des Opiumverbrauchs nicht nur in Asien, sondern auch in Europa und Amerika aufzustellen; besonders für ~England~ scheint Gefahr im Anzuge.

Ob die Regierung von Singapore die Macht besässe, das Opiumlaster jetzt noch zu unterdrücken, ist eine andre Frage; ist es doch selbst in den europäischen Polizeistaaten nicht gelungen, die Ueberhandnahme des Tabakrauchens zu verhindern; um wie viel schwieriger wäre es in einem Freihafen wie Singapore, wo alle Mittel zum Zwange fehlen, dem mit viel grösserer Leidenschaftlichkeit getriebenen Opiumrauchen ein Ende zu machen. Geradezu unmöglich wäre es vielleicht nicht, wenn der ernste Wille vorhanden wäre und das Bestehen der Kolonie davon abhinge; gelingt es doch dem Opiumpächter, dem Schmuggeln der Droge vorzubeugen.

Wie wenig übrigens an eine solche Maasregel gedacht wird, geht aus folgenden Auszügen aus dem Chinese Commercial Guide, Hongkong 1863, hervor: danach betrug die jährliche Opiumeinfuhr in China während der letzten 10 Jahre 70,000 Kisten. Das reichte für den Bedarf nicht aus und beförderte die Produktion in China, wo gegenwärtig 20,000 bis 30,000 Kisten durch einheimische Pflanzer erzeugt werden. Die Nettoeinnahme in Indien beträgt ungefähr 4,000,000 £ jährlich, das Produkt kostet der Regierung etwa 400 Rupies (40 £) per Kiste. Der Opiumbau soll dort sehr ausgedehnt und der Preis herabgesetzt werden, um das chinesische Opium vom Markt zu verdrängen, was, wie man glaubt, stattfinden wird, wenn das indische zu 450 Ds. per Kiste geliefert werden kann, während sein Durchschnittspreis in den letzten 4 Jahren 800 Ds. betrug. Die Gesammtausfuhr aus Indien von 1798-1855 betrug 1,197,041 Kisten und stieg von 4000 Kisten im ersten Jahre auf 78,454 im letzten Jahre, die indische Regierung zog daraus einen Gesammtgewinn von 67,000,000 £ und darüber. 180,000 Kisten davon wurden in den malayischen Ländern verbraucht.... In China wird das Opium in Schan-si, Schen-si, Kwei-tschau, Yun-nan und Sze-tschuen gebaut. Sein Preis schwankt zwischen 25 und 30 tael per 8-1/2 ℔ Englisch.[27] Auch in der Mongolei und in Nord- China, sowie in Fuh-kien und Hün-nan wird der Mohn gebaut. Der Werth des gegenwärtig in China eingeführten Opiums ist dem Werth der Ausfuhr von Thee und Seide fast gleich. Als eine Errungenschaft des letzten Krieges ist der Opiumhandel jetzt gesetzlich erlaubt. Der Gebrauch der Droge hat sich über das ganze Reich verbreitet und seine Billigkeit für Raucher, die fern von der Küste wohnen, wird den Verbrauch wohl bedeutend steigern, sowie auch die damit verbundenen Uebel ... Die Geschichte der Anstrengungen, welche die Beherrscher dieses heidnischen Volks gemacht haben, um die Einführung des Opiums abzuwehren, weil sie fühlten, dass es für die Einkünfte, die Sittlichkeit und den Gewerbfleiss ihres Volkes schädlich war, und das gänzliche Misslingen dieser Anstrengungen bildet eines der lehrreichsten Kapitel in den chinesischen Annalen ...

Es ist zugleich die Geschichte der Anstrengungen des christlichen Volks der Briten, um den „umnachteten Heiden” trotz allem Widerstande, durch Schmuggel, Bestechung der Mandarine und offenbare Gewalt, ja sogar durch zwei Kriege das Gift aufzuzwingen. Man sieht daraus, was es mit der civilisatorischen Mission auf sich hat, wenn sie mit dem Eigennutz kollidirt.

Dies hat unter der Ostindischen Kompanie stattgefunden. Jetzt aber steht Indien und seine Opiumproduktion unmittelbar unter der englischen Krone, die nun für eigene Rechnung Opium produzirt und verkauft, und auf jede mögliche Weise das lukrative Gewerbe auszudehnen bemüht ist. Nach der Times vom Mai 1865 ist der jüngste Ausfall im indischen Budget hauptsächlich der über alle Maassen gesteigerten Opiumproduktion in Indien zuzuschreiben (man hatte aus übergrossem Eifer weite Strecken Landes, die dafür nicht geeignet waren, mit Mohn bebaut, auch fehlte es an geübten Händen für die so sehr vermehrte Produktion).[28] Lockhart druckt im „Medical Missionary in China” einen im Verein mit Rev. Medhurst für ein Blaubuch geschriebenen Aufsatz über das Opium in China ab, der viele interessante Thatsachen enthält; besonders geht daraus die schnelle Ausbreitung des Lasters über das ganze chinesische Reich hervor, „es hat als ein Bächlein begonnen und wäre jetzt eben so schwer zurückzudrängen, als die Meeresfluth.”

Als Mittel der Abhülfe schlägt Lockhart der englischen Regierung vor, den Opiumbau in ihrem Gebiet und den Transit durch ihr Gebiet ganz zu untersagen; die englische Regierung zieht aber aus dieser Quelle 4,000,000 £ (nach Lockhart sogar 5,000,000 £)! Ausserdem empfiehlt er das Gebet der Missionäre, Ermahnungen an die Chinesen und ähnliche Mittel, auch fordert er die Opiumhändler in China auf, der Quelle ihrer Reichthümer aus Rücksicht für ihre Nebenmenschen zu entsagen. Von allen diesen Mitteln scheint das dritte noch das wirksamste, doch ist auch von ihm nicht viel zu erwarten, denn die ungläubigen, genusssüchtigen, eingebildeten, die Fremden verachtenden, auf ihre alte Kultur stolzen Chinesen sind der schlechteste Rohstoff für christliche Missionäre. In gleichem Maasse, wie die Nachfrage, wird auch die Opiumproduktion zunehmen. Es wird wohl schwerlich ein anderes Mittel zur Beschränkung des Missbrauchs erfunden werden, als das, welches sich in allen ähnlichen Fällen bewährt hat: allgemeine Zunahme des Wohlstandes und der Bildung und der in gleichem Maasse steigenden Selbstachtung und Selbstbeherrschung.

Nach dem Urtheil mancher Aerzte und anderer am Opiumhandel nicht Betheiligter soll mässiger Opiumgenuss nicht schädlicher sein als mässiger Genuss von Spirituosen. Für diese Ansicht scheinen allerdings die Tüchtigkeit und Körperkraft der chinesischen Bevölkerung von Singapore zu sprechen, von der nach Dr. Little jeder Dritte ein Opiumraucher sein soll. Manche geben sogar dem Genuss des Opiums den Vorzug vor dem der Spirituosen. Jedenfalls ist der Opiumraucher für seine Umgebung weniger lästig, da er sich während seines Rausches am liebsten gegen die ganze Aussenwelt abschliesst, während sich der Säufer aufdrängt und Händel sucht. Man sieht in den Ländern, wo Opium geraucht wird, nicht die durch Völlerei veranlassten hässlichen Auftritte, ausser in der Nähe der von europäischen, namentlich englischen Matrosen besuchten Branntwein-Kneipen. Mässig genossen, befähigt es zum Ertragen von Strapazen und Entbehrungen, denen der Mensch sonst erliegen müsste, worüber Johnston's Chemistry of comm. life sehr schlagende Beispiele enthält. Die grosse Gefahr liegt in dem zauberhaften Reiz, den das Opium auf seine Verehrer ausübt, in der unwiderstehlichen Gewalt, die es über ihre Willenskraft erlangt, in der Nothwendigkeit, die Dosis allmälig zu steigern, um gleiche Empfindungen hervorzurufen. Daher ist es besonders für reiche Wüstlinge verderblich, die weder durch den hohen Preis der Droge noch durch ernste Beschäftigungen verhindert werden, dies immer bereite Mittel zum Sinnenrausch anzuwenden.

Die in vielen ärztlichen und andern Büchern beschriebenen physiologischen Wirkungen des unmässigen Genusses auf Geist und Körper sind vielleicht noch abschreckender als die der Trunksucht.[29] Abgesehen von den spezifisch verschiedenen physiologischen Folgen nehmen unmässige Opiumraucher ein ähnliches Ende, wie Säufer. Sie verlieren ihre gesellschaftliche Stellung, bringen sich und ihre Familie in die tiefste Noth und sterben elend auf der Gasse. Darin stimmen Alle überein, dass es sehr viel leichter ist, sich den Trunk abzugewöhnen, als das Opium, wenn es einmal zur Leidenschaft geworden ist; Viele halten es für unmöglich. Auch geschieht es nie ohne grosse Qualen des Körpers und Geistes, und nur unter grosser Gefahr für die Gesundheit. Lockhart erzählt aber, dass im Hospital von Shanghai Tausende von Opiumrauchern behandelt wurden, von denen viele den Gebrauch aufgaben.

Ueber die oben angedeutete schnelle Zunahme des Opiumkonsums in ~England~ haben die dortigen Zeitungen schon oft berichtet, doch scheint man in Deutschland von dem Umfang des Uebels keine Vorstellung zu haben. Johnston sagt: „Der Opiumverbrauch in Grossbritannien ist, mit China oder Indien verglichen, freilich unbedeutend, die Zunahme aber sehr beträchtlich. Die eingeführte Menge betrug 1839, 41,000 ℔; 1852, 114,000 ℔: nach 15 Jahren fast das Dreifache!”

Johnston giebt leider ebensowenig wie Crawfurd die Quellen seiner Zahlen an, und scheint zwischen Einfuhr und Verbrauch keinen Unterschied zu machen, was bei steuerbaren Waaren richtig ist, da solche nur, nachdem sie für den Verbrauch im Lande versteuert worden, in den Importlisten aufgeführt werden, während die unversteuerten, für den Transit bestimmten, bei der Wiederausfuhr unter „Transshipment” stehen. Bei steuerfreien Gegenständen, wie Opium, trifft aber diese Annahme gewiss nicht immer zu, da es keinen erheblichen Unterschied in den Unkosten machen kann, ob man eine so theure, wenig voluminöse, steuerfreie Droge vom eignen Lager oder von den Docks aus verschifft.

In dem Annual Statement of Trade and Navigation of the United Kingdom 1864 finden sich über Opium folgende Angaben:

Import. Export. Transshipment.

1859 141,168 ℔ 79,059 ℔ 90,794 ℔ 1860 210,867 „ 98,072 „ 91,922 „ 1861 284,005 „ 290,120 „ 53,580 „ 1862 221,381 „ 146,337 „ 57,820 „ 1863 254,314 „ 110,101 „ 104,756 „

Der mittlere Preis ist 1 £ per ℔.[30]

Nimmt man an, dass die Einfuhr nach Abzug der Ausfuhr den Verbrauch in England darstellt, so erhielte man als das 5jährige Mittel 1859/63: 77609,2 ℔. Es ist aber sehr fraglich, ob diese Annahme zutrifft, da 1861 284,005 ein- und 290,120 ℔ ausgeführt, also 6115 ℔ mehr aus- als eingeführt sind, während England doch kein Opium produzirt und viel konsumirt. Bei einem Verbrauch von 77609,2 ℔ zu 7000 Gran und einer Bevölkerung von 30,000,000 kämen 18,11 Gran jährlich auf den Kopf. Legt man Johnston's Zahl 114,000 ℔ für 1852 zu Grunde, so erhält man 26,6 Gran per Kopf und Jahr. (Es muss aber auch berücksichtigt werden, dass ein beträchtlicher Theil des in England verbrauchten Opiums zur Darstellung des Morphins auch für das Ausland verwendet wird.)