Singapore, Malacca, Java. Reiseskizzen von F. Jagor.
Part 6
Für Dekorationen und Kostüme zeigen die Chinesen viel Geschmack, ihre Theatergewänder sind prachtvoll. Eine der schönsten Prozessionen, die mir je vorgekommen, sah ich in Singapore bei Gelegenheit einer Feierlichkeit, in welcher gewisse Götzenbilder aus einem Tempel in der Stadt wieder nach einem Tempel vor der Stadt, ihrem gewöhnlichen Aufenthalte, zurückgebracht wurden. Den Glanzpunkt bildeten die Kinder reicher Eltern in Gewändern alter mythischer Helden, zum Theil zu Pferde, von vielen Dienern begleitet. Noch reicher und origineller waren einzelne Gruppen auf niedrigen Rollwagen, welche letztere aber durch die Dekoration so geschickt verhüllt waren, dass man einen grossen, künstlichen Felsen vor sich zu haben glaubte. Auf dem Felsen wuchsen prachtvolle, phantastische Blumen, und in dem Kelche oder auf dem äussersten Zweige sass, wie eine Elfe, ein ganz kleines, reich und sonderbar gekleidetes Mädchen, mit einem Fächer oder einer Blume in der Hand. Andere Felsen trugen Sträucher oder Rohr, über welchen ein Reiher oder grosser Raubvogel schwebte, und auf dem Vogel ritt oder stand ein ganz junger Knabe. Auf alten chinesischen Vasen sieht man wohl dergleichen Figuren, die uns wegen ihrer Abenteuerlichkeit für eine Verirrung der Phantasie des Malers gelten. Hier sah man alle diese Bilder leibhaftig vor sich. Dass Drachen und Ungeheuer aller Art nicht fehlten, versteht sich von selbst. Jede dieser Hauptgruppen war von einem langen Zug von Kulis begleitet, die von den Reichen zu diesem Zweck gemiethet und in schöne Livreen gesteckt werden. In den Händen trugen sie Fahnen, Laternen, Sonnenschirme, meist von schwerer Seide, mit reicher Stickerei, und an den Füssen Schuhe und Strümpfe, was einen besonders feierlichen Eindruck machte, da sie sonst immer barfuss, oder wenigstens ohne Strümpfe, gehen. Abends ging ich mit einem Freunde durch das Chinesen-Viertel, das aber nicht illuminirt war, wie wir erwartet hatten. In einem grossen Speicher, gedrängt voll von Zuschauern, wurde ein Schattenspiel aufgeführt. Der Puppenspieler sang mit näselnder Fistelstimme hinter dem aufgespannten Laken, auf welchem sich der Schatten einer Chinesin lebhaft bewegte. Das Publikum bildete den Chor. Die Bühne stellte ein Zimmer mit einem grossen Bett dar. Ein Anwesender erklärte uns das Stück: Der alte Ehemann der Dame ist verreist, ihr junger Freund, den sie von ganzem Herzen liebt, ist ins Haus gedrungen.... Wir warteten das Ende des Stücks nicht ab, obgleich unser Dolmetscher uns versicherte, das Beste käme noch.
Ein anderes Mal sah ich eine chinesische Leichenfeier. Vor dem Hause des Verstorbenen stand ein gedeckter Tisch, auf welchem verzierte Gerichte aufgestellt waren, daneben erklang rauschende Musik. Nachdem der Sarg auf Böcke gestellt worden, führte man die Kinder des Verstorbenen heraus, einen Knaben und zwei Mädchen. Sie waren in Sackleinen gekleidet, ganz verhüllt; der Zopf war aufgelöst, zwischen dem losen Haar hingen Baststreifen herunter. Nachdem die Mädchen eine Zeit lang am Sarge geweint, gingen sie in das Haus zurück. Der Knabe legte sich mit untergezogenen Beinen flach auf den Boden, wie ein Schwimmender, und blieb so, mit dem Gesicht die Erde berührend, während der ganzen Dauer der Feierlichkeit liegen. Ein Mann trat nun an den Tisch und opferte, unter verstärkten Gongschlägen, dem Geist des Todten, indem er dabei abwechselnd kniete und sich mit weit ausgestreckten Armen erhob. Der Sarg war inzwischen mit einem bunten, seidenen Tuch bedeckt und mit Blumen bestreut worden. Zum Schluss wurde den Göttern zu Ehren eine grosse Menge Goldpapier verbrannt. Aber die verschmitzten Chinesen machen sich kein Gewissen daraus, selbst ihre Götter zu betrügen; nur das erste Päckchen, dessen Blätter mit Ostentation einzeln ins Feuer geworfen wurden, bestand durchweg aus Goldpapier; bei den übrigen Päckchen, die ungeöffnet verbrannt wurden, war nur das oberste Blättchen vergoldet, das Uebrige gemeines Packpapier. Der Sarg wurde dann von Kulis auf die Schultern genommen und nach dem Kirchhof getragen. Die Musik schritt voran, neben dem Sarge gingen die Hausgenossen, es folgte ein grosser Haufe gemeinen Volks. Die Chinesen halten sehr viel auf ihre Gräber und legen dieselben oft schon bei Lebzeiten an, zuweilen mit grossen Kosten. Der katholische Provikar erzählte mir, dass ein Chinese, der zur Zeit, wo das Hasardspiel noch erlaubt war, als Spielpächter viel Geld erworben, sich bei Lebzeiten einen kostbaren Sarg verfertigen und ganz mit Dollars ausfüttern liess. Als vorsichtiger Mann hinterliess er eine Stiftung zur Besoldung von vier Grabwächtern, aber bald nach seiner Beerdigung kam eine Schaar Kulis, vertrieb die Wächter, warf den Leichnam aus dem Sarge und theilte sich in die Beute. Die Todtenverehrung ist für Viele die einzige religiöse Uebung; sie hängt unmittelbar mit der grossen Ehrfurcht zusammen, welche die Kinder ihren Eltern erweisen.
Das Familienleben, soweit man es zu sehen bekommt, d. h. das Verhältniss zwischen Vater und Kindern, bildet einen der angenehmsten Züge im Charakter dieses so selbstsüchtigen Volkes.
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Die Malayen, obwohl sie hier zu Hause sind, nehmen nur eine untergeordnete Stellung ein. Unter den Armeniern, Persern, Arabern, Juden und Vorderindiern sind viele grosse Kaufleute von beträchtlichem Reichthum; die Malayen bleiben arm, sie haben weder Geschick zu Gewerben noch zum Handel, und stehen hier an Fleiss, Ausdauer und Umsicht den übrigen Asiaten nach. Ihnen haften mehr die ritterlichen Tugenden und Untugenden an. Im Verhältniss zu den Andern sind sie stolz, zurückhaltend, verschlossen, gleichgültig, ernst, fast traurig, bei guter Behandlung aber anhänglicher, zuverlässiger, gegen Beleidigungen empfindlicher. Im Verkehr unter einander sind sie sehr rücksichtsvoll, sie gebrauchen keine Schimpfwörter; „orang tjelaki, Unglücklicher!” vertritt deren Stelle. Sie lügen auch weniger als die Anderen. Während die Handlungen des Chinesen nur durch Eigennutz, niemals durch Ehrgefühl bestimmt zu werden scheinen, ist bei dem Malayen mit Geld oft nichts auszurichten. Liegt er nach genossener Mahlzeit auf seiner Matte hingestreckt, so ist es schwer, ihn durch Geldanerbietungen zum Aufstehen zu bewegen.
Die Farbe der Malayen ist gelbbraun, bei den Vornehmen heller, bei denen, die viel im Freien sind, dunkler. Ihr Kopfhaar ist schwarz, schlicht, drähtig; sonst sind sie fast unbehaart. Sie sind klein, wohlgebaut, haben zierliche Hände; ihr Gesicht ist breit, flach; die kleine Nase hat breite Flügel, der Mund ist gross, die Lippen sind nicht aufgeworfen, ragen aber fast so weit vor, als die Nase.
Die Malayen sind überwiegend eine seefahrende Nation; ein Theil derselben, die Orang-laut, Seemenschen, auch Seezigeuner genannt, leben auf Kähnen vom Einsammeln von Agar-agar, Trepang (essbare Holothurien), Muscheln und Schildkröten, vom Fischfang, Tauschhandel und Raub; auch die Angesessenen schlagen ihre Wohnsitze am liebsten an oder in Flussmündungen auf. Zwei Vorstädte Singapores, Kampong-Malacca und Rochor, jene von Malayen, diese von Bugis bewohnt, können als Beispiele dienen. Die Häuser stehen auf Pfählen im Wasser oder am sumpfigen Ufer, der Fussboden besteht aus Latten von Bambus oder Nibong (Caryota urens) mit Zwischenräumen, durch welche aller Unrath entfernt wird. Die Wände sind aus gespaltenen Bambusen, Matten oder Palmenblättern, die Dächer aus Atap. Vor den Häusern läuft ein Steg hin, schwankend, elastisch, voll Lücken. Bei Ebbe steht das ganze Dorf im Schlamm, die Kinder waten darin herum, suchen Muscheln, Krabben und Würmer als Köder für die Angeln und holen aus den Reusen die Fische, die bei der zurücktretenden Fluth hineingeriethen. Während der Fluth steht Alles unter Wasser, dann fahren kleine Kähne hin und her, einige kaum gross genug, um einen kleinen Jungen zu tragen, der ganz nackt in der Spitze hockt und sich mit den Händen fortplätschert, so dass er fast wie eine Seejungfer aussieht. Alt und Jung angelt dann unter dem Sonnendach, vor der Hausthür liegend.
Die in Singapore ansässigen Malayen sind grösstentheils Bootsleute, Fischer, Sammler von Muscheln, Korallen, Agar-agar und Waldprodukten. Sie decken die Häuser mit Atap, flechten Körbe und Matten und verrichten viele untergeordnete Geschäfte, auch als Gärtner werden sie von Europäern den hiesigen Klings und Chinesen vorgezogen. Als Diener sind sie fauler und weniger anstellig, aber treuer und bescheidener als jene.
Das wesentliche Kleidungsstück für beide Geschlechter ist der Sarong, ein baumwollenes Tuch von der Grösse eines Plaid, aber etwas breiter, dessen beide kürzere Ränder übereinandergelegt und zusammengenäht werden, so dass eine Art Unterrock entsteht, der vorn in Falten zusammengenommen und mittelst eines Knotens, seltener durch einen Gürtel, um die Hüften befestigt wird. Die Männer tragen oft unter dem Sarong, der dann höher aufgeschürzt ist, eine bis zur Wade reichende Hose, fast immer ein Kopftuch und zuweilen eine Jacke. Die Frauen ziehen über den bis an die Knöchel reichenden Sarong einen Kattunrock, der, vorn offen, nur durch ein Paar Knöpfe zusammengehalten wird und bis ans Knie reicht. Im Hause und auf dem Felde tragen beide Geschlechter nur den Sarong; Nachts hüllen sie sich darin ein zum Schlafen; sie baden sogar darin; nach dem Bade wird er gegen einen reinen vertauscht und gewaschen; so legt selbst derjenige, der nur zwei Sarongs besitzt, täglich frische Wäsche an.
In Singapore ist das Tragen von Waffen verboten, sonst aber sieht man nie einen Malayen ohne Kris oder Waldmesser; die Waffe gehört zum Anzuge und ist bei der Unsicherheit der Person in den Malayenländern wohl kaum zu entbehren. Die Frauen gehen meist im blossen Kopf, sie haben üppiges, schwarzes Haar, schön von Ansehen, aber hässlich anzufühlen, da es drähtig ist und dick wie Pferdehaar. Die kleinen Kinder gehen meist ganz nackt, doch tragen kleine Mädchen zuweilen ein silbernes Feigenblatt, wie unsere Statuen. Zum Putz gehören bei den Frauen gestickte Pantoffeln, goldene Haarnadeln, Ringe; zu dem der Männer Sandalen. Auf längeren Wegen legen auch die Lastträger Sandalen von Büffelleder an, sonst geht gewöhnlich Alles barfuss.
Einen der widerwärtigsten Eindrücke habe ich von einem Besuch bei dem Sultan von Johore behalten. Er ist der Sohn des Tuanko-Long, der Singapore an die Engländer abgetreten. Sein Palast, von seinem Vater aufgeführt, ist ein grosses, steinernes Haus, von aussen ganz stattlich, aber unbewohnt und in raschem Verfall begriffen. Der von einer steinernen Mauer umgebene Hof ist wüst und schmutzig; auf einer Seite desselben befand sich ein langes, niedriges, hölzernes Gebäude mit weit vorspringendem Dach aus Palmenblättern, das dem Sultan und seinem Hofstaat zur Wohnung dient. Nachdem ich ein Empfehlungsschreiben des Guvernörs vorgezeigt, wurde ich vor einen verschlossenen Fensterladen geführt, vor dem eine hölzerne Bank stand, auf der ich Platz nahm. Es dauerte einige Zeit, bis der Laden geöffnet wurde; nun erblickte ich den Sultan, einen noch jungen, sehr fetten Mann. Auf dem Kopf trug er eine schmutzige Mütze, um den Unterleib ein Tuch, sonst war er völlig nackt. Er schien eben aus dem Schlaf zu erwachen und lag auf einer Matte. Auf drei Seiten seines Stalles hingen schmutzige Kattun-Gardinen, um ihn kauerten einige gräuliche, alte Weiber. Er brauchte fast eine Viertelstunde, um die wenigen Zeilen des Briefes zu lesen. Dann stierte er mich mit idiotischem Lächeln an, gähnte und rollte sich auf ein Kissen. Essen, Schlafen und Opiumrauchen sollen seine einzigen Beschäftigungen sein. Der ganze Auftritt erinnerte an die Schaustellungen von fetten Schweinen oder Riesinnen auf Jahrmärkten. In Folge der gänzlichen Unfähigkeit des Sultans übertrugen die Engländer willkürlich die Souveränität von Johor auf den Tumongong, einen sehr fähigen Malayen, der durch den Rath von Europäern geleitet, eine geordnete Verwaltung dort eingeführt hat und bedeutende Einkünfte bezieht.
Die allgemeine Verkehrssprache hier sowohl, als in allen Küstenstädten des Archipels, ist die malayische, die sich zu dem Zweck sehr eignet durch leichte Aussprache, einfache Satzbildung, grosse Wortarmuth und Unveränderlichkeit der Wörter. Die Sprache ist wohlklingender als alle europäischen Sprachen, italienisch nicht ausgenommen, die Satzbildung erinnert an die Sprache der Kinder; es giebt weder Deklinationen, noch Konjugationen, die Wörter erfahren gar keine Beugung durch Veränderung ihres Stammes oder durch Affixe. Während in unsern Sprachen die Partikeln meist zu einsilbigen Wörtern oder zu blossen Buchstaben eingeschrumpft sind, an denen die ursprüngliche Bedeutung längst nicht mehr erkennbar ist, werden im Malayischen fast immer noch die Stämme unverkürzt als Formwörter gebraucht. Max Müller (Science of lang. 279) vergleicht den Unterschied zwischen den arischen Sprachen, welchen fast alle in Europa gesprochenen angehören, und den turanischen, zu denen das Malayische gezählt werden muss, mit dem zwischen einer guten und einer schlechten Mosaik. Die arischen Wörter scheinen aus einem Guss, die turanischen zeigen deutlich die Stellen, wo sie zusammengesetzt sind. Er hebt hervor, weshalb die turanischen Sprachen auf dieser Stufe der Entwickelung stehen geblieben: sie werden nämlich fast nur von Nomaden gesprochen, die keine Literatur besitzen, wenig Verkehr mit einander treiben, und so war es durchaus nothwendig, dass die Stammwörter ihr deutliches Gepräge behielten und nicht durch phonetische Korruption unkenntlich wurden.
Oft kommt im Malayischen dasselbe Wort unverändert als Hauptwort, Zeitwort oder Formwort vor, aber auch da, wo die Sprache für das Wurzelwort eine Vor- oder Nachsilbe verlangt, entzieht sich das hiesige Publikum dieser geringen Mühe und braucht den Stamm meist unverändert in den verschiedenen Redetheilen, wie es im Chinesischen geschieht. Diese Neuerung muss wohl der überwiegend chinesischen Bevölkerung zugeschrieben werden. Unter solchen Umständen sind geschlossene Konstruktionen und schwierige Perioden gar nicht möglich. Man zerlegt, was man zu sagen hat, in ganz kurze Sätze und darf sich häufige Wiederholungen nicht verdriessen lassen. Während in unseren Sprachen nicht nur für jeden spezifischen Begriff, sondern auch für die Schattirungen desselben besondere Wörter vorhanden sind, hat die malayische Sprache oft für eine ganze Gattung von Begriffen nur ein Wort. So gering der malayische Wortschatz an und für sich aber auch ist, so kursirt doch nur ein Bruchtheil desselben als Verkehrsmünze in Singapore. Und wie wenig besitzen die Meisten selbst von dieser! Es ist wunderbar, wie geringe sprachliche Mittel den Bedürfnissen eines so grossartigen Handels genügen. Einige Beispiele für das Gesagte dürften nicht ohne Interesse sein.
_Suda_: schon oder, _abis_: fertig, vollendet, drückt das Präteritum, _nanti_: warten, oder _mau_: wollen, das Futurum aus, _di_ bezeichnet das Passivum, z.B. _makan_: essen, _di makan_: gefressen werden; _tuwan suda makan_: der Herr hat gegessen, _tuwan nanti makan_: der Herr wird essen; _suda_: geschehen! antwortet der Bediente, wenn man ihm etwas befiehlt; _suda!_ schreit auch der kleine Junge, wenn er Schläge bekommt, und wünscht, dass die Gegenwart zur Vergangenheit werde; _makan nassi_: Reis essen, überhaupt zu Mittag essen; _api makan ruma_: das Feuer verzehrt das Haus; _angin makan layer_: der Wind bläht die Segel; _piso makan kayu_: das Messer schneidet Holz; _saratu makan lima_: 100 frisst 5, d. h. 5% Zinsen; so frisst das Löschpapier Dinte, der Bediente Lohn, der Kummer das Herz, und schliesslich _orang-puti makan angin_: weisse Männer fressen Wind, d. h. gehen spazieren (den Malayen war dieser Gebrauch so neu, dass sie erst einen Ausdruck dafür erfinden mussten).
Unter den aus zwei Wörtern zusammengesetzten Begriffen kommen einige hübsche Verbindungen vor: _mata_: Auge, _ayer_: Wasser, _mata-ayer_: Brunnen, _ayer-mata_: Thräne, _mata-hari_: Sonne (das Auge des Tages), _hidop_: leben, _mata-hari-hidop_: Osten, Sonnenaufgang; _mati_: todt, _mata-hari-mati_: Westen, Sonnenuntergang, auch _mata-hari-djato_: das Auge des Tages gefallen, versunken; _djalan_: gehen, Weg, Reise; _mata-djalan_: Vortrab, Späher; _mata-kaki_: der Fussknöchel; _mata-mata_ (Augen, Augen): der Spion, der Aufseher, der Polizist; _besi_: Eisen, _brani_: tapfer, unternehmend, _besi-brani_: der Magnet; _anak_: Kind, _anak-kontji_: Schlosseskind, Schlüssel; _anak-ayer_: Bach, _anak-dayong_ (Ruder-Kind): der Ruderer; _anak-prau_: Schiffer; _anak-duit_ (duit kommt vom holländischen deut und heisst Geld): Kind des Geldes, Rente; _anak-songej_ (Fluss-Kind): Flussarm und viele Andere. So sagt man Kuhkind für Kalb, Mannkind für Knabe, Fraukind für Mädchen, Schweinekind für Ferkel, und im Kirchenstyl _anak-kambing-wolanda_: Kind einer holländischen Ziege für Lamm Gottes; _bunga_: Blüthe, _duit_: Geld, _tana_: Erde, und daraus _bunga-duit_: Zinsen, _bunga-tana_: Landrente; _obad_: Medizin, _bedil_: Flinte, _obad-bedil_: Schiesspulver; _isi_: Inhalt, _isi-negri_: die Bevölkerung einer Stadt, _isi-prut_ (Bauch): die Eingeweide; _bedil trada_ (nicht) _isi_: die Flinte ist nicht geladen.
Fünftes Kapitel.
Fischen mit Toba. -- Tiger. -- Termiten. -- Pfeffer. -- Gambir. -- Sago.
Da von der Stadt aus nach mehreren Richtungen Fahrwege ausgehen, Wagen in Fülle vorhanden, und schnelle Sampans für Spazierfahrten immer bereit stehen, kann man zu jeder Zeit angenehme Excursionen machen. Sehr interessant und für den Sammler ergiebig ist eine Fahrt nach Pulo brani, einer kleinen bei New harbour, N-O. von Blakang-mati belegenen Insel, wo ein bei niedriger Ebbe fast trockenes Korallenriff eine reiche Ernte von Korallen, Seeigeln, Ophiuren, Muscheln und Krebsen liefert. Unter jedem Block, den man aufhebt, ist Leben. In jedem Tümpel haben Actinien und verwandte Polypen ihre blumengleichen Tentakel entfaltet; in den grösseren Becken schwimmen Schwärme kleiner einen oder ein paar Zoll langer Fische, die in so prächtigen, intensiven, metallisch glänzenden Farben prangen, dass man sie die Kolibris des Meeres nennen könnte. Ich hatte oft mit einem Freunde versucht, die behenden Thierchen zu fangen, immer vergeblich, bis wir uns endlich entschlossen, es mit Toba zu versuchen. -- Toba oder Tuba (Dalbergia sp. div.) ist ein im Jungle häufiger kletternder Strauch mit rothen Schmetterlingsblüthen. Wir hatten für unsern Versuch auf dem Riff einen ziemlich kreisrunden Raum von etwa 100 Fuss Durchmesser gewählt, der durch Zurücktreten des Wassers bei der Ebbe ein fast abgeschlossenes Becken, etwa 1/2 Fuss tief, bildete. Wurzel und Holz der Toba wurde zwischen Steinen zerklopft und an verschiedenen Stellen ins Wasser geworfen. Nach wenigen Minuten schwammen die Fische betäubt an der Oberfläche und liessen sich mit der Hand greifen; nach 1/4 Stunde krochen Aale und andre in Löchern verborgene Thiere hervor, nach 1/2 Stunde lagen fast alle todt auf dem Rücken. Die Wirkung des Gifts erstreckte sich weit über unser Wasserbecken hinaus. Ringsum waren Malayen beschäftigt, die betäubten Fische mit der Hand zu greifen.
Blakang-mati ist von Fiebern heimgesucht. Dr. Little schreibt sie, wohl ohne genügenden Grund, der Nähe der Korallenbank zu. Eine Bugisfamilie, die wir besuchten, schien sehr daran zu leiden. In ihrem praktischen, aus Erfahrungen hervorgegangenen Aberglauben meinen sie, dass ein böser Geist, der in den hohen Bäumen wohnt, sie hervorbringe. Daher wollten sie diese Bäume, die ihre Hütten umgeben und feucht und ungesund machen, umhauen.
Eine andere hübsche Excursion war nach dem 519' hohen sogenannten Zinnberg (bukit-tima), dem höchsten Punkt der Insel. Man kann bis an seinen Fuss im Wagen fahren, und wenn der Pony Lust hätte, bis auf den Gipfel, auf welchem einige hohe Damar-Bäume stehen, aus deren Stamm das geschätzte Harz reichlich ausquillt. Nach Versicherung eines französischen Missionärs sind an seinem Fuss Spuren von Zinn und auch von Gold gefunden worden, aber in zu geringer Menge, um zur Ausbeutung anzuregen.
Eine kleine Abtheilung Sträflinge war hier beschäftigt, Tigerfallen anzulegen und die Strasse von der seitlich eindringenden Vegetation zu säubern, ein Geschäft, das oftmals wiederholt werden muss, da der Wald sonst bald den ihm abgenommenen Boden wieder besetzt. Von der Dichtigkeit und Undurchdringlichkeit einer solchen Waldung geben die unsrigen keine Vorstellung. Zwischen den Hochstämmen, die sich meist astlos bis an das 60-80' hohe Laubdach erheben, zieht sich nach allen Richtungen ein so dichtes Gewirr von Unterholz, Schling- und Kletterpflanzen, dass es unmöglich ist, ohne Waldmesser einzudringen. Das grösste Hinderniss bilden die Calamusarten, Palmen, deren lange, dünne Stämme dicht mit Stacheln besetzt sind. Die Blätter, und namentlich deren peitschenförmig verlängerte Mittelrippe, tragen an der unteren Seite scharfe Widerhaken, vermittelst welcher sie sich überall festhängen, wo sie Halt finden, und so dem Stamm, der viel zu dünn und elastisch ist, um sich selbst zu tragen, die nöthige Stütze verschaffen. Einige Arten sollen über 1000 Fuss lang werden, nach Rumphius sogar bis 1800 Fuss;[18] sie ziehen sich wie Stricke nach allen Richtungen quer durch den Wald; auch werden sie ja, nachdem die Blätter und Stacheln entfernt sind, als Taue, und gespalten als Stricke, benutzt. Zu diesen kletternden Palmen gehört auch unser spanisches Rohr oder Stuhlrohr (Rotang der Malayen), es ist auf allen Inseln des Archipels sehr häufig und für manche ein wichtiger Ausfuhrartikel.
Aber auch wo eine kleine Lichtung oder ein schmaler Pfad erlaubt hätte, den Weg zu verlassen und tiefer in den Wald zu dringen, wurde ich durch die Sträflinge daran verhindert, weil überall an solchen Stellen Tigerfallen angelegt sind, tiefe Gruben mit Reisig und Erde so geschickt bedeckt, dass sie selbst den vorsichtigen Tiger zuweilen täuschen. (Am Tage vor meinem ersten Besuch waren in einer solchen Grube zwei Tiger lebend gefangen worden.) In den Boden derselben sind häufig spitze Pfähle eingerammt. Daher sind die Excursionen in diesem Walde, wenn man vom Wege abweicht, sowohl durch die Tiger selbst, als auch durch die Fallen in hohem Grade gefährlich. Meine Begleiter schienen allerdings nur die letzte Gefahr im Auge zu haben. An einen Ueberfall von Tigern dachten sie gar nicht, obgleich an mehreren Stellen frische Spuren zu sehen waren.
Die Tiger spielen in Singapore eine grosse Rolle. Nach dem Urtheil der ältesten Residenten und der am besten darüber unterrichteten Beamten werden auf dieser kleinen Insel, die nur ein Drittel grösser ist als die Insel Wight, jährlich 350-400 Menschen von Tigern zerrissen,[19] und dennoch fürchtet sich Niemand vor ihnen, die Chinesen auf den Gambirpflanzungen ausgenommen, die ausschliesslich als Opfer fallen. Ich werde später darauf zurückkommen. Alle Versuche, das Thier auszurotten, werden wohl fruchtlos bleiben, so lange nicht die ganze Insel von Strassen durchschnitten und gleichmässiger bewohnt ist. Für jedes gefangene oder getödtete Thier zahlt die Regierung 50 Dollars,[20] ebensoviel fügt ein Verein von Privaten hinzu, der die Insel gern von dieser Geissel befreien möchte. Aber trotz der hohen Prämie, und obgleich ein Theil der Sträflinge zum Anlegen von Fallen verwendet wird, scheint die Zahl der Tiger doch eher zu- als abzunehmen. Es unterliegt keinem Zweifel, dass sie über die Meerenge schwimmen,[21] angelockt durch die bequeme, reichliche Beute. Denn während der ersten Jahre, nachdem die Engländer die Insel in Besitz genommen, befand sich kein Tiger auf derselben. In einem kleinen Aufsatz des damaligen Guvernörs John Crawfurd über den Ackerbau von Singapore, 1824, heisst es: „der Tiger und Elephant, die für den Ackerbau in Sumatra und auf der malayischen Halbinsel so verderblich sind, kommen in Singapore nicht vor.”