Singapore, Malacca, Java. Reiseskizzen von F. Jagor.

Part 4

Chapter 43,378 wordsPublic domain

Eine der merkwürdigsten Früchte von allen ist der Durian (Durio zibethinus); nach Crawfurd ist er auf dasselbe kleine Gebiet beschränkt, wie der Mangustan und wächst auf hohen Bäumen, häufiger im Walde, als kultivirt, hat ziemlich die Grösse und Gestalt der Ananas, aber die pyramidalen Warzen, die seine holzige Schale bedecken, sind hart und spitz. Bei der reifen Frucht springt die Schale an vier Stellen der Länge nach bis zum Stiel auf und enthüllt eine weiche, weisslich gelbe, creme-artige Substanz, welche die Zwischenräume zwischen den nussgrossen Samenkernen ausfüllt. Sie schmeckt besser als der beste Creme, und riecht schlechter als Knoblauch. Dieser ungemein penetrante Geruch ist anfänglich Jedem zuwider, der Wohlgeschmack aber so gross, dass der ursprüngliche Widerwille sich bald in eine wahrhaft leidenschaftliche Zuneigung verwandelt. Man zahlt oft einen Dollar für das Stück, während Ananas nur einen Cent kosten, so gross ist die Nachfrage ihrer Verehrer. -- Hoch bezahlt sind auch steinharte, fade Birnen und Aepfel, die der Norden von China liefert; sie sind fast ungeniessbar für neue Ankömmlinge, aber länger Ansässige, denen sie das Obst der geliebten Heimath versinnlichen, dichten ihnen in frommer Erinnerung einen Wohlgeschmack an, den sie durchaus nicht besitzen.

Die Sehnsucht nach der Heimath ist ein stehender Zug bei allen Europäern, die in diesen fernen Landen leben. Eine hübsche Sitte, die sich darauf gründet, ist der Toast: „Auf die fernen Freunde”, der zum Schluss des Mahls im besten Wein mit feierlicher Stille getrunken wird.

Viele hiesige Früchte, wenn auch in Gärten gewachsen, sind kaum als veredelt zu betrachten und unterscheiden sich wenig oder gar nicht von ihren Stammeltern im Walde. Aber auch diejenigen, die man nicht wild, sondern nur um die Wohnungen der Menschen antrifft, haben sich nur wenig von dem ursprünglichen Typus entfernt, da fast keine Varietäten vorhanden sind (ebenso ist es mit den Zierblumen). Doch ist wohl nicht zu zweifeln, dass sich aus den vorhandenen Obstarten eine eben so grosse Menge hochedler Sorten erzielen liesse, als man in Europa aus fast ungeniessbaren ursprünglichen Arten gezogen hat. Für's Erste ist aber keine Aussicht auf dergleichen Versuche vorhanden. Die hiesigen Europäer wenden ihre ganze Energie und Intelligenz dem Handel zu und kehren, sobald sie können, nach Europa zurück. Die wenigen, die hier bleiben, haben meist ihre Strebsamkeit verloren, sie nehmen immer mehr von der Gleichgültigkeit der Eingebornen an. Von ihnen sind Versuche, die so viel Zeit, Kenntniss und Mühe verlangen, kaum zu erwarten.

Ausser Obst, etwas Gemüse und Geflügel, vielen Fischen und Krebsen liefert die Insel keine Nahrungsmittel. Es wird aber Alles in Menge eingeführt, ja oft sind manche Artikel hier billiger, als am Produktionsort. Hühnerfleisch und Reis isst man täglich wenigstens zwei Mal. Hammelfleisch ist sehr theuer und gilt für einen grossen Leckerbissen. Die besten Hammel kommen aus Bengalen, darauf folgen die vom Peiho, weniger geschätzt sind die von Shanghai und Australien. Puter kommen aus Java und kosten 5 bis 6 Dollars das Stück. In Singapore können sie nicht gezogen werden, auch die eingeführten sterben bald.

Von europäischen Speisen sind namentlich die national-englischen in Blechbüchsen immer vorhanden, sie sind meist aus englischer Fabrik, daher weder sehr wohlschmeckend, noch mannigfaltig. In anderen Kolonien lässt man sich dergleichen Sachen lieber aus Frankreich kommen und steht sich besser dabei. Die gewöhnlichen Getränke sind englisches Bier, Bordeaux-, Rheinwein. Geeisten Champagner trinkt man so häufig, dass die chinesischen Bedienten das Wort ihrer Aussprache akkommodirt haben, indem sie aus Cham-paign sim-kin machen.

Von der Wichtigkeit der Erfindung, Nahrungsmittel in hermetisch-verschlossenen Büchsen aufzubewahren, bekommt man erst auf Seereisen und mehr noch in den Kolonien, besonders in den abgelegenen Stationen, eine richtige Vorstellung.[11] Wenn aber die Zubereitung nicht sehr schmackhaft ist, so stellt sich nach fortgesetztem Gebrauch allmälig ein solcher Ekel ein, dass selbst die Matrosen Salzfleisch vorziehen. Dies tritt namentlich bei englischen Präparaten bald ein, bei französischen habe ich es nie empfunden. Hoffentlich ist der Zeitpunkt nicht mehr fern wo man wenigstens die für die Passagiere bestimmten Nahrungsmittel während der ganzen Reisedauer nur durch Kälte frisch erhalten wird. Wenn die Eismaschinen erst den nöthigen Grad von Vollkommenheit erreicht haben, dürfte es wohl an der Zeit sein, sie mit einem System von Röhren zu verbinden, die, mit einer schwer erstarrenden Flüssigkeit gefüllt, einen angemessenen Raum hinreichend kalt erhalten, um alle darin niedergelegten Nahrungsmittel völlig frisch zu bewahren. Man sollte glauben, dass die Kosten der Einrichtung und des Betriebes, besonders auf Dampfschiffen, wo ein kleiner Bruchtheil der vorhandenen Kraft zu diesem Zweck abgezweigt werden könnte, beträchtlich geringer sein würden, als die des jetzt eingeführten Gebrauchs, lebende Thiere sammt Futter und Wärter mitzunehmen. Abgesehen aber vom Kostenpunkt würden die Annehmlichkeiten für die Reisenden sehr gross sein. Der Zahlmeister könnte auf jeder Station diejenigen Artikel in Fülle einkaufen, die gerade dort am vorzüglichsten sind; statt des Fleisches von Thieren, die durch die Seereise gelitten haben, könnte man den Reisenden mit wahrscheinlich geringeren Kosten stets das beste, gleich in geeigneten Stücken eingekaufte Fleisch vorsetzen. Führte man ein solches Röhrensystem durch die von den Passagieren bewohnten Schiffsräume, wie man Häuser durch warmes Wasser heizt, so könnte die in niederen Breiten, besonders an Bord überfüllter Dampfschiffe, so unerträgliche Hitze auf ein Minimum herabgedrückt werden. Namentlich aber für die Fahrt auf dem rothen Meere, die während einiger Monate so verrufen ist, dass die Gesellschaften während dieser Zeit genöthigt sind, ihre Preise herabzusetzen, würde eine solche Einrichtung von grossem Werthe sein.

Nachdem ich in dem schönen Landhause einige Wochen zugebracht, die unter der Masse neuer Eindrücke und Bekanntschaften sehr angenehm verflogen, entschloss ich mich, die wahrhaft fürstliche Gastfreundschaft unseres Konsuls nicht länger in Anspruch zu nehmen, bezog eine kleine Wohnung in der Stadt und wollte anfangen, recht fleissig zu sammeln und zugleich Individuen der verschiedenen Rassen, welche die völlige Freiheit des Verkehrs hier zusammenführt, zu photographiren. In Europa hatte ich viel von der Vortrefflichkeit und Billigkeit der indischen Diener gehört und meine Ansprüche, sowie meine Ausrüstung danach zugeschnitten. Einen Diener wollte ich zum Sammeln und Präpariren von Thieren, einen zweiten auf Pflanzen, einen dritten auf photographische Handleistungen abrichten. Auch konnte ich, wenigstens im Anfang, Diener genug bekommen, sie fanden aber keinen Geschmack an meinen Liebhabereien und verliessen mich gewöhnlich wieder nach einigen Tagen. Durch Vermittelung eines gefälligen Freundes wurde mir ein kleines, niedliches Bretterhaus, 100 Schritt vom Meer, das der Regierung gehörte und zur Zeit unbenutzt stand, zur Verfügung gestellt. Ich liess mich mit meinem Gepäck darin nieder und verlebte hier einige sehr angenehme Monate. Die Liebenswürdigkeit und Herzlichkeit, die ich ohne Ausnahme von allen Europäern erfuhr, wird mir immer eine der liebsten Erinnerungen bleiben. Einmal zeigte mir Jemand ein Glas voll Schlangen und Eidechsen in Spiritus, ohne sie mir anzubieten, und ich erinnere mich noch, dass ich von einem so unerwarteten Verfahren ganz betroffen war. Ich wüsste die Gefälligkeiten, die mir ununterbrochen von allen Seiten erwiesen wurden, nicht schlagender anzudeuten, als durch dies Geständniss. Der Tag verging unter den mannigfachsten Beschäftigungen, die Abende brachte ich gewöhnlich auf dem Landhaus irgend eines Freundes zu. Freilich fehlte es auch nicht an allerlei kleinen Miseren, welche aber gegen die Freuden des damaligen Lebens sehr zurücktraten. Eine dauernde Unbequemlichkeit war die Schwierigkeit, einen guten Diener zu finden. Als ich in meinem Häuschen die grossen Kisten geöffnet hatte und der Bediente den Inhalt erblickte, schüttelte er bedenklich den Turban und sprach halb englisch, halb malayisch: „Viel, viel Sachen, Herr, nehmt einen andern Diener, zu viel Mühe!” und ging ab. Ich wagte nicht auszugehen, da das Haus nicht verschliessbar war. Bald kam ein Platzregen, der durch das schadhafte Dach drang und die ausgepackten Sachen durchnässte. Nach einigen Tagen erbarmte sich meiner eine Dame und verschaffte mir ein wahres Muster von Bedienten, der Alles allein zu machen versprach. Auch stattete sie mich noch mit allerlei Gegenständen der Bequemlichkeit aus, um mir den Aufenthalt in meiner neuen Wohnung angenehm zu machen. Als ich spät Abends nach Hause kam, fand ich aber dasselbe offen, der Diener war nicht da, weil er, wie er mir am andern Tage sagte, noch keine Schlafmatte hatte. Um eine zu suchen, verbrachte er den grössten Theil des zweiten Tages ohne Erfolg. Am dritten Tage kam er spät und brachte noch einen Landsmann mit, der ihm helfen sollte; dieser schien ein Literat zu sein, er las den ganzen Tag, deklamirte und schrieb; verlangte ich etwas von ihm, so seufzte er und sprach: „much, much trouble.” Nachmittags fand ich ihn in meiner Geldtasche wühlend und entliess ihn. Den andern behielt ich noch 6 Tage, davon war er 2 Tage krank, einmal musste er vor Gericht, ein andermal hatte er dringende Geschäfte in Familienangelegenheiten. Nachdem ich in kurzer Zeit einige Malayen und mehrere Klings gehabt, bekam ich einen berühmten, kleinen Chinesen. Leider verstand er nicht malayisch und ich nicht chinesisch. Er verstand überhaupt nichts, da er noch nicht gedient hatte, besass aber grossen Eifer. Meine Schuhe putzte er nicht nur von aussen, sondern auch von innen, und als ich ihm auftrug, meinen schwarzen Frack zu reinigen, um darin bei einem amtlichen Diner des Guvernörs zu erscheinen, wusch er ihn mit Seife und Wasser. Dadurch wurde der kleine Bursche so berühmt. Seine angenehmste Eigenschaft aber war, dass er immer lief, wenn ich „lakas” rief. Dies hatte für mich einen solchen Reiz, nachdem ich mich so lange mit den faulen, mürrischen Klings beholfen hatte, dass ich den armen Jungen fast nur in diesem schnellen Tempo benutzte. Aber nach 6 Wochen war er's müde. Als auch er mich verlassen hatte, blieb ich längere Zeit ohne alle Bedienung. Mein Haus war eigentlich nur dem Scheine nach verschlossen, obgleich ich oft den ganzen Tag und einen Theil der Nacht abwesend war. Auf meinem Balkon hingen mehrere Thermometer ganz frei, mir ist aber nie etwas gestohlen worden. Und doch stand das Haus auf einem Grundstück, das nur zum Theil durch eine Hecke eingefasst war und an einer wenig frequenten, Abends nicht beleuchteten Strasse lag. Den Grund weiss ich mir nicht zu erklären.

Wenn aber auch ein hiesiger Diener den Anforderungen, die man in Europa an einen solchen stellt, nicht entspricht, so kann man sich doch sehr gute Bedienung verschaffen, wenn man für verschiedene Dienstleistungen im Hause verschiedene Diener annimmt, was bei ihren bescheidenen Ansprüchen nicht sehr theuer ist. Auch verlangt die Gerechtigkeit, zu erwähnen, dass ich schliesslich einen vorzüglichen Diener bekam, treu, anstellig, fleissig, bescheiden; zu meinem grossen Bedauern zog er sich später in den Wäldern von Malacca ein Junglefieber zu, wodurch ich gezwungen wurde, ihn in Singapore unter der Pflege eines Arztes zurückzulassen.

Viertes Kapitel.

Ueberblick der Stadt. -- Strassenleben. -- Reis. -- Chinesen. -- Malayen. -- Malayische Sprache.

Die Stadt bildet ein Kreis-Segment, dessen Sehne, der Strand, von NO. nach SW. streicht, während der nach NW. gerichtete Bogen im N. von einem Kanal, in seinem weiteren Verlauf durch eine Reihe von Anhöhen begrenzt wird. Gegen 20 dieser, im Durchschnitt 100 Fuss hohen Hügel treten unmittelbar an den Rand der Stadt und schon beginnen die Häuser, sich an den Abhängen in die Höhe zu ziehen. Jeder Gipfel gewährt einige hübsche Bilder, die alle aus denselben, aber immer anders gruppirten Elementen bestehen. Die schönste Rundsicht hat man vom Government-hill, jetzt Fort Canning, das mitten in der Stadt liegt. Hart an seinem Fuss fliesst der kleine Fluss, der die Stadt in zwei Theile sondert. Die nördliche, räumlich grössere Abtheilung enthält die meisten öffentlichen Gebäude, viele Wohnhäuser reicher Kaufleute und Beamten, die noch unvollendete Kirche und die Esplanade, einen schönen grossen Rasenplatz dicht am Meere, auf welchem jeden Abend ein kleiner Korso und Cricket, das nationale Ballspiel der Engländer, mehrere Male in der Woche auch Militärmusik stattfindet. Auf der Südseite ist das Geschäftsleben konzentrirt. Diese vertritt die „City”, jene das „Westend”; letzteres liegt aber östlich. Dicht an seiner Mündung hat der Fluss nach Süden zu ein quadratisches Stück Land von etwa 1000 Fuss Länge und Breite angeschwemmt; Raffles, der Gründer der Stadt, hat die Trümmer eines Hügels, der früher an der Mündung stand, darauf geschüttet. Es hängt nur auf einer Seite mit dem Lande zusammen, zwei andre Seiten werden vom Meere, die vierte vom Fluss gebildet. In diesem Viereck befinden sich alle grösseren Geschäftshäuser und Speicher der Europäer sowohl, als der Asiaten. Auf den dem Meere zugekehrten Seiten ragen Landungsdämme ins Wasser, an welchen die Güter für die verschiedenen Firmen unmittelbar in die daran stossenden Speicher gebracht werden. In der Mitte des Vierecks liegt der Commercial square, der Centralpunkt des Verkehrs für die Europäer, und vertritt fast die Stelle einer Börse. Noch lebhafter aber ist das Gewimmel auf und an dem kleinen Flusse: an seinen beiden Ufern liegt eine fast ununterbrochene Reihe von Leichtern und andern kleinen Booten, welche Waaren aus- und einladen, die von stämmigen chinesischen Kulis oder durch Ochsenkarren weiter geschafft werden. In der Mitte bewegen sich vom frühesten Morgen bis spät Abends dichte Züge ein- und ausfahrender Lastboote aller Grössen.

Die Rhede ist umschlossen von dichtbewaldeten Inseln, über die sich die Kronen zahlreicher Palmen erheben. Gewöhnlich ist das Meer so ruhig, wie ein Binnensee und bedeckt mit Schiffen aller Länder, zwischen denen unzählige kleine Boote hin- und herfahren. Eine ganze Kette solcher kleinen Eilande und Felsen liegt im Süden der Hauptinsel und setzt in SO-Richtung den Umriss der Küste wie in einer punktirten Linie fort. Die südlichste derselben, St. John, musste früher von allen grösseren Fahrzeugen umschifft werden, bis man unmittelbar an der Südküste von Singapore selbst eine Durchfahrt entdeckte, tief genug für die grössten Schiffe. Sie wird im Süden von der Insel Blakang-mati begrenzt, welche fleissige Bugis in ein Ananasfeld verwandelt haben, und bildet den sogenannten neuen Hafen, New harbour, in dem jetzt die grössten Dampfschiffe anlegen und ihre Kohlendepots haben. Es sind daselbst Docks und Landungsbrücken errichtet, so dass die Schiffe unmittelbar am Lande anlegen und löschen können, während in Singapore Alles durch Leichter gelandet werden muss. New harbour hat aber so wenig Raum, dass er kaum für die Bedürfnisse der Dampfschifffahrt ausreicht.[12]

Das bunte Treiben in den Strassen entspricht dem, was die Schiffe auf der Rhede vermuthen liessen. Die Stadt ist der Sammelplatz aller Völker des fernen Ostens. Weitaus überwiegend an Zahl und Bedeutung sind die Chinesen. Dann folgen der Menge nach die Völker malayischer Rasse, Bewohner des Archipels: Bugis, Javanen, Sundanesen, echte Malayen und endlich die Klings, wie hier allgemein sämmtliche Bewohner Vorder-Indiens ohne Unterschied genannt werden, obgleich das Wort, eine Korruption von Telinga, ursprünglich nur die Eingebornen der Ostküste der vorderindischen Halbinsel bezeichnet. Diese drei Völkerschaften bilden die Hauptmasse; mehr vereinzelt erscheinen zwischen ihnen Araber, Perser, Parsis, Armenier, Siamesen, Birmanen, Anamiten, Tagalen und Juden in alttestamentarischer Tracht.

In allen Hauptstrassen der Stadt sind die Häuser im Erdgeschoss mit fortlaufenden Bogengängen versehen, unter welchen man zwar Schutz gegen die Sonne findet, aber nicht gegen die Zudringlichkeit der kleinen Handelsleute, die hier als Geldwechsler, öffentliche Schreiber und Krämer ihr Wesen treiben. Bei letzteren findet man oft das sonderbarste Gemisch von Waaren, namentlich bei den Klings: neben europäischen Eisen- und Kurzwaaren sieht man die verschiedensten Produkte des Archipels, indische Medikamente, Hülsenfrüchte und mitten unter den Nahrungsmitteln grosse Stücke Arsenik in offenen Schalen, das namentlich nach Madras zum Einbalsamiren der Leichen, auch nach anderen Häfen zum Präpariren der Häute geht. Eine andere in die Augen fallende Waare, die man aber nur an den Thüren der Grosshändler trifft, sind Kanonen von jedem Kaliber, für die immer ein guter Markt ist, da sich hier sowohl die Seeräuber zum Angriff, als die friedlichen Kauffahrer zur Vertheidigung ausrüsten.

Besonders auffallend im hiesigen Strassenleben ist die fast gänzliche Abwesenheit der Frauen. Chinesen und Klings, die mit der Absicht kommen, nachdem sie ein kleines Vermögen erworben, in ihr Vaterland zurückzukehren, bringen keine Frauen mit, und ein grosser Theil der Bevölkerung ist fluktuirend, kommt mit dem einen Monsun und kehrt mit dem andern in die Heimath zurück, die Familie bleibt daheim. Von den wenigen Frauen, die hier ansässig sind, werden die meisten, der Sitte des Orients gemäss, im Hause gehalten. Nach den statistischen Berichten ist das Verhältniss der Frauen zu den Männern ohnehin nur wie 1: 8, aber auf der Strasse fehlen erstere fast ganz. Nie geht eine Frau neben ihrem Mann, oder gar von ihm geführt, es könnte die Würde des Mannes beeinträchtigen, ihn lächerlich machen. Die malayischen Familien gehen gewöhnlich Einer hinter dem Andern, zuerst die Kinder, dann die Mutter, dann der Vater und die Erwachsenen. Auch Männer gehen immer nur hinter einander, der Vornehmste voran, die andern folgen genau nach ihrem Range. Sie haben diese Gewohnheit wohl in der Heimath angenommen, wo nur schmale Pfade durch den Wald führen, und befolgen sie hier auch auf den breitesten Strassen. Derselbe Gebrauch ist unter den Indiern in Amerika allgemein: daher der englische Ausdruck: Indian file. Manche können es auch nicht unterlassen, wenn sie an Hecken vorbeigehen, einige Zweige einzuknicken, wie sie es im Walde gewöhnt sind, zu thun, um den Rückweg zu finden.

Den buntesten, interessantesten Anblick gewährt die Stadt wohl Abends zwischen 8 und 10 Uhr. Die Strassen, in welchen die Geschäftshäuser der europäischen Kaufleute liegen, sind dann öde und finster, aber in den anderen Stadttheilen, besonders im Viertel der Chinesen, herrscht die grösste Lebendigkeit. Hier sind alle Läden offen und mit grossen, bunten Papierlaternen, die zugleich als Firmaschilder dienen, beleuchtet,[13] alle Werkstätten in voller Thätigkeit. Längs der Häuser haben sich ganze Reihen kleiner Geschäftsleute, Hausirer, besonders aber viele Garköche mit ihren tragbaren Gestellen eingefunden, welche an dem einen Ende eines Bambus die Küche, am andern sämmtliches Geschirr tragen. Dazwischen wogt eine dichte Menschenmenge, die hier ihre Abendmahlzeit kauft und meist gleich an Ort und Stelle verzehrt.

Die Chinesen bedienen sich zum Essen der bekannten kleinen Stäbchen; alle andern hiesigen Asiaten essen mit den Fingern, zuweilen auf sehr unappetitliche Weise. Noch unappetitlicher ist die Art, wie die Gäste ihrem Wirth nach beendigter Mahlzeit ausdrücken, dass sie völlig satt sind. Die Mehrzahl der hiesigen Bevölkerung lebt fast nur von Reis. Viele geniessen kaum etwas anderes.[14] Fleisch und sonstige Zuspeisen werden von den Aermeren nur in so geringer Menge dazu genossen, als bei uns Pickles oder andre Reizmittel. Darauf sind auch die Garköche eingerichtet; für ein paar Pfennige kann sich dort Jeder die kleinsten Portionen seiner Lieblingsgerichte kaufen, die zuweilen auf römischen Wagen, nicht grösser als eine Goldwage, abgewogen werden. Es sieht drollig aus, wenn eine Anzahl chinesischer Kulis ihre Mahlzeit einnehmen. Sie hocken um einen Eimer voll Reis, um welchen im Kreise herum eine Anzahl pikanter Zuspeisen in kleinen Tassen stehen. Jeder füllt sich eine geräumige Schale mit dem Nationalgericht, fasst seine beiden Essstäbchen, die so dick wie Bleistifte und anderthalb mal so lang sind, indem er sie mit Daumen und Mittelfinger gegen den Zeigefinger presst, und schaufelt sich mit den beiden Enden, den Athem dabei einziehend, eine grosse Anzahl Reiskörner zu, die einzeln, aber in enggeschlossener Reihe, in den weit geöffneten Mund fliegen, um auf einmal verschlungen zu werden; ab und zu holt er sich mit seinen Stäbchen, indem er sie wie eine Zange gebraucht, ein Stück Fleisch oder Fisch aus einer der Tassen, beisst ein wenig davon ab, legt den Rest in seine Schale und schaufelt von neuem weiter. Es ist auffallend, wie die hiesige chinesische Bevölkerung gesund und kräftig bleiben kann bei einer Kost, die fast nur aus Stärkemehl besteht und an Stickstoffgehalt selbst von der Kartoffel übertroffen wird, wenn man von dieser den 3/4 des Gewichts betragenden Wassergehalt ausser Rechnung lässt; die chinesischen Lastträger, wenigstens die im Dienst der Europäer, essen allerdings nicht unbedeutende Mengen Schweinefleisch.

Die Chinesen sind als sehr geschickte Köche bekannt; auch haben sie ein grösseres Feld, als die unsrigen, da sie viele Dinge verwenden, die dem Europäer als unrein gelten. Die von Max Müller (Science of language S. 346) nach Farrar erzählte Geschichte, welche ihm Veranlassung giebt, eine der Annahmen über den Ursprung der Sprache als die Bau-Bautheorie im Gegensatz zur Puh-Puhtheorie zu kennzeichnen, ist noch heute in China unter den Europäern gang und gäbe. Ein Engländer nämlich, dem man eine Schüssel vorgesetzt hatte, die ihm verdächtig schien und der wissen wollte, ob es Ente sei, fragte: Quack-Quack? und erhielt die klare, offene Antwort: Bau-Bau! Einige ihrer Leckerbissen sind für uns geradezu Ekel erregend, z. B. faule oder angebrütete Eier, deren Schale etwas geöffnet wird, damit der Käufer sehe, dass er nicht etwa getäuscht werden und statt des begehrten ein frisches Ei erhalten solle.[15] Diese Liebhaberei scheint aber doch nicht allgemein zu sein. Sie haben auch ein Verfahren, Eier sehr lange frisch zu erhalten. Hier ist das Rezept: 2 Maas Asche, 1 Maas Salz mit Wasser zu einem Brei gemischt, mit dem die aufzubewahrenden frischen Eier bedeckt werden.