Singapore, Malacca, Java. Reiseskizzen von F. Jagor.

Part 25

Chapter 253,525 wordsPublic domain

Jenseits Karang-tritis ragen viele einzelne Kalkfelsen aus dem Meere hervor, die durch die Wirkung der Brandung so phantastische Gestalten erhalten haben, dass sie auch wohl bei aufgeklärteren Leuten als den Javanen, Veranlassung zu Aberglauben geworden wären. Hier ist es, wo nach Hagemann (Tijd. v. L. T. en V. 1853) die Geisterkönigin Loro-kidul, deren Gebiet sich längs der ganzen Südküste vom Semeru bis nach Nusa-kumbangan erstreckt und deren prächtiger Palast im Grunde des Meeres ist, sich ihren Vertrauten in Träumen offenbart.

Gegen Mittag kam eine stattliche Reiterschaar, Herren vom inländischen Adel mit ihrem Gefolge, zum Besuch und führten uns nach einem Pasanggrahan, der hübsch möblirt war, weil er oft von den einheimischen Fürsten benutzt wird, die hier das wegen der sehr starken Brandung geschätzte Seebad benutzen. Wir hatten ein vorzügliches malayisches Diner, bei welchem auch Büffelfell vorkam, welches wie Biskuit gegessen wird und sehr angenehm schmeckt. Das Fell wird zu dem Zweck in sehr feine Stücke geschnitten, in heissem Wasser eingeweicht und in Fett gebacken, wobei es zu einer sehr porösen, spröden Masse aufschwillt.

Als wir gegen Abend, von der starken Sonnengluth sehr ermüdet, nach Imogiri zurückritten, kamen wir an einer Indigofabrik vorbei. Schon lange, ehe wir sie erreichten, sah ich den Besitzer, einen stattlichen jungen Mann in leichtem Pflanzerkostüm sein Haus verlassen und durch die Felder grade auf uns zueilen. Als er uns erreicht hatte, fasste er zuerst der Sicherheit wegen mein Pferd am Zügel, dann grüsste er sehr freundlich und lud uns ein, die Nacht in seinem Hause zuzubringen, indem er zugleich das Pferd dahinführte mit dem zufriedenen Lächeln eines Mannes, der einen guten Fang gethan hat. Ein Freund aus Jokjokarta hatte ihm durch einen Boten gemeldet, dass wir hier vorbeikommen würden, und er hatte uns aufgelauert. An Loskommen war nicht zu denken, auch hatte ich keine Lust dazu; doch machte ich absichtlich einige Einwendungen, die indessen alle triumphirend beseitigt wurden. Mein Gastfreund, sehr gebildet und, wie ich später hörte, aus sehr guter holländischer Familie, lebte hier ganz isolirt auf der vor Kurzem von ihm gegründeten Fabrik, fern von allem Umgang mit Europäern. Er hatte gewiss eine angenehme Unterhaltung für den Abend gehofft, und alles aufgeboten um seinen Gast zu ehren, leider war ich so entsetzlich müde, dass ich über Tisch einschlief und so schnell als möglich ins Bett schlich.

In den Fürstenländern, wo die holländische Regierung keine Produkte baut, da der Grund und Boden dem Fürsten gehört, ist es Europäern gestattet Ländereien zu pachten und auszubeuten: jedoch ist ihre Zahl eine beschränkte, die Erlaubniss hängt vom Ermessen der Kolonial-Regierung ab. Nach dem Reglement für 1857 betrug sie 68 für Jokjo, 207 für Surakarta. Der Pächter tritt der Bevölkerung gegenüber in die dem Landesfürsten nach dem Adat zustehenden Rechte. 2/5 des Bodens darf er mit Produkten für den europäischen Markt bebauen, jede Familie leistet ihm 104 Tage Frohndienst, dafür zahlt er die Grundsteuer für die ganzen 5/5 des Bodens. Der Ertrag der übrigen 3/5 so wie die Verfügung über die nach Abzug von 104 Tagen verbleibenden 261 Tage gehört der Bevölkerung ohne weitere Abzüge oder Lasten.

Nach den Grundsätzen des Kultursystems sollten die Bauern in den Regierungsländern besser gestellt sein als in den Fürstenländern; in Wirklichkeit ist dies aber nicht der Fall, da ihre Arbeitskraft (vergl. Kaffeekultur) bei der mangelhaften Leitung durch Beamte zum grossen Theil verschwendet wird.

Vor allen hat sich in Jokjokarta als besonders gewinnbringend, schnell rentirend und wenig Anlagekapital erfordernd, die Indigokultur entfaltet, während sie in den unmittelbar unter holländischer Botmässigkeit stehenden Provinzen, wo sie einen Theil des Kultursystems bildet, so schlechte Resultate giebt, dass sich die Regierung veranlasst sah die Ursachen der so verschiedenen Ergebnisse von einem fähigen Beamten untersuchen zu lassen. Aus den Auszügen des amtlichen Berichts (Tydsch N. I. 1860) ergeben sich ganz ähnliche Thatsachen wie bei der Kaffee- und Theekultur (vergl. oben), die wohl allmälig die Regierung zwingen werden aus Eigeninteresse den Ackerbau der Privatindustrie zu überlassen. Schon jetzt hat sich die Regierung genöthigt gesehen den Indigobau immer mehr einzuschränken.

1840 produzirte sie auf 40844 Bau 2032097 Amstrd ℔ 1858 „ „ auf 18314 Bau 614784 „ ℔

Wie bei der Kaffeekultur bestimmt die Regierung die Lokalität auf welcher die Eingebornen Indigo bauen müssen, das Risiko ist für Rechnung der letzteren; erst für das fertige Produkt erhalten sie einen Preis, der im Verhältniss zur gelieferten Arbeit so gering ist, dass der Kolonialminister v. Rochussen es sich den Kammern gegenüber zum Verdienste anrechnete, den Indigobau als zu drückend für die Bevölkerung und zu unvortheilhaft für den Staat, sehr eingeschränkt zu haben. Es ist höchst interessant und erfreulich, dass während derselben Zeit, wo die Zwangskultur so traurige Ergebnisse lieferte, der Indigobau in Jokjo auf gepachtetem Grund und Boden, durch freie Arbeit unter unmittelbarer Leitung von Unternehmern die für eigene Rechnung arbeiteten, die glänzendsten Resultate ergab.[97] Auch hierbei stellte sich wieder die so oft bestrittene Thatsache heraus, dass der Javane bei angemessenem Lohn gern arbeitet, und dass der Pächter über so viele Hände verfügen kann als er braucht. Die Regierung schreibt ihren schlechten Erfolg dem Umstand zu, dass die Pflanze den Boden aussaugt (wie bei dem Kaffeebau), die Privatunternehmer finden aber jeden Boden geeignet, behandeln ihn je nach seiner Beschaffenheit, melioriren und düngen ihn entsprechend.

Am folgenden Morgen begleitete mich mein lieber Gastfreund nach Imogiri, dem nahegelegenen Begräbnissplatz der fürstlichen Familien von Jokjokarta und Surakarta. Auf angeblich 360 unbequem hohen Backsteinstufen steigt man in gerader Richtung den steilen Abhang eines Hügels hinan, dessen von mehreren Umfangsmauern umschlossene Kuppe die schmucklosen Grabsteine einer Anzahl bis auf ein oder zwei Ausnahmen unbedeutender Personen aus fürstlichem Geblüt enthält -- theils im Freien, theils in hölzernen Schuppen. In etwa 3/4 der Höhe sendet die Treppe rechtwinklig zwei Seitenarme aus, und wiederholt dies, nachdem sie unter dichtem Laubdach ein kleines künstliches Wasserbecken überschritten, in kurzen Zwischenräumen. Diese Seitengänge werden durch mehrere der Haupttreppe parallel laufende Gänge geschnitten, die den Unebenheiten des Terrains entsprechend, bald flach, bald durch Reihen von Stufen unterbrochen, verlaufen, und eine Anzahl viereckiger Räume von verschiedener Grösse, in verschiedenen Niveaus umschliessen, in denen Ziersträucher und viele Gewürzbäume und Oranien mit Sorgfalt kultivirt werden.[98] Das schon 100 Jahr alte Mauerwerk ist an vielen Stellen zerfallen; dicht belaubte Feigenbäume haben sich darauf angesiedelt. So entstehen eine Menge allerliebster Plätzchen. Man kann sich kaum eine passendere Lokalität für eine Picknickpartie wünschen.

Nach einem herzlichen Abschied von dem Residenten, der mich mit Liebenswürdigkeit und Güte überhäufte, setzte ich Nachmittags meine Reise nach Surakarta, der Hauptstadt des Kaisers oder Susuhanan fort.

Bei Kalasan, der zweiten Poststation, steht unweit der Strasse zur Rechten ein schöner Tempel, ~Tjandi-kali-bening~. Es ist der erste, und wohl auch der schönste einer grösseren Anzahl, die bis jenseits der nächsten Station Prambanan zu beiden Seiten der Strasse zerstreut oder in Gruppen beisammen liegen. Sein Grundriss ist ein aus fünf gleichen Quadraten bestehendes Kreuz mit je einem ein Viertel so grossen Quadrat in den vier Winkeln; er ist gegen 70' hoch, schlank, schön gegliedert durch Pfeiler, Gesimse, Thüren und Nischen, zwischen denen sich in harmonischer Anordnung breite Bänder von Arabesken hinziehen. Das obere Gesims wird von einer Reihe von Figuren in Hochrelief getragen. In einigen Nischen sitzen noch Götterbilder auf ihrem Lotussessel. Die der Strasse zugekehrte Seite ist sehr zerfallen, ihr gegenüber liegt die Hauptfront mit einer hohen Eingangspforte. Das sehr zerstörte Innere enthält einen grossen Raum, an welchen vier kleinere stossen. Sie sind, wie die Tempel von Mundut und Dïeng, durch treppenartig vorspringende Steine überdacht. Um die schöne Ruine war ein so dichter Pisanggarten angelegt, dass es unmöglich war, sie zu zeichnen. Hoffentlich wird man bald von allen den herrlichen Monumenten gelungene Photographien besitzen.

Etwa 2000 Schritt weiter auf der andern Seite der Strasse, liegt der Tempel Tjandi-sari, welcher mehr kubisch als der vorige, gegen 50' hoch, reich ornamentirt, mit Nischen und hohen Reliefs, an unsere schönsten Renaissancebauten erinnert. Weniger elegant in seiner ganzen Anlage, als Kali-bening, ist er noch reicher als jener mit Skulpturen bedeckt, die ebenso sinnig entworfen, als kunstvoll ausgeführt sind. Man wird in Europa erstaunen, wenn man von den Java'schen Kunstdenkmälern aus der Zeit des Brahmakultus genaue Photographien in genügendem Maasstab besitzen wird; da man sich bis jetzt nicht von der Vorstellung lossagen mag, dass die Kunstwerke in jenen Ländern wohl den Beweis einer sehr gewandten Technik und grossen Fleisses, aber nicht reicher künstlerischer Phantasie zu liefern vermögen.

Bei der nächsten Station liegen die Ruinen von zehn oder zwölf Tempeln, Tjandi-prambanan oder Tjandi-loro-djongrang. Es sind nur noch hohe Trümmerhaufen quadratischer Prismen aus grauer Lava; bei manchen ist kaum noch die ursprüngliche Form zu erkennen. Das Ganze bildet eine grosse Ruine, die man am besten von der Mitte übersieht. Von einigen Tempeln fielen bei ihrem Einsturz die Steine einander zu und bildeten so Verbindungsrücken, die zum Theil mit hohen Bäumen bewachsen sind. Der Maler sowohl als der Alterthumsforscher findet hier viel schönen Stoff. Ueberall ragt, wenn man etwas genauer zusieht, ein Stück Skulptur hervor, weit umher liegen die Quadern über die Ebene zerstreut; wahrscheinlich hat ein Ausbruch des nahen Merapi den Einsturz bewirkt. -- Etwa einen Paal weiter liegt ~Tjandi-lombok~, neun kleinere Tempel einfach von Form, wenig verziert, ziemlich wohl erhalten, und nordwestlich davon, in etwa gleicher Entfernung, und ebensoweit von Tj.-loro-djongrang als von Tj.-lombok, die Ruinen von Tj.-sewu, (die tausend Tempel), eine wahre Stadt von Ruinen. Von keinem Punkt kann man das Ganze auf einmal übersehen, die Skizze giebt nur den Anblick von einem willkürlich gewählten Punkt aus. Wie gern wäre ich hier länger geblieben! und welche reiche Erndte steht auf Java dem Alterthumsforscher und Kunstkenner bevor, der durch gründliche Studien vorbereitet, die in so grosser Fülle vorhandenen Herrlichkeiten zum Gegenstand seiner Forschungen machen kann.

Eine herrliche Tamarinden-Allee führt auf die Hauptstadt des Susuhanan, „das erhabene Surakarta”, oder Solo. Hier giebt es kein Gasthaus, eben so wenig wie in Jokjo; ich fand aber die zuvorkommendste Aufnahme bei einem schon viele Jahre hier ansässigen deutschen Arzt. Bei ihm traf ich Oberst v. S. und bedauerte sehr, mich mit der Reise so übereilt zu haben, da die Vorstellung bei dem „Kaiser” erst morgen stattfinden sollte. Der Kraton ist wie in Jokjokarta von einer Mauer umschlossen und enthält eine eben so zahlreiche Bevölkerung von Abhängigen des Susuhanan. Sie wohnen in langen Reihen ärmlicher Hütten; schmutzige Weiber und Kinder laufen in Menge umher. Im Vorhof des Palasts kauerten einige Gruppen seiner Leibwache, ihr Oberkörper war nackt bis an den Ledergürtel, der den künstlich gefalteten Sarong festhielt. Das wohlgekämmte Haar hing lose über den Nacken; statt des Kopftuchs trugen sie einen schmalen Kranz aus buntem Kattun, an welchem hinten zwei grosse Flügel befestigt waren, vielleicht um die Schnelligkeit der kaiserlichen Boten anzudeuten. Zerlumpte Soldaten präsentirten in theatralischer Stellung Fahnen, Piken und sehr kurze Gewehre. Vor dem Pendopo, der Empfangshalle, stand ein Musikcorps, das Fanfaren blies. Der Kaiser, ein noch gut aussehender Greis von 72 Jahren, fast in demselben Kostüm wie der Sultan von Jokjokarta, nur mit mehr Diamanten geschmückt, erhob sich aus seinem Lehnstuhl und ging dem Residenten bis an die Stufen der Halle entgegen. Um ihn kauerten Gruppen von alten Weibern, Zwergen, Verwachsenen, Albinos, alle mit nacktem Oberkörper, das ist Hoftracht. Je zwei oder drei hatten eine grosse messingene Speichelurne zwischen sich. Hinter dem Kaiser sass ein recht hübsches Mädchen, das eifrig mit ihrem Betel beschäftigt war, sie nahm ihn mehreremale aus dem Munde, ballte mit ihren zierlichen Händchen die Masse zu einer Kugel von der Grösse einer Pflaume zusammen, tupfte den am Umfang ihrer Lippen haftenden Speichel damit auf und schob alles anmuthig lächelnd in den Mund zurück.

Die Gewohnheit des Betelkauens ist bekanntlich über alle Malayenländer, Hinterindien, einen grossen Theil von Vorderindien und China verbreitet, färbt Lippen, Zahnfleisch, Speichel blutroth, die Zähne schwarz, was im Lande für schön gilt. Die Chinesinnen und Mestizinnen der Philippinen, die andere Begriffe von Schönheit haben, wissen aber ihre Zähne durch häufiges Putzen mit der faserigen Hülle der Betelnuss weiss zu erhalten. Der Betel besteht aus dem mit etwas kaustischem Kalk bestrichenen sehr aromatischen Blatt des Betelpfeffers (Piper Betel oder Chavica Betel), einer zu dem Zweck in grosser Menge gebauten Schlingpflanze, und einem Stück des gerbestoffreichen Kernes der Arecapalme; häufig wird auch noch Gambir und Tabak dazu genommen. Der Anblick ist anfänglich wegen des reichlichen Speiens sehr hässlich; hat man sich einmal daran gewöhnt, so möchte man wünschen, dass die Sitte auch in Europa bestände, da Betelkauer nie schlecht riechenden Athem haben, während das Uebel bei uns namentlich unter älteren Leuten so häufig ist. Das Betelkauen wird wohl noch leidenschaftlicher getrieben als Tabakrauchen; seine spezifische Wirkung auf den Organismus scheint bis jetzt völlig unbekannt zu sein. Sir Emerson Tennent's Angabe (Ceylon I. pg. 112), dass keine ärztliche Verordnung besser als der Betel im Stande wäre die fast stickstofflose Nahrung der Eingebornen heilsam zu ergänzen, da er zugleich antacid, tonisch und karminativ wirken soll, entbehrt nach dem Urtheil mir befreundeter Physiologen jeder Begründung; der Betelgenuss muss aber entweder eine nützliche oder eine angenehme Wirkung auf den Organismus haben, sonst könnte unmöglich der Gebrauch so allgemein sein.[99]

Nach einem kurzem Besuch verliessen wir den Kraton mit denselben Zeremonien, wie bei der Ankunft und besuchten den unabhängigen Fürsten Mangko-negoro, einen hübschen Mann in rüstigem Alter. Das Zeremoniell war hier viel einfacher als bei dem Kaiser, als Ordonnanz hatte er ein einziges, aber schönes junges Mädchen. Ich durchsuchte mit meinem gefälligen Gastfreund fast alle Leihhäuser der Stadt in der Hoffnung unter den verfallenen Pfändern einige schöne Waffen und andere Kuriositäten kaufen zu können, fand aber nur wenig; noch unbefriedigter war ich von den Kaufläden (tokos); es war fast nichts zu haben, und das Wenige schlecht und theuer. Ein Bogen geringen Zeichenpapiers, der in Deutschland einen Silbergroschen kostet, gilt im Innern von Java einen Gulden, ein Bleistift schlechtester Qualität, -- gute sind nicht zu haben, -- einen Gulden, ein Bogen Packpapier grosses Format, 1/2 Gulden und so im Verhältniss. Hier lernte ich einen prächtigen alten Oberst kennen, „der alte Blücher” genannt, der, die Kriegsjahre doppelt gerechnet, 92 Jahre und fast in allen Welttheilen gedient hatte. Er wollte mir einen sehr werthvollen Kris für unser Museum schenken, da der Werth aber nur in der Zauberkraft liegt, die ihm der inländische Aberglaube beilegt, -- wer ihn trägt, soll unverwundbar sein -- und sich für den alten Herrn, der die ganze Geschichte des Zauberkris' auswendig weiss, ruhmvolle Kriegserinnerungen an den Besitz desselben knüpfen, so wäre es sehr unrecht gewesen, zu Gunsten der ungläubigen Berliner die scheinlose Waffe von ihm anzunehmen.

Wir besuchten noch einen javanischen Prinzen, den Pangeran Mangko-bumi, einen sehr lebhaften, thätigen alten Herrn, der in seinem Kraton alle möglichen Gegenstände fabrizirt, Flinten, Büchsen, Geschirre, selbst vollständige Gallawagen. Seine verstorbene Frau, eine Tochter oder Schwester des vorigen Kaisers, liebte ihn so sehr und besass so viel Selbstverläugnung, dass sie immer die schönsten jungen Mädchen ins Haus nahm, um sie für ihn zu erziehen, ein Gebrauch der nach ihrem Tode fortgesetzt wurde, so dass der alte Herr immer von einer Anzahl blühend junger Frauen umgeben ist. Er war sehr liebenswürdig und lud mich ein, einer Tanzstunde beizuwohnen, die er einer ausgewählten Zahl seiner weiblichen Familienglieder ertheilte. Sechs Paare junger Mädchen, darunter die schöne Prinzess Trinel (Bachstelze), sassen hintereinander mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden. Nach einigen Gamelangklängen erhoben sie sich langsam zu einem Tanz, der sehr anmuthig und schwungvoller als der der Bedajas war, und sowohl durch seine Wendungen, als durch das Kostüm: dünne, enganliegende Kleider, entblösste Schultern, flatternde Schärpen und nackte Füsse, an die Tänzerinnen auf antiken Wandgemälden erinnerte.

Vor Sonnenuntergang hatte ich noch das Vergnügen den Kaiser mit seinem ganzen Hofstaat eine Spazierfahrt machen zu sehen. Es war ein hübscher, etwas wilder, höchst pittoresker Zug: voran der Kaiser mit einigen kleinen Kindern in einem grossen offenen Wagen, dem eine lange Reihe anderer von allerlei verschollenen europäischen Moden folgte; in den vordersten sassen Frauen und einige sehr schöne Kinder, die folgenden enthielten die männlichen Hofbeamten und Verwandten des Kaisers. Jeden Wagen umgab ein bunter Trupp Reiter mit blossen Beinen, flatternden Sarongs, und enganliegenden Jacken. Der Zug bewegte sich in schnellem Trab.

Surakarta ist der Hauptsitz einer eigenthümlichen Kunst farbige Muster auf Kattun zu übertragen (Batek). Die Stellen des Zeuges, die beim Eintauchen in die Farbe weiss bleiben sollen, werden auf beiden Seiten durch einen Wachsüberzug geschützt. Zu dem Ende füllt die Zeichnerin über Kohlenfeuer flüssig gehaltenes Wachs in ein kleines Gefäss aus dünnstem Kupferblech und folgt mit der Spitze der wie ein Giftzahn geformten feinen Ausflussröhre den Umrissen eines unter dem durchscheinenden Zeuge liegenden Musters; vermittelst eines ähnlichen Instruments mit weiterer Oeffnung werden die Zwischenräume ausgefüllt, dieselbe Arbeit wird auf der andern Seite des Zeuges wiederholt, so dass sich die Figuren genau decken. Ist das Zeug durch Eintauchen gefärbt, so wird das Wachs ausgesotten. Soll noch eine Farbe aufgetragen werden, so wird das ganze umständliche Verfahren wiederholt. Nach Eintauchung in die zweite Farbe und Entfernung des Wachses erhält man ausser weiss, drei Farben: zwei reine, und eine aus diesen gemischte. Das Auftragen mancher Muster auf einen Sarong, der kaum die Grösse eines schottischen Plaids übersteigt, erfordert 40 bis 50 Tage anhaltender Arbeit. Das Batekmachen wird zwar auch von Lohnarbeiterinnen (monatl. für 2 fl. und Reis) ausgeübt, die geschicktesten Zeichnerinnen sind aber vornehme Frauen und diese Kunst bildet einen Theil ihrer Erziehung. Jedes Muster hat seinen besonderen Namen, manches darf nur in gewissen vornehmen Familien getragen werden und inländische Uebertreter verfallen, wenigstens in den Fürstenländern, einer Strafe; Männer und Frauen haben ihre besonderen Bateks. Das Muster, welches den Umschlag dieses Buches bildet, Batek-udan-iris, das zweitvornehmste in der Familie des Susuhanan, ist von einer Tochter des Prinzen Mangko-bumi gezeichnet, die für eine der geschicktesten Künstlerinnen gilt.

Von Solo (Surakarta) aus besuchte ich den in gerader Richtung etwa 25 Paal östlich von hier gelegenen Gunong-lawu, der auf dem Gebiete des Pangeran Mangko-negoro liegt. Mit javanischer Zuvorkommenheit hatte mir dieser zu meiner Reise seinen Postzug und die Begleitung seines eigenen Schwagers zur Verfügung gestellt. Wir überschritten den Solofluss auf einer Fähre und setzten die Fahrt auf guter ebener Strasse bis Karang-pandan fort. Nachdem die jungen muthwilligen Pferde allerlei kleineren Unfug getrieben, machte das Vorderste, auf welchem ein Postillon ritt, kehrt, die anderen folgten der Anregung, der ganze Zug wickelte sich zu einem Knäuel zusammen, das nur sehr schwer und nicht ohne Schaden für das Geschirr zu entwirren war.[100] In Karang pandan besass der Fürst ein geräumiges Landhaus auf dem Gipfel eines Hügels, mit herrlicher Aussicht auf die reich bebaute Ebene, und die immer malerischen Sawaterrassen; im Osten begrenzte das Bild der Gunong-lawu, im Westen der Merbabu und Merapi.

Mein Begleiter wünschte sehr, hier Halt zu machen, um von der bereits gehabten Strapaze auszuruhen. Seine Ueberredungskünste bestanden weniger in Worten als in Thaten und waren eines malayischen Kavaliers würdig: nach einem verschwenderischen Frühstück, bei dem sich die malayische Kochkunst in vollem Glanze gezeigt, erschienen, als ich mich eben auf mein Zimmer zurückgezogen hatte, zwei junge Mädchen auf Befehl ihres Herrn, um mich durch ihre Künste zum Bleiben zu bewegen; aber das drähtige Haar und das übersanfte Lächeln des durch Feilen fast zahnlosen Mundes vernichtete die Wirkung der einladenden Worte. Ich ritt nach Pablingan, wo mehrere warme und kalte Mineralquellen hervorbrechen, darunter ein angenehmer Sauerbrunnen, Ayer-wolanda, holländisches Wasser genannt, weil das über Holland eingeführte Selterwasser in Java unter diesem Namen bekannt ist. Als ich nach Karang-pandan zurückkam, hatte sich mein vornehmer Begleiter hinreichend erholt, um nach dem am Fuss des Lawu gelegenen Suku zu reiten, das wir gegen Sonnenuntergang erreichten. Der Pasanggrahan stand mitten unter den interessanten von Raffles abgebildeten und beschriebenen Tempelresten.

Am folgenden Morgen brachen wir auf, nachdem jeder vergeblich alle Ueberredungskunst aufgeboten hatte, um den andern von der Besteigung des Berges abzuhalten. Bis Tumba, einem kaum 2000 Schritt entfernten Dorf, konnte man reiten und der arme „Raden Rio” verschmähte selbst diese kleine Erleichterung nicht. Von dort aber ging es nur zu Fuss weiter. Kaum waren wir einige hundert Schritt gestiegen, als sich mein Begleiter, anscheinend ganz erschöpft, zu Boden warf, um etwas auszuruhen; ich verabschiedete mich daher von ihm bis zum folgenden Tage. Wir waren mit zahlreichem Gefolge aufgebrochen, nach einigen Stunden Steigens waren nur noch mein Diener und zwei Kulis bei mir, mit denen ich bald nach ein Uhr den Gipfel erreichte. An einer geschützten Stelle waren drei Hütten aus Grasmatten, eine für den Raden, eine für mich, eine für die Häuptlinge aufgeschlagen. Als eben die Dunkelheit einbrach, kam zu meiner grössten Ueberraschung Raden Rio an, ausser sich vor Ermüdung und rief mir zu: Um Gottes Willen, Herr, was suchen Sie hier oben! liess sich in eine wollene Decke wickeln und warf sich auf sein Lager. Der arme Teufel that mir sehr leid; es war mir gar nicht eingefallen, dass er den Berg besteigen würde, da ich seine am frühen Morgen zur Schau gestellte Ermüdung für eine List gehalten hatte, um unter einem anständigen Vorwand zurückbleiben zu können; aber der Gehorsam gegen Befehle von Höherstehenden ist in Java so absolut, dass er nicht gewagt hatte, unten zu bleiben, obgleich es sein eigener Schwager war, der ihm den Auftrag ertheilt hatte, mich zu begleiten. Er brachte einen Tross von 70 bis 80 Mann mit, von denen ein Theil Gepäck und Proviant trugen, während die anderen beschäftigt gewesen waren, ihren Herrn mit Tragesesseln, Stricken, Hebebäumen auf den Gipfel zu schaffen. Sein vortrefflicher Koch war auch mitgekommen und bald stand ein schmackhaftes malayisches Diner auf einer Matte ausgebreitet.