Singapore, Malacca, Java. Reiseskizzen von F. Jagor.
Part 24
Die ganze Nacht hindurch wüthete ein heftiger Sturm aus Ost, der einen Theil des Pasanggrahans abdeckte; er hielt den ganzen Tag über an und legte sich erst gegen Abend. Der Wind war kalt und unbequem in dieser Höhe (über 6000') und noch unangenehmer auf den Bergen, die sich aus dem Plateau erheben und wie dieses baumlos sind. Die aus der heissen Ebene mit heraufgekommenen Leute froren den ganzen Tag trotz der reichlichen Bewegung; die hier oben Ansässigen aber ertrugen die Kälte sehr gut, und völlig nackte kleine Jungen kauerten müssig vor den Häusern in anscheinender Behaglichkeit. Wir verliessen das Kesselthal von Dïeng im Süden und ritten an dem schönen Tempel Werkodoro und dem tiefblauen See Telaga-warna vorbei, der etwas nach Schwefelwasserstoff roch. Bevor wir den Vulkan Pakuodjo erreichten, sahen wir rechts von der Strasse einen hohen Felspfeiler, Gunong-batu, von wo aus man eine schöne Uebersicht des Pakuodjo hat, der aus einem geschlossenen Krater und einer grossen Schlucht besteht. Der Sturm war jetzt so heftig, dass wir den Gipfel nicht besteigen konnten. Der Boden des Kraters ist ganz flach, mit einer hohen Erdschicht ausgefüllt, auf dem das herrliche rothe Rhododendron Javanicum in ziemlicher Menge unter andern Sträuchern wächst. Eine niedrige Zwischenwand führt in die daneben liegende Schlucht. Diese streicht von S. nach N. mit steilem Fall; in der Mittellinie derselben zieht sich ein grosser gewölbter Schuttberg herab und stürzt sich im N. über den flachen Rand. Er sieht von ferne täuschend wie ein erstarrter Lavastrom aus, ist aber nur das Ergebniss der höher oben an den Bergwänden thätigen Solfataren, die das Gestein zersetzen und in grossen Blöcken oder als Schuttmassen hinabstürzen; so entsteht ein langer, schmaler Rücken von Bergtrümmern, der durch die Wirkung des herabrieselnden Wassers auf der stark geneigten Sohle allmälig weiter geschoben wird. Der Boden des daneben liegenden Kraters ist viel höher und wird durch das an seinen Wänden zersetzte Gestein immer mehr aufgehöht, da sein Rand völlig geschlossen ist. (Mittags im Schatten 12,8°R.)
Von hier besuchten wir die am Fuss des Berges Pangonan gelegene Solfatara Tjondro di muka, wo im Jahre 1834 ein Kontrolör in den heissen Schlamm einsank und, obgleich schnell herausgezogen, an den Brandwunden starb. Die Stelle ist durch einen Stock bezeichnet, der von Zeit zu Zeit erneuert wird; die Eingebornen nennen auch wohl die ganze Solfatara „tuwan Kontrolör punja tjelaka” (das Unglück des Herrn Kontrolör). Sie nimmt den Grund eines alten Kraters ein, dessen Wände fast zerstört sind und dessen Boden mit grünem Rasen bedeckt ist, mit Ausnahme derjenigen Stellen, wo die Fumarolen thätig sind. Am Abhange des Berges Pangonan, dicht bei Tjondro di muka, ist eine ähnliche Solfatara, aus welcher ein grosser Schlammstrom herabgeflossen ist, der jetzt im verhärteten Zustande auf den ersten Anblick wie ein Lavastrom aussieht. Auch zeigt er an den Stellen, wo der Abhang steiler ist, die eigenthümliche strickförmige Textur schnellgeflossener Laven. Verfolgt man den Strom nach oben, so findet man auf einem flachen Absatz des Bergabhanges neben mehreren noch kochenden Schlammseen ein entleertes Becken mit zerborstener Wand als Ursprung des erwähnten Schlammstromes. Der Berg Pangonan enthält zwei Krater; in den südöstlichen kann man hineinreiten, sein Boden ist sehr versumpft, weshalb ein gleichnamiges Dorf, das früher darin stand, verlassen wurde. Auf den flachen Terrassen, die den Kessel fast in seinem ganzen Umfange umgeben, wurde Mais, Tabak und Kohl gebaut, der Boden war mit Binsen und grobem Gras, die Pfützen mit Brunnenkresse bedeckt. Von zehn kleinen Tempelchen, welche Junghuhn's Karte auf dem äusseren Abhang angiebt, fand ich nur noch drei aufrecht, und den Schutthaufen eines vierten. Sie sind im Grundriss quadratisch, jede Seite von 2,25 Meter Breite und 5,34 M. Höhe, die Eingänge 0,85 M. breit, 1,83 M. hoch. Ringsum ist der Boden mit behauenen Steinen und zertrümmerten Skulpturen bedeckt. Der Boden des Nebenkraters wird fast ganz von einem See ausgefüllt, Telaga-werdoto der Junghuhn'schen Karte, die Eingebornen nannten ihn aber Merredada. Vom Zwischenrücken übersah man die Topographie des Berges mit einem Blick. Der Abhang des Pangonan fasst die W.-Seite des Plateaus von Dïeng ein und grenzt im N. an die Strasse Batur-Dïeng; jenseit derselben und des Baches Dolog, im N., erhebt sich ein anderer erloschener Vulkan, der Pager-kendeng. Am SW.-Abhange dieses Berges liegt das früher beschriebene Telaga-leri; ein bequemer Reitweg führt über die Kratermauer auf den Boden des Pager-kendeng-Kraters, in welchem sich einige Menschen in elenden Hütten aus Farnstämmen und Glaga angesiedelt hatten. Sie leben vom Anbau und der Bereitung des Ricinusöls und Tabaks. Die Tabakbereitung ist sehr einfach. Die grünen Blätter werden zusammengerollt, viele Rollen über einander zwischen zwei senkrecht neben einander befestigte Bretter gelegt, fest gedrückt und nach und nach vorgeschoben, wobei der die Bretter überragende Theil mit einem scharfen Messer abgeschnitten wird, wie beim Häckselschneiden. Die Streifen sind nicht dicker als ein Zwirnfaden. Man trocknet sie zuerst an der Sonne, später über Feuer. Eine weitere Behandlung erfährt der Tabak nicht; er wird hauptsächlich zum Kauen verwendet, für sich allein oder mit Betel vermischt, auch macht man Cigaretten daraus, indem man ihn in junge Seitenblätter der Nipapalme wickelt. Am Nordostabhang liegt die Solfatara Panduh oder Sepanduh, die wir erst bei völliger Dunkelheit erreichten. Die schwierigsten Stellen der Strasse nach Dïeng wurden beim Schein der Fackeln zurückgelegt, die schnell improvisirt waren, indem die Kulis im Vortrab ohne Weiteres grosse Bündel Glaga aus den Umzäunungen rissen und anzündeten.
Leider konnte ich in Dïeng nicht länger verbleiben, da meine Ankunft in Wonosobo bereits angemeldet war. Wir ritten in SSO.-Richtung zuerst durch tief eingeschnittene Tuffwände nach Badak-banteng, kamen Abends nach Telaga-mendjer, einem den Eifeler Maaren ganz ähnlichen Wasserbecken in weissem Tuff, und am folgenden Tage nach Wonosobo. Auf einem Maisfelde sah ich ein eigenthümliches System von Vogelscheuchen: senkrecht gegen die Richtung eines schnellen Baches waren lange Reihen schlanker Bambushalme in den Boden gesteckt, von deren übergebogenen Spitzen lange in der Sonne stark glänzende Pisangblattstreifen herabhingen. Die Spitzen der Bambusen jeder Reihe waren durch eine straffe Schnur verbunden, die aber, wo sie den Bach überschritt, sich bis in das Wasser hinabsenkte und ein dünnes Brett trug, das von dem Wasser hin- und hergeschleudert wurde, und die ganze Reihe Vogelscheuchen in Bewegung setzte.
Von Wonosobo aus bestieg ich den wegen seiner schönen regelmässigen Kegelform ausgezeichneten Gunong-sindoro. Am Nordost-Abhang hinabsteigend, erreichte ich spät Abends Adiredjo, wo ich bei dem Bedana nach langem Zögern nicht sehr freundliche Aufnahme fand, da mein Besuch nicht amtlich angemeldet war.
Ganz in der Nähe liegen zwei kleine zierliche Tempel, Perot und Prengapus. Den Tempel Perot hat ein Feigenbaum zu seinem Postament erwählt und mit einem Netz von Luftwurzeln umstrickt; er erhebt sich darauf als eine dicke cylindrische Säule, die erst in 100' Höhe eine mächtige Blätterkrone trägt. Da er bisher nie abgebildet worden, so nahm ich eine sehr genaue Zeichnung davon auf. Am Nachmittag besuchte ich die Quelle des Progo, der die Provinz Kadu, „den Garten von Java”, bewässert und am Fuss von Borobudor vorbei, in den indischen Ozean fliesst. Die schöne Quelle, die klar und sehr wasserreich aus einer mit Farnen dicht bewachsenen Lavahöhle hervorbricht, geniesst bei den Javanen hohe Verehrung. Kaum waren wir angekommen, als von den umliegenden Bäumen eine Anzahl Affen (Semnopithecus maurus) herabstieg und zutraulich dreist uns umringte. Wir fütterten sie mit Mais. Diese Kolonie halbzahmer Affen existirt nach der später noch mehrfach bestätigten Aussage des mich begleitenden Häuptlings schon seit alter Zeit und überschreitet nie die Zahl 15; heute waren ihrer zwar eigentlich 16, da eine garstige alte Aeffin ein Junges trug, das unter dem Bauch der Mutter hing und den Kopf ängstlich hervorstreckte. Ist das Junge aber herangewachsen, so wird es gezwungen, die Kolonie zu verlassen, wenn es nicht ein anderes schwächeres Individuum zum Austritt zwingen kann; es werden nie mehr als 15 geduldet, so wenigstens erzählte man mir allgemein. Die Nacht brachte ich bei einem vornehmen Javanen, dem Regenten von Temangung, zu, und begleitete ihn am andern Tage zu einem ächt javanischen Bade. Wir ritten 1-1/2 Paal weit nach einem krystallhellen Quell inmitten eines Haines. Den Boden des geräumigen Beckens, in welchem Gold- und Silberfischchen umherschwammen, bedeckte glänzend weisser Sand. Die Aeste eines daneben stehenden Baumes hingen ganz voll Kalongs, während Schaaren derselben, durch einige Schüsse aus dem Tagesschlaf geweckt, in der Luft schwirrten. Diese Kalongs, auch fliegende Hunde oder Füchse genannt, Pteropus edulis, sind grosse obstfressende,[94] über den ganzen Archipel verbreitete Fledermäuse. Bei Tage hängen sie oft zu vielen Hunderten in einem grossen Baum mit der Kralle des Daumens reihenförmig an den Aesten, den Kopf nach unten, in ihre Flügel, die 4-5 Fuss Spannweite erreichen, wie in einen Mantel fest eingehüllt, so dass sie aus der Ferne wie riesige Birnen erscheinen. Werden sie nicht gestört, so setzen sie sich erst Abends in Bewegung und richten wegen ihrer grossen Menge beträchtlichen Schaden an, wenn sie statt über die Früchte des Waldes über die Obstgärten des Dorfes herfallen. Dr. Oxley erzählt (Journ. Ind. Arch. 1849), dass, als er in der Strasse von Malacca vor Anker lag, ein Schwarm dieser Thiere mehrere Stunden brauchte, um über ihn fortzuziehen, und Logan sah sie zu Millionen in den Mangrove-Sümpfen am Nordrand der Insel Singapore hängen. Es ist kaum möglich durch Netze das Obst gegen ihre Verheerungen zu schützen, denn bekanntlich ist bei den Fledermäusen der Gehör-, Geruch- und namentlich der Fühlsinn auf eine für uns so wunderbare Weise entwickelt, dass sie im Stande sind gewissermaassen in die Ferne zu fühlen, und bei völliger Dunkelheit im schnellsten Fluge jedem Hinderniss mit der grössten Sicherheit auszuweichen. Spallanzani und mehrere Andre nach ihm, überzeugten sich davon, indem sie geblendete Fledermäuse in hellen Räumen, in welchen nach allen Richtungen Drähte und Fäden gezogen waren, hin- und herfliegen liessen. Man nimmt an, dass, abgesehen von den besonderen Apparaten, mit welchen die Nasen und Ohren vieler Gattungen zur Verschärfung des Geruch- und Gehörsinns versehen sind, die dünne, nackte, nervenreiche Flughaut dazu dient, den Thieren die feinsten Unterschiede in der Temperatur, der Dichtigkeit, dem Druck, der Bewegung, den Schwingungen der Luft wahrnehmbar zu machen, und ihnen dadurch die Nähe fester Körper zu verrathen. -- In Java wird der P. edulis, wie mir versichert wurde, selbst von den Eingebornen nicht gegessen, in den Philippinen scheinen ihn die ~Europäer~ zu verschmähen, obgleich sein Fleisch sehr wohlschmeckend ist, ähnlich dem Rebhuhn.
In wenigen Stunden erreicht man Magelang, Hauptstadt der Provinz Kadu. Der Garten des Residenten hat eine sehr schöne Lage und enthält eine Anzahl in der Umgebung gefundener Skulpturen, darunter einen mit kunstvollen Basreliefs bedeckten Stein in Form eines Sarkophags.
Von Magelang aus besuchte ich das 10-12 Paal gen Süden am Progofluss gelegene ~Borobudor~, von allen Monumenten Javas das grösste, schönste, am besten erhaltene, weit berühmt nicht nur durch die Beschreibungen von Raffles, Crawfurd und anderen, sondern auch durch die darauf gegründeten Arbeiten von W. v. Humboldt und Burnouf. Aus der Ferne macht es keinen bedeutenden Eindruck; es erscheint als eine flache, breite Pyramide mit etwas verschwommenen Umrissen und fesselt das Auge nicht durch gefällige Gliederung der Masse. Sobald man aber näher herankommt und die grosse Fülle schöner Skulpturen gewahrt, für welche das Gebäude gewissermassen nur den Träger bildet, begreift man wohl den Enthusiasmus, mit dem fast Alle, die Borobudor gesehen, davon sprechen. Folgendes ist im Wesentlichen der Plan des Gebäudes: auf einem Hügel, dessen Seiten terrassirt sind, und der somit ein Postament für dasselbe bildet, erheben sich stufenförmig über einander 6 Terrassen, die mit Ausnahme der obersten und untersten an ihrem äusseren Rande von einer Mauer umgeben sind, so dass 4 ringsum laufende oben offene Gallerien von 2 Meter Breite entstehen, deren innere Wände doppelt so hoch als die äusseren sind. Der Grundriss der Terrassen ist, wenn man die in der Mitte jeder Front nach Aussen rechtwinklig vorspringenden Ausladungen nicht berücksichtigt, quadratisch. Auf der oberen Plattform erheben sich 3 kreisrunde Terrassen über einander von je 1,68 Meter Höhe, welche 34 + 24 + 14 zusammen 72 durchbrochene glockenförmige kleine Tempel tragen, in denen je ein Buddha sitzt. Auf der obersten Stufe erhebt sich eine Kuppel von 20' Höhe, 50' Durchmesser. Ausser derselben enthält der ganze Bau keinen hohlen Raum, und dieser jetzt zum Theil eingefallene, früher geschlossene Raum war leer. In der Mitte jeder Front ist ein Thor, durch welches eine Treppe bis zur Kuppel führt. Das ganze Gebäude besteht aus künstlich in einander gefügten Trachytquadern. Die grösste Breite des Monuments liegt wegen der bereits erwähnten Vorsprünge in den Mittellinien und beträgt nach Wilsen's Messungen 114 Meter, die Gesammthöhe mit Einschluss des Kegels, der früher auf der Kuppel stand, 30 Meter. Crawfurd giebt etwas grössere Dimensionen an, aber Wilsen's Maasse dürften wohl die richtigen sein.[95] Nach ihm enthält die äussere unterste Wand 480 Reliefs. Die schönsten Skulpturen befinden sich an der inneren Wand der ersten Gallerie; sie ist horizontal in zwei Theile getheilt und ganz bedeckt mit Reliefs von 2,70 Meter Breite, 0,90 M. Höhe. Aber alle senkrechten Wände sind mit Reliefs, Arabesken und Girlanden bekleidet. Wilsen giebt die Zahl der grossen Basreliefs auf 2000, die Gesammtzahl der Figuren überhaupt in den 5 Gallerien auf 20,000 an. Sämmtliche Mauern der Gallerien tragen reich verzierte Nischen, in denen überlebensgrosse Buddhas thronen. Die Zahl der Buddha-Figuren in den Nischen beträgt nach W. 500. Weit mehr als über den Reichthum der Skulpturen erstaunt man über die mannigfaltigen, sinnigen Kompositionen und die bis in die kleinsten Einzelnheiten sorgfältige Ausführung. Die beiliegende Zeichnung giebt eines der Bilder der ersten Gallerie wieder, das ich aufs Gerathewohl, und weil es etwas im Schatten lag, zu einer Skizze wählte. Diese Reliefs bewahren einen Schatz von Erinnerungen aus dem Leben der damaligen Zeit auf; eine Inschrift oder Jahreszahl enthält das Monument aber nicht. Crawfurd sagt, dass man aus einem räthselhaften Vers die Jahreszahl 1344 als die Zeit der Vollendung des Baues herausgedeutet habe, die ihm nicht unwahrscheinlich vorkommt. Andere, darunter Raffles und van Hoevell, halten das Monument für viel älter. Nach der allgemeinsten Ansicht wurde der Bau von buddhistischen Künstlern aus Vorderindien unter Mithülfe der Eingebornen errichtet. Die Javanen selbst haben wohl nie eine so hohe Kunststufe erreicht. Wie die Buddhisten nach Java gekommen, ist nicht genügend festgestellt; Friederich glaubt, Bekehrungseifer sei die Veranlassung gewesen; vielleicht kamen sie auch als Flüchtlinge nach den Glaubenskämpfen mit den Brahmanen, die mit der Vertreibung der Buddhisten aus Indien endigten (gegen 1000 n. Chr.). Das Monument ist noch sehr wohl erhalten und kann allem Anschein nach, wenn nicht Krieg oder Erdbeben es zerstören, noch viele Jahrhunderte bestehen. Im Kriege gegen Dipo-negoro (1825-30) hat es etwas gelitten, da es, wie das Grabmal der Caecilia Metella bei Rom, als fester Punkt benutzt wurde, wozu es sich wegen seiner Lage sowohl als wegen seiner Gliederung und Grösse sehr eignete. Sein gefährlichster Feind ist vielleicht ein kleines Lichen, das sich langsam, aber unaufhaltsam weiter verbreitet und schon manches schöne Bild unkenntlich gemacht hat.
In geringer Entfernung von Borobudor liegt ein kleiner Tempel, Pavon oder Dapor genannt, auf dessen Seite ein riesiger Feigenbaum emporgeschossen ist, ohne dem Monument sehr zu schaden. Nach Wilsen beträgt seine Höhe ungefähr 15 M., die Breite 10 M. Auf dem Rückweg nach Magelang in etwa 2 Paal Entfernung von Borobudor gelangt man an den Tempel ~Mundut~, der früher vom vulkanischen Sand des Merapi verschüttet, erst 1834 durch den damaligen Residenten der Provinz wieder ausgegraben wurde. An seiner Aussenseite ist er mit schönen Figuren, Friesen und Arabesken bedeckt, welche letztere mich an die besten Sachen erinnerten, die ich in Italien gesehen. Herr Wilsen soll auch von diesem Tempel, dem allgemein dasselbe Alter und derselbe Kultus wie Borobudor zugeschrieben wird, die genauesten Zeichnungen angefertigt haben. Das Innere, dessen Decke aus einander überragenden Quadern gebildet wird, so dass eine hohle Pyramide entsteht, enthielt drei kolossale Figuren; den Boden bedeckte eine tiefe, fast betäubenden Moschusgeruch verbreitende Schicht von Fledermausmist.
Um einer Verabredung zu genügen, musste ich leider noch an demselben Abend nach Magelang zurückeilen, wo ich den Oberst v. S. traf, mit dem ich am folgenden Tage nach Jokjokarta reiste, der Hauptstadt des Sultans, eines der unabhängigen Fürsten auf Java. Seine Unabhängigkeit ist freilich nur eine beschränkte, da er von der holländischen Regierung, die einen Residenten an seinem Hofe hält, einen Gehalt empfängt. Das Waterkastell von Jokjokarta gilt für eine grosse Sehenswürdigkeit. Es ist der fast zerfallene Badeplatz eines früheren Sultans, in holländisch-chinesischem Zopfstil mit javanischen Schnörkeln. Abends hatte ich Gelegenheit, mit dem Residenten und Obersten dem Sultan einen Besuch zu machen. Wir fuhren in den von einer hohen Mauer umgebenen „Kraton”, der den Palast und die zum Theil sehr ärmlichen Häuser des Hofstaates enthält, und mit seinen Höfen und Gärten die Grösse einer kleinen Stadt hat, und gelangten durch zwei grosse von Waringibäumen beschattete Vorhöfe in den inneren Hof. Am Thor präsentirte die Wache, zerlumpte Kerle mit schwarzen cylindrischen Mützen. Der Sultan erwartete uns, auf einem europäischen Sopha sitzend, in einer offenen Halle. An den Wänden standen Stühle, ein Teppich lag auf dem Boden. Die Möbel waren von der Art, wie man sie in Gasthäusern zweiter Klasse in Europa findet. Der Fürst trug ein kattunenes Kopftuch, aus dessen Falten, seitlich vom Scheitel, ein kleiner Blumenstrauss hervorragte. Eine mit einem hohen holländischen Orden geschmückte Jacke, Sarong und europäische Pantoffeln vollendeten den Anzug. Gesichtsausdruck und Haltung des Sultans waren würdig und verbindlich; der Resident nahm zur Linken, der Oberst zur Rechten Platz. Die Unterhaltung wurde kaum hörbar leise geführt, so will es der Hofton. Auf eine Andeutung des Residenten, dass ich gern etwas von den Gebräuchen des Hofes sehen möchte, war der Fürst so artig, uns zu seiner Familie zu führen. Wir gingen über den Hof nach einem grossen Pendopo, dessen sehr hohes Dach von vielen niedrigen Holzsäulen getragen wird, zwischen denen Lampen und Vogelkäfige von der Decke herabhingen. Auf einer Estrade lagen grosse seidene, mit frischen Blumen bestreute Kissen, auf denen wir Platz nahmen. Bald erschien die Gemahlin (ratu = Königin) und drei Prinzessinnen, die den sonderbaren Titel tuwan = Herr führen. Jene setzte sich auf ein Kissen neben den Sultan, die Herren Prinzessinnen nahmen mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden, dem Sultan gegenüber, Platz. Eine Reihe alter Weiber mit nacktem Oberkörper und einem über die Brust gebundenen Tuche hockten in ehrerbietiger Entfernung. Nach einer kurzen Unterhaltung führten wir die Fürstinnen, die nur mit einem Sarong und einer dünnen Kattunjacke bekleidet und mit einigen Diamanten geschmückt waren, in die Empfangshalle zurück, indem wir ihnen den Arm gaben. Der Resident hatte die Ehre, die alte Fürstin zu führen, mir, ohne offiziellen Rang, fiel die jüngste Prinzessin zu, ein hübsches fünfzehnjähriges Mädchen mit grossen Augen, lebhaft und kokett und, was ich ihr besonders hoch anrechnete, mit ganz weissen Zähnen, da sie, die einzige in der ganzen Familie, nicht Betel kaute. In diesen vornehmen Familien ist wahrscheinlich viel arabisches Blut; sie haben nicht die kleinen Nasen mit breiten Flügeln der gemeinen Malayen. Nach kurzer Unterhaltung verliessen wir den Kraton in derselben Weise, wie wir gekommen waren. -- Abends in einer Gesellschaft beim Residenten erschienen mehrere Pangerans (javanische Prinzen), die Obersten-Rang hatten und holländische Uniform trugen. Ihr langes Haar war in ein Bündel gesammelt und mit einem Kopftuch bedeckt. Einer derselben hatte einen kleinen, garstigen Zwerg als Pagen bei sich, dem er seine Militärmütze übergab; dieser setzte sie verkehrt auf den Kopf und spazierte damit unter den Gästen umher.
Am folgenden Morgen fuhr ich mit einem Tumongong durch die heisse Ebene bis Imogiri, von wo wir nach der Südküste ritten, an der sich eine niedrige Dünenreihe hinzieht. Die heisse vom schwarzen vulkanischen Sand des Merapi bedeckte Fläche wird von mehreren parallelen Bächen durchströmt, die sich in den Kali-opak ergiessen, welcher dicht am Fuss des die Ebene in Osten begrenzenden Kalkgebirges fliesst, und mit ihm zusammen bei Karang-tritis das Meer erreicht. Wir sahen eine Falle, um Wildschweine, deren es hier viele giebt, zu fangen: zwei mehrere hundert Fuss lange, mit Reisig verkleidete Bambusgitter bildeten einen sehr stumpfen Winkel und führten durch eine Oeffnung in einen langen Gang, von dessen Decke einige starke Thüren wie Klappventile schräg von vorn nach hinten hingen. Am flachen Strande waren viele Menschen beschäftigt, aus dem Meerwasser Salz zu gewinnen. So weit man nach Westen sehen konnte, war die Küste mit ihnen wie bestreut, im Osten setzten die in hohen, sonderbaren Formen ins Meer ragenden Felsen von Karang-tritis den Arbeiten eine Grenze. Das Verfahren war sehr umständlich: anstatt das Seewasser in einem System von Gräben, sogenannten Salzgärten, verdunsten zu lassen, wurde es mit Eimern, die je aus einem Blatt der Fächerpalme, Corypha gebanga, bestanden,[96] geschöpft und auf den aus schwarzem Sande bestehenden heissen Strand geschüttet, wo es verdampft. Ist die obere Erdschicht hinreichend mit Salz gesättigt, so wird sie oberflächlich aufgenommen, auf ein in Tischhöhe aufgestelltes Bambussieb gebracht und durch Aufgüsse von Seewasser unter fortwährendem Kneten ausgelaugt. Man lässt die abgelaufene Sole in einem Trog in der Sonne verdampfen und konzentrirt sie im nächsten Dorf durch Sieden in irdenen Töpfen. Das Salz ist sehr zerfliesslich, da es nicht einmal vom Chlormagnesium gereinigt wird. Zu jedem Gestell gehörten zwei bis drei Leute: einer trägt Wasser, der andere knetet, der dritte ruht aus, um den Wasserträger abzulösen. Bei Sonnenschein machen 2 Mann in 5 Tagen 80 Katti Salz nach Angabe des Tumongong. Die Salzgewinnung ist in den Fürstenländern eine Privatindustrie, im übrigen Java Regierungsmonopol.
In der Klippe Karang-tritis ist eine Tropfsteinhöhle, deren hohe senkrechte, dem Meere zugekehrte Wand dicht mit grauen und gelben Flechten überzogen ist. Das von oben herabsickernde kalkhaltige Wasser durchdringt diese wie einen Schwamm und inkrustirt sie mit Kalk; die feuchte zu Stein gewordene Kruste giebt einer neuen Vegetation von Flechten eine willkommene Unterlage, und so erhält die Felswand einen eigenthümlichen reich gefärbten Ueberzug, halb Stein, halb Pflanze.