Singapore, Malacca, Java. Reiseskizzen von F. Jagor.
Part 21
Abends liess der Regent von Bandong seine Bedajas vor uns tanzen und zeigte uns seine kostbaren Waffen. Die goldene Scheide des einen Kris war ganz mit Diamanten besetzt; aber ausser dem sichtbaren besassen manche Klingen einen noch höheren verborgenen Werth durch die ihnen vom Aberglauben beigelegten Eigenschaften; es giebt Klingen, die ihren Besitzer unverwundbar und unüberwindlich machen, andere sind hoch geschätzt, weil sie vor Alters irgend eine berühmte That vollbracht haben. Der obere Theil der Scheiden bestand bei fast allen aus dem kostbaren Holze, das sich beim Absterben eines in Bantam wachsenden Baumes, ~Tankollo~,[84] im Innern des vermodernden Stammes, auf dieselbe Weise, wie das duftende Agalloche, bildet; es war gelb mit braunen oder schwarzen Flecken, sogenannten Flammen, deren Gestalt und Farbe seinen Werth bedingen. Für ein kaum handgrosses Stück, welches die Mündung einer Krisscheide bildete, hatte der Vater des Regenten 200 Gulden bezahlt. Einfacher, aber wegen ihrer Leistungen von dem aufgeklärten Fürsten allen andern vorgezogen, waren zwei Jagdmesser, von der Art, wie sie bei den bereits erwähnten Hirschjagden gebraucht werden. Diese Klingen, welche die Rippen eines Hirsches wie dünnes Holz durchschneiden, kommen aus dem Lande Ssalingri, dessen Eingeborne ausserordentlich geschickt in Bearbeitung des Eisens sind. Ich fragte den Regenten, in welchem Winkel des Archipels das Land läge? „Oh weit, weit!” antwortete er, indem er mir das Messer reichte, das den Stempel „Solingen” trug.
Am folgenden Tage reiste ich ab, zunächst nach dem Vulkan Tampomas. Fast alle Tage hatten wir jetzt heftigen, lange anhaltenden Regen, obwohl wir uns eigentlich mitten in dem trockenen Monsun befanden. Vom Tampomas ging es nach Malembong, von bewaffneten Reitern begleitet, da es hier viele Tiger giebt. An einer Kaffeeplantage kam uns ein Zug von 600 Kulis entgegen, deren jeder zwei Körbe voll Kaffee trug, zusammen 75 Pfund wiegend; die Enden der Traghölzer waren mit kleinen Fähnchen geschmückt, manche auch mit hölzernen Glocken, deren Klang auf den schmalen Bergpfaden an den Kuhreigen erinnerte. Nach Besichtigung einiger von Junghuhn beschriebenen Kalksprudel und einer kleinen Kieselquelle beschlossen wir den heissen Tag mit einem herrlichen Ritt über die mit kurzem Gras bewachsenen Hügel, die sich hier im Westen des Tjitandui ausbreiten. Auf muntern Bergpferden ging es im Galopp, von einer Schaar Reiter mit Lanzen begleitet, bergauf, bergab. Unterwegs sprang ein junger Tiger auf, und eilte lange vor uns dahin, bevor er einen Busch fand, um sich zu verbergen. Bei Putjaran durchfurtheten wir im Angesicht des Sawalberges den Tjitandui, in welchem die zahlreichen, nach allen Himmelsrichtungen auseinander fliessenden Bäche dieses Berges schliesslich ein gemeinsames Bett finden, so dass das hier bei seinem ersten Zusammentreffen mit dem Sawal noch so unbedeutende Flüsschen, bald nachdem es die SO-Ecke desselben Berges verlassen, schon schiffbar wird. Wir ritten um die NW-Ecke, dann östlich bis zum schönen See Pandjalu, der sehr fischreich und frei von Krokodilen ist, so dass man nach Herzenslust darin schwimmen kann; in seiner Mitte liegt eine kleine wie ein Garten gehaltene Insel.
Am folgenden Morgen schickte der Regent von Galu einen Wagen nebst seinem „Pati,” einem alten würdigen Herrn, der nur meinetwegen das Ungemach der Reise ertragen musste. Der Opziener (Aufseher) von Pari kam zu Pferde an, stellte sich zur Verfügung und gab mir viele Auskunft über die Kaffeepflanzungen, die wir zusammen besichtigten. Neun Paal von hier liegt Kawali, ein wegen seiner Alterthümer bei den Inländern in grossem Ansehen stehender Ort. Das Dorf enthält einen kleinen Tempel, zu dessen sehr engem Eingange ein paar Stufen führten; das Innere war mit Matten und Teppichen geschmückt, zwei Priester hockten darin und holten die Gegenstände zu unserer Besichtigung einzeln hervor. Bei jedem Stück machten sie einen tiefen Salam; mit derselben Ehrerbietung wurden die Reliquien zurückgelegt, nachdem sie vorher in viele Tücher eingewickelt worden. Es waren alte Hellebarden, Glocken, Räuchergefässe, Becher mit erhabenen Figuren, den Thierkreis darstellend, und allerlei zerbrochenes Gerümpel. Auch in Pandjalu werden dergleichen Alterthümer aufbewahrt. Nicht weit vom Dorfe, in einem sorgfältig gepflegten Hain, liegen einige Steine mit alten Inschriften (batu-tulis), die eben so wie die Reliquien schon kopirt und beschrieben sind; und etwas weiter, im Walde, sprudelt eine heilige Quelle, die dem Orte den Namen giebt.
Der Pati lud mich ein, Abends an einem Feste Theil zu nehmen, das mehrere Tage dauern sollte, und liess mich beim schönsten Mondschein mit seinem grossen Schirm abholen. Die Sonnenschirme zeigen in den malayischen Ländern den Rang des Besitzers an, wie in Europa die Epauletten den Rang der Offiziere. In Java werden 27 verschiedene Rangstufen durch die Schirme bezeichnet, deren Farben durch den General-Guvernör im Rath ebenso genau festgestellt sind, wie die Uniformen in Europa. Die vornehmsten sind weiss mit goldenen Rändern, dann folgt dem Range nach grün, blau, braun, in verschiedenen Anordnungen. Nur bei den ersten 6 Stufen sind die Ränder von Gold, bei den übrigen gelb. Auch in Siam spielt der Schirm eine grosse Rolle: der Sonnenschirm von vielen Stockwerken über einander ist ein Attribut des Königs und figurirt auf dem grossen Staatssiegel zu beiden Seiten der pyramidalen Krone. -- Das Fest fand in einem grossen Bambusschuppen statt, der durch bunte Behänge, Laub und Blumen geschmückt war. Vier das Dach tragende Säulenreihen bildeten fünf Abtheilungen, in deren mittlerer eine lange, mit Blumen verzierte Tafel stand. Auch hier zeigte sich wieder viel Geschmack in der Dekoration. Die aus dicken Bambusen bestehenden Säulen waren mit buntem Zeug bekleidet, mit Sockel und Kapitäl aus Blättern und Blumen versehen, durch Bögen aus gespaltenen jungen Palmwedeln verbunden, deren noch gelbe Seitenblätter wie Franzen herabhingen. Der Zwischenraum bis zum Dach bestand aus leichtem Gitterwerk, in welchem einzelne Blumen angebracht waren. An einem Ende des Saals erhob sich ein um mehrere Stufen erhöhter, mit Matten belegter Raum, seine Hinterwand war mit einem Teppich behangen, davor stand vielleicht alles, was sich im Distrikt an kostbaren europäischen Möbeln befand: eine altmodische Kommode, ein Glasschrank und ein paar verzierte Spiegel; zu jeder Seite erhoben sich zwei grosse, mit rothem Stoff bedeckte Paradebetten, an deren Kopfende eine solche Menge verzierter Kissen aufgethürmt waren, dass sie bis zur Decke reichten. Als wir uns zu Tische gesetzt hatten, begannen dreizehn Rongengs zu tanzen, -- soviel hatte ich noch nie beisammen gesehen. Hier hörte ich auch zum erstenmal das Anklong (S. 178), dessen Klang so angenehm ist. Es wurde bis spät geschmaust, und dies war der beste Theil des Festes. Die armen Kinder, denen zu Ehren es gegeben wird, kommen weniger gut dabei fort; denn nachdem sie am nächsten Tage im Fluss gebadet sind, werden am dritten Tage den kleinen Mädchen die Zähne abgefeilt, am vierten Tag findet die Beschneidung der Knaben statt. Das Feilen der Zähne und Beschneiden geschieht auf den Paradebetten. Lange weisse Zähne können die Malayen nicht leiden, sie vergleichen sie mit denen des Tigers.
Am folgenden Tage verliess ich den See von Pandjalu und fuhr im Wagen des Regenten am östlichen Ufer des Tjitandui bis Indehiang, wo ich mich von dem würdigen Pati verabschiedete, auf das westliche Ufer überging, Abends einen Pasanggrahan erreichte und am folgenden Morgen den Gelungung erstieg. Man reitet fünf Paal, steigt zwei Paal zu Fuss und befindet sich am obersten Ende der grossen Schuttmasse, die sich im Oktober 1822 in die früher hier vorhandene reiche Ebene wälzte. Ein tiefes kesselförmiges Thal trennt diesen Punkt von der gegenüberliegenden Bergwand, die sich fast senkrecht, wenigstens in sehr steilem Winkel in WNW. erhebt. Mehrere Sturzbäche an derselben erschienen in dieser Ferne, wie dünne Fäden. Das tiefe Kesselthal ist jetzt schon wieder dicht bewachsen, namentlich machten sich hunderte von Baumfarnen geltend. Dieser schöne ruhige, mit einigen Wasserbecken geschmückte Grund ist der Krater des Gelungung, der 1822 die furchtbare Verwüstung anrichtete.
Ich kann mir nicht versagen, Junghuhns Schilderung des Ausbruchs hier folgen zu lassen (Hasskarl's Uebersetzung Bd. II, S. 111.), die zugleich ein eben so schönes als treues Bild des javanischen Lebens giebt.
„In den Gegenden südostwärts von demjenigen Theile der Bergkette, welche unter dem Namen G.-Gelungung bekannt ist, zwischen den beiden Flüssen Tji-Wulan und Tji-Tandui, die beide, der erstere fast in südlicher, der andere mehr in südöstlicher Richtung, der Südküste zuströmen, lag ein reich bebautes und bevölkertes Land, das, eigentlich eine Fortsetzung des Berggehänges, jedoch so sanft nach den niedrigen neptunischen Hügelreihen des Südgebirges zu fällt, dass es füglich eine ~Fläche~ genannt werden kann. -- Es waren die fruchtbaren Ebenen und Berggehänge der Provinz Tasikmalaja, Indehiang und Singaparna. -- Sie waren weit und breit mit Reisfeldern bedeckt und mit Hunderten von Dörfchen, die sich mit den Gruppen ihrer Kokospalmen zerstreut zwischen den Feldern erhoben. Sie waren in allen Richtungen von Wegen durchschnitten, bis zum Fusse der Bergkette hin und noch weit an den Berggehängen hinauf, wo man zwischen blühenden Kaffeegärten wandelte. --
Ueber die reichbegabten Fluren dieses ewig grünen Landes ergoss am 8. Oktober 1822 die Mittagssonne ihren durch kein Wölkchen, durch keine Nebel geschwächten Strahl. Das ganze Land schien verstummt, die animalische Schöpfung lag in tiefer Ruhe, im schattigsten Dickicht sass die Vögelschaar verborgen, und kaum ein Insektchen zirpte noch; die Pflanzenwelt hatte alle ihre Blüthen aufgethan und dampfte ihre ungerochenen Aromata empor in die Luft, welche, von aufsteigenden Strömen bewegt, am Horizonte wellenförmig zitterte. Kein Blatt regte sich, und kaum rauschte zuweilen der höchste Wedel einer Palme; wenn dann und wann ein leises Lüftchen von der Küste her sich erhob.
Auch die Menschenwelt ruhte. Die Arbeiter hatten ihre Felder verlassen, deren künstliche Wasserspiegel unter dem Sonnenstrahle dampften. Sorglos lagen sie auf den Bali-balis ihrer kleinen Hütten ausgestreckt. In den Vorhallen (Pendopo's) der Häuptlinge verstummten allmälig die Schläge des Gamelan, unter deren sanftem, melodischem Getön die javaschen Grossen gewohnt sind, einzuschlummern; auch der Gesang der Tanzmädchen (Ronggengs) wurde bald nicht mehr vernommen, und nur das sanfte Girren der Turteltauben, die in zahlreichen Käfigen vor den ländlichen Wohnungen hängen, war mit dem Rufe eines Priesters, der von seiner baumumgrünten Moschee herab die Herrlichkeiten Allah's und seines Propheten verkündigte, oder mit dem Knarren einer verspäteten Pedati, deren scheibenförmige Räder sich langsam auf der staubigen Strasse umwälzten, gezogen von trägen Karbauen, deren Führer längst eingeschlummert war, vielleicht das einzige Geräusch, das in den weiten Dörfern Tasikmalaja und Singaparna erscholl. Das ganze Land lag in tiefer Ruhe und Frieden. Die Bevölkerung hielt ihren Mittagsschlaf, nicht ahnend, nicht träumend, dass einige Augenblicke später aus dem Innern des G.-Gelungung „dumpf und bang” ihr -- ~Grabgesang~ ertönen würde. Er aber ertönte. -- Es war 1 Uhr. -- Durch plötzliche Erdstösse aus dem Schlafe geweckt, entflohen die Bewohner ihren Hütten. Ein donnerndes, brüllendes Getöse traf ihr Ohr und Entsetzen bemächtigte sich ihrer, als sie ihre Blicke zum G.-Gelungung wandten und eine schwarze Rauchsäule von ungeheurem Umfange emporschiessen, sich mit Blitzesschnelle ausbreiten, den ganzen Himmel überziehen und im Nu den noch eben hellsten Sonnenschein in die finsterste Nacht verwandeln sahen. -- Jetzt flohen sie bestürzt durch einander, nicht wissend, wohin, und ungewiss ihres nächsten Looses. Noch einige Sekunden später und ein Paar Tausend von ihnen waren begraben. Sie wurden theils bedeckt von Schlamm, der vom Krater ausgeschleudert, in ungeheuren Massen aus der Luft herabfiel, theils kamen sie in den Fluthen von heissem Wasser um, das mit Schlamm und Steintrümmern vermengt, dem Krater in ungeheurer Menge entquoll, das (als drohe eine zweite Sündfluth) zehn Minuten weit im Umkreise Alles überströmte, alle Dörfer, Felder und Wälder vernichtete und in einen dampfenden Pfuhl von bläulich-grauer Farbe verwandelte, der mit Cadavern von Menschen und Thieren, mit Häusertrümmern und zerbrochenen Baumstämmen übersäet war. Wild brachen durch diese Schlamm- und Trümmermassen die Bäche Tji-Kunir und Tji-Wulan hindurch; sie waren zu tobenden Fluthen angeschwollen, die Alles auf ihrer Bahn zerstörten, alle Brücken wegspülten und weite Ueberschwemmungen verursachten, in denen noch eine grosse Menge armer Flüchtlinge, die sich schon gerettet glaubten, ihr Leben verloren; -- mit Menschen- und Thierleichen aller Art bedeckt, wälzten sie dann ihr schlammiges, kochend heisses Wasser der Südküste zu, deren Bewohner, vor diesem Anblicke entsetzt, die Flucht zu den nächsten Hügeln ergriffen. In das Brausen der Bäche, in das Brüllen des Kraters, in das Krachen zersplitterter Wälder, in das Knacken fortgewälzter Felsenmassen, die an einander stiessen, und in das verzweiflungsvolle Jammergeschrei der Tausende von Menschen, die hülflos ihren Tod vor Augen sahen, -- dröhnte laut von oben der Donner herab, und Blitze fuhren unaufhörlich nach allen Richtungen aus dem dichten Gewölk, das sich weit und breit über dem Gebirge durch die schnelle Verdichtung der Dämpfe gebildet hatte.
Erst nach drei Stunden, nämlich um 4 Uhr Nachmittags, liess die Heftigkeit des Ausbruchs nach, die sich fortwährend auf eine doppelte Weise offenbart hatte, nämlich durch das Hervorquellen von Schlammmassen aus dem Krater und das Herabströmen derselben und durch das Emporschleudern in höhere Luftschichten von Schlamm, Asche und Steinmassen, die dann als ein Alles verwüstender Regen wieder niederfielen und auch die entfernteren Pflanzungen und Wälder, die in etwas grösserer Entfernung lagen und dadurch auch noch verschont geblieben waren, zerstörten. Um 5 Uhr aber war Alles vorbei. --
Zahlreiche Dörfer mit allen ihren Bewohnern, die sich drei Stunden zuvor noch im Kreise der Ihrigen sorglos der Ruhe überliessen, oder ihre Kinder wiegten, lagen nun begraben unter vulkanischem Schlamm und Steintrümmern, so dass man keine Spur mehr von den Dörfern sah, und das Terrain südöstlich vom Berge um 40-50' hoch durch die Auswurfmassen erhöht war. Wie erschöpft von ihren Anstrengungen (gegen 5 Uhr), versank nun die Natur in Ruhe; es wurde todtstill, und der Himmel heiter, und der Abendstrahl derselben Sonne, die des Mittags über alle Pracht der tropischen Vegetation, über Glück und Luxus geschienen hatte, -- jetzt schien sie, fast spottend, über einen Schauplatz von Verwüstung, aus dem alles Grün verschwunden war, über meilenlange, schwärzlich-graue Felder von Schlamm und Lava, gleichsam über Schlachtfelder, welche besäet waren mit zerknickten Baumstämmen und Cadavern von Menschen und Thieren, die theils verstümmelt und verbrannt aus dem Schlamm hervorragten, theils in den tobenden Fluthen des Tji-Wulan und Tji-Tandui dem Meere zutrieben.”
Das Wasser, das von den steilen Wänden des Kraters aus der Schlucht herabfällt, fliesst in zwei tiefen Rinnen zu beiden Seiten des die letztere ausfüllenden Schuttrückens und vereinigt sich am Ende desselben zu einem wasserreichen Bach, Tjikunir, der in vielen Windungen durch die Ebene fliesst und einige Meilen weiter in den Tjiwulan mündet. Der Schuttberg ist ebenfalls reich bewachsen, namentlich mit vielen Baumfarnen und blühenden Sträuchern; wo er aber sein Ende in der Ebene erreicht, hört diese Vegetation plötzlich auf; nichts als Glagarohr bedeckt die Fläche und die unzähligen kleinen Hügel, die sich aus derselben erheben, deren durch den Ausbruch veranlasste Entstehung noch nicht genügend erklärt ist und verschiedene Hypothesen hervorgerufen hat. Die vulkanische Thätigkeit am Gelungung ist jetzt auf einige Solfataren und Fumarolen beschränkt, in denen Gyps, Schwefel, Faseralaun und Eisenchlorid gebildet wird. Auch eine Kalksinterquelle ist vorhanden.
Wo die Glagawildniss an die fruchtbare Ebene grenzt, erwartete mich der Bedana von Singaparna. Ich brachte die Nacht bei ihm zu, besichtigte am folgenden Tage, durch strömenden Regen sehr behindert, das interessante Hügelterrain und erreichte die Fahrstrasse wieder bei Tasikmalaja. Von hier läuft der Tjitandui nach Osten, am Südrande des grossen Sawalberges hin, mehrere Gewässer aufnehmend, bei Bandjar führt ihm der Tjimundur, der alle vom Ostabhang desselben Berges abfliessenden Bäche, gegen 20, aufnimmt, so grossen Wasserreichthum zu, dass er für flache Boote schon von hier aus den grössten Theil des Jahres schiffbar ist. Wenige Paal weiter, bei Sindang-adji, nimmt er eine südöstliche Richtung an und schleicht in trägen Windungen durch ein niedriges Sumpfland (Rawa) bis Kaliputjang, wo er durch die Kalkberge, die hier den Südrand Javas einfassen und nur von einer sehr schmalen Meerenge unterbrochen in der Insel Nusa-kumbangan fortsetzen, zu einer mehr östlichen Richtung gezwungen wird. Etwas weiter erreicht er den kleinen, seichten Meerbusen Segoro-anakan, „die Kindersee”, ein hässliches, seichtes, heisses, von Mangelsümpfen eingefasstes Wasserbecken, durch die quer davor liegende Insel Nusa-kumbangan fast ein Binnensee. Von Tasikmalaja folgt die Strasse dem südlichen Ufer des Tjitandui bis Bandjar. Die Gegend ist flachhüglich, weniger bebaut und bewohnt, als die bisher besuchten reichen Distrikte; es fehlen die Sawas, weil kein Berieselungswasser von höher gelegenen Bergen vorhanden ist. Von Bandjar, wo die Landstrasse ihr Ende erreicht, muss die Reise zu Wasser oder zu Pferde fortgesetzt werden; daher fanden wir hier eine grosse Menge von Büffelkarren, welche die Produkte der Preanger Regentschaften an die Regierungspackhäuser abgeliefert hatten, von wo aus sie in eigens dazu erbauten, sehr flach gehenden, eisernen Frachtschiffen stromabwärts an Bantengmati vorbei, über die fast zugeschlämmte „Kindersee”, welche Java von der Insel Nusa-kumbangan trennt, nach Tjelatjap verschifft werden, wo jährlich gegen 50 grosse europäische Schiffe einlaufen, um diese Produkte nach Europa zu bringen. Bandjar hat als Stapelplatz für den südlichen Theil der Preanger Lande dieselbe Bedeutung, wie Tjikao (S. 138) für den nördlichen. Was oben über die mangelhaften Verkehrsmittel der Provinz im Allgemeinen gesagt worden, gilt in erhöhtem Grade für deren südlichen Theil, der nicht, wie der nördliche, durch eine Kulturebene, sondern durch eine Felsenmauer begrenzt wird, welcher kein Schiff zu nahen wagt.
Die Büffelkarren (pedati) nehmen eine hervorragende Stelle in der Staffage javanischer Landschaften ein. Es sind viereckige Körbe mit einem Dach, wie die Wohnhäuser der Inländer, nur viel kleiner und zierlicher. An der vom Dach überragten vorderen Giebelseite ist eine Art Vestibulum, in welchem der Fuhrmann sitzt, man könnte fast sagen, -- wohnt, so häuslich richtet er sich bei langen Reisen ein. Oft hockt seine Frau neben ihm, sein Regenhut, Kochtopf und sonstige kleine Bedürfnisse hängen unter dem Dach, an den Seitenwänden. Oben am Giebel ist immer ein Fähnchen oder eine geschnitzte Verzierung angebracht, häufig ein Pfauenkopf; dann ist die hintere Giebelspitze mit einem wirklichen Pfauenschwanz geschmückt. Die an der Achse festsitzenden Räder sind Holzscheiben und bestehen gewöhnlich aus den strebepfeilerartigen schmalen Vorsprüngen, die den am höchsten aufstrebenden Waldbäumen als Stütze dienen. Man begegnet Zügen von mehr als 100 Wagen hinter einander, die unter unaufhörlichem, einförmigem Quieken langsam fortrollen und die Fuhrleute in angenehmen Schlaf lullen. Die Büffel bewegen sich nur langsam vorwärts und müssen häufig gebadet werden. Deshalb wählt man zu Lagerplätzen gern Stellen, an denen sich die Thiere im Wasser oder noch lieber im Schlamm erholen können, während die Menschen an zahlreichen kleinen Feuern ihren Reis kochen.
Von Bandjar wurde mein Wagen über die Kindersee nach Tjelatjap gesandt, während ich die Reise zu Pferde auf schattigen Waldwegen am Rande des niedrigen Höhenzuges fortsetzte, der die einförmige Rawa in SW. einfasst. Der Ritt durch diese wenig besuchten Wälder war ausserordentlich angenehm. Einen bemerkenswerthen Kontrast mit der allgemeinen Ueppigkeit bildeten einige allein stehende 50' hohe dicke Säulen, von denen einzelne grosse vergilbte Fächer herabhingen, während sich über ihnen ein Riesen-Kandelaber erhob, auf dessen sparrigen, horizontal ausgereckten Armen zuweilen ein grosser Nashornvogel sass, der die daran sitzenden reifen Früchte verzehrte. Es waren die an der Südküste so häufigen Fächerpalmen (Corypha gebanga), die nur einmal Früchte tragen und dann, wie wahrscheinlich alle terminal blühende Palmen, absterben. Die Menge der wilden Pfauen verkündete die Nähe von Tigern; eine Gemeinschaft, deren Ursache noch nicht genügend festgestellt ist. Auch Rhinozerosse und wilde Stiere (banteng) sind hier häufig. Auf weiten Strecken fanden wir die Strasse mit Teakbäumen (spr. Tiek), Tectona grandis L., bepflanzt. Sie wachsen Anfangs schnell, später aber sehr langsam und sind erst nach 60 oder 80 Jahren für den Schiffbau zu gebrauchen, in welcher Verwendung sie alle bekannten Hölzer übertreffen. Das Holz schadet dem Eisen nicht, wirft sich nicht, ist kieselreich und ausserordentlich dauerhaft; Termiten greifen es nicht an und es kann grün verwendet werden. Während Telegraphenstangen in Preussen im günstigsten Falle 5 Jahre halten, sind Teakstangen selbst in Indien unverwüstlich. Der ausgewachsene Baum ist einer der mächtigsten Waldbäume. Im Westen von Java ist das Teak selten, in Mittel- und Ost-Java bildet es grosse Wälder und leidet keine andern Bäume neben sich, die ihm gern den Platz überlassen, da ihm der schlechteste Boden gefällt.[85] Auch Gummibäume sind hier angepflanzt worden, um später ausgebeutet zu werden. So ist die holländische Regierung unablässig bemüht, durch den Anbau neuer Kulturpflanzen den Werth ihrer Kolonie zu erhöhen.
Die Nacht brachte ich in einem ganz kleinen selten besuchten Dörfchen in der Nähe des Gunong-gamping, bei armen sehr gefälligen Leuten zu. Einen Theil desselben stellt die beiliegende Zeichnung dar; das grössere Haus links im Vorgrund ist eine Reisscheune (lombong), sie steht auf vier Steinen zum Schutz gegen heimliche Angriffe der Termiten, frei und hoch genug über dem Boden, um der Luft den Durchzug durch die aus Bambus geflochtenen Wände zu gestatten; diese laufen spitz nach unten zu, wodurch der Regen unschädlich gemacht und das Hinaufklettern der Ratten und Mäuse sehr erschwert wird. Am folgenden Morgen besuchte ich mehrere geognostisch-interessante Punkte, den prächtigen Wasserfall Tjipipisan, und gelangte Abends nach Kaliputjang, wo der Tjitandui auf den die Rawa in SW. begrenzenden Höhenzug stösst. Von hier fährt man im Kahn nach Bantengmati, einem kleinen, auf der NW.-Spitze der Insel Nusa-kumbangan gelegenen Fort, dessen Kommandant, ein alter, lange in Indien dienender Soldat, mich sehr freundlich aufnahm. Unter den wenigen Soldaten, aus denen die Garnison bestand, waren auch mehrere Neger, die sich anfänglich häufig krank meldeten, wodurch der Dienst sehr litt. Zum Glück besass der alte Herr ein Universalmittel, das nie versagte. Jeder Patient musste, bevor er nur überhaupt die näheren Umstände seiner Krankheit vortragen durfte, ein Weinglas voll Ricinusöl unter den Augen seines Vorgesetzten austrinken. Die Leute sträubten sich oft gewaltig, genasen aber immer nach der ersten Dosis, wenigstens verlangten sie nie eine zweite.