Singapore, Malacca, Java. Reiseskizzen von F. Jagor.

Part 16

Chapter 163,312 wordsPublic domain

Nach einer kleinen Schrift des ehemaligen General-Guvernörs Duymaer van Twist, betitelt „Artikel 56” war die Grundlage des vom General van den Bosch eingeführten Kultursystems: Ein Dorf, welches den fünften Theil seiner Reisfelder zum Bau von Produkten für den europäischen Markt hergab, die nicht mehr Arbeit erforderten als der Reisbau, sollte von der Grundsteuer befreit sein. Der durch Taxe festzustellende Mehrwerth des Produkts über die schuldige Grundsteuer sollte einem solchen Dorf zu gut kommen; die Missernten sollten für Rechnung der Regierung sein, in sofern sie nicht durch Mangel an Eifer und Fleiss seitens der Javanen veranlasst waren. Die Bestellung von einem Fünftel des Bodens mit Gewächsen für den europäischen Markt befreite den Javanen von der schuldigen Grundsteuer und der Bauer war seinen Verpflichtungen nachgekommen, wenn er das Gewächs bis zur Reife gebracht hatte; die Arbeit in der Fabrik sollte so viel als möglich durch freie Arbeiter verrichtet werden, v. d. Bosch betrachtete sein System nur als ein Mittel, um die nach dem belgischen Krieg (1830) grosse Finanznoth seines Vaterlandes zu lindern, indem er den Anbau von Kolonialprodukten in Java durch künstliche Mittel ausserordentlich schnell ausbreitete, viel schneller als er sich spontan unter völliger Freiheit, besonders zu einer Zeit entwickelt haben würde, wo der Unternehmungsgeist viel geringer war als gegenwärtig. Aus seinen Schriften geht hervor, dass er seine geniale Schöpfung nur als eine Uebergangsstufe zur Privatindustrie mit freier Arbeit betrachtete; und die Absicht hatte allmälig die einmal eingerichteten Pflanzungen an Privatleute zu verpachten; -- und auch dies sollte nur ein Uebergang zum individuellen Grundbesitz und zur Kolonisation durch Europäer sein. Wäre das System genau nach den obigen Grundsätzen durchgeführt worden, so hätte die inländische Bevölkerung wohl zufrieden sein können, denn sie war gewöhnt der an die Stelle der einheimischen Fürsten getretenen, und daher für die Besitzerin des Bodens geltenden Regierung 1/5 ihrer Ernte und 1/5 ihrer Zeit als Abgabe für den Niessbrauch des Bodens zu zahlen. Das ursprüngliche System wurde aber allmälig so verändert, dass jetzt noch, nach Duymaer van Twist, die Regierung einfach den Inländern den Boden fortnimmt den sie zur Erzielung von Produkten für den europäischen Markt bedarf, und die ansässige Bevölkerung zwingt, gegen einen von ihr festgesetzten Lohn denselben nach ihren Anordnung zu bebauen. Bei einigen Kulturgegenständen die grössere Sorgfalt in der Bereitung erfordern, nimmt sie die Vermittelung europäischer Privatleute zu Hülfe, denen sie zum Theil Kapital zinsfrei vorschiesst, Frohnarbeiter stellt u. s. w.

Eine natürliche Folge des Kultursystems war, dass alle Privatindustrie wegen der Konkurrenz, die sie dem Regierungsmonopol gemacht haben würde, in der Regel nicht gestattet war, und wo sie ausnahmsweise gestattet wurde, meist nur unter Beschränkungen aller Art und eifersüchtiger Kontrolle der Regierungsbeamten, die mit grosser diskretionärer Gewalt bekleidet, nicht gern unabhängige Europäer neben sich duldeten. -- Ein so grossartiges und konsequent durchgeführtes Monopolsystem hat wohl noch nie und nirgends bestanden; um so glänzender ist der Triumph der Freihandelsprinzipien, wenn auch seine praktischen Folgen bisher noch gering waren; denn es hat sich die Thatsache ergeben, dass das System, „das einst bestimmt schien, ganz Java in ein grosses Kulturland zu verwandeln, in dem die ganze Bevölkerung für Rechnung der Regierung gewinnbringende Produkte für den europäischen baute (D. v. T.)”, auf die Erzeugung der meisten derselben nicht mehr Anwendung findet, weil es nicht lohnend war, dieselben mit Frohnarbeit auf von der Bevölkerung urbar gemachtem Boden selbst unter Aufsicht ebenso fähiger und eifriger als rechtlicher Beamten zu bauen; während gleichzeitig Privatleute, in so weit ihnen überhaupt der Landbau gestattet war, auf gepachtetem Boden mit nach dem Marktpreis bezahlter Arbeit in denselben Zweigen des Ackerbaues, welche sich die Regierung aufzugeben veranlasst sah, glänzende Ergebnisse erzielten. Die Zuckerfabrikanten, die in Folge ihrer Kontrakte Anspruch auf sehr billige Zwangsarbeit hatten, verzichteten in manchen Fällen darauf, weil sie freie Arbeit billiger fanden. Ja die Regierung selbst fand es zuweilen vortheilhaft, diesen Weg einzuschlagen: bei den Wasserbauten in Surabaya kosteten die Erdarbeiten 1 fl. 50 d. per Kubikmeter, bei Zwangsarbeit zu 20 d. Tagelohn, und als man freiwillige Arbeiter zu 30 d. Tagelohn annahm, 0,60 d.; 2 freiwillige Arbeiter leisteten also so viel als 7,5 Zwangsarbeiter (Tijdsch. v. Nederl. Indie 1858, II. 294). Gegenwärtig liegt den holländischen Kammern ein Gesetzentwurf vor, wonach alle Regierungskulturen, mit Ausnahme jedoch des Kaffeebaues, aufgegeben werden sollen. --

Hinter Gadok wird die Gegend immer schöner: einzelne Gruppen Fruchtbäume, von Palmen überragt, erheben sich aus den Reisfeldern und verbergen unter ihrem Laubdach die Desas (Dörfchen), deren aus Bambus zierlich geflochtene Hütten zwischen einem Wohnhaus und einem Korbe die Mitte halten. Jetzt hatten wir das Gedehgebirge, dessen höchster Gipfel 9326' erreicht, gerade vor uns. Es begann zu regnen, wir suchten Schutz in einem ~Warong~; so heissen die Garküchen unter Bambusschuppen, welche man auf allen Landstrassen Javas findet. Die in ihnen feilgebotenen Speisen sind schmackhaft, mannichfaltig und unglaublich billig. Die Zeche mancher Gäste beträgt nicht über 1 bis 2 Deuten, deren 160 erst einen Gulden ausmachen. Arecanüsse, Betelpfeffer und Tabak fehlen nie im Warong. An Speisen findet man namentlich Reis in den verschiedensten Zubereitungen, getrocknete Fische und Ding-ding d. h. Fleisch von Hirsch oder Büffel, das entfettet, in äusserst dünne Scheiben quer gegen die Muskelfaser geschnitten, mit Salz und Pfeffer bestreut, an der Sonne getrocknet und wie Zwieback gegessen wird; ferner Sambals, sehr pikante, stark gepfefferte Salate. Ausser Thee und Palmensyrup sind zur Erfrischung häufig Kokosnüsse, Bananen, Oranien u. s. w. vorhanden. Ein eigenthümliches Gericht bestand aus 1/2 Zoll dicken Kuchen von Erdnüssen, katjang-tana, (Arachis hypogaea), auf denen ein zollhoher oranienrother Schimmel wuchs. Die Erdnüsse werden zur Grösse von Gries zermahlen und die daraus gebackenen Kuchen wie die Roquefortkäse so lange in dunkeln, feuchten Räumen aufbewahrt, bis sich der Schimmel gebildet hat, der ihnen erst den so geschätzten Geschmack giebt.[57]

Um die Warongs entfaltet sich fast immer ein buntes Volksleben. Da erholen sich die müden Lastträger unter dem Schatten eines breiten Waringibaumes und tauschen mit den Nachbarn Neuigkeiten aus. Eine besonders willkommene Staffage nach dem langen Aufenthalt in Singapore waren die vielen Frauen. Sie tragen ihre kleinen nackten Kinder rittlings auf der linken Hüfte, unterstützt durch ein über die entgegengesetzte Schulter geschlungenes Tuch, Slendang; bei längeren Märschen hüllen sie dieselben in ein Stück Zeug, das sie tornisterartig auf den Rücken binden, so dass nur Kopf, Arm und Beine herausragen, wie die Glieder einer Schildkröte aus ihrer Schale; naht ein Fremder, so zieht das Kleine auch gleich sein Köpfchen unter das Tuch zurück. Die ärmeren Weiber tragen hier gewöhnlich kein anderes Kleidungsstück als einen einfachen Sarong, der entweder unmittelbar über oder unter der Brust zusammengebunden wird und von da herabhängt. -- Starke Brüste werden hier nicht geschätzt. Im Gegensatz zur europäischen Kleidung ist die malayische mehr auf das Beseitigen als das Hervorheben derselben berechnet.

Hinter Levimalam gelangt man an den Fuss des Megamendong, der die Grenze zwischen der Residentschaft Buitenzorg und den Preanger Landen bildet. Die Strasse überschreitet ihn mit Verschmähung fast aller Zickzacklinien auf einem Pass von 4620 Fuss. Daher ist dies Joch für Lastwagen nicht übersteigbar; leichte Postchaisen gebrauchen einen Vorspann von 6 Büffeln; der Güter-Transport geschieht durch Lastträger, und wird dadurch so vertheuert, dass er sich auf unentbehrliche Gegenstände beschränken muss. Nur auf grossem Umwege und nicht zu allen Jahreszeiten können die reichen Erzeugnisse des Ackerbaues aus den Preanger Landen Batavia erreichen. Auf schwierigen Gebirgswegen werden sie in Büffelkarren nach Tjikao, an die Grenze der grossen nördlichen Ebene, geschafft, und setzen von dort auf dem durch Aufnahme mehrerer Bäche für Prauen schiffbar gewordenen Tjitarum in einem grossen Bogen und vielen Windungen die Reise bis ins Meer, und dann zur See nach Batavia fort. Da die Transportmittel so unvollkommen und der Boden in den Preanger Regentschaften sehr fruchtbar ist, so sind dort alle Lebensbedürfnisse sehr billig; der Pikul Reis kostet selten mehr als 1-1/2 bis 2 fl.; es herrscht keine sichtbare Noth, aber auch kein Wohlstand, und grosse Einfachheit der Sitten.[58] Ein schmaler kühler Waldweg führt nach einem nahe gelegenen kleinen See, Telaga-warna, einem alten Kraterbecken. Die steilen Wände sind mit dichtem Wald bekleidet, zwischen den Hochstämmen viele Baumfarne, wilde Musen und Scitamineen. Die alten Bäume sind mit kletternden Farnen, Moosen und blühenden Orchideen bedeckt. Das Wasser ist spiegelglatt, nicht ein Laut ertönt, um das Gefühl der Waldeinsamkeit zu stören. Die Strasse steigt an der Südostseite des Jochs hinab: tiefe Schluchten erlauben häufig einen Einblick in die Struktur des Berges. Es wurde dunkel, bevor wir ~Tjipanas~ erreichten, nach einer heissen Quelle benannt, die hier in 3390 Fuss Höhe am nördlichen Abhang des ~Pangerango~ oder Gedeh-Gebirges hervorbricht. Hier steht ein einfaches Landhaus mit einem grossen Garten für den General-Guvernör, der zwar nur selten Zeit hat, die Besitzung zu besuchen; der Garten liefert ihm aber in dieser Meereshöhe unter Leitung eines europäischen Gärtners eine solche Fülle der feinsten europäischen Gemüse für die Tafel, dass immer noch sehr viel für etwa Durchreisende übrig bleibt, die das Glück haben, in der Wohnung des Gärtners Aufnahme zu finden. Heute gelang es nicht. Wir ritten nach dem einen Paal weiter entfernten Padjit, wo ein ~Pasanggrahan~ steht, d. h. ein geräumiges Haus mit Nebengebäuden zur Aufnahme der im Dienste der Regierung reisenden Beamten. In allen grösseren Orten giebt es Gasthäuser, in denen nicht mehr als 5 Gulden für den Tag und die Person gefordert werden darf. An solchen Orten, wo die Frequenz der Reisenden zu gering ist, um die Kosten zu decken, macht die Regierung die nöthigen Zuschüsse; an weniger besuchten Orten, besonders in den Kaffeedistrikten, sind für die kontrolirenden Beamten Pasanggrahans angelegt. Hier traf ich einen mir schon dem Namen nach bekannten deutschen Arzt, der mir für den folgenden Tag einen Platz in seinem Wagen zur Reise nach Tjandjur und Bandong anbot, was dankbar angenommen wurde.

Am folgenden Morgen fuhr ich mit meinem neuen Bekannten, welcher „Officier van Gezondheid” für die Preanger Regentschaften war, vor Tagesanbruch in offenem Wagen vierspännig und von drei Vorreitern begleitet weiter. In Folge des Geräusches, das ein über den Wagen als Sonnendach ausgespanntes Zinkblech verursachte, wurden die Pferde so unlenksam, dass wir, um Zeit zu gewinnen zwei davon ausspannten und zurücksandten. Das Mittel hatte den gewünschten Erfolg. Tjandjur war bald erreicht, wir stiegen im Bungalow des Doktors ab. Während des Frühstücks vertrieben uns zwei zahme Hirsche und zwei Affen die Zeit. Einer der letzteren, ein behender Hylobat, war äusserst drollig und unerschöpflich in Neckereien gegen einen Lotong (Semnopithecus maurus), dem er an Gewandheit sehr überlegen war.

Tjandjur ist die Hauptstadt der Preanger Regentschaften, welche die grösste Provinz Java's bilden und an interessanten geologischen, namentlich vulkanischen Erscheinungen, malerischer Schönheit und schnellem Wechsel zwischen hochkultivirten Ländereien und wilden Gebirgs- und Waldlandschaften von keiner Provinz übertroffen werden. Das ausserordentlich sanfte, liebenswürdige, einfache, biedere Wesen der Bewohner verleiht ihr noch einen ganz besonderen Reiz. Das Verbot des Opiums in dieser Provinz und die Ausschliessung der Chinesen -- nur einige sind in den Hauptorten unter der unmittelbaren Aufsicht der europäischen Beamten zugelassen -- tragen gewiss wesentlich dazu bei die Sitteneinfachheit aufrecht zu erhalten. Die Provinz fiel den Holländern nicht durch Eroberung, sondern durch Verträge mit den einheimischen Fürsten zu. Als eine Folge davon haben die von ihnen abstammenden Regenten eine etwas unabhängigere Stellung als die in den andern Provinzen, und da sie meistens auch grosse Einkünfte beziehen, so führen sie einen glänzenden Hofstaat, der viele interessante Eigenthümlichkeiten darbietet. Die Bewohner dieser Provinz und des ganzen westlichen Theils von Java sind Sundanesen und haben ihre eigene Sprache. Im östlichen Java wird javanisch gesprochen, an den Küsten malayisch, welches aber auch im Innern so verbreitet ist, dass der Reisende damit ausreicht. Wir machten dem Residenten und übrigen Beamten unsern Besuch. Nachmittags sollte die Umgegend besichtigt werden, was aber wegen heftigen Regens auf den folgenden Tag verschoben wurde.

15. Juli. Morgens 4 Uhr erschien zur Spazierfahrt ein vom Regenten gesandter schöner vierspänniger Wagen mit zwei Livréebedienten vor unserer Thür. Nachmittags machten wir, von mehreren holländischen Beamten begleitet, einen Ritt durch Stadt und Umgegend. Die Häuser der Europäer sind von Stein, einstöckig, geräumig, meist mit einer Säulenhalle versehen, das Erdgeschoss ist nur wenige Fuss über dem Boden erhaben, schöne Gärten umgeben sie. In den von den Eingebornen bewohnten Stadttheilen herrscht nicht nur grosse Sauberkeit, auch Zierlichkeit macht sich überall bemerkbar. Die Wände der Häuschen aus gespaltenen, plattgedrückten, theils weissen, theils schwarz gefärbten Bambusen sind nach hübschen Mustern geflochten. Ein gut im Stande gehaltener Bambuszaun oder eine Hecke von blühenden Sträuchern fasst jedes Gehöft ein.

Die Eingebornen, Männer und Weiber, kauern ehrerbietig nieder, nehmen den Hut ab und verhüllen ihr Gesicht, sobald der Zug naht. Als wir vorgestern von Buitenzorg heraufritten, wichen uns die schwerbeladenen Kulis aus, verliessen den schmalen glattgetretenen Pfad und gingen auf dem kleinen vulkanischen Gerölle, womit die Strasse beschüttet ist bis sie an uns vorüber waren. Wenn einige es nicht gleich von selbst thaten, so verfehlte mein Reisegefährte nicht, ihnen gebieterisch „~pinggir~” (auf die Seite) entgegenzurufen. Auch schwer beladene Wagen wichen uns aus.

16. Juli, 5 Uhr früh von Tjandjur abgefahren. Die Strasse nach Bandong ist sehr bergig; wo es steil bergauf geht, werden drei Gespann Büffel vorgelegt. Ueber den Tjitarum setzten wir in einer Fähre; der diesseitige Bergabhang war so steil, dass die Pferde ausgespannt werden mussten, der Wagen rollte durch seine eigene Schwere abwärts. Vier und vierzig Menschen, die uns hier erwartet hatten, hemmten ihn vermittels eines langen aus Büffelfell geflochtenen Strickes. Es ging sehr laut dabei zu; den meisten Lärm machten natürlich die kleinen Jungen, die unaufhörlich kommandirten. Um 10 Uhr Vormittags erreichten wir Bandong, wo ich in dem gastlichen Hause des Assistent-Residenten die liebenswürdigste Aufnahme fand. Nachmittags wurde ein geognostisch interessanter und landschaftlich schöner Wasserfall besucht.

Bandong liegt im westlichen Theile der grossen nach ihm benannten, rings von vulkanischen Gebirgen eingeschlossenen 2100-2200 Fuss hohen Ebene, einem der schönsten Gebiete dieser schönen Insel. Der fruchtbare vulkanische Tuff, aus dem der Boden besteht, von den umgebenden Waldbergen reichlich mit Wasser versehen, welches der Fleiss der Bewohner in unzählige Rinnen verbreitet hat, liefert jährlich zwei Reisernten. Hier herrscht ein ewiger Frühling. Am nächsten Morgen ritt ich zu Junghuhn hinauf, der 1400' höher in Lembang am Fuss des Tankubang-prau noch kühler, aber auch feuchter wohnte. Ein Brief von Humboldt verschaffte mir sogleich die herzlichste Aufnahme in dieser sonst nur Wenigen zugänglichen Einsiedelei.[59] Die Thätigkeit des berühmten Naturforschers war jetzt fast ausschliesslich auf die Vermehrung und Akklimatisation der Cinchonapflanzen gerichtet. Hier erneuerte ich auch die Bekanntschaft mit Dr. de Vrij, der als Regierungschemiker sein Laboratorium in Bandong hatte und namentlich mit der Bestimmung der Alkaloide der neu eingeführten Cinchonen und mit der Untersuchung und Ermittelung der den Kulturpflanzen günstigsten Bodenarten beauftragt war.

Zweites Kapitel.

Reise nach Trogon. -- Strassen. -- Waringibäume. -- Bogenschiessen. -- Religion der Javanen. -- Vulkan Guntur. -- Erdtransport durch Wasser. -- Solfataren. -- Theebau. -- Vulkan Papandayan. -- Telaga bodas. -- Kaffeebau. -- Schattenspiel. -- Hirschjagd. -- Malayische Küche. -- Tänzerinnen in Sumedang. -- Gamelang-Musik.

Da der gefällige Arzt, der seit Padjet seinen Wagen mit mir getheilt, grade eine Dienstreise nach Garut vor hatte und mir anbot ihn zu begleiten, so arbeitete Junghuhn für mich einen Reiseplan aus, der sich möglichst an jene Reise anschloss und mir Gelegenheit gab, einige interessante geognostische Excursionen zu machen. Nachmittags kehrten wir nach Bandong zurück.

Unterwegs gingen vor uns einige Frauen mit Sonnenschirmen. Als der uns begleitende Amtsdiener sie gewahrte, rief er „payong!” (Schirm), worauf sie alsbald die Schirme zumachten und in voller Sonne an der Seite des Weges niederkauerten, indem sie ihr Gesicht abwandten. Die Frauen begnügen sich nämlich nicht, wie die Männer mit dem Niederkauern, sondern wenden als einen gesteigerten Ausdruck der Unterwürfigkeit den Europäern den Rücken zu. Die kleinen Jungen machen es wie ihre Mütter und nehmen aus Ehrerbietung eine Stellung an, die, da sie keine Hosen tragen in Europa eher für den Ausdruck des Gegentheils gelten würde.

Abends war in Bandong „Receptie”, wobei mir, wie später noch oft bei ähnlichen Gelegenheiten, das elegante Französisch auffiel, welches in den gebildeten Kreisen sehr allgemein zu sein scheint. Deutsch verstehen auch die Meisten, englisch nur sehr Wenige. Auch sind die Engländer wenig beliebt, das Volk nennt sie eine „Natie (spr. nazie) van Zeeroovers”, doch scheint trotzdem eine grosse gegenseitige Hochachtung zu bestehen, wie sie sich wohl bei so langer zäher Nebenbuhlerschaft entwickeln musste.

18. Juli. Der Blitz hat die Brücke über den Tjigaro zerstört; eine Depesche meldet, dass sie vor eilf nicht hergestellt sein kann; so fahren wir denn erst um 9 Uhr ab. Unsere Reise geht nach Trogon über die ganze Ebene von Bandong. Links treten die sie nördlich einfassenden Berge dicht an die Strasse, rechts breitet sich die grüne Fläche aus, ein ungeheures Reisfeld. In dem Pasanggrahan einer jeden Distriktsstadt stehen Erfrischungen für uns bereit: Thee, Wein, Obst und Gebäck. Der Bedana (Distriktshäuptling) macht die Honneurs des Hauses, darf aber nicht das Zimmer betreten ohne besondere Einladung der Reisenden und darf sich nur setzen, wenn ihm ein Stuhl angeboten wird; sein Gefolge kauert am Boden.

Durch das ganze Land führen schöne fahrbare Strassen, deren erste Anlage man dem Marschal Daendels verdankt, der 1808-11, als Holland eine französische Provinz war, hier schaltete. Sein Gedächtniss wird noch lange in Java fortleben wegen der Energie, Willkür und Grausamkeit, die ihn auszeichneten. Die Javanen nennen ihn tuwan- (Herr) besar- (gross) guntur (Donner).[60] Die Flüsse werden theils auf Fähren, theils auf Brücken überschritten. Letztere sind auf belebten Strassen aus Holz und überdacht, gewöhnlich aber aus Bambus und, wenn auch nicht sehr dauerhaft, doch schnell wiederherzustellen. Reist ein hoher Beamter in wenig besuchten Gegenden, so sind oft Tage vorher hunderte von Menschen thätig, um Wege durch den Wald zu bahnen und Brücken zu schlagen. Ausser der Art wie ein König zu reisen kann man nur noch zu Fuss oder zu Pferde fortkommen. Eilwagen und Omnibus sind mit Ausnahme einiger ganz kurzen Strecken nicht vorhanden.

Mittags erreichten wir Trogon, am SO. Abhang des noch thätigen Vulkanes ~Guntur~. Wir stiegen bei dem Kontrolör ab, dessen Haus am Alun-alun liegt, einem grossen viereckigen schön gehaltenen Rasenplatz, wie ihn jeder grössere Ort in Java besitzt. Gewöhnlich stehen auf demselben einige Waringibäume (Ficus benjamina und F. indica), unter deren weitem Schattendach oft ein Trupp Reiter Platz hat. Diese herrlichen Bäume können mit ihrem dichten Laubdach einen ausserordentlich grossen Raum überspannen. Von den horizontalen Aesten gehen Luftwurzeln aus, die wenn sie den Boden erreichen, darin Wurzel schlagen und dann die Funktion selbstständiger Stämme verrichten, obgleich sie immer noch mit der Mutterpflanze zusammenhängen (vergl. S. 13 Rhizophoren); oft verschlingen und verstricken sich viele solcher Luftwurzeln in der Nähe ihres Ursprungs, während sie noch dünn sind und wachsen dann zu einer einzigen sonderbar gewundenen Säule zusammen; auf dieselbe Weise bilden sich zwischen den Säulen Bögen, die um so flacher sind, je entfernter von einander die zu einer solchen Säule verwachsenen Luftwurzeln entsprangen. So entstehen herrliche natürliche Tempel mit Säulengängen, grossen und kleinen Hallen, von einer gewöhnlich sehr regelmässig geformten flachen Laubkuppel überwölbt. Es ist kein Wunder, wenn die Phantasie der Menschen sie überall zu Wohnungen überirdischer Wesen erkor. Der grösste Waringibaum auf Java soll sich in Bantam befinden; noch viel grössere kommen in Indien vor, wo sie häufig von den Brahmanen als Tempel benutzt werden; überall werden sie in hohen Ehren gehalten.[61] Forbes, Oriental Memoirs I 25 erzählt von einer solchen Feige (F. microcarpa?) an den Ufern des Nerbudda: ... „Hohe Fluthen haben zu verschiedenen Zeiten einen beträchtlichen Theil dieses ausserordentlichen Baumes fortgerissen, aber das was noch steht hat, um die Hauptstämme gemessen, fast 2000 Fuss Umfang. Die überhängenden Zweige, die noch nicht Wurzel geschlagen haben, bedecken einen viel grösseren Raum, darunter wachsen Anonen und andre Fruchtbäume. Es sind an 350 grössere und über 3000 kleinere Stämme vorhanden; ein jeder sendet fortwährend Aeste und herabhängende Wurzeln aus, um neue Stämme zu bilden.... Der Häuptling von Putnah pflegte unter diesem Baum mit grosser Pracht zu lagern; er hatte einen Empfangssaal, Speisesaal, Gesellschaftssaal, Schlafzimmer, Bäder, Küche und alle übrigen Räumlichkeiten, jede in einem besonderen Zelte; dennoch bedeckte dieser herrliche Baum das Ganze zusammen mit den Wagen, Pferden, Kamelen, Wächtern und Dienern; während seine weitreichenden Aeste schattige Stellen boten für die Zelte seiner Freunde mit ihren Dienern und ihrem Vieh; und es ist bekannt, dass der Baum bei dem Marsche eines Heeres 7000 Mann Obdach gewährt hat.”