Singapore, Malacca, Java. Reiseskizzen von F. Jagor.
Part 15
[47] Herr Blundell, Guvernör von Singapore, früher Resident-Councillor in Malacca, sagt über diese Zustände:.. „Es leidet keinen Zweifel, dass die winzigen, unmittelbar angrenzenden Staaten alle zusammen in einem traurigen Zustande von Anarchie und Unordnung sind, ohne feste Regierung, und weder Sicherheit des Eigenthums noch der Person gewähren.... Die Häuptlinge, gleichviel unter welchem Titel, sind raubgierig, bereit, sich jeder Partei zu verdingen die ihren Namen kaufen, und ihren Einfluss benutzen will.... Wir haben selbst in unserer Weisheit durch Prangen mit Uneigennützigkeit sehr zu diesem Ergebniss beigetragen..... Die Holländer hatten, wenigstens in den letzten Jahren ihrer Herrschaft diese Länder fest im Zaum, und wenn sie auch nicht viel zivilisirten, so hielten sie wenigsten Ruhe unter ihnen, und zogen nicht unbedeutende Summen aus dem Zinnmonopol. Wir aber haben aus einer nicht erklärten Ursache ein genau entgegengesetztes System angenommen; nicht nur haben wir jeder Einmischung irgend einer Art entsagt, sondern wir haben ihnen auch, mit der ausgesprochenen Absicht unsere Uneigennützigkeit darzuthun, und ohne dass ein Anspruch oder ein Verlangen danach gestellt worden wäre, einige der reichsten Erzgebiete, die früher zu Malacca gehörten, überlassen, wo mehrere hundert Menschen nützlich beschäftigt waren die dort vorhandenen reichen Zinn- und Goldadern auszubeuten und wo jetzt die wenigen diesen Arbeiten Obliegenden in immerwährender Gefahr schweben von irgend einem winzigen Häuptling geplündert und ermordet zu werden, der es sich in den Kopf setzt, dies Mittel zu ergreifen um sich etwas Geld zu verschaffen..... Diese Gebiete sind auf bestem Wege, Sammelplätze für Räuber u. s. w. zu werden, die uns schliesslich zwingen werden, zum Schutz unserer eigenen Bevölkerung das Land zu besetzen, was wir gerade durch unsere Uneigennützigkeit zu vermeiden wünschten.”
[48] Als Seltenheit soll es zwar bei den Goldwäschen in Miask und auch in Guyana gefunden worden sein. Von Schwefelverbindungen ist nur der Zinnkies, ein sehr seltenes Mineral von St. Austle in Cornwall bekannt.
[49] Zur gänzlichen Entfernung des Wolframs kennt man noch kein bewährtes Mittel.
[50] Die Zinneinfuhr in Singapore, die den grössten Theil des auf der Halbinsel gewonnenen Zinns umfasst, betrug 1865: 56098 Pikul = 3340 Tons (darunter ca. 6000 Pikul von Kalantan und Tringano). Cameron giebt den Werth der Zinnausfuhr von Malacca 1863 auf 388357 £ an, was bei dem damals sehr hohen Durchschnittspreis von 27 Dollars per Pikul (der gewöhnliche Preis ist 22 Dollars) 3806 Tons giebt; man kann also wohl 3500 Tons als Durchschnitt annehmen. Die Zinnausfuhr von Pinang nach Europa und Amerika (meist Junk-Ceylon Zinn) war für 1859-64: 40188 Pikul per Jahr = 2392 Tons. Banca produzirte 1859-64 durchschnittlich: 169374 Blöcke und Billiton 13139, zusammen 182514 Bl. = 6114 Tons. So erhält man als die Summe des in die drei Hauptniederlagen eingelieferten Zinns jährlich 12006 Tons, wozu noch der Ertrag von Siam und das direkt von den Zinnländern nach China und Japan verschiffte zu rechnen ist, eine bedeutende Menge, worüber aber genauere Angaben fehlen. Man ersieht daraus, dass schon gegenwärtig das malayische Indien das meiste Zinn produzirt; denn die Produktion von Cornwallis und Devon beträgt etwa 10,000 Tons. -- Vom Zollverein erzeugt nur Sachsen ca. 100 Tons, auch in Oestreich wird etwas gewonnen. Nach Tschudi soll Bolivia das reichste Zinnland der Welt, das Erz aber nicht zu verwerthen sein, da es nur durch monatelangen Lamatransport aus den Bergen herabgeschafft werden kann.
[51] Folgendes ist der streitige Artikel des Vertrages: „Art. 12. Seine Niederl. Majestät nimmt die Einwendungen zurück, welche gegen die Besitznahme des Insel Singapore durch die Unterthanen Seiner Britischen Majestät gemacht worden sind. Seine Britische Majestät verpflichtet sich indessen, dass keine Britische Niederlassung auf den Carimon-Inseln oder auf den Inseln Batam, Bintang, Lingin oder auf irgend einer der andern Inseln südlich von der Strasse von Singapore gegründet, noch ein Vertrag von einer britischen Autorität mit den Häuptlingen dieser Inseln geschlossen werden soll.
Java.
Erstes Kapitel.
Batavia. -- Buitenzorg. -- Botanischer Garten. -- Gunong Salak. -- Reisbau. -- Kultursystem. -- Warongs. -- Erdnüsse. -- Megamendong-Pass. -- Telaga warna. -- Pasanggrahans und Gasthäuser. -- Preanger Regentschaften. -- Bandong. -- Junghuhn.
Anfangs Juli 1858 fuhr ich auf dem kleinen Postdampfer Palémbang, der den für die holländischen Besitzungen bestimmten Theil der Ueberlandpost abgeholt hatte, von Singapore nach ~Batavia~. Das Schiffchen war musterhaft gehalten, aber trotz holländischer Reinlichkeit und französischer Küche nicht sehr angenehm, da man sich wegen der Kleinheit desselben nirgends der durch die Feuerung sehr erhöhten Temperatur entziehen konnte. Uebrigens war die Fahrt zwischen unzähligen schön belaubten Inseln sehr anziehend. Wir hielten einen Augenblick vor Rhiow auf der Insel Bintang und vor Muntok auf Banka (das die Engländer Lord Minto zu Ehren gern Minto nennen), um Post und Passagiere auszutauschen und erreichten nach 60 Stunden unser Ziel, dessen Entfernung von Singapore etwas mehr als 500 Seemeilen beträgt. Die Rhede von Batavia erschien einsam nach der von Singapore. Ein kleiner Privatdampfer kam uns entgegen und brachte einige Kaufleute, welche die Ankunft ihrer Briefe nicht erwarten konnten. Wir landeten am Zollhaus; die Untersuchung des Passagiergepäcks war nur formell und wurde mit der grössten Höflichkeit vollzogen. In hübschen, zweispännigen Wagen fuhren wir sogleich nach Weltevreden in das Hotel des Indes, dessen glänzend erleuchtete Veranden und Gärten an die Conversationshäuser eleganter Badeorte erinnerten.
Im eigentlichen Batavia wohnt fast kein Europäer mehr. Die alte, früher als ungesund so berüchtigte Stadt enthält aber noch die zum Geschäftsbetrieb nöthigen Gebäude, öffentliche sowohl als private. Morgens füllt sie sich mit Beamten, Geschäftsleuten, Schiffern, abends steht sie leer, -- so sagen wenigstens die Europäer, welche die Eingebornen, die dann allein die Strassen beleben, nicht rechnen. Ehemals, als Batavia von Mauern und stehenden Gewässern umgeben und die nach holländischem Muster gebauten, schlecht gelüfteten Häuser dicht bewohnt waren, soll die Sterblichkeit, durch allerlei Excesse, besonders im Trinken, vermehrt, furchtbar gewesen sein. Jetzt sind die Mauern niedergerissen, die Gräben zum Theil zugeschüttet, und die Bewohner haben sich in die südlich von der alten Stadt belegenen Dörfer Weltevreden, Molenvliet, Rijswijk zurückgezogen; die ehemaligen Kolonisten, die zum grossen Theil aus Glücksjägern bestanden, sind durch Männer aus den besten Elementen des holländischen Volks ersetzt worden; an Stelle der früheren rohen Genüsse sind Mässigkeit und die verfeinerten Vergnügungen einer gebildeten Gesellschaft getreten; daher hat sich der Gesundheitszustand ausserordentlich gebessert. Weltevreden ist überraschend hübsch, besonders Abends, wenn es in vollem Putz steht; dann sind die immer sauber gehaltenen, meist von blühenden Hecken eingefassten Wege reichlich besprengt und mit eleganten Equipagen bedeckt, unzählige Lichter in matten Glaskugeln glänzen in allen Richtungen durch das Laub. Früher war das ganze Gebiet von einem Walde eingenommen, jetzt ist es ein schöner, grosser Park, von breiten Strassen und Kanälen durchschnitten. Unter den Häusern sind manche Prachtgebäude, aber auch die kleinsten schimmern durch die Bäume und Sträucher der Vorgärten so zierlich und anspruchsvoll, als wollten sie für kleine Paläste gelten. Jedes hat einen reich erleuchteten Portikus, der Abends gewöhnlich durch Damen in voller Toilette geschmückt ist. Auch die Herren sieht man um diese Zeit nur im Gesellschaftsanzug, schwarzem Tuchfrack, Glaçéhandschuhen und schwarzer Tuchhose; die leichte, bequeme, weisse Kleidung, mit der man in Singapore in jeder Gesellschaft erscheint, ist hier verbannt; Hüte sieht man selten, selbst Reiter tragen gewöhnlich keine Kopfbedeckung.
Nach kurzem Aufenthalt fuhr ich mit einem Freunde aus Singapore in vierspänniger Extrapost nach Buitenzorg. Das Reisen auf diese Weise ist zwar kostspielig, doch billig im Verhältniss zu dem aufgebotenen Apparat, wenigstens vier tüchtigen, kleinen Pferden, einem Kutscher und zwei Läufern. Die Pferde laufen immer Galopp, alle fünf bis sechs Paal hält der Wagen unter einem grossen Schuppen, der die ganze Breite der Strasse überdacht. Geschäftige Kulis begiessen die Achsen mit Wasser, um sie zu kühlen. Sobald umgespannt ist, laufen die „~Loopers~” so lange neben den Pferden her, bis diese durch Schreien und Peitschenhiebe in das gehörige Tempo gebracht sind und springen dann auf ein hinten am Wagen für sie angebrachtes Brett, von wo aus sie durch Knallen und Schreien die Pferde weiter antreiben, bis irgend eine kleine Unordnung, die bei den eigensinnigen Pferden selten lange ausbleibt, sie wieder zwingt, nebenher zu laufen. In vier Stunden legten wir die Strecke von etwa 40 Paal zurück. Die Poststrasse ist vortrefflich; neben ihr läuft ein desto schlechterer, in der nassen Jahreszeit unergründlicher, bei trockenem Wetter im höchsten Grade holpriger Weg, auf welchem die Frachtgüter in Büffelkarren, von denen uns lange Züge begegneten, transportirt werden.[52] Weltevreden nebst den übrigen von Europäern bewohnten Dörfern dehnt sich fast bis zur ersten Poststation aus, nur werden die Häuser immer ländlicher, die Gärten grösser, und gehen allmälig in Pflanzungen über. Hinter der zweiten Station sahen wir die ersten Reisfelder. Das Land erscheint ganz flach, denn obgleich Buitenzorg 850 Fuss höher liegt als Batavia, so ist die Erhebung eine so allmälige, dass man nichts davon merkt. Erst wenn man jenem Orte näher kommt, wird die Landschaft welliger, im Hintergrunde erscheinen die hohen Kegelberge Salak und Pangerango, die von Batavia aus in dieser Jahreszeit wegen der trüben Luft selten sichtbar sind.
Buitenzorg, malayisch Bogor, liegt grade südlich von Batavia und ist die gewöhnliche Residenz des General-Guvernörs. Sein glänzender Palast ist von einem schönen Park umgeben, an welchen sich der, allen Botanikern wenigstens dem Rufe nach, so wohlbekannte Garten anschliesst. Er nimmt die schmalste Stelle eines flachen Rückens ein, dessen Ostseite steil gegen das Flüsschen Tjiliwung abfällt, während die Westseite in sanften Wellen in ein reich bebautes, von dem Tjidani in vielen Windungen durchflossenes Thal übergeht. Im Süden, jenseits des Wassers, begrenzen den Horizont rechts der Salak, links der Pangerango in schönen Linien, wie sie nur Vulkanen eigen sind.[53] Mehr noch als durch seine schöne Lage, zeichnet sich der Garten durch seine Pflanzenschätze aus, unter denen wohl jetzt schon alle bemerkenswertheren Nutz- und Zierpflanzen des Archipels vertreten sind. Besonders reich ist die Sammlung der ersteren. Fast alle von der holländischen Regierung in ihre Kolonie neu eingeführten Kulturpflanzen haben hier ihre erste Station gemacht, und mancher Baum, dessen zahlreich verbreitete Nachkommenschaft jetzt wichtige Produkte liefert, steht hier noch als Stammvater seines Geschlechts und kulturgeschichtliches Denkmal.
Von besonderem Interesse, als etwas Neues, war damals eine Vanillepflanzung (Vanilla planifolia), die mehrere lange Spaliere bekleidete und eine bedeutende Ernte versprach. Die Vanille war zwar schon lange in Java eingeführt, trug aber keine Früchte, weil das Insekt fehlte, das in Amerika die Befruchtung vollzieht. Herr Teysmann, der „Hortulanus”, war der erste, der die künstliche Befruchtung bei dieser Kultur anwandte, und durch reichlichen Ertrag belohnt wurde. Bei weitem die grösste Sehenswürdigkeit war aber eine blühende Rafflesia Arnoldii, eine der ersten, die in Java geblüht haben, da die Einführung aus Sumatra erst vor Kurzem geglückt war. Diese merkwürdige Pflanze, eines der grössten Wunder der Pflanzenwelt, besteht nur aus einer prächtigen Blume von 3 - 3-1/2 Fuss Durchmesser und schmarotzt ohne Stiel und Blätter pilzartig auf dem Stamm oder der Wurzel einer grossen Liane (Cissus scariosa oder serrulata). Das Verdienst, sie aus Sumatra eingeführt zu haben, gebührt ebenfalls Herrn Teysmann, aber der Ruhm, sie in Europa zur Entfaltung zu bringen, was bei den heut vorhandenen Mitteln und bei ernstem Willen wohl sicher gelingen müsste, ist noch zu erlangen.
Während meines hiesigen Aufenthalts brachte eine Stafette von Junghuhn auf Lembang ein kleines in feuchte Baumwolle verpacktes Pflänzchen, das trotz der nächtlichen Stunde sogleich dem General-Guvernör übergeben wurde und grosse Freude erregte. Es war der erste auf Java selbst gepflückte Same einer Cinchona, der ~gekeimt~ hatte.
Erst in den fieberreichen tropischen Ländern lernt man den Segen des Chinins gehörig würdigen. Der Verbrauch dieses köstlichen Heilmittels würde noch viel grösser sein, wenn der hohe Preis es nicht Vielen unerreichbar machte. In den südamerikanischen Wäldern haben zwar nicht die Chinarinden im Allgemeinen, wohl aber die chininreichen Calisaya-Rinden in Besorgniss erregender Weise abgenommen[54]. Die holländische Regierung hatte daher lange beabsichtigt diese Bäume in ihre Kolonien einzuführen, aber erst 1852 gelang dies dem General-Guvernör Herrn Pahud zur Zeit als er Kolonialminister war. Die durch Herrn Hasskarl aus Peru geholten Samen wurden theils in Java, theils in verschiedenen botanischen Gärten in Holland ausgesäet, von ersteren gingen unverhältnissmässig wenige auf; aber auch als die Sämlinge von Holland in Java eintrafen, schien der Erfolg des Unternehmens nicht gesichert; es wurde bezweifelt, ob man Bäumen, die eine so beschränkte lokale Verbreitung haben, dass sie nie ausserhalb ihrer eigenthümlichen Bezirke angetroffen werden, in Java das zu ihrem Gedeihen erforderliche klimatische Medium verschaffen könnte. Die ersten Versuche waren nicht ermuthigend, die meisten Pflanzen gingen aus; als endlich einige blühten, fielen die Blüthen fast alle ab, ohne Samen anzusetzen, und als man schliesslich reife Samen erhielt, wurde ihre Keimfähigkeit bezweifelt. Durch die Ankunft des jungen Pflänzchens, dem am folgenden Tage im Buitenzorger Garten ein Ehrenplatz angewiesen wurde, schien die Akklimatisation dieser wichtigen Pflanzen, von denen später noch ausführlicher die Rede ist, gesichert.
Von Seiten des General-Guvernörs fand ich eine überaus entgegenkommende Aufnahme; auch hatte ich das Glück seine liebenswürdige Familie kennen zu lernen. Durch die Güte meiner Freunde in der Berliner Akademie musste ich ihm wohl sehr angelegentlich empfohlen sein; denn er bot mir sogar den kostenfreien Gebrauch der Regierungspostpferde an, eine Gunst, die sonst nur hohen, in Angelegenheiten der Regierung reisenden Beamten zu Theil wird. Alle meine Einwendungen gegen eine so ausserordentliche Begünstigung und meine Versicherung, dass ich nur zu meiner Belehrung und zu meinem Vergnügen reise, wurden den amtlichen Empfehlungsdokumenten gegenüber für Aeusserungen der Bescheidenheit aufgenommen. Als ich am folgenden Abend aus dem Palast nach Hause kam, fand ich nicht nur den Befehl, mir auf meiner Reise durch Java die Regierungspostpferde unentgeltlich zur Verfügung zu stellen, sondern auch einen Empfehlungsbrief an alle Beamte in Java und den andern holländischen Besitzungen. Wie sehr ich auch von einem so unverdienten Wohlwollen überrascht war, so ahnte ich doch nicht, dass das Empfehlungsschreiben des General-Guvernörs ein Talisman war, der den glücklichen Besitzer für die Dauer seines Aufenthalts in Java in eine Art von Prinzen verwandelt, wie es sonst nur im Mährchen geschieht.
Einige Tage später trat ich auf einem bescheidenen Pony meine Reise an, da ich mich nicht für berechtigt hielt, wie ein hoher Beamter zu reisen. Ein junger Mann, der Land und Leute genau zu kennen behauptete, schloss sich mir an, er war sehr zuvorkommend, hatte, während ich in Buitenzorg Ausflüge machte, meine Sachen gepackt und expedirt und begleitete mich auf der ersten Tagereise. Unterwegs sprach er mehreremal den Wunsch aus, dass ich ein gutes Wort für ihn bei den „Herren Residenten” einlegen möchte, da ihm dies von grossem Nutzen sein könnte. Dies war die erste Wirkung meines Talisman, ich war plötzlich in einen grossen Herrn verwandelt, um dessen Gunst man sich bewarb. Das Ziel meiner Reise war Lembang, wo Junghuhn, der Verfasser des vortrefflichen Werkes über Java, seinen Wohnsitz aufgeschlagen hatte.
Von Batavia bis Bogor führt die Strasse fast genau nach Süd bis an den Fuss des ~Gunong Salak~, der sich zu 6760' erhebt, dann läuft sie an seinem Nordostrand entlang bis Gadok, wo ein Sanatarium unter Leitung eines deutschen Arztes, des auch in Europa wohlbekannten Ornithologen Dr. Bernstein besteht.[55] Bis Gadok hat man den Salak immer zur Rechten, der ganze untere Theil seines Abhanges ist durch Menschenhand in breite Terrassen gegliedert, die sich wie eine Riesentreppe bis zu 2000 Fuss Höhe hinaufziehen; es sind die ~Sawas~, Reisfelder mit erhöhten Rändern, in denen das Gebirgswasser, bevor es die Tiefe erreicht, gezwungen wird einen ausserordentlich vergrösserten Flächenraum zu bewässern und dadurch für den Reisbau nutzbar zu machen. Der Salak erscheint von hier wie eine enorme Pyramide auf einem Unterbau von Sawas. Von der oberen Grenze der Reisfelder bis zum Gipfel ist alles mit dichtem Wald bedeckt. Die terrassenförmigen Sawas (sawa darat) scheinen den Berglandschaften Java's eigenthümlich zu sein; in der grossen nördlichen Alluvialebene und auf den zentralen Tafelländern wird der Reis in flachen mit kleinen Dämmen umgebenen Feldern (sawa dalam) gebaut, wie in vielen andern Reisländern; sie unterscheiden sich, aus der Ferne gesehen, vielleicht nur durch das lebhaftere Grün von unseren Kornfeldern. In Java werden aber auch die Abhänge der Berge zum Reisbau benutzt, indem man sie bis zu grosser Höhe mit künstlichen Teichen umgiebt, die wie die Bänke eines Amphitheaters hinter einander aufsteigen. Sie folgen den Konturen der Berge und bringen dadurch etwas Architektur in die Landschaft, ein Element das sonst in tropischen Bildern fast immer fehlt, wo das Wirken des Menschen so winzig und das der Natur so gewaltig ist. Der Boden eines jeden dieser Teiche ist völlig eben und an der Aussenseite von einem etwa fusshohen Damm eingefasst, der an mehreren Stellen kleine Einschnitte hat, durch welche das Wasser in unzähligen in der Sonne glitzernden Streifen aus den höheren Becken in die tieferen fliesst, wodurch zugleich das Stagniren verhindert wird. Die Art den Boden dieser Becken zu ebnen ist sehr zweckentsprechend: die nach dem Berg zu schräg ansteigende Erde wird mit spitzen Stöcken aufgelockert, dann lässt man den Teich bis an den Rand voll Wasser strömen, die lockere Erde wird zu Schlamm, der sich allmälig absetzt und einen völlig ebenen Boden bildet. Das Berieselungswasser wird entweder unmittelbar von höher liegenden Rinnsalen, oder von seitlich oft ziemlich fern gelegenen Bächen durch künstliche Kanäle (Solokan) auf die Sawas geleitet. Das Wasser führt alljährlich neues fruchtbares Erdreich aus dem Gebirge zu, eine andere Düngung erhalten die Sawas nicht, von denen manche Jahrhunderte lang in ununterbrochener Reihenfolge Ernten liefern sollen.
In der Broschüre Het Rijst[56] ist ein Reisbau-Kalender angeführt, nach welchem der Javane das Jahr in zwölf sehr ungleiche, den verschiedenen Phasen des Reisbaus entsprechende Zeiträume theilt. Danach findet das Verpflanzen der bereits fusshohen, 40-50 Tage alten, in besonderen Beeten gezogenen Sämlinge im März, die Erndte im Juli statt. Da aber in Java die Jahreszeiten nur in Bezug auf die Regenmenge wesentlich von einander abweichen, so sind künstlich bewässerte Sawas von der Jahreszeit fast unabhängig. Daher finden an verschiedenen Orten fast alle auf den Reisbau bezüglichen Verrichtungen gleichzeitig nebeneinander statt; namentlich empfängt der Reisende den Eindruck, als wären die einzelnen Verrichtungen an keine bestimmte Jahreszeit gebunden, da er bald auf grüne, bald auf gelbe Reisfelder blickt, heute pflanzen, morgen ernten sieht. Sawas haben deshalb einen vielfach (nach Crawfurd 5 bis 10fach) höheren Werth als Land, das nicht zu bewässern ist. Ausser in Sawas wird in Java auch Reis (Bergreis) in Gagas und Tegals gebaut. Gagas sind neue Lichtungen, in denen die Bäume nur theilweis gefällt und verbrannt sind. Man stösst an den geeigneten Stellen mittelst eines spitzen Stockes Löcher in den Boden, in welche man je einige Reiskörner wirft und erhält so ohne alle weitere Vorarbeiten nach 4 bis 5 Monaten eine mässige Ernte. Durch weiteres Aufräumen und Verbrennen der Baumstämme und Urbarmachen des Bodens verwandelt man die Gaga in ein Tegal oder Tipar auf dem regelmässig Bergreis gebaut wird, oder in eine Sawa falls die Stelle fortdauernd bewässert werden kann. Gagas sind daher der Anfang aller Reiskultur. Die roheren Völker des Archipels haben es kaum bis zu den Gagas gebracht. Von allen Inseln des Archipels hat in Java der Reisbau die höchste Stufe der Vollkommenheit erreicht. Noch jetzt erzeugen nur die fruchtbarsten, zivilisirtesten Inseln -- Java, Bali, Lombok und einige der Philippinen -- mehr Reis, als sie verzehren. Auf den Molukken fehlt der Reisbau ganz; in Borneo, Celebes, Sumatra und manchen der Philippinen ist er noch äusserst unvollkommen und in demselben Verhältniss stehen auch die Bewohner auf einer tieferen Kulturstufe. Einige bauen Bergreis, doch selten in ausreichender Menge und ersetzen den Ausfall durch bequemer zu erlangende aber noch stickstoffärmere Nahrungsmittel, besonders Knollengewächse und Früchte und Mark von Palmen.
Bei der Reis-Ernte, die auf trockenem Felde stattfindet, da das Wasser schon Wochen vorher abgelassen worden, wird jeder Halm einzeln geschnitten; es wäre ein Frevel eine so köstliche Gabe Gottes weniger rücksichtsvoll zu behandeln. (Eine ähnliche abergläubische Verehrung hat sich in Deutschland in Bezug auf „das liebe Brod” erhalten, während es nicht gerade für sündlich gilt bessere und theurere Nahrungsmittel zu vergeuden.) Der grösste Theil des Halms bleibt auf dem Felde stehen, man lässt nur einen kurzen Stiel an der Aehre. Bei einer so zeitraubenden Art zu ernten ist es nöthig, die ganze Bevölkerung des Dorfs, alt und jung aufzubieten. Der Schnitterlohn ist hoch, er beträgt 1/5 bis 1/10 der Ernte. So empfängt jeder einen Antheil auch wer kein Feld besitzt.
Trotz seiner grossen Fruchtbarkeit erzeugt Java nach dem Verfasser von „Het Rijst” nicht hinreichend Reis, um seine Bevölkerung angemessen zu ernähren. Ein grosser Theil, fast 1/10 geht durch die fehlerhafte Art des Enthülsens mittelst Stampfens in Holzmörsern verloren, wobei sehr viel Körner zerbrochen, die Bruchstücke zermalmt und beim Waschen fortgeführt werden. Die Hauptursachen des Uebels findet er aber in dem gemeinschaftlichen Grundbesitz der Dorfbewohner, im „Kultursystem” und in dem Ausschliessen der europäischen Privatindustrie: drei grosse Uebelstände, und als solche von allen liberalen Beamten anerkannt, aber schwer zu beseitigen, da mit ihnen das ganze jetzt herrschende System fallen würde. Da noch oft vom „Kulturssytem” die Rede sein wird, so dürfte gleich hier eine kurze Beschreibung desselben am Platz sein.