Singapore, Malacca, Java. Reiseskizzen von F. Jagor.

Part 12

Chapter 123,535 wordsPublic domain

[33] Das letzte Straits' Blaubuch weist für das Jahr 1864/65 abermals eine bedeutende Zunahme des Handels von Singapore nach, dessen Werth jetzt auf 13,000,000 £ veranschlagt werden kann. Die Einfuhr ist auf 66,182,177 Rupien (= 44,121,450 Thaler), die Ausfuhr auf 66,339,578 Rupien (= 44,226,385 Thaler) geschätzt worden, ein Fortschritt gegen 1863/64 von 2,712,123 Rup. bei der Einfuhr, und von 12,363,140 bei der Ausfuhr. Die Anzahl der in Singapore eingelaufenen grossen Schiffe (square rigged vessels) betrug 1864/65: 1697 von 780,794 Tonnengehalt, 250 Schiffe und 152,226 Tonnen mehr als 1863/64. Die Zahl der von Singapore 1864/65 ausgelaufenen grossen Schiffe betrug 1629 von 576,527 Tonnengehalt, 116 Schiffe und 16,453 Tonnen mehr als 1863/64. Die Zahl der die Häfen von Singapore, Pinang und Malacca besuchenden britischen Schiffe hat kaum zugenommen gegen das vorige Jahr; aber die Zahl der unter Hamburger und Bremer Flagge fahrenden hat sich mehr als verdoppelt ... „Es ist bemerkenswerth, dass ein Achtel der angekommenen und ein Neuntel der ausgelaufenen Schiffe unter deutschen Flaggen fuhren.” (Wenn die in den Listen enthaltenen Zahlen richtig abgedruckt sind, so berechnet sich die Anzahl der eingelaufenen deutschen Schiffe fast auf 1/6 der Gesammtzahl, nämlich 271 von 1697, und wenn man 17 östreichische Schiffe nicht mitrechnet, auf 1/63/4 ... Ebenso berechnet sich die Zahl der ausgelaufenen auf 1/71/2, und wenn man 10 östreichische nicht mitrechnet, auf 1/8 der Gesammtzahl, nämlich 216 resp. 206 von 1629 ... Unter britischer Flagge liefen 860 ein, 873 aus.)

[34] Eine schmale Meerenge trennt Rhiow vom eigentlichen Bintang.

[35] Bekanntlich erfahren viele der nach monatelanger Reise in Europa anlangenden Schiffe erst in der engen Strasse zwischen England und der Insel Wight ihre schliessliche Bestimmung. Ohne dass sie ihre Fahrt zu unterbrechen oder ein Boot an's Land zu senden brauchten, theilt ihnen der Agent ihres Rheders gewöhnlich von ~Cowes~ aus durch Flaggensignale mit, nach welchem Hafen sie steuern sollen, um ihre Ladung auf den vortheilhaftesten Markt zu bringen. Daher kehren die meisten Schiffe aus Ost-Asien mit der Bestimmung „Cowes for orders” heim.

[36] Nur 2 holländische Schiffe durften jährlich zwischen Decima und Batavia verkehren.

[37] Es ist auffallend, wie wenig Franzosen bis jetzt als grosse Kaufleute in Ostasien vorhanden sind. -- In Singapore befindet sich nur ein einziges französisches Haus von einiger Bedeutung. Engländer, Amerikaner und Deutsche sind es, die an der Spitze aller grossen Handelshäuser stehen. In Saigon ist der Handel hauptsächlich in Händen der Chinesen. Die grössten ~europäischen~ Handelshäuser daselbst sind deutsche.

[38] 1864 betrug die Zahl der in den 13 Häfen ein- und ausgelaufenen nicht chinesischen Schiffe 17,976 von 6,635,505 Tons. Davon gehören 2,862,234 Tons der englischen, 2,609,390 Tons der amerikanischen und 380,135 Tons der hamburger Rhederei, der Rest vertheilt sich auf 20 verschiedene Nationen. Der Einfuhrhandel von Shanghai allein stieg (nach dem Bericht des englischen Ministers in Peking) von 41,000,000 taels in 1860, dem Jahr vor Eröffnung des Yantsekiang und der nördlichen Häfen, auf 81,000,000 taels in 1863 (1 tael ist etwa 2 Thlr.).

[39] Nach dem Prospekt würde die neue Gesellschaft im Stande sein, die Kohle für 25 sl. nach Singapore zu liefern, so dass ihr bei 40 sl. ein hinreichender Gewinn verbliebe.

[40] Die Wichtigkeit, den Geschmack der Eingebornen zu berücksichtigen, wird vielleicht in keinem Lande mehr verkannt, als in Deutschland. Häufig kommen in den ostasiatischen Handelsplätzen grosse Kisten mit Fabrikaten an, die durchaus werthlos sind, weil auf den Geschmack der Konsumenten, auf das Format, das Gewicht und die Art der Verpackung gar keine Rücksicht genommen ist, wenn auch die Waare an und für sich vielleicht die Konkurrenz aushielte. Es ist ein sonderbarer Dünkel solcher Fabrikanten, zu glauben, dass die Käufer sich in ihre Launen fügen sollen, und zeugt von gänzlicher Unkenntniss der bestehenden Verhältnisse. Ueberall, wo es Frauen giebt, sind wechselnde Moden -- selbst im Innern von Afrika. Alle Völker, die für andere fabriziren wollen, müssen auf das Sorgfältigste den Geschmack derselben studiren. Die Engländer haben dies längst eingesehen und geben sich grosse Mühe, dennoch wird es ihnen schwer, im Innern von China gegen die Konkurrenz der amerikanischen Fabriken aufzukommen, denen es gelungen zu sein scheint, die nationale Geschmacksrichtung mit solchem Glück zu treffen, dass sie in gröberen Baumwollenwaaren den dortigen Markt beherrschen.

Die Schweizer, die keinen direkten Seehandel treiben können, haben es nur ihrem fleissigen Studium und grossen Takte zuzuschreiben, wenn sie ebenbürtig mit den grössten Fabrikstaaten konkurriren. In den Philippinen sind manche Artikel ausschliesslich in ihrer Hand. Ein befreundetes Schweizerhaus in Manila hielt eine Anzahl geschickter Mestizen als Musterzeichner, die der wechselnden Mode immer auf der Spur waren und liess nach ihren Zeichnungen in der Schweiz, in China und in Italien die Baumwollen- oder Seidenstoffe anfertigen, die dann auch immer bei den koketten Mestizinnen den grössten Anklang fanden. Den Languti, das in Siam gebräuchliche Lendentuch, nachzuahmen, ist noch Keinem gelungen. Schweizer, schottische und englische Häuser haben schon Tausende darauf verwendet -- bisher vergeblich; die gelieferten Stoffe sind vielleicht besser oder billiger als die einheimischen, entsprechen aber noch nicht genau dem Geschmack.

[41] Nach dem Geschäftsbericht vom 5. Decbr. 1865 besass sie 63 Schiffe von 92,353 tons und 18,270 Pferdekraft, die im letzten Jahre einen Weg von etwa 1,500,000 Seemeilen zurückgelegt hatten (fast in jeder Woche 1-1/2 mal so viel als der Erdumfang beträgt).

Malacca.

Anblick von Malacca. -- Portugiesen. -- Chinesen. -- Melaleuca. -- Mission unter den Mintras und Jakuns. -- Guttapercha. -- Neuer Pungulu in Allor-gadja. -- Rückkehr zu den Mintras. -- Ehepärchen. -- Blasrohr. -- Pfeilgift. -- Fahrt nach Lingi. -- Der Dato von Lingi. -- Zustände in den kleinen Malayenstaaten. -- Zinn. -- Leben im Walde. -- Zweckmässige Kleidung. -- Insektenpulver. -- Chinesischer Leichenzug. -- Geschichte von Malacca. -- Tapioka. -- Djaggeri.

Mitte April, an einem Nachmittag, bestieg ich den ~Hooghly~, ein altes, ausrangirtes Dampfboot, welches die ganze Kriegsmarine der „Straits Settlements” ausmachte. In seltenen Fällen wurde es gegen Seeräuber benutzt, hauptsächlich aber diente es dazu, die Beamten der Regierung und die Post zwischen Malacca, Pulo-Pinang und Singapore, welche zusammen die Niederlassung der Meerenge (the Straits Settlements) bilden, zu befördern. Seine Geschwindigkeit überstieg nicht die einer chinesischen Junke; auch Reinlichkeit und Ordnung liessen manches zu wünschen übrig und waren ein fortwährender Stoff zu Klagen von Seiten der Passagiere, die aber nicht berücksichtigt wurden, da der Kapitän ein naher Verwandter des Guvernörs war, und Reisende nur aus Gefälligkeit mitgenommen wurden gegen eine im Verhältniss zu den sonst in diesen Meeren üblichen Dampfschiffspreisen allerdings sehr unbedeutende Vergütigung, Trotz mancher kleinen Mängel war die Fahrt höchst angenehm in herrlicher, tropischer Nacht auf spiegelglattem Meere. Am andern Tage um 2 Uhr ankerten wir auf der Rhede von Malacca in 2 Seemeilen Entfernung vom Lande. Wir hatten 22 Stunden gebraucht, um einen Weg von 120 Seemeilen zurückzulegen.

Malacca hat eine sehr hübsche Seefront. Dicht hinter einer Reihe von Europäern bewohnter steinerner, etwas einförmiger Häuser, deren dem Strand zugewendete Seite mit einer Bogenreihe versehen ist, erhebt sich ein länglicher, 100 Fuss hoher Hügel, auf dessen Gipfel die malerischen Ruinen der von Albuquerque gebauten Kirche Madre de Dios und der Klöster S. Paul und Hermanos de leche stehen. Zur Rechten schliesst sich an die steinernen Häuser ein Palmenwäldchen, unter dessen Schatten sich eine ganze Reihe Wohnungen von Portugiesen[42] und Asiaten behaglich ausdehnt; hinter ihnen ragt tiefblau der Berg Ophir (Gunong Ledang), der höchste Punkt des südlichen Festlandes (4320') hervor. Zur Linken, am westlichen Abhang des Hügels, der hier nochmals zu einer kleinen Anhöhe anschwillt, steht das „Stadthuys”, ein stattliches Gebäude aus holländischer Zeit, theilweise von einem Angsana-Hain (Pterocarpus Indicus) verdeckt, der sich parkartig bis zu den Ruinen auf der Kuppe hinzieht. Die Südfront des Gebäudes ist ebenfalls der See zugekehrt, seine Westseite begrenzt der kleine Fluss, an dessen jenseitigem Ufer die eigentliche Stadt liegt, aus der sich die Thürme einiger Moscheen erheben. Das kleine Flüsschen von Malacca und die Meeresströmungen haben die Rhede so verschlämmt, dass grosse Schiffe 2 Miles vom Lande ankern müssen. An den kleinen Inseln, wo 1511 Albuquerque's Flotte in 5-6 Faden Tiefe lag, können jetzt nur Küstenfahrer anlegen, und nur zwei derselben sahen wir hier vor Anker. Welch auffallender Unterschied gegen Singapore! Und doch war vor ca. 300 Jahren Malacca der wichtigste Handelsplatz in diesen Meeren, Hauptstadt eines mächtigen Königreichs und auch noch zu Zeiten des holländischen Monopols ein bedeutender Stapelplatz.

Nach langem Warten kamen einige Boote, kaum genug, um die wenigen Passagiere zu bergen. Wie einsam und still erschien die Stadt nach dem Schacherlärm von Singapore! Die wenigen Europäer und ihre Abkömmlinge, die hier wohnen, sind meist Beamte oder Grundbesitzer von holländischer Abkunft, ich fand bei ihnen eine fast noch liebenswürdigere Aufnahme, als in Singapore und lernte einige vortreffliche Menschen kennen. Selbst unter den Frauen schien keine Eifersüchtelei zu herrschen, keine Ostentation, kein herausfordernder Luxus. In der Abendkühle schlenderte man am Strande, oder genoss, auf einem Vorsprung der Küste sitzend, die Seebrise, und wenn die jungen Mädchen Pfänderspiele vorschlugen, so betheiligten sich alle Anwesenden in harmloser Freude daran. Es giebt hier kein Gasthaus; ich erhielt vom Resident-Councillor eine Wohnung in dem grossen Stadthause angewiesen, das alle Regierungs-Kanzleien enthält, aber immer noch reichlich Raum hat, um Fremde zu beherbergen. Eine eiserne Brücke führt über den Fluss, wohl an der Stelle der alten Brücke, die vor 3-1/2 Jahrhunderten eine so wichtige Rolle gespielt. Nachdem nämlich der erste Angriff der Portugiesen auf die Stadt zurückgeschlagen worden war, bemächtigte sich Albuquerque der Brücke, hielt sie 9 Tage lang besetzt und schnitt dadurch den Einwohnern alle Zufuhr ab. Am folgenden Tage musste sich die Stadt nach tapferer Gegenwehr ergeben. -- Die beiliegende Ansicht von Malacca ist von der Brücke aufgenommen. Zur Rechten sieht man unter schattigen Bäumen die Westfront des Stadthauses; links, am rechten Ufer des Flüsschens, liegt die von Asiaten (Chinesen, Malayen, Klings) bewohnte Stadt.

Die hiesigen Chinesen stehen in besonders gutem Ruf. Der Wohlstand, den sie hier in voller Sicherheit gegen Erpressungen geniessen, hat die bei diesem Volk sonst so schroff hervortretende Selbstsucht sehr gemildert. Sie sind sehr gastfrei und geben häufig bedeutende Summen für gemeinnützige Zwecke her.

Wie sich in der Stadt die Wohnhäuser der Chinesen vor allen andern geltend machen, so hat auch die dieser Nation eigenthümliche grosse Verehrung der Todten, die sich in der Kostbarkeit und sorgfältigen Erhaltung der Gräber ausspricht, der umliegenden Landschaft ihr Gepräge aufgedrückt. Während in Singapore die reichen Kaufleute alle hübschen Punkte um die Stadt ausgesucht haben, um ihre Wohnhäuser dort aufzubauen, sind hier die schönsten Anhöhen in der Umgegend mit chinesischen Gräbern bedeckt, deren einige mit grossen Kosten aufgeführt sind. Malacca ist ein Lieblingsaufenthalt für die Chinesen. Von hier stammen die meisten von denen, die in Singapore eine hervorragende Stellung einnehmen, und hierher ziehen sie sich gerne zurück, um ihr dort erworbenes Vermögen in behaglicher Ruhe zu geniessen. Viele dieser Familien sind schon seit Generationen hier ansässig, sie heirathen nur unter einander, so dass das malayische Blut der Stammmutter bei jeder neuen Verbindung immer mehr gegen das chinesische zurücktritt. Wegen ihrer langen Ansässigkeit unter Europäern und der daraus folgenden Bekanntschaft mit dem Wesen derselben, sowie durch Reichthum und grössere Bildung haben sie vor denjenigen ihrer Landsleute, welche die Masse der Bevölkerung von Singapore ausmachen, Vieles voraus.

Einige Tage nach meiner Ankunft fuhr ich auf bequemer Strasse nach Rumbia, einer mitten im Walde gelegenen Mission, 12 Miles NN-W. von Malacca. Nachdem man die unmittelbare Umgebung der Stadt verlassen, in der allerlei kleine Moscheen, Kapellen, Hindutempel und andre „Josshäuser” von Gärten umgeben, malerisch durch einander liegen,[43] führt der Weg auf einem Damm unter einer Allee weissblühender Melaleuca (M. minor) quer über einen weiten grünen Teppich von Reisfeldern, der mit einzelnen Gruppen von Fruchtbäumen, Cocos- und Arecapalmen geschmückt ist, unter deren Schatten ein paar malayische Hütten liegen. Hin und wieder kommt man noch an einer Moschee oder einem grösseren Gehöft vorbei, welche letztere immer Chinesen gehören und oft beträchtlichen Wohlstand verrathen. Die Melaleucas haben landschaftlich grosse Aehnlichkeit mit unsern Birken durch den allgemeinen Habitus und besonders durch die Silberweisse des Stammes. Wie bei diesen lösen sich die äusseren Lagen der Korkschicht in dünnen, weissen Blättchen ab, bei einigen Arten erreicht diese Schicht fast Zolldicke und besteht aus so feinen Blättchen, dass sie zum Kalfatern der Schiffe verwendet wird. Von der weissen Farbe des Stammes (kaju: Holz, puti: weiss) hat der Baum seinen inländischen Namen; auch das Kajeput-Oel, das aus den getrockneten Blättern einer in den Molukken vorkommenden verwandten Art (M. leucodendron) gewonnen wird, ist danach benannt. Nach einigen Meilen erreicht man den Wald, der sehr anmuthig, schattig und zugänglicher ist als der Jungle bei Singapore. In Tsching, auf halbem Wege, wurde das Pferd gewechselt; um 9 Uhr Vormittags, 2 Stunden nach der Abfahrt von Malacca, war ich in Rumbia, wo mir der freundliche Missionär schon von ferne entgegenkam, sobald er nur den Wagen erblickte. Er nahm mich sehr gastlich auf, und da er ausser einigen kleinen „Waldmenschen” keine Bedienung hatte, so ging er selbst ans Werk, mich und mein Gepäck möglichst bequem unterzubringen. Nach einem Schwimmbade in einem von ihm selbst gegrabenen Teich wurde gefrühstückt, und alsbald füllte sich das Zimmer mit neugierigen ~Mintras~, deren zutrauliche, gutmüthige, bescheidene Art den angenehmsten Eindruck machte. Hr. Bory war wiederum ein denkwürdiges Beispiel jener katholischen Missionäre, wie man sie zuweilen auf abgelegenen Stationen findet. Er stammte aus Paris und hatte sich hier vor mehreren Jahren (1848) niedergelassen, ganz allein und ohne alle Unterstützung zur Bekehrung der ~Mintras~ und ~Jakuns~, die zu den wilden Stämmen gehören, welche die Südspitze der malayischen Halbinsel bewohnen. Sie werden gewöhnlich mit dem gemeinschaftlichen Namen orang-utan (Waldmenschen),[44] orang-bukit (Bergmenschen) oder orang binua (Menschen des Binnenlandes), belegt und waren bis 1847, wo J. R. Logan's trefflicher Aufsatz über dieselben erschien, fast unbekannt und Gegenstand vieler Fabeln. Dass sie auf Bäumen wohnen und Schuppen besässen, wie Fische, hat sich allerdings bestätigt. Die Jakuns bauen noch jetzt ihre Hütten gern auf Bäumen, 20-30' über dem Boden, und mit den Schuppen hat es insofern seine Richtigkeit, als sehr viele mit Ichthyosis behaftet sind. Ich sah diese Hautkrankheit an mehreren Jakuns; die meisten aber, und fast alle Mintras waren so reinlich, wie Malayen, d. h. reinlicher als die Mehrzahl der Europäer.

Herr Bory theilte mir mit, dass er, als er vor zehn Jahren von Malacca aus hierher gekommen war, mit einigen dieser Leute Bekanntschaft machte, und sie bald durch seine Leutseligkeit gewann. Er erzählte ihnen Geschichten aus der heiligen Schrift; der Kreis aufmerksamer Zuhörer wuchs mit jedem Besuch und auch die gegenseitige Zuneigung; endlich erbot er sich bei ihnen zu bleiben, um sie zu unterrichten und zu Christen zu bekehren. Sein Vorschlag wurde mit Freude angenommen; nur Ein Punkt machte grosse Schwierigkeiten. Einige Männer hatten nämlich gehört, dass die Christen nur Eine Frau heirathen und nur durch den Tod von ihr geschieden werden könnten. Diese Forderung schien ihnen doch gar zu hart, aber Herr Bory blieb standhaft, und nach vieler Ueberredung wurde sie mit angenommen. Nun lichtete man ein Plätzchen im Walde, baute ein Bretterhaus zur Wohnung für den Missionär, ein anderes grösseres zur Kirche, auch eine Schule; die Mittel wurden durch Almosen von Seiten der Christen aus Malacca und Singapore aufgebracht, denn ausser 10 Dollars monatlich erhalten diese Männer keine Unterstützung, freiwillige Almosen ausgenommen. Die Jakuns können natürlich nichts geben. Herr Bory ging selbstthätig mit seinen Pfleglingen ans Werk; er beschränkt sich überhaupt nicht darauf, blosse Scheinchristen aus ihnen zu machen, sondern sucht sie allmälig zum Betrieb des Landbaus und nützlicher Künste anzuleiten, freilich noch mit geringem Erfolg; doch sind schon einige kleine Gärten entstanden, mehrere Cocos- und Obstbäume angepflanzt, einige Mintras besitzen sogar schon Büffel oder Schweine; doch ist ihr Haupterwerb immer noch das Einsammeln der Produkte des Waldes: Rotang, Harze, Guttapercha u. s. w. gegen die sie ihren geringen Bedarf an Erzeugnissen eines vorgeschritteneren Gewerbfleisses eintauschen. Herr Bory ist immer von einer Anzahl Mintras umringt, erzieht sie wie ein Vater seine Kinder und geniesst ihr vollstes Vertrauen, so dass sie ihn in allen Angelegenheiten erst um Rath fragen.

Wir machten eine Excursion in den Wald, von vielen Mintras begleitet, die eifrig sammeln halfen, die Gesellschaft war übermunter, da die Sorgfalt, mit der manche für sie so werthlose Gegenstände etikettirt und verpackt wurden, immer neuen Stoff zum Lachen gab.

Nachmittags kam eine Anzahl Jakuns in die Mission und brachte ganze Arme voll Zweige, die ich einlegen sollte. Diejenigen, deren Exemplare brauchbar waren, zeigten darüber grosse Freude. So vergingen zwei Tage auf die angenehmste Weise unter diesen gutmüthigen Menschen. Am Sonntag versammelte sich die ganze Gemeinde, Jakuns und Mintras mit Frauen und Kindern, um die Messe zu hören. Ihr Gesang klang recht angenehm, sie sollen überhaupt viel Sinn für Musik haben. Alle waren sehr sauber nach malayischer Art gekleidet, nur etwas dürftiger. Ich hatte einen photographischen Apparat mitgebracht und nahm ihre Portraits auf, die aber leider später verloren gingen. Das ganze Völkchen machte den Eindruck, als fühlte es sich recht glücklich in seiner Abgeschiedenheit unter dem Schutz des braven Missionärs.

Früher wurden sie von den piratischen Malayen, die zu ihnen kamen, aufs ärgste betrogen, beraubt und misshandelt; sie hatten kaum einen andern Schutz als ihren bösen Ruf als Zauberer und Giftmischer, um ihre abergläubischen Bedrücker einigermaassen in Schranken zu halten.

Besonders erreichten diese Bedrückungen einen sehr hohen Grad, als die Anwendung der Guttapercha zur Isolirung der elektrischen Drähte unter Wasser und unter der Erde eine immer stärkere Nachfrage nach dieser Substanz veranlasste.[45]

Einer Einladung folgend fuhr ich nach Allor-gadja in Naning, etwa 9 Miles NNW. von Rumbia, wo am nächsten Tage die feierliche Bestätigung des neuen Pungulu durch den Resident-Councillor stattfinden sollte. Naning ist ein kleines Gebiet, das landeinwärts an Malacca grenzt und immer schmaler werdend sich bis zum Berg Ophir erstreckt. Bis zum Jahr 1842, wo es mit Malacca auf gleichen Fuss gestellt wurde, stand es zu diesem immer in schwankenden Unterthänigkeits-Verhältnissen; statt des Zehnten zahlte es nur einen Tribut, und der Pungulu schaltete in dem Gebiet wie ein unumschränkter Fürst nicht nur über die Habe, sondern auch über das Leben der Einwohner. Im Jahre 1829 beschlossen die Engländer diesen Zuständen ein Ende zu machen. Es kostete aber zwei Feldzüge, viele Menschenleben und die Summe von 100,000 £ um die gegen die beabsichtigten Neuerungen ausgebrochene Empörung zu unterdrücken, obgleich die Zahl der erwachsenen Männer in Naning zur Zeit des Krieges 1500 nicht überstieg, so dass die Unkosten etwa 450 Thaler per Kopf betrugen. Der Feldzug endete schliesslich dadurch, dass einer der fähigsten Empörer zu den Engländern übertrat. Der aufrührerische Pungulu kapitulirte darauf und starb später in Malacca als Pensionär der indischen Regierung.

Auf einem angenehmen breiten Waldweg, der dem Kriege seine Entstehung verdankt, gelangte ich Abends nach Allor-gadja, wo die nicht unharmonische Musik und Todtenklage der Malayen einen grossen Theil der Nacht hindurch zu hören war. Wenige hundert Schritt vom Regierungs-Bungalow liegen die Grabhügel dreier im Kriege gegen Naning gefallenen englischen Offiziere, ein wenig weiter erhebt sich noch eine Schanze aus Lehmwällen, in der sich jetzt eine friedliche Polizeistation niedergelassen hat. Am folgenden Morgen machten wir einen Spaziergang nach dem etwa 3 Meilen entfernten Ayer (Wasser)- panas (heiss), einer ziemlich reichlichen Kohlensäure haltigen und einen schwachen Geruch von Schwefelwasserstoff verbreitenden Quelle. Ihre Temperatur fand ich 9 Uhr Vormittag 137° F. = 46,6 R. In der Nähe steht ein verfallendes Badehaus. Die Eingeborenen benutzen das Wasser häufig als Heilmittel. Auf dem ganzen Wege herrschte überall der rothe Thoneisenstein von Singapore bis kurz vor der Quelle, die in angeschwemmtem Boden aufbricht, in welchem sich viele Quarzkörner bis zu Nussgrösse vorfinden. Es ist dieselbe Formation, in der hauptsächlich die Zinn- und Goldwäschen betrieben werden. Nach dem Frühstück ging die Feierlichkeit ohne besonderes Schaugepränge schnell vorüber. Der Resident-Councillor kehrte nach Malacca zurück; ich fuhr wieder zu meinen Freunden nach Rumbia, deren liebenswürdiges, harmloses Wesen gegen die finstere Gemessenheit der Malayen angenehm abstach. Unterwegs sah ich neben einer kleinen Moschee im Walde eine Pauke von 20 Fuss Länge und mehr als 2-1/2 Fuss Durchmesser. Es war ein ausgehöhlter Baumstamm, an einem Ende offen, am andern mit einer Büffelhaut bespannt. Es sollen derartige Pauken von noch grösseren Dimensionen vorkommen. Ihr Zweck ist, die weit zerstreut lebenden Gläubigen zum Gebet zu rufen. Noch spät Abends kamen die Jakuns zur Mission und brachten mehrere Thiere, die sie für mich gesammelt hatten.

Am folgenden Morgen überraschte ich im Walde ein junges Ehepärchen in seinem Honigmond. Ihr Haus bestand in einem Sonnendach aus lose zusammengefügten Palmenblättern. In einem kleinen Töpfchen kochte ihre Mahlzeit, und während die Frau die Küche besorgte, sang ihr der Mann ein Liedchen und begleitete sich auf einem Saiteninstrument, das aus einem fusslangen Bambusrohr bestand, an welchem der Länge nach 3 oder 4 Enden des kletternden Stammes einer Orchidee aufgespannt und statt der Stege kleine Wachsklümpchen unter den Saiten angebracht waren. Der glückliche Ehemann besass auch eine Flöte und Pfeife aus Bambus und musizirte, als die erste Schüchternheit vorüber war, auf beiden mit grossem Wohlgefallen ganz angenehm, nur etwas zu anhaltend. Beim Abschied drang er mir zwei feiste Ratten auf, die er für seine eigene Tafel gemästet hatte. Die Jakuns sind nicht wählerisch in ihren Nahrungsmitteln, Schlangen und Ratten sind willkommene Leckerbissen. Der französische Missionär Lefèvre erzählt: Eine ihrer geschätztesten Speisen ist ein Honigwaben, nicht wann die Zellen mit Honig gefüllt, sondern wann die jungen Bienen schon ausgebildet, ein Paar Tage bevor sie flügge sind; der Waben wird dann in ein Bananenblatt gewickelt, etwas gebraten, und das Ganze mit grossem Appetit verzehrt.