Singapore, Malacca, Java. Reiseskizzen von F. Jagor.

Part 10

Chapter 103,279 wordsPublic domain

Sehr gegen den Willen der Bevölkerung hat die britisch-indische Regierung seit dem letzten chinesischen Kriege in Singapore grosse Befestigungen anlegen lassen, und unterhält jetzt daselbst eine kostspielige Garnison. Singapore fühlte sich hinreichend sicher in seinen freien Institutionen. Als neutrales Gebiet und Jedem offenes Asyl hat es einen zu grossen Werth für alle Völker Hinterindiens, als dass ernstliche Unruhen zu befürchten wären. Der Plan, die Stadt zu befestigen, entstand während der indischen Revolution in Kalkutta; man wollte den Europäern im Fall einer Empörung der Chinesen dadurch den nöthigen Schutz gewähren. Jene finden aber ihre Sicherheit in der Verschiedenheit der Elemente, aus welchen die dortige Bevölkerung besteht, in dem damit verbundenen Rassenhass und viel mehr noch in dem Interesse, das Alle gemeinschaftlich an der Aufrechthaltung der nöthigen Ruhe und Ordnung haben. Ueberdies fürchtet man, dass im Fall eines Krieges mit einer europäischen Seemacht Singapore grade jetzt wegen seiner Befestigungen der Beschiessung und Zerstörung durch feindliche Schiffe ausgesetzt sein würde.

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In der oben (S. 82) erwähnten Kronik (Journ. Ind. Arch. 1854, S. 585) heisst es:

.... Zu jener Zeit wagte kein Sterblicher durch die Strasse von Singapore zu fahren, selbst Djins (Genien) und Teufel fürchteten sich, denn dies war der Ort, den die Seeräuber benutzten, um dort zu schlafen und nach einem glücklichen Angriff auf die Prauen oder Boote eines Schiffes ihre Beute zu theilen. Dort brachten sie auch ihre Gefangenen um, und sie selbst bekämpften und tödteten sich gegenseitig bei ihren Streitigkeiten um Theilung der Beute....

Was die Seemenschen, Oranglaut, betrifft, welche in Prauen leben, so sind sie wie wilde Thiere; wenn sie irgend Jemandem begegnen, so rudern sie gewöhnlich an's Land; wenn sie aber nicht Gelegenheit haben, auf diese Weise zu entkommen, so springen sie über Bord und tauchen wie Fische. Eine halbe Stunde vielleicht bleiben sie unter Wasser, worauf sie 100 oder 200 Faden entfernt wieder erscheinen. Männer, Weiber und selbst Kinder sind in dieser Beziehung gleich. Es ist unmöglich, ihre Bestürzung zu schildern, wenn sie civilisirte Menschen erblicken. Ihre Gesichter sehen aus, als wären sie einem Tiger begegnet. Mr. Farquhar bemühte sich, sie durch Geschenke von Reis, Geld und Kleidern zu ermuthigen, so dass sie bald zutraulich wurden; aber einige derer, die keine solche Gelegenheit hatten, waren dermaassen von Furcht befangen, dass ihnen unwohl wurde, und ein Bursche ertrank Teluk-ayer gegenüber ...

Jeden Morgen pflegte Mr. Farquhar (Raffles' Agent) herumzugehen, um das Land zu untersuchen, aber es war mit hohem Walde bedeckt, ausgenommen die Mitte der Ebene, wo nur Karmuntink- und Sikadudu-Büsche mit einigen Kaladbäumen standen, die Seeküste war bedeckt mit Ambong und Malpari und Aeste davon lagen umhergestreut, auf der andern Seite des Flusses stand Mangrove und Seraju mit umherliegenden Aesten. Es war nicht ein Fleck guten Landes vorhanden, ausser einem Stück, 10 Faden breit, das Uebrige war eine Sumpffläche, ausgenommen die Hügel....

Längs des ganzen Strandes lagen Hunderte menschlicher Schädel, einige alt, andre frisch, deren Haar noch daran sass, einige mit noch scharfen Zähnen und andre ohne Zähne, kurz in verschiedenen Stufen der Verwesung. Die Seemenschen wurden gefragt, wessen Schädel dies seien. Sie antworteten: „Dies sind die Köpfe von Menschen, die von den Seeräubern erschlagen worden sind. Wo immer diese Leute Prauen oder Schiffe angreifen, so kommen sie nach Singapore, um die Beute zu theilen. Hier zanken sie sich und tödten einander bei Vertheilung des Raubes. Einige ihrer Gefangenen binden sie am Rande des Strandes fest und versuchen ihre Waffen an denselben.” ...

Ueber die Unterredung mit Tuanko-Long, der heimlich aus Rhiow geholt worden war, heisst es in der Kronik:

„Mr. Raffles benahm sich mit grosser Höflichkeit und Hochachtung gegen Tuanko-Long. Ersterer begann das Gespräch mit einem Gesicht von Lächeln umkränzt, sehr liebreich und seinen Kopf neigend, kurz, sein Benehmen war süss, wie ein Meer von Honig. Wäre eines Menschen Herz von Stein gewesen, so hätte es schmelzen müssen beim Hören der sanften, süssen Worte des Mr. Raffles. Seine Stimme war wie entzückende Musik und darauf berechnet, Angst und Misstrauen aus den innersten Gedanken zu verscheuchen. Wie die tobende See, die gegen ein Korallenriff anprallt, sich legt, wie auf den herumschweifenden Wind in dunkler, stürmischer Nacht stilles, heiteres Wetter mit milden, duftigen Lüften folgt, im goldenen Licht eines vollen Mondes, so war die Wirkung der Aufrichtigkeit und Offenheit Mr. Raffles' auf Tuanko-Long. Freude verdrängte plötzlich den Kummer und sein Antlitz übergoss sich mit Huld. Sobald Mr. Raffles diese Veränderung wahrnahm, stand er auf, ergriff Tuanko-Long bei der Hand, führte ihn in eine Privat-Kajüte, wo sie bei verschlossenen Thüren zusammen sprachen, so dass Niemand den Gegenstand ihres Gespräches kennt. Nachdem sie also einige Zeit eingeschlossen gewesen, erschienen sie wieder, beide mit lächelndem Antlitz und einander die Hände gebend.”

Darauf landete Raffles mit Tuanko-Long, der immer noch grosse Angst hatte, dass man ihn als Gefangenen nach Kalkutta bringen wolle. Tuanko musste seine kostbarsten Kleider anlegen, worauf ihn Raffles im Namen des General-Guvernörs von Indien zum König von Singapore proklamirte, mit dem Titel „Sultan Mohamed Schah von Singapore und den dazu gehörenden Buchten, Flüssen und Provinzen.”

Sobald Tuanko-Long Sultan von Singapore geworden war, trat er es an die Englische Kompanie ab; er erhielt dafür einen Monatsgehalt von 416-1/4 Dollars, der Tumongong die Hälfte. Später wurden die Gehalte bezüglich auf 1000 und 700 Dollars erhöht.

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Wie glänzend auch die von Raffles für seine Schöpfung gehegten Erwartungen sich erfüllten, so scheint doch Alles anzudeuten, dass in den nächsten Jahrzehnten der Verkehr in jenen Meeren sich noch in viel schnellerem Maasse entwickeln wird als bisher. Und in demselben Maasse wird auch die Bedeutung von Singapore als Zentralpunkt der dortigen Schifffahrt zunehmen. Es scheint bestimmt, im fernen Osten ein zweites Cowes werden zu sollen.[35]

Beim Anblick der bunten, ungewöhnlichen Flaggen, die auf der Rhede von Singapore neben einander wehen, wird man unwillkürlich angeregt zur Betrachtung der grossen Veränderungen, die in den Ländern des fernen Ostens in neuester Zeit stattgefunden haben. In Europa erregen sie, ausgenommen bei den am Seehandel Betheiligten, durchaus nicht die Aufmerksamkeit, welche ihre der Erschliessung eines neuen Welttheils gleichkommende Bedeutung verdient. Ein schneller Ueberblick derselben wird daher gewiss von Interesse sein:

Bei der Gründung Singapores bestand in Vorder-Indien noch das Privilegium der ostindischen Kompanie, der Handel mit China war ein Monopol derselben und fand nur unter grossen Beschränkungen der chinesischen Regierung statt. Japan,[36] Cochinchina, Anam, Siam, Birma waren gänzlich, die holländischen und spanischen Kolonien, ebenso wie die englischen mehr oder weniger gegen fremde Flaggen verschlossen, und in den nicht unter europäischer Oberhoheit stehenden Malayenländern wurde mehr Seeraub als Handel getrieben.

Gegenwärtig ist Vorderindien frei von allen Privilegien und Monopolen (mit Ausnahme des Opiummonopols) und macht Riesenfortschritte. Nach Unterdrückung des furchtbaren Militäraufstandes hatten die Engländer zu wählen zwischen dem alten brutalen Mittel, ihre Herrschaft durch ruinöse Militärgewalt aufrecht zu erhalten, und dem kühneren, staatswissenschaftlichen, durch Entwicklung der natürlichen Hülfsquellen, milde Verwaltung, Schutz des Eigenthums, die Bevölkerung an sich zu fesseln. Sie wählten das letztere, und der Erfolg ist ein beispielloser in der Kolonialgeschichte! Eine nach dem Kriege aufgenommene Anleihe von 100 Millionen wurde hauptsächlich auf grossartige Eisenbahnbauten, Kanalisation, Strassenbau und ähnliche produktive Anlagen verwendet; grosse Gebiete unfruchtbaren Steppenlandes wurden durch Bewässerung in reichen Kulturboden verwandelt. In den letzten Jahren vor der Revolution hatte die Ostindische Kompanie trotz allen Monopolen und drückenden Steuern ein jährliches Defizit von 14,000,000 £ (fast 100 Millionen Thaler); die schweren Steuern wurden ermässigt und geben seitdem einen viel grösseren Ertrag, so dass schon 1863 das indische Budget, nachdem 6 Millionen auf Tilgung der Staatsschuld und 31 Millionen auf öffentliche Bauten (namentlich Strassen) verwendet worden, einen ~Ueberschuss~ ergab!

Nur durch die schnelle Anlage von Verkehrsmitteln war es Indien möglich, so grossen Vortheil aus der Baumwollenkrisis zu ziehen. Die Indier fühlen sich jetzt mit Stolz als britische Unterthanen und haben alle Ursache dazu, da Alle, Weisse und Indier, vor dem Gesetz gleich sind.

Birma, das vor 40 Jahren ein Seegestade von 1200 Miles, von Bengalen bis Junk-Ceylon besass, hat durch zwei Kriege (1825 und 1852) seine sämmtlichen Küstenprovinzen an die Engländer verloren und ist jetzt ein ohnmächtiger Binnenstaat. Seitdem haben sich aber Akyab, Bassein und namentlich Rangun unter liberaler englischer Verwaltung zu wichtigen Handelsplätzen erhoben, durch welche die grosse Reisproduktion des Irawaddideltas erst ihren normalen Werth im Welthandel findet. Durch einen 1865 abgeschlossenen Vertrag ist auch der Irawaddi den Europäern geöffnet worden, der wohl bald eine der wichtigsten Wasserstrassen der Welt werden wird, weil er die südwestlichen Provinzen Chinas direkt mit dem Meere verbindet. Der aufgeklärte König von Siam, durch das Schicksal Birma's gewarnt, schloss rechtzeitig (1856 und später) mit den europäischen Mächten Verträge, die denselben das bisher verschlossene Land eröffneten.

In Cochinchina sind die Franzosen auf ihre Weise bemüht, eine Kolonie zu gründen; sie haben Festungen und Kasernen erbaut und machen durch ihre Militärmacht ihren Einfluss auf Cambodia und Anam geltend. Ob sie neben dem Ruhm für die Idee des Christenthums und der Civilisation gekämpft zu haben, auch materielle Vortheile erzielen werden, muss die Zukunft lehren.[37] Jedenfalls wird die Bedeutung Saigons schnell zunehmen, da es ein äusserst fruchtbares Hinterland mit dichter, arbeitsamer Bevölkerung hat, die bisher allen Rechtsschutzes entbehrte. Auch hier ist bis jetzt Reis fast der einzige Ausfuhrartikel.

In China sind seit dem Vertrag von Tien-tsin 13 Häfen geöffnet (die auf Hainan und Formosa einbegriffen) und der Verkehr wächst mit reissender Schnelligkeit.[38] Englische, amerikanische und deutsche Rhederei haben die Junken fast ganz vom Küstenhandel verdrängt, und tief ins Innere des Reichs, den Yantsekiang hinauf, dringt amerikanische und englische Dampfschifffahrt. Spanische, französische und holländische Schiffe, durch schützende Tarife in ihren eignen Kolonien verwöhnt, scheinen die freie Konkurrenz nicht ertragen zu können, und sind bis jetzt verhältnissmässig wenig betheiligt. Russland hat an der Mündung des Amur eine Kolonie errichtet. Alle Versuche Japans, trotz der eingegangenen Verträge wieder in seine alte Abgeschlossenheit zurückzukehren, erzielen das Gegentheil dessen, was sie bezwecken, da jede Vertragsverletzung neue Zugeständnisse für die Fremden zur Folge hat. Nur Korea ist noch ebenso verschlossen wie immer, aber der Unternehmungsgeist der Kaufleute in Japan, Niutschwang und Nikolajewsk wird dies gewiss nicht viel länger dulden. Die Spanier haben in den Philippinen ihre Tarife ermässigt und neben Manila, dem einzigen Hafen, in welchem bisher der Verkehr mit dem Auslande gestattet war, vier neue Häfen eröffnet: Sual auf Luzon, Yloylo auf Panay, Cebu auf der gleichnamigen Insel, und Zamboanga auf Mindanao, Durch die Gründung von Sarawak hat sich auf der N-W.-Küste von Borneo mit ihrem Antimon- und Kohlenreichthum und ihren Sagowäldern ein beträchtlicher Handel entwickelt und wenn auch Labuan seinen ursprünglichen Zweck, die Seeräuber der Nord- und Westküste in Zaum zu halten, schlecht erfüllt, so wird es durch seine reichen Kohlenlager, die erst jetzt im Grossen ausgebeutet werden, und für 2 £ per ton nach Singapore und Hongkong geliefert werden können, sehr zur Vermehrung der Dampfschifffahrt beitragen.[39] In Niederländisch-Indien scheint dem früher so gepriesenen „Kultur-System”, einem genial ausgedachten mit Konsequenz durchgeführten System von Regierungsmonopolen im grössten Maasstabe trotz der bedeutenden Ueberschüsse, die es jährlich dem Mutterlande lieferte, keine lange Dauer mehr bevorzustehen, da es jetzt ausgemacht ist, dass die Ueberschüsse nur durch die seit Jahren immer steigenden Kaffeepreise erzielt werden. Fallen die Kaffeepreise, so fällt das Kultursystem, durch welches bis jetzt europäischer Unternehmungsgeist von dem ausserordentlich reichen Felde, das ihm Niederländisch-Indien darbietet, fast gänzlich ausgeschlossen war. Australiens Bedeutung wächst mit der nur den Goldländern eigenen Schnelligkeit, Queensland hat fast die Nordküste erreicht, eine neue Kolonie wird westlich vom Golf von Carpentaria errichtet; bestätigt es sich, dass das Klima dort weniger ungünstig ist als an andern Punkten dieser Küste, so wird sie gewiss schnell Bedeutung erlangen.

Erwägt man, dass China mit einer Bevölkerung von mehr als 400 Millionen, Japan mit 50 Millionen, Cochinchina, Anam, Siam, Birma mit wenigstens 25 Millionen hermetisch verschlossen waren und erst jetzt in den allgemeinen Weltverkehr hineingezogen worden sind, so lässt sich wohl voraussehen, dass in jenen Meeren Handel und Schifffahrt einen Aufschwung nehmen müssen, wie er in der Geschichte ohne Beispiel ist. Kein Wunder, wenn die Seemächte bemüht sind, sich dort neue Stützpunkte zu schaffen, um sich einen Antheil an der reichen Ausbeute zu sichern.

Die neue auf gesunden Freihandelsprinzipien gegründete Kolonialpolitik hat in jenen Meeren beispiellos glänzende Erfolge erzielt. Statt nach dem Kriege grosse Gebietsabtretungen zu verlangen, die nur durch kostspielige Militärverwaltung zu behaupten gewesen wären, begnügte man sich in China, Japan, Siam mit dem Raum zur Errichtung von Kontoren und Speichern, die den Regierungen nichts kosten als die Besoldung der Konsulate. Unter solchen Verhältnissen ist Shanghai, an der Mündung des Yantsekiang, erst 1844 den Europäern geöffnet, in 20 Jahren der grösste Handelsplatz von ganz Asien geworden, -- nur London, Liverpool und Neu-York übertreffen es noch an Tonnenzahl.

So schlagenden Beispielen gegenüber kann sich die eifersüchtige Monopol- und Exklusionspolitik, wo sie noch als ein Vermächtniss aus früherer Zeit besteht, nicht mehr lange halten. Freisinnigere, humanere Anschauungen kommen immer mehr zur Geltung, und ihnen gehört die Zukunft um so sicherer, als nicht Wohlwollen, sondern Eigennutz zu ihrer Annahme zwingt. Die gegenseitige Eifersucht tritt nur noch da zu Tage, wo es sich um Gründung neuer Kolonien handelt. Denn obgleich diese in den ersten Jahren immer grosse Kosten verursachen und gewöhnlich, wenn sie herangewachsen sind, nicht gern die Bevormundung des Mutterstaats ertragen, so ist ihre Gründung für diesen dennoch ein grosser Gewinn: die eingeborne Bevölkerung wird von Anfang an an die Produkte des Mutterlandes gewöhnt; die Schifffahrt des letzteren, seine Industrie, sein Handel nehmen einen grossen Aufschwung. Die Ansiedler lernen die Hülfsmittel des Landes, die Produkte, den Geschmack der Eingebornen kennen und leiten den Handel in eine Bahn, aus welcher fremde Nationen gewöhnlich nur einen geringen Theil abzulenken vermögen.[40]

Die Erwartungen für die Zukunft gestalten sich aber noch viel glänzender, wenn man einen zweiten Faktor in Betracht zieht: ein grosser Theil der Bevölkerung der neu erschlossenen Länder war unter dem Druck unbeschränkter Willkürherrschaft besitzlos. In China hatten Vorurtheil und die gegen die Auswanderung errichteten Schranken die Arbeitskräfte der ungeheuren Volksmenge so aufgestaut, dass sie wie in einem abgeschlossenen See stagnirten und einen so geringen Werth hatten, dass der angestrengteste Fleiss, verbunden mit der grössten Sparsamkeit und Genügsamkeit kaum ausreichende Mittel für das blosse Leben gewährten. Wie sehr aber werden Verkehr und Handel zunehmen, wenn diese latenten Arbeitskräfte durch Auswanderung auf den günstigsten Boden versetzt, unterstützt, von europäischem Kapital, das immer mehr seine Scheu vor fernen Unternehmungen verliert, sich dem Anbau von Kolonialprodukten widmen; dann werden Millionen von Proletariern zu Konsumenten werden.

Alles scheint darauf hinzuweisen, dass die Ausbreitung der Chinesen wenigstens über die heissen Länder der Erde, wo Europäer nicht mit ihnen konkurriren können, in den nächsten Jahrzehnten sehr zunehmen wird. Ueber die indo-chinesische Halbinsel und den indischen Archipel sind sie schon jetzt zahlreich verbreitet; langsam aber stetig dringen sie in die Philippinen und in Niederländisch-Indien ein; die Nordküste von Australien bietet ihnen ein neues fruchtbares Feld, das ihnen nicht, wie in Südaustralien durch europäische Kolonisten streitig gemacht werden dürfte. Die Zuckerproduktion von Bourbon ist hauptsächlich in Händen von Chinesen, die meist von Bombay aus dahin gingen, in Tahiti bauen sie jetzt Kaffee und Baumwolle. In Westindien haben chinesische Kulis schon auf vielen Inseln die Negersklaven ersetzt; vielleicht ist ihnen auch in den Südstaaten der Union diese wichtige Rolle vorbehalten.

Wie schnell aus einem armen Proletariat ein arbeitsames, wohlhabendes Volk werden kann, zeigt die neueste Geschichte Vorderindiens auf glänzende Weise. Von den grossen Reichthümern, welche die Baumwollenkultur während des amerikanischen Krieges nach Indien gebracht hat, ist oft in den Zeitungen die Rede gewesen (1861: Werth der Baumwolle: 900,000 £; 1862, obgleich das Quantum kaum grösser war: 1,500,000 £; 1863: 4,300,000 £ Times, 15. Februar 1864.) Weniger dürfte in Deutschland von den glänzenden Ergebnissen der Theekultur bekannt geworden sein; sie sind so überraschend, dass ich wenigstens ganz kurz einige Daten anführen möchte:

Nach einem Bericht von Sir Robt. Montgomery (Times, 16. Februar 1865) bedecken auf den westl. Vorbergen des Himalaya, wo vor 4 Jahren nicht eine Privatpflanzung bestand, die Theegärten bereits 15 Quadratmiles, und dehnen sich immer weiter aus. Zwischen den Eingebornen und den Engländern besteht jetzt das beste Einvernehmen. Erstere, vor wenigen Jahren so arm, dass sie kaum Kleider hatten, um ihre Blösse zu bedecken, zählen jetzt ihre Rupien nach Hunderten. Sie sind aus eigenem Antrieb um Errichtung von Schulen eingekommen, wo sie englisch lernen können, und wollen die Hälfte der Kosten tragen. Allein im Kangsathal bauen 47 Dörfer Thee. Immer mehr verbreitet sich der Theebau auf den Bergen, der Tabaksbau in den Ebenen, in kleinen von den Eingebornen angelegten Gärten und bringt allgemeinen Wohlstand unter die Bevölkerung. Diese Distrikte, die früher der Regierung bedeutende Unkosten machten, gewähren ihr jetzt grosse Einkünfte. Sehr viel bedeutender ist aber die Entwicklung der Theekultur im östlichen Himalaya und in Assam (wo die Pflanze einheimisch ist).

Nassau Lees sagt in seinem aus amtlichen Quellen hervorgangenen Buch: „Tea Cultivation, Cotton and other agricultural experiments in India”: Im Jahre 1862 vertheilte die Regierung gratis 89 Tons (= 199,360 ℔ Engl.) Theesamen und 2,400,000 Sämlinge, und doch deckte diese ungeheure Menge nicht entfernt die Nachfrage.... Er fügt die Bemerkung hinzu, die in der englischen Verwaltung jetzt als Grundsatz gilt: Sobald der Privatunternehmungsgeist einmal ordentlich von irgend einem Felde kaufmännischer Spekulation Besitz ergriffen, hat die Regierung nichts mehr dort zu schaffen. Das System der Aufmunterung ist sehr gut für den Anfang -- es kann aber zu weit getrieben werden. Würden z. B. durch das Versprechen kostenfreier Lieferung von Theesamen und -Sämlingen zu viele Personen plötzlich zu Theeunternehmungen veranlasst, so könnten sehr ernste Verwickelungen auf dem Arbeitsmarkt im westlichen Indien stattfinden.

Es tauchen oft Pläne auf zur Kolonisation tropischer Länder durch Europäer. Für Bemittelte, die Pflanzungen mit Eingebornen bewirthschaften und Produkte für den europäischen Markt bauen wollen, giebt es in Ostasien noch ein grosses, höchst ergiebiges Feld, um bei materiellem Wohlleben ein Vermögen, im glücklichen Falle sogar Reichthümer zu erwerben. Ganz besonders lockende Aussichten eröffnet ihnen die Kaffee- und Theekultur, die in ziemlicher Meereshöhe betrieben wird, ihnen also auch in klimatischer Beziehung zusagt. Für Auswanderer im gewöhnlichen Sinne aber ist dort nichts zu machen. Den Ackerbau versagt ihnen schon das Klima und als Handwerker oder Kleinhändler können sie unmöglich gegen die Chinesen aufkommen, die an Fleiss, Mässigkeit, Sparsamkeit, Schlauheit, unermüdlicher Ausdauer und rücksichtslosem Streben nach Gewinn die Europäer so sehr übertreffen. Fast alle Eigenschaften, die die Juden auszeichnen, besitzen die Chinesen in noch höherem Maasse; auch darin sind sie ihnen ähnlich, dass sie sich über alle Länder verbreiten, sich unter allen Regierungen wohl fühlen, immer zu einander halten und sich überall durch Reichthum eine hervorragende Stellung zu erringen wissen. Wie die Juden keinen Staat, so können die Chinesen keine Kolonien gründen.

Vor 25 Jahren ging der einzige Weg nach Indien um das Kap der guten Hoffnung. Um dieselbe Zeit, wo die erste transatlantische Linie versucht wurde (1838), miethete eine Gesellschaft von Privatleuten einige Dampfboote, um einen regelmässigen Dienst zwischen England, Lissabon und Gibraltar einzurichten. Sie verlor 500 £ an jeder Reise, erhielt 1840, als ihre Verluste bereits 30,000 £ betrugen, Korporationsrechte und den Postdienst nach Indien und jenseits. Dies ist der Ursprung der mächtigen Gesellschaft, deren Schiffe jetzt die Post für die iberische Halbinsel, das Mittelmeer, Indien, China, Japan, Australien besorgen. Sie erhalten dafür jährlich ungefähr 500,000 £ Subvention von der englischen Regierung.[41] Die sehr hohe Subvention hielt bis vor Kurzem alle Konkurrenz ab, so dass die Kompanie thatsächlich ein Monopol besass, dessen Uebelstände dem Publikum sehr fühlbar waren. Erst vor wenigen Jahren eröffnete die französische Gesellschaft der Messageries impériales eine Konkurrenzlinie, wodurch die bisher so hohen Preise der Peninsular- und Oriental-Company um etwa 20% fielen. Auch sind die Schiffe seitdem nicht mehr so überfüllt und die Behandlung der Passagiere ist rücksichtsvoller. Allem Anschein nach wird sich die neue Linie neben der alten halten können, da die Berichte über ihren Betrieb sehr günstig lauten. Nach dem Economist, 10. Juni 1865, hat im letzten Jahr ihr Verkehr in China und Indien an Gütern um 26-1/2%, an Passagieren 18%, an Kontanten 62% zugenommen.