Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2)

Part 27

Chapter 273,658 wordsPublic domain

Unter diesem Gespräch fieng es an unvermerkt zu tagen, und solches verursachte bei uns allen wiederum einen Lust zu schlafen, wie dann zum öftern zu geschehen pflegt. Solcher Anmuthung[528] folgten wir und thäten die Augen zu, uns noch ein paar Stund innerlich zu beschauen, stunden auch nicht ehender auf, als biß uns der Appetit der Mägen zu etlichen Dutzet kleinen Pastetlin und einem Trunk Wermut nöthigte. Als wir nun in derselben Arbeit begriffen waren, kriegten wir Zeitung, daß der Rhein die Brück hinweggenommen und noch stark mit Eis gehe, so daß niemand weder herüber noch hinüber kommen könte. Derowegen resolvirte sich Simplicius, denselben Tag mit seinen Leuten noch in der Stadt zu verbleiben, in welcher Zeit er weder den Springinsfeld noch mich von sich lassen wolte. Mit mir accordirte er, daß ich dessen Lebensbeschreibung, wie es Springinsfeld selbst erzählet, schriftlich aufsetzen solte, damit den Leuten zugleich kund würde, daß sein Sohn der leichtfertigen Courage Hurenkind nicht seie. Und dessentwegen schenkte er mir 6 Reichsthaler, die ich damals wol bedörfte; den Springinsfeld selbsten aber lude er auf seinen Hof, bei ihm auszuwintern[529], betheuerte aber gegen mir gar hoch, daß er solches nicht seiner paar hundert Ducaten halber thu, sondern zu sehen, ob er ihn nicht auf den christlichen Weg eines gottseligen Lebens bringen möchte. Wie ich mir aber seithero sagen lassen, so hat ihn der verwichne März aufgerieben, nachdem er zuvor durch Simplicissimum in seinen alten Tagen ganz anders umgegossen und ein christlichs und bessers Leben zu führen bewegt worden; nahm also dieser abenteurliche Springinsfeld auf des eben so seltzamen Simplicissimi Bauerhof, als er ihn zuvor zu seinem Erben eingesetzt, sein letztes

=Ende=.

FUSSNOTEN:

[526] =wiste=, wüßte.

[527] =schliefen=, schlüpfen, kriechen.

[528] =Anmuthung=, Anwandlung.

[529] =auswintern=, durchwintern, den Winter hindurch bleiben.

Anhang.

Der erste

Bärnhäuter,

Nicht ohne sonderbare darunter verborgene lehrreiche Geheimnus,

sowol allen denen, die so zu schelten pflegen und sich so schelten lassen, als auch sonst jedermann (vor dißmal zwar nur vom Ursprung dieses schönen Ehrentituls) andern zum Exempel vorgestellet

Samt ~Simplicissimi~ Gaukeltasche

von

~Illiterato Ignorantio~, zugenant ~Idiota~.

(=Holzschnitt=: Musikanten mit Flöte, Gambe, Harfe.)

Gedruckt im Jahre 1670.

Des ersten Bärnhäuters Bildnus.

(=Holzschnitt=: Bube aus dem Kartenspiel, auf der Erde zwischen den Beinen ein Trinkgefäß mit Buckeln.)

So sah ich aus, ich erster Bärenhäuter, Den Namen ich bekam vons Bären Haut, Den ich erschoß, daß mir nicht einmal graut, Ob ich bekam gleich dazumal viel Neider. So hoch mein Ruhm vor Zeiten war gestiegen, So tief muß er im höchsten Schimpf jetzt liegen. Man siht hieraus: was hochgeacht wird heut, Das stürzt der Neid in allzu kurzer Zeit.

~f[530]. Prorursicutius[531].~

FUSSNOTEN:

[530] ~f.~, ~fecit~.

[531] So haben beide Ausgaben; es wird zu lesen sein: ~Prorsursicutius~, aus ~prorsus~, ~ursus~, ~cutis~ gebildet: ein Bärnhäuter durch und durch.

Vom Ursprung des Namens Bärnhäuter.

Die, so den Ursprung des teutsch gegebenen Schandnamens Bärnhäuter ~per etymologiam~ ausecken[532] wollen, haben vermeint, daß vor alten Zeiten, da die alten Teutschen noch auf allerhand Häuten geschlafen, diejenige zum Spott mit diesem Namen genennet worden, die immerhin aus Faulheit auf ihrer Bärnhaut liegen blieben und nie nichts Tapfers auszurichten begehrt. Es mag sein, mir gedenkt[533] so weit hinaus nicht, daß ich Nachricht darvon geben könte; aber auf dem Schloß Hohenroth[534] hat sich ein uraltes Gemäld gefunden, davon auch beigefügtes Bildnus copiert worden, mit nachfolgendem Bericht, voraus dieser Name entsprungen:

Im Jahr 1396, als Sigismundus, damaliger ungarischer König, von dem türkischen Kaiser Celapino[535] geschlagen worden, ist ein teutscher Landsknecht aus der Schlacht in einen Wald entronnen und darin verirret.

Weil er nun noch dazu keinen Herren, keinen König, kein Geld und auch kein Hantierung oder sonst einig Mittel wuste, sich inskünftig zu ernähren, hatte er allerhand schwermüthige Gedanken; da erschien ihm ohngefähr und ehe er sichs versahe, ein abscheuliches Gespenst oder Geist, weiß nicht, obs der böse Geist selber gewesen oder nicht, und sagte, wann er ihm dienen wolte, so wolte er ihm Golds genug geben und ihn endlich gar zu einem Herrn machen.

»O ja«, antwortet der Landsknecht; »aber mit dem Geding, daß mir solche Dienste an meiner Seligkeit nicht schädlich seien.«

»Ich muß aber auch zuvor sehen«, sagte der Geist, »was du kanst und was du für eine Courage habest, damit ich mein Geld nicht umsonst ausgebe.«

Indem er solches redet, kam ein großer ungeheurer Bär daher geloffen. »Diesen«, sagte der Geist, »schieße vor den Kopf.«

Der Landsknecht war nicht unbehend, sonder traf den Bären auf die Nase, daß er über und über purzelte. Da solches geschehen war, fieng das Gespenst oder der Geist an mit ihm zu capitulieren und sagte:

»Wann du mir dienen wilst, so mustu mir sieben Jahr zu dienen versprechen und in denselbigen alle Nacht eine Stund Schildwacht um Mitternacht stehen, deine Haar und Bart weder kämpeln, noch selbige, wie auch die Nägel, nicht abschneiden, die Nase nicht schneuzen, deine Händ und das Angesicht nicht wäschen, den Hintern nicht wischen, diese Bärnhaut anstatt des Mantels und Betts brauchen und niemal kein Vatterunser beten.«

»Hingegen wil ich dich mit Commiß[536], Bier, Tabak und Brantewein versehen, daß du dich über dich selbst verwundern wirst müssen.«

Der Landsknecht gieng alles ein und sagte zum Geist: »Alles, was du mir zu unterlassen geboten hast, habe ich von Natur mein Tage niemal gern gethan; ich wasch mich nicht gern, ich bete nicht gern &c.«

Nach geschlossenem Accord begehrte der Geist seinen Namen zu wissen, um ihn in seine Roll, die er bei sich hatt, zu schreiben; als er aber eines Heiligen Namen nennete, sprach der Geist: »Dieser taug[537] mir nicht, du solst Bärnhäuter heißen wegen der Bärnhaut, damit du heut begabt bist worden.«

Darauf zog er dem Bärn die Haut ab und machte seinem Neugebornen einen Mantel daraus und führte ihn mitsamt derselben Haut und aller seiner übrigen Bagage durch die Wolken auf sein Lusthaus dahin, welches öde Schloß von dieser wunderbaren Fahrt seinen Namen bekommen haben sol.

Daselbst versahe der Landsknecht seine siebenjährige Dienste und wurde in solcher Zeit von Haut, Haar, Bart und Nägeln ein solcher abscheulicher Unflat, daß er dem Geist selbst ähnlicher sah als einem vernünftigen Menschen, der nach Gottes herrlichem Ebenbilde erschaffen worden, sonderlich wann er anstatt eines ehrbaren Mantels seine liebliche Bärnhaut um sich hatte; dann seine Haar wurden lauter Höllenzöpf[538], die ihm um die Achseln herumhiengen wie indianische Schafschwänze. Sein Bart war ~s. h.~ von Rotz, Geifer und anderer Unlust in einander gepicht wie ein grober Filzhut, seine Nägel hatten eine Gestalt wie Adlersklauen, und sein Angesicht lag so voller mistigem Unflat, daß man dem gemeinen Sprichwort nach gar wol hätte Rübsamen hineinsäen können.

Nachdem er aber die sieben Jahr beinahe überstanden hatte, kam der Geist von sich selbst und deutet ihm an, daß es nunmehr Zeit war, einmal mit ihm abzurechnen und ihn der Gebühr nach auszuzahlen[539]; doch steckte er ihm zuvor seine Hosensäcke voller Ducaten und Pistolen und befahle ihm, sich lustig zu machen und kein Geld zu sparen, sonder zu thun und zu lassen, was seinem Herzen geliebte und dem Geld wehe thät, aber dergestalt, daß er aus den Schranken des getroffenen Accords und seiner bißherigen Gewohnheit nicht scheiden solte, weil seine sieben Jahr noch nicht vollkommen verflossen waren, in denen sie sich zusammen verbunden.

Der Landsknecht gehorsamte. Da ihn aber wegen seiner greulichen Abscheulichkeit niemand aufnehmen wolte, wurde er traurig.

Nachdem er auch von einem Wirth, deren Profession ist, dem Fremden um die Gebühr Kost und Herberg mitzutheilen, abgewiesen wurde, zeigte er ihm aus dem einen Hosensack eine Handvoll Ducaten und aus dem andern eine Handvoll Duplonen und wurde darauf dessen willkommener Gast.

Der Wirth logierte ihn in ein besonder Zimmer, in welchem er ihn auch besonders tractierte, damit andere Gäste ab seiner häßlichen Gestalt kein Abscheuens haben, noch ihm seinetwegen die Herberg in kein bös Geschrei bringen solten.

In demselben mästete sich der Bärnhäuter von des Geistes Gelde aus, biß der Geist einen edlen Herren vom Lande auf der Reis begriffen zu sein wuste, der in selbiger Herberg einkehren würde; da kam er bei Nacht und malet in selbigem Zimmer alle Contrafet nach dem Leben der berühmtisten Personen, so seit Erschaffung der Welt gelebt hatten, als des Kains, Lamechs, Nimrots, Nini, Zoroastris, der Helenä, der trojanischen und griechischen Fürsten, nicht weniger Sestostris, Nabuchodonosoris, Cyri, Alexandri Magni, Julii Cäsaris, Neronis, Caligulä, des Mohamets &c., ja sogar auch deren Bildnus, so noch in die Welt kommen sollen, als der Widerchristen und anderer &c., worüber sich der Wirth nicht unbillich verwunderte; vornehmlich als der Bärnhäuter ausgab[540], er hätte diese Gemälde selbst verfertigt.

Als nun angeregter edle Herr gegen Abend seine Herberg dort nahm und seinen Wirth, der ihm bekant war, fragte: was Neues? erzählte er ihm alles, was er von seinem seltzamen Gast wuste und nicht wuste, als seinen wunderlichen Aufzug, seine große Kunst in der Malerei, und daß er Gelds vollauf hätte.

Der Herr antwortet: »Ich muß diß ohngewöhnlich Wunder morgen auch sehen, sonst werde ich euch, was ihr mir gesagt, schwerlich glauben.«

Wie er des Morgens frühe selber sahe, was er gehört hatte, befande sich zwischen ihm und dem Wirth kein anderer Unterscheid, als daß er die Kunst der Malerei besser als jener verstunde und sich dannenhero auch beides über die kunstreiche Hand und die Arbeit mehrers zu[541] wunderte; dann ihre Perfection war unvergleichlich, und indem er sahe, daß sich viel Contrafet mit denen künstlichen[542] Antiquitäten verglichen, die er allbereit anderwärtlich gesehen, glaubt er, daß die übrige auch denjenigen gleich sahen, deren Bildnus sie repräsentieren, und die er bißher noch nicht gesehen.

Er fragte den Bärnhäuter, ob er solche Arbeit gemacht hätte; derselbe aber fragte hinwiederum: wer sonst?

Der Herr sagte hierauf: »So mustu viel wissen, wann du auch die Gestalten der künftigen Menschen zu entwerfen weist.«

»Allzeit«, antwortet der Bärnhäuter, »weiß ich mehr weder[543] mancher vermeint.«

Der Herr fragte: »Wer bist du?«

Jener antwortet: »Ich bin der Oberst Bärnhäuter, ein Soldat von Fortun[544], und hab mich neulich im Krieg wider den Türken brauchen lassen.«

Weil nun diß ein neuer und noch kein schandlicher Namen war, fragte ihm der Herr auch nicht weiter nach, sonder sagte: »Ich habe drei Töchter von gleicher schöner Gestalt, welche auch ihre Mutter ihrer Aehnlichkeit wegen oft selbst vor einander nicht kennet. Ich wil dich solche sehen lassen; wirst du nun wissen, welches die Aelteste, Mittlere und die Jüngste sei, so wil ich dir eine davon zum Weibe geben, welche du unter ihnen haben wilst; wo nicht, so solst du samt deinem Vermögen mir zum Eigenthum verfallen sein.«

Da der Bärnhäuter dessen zufrieden, nahm ihn der edle Herr mit heim, ihn seine Töchter zu solchem Ende sehen zu lassen.

Der Geist aber erschien ihm wieder und sagte zum Bärnhäuter: »Wisse, dieser Herr pflegt auf solche Fäll die Jüngste in die Mitte und die Aelteste auf der linken, die Mittlere aber auf ihre rechte Seite zu stellen.«

Als er nun auf solchen Unterricht sagen konte, welches die Erst, die Ander und Dritte war, zumalen die Jüngste zum Weib begehrt, schwur der Herr alsobalden, er wolte seine Parole halten, wie es einem ehrlichen Cavalier gebühre, Gott geb was[545] die Mutter darzu sagte, und wie sich sein Kind darzu bequemte; er wolle auch die Hochzeit gleich für sich gehen lassen, ehe ein ander Gewirr[546] drein käme.

Aber der Bärnhäuter wolte nicht, sonder wendet andere Geschäften vor, doch mit Versprechen, bald wieder zu kommen, und da er einen kostbaren Ring, der hierzu gemacht war, von einander geschraubt und ein Theil darvon seiner Braut gegeben hatte, gieng er seines Wegs.

Die Jungfrau Hochzeiterin aber kleidet sich vor Traurigkeit schwarz und wünschte vergeblich, lieber allein zu leben, als sich mit dem abscheulichen Bärnhäuter zu verehlichen. Aber was halfs? Ihr Herr Vatter wolts also haben. Ihre Schwestern gönneten ihr diese Heurath; sie vexierten sie täglich mit ihrem schönen Hochzeiter und erneuerten damit stündlich und täglich die Wunden ihres ohnedas traurigen Herzens, welches sie doch alles durch Geduld überwande.

Der Geist kam hingegen wieder und führte den Bärnhäuter in den Rhein ins Bad; er richtet[547] ihm seine Haar und beschor selbige samt dem garstigen Bart auf die neue Mode und zieret ihn dergestalt auf durch besondern Anstrich, daß er sich[548] dem schönsten Cavalier vergliche.

»Jetzt gehe hin nach N.«, sagte er zu ihm, »und montiere dich wie ein rechter ehrlicher Obrister und lebe wie ein Herr; ich wil meine Schätze aufthun, die ich hierum vergraben habe, und dir Gelds genug hierzu geben.«

Weil nun dem Bärnhäuter kein erwünschterer Befehl hätt kommen können, war er desto gehorsamer.

Er hielte sich mit schönen Pferden, herrlichen Gutschen, köstlichen Kleidern und vielen Dienern in[549] Livree wie ein Großvezier, und da es dem Geist Zeit sein däuchte, stellte er sich wieder ein und sagte zu ihm: »Jetzt fahr hin und vollziehe deinen Heurath«, und damit er desto reicher erscheinen konte, füllete er ihm beide Gutschenkisten voller Gold, welches er ihm beides zur Beschuldigung[550] und zum Heurathsgut mitgab.

Also machte er sich auf die Reis und schickte einen Trompeter voran, seinem künftigen Schwähr neben Vermeldung seines Dienstes und Grußes anzuzeigen, daß ein stattlicher Cavalier auf dem Weg begriffen wäre, ihme zuzusprechen und seinem Frauenzimmer gebührend aufzuwarten, mit einem Wort, eine aus seinen Töchtern zum Gemahl zu begehren, wofern er anderst gelitten werden möchte und keine Ungelegenheit machte.

Als er nun die höfliche Antwort bekam, daß er ein lieber Gast sein würde, ist er mit seiner Suite prächtig eingezogen und wol empfangen, auch zu Bezeugung mehrerer Willfährigkeit oben an die Tafel zwischen die beide älteste Töchter gesetzt worden, welche sich auch ihm zu gefallen, weil ihn jede zu bekommen verhofft, trefflich geschmückt hatten.

Die Jüngste aber behalf sich unten an der Tafel wie ein Turteltäubchen, das seinen Gemahl verloren, sintemal sie als eine Versprochene keine Hoffnung schöpfen dörfte, diesen ansehnlichen Herrn zu bekommen, wessentwegen ihr die Schwestern mit den Augen manchen höhnischen Blick und mit Worten manchen empfindlichen und verächtlichen Stich gaben, welches ihr tief ins Herz geschnitten.

Als nun der Bärnhäuter nach Vorweisung seines vielen Golds das Jawort und unter den Töchtern von Vatter und Mutter die Wahl bekam, zumalen noch jede von den ältesten Schwestern ihn zu bekommen festiglich verhoffte, offenbarte er sich der Jüngsten durch ein Stück des von einander geschraubten Rings, davon er ihr hiebevor ein Theil zugestellt.

So hoch nun diese hierdurch erfreut wurde, so sehr erschraken hingegen jene beide, als sie sich ihrer Hoffnung so gähling beraubt sahen.

Sie wurden so bestürzt, daß sie nicht mehr wusten, was sie thäten, und ihre Eltern wurden so erfreut über der einen Tochter Glück, daß sie der andern beiden Anliegen nicht wahrnahmen, welche zugleich von Schamhaftigkeit und dem Neid gegen ihrer Schwester angefochten wurden, also daß sich die eine selbst erhenkt, die ander aber in einen Brunnen stürzte.

Also sagte der Geist, der dem Bärnhäuter ganz fröhlich erschiene: »Nun haben wir mit einander[551] ausgefischt[552]; du hast eine und ich zwo von den Töchtern bekommen, die hiebevor ihr Vatter manchem ehrlichen Cavalier versagt.«

* * * * *

=Mein hochgeehrter und ~respective~ großgünstiger lieber Leser= nehme vor dißmal hiermit verlieb und urtheile aus dieser Erzählung, was er will; alsdann werde ich verhoffentlich mit der Erläuterung hernach kommen.

=Ende.=

FUSSNOTEN:

[532] =ausecken=, gründlich herausbringen.

[533] =mir gedenkt=, ich erinnere mich.

[534] =Hohenroth=; sollte eine bestimmte Oertlichkeit gemeint sein, so ist dieselbe in der Nähe des Rheins zu suchen; ein kleines Dorf des Namens liegt in Nassau, Amt Herborn.

[535] Bekanntlich war es Bajazet ~I.~, der den König Sigismund bei Nikopolis schlug.

[536] =Commiß=, alles, was den Soldaten geliefert wird.

[537] =taug=, mhd. ~touc~, ~præteritopræs.~ zu tügen, taugen, passen, anstehen.

[538] =Höllenzopf=, eigentlich =Hollenzopf=, verworrenes und verfilztes Haar, wie es Frau Holle, als Schreckgestalt, trägt, sonst auch Wichtel- oder Weichselzopf; Adelung, Wörterb. hat »Höllenzopf«, ~plica polonica~.

[539] =auszahlen=, ~trans.~, gänzlich bezahlen.

[540] =ausgeben=, vorgeben.

[541] =mehrers zu=, wie: immer zu.

[542] =künstlich=, kunstreich.

[543] =weder=, als.

[544] =Soldat von Fortun=, der seine Stellung sich selbst und nicht etwa seinem Adel oder der Protection zu verdanken hat.

[545] =Gott geb was=, was auch.

[546] =Gewirr=, Störung, Hinderniß.

[547] =richten=, in Ordnung bringen.

[548] Im Druck fehlt: sich.

[549] =in= fehlt im Texte, es muß aber stehen, denn »er hielte sich« gehört zu »wie ein Großvezier« und nicht zu »Livree«.

[550] =Beschuldigung=, wol Druckfehler für Besoldung.

[551] =mit einander=, alle beide.

[552] =ausfischen=, ~intrans.~ einen Fang thun.

~Simplicissimi~ wunderliche

Gaukel-Tasche

Allen Gauklern, Markschreiern, Spielleuten, in Summa allen denen nöthig und nützlich, die auf offenen Märkten gern einen Umstand herbei brächten, oder sonst eine Gesellschaft lustig zu machen haben.

Verwunderlich und lustig zu sehen.

(=Holzschnitt=: Ein Jäger mit Hunden.)

Entworfen

durch obigen Autorem.

Gedruckt im Jahr 1670.

Der Autor an den Käufer und sonst jedermann.

(=Holzschnitt=: Ein Gelehrter am Schreibtisch unter Büchern, mit einem Fliegenwedel in der Hand, um die Mücken [Grillen] abzuwehren; neben ihm auf einem Tisch ein großer Humpen mit Buckeln und ein Apfel.)

Es ist in der Lebensbeschreibung des weltberufenen abenteuerlichen Simplicissimi zu sehen, daß er sich oft für einen Arzt ausgeben, aus dringender Noth, durch solch Mittel seinen täglichen Unterhalt zu schöpfen. Weil er aber weder Affen, noch Fabionen[553], noch Meerkatzen, viel weniger einen Hanswurst oder kurzweiligen Schalk vermocht[554], das Volk dardurch zu seinem Stand zu bringen, als hat er sich dieses gegenwärtigen Buchs wie einer Gaukeltaschen gebraucht, dem Volk daraus wahrgesagt, manche Kurzweil dardurch angerichtet und sich überaus wol darbei befunden. Als man ihn aber in die Karte gesehen, und nunmehr er selbst solche seine Profession abgelegt[555] hatte, seind ihm etliche seiner guten Freund angelegen gewesen[556], die auch nicht abgelassen haben, biß er dieses sein wunderbarliches Gaukelbuch herausgegeben, damit sich auch ohne ihn ehrliche und lustige Köpfe in ihren Zusammenkunften mit einander dardurch ergötzen könten. ~Vale.~

FUSSNOTEN:

[553] =Fabionen=, Paviane.

[554] =vermögen=, besitzen.

[555] =ablegen=, niederlegen, aufgeben.

[556] =angelegen sein=, wie anliegen, ersuchen, zureden.

An die Umstehenden.

(=Holzschnitt=: Ein Koch umgeben von Küchengeräth und Speisen; links und rechts zwei große Eimer oder Gemäße.)

Herbei, wer wil sein Glück zuvor gewißlich wissen, Herbei, die Müh wird ihn wahrhaftig nicht verdrießen! Er blättere herum, er suche hin und her, Wann er dann findet das, wornach steht sein Begehr,

So ist es mehr als gut; wann aber solt geschehen, Daß er auf einem Blatt dasjenige muß sehen, Was ihme nicht gefällt, so schweig er dannoch still, Wann er unausgelacht vom Umstand bleiben wil.

Gebrauch dieses Buches, so in der linken Hand gehalten werden sol.

(=Holzschnitt=: Ein Mann mit einem Korb in der Linken bedroht eine Frau, welche abwehrend den Arm gegen ihn ausstreckt, mit einem Prügel, den er in der Rechten hält.)

Wann der Artifex seine Kunst weisen[557] will, so fasset er mit seinem rechten Daumen den Griff mit No. 1, laß die Blätter nach einander herum schnappen, so erscheinet nichts als Weiß; ist dann irgend einer unter dem Umstand, der entweder gelehrt oder andächtig ist, so lässet er denselben in das zugethane Buch blasen, ergreift den Griff mit No. 2 gezeichnet, laß die Blätter abermal herumschnellen, so sihet man sonst nichts als diese Schriften; alsdann mag der Artifex sagen, der, so hinein geblasen, sei ein gelehrter oder andächtiger Mann. Alsdann bläst er selbst auf das Buch, ergreift wiederum No. 1 und zeigt der Gesellschaft wiederum eitel weiße Blätter. Ist ein Reicher unter dem Umstand, den läßt er abermal auch wie den Vorigen an das Buch blasen, folgends ergreift er No. 3 und zeiget dem Reichen, daß er viel Geld habe; hernach bläset er selbst wieder durchs Buch und weiset dem Umstand mit No. 1 nur die weiße Blätter. Ist dann einer unter dem Haufen, der ein Sparren zu viel oder zu wenig hat, den lasse er hinein blasen und weise ihm hernach durch No. 4 seine Brüder, aber zeige sie einem solchen, daß es keine Stöß setze, dann wann solches geschähe so wil ich keine Schuld davon haben. Dunkt dem Artifex, es sei ein Soldat oder Balger vorhanden, oder aufs wenigst ein solcher, der vor einen Helden gehalten sein wil, den lasse er ins Buch blasen und weise ihm vermittelst No. 5 lauter Wehr und Waffen und sage: diß ist ein Kerl, der Lust zum Krieg hat &c. Hernach blase er selbst wieder ins Buch und weise durch No. 1 abermal nur weiße Blätter. Ist aber ein Saufer oder Zechbruder vorhanden, den lasse er in das Buch blasen und weise ihm No. 6, seine geliebte Trinkgeschirr, hernach blase er selbst ins Buch und zeige ihm abermal nur weiße Blätter. Ist dann ein Jungfernknechtla bei der Gesellschaft, den lasse ins Buch blasen und zeige ihm durch No. 7, daß er eitel Knaben und Jungfrauen ins Buch geblasen, welches eine Anzeigung sei, daß er gern löffele, tanze &c.; hernach bläst er abermal wieder selber in das Buch und zeiget mit No. 1 abermal nur die weiße Blätter dem Umstand. Und so einer vorhanden, der gern spielt, den läßt er ins Buch blasen und weiset ihm hernach durch No. 8 die Karten, bläst hernach selbst wieder ins Buch und zeigt abermal nur weiße Blätter. Wann aber der Artifex die Leute zuvor nicht kennet, so wird er ja so dumm nicht sein, daß er nicht etwas aus dem Gesicht, Kleidern oder Alter abnehmen könte, als zum Exempel: die Alten haben eher Geld als die Jungen, da hingegen diese gern löffeln; wann du nur recht hiermit procedirn wirst, so wird man dich wol vor kein Hasen halten, viel weniger glauben, daß du ihrer noch mehr machest. Gehab dich wol.

(=Holzschnitt=: Zwei Männer mit einer Tragbahre mit einem Ballen Papier; darauf ein großer Humpen mit Buckeln.)

FUSSNOTEN:

[557] Im Text als Druckfehler: »wissen«.

Die Geizigen und

(=Holzschnitte=: ~I.~ Zuerst oben zwei Reihen wunderlicher [kabbalistischer?] Zeichen. -- ~II.~ Avers und Revers einer Münze: 1. eine Krone durch 5 Hände getragen mit der Umschrift: ~Dante Deo et ordinum concordia~, 2. von einem Kranz umgeben: ~Fridericus elec. Bohemiæ rex coronatur die 4. nov. anno 1619~. ~III.~ darunter eine Reihe von 6 Doppelkreisen, der innere Kreis mit einem Stern, der äußere mit einer Kugel, in verschiedener Stellung zueinander. Quer vor dem ersten Doppelkreise: ~ortas~ [~ortus~], zwischen dem ersten und zweiten: ~occas9~.)