Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2)

Part 25

Chapter 253,780 wordsPublic domain

»Da war ich nun zum allerellendesten Tropfen von der Welt worden. Der Marquetender, so mich führen, und der Feldscherer, so mich curiren solte, waren beide unwillig, und überdas muste ich Hunger leiden um einen geringen Pfenning, dann mit dem Commißbrod wurde meiner mehrmals vergessen, und bettlen zu gehen hatte ich die Kräften nicht. Indem ich mich nun allerdings darein ergeben hatte, ich müste auf dem Marquentenderwagen endlich crepirn, blickte mich wieder ein geringes Glück an, daß ich nämlich mit andern Kranken und Beschädigten mehr in die Steirmark muste, alwo wir verlegt wurden, unsere Gesundheit wieder zu erholen. Das währete, biß wir nach dem unversehenen Friedensschluß zum theil unseren Abschied kriegten, unter welchen Abgedankten ich mich auch befande, und nachdem ich meine Schulden bezahlt, weder Heller noch Pfenning und noch darzu kein gut Kleid auf dem Leib behielte.«

»Ueberdas war es mit meiner Gesundheit auch noch nicht gar richtig, in Summa da war guter Rath theuer und bei mir Bettlen das beste Handwerk, das ich zu treiben getraute. Dasselbe schlug mir auch besser zu als der ungrische Krieg, dann ich fande ein faules Leben und süßes Brod, bei welchem ich bald wieder meine vorige Kräfte eroberte, weil diejenige gern gaben, die bedachten, daß ich um Erhaltung der Christenheit Vormaur willen in Armuth und Krankheit gerathen war.«

»Als ich nun meine Gesundheit wieder völlig erhalten, kam mir drum nit in Sinn, mein angenommenes Leben wieder zu verlassen und mich ehrlich zu ernähren, sonder ich machte vielmehr mit allerhand Bettlern und Landstörzern gute Bekant- und Cameradschaft, vornehmlich mit einem Blinden, der viel bresthafte Kinder und gleichwol unter denselbigen eine einzige gerade[479] Tochter hatte, die auf der Leier spielte und nicht allein sich selbst damit ernährte, sonder noch Geld zuruck legte und ihrem Vatter davon mittheilte. In diese verliebte ich mich alter Geck, dann ich gedachte: diese wird in deiner angenommenen Profession ein Stab deines vorhandenen und nunmehr verwiesenen[480] Alters sein.«

»Und damit ich auch ihre Gegenlieb und also sie selbsten zu einem Weib bekommen möchte, überkam ich eine Discantgeige ihr zu Gefallen und half ihr beides vor den Thüren und auf den Jahrmärkten, Baurentänzen und Kirchweihen in ihre[481] Leir spielen, welches uns trefflich eintrug, und was wir so mit einander eroberten, theilte ich mit ihr ohne allen Vorthel. Die allerweißeste Stücklein Brod ließe ich ihr zukommen, und was wir an Speck, Eier, Fleisch, Butter und dergleichen bekamen, ließe ich allein ihren Eltern, dahingegen ich bißweilen bei ihnen etwas Warms schmarotzte, insonderheit wann ich etwan da oder dort einem Bauren eine Henn abgefangen, die uns ihre Altmutter auf gut bettlerisch (das ist beim allerbesten) zu säubern, zu füllen, zu spicken und entweder gesotten oder gebraten zuzurichten wuste. Und damit bekam ich sowol der Alten als der Jungen ihre Gunst, ja sie wurden so verträulich mit mir, daß ich mein Vorhaben nicht länger verbergen oder aufschieben konte, sonder um die Tochter anhielte, darauf ich dann auch das Jawort stracks bekam, doch mit dem ausdrücklichen Geding und Vorbehalt, daß ich mich, so lang ich sein Tochter hätte, nirgendshin häuslich niederlassen noch den freien Bettlerstand verlassen und mich unter dem Namen eines ehrlichen Burgersmann irgends einem Herrn unterthänig zu machen nit verführen lassen solte; zweitens solte ich auch fürderhin des Kriegs müßig stehen, und drittens mich jeweils auf des Blinden Ordre mit seiner Familia aus einem friedsamen guten Land in das ander begeben. Dahingegen versprach er mir, mich auf solchen Gehorsam also zu leiten und zu führen, daß ich und seine Tochter keinen Mangel leiden solten, ob wir gleich bißweilen in einer kalten Scheuer vorlieb nehmen müsten.«

»Unsere Hochzeit wurde auf einem Jahrmarkt begangen, da sich allerhand Landstörzer von guten Bekanten beifanden, als Puppaper[482], Seiltänzer, Taschenspieler, Zeitungssinger, Haftenmacher[483], Scheerenschleifer, Spengler[484], Leirerinnen, Meisterbettler, Spitzbuben, und was des ehrbaren Gesindels mehr ist. Ein einzige alte Scheuer war genug, beides Tafel und das Beilager darin zu halten, in deren wir auf türkisch auf der Erden herum saßen und gleichwol auf alt teutsch herum soffen. Der Hochzeiter und seine Braut muste selbst in Stroh verlieb nehmen, weil ehrlichere Gäste die Wirthshäuser eingenommen hatten, und als er murren wolte, um daß sie ihre Jungfrauschaft nit zu ihm bracht, sagte sie: «Bistu so ein ellender Narr, daß du bei einer Leirerin zu finden vermeint hast, das noch wol andere Kerl, als du einer bist, bei ihren ehrlich geachten Bräuten nicht finden? Wann du in solchen Gedanken gewesen bist, so müste ich mich deiner Einfalt und Thorheit zu krank lachen, sonderlich weil dessentwegen keine Morgengab mit dir bedingt worden.»«

»Was solte ich thun? Es war halt geschehen. Ich wolte zwar das Maul um etwas henken, aber sie sagte mir ausdrücklich, wann ich sie diß Narrenwerks halber, das doch nur in einem eitelen Wahn bestünde, verachten wolte, so wüste sie noch Kerl, die sie nicht verschmähen würden.«

FUSSNOTEN:

[475] =die Witz=, ~fem.~ wie im Mhd., der Verstand.

[476] =durch=, die Ausgaben haben als Druckfehler: »durch solche«.

[477] =~Oleum Bapolium~=, ~Oleum popoleum~, Pappelöl, aus den Knospen der Pappel bereitet als schmerzstillendes Mittel.

[478] =schmirben=, mhd. ~smirwen~, schmieren.

[479] =gerade=, gerade gewachsen.

[480] =verwiesen=, wie im Mhd. ~verwisen~, hinausgewiesen, verbannt, heimatlos.

[481] =in ihre=, zu ihrer.

[482] =Puppaper=, niedersächsisch(?) Puppenspieler, der mit Puppen sein Affenspiel treibt.

[483] =Haftenmacher=, der Hefteln und Stecknadeln macht.

[484] =Spengler=, Gürtler, Klempner.

Das dreiundzwanzigste Capitel.

Seines blinden Schwähers, der Schwiegermutter und seines Weibes wird Springinsfeld nacheinander wieder los.

»Wiewol ich dieses Possens halber noch lang hernach grandige[485] Grillen im Capitolio hatte, so war meine Leirerin dannoch so verschmitzt, listig und freundlich, daß sie mir endlich dieselbe nach und nach vertriebe, dann sie sagte, wann mir ja so viel daran gelegen wäre, so wolte sie mir gern vergönnen, ja selbst die Anstalt darzu machen, daß mir anderwärts eine Jungfrauschaft gleichsam wie im Raub zu theil werden müste; aber das junge Rabenaas übertrieb[486] und hielte mich so streng, daß ich anderer wol vergaß. Und eben diese ists, die mich gelernet hat, kein Tuch mehr zu einem Weib vor mich zu kaufen, wann gleich alle Tag Jahrmarkt wäre. Sie brachte es endlich auch dahin, daß ich beinahe der Knecht, sie und ihre Eltern aber die Herren über mich waren, unangesehen ich so viel mit meiner Geigen, dem Taschenspiel und anderer Kurzweil zuwegen brachte, daß ich ein fettes Maulfutter und faule Täge ohne sie hätte haben mögen. Ueberdas plagte mich die Eifersucht auch nicht wenig, weil ich vielmal mit meinen Augen sehen muste, daß sie sich viel ausgelassener und geiler gegen den Kerlen heraus ließe, als die Ehrbarkeit einer frommen Leirerin zuließe. Daß ich aber solches alles erduldete und mich endlich ganz und gar drein ergeben konte, war die Ursach, daß ich meinem Alter nicht trauete, besorgende, dessen herannahende Gebrechlichkeit möchte mich etwan in eine Krankheit werfen, in deren ich alsdann von aller Welt verlassen sein würde, wann ich diß mein ehrlich Weib und ihre ehrbare Freundschaft vorn Kopf stieße, welche gleichwol bei 300 Reichsthalern, das ich nur wuste, in Geld beisammen hatten, solches auf dergleichen Nothfall anzuwenden. Ja, was mehr ist, ich ließe endlich mein Weib als ein junges geiles Ding grasen gehen, wo es wolte, weil ich selbst nit viel mehr möchte, und machte mir hingegen die faule Täg mit Essen und Trinken zu nutz. Endlich verhartet ich in diesem Spenglerleben[487], darin wir gar verträulich mit einander zu hausen anfiengen, daß ich zuletzt keiner Ehrbarkeit mehr achtete.«

»Indessen haben wir Unter- und Oberösterreich, das Ländlin der Ens, das Erzbisthum Salzburg und ein gut Theil von Baiern durchstrichen, alwo mir mein Schwähervatter an einem Schlagfluß erstickt. Die Mutter folgt ihm hernach und ließe uns fünf ellende Krüppel zu versorgen. Der älteste Sohn wolte Herr vor sich selbst sein und das Almosen allein suchen; das ließen ich und mein Weib gern geschehen. Zu den übrigen vieren aber hatten wir zweinzig Meister vor einen; es waren aber nur starke Bettlerinnen, die solche zu sich nahmen, das Almosen mit ihrer Armseligkeit einzutreiben. Wir ließen sie ihnen auch gern folgen, weil wir bedacht waren, unser Nahrung nicht mehr unter dem Schein ellender Bettler, sonder durch unser Saitenspiel zu gewinnen, welches reputierlicher zu sein schiene und meinem Weib, wie ich darvor halte, auch besser zuschlug.«

»Derowegen ließe ich mich und sie ein wenig besser kleiden, nämlich auf die Mode, wie Leirergesindel aufzuziehen pflegt; auch bekam ich zu meiner Gaukeltaschen etliche Puppen, damit ich hin und wieder den Bauren ums Geld ein angenehme Kurzweil machte, dann wir fiengen an und zohen nur den Jahrmärkten und Kirchweihen nach, welches unser Geld nach und nach ziemlich vermehrte. Wir saßen einsmals bei einander im Schatten an einem lustigen Gestad eines stillen vorüberfließenden Wassers, nicht nur zu ruhen, sonder auch zu essen und zu trinken, was wir mit uns trugen. Da machten wir Anschläg, wie wir auch einen Puppaperkram mit einem Glückhafen, Trillstern[488], Würfel- und Riemenspiel[489] aufrichten wolten, um unsern Gewinn damit zu vermehren, dann wir hielten darvor, wann eins nit abgieng[490], so gieng doch das ander. Unter solchem Gespräch sahe ich an dem Schatten oder Gegenschein eines Baums im Wasser etwas auf der Zwickgabel[491] liegen, das ich gleichwol auf dem Baum selbst nicht sehen konte. Solches wiese ich meinem Weib wunderswegen. Als sie solches betrachtet und die Zwickgabel gemerkt, worauf solches lag, klettert sie auf den Baum und holet herunter, was wir im Wasser gesehen hatten. Ich sahe ihr gar eben zu und wurde gewahr, daß sie in demselben Augenblick verschwand, als sie das Ding, dessen Schatten wir im Wasser gesehen, in die Hand genommen hatte. Doch sahe ich noch wol ihre Gestalt im Wasser, wie sie nämlich den Baum wieder herunter kletterte und ein kleines Vogelnest in der Hand hielte, das sie vom Baum herunter genommen hatte. Ich fragte sie, was sie für ein Vogelnest hätte. Sie hingegen fragte mich, ob ich sie dann sehe. Ich antwortet: Auf dem Baum sehe ich dich selbst nicht, aber wol deine Gestalt im Wasser.«

»Es ist gut, sagte sie, wann ich hinunter komm, so wirstu sehen, was ich habe.«

»Es kam mir gar verwunderlich vor, daß ich mein Weib solte reden hören, die ich doch nicht sahe, und noch seltzamer wars, daß ich ihren Schatten an der Sonnen wandlen sahe und sie selbst nicht. Und da sie sich besser zu mir in den Schatten näherte, so daß sie selbst keinen Schatten mehr warf, weil sie sich nunmehr außerhalb dem Sonnenschein im Schatten befand, konte ich gar nichts mehr von ihr merken, außer daß ich ein kleines Geräusch vernahm, das sie beides mit ihren Fußtritten und ihrer Kleidung machte, welches mir vorkam, als wann ein Gespenst um mich herummer gewesen wäre. Sie setzte sich zu mir und gab mir das Nest in die Hand. Sobald ich dasselbige empfangen, sahe ich sie wiederum, hingegen aber sie mich nicht. Solches probierten wir oft mit einander und befanden jedesmal, daß dasjenige, so das Nest in Händen hatte, ganz unsichtbar war. Darauf wickelt sie das Nestlein in ein Nastüchel, damit der Stein oder das Kraut oder Wurzel, welches sich im Nest befande und solche Würkung an sich hatt, nicht heraus fallen solte und etwan verloren würde, und nachdem sie solches neben sich gelegt, sahen wir einander wiederum wie zuvor, ehe sie auf den Baum gestiegen. Das Nestnastüchel sahen wir nit, konten es aber an demjenigen Ort wol fühlen, wohin sie es gelegt hatte.«

»Ich muste mich über diese Sach, wie leicht zu gedenken, nicht wenig verwundern, als warvon ich mein Lebtage niemalen nichts gesehen noch gehöret. Hingegen erzählte mir mein Weib, ihre Eltern hätten vielmal von einem Kerl gesagt, der ein solches Nest gehabt und sich durch dessen Kraft und Würkung ganz reich gemacht hätte; er wäre nämlich an Ort und Ende hingangen, da viel Geld und Guts gelegen, das hätte er unsichtbarer Weis hinweg geholet und ihm dardurch einen großen Schatz gesamlet; wann ich derowegen wolte, so könte ich durch diß Kleinod unserer Armuth auch zu Hülf kommen. Ich antwortet: Diß Ding ist mislich und gefährlich, und möchte sich leicht schicken, daß sich irgends einer fände, der mehr als andere Leut sehen könte, durch welchen alsdann einer ertappt und endlich an seinen allerbesten Hals aufgehenkt werden möchte. Ehe ich mich in eine solche Gefahr begeben und allererst in meinen alten Tagen wiederum aufs Stehlen legen wolte, so wolte ich ehender das Nest verbrennen.«

»Sobald ich diß gesagt und mein Weib solches gehöret hatte, erwischte sie das Nest, gieng etwas von mir und sagte: Du albere alte Hundsfutt, du bist weder meiner noch dieses Kleinods werth, und es wäre auch immer schad, wann du anderster als in Armuth und Bettelei dein Leben zubringen soltest. Gedenke nur nicht, daß du mich die Tage deines Lebens mehr sehen, noch dessen, was mir diß Nest eintragen wird, genießen sollest.«

»Ich hingegen bat sie, wiewol ich sie nit sahe, sie wolte sich doch in keine Gefahr gehen, sonder sich mit deme genügen lassen, was wir täglich vermittelst unsers Saitenspiels von ehrlichen Leuten erhielten, dabei wir gleichwol keinen Hunger leiden dörften. Sie antwortet: Ja, ja, du alter Hosenscheißer, gehei dich[492] nur hin, und brühe[493] deine Mutter! &c.«

FUSSNOTEN:

[485] =grandig=, heftig, außerordentlich.

[486] =übertreiben=, übermäßig in Anspruch nehmen.

[487] =Spenglerleben=, ein faules Vagabundenleben, wie es die bettelhaften Spengler führen. Vgl. Spengler, schwäbisch, soviel wie träges Gähnen.

[488] =Trillstern=, Drehscheibe, eine Art Roulette.

[489] =Riemenspiel=, =Riemenstechen=, ein derartig künstlich zusammengerollter Riemen, daß jemand, der hindurchstechen will, stets vorbeisticht.

[490] =abgehen=, einschlagen, gelingen.

[491] =Zwickgabel=, gabelförmiger Zweig.

[492] =sich geheien=, sich quälen, sich abmühen, dann auch in der Bedeutung: sich packen.

[493] =brühen=, necken, foppen.

Das vierundzwanzigste Capitel.

Was die Leirerin vor lustige Diebsgriff und an anderen Possen angestellt, wie sie ein unsichtbarer Poltergeist, ihr Mann aber wieder ein Soldat gegen dem Türken wird.

»Als ich nun mein leichtfertig Weib weder mehr hören noch sehen konte, schrie ich ihr gleichwol nach, sie solt ihren Bündl oder Pack auch mitnehmen, welchen sie bei mir liegen lassen; dann ich wuste wol, daß sie kein Geld darinnen, sonder unser Baarschaft in ihrer Brust vernähet hatte. Demnach gieng ich den nächsten Weg gegen der Hauptstadt desselbigen Landes, und wiewol ihr Nam fast geistlich[494] tönet, so gieng ich doch hinein, meine Nahrung mit dem Ton meiner weltlichen Schalmei und Geigen darin zu suchen.«

»Damals fanden sich venetianische Werber daselbsten, welche mich dingten, daß ich ihnen mit meinem Saitenspiel und anderen kurzweilig und verwunderlichen Gaukelpossen einen Zulauf machen solte. Sie gaben mir neben Essen und Trinken alle Tag einen halben Reichsthaler, und da sie sahen, daß ich ihnen besser zuschlug als sonst drei Spielleut oder einige andere Lockvögel, die sie auf ihren Herd hätten wünschen mögen, andere zu fangen, überredeten sie mich, daß ich Geld nahm und mich stellete, als wann ich mich auch hätte unterhalten lassen. Und dieses machte, daß ich ihrer noch viel, die sonst nicht angangen wären, durch mein Zusprechen in ihre Kriegsdienste verstrickte. Unser Thun und Lassen war nichts anders als Fressen, Saufen, Tanzen, Singen, Springen und sich sonst lustig zu machen, wie es dann pflegt herzugehen, wo man Volk annimt. Aber dieses Henkermal bekam uns hernach in Candia wie dem Hund das Gras, der wol büßet, was er gefressen.«

»Als ich einsmals ganz allein auf dem Platz daselbsten stund, das schöne Bild auf der Säulen[495] allda betrachtete und sonsthin nirgends gedachte, wurde ich gewahr, daß mir etwas Schweres in Hosensack hinunter rollete, welches ein Gerappel machte, daß ich daraus wol hören konte, daß es Reichsthaler waren. Da ich nun die Hand in Sack steckte und ein Handvoll Thaler griffe, höret ich zugleich meines Weibs Stimm, die sagte zu mir: Du alter Hosenscheißer, was verwunderst du dich über diß paar Dutzet Thaler? Ich gib sie dir, damit du wissest, daß ich deren noch mehr habe, auf daß du dich zu grämen Ursach habest, um willen du dich meines Glücks nicht theilhaftig gemacht. Vor dißmal gehe hin und versaufe diese, auf daß du deines Ellends ein wenig vergessen mögest!«

»Ich sagte, sie solte doch mehr mit mir reden, mir meinen Fehler vergeben und Reguln vorschreiben, wie ich mich gegen ihr verhalten und die Versöhnung wieder erlangen solte; aber sie ließe sich gegen mir ferners weder hören noch sehen. Derowegen gieng ich in meine Herberg und zechte beides mit den Werbern und ihren Neugeworbenen im Brantwein biß in den Mittag hinein, bei welchem Imbis wir von unserem Wirth Zeitung bekamen, daß einem reichen Herrn in der Stadt viel Gold und Silber von Geld und Kleinodien ausgefischt worden wären, darunter sich tausend Reichsthaler und tausend doppelte Ducaten eines Schlags befanden. Ich spitzte die Ohren gewaltig, nahm ein Abtrittel aufs Secret, als hätte ich sonst was thun wollen, beschaute aber nur meine Thaler, deren 30 waren, und sahe ihnen an, daß mein ehelichs Weib obbemeldten reichen Zug gethan; sahe mich derowegen wol vor, damit ich keinen darvon ausgabe und mich nicht etwan selbst dardurch in Argwohn, Gefahr und Noth brächte. Aber was that mein Weib, das junge Rabenaas? Sie hat nicht nur mir, sonder bei hundert Personen unterschiedlichen Stands von ihren gestohlenen Thalern hin und wieder dem einen drei, dem andern vier, fünf, sechs, auch mehr in die Säcke gesteckt. Was nun reich, ehrlich und fromm war, das brachte das Geld seinem rechten Herrn wieder; was aber arm, gewissenlos und meines gleichen gewesen, hat ohne Zweifel sowol als ich behalten, was es in seinem Sack gefunden. Und ich kan nit ersinnen, warum sie diß gethan haben muß, es habe sich dann diese Vettel mit so schwerem Geld nicht schleppen mögen. Doch kan auch wol sein, daß sie solches per Spaß gethan, um etwas anzustellen, darüber sich die Leute zu verwundern hätten; dann als es gegen Abend kam, da das Volk aus der Salve[496] gieng und hin und wieder auf dem Platz stunde, seind bei zweihundert derselbigen Thaler von oben herunter geworfen, von den Leuten aufgelesen und mehrentheils ihrem Herrn zugestellt worden. Dieses verursachte, daß des Herrn unschuldig Gesind, welches Diebstahls halber im Verdacht und deswegen befängnußt war, wiederum auf freien Fuß gestellt wurde; und hoffte der bestohlene Herr, seine doppelte Ducaten würden auch wie die Thaler wieder hervorkommen; aber es geschahe nicht, dann das holde Gold ist viel schwerer als das Silber, und Sol[497] ist nicht so beweglich oder leichtveränderlich wie Luna.«

»Den andern Tag wurde bei einem großen Herrn ein stattlich Banquet gehalten, darbei sich viel andere große Herren und ansehenlich Frauenzimmer befanden. Diese saßen alle in einem schönen großen Saal und hatten die vier beste Spielleut in der ganzen Stadt bei sich. Da es nun bei dem Confect auch an einen Tanz gehen solte, ließe sich unversehens bei den Spielleuten auch eine Leir hören, mit großem Schrecken aller deren, die im Saal waren. Die erste, die ausrissen, waren die Spielleut selbst, als welche das Geschnarr zunächst bei ihnen gehöret und doch niemand gesehen hatten. Ihnen folgten die übrige mit großer Forcht, und ihr Gedräng wurde desto heftiger, weil sie in dem Winkel, darin die Spielleute gesessen, ein gählings Gelächter noch mehrers erschreckte, also daß wenig gefehlet, daß nicht etliche unter der Thüren erdruckt wären worden. Nachdem nun jedermänniglich den Saal erzähltermaßen geraumt hatte, sahen etliche, so vor der Thür stehen zu bleiben und von fernen in Saal zu schauen das Herz behalten, wie bißweilen ein paar Sessel, bißweilen ein paar silberner Tischbecher, Platten und ander Geschirr mit einander herum tanzten; und obgleich diß Spiegelgefecht zeitlich ein End nahm, so hatte jedoch noch lang niemand das Herz, in den Saal zu gehen, unangesehen man Geistliche und Soldaten geholet, das Gespenst entweder mit Gebet oder mit Waffen abzutreiben; den Morgen frühe aber, als man wieder in den Saal kam, und nicht ein einziger Leffel, geschweige etwas anders von Silbergeschirr nicht mangelte, ohnangesehen die ganze Tafel damit überstellet war, stärkte diese Begebenheit den Wahn des gemeinen unbesonnenen Pöfels dergestalten, daß diejenige lucke[498] Klügling, die gestern wegen der seltzamen Geschicht mit dem gestohlnen Geld gesagt hatten: So recht! so muß der Hagel in die größte Häufen schlagen, damit das Geld auch wieder unter den gemeinen Mann komme! anjetzo sich nicht scheueten, zu lästern und zu sagen: Also muß der Teufel einen Spielmann abgeben, wo man der Armen Schweiß verschwendet.«

»Noch eins muß ich erzählen, das meine andere und viel ärgere Courage als die erste Unholde meines Darvorhaltens aus lauter Rach angestellt. Sie hatte kurz zuvor einer Abtissin auf einem großen und reichen Stift zu Gefallen ihre Leir gestimmt, um derselben ein Liedlein, und zwar ein geistlichs, aufzuspielen, der Hoffnung, etwan einen halben oder ganzen Creutzer zur Verehrung zu erhalten; aber an Statt daß diese hören und ihre milde Hand aufthun solte, thät sie etwas zu streng und scharf den Mund auf und ließe hingegen mein guts Weibchen eine Predigt hören, die ihr eben so verdrüßlich als unverdaulich fiele; dann sie war eines solchen Inhalts, damit man die allerleichtfertigste Weibspersonen zu erschrecken und zur Besserung ihres Lebens zu zwingen und anzufrischen pfleget. Ach, die gute Abtissin mags wol gut gemeinet und ihr etwan eingebildet haben, sie hätte irgends eine Laienschwester zu capiteln vor sich! Ach nein, sie hatte ein ander Daus-Es[499], eine Schlang oder wol gar einen halben Teufel, deren Zung ich öfters schärpfer als ein zweischneidig Schwerd befunden habe.«

»Potz Herget, Gnad Frau, sehet ihr mich dann vor eine Hur an? antwortet sie ihr; ihr müst wissen, daß ich meinen ehrlichen Mann habe, und daß wir nicht all Nonnen oder reich sein oder unser Brod bei guten faulen Tägen essen können Hat euch Gott mehr als mich beseligt, so dankt ihm darum, und wolt ihr mir seinetwillen kein Almosen geben, so laßt mich im übrigen auch ungestiegelfritzt![500] Wer weiß, wann vielleicht nicht so viel Almosen gegeben worden wären, ob nicht mehr Leirerinn als Nonnen gefunden würden &c.«

»Mit solchen und mehr Worten schnurret sie damals darvon. Jetzunder aber hatte man auf dem Land und in der Stadt von sonst nichts zu sagen als von der Abtissin und einem Poltergeist, der sie so Tags so Nachts unaufhörlich plage, welches sonst niemand als mein Weib war. Das Erste, das sie ihr that, war, daß sie ihr die Ring des Nachts von den Fingern und die Kleider vom Bett hinweg nahm und solches in die Pfisterei[501] trug. Dem Becken[502] steckte sie die Ring an seinen Finger und legte der gnädigen Frauen Habit zu dessen Füßen, ohne daß sie dieselbe Nacht jemand gehöret oder gemerkt hätte. Und solches hat sie ohn Zweifel durch den Hauptschlüssel zuwege gebracht, den sie beim Kopf kriegt, weil er ungefähr um dieselbe Zeit verloren worden. Was nun hierdurch gleich in der Erste der guten Abtissin vor ein Verdacht zugewachsen, kan man leicht erachten. Man redete noch von vielen Sachen, damit sich das Gespenst mit der Abtissin vexirt, worwider weder Weihwasser, Agnus Dei[503] noch andere Sachen nichts helfen wolten, darvon man aber die Wahrheit außerhalb dem Kloster nicht wol erfahren konte.«