Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2)
Part 22
»Nachdem ich nun diese Bestia solcher Gestalt verlassen und unter dem Generalwachtmeister von Altringen erstlich ins Würtenbergische, folgends in Thüringen und endlich in Hessen kommen, haben wir sich daselbst mit andern Völkern mehr conjungirt und doch sonst nichts ausgericht, als daß wir wiederum wie der Schnee vergiengen. Ich selbst wurde auf einer Partei wider[385] die Schwedische gefangen, unter denen ich auch ein Musquetierer werden muste, biß mich die Kaiserlichen ohnweit Bacherach wieder erwischten, nachdem ich zuvor dem Schweden Würzburg, Werthheim, Aschaffenburg, Mainz, Worms, Manheim und andere Ort mehr einnehmen helfen. Da wurde ich in Westphalen geschickt, dem Kurfürsten von Cöln selbige Bisthumer unter dem berühmten Pappenheimer vor den Hessen beschützen zu helfen. Ich muste eine Pique tragen, welches mir so widerwärtig war, daß ich mich ehe hätt aufhenken lassen, als mit solchen Waffen lang zu kriegen. Es war mir gar nicht wie jenem Schwaben, der ein halb Dutzet solcher Stänglein auf sich nehmen wolte, dann ich hatte 18 Schuh lang zu viel an einer, derowegen trachtete ich auch alle Stund darnach, wie ich ihrer wieder mit Ehren los werden möchte. Ein Musquetierer ist zwar ein wolgeplagte arme Creatur, aber wann ich ihn gegen einen ellenden Piquenierer schätze, so besitzt er noch gegen ihm eine herrliche Glückseligkeit. Es ist verdrießlich, zu gedenken, geschweige zu erzählen, was die gute Tropfen vor Ungemach ausstehen müssen, und es kans auch keiner glauben, ders nicht selber erfährt. Und dannenhero glaube ich, daß derjenige, der einen Piquenierer niedermacht, den er sonst verschonen könte, einen Unschuldigen ermordet und solchen Todtschlag nimmermehr verantworten kan; dann ob diese arme Schiebochsen (mit diesem spöttischen Namen werden sie genennet) gleich creirt[386] sein, ihre Brigaden vor dem Einhauen der Reuter im freien Feld zu beschützen, so thun sie doch vor sich selbst niemand kein Leid, und geschicht dem allererst recht, der einem oder dem andern in seinen langen Spieß rennet. In Summa, ich habe mein Tage viel scharfe Occasionen gesehen, aber selten wahrgenommen, daß ein Piquenierer jemand umgebracht hätte.«
»Wir lagen an der Weser dort um Hameln, als ich meinen Cameraden überredet, daß er mir sein Musquete auf die Mauserei verliehe und so lang mein Pique trug, biß ich wieder käme und eine Beut mitbrächte. Es glückte mir, dann unserer drei, darunter ein Landskind war, der alle Weg und Winkel wol wuste, erkundigten einen Güterwagen, so von Bremen nach Cassel zu gehen willens und nur einen einzigen hessischen Musquetierer zur Convoi bei sich hatte; demselben giengen wir zu Gefallen allerdings biß an Harzwald, und da er an den Ort kam, wohin wir ihn gewünscht, schossen wir gleich im Angriff den Musquetierer, den Fuhrmann und den Knecht nieder, weil jeder seinen Mann gewiß vor sich genommen, spannten hernach 6 schöner Pferde aus und öffneten in der Eil von Ballen und Fassen, was wir konten, worinnen es viel Seidenwaar und englisch Tuch setzte. Das Allerbeste aber vor uns stak in einem Fäßlein voller Karten, nämlich ungefähr bei 1200 Reichsthalern, welches ich zwar fande, aber mit meinen Cameraden treulich theilte. Wir sprachen den Pferden gleichsam über ihr Vermögen zu, und indem wir in kurzer Zeit einen langen Weg hintersich legten, entronnen wir aller Gefahr und langten eben bei den Unserigen wieder an, als Pappenheim sich fertig gemacht, den Bannier vor Magdeburg hinweg zu schlagen.«
»Gleichwie nun dieser in Unordnung aufbrach, davon zu fliehen, ehe wir recht an ihn kamen, also konte solches so eilends nicht geschehen, daß er uns von seinem Nachzug nicht etlich hundert Mann auf dem Platz lassen muste. Und nachdem wir alles wol ausgerichtet, die Guarnison zu uns genommen[387] und der Stadt oder vielmehr des Steinhaufens Befestigung an Wällen und Bollwerken ziemlich ruinirt und zersprengt hatten, brachte ich von meinem Hauptmann, weil ich ohnedas nicht ihm, sonder unter ein Regiment Dragoner gehörig, welches sich damals bei den Tillyschen befande, mit einer leidenlichen Verehrung zuwegen, daß er mich entließe.«
»Also wurde ich meiner verdrießlichen Pique wieder los, montierte mich und einen Knecht zum besten und nahm bei einem Regiment zu Pferd vor einen Freireuter Aufenthalt, so lang biß ich wieder zu meinem Regiment, darunter ich gehörte, gelangen möchte.«
FUSSNOTEN:
[380] =einen großen Schallen=, so wird zu lesen sein statt »Schollen«: lachte, daß es laut schallte.
[381] =Guckgaucherei=, Thorheit (vgl. Guckgauch, Kukuk).
[382] =abgeführt=, (zum Schlechten) angeleitet, ausgelernt.
[383] =~insationabilis~=, Springinsfeld will sagen ~insatiabilis~, unersättlich.
[384] =Unholde=, Unholdin, Hexe.
[385] =wider=, die Drucke haben »unter«.
[386] =creirt=, geschaffen, bestimmt.
[387] =zu uns genommen=, gefangen genommen.
Das vierzehnte Capitel
erzählet Springinsfelds ferner Glück und Unglück.
»Bei diesem Corpo genosse ich des Pappenheimers Glückseligkeit, der nach diesem glücklichen Streich in Westphalen herum fuhr wie eine Windsbraut, und das war ein Leben vor mich, dergleichen ich mir vorlängst eins gewünscht hatte. Als er die Städte Lemgau[388], Herfort, Bielefeld und andere um Geld schätzte, bestahl ich hingegen da und dort die Dörfer und Bauren auf dem Land. Als wir aber Paderborn einnahmen, setzte es bei mir zwar keine Beut, aber da wir den Bannier mit seinen vier Regimentern überfielen und Herzog Georg von Lüneburg putzten, folgte das Glück meiner gewohnlichen Verwogenheit und schaffte mir desto mehr Raubs. Vor Stade, alwo wir den schwedischen General Todt hinweg schlugen und es allerdings machten wie hiebevor zu Magdeburg, bekam ich einen Rittmeister gefangen und mit demselbigen ein göldene Kette von 300 Ducaten. Darneben brachten ich und mein Knecht so viel Pferde zusammen, daß ich mich gar wol vor einen Roßhändler hätte ausgeben dörfen; und dieweil sich mein Geld und Glück zugleich mit vermehrte, fieng ich an zu gedenken, ob ich nicht auch ein Officier abgeben würde.«
»Nirgendhin gelangten wir, da wir nit siegten und Ehr einlegten, außer daß wir die Holländer aus ihren Schanzen vor Mastricht nit schlagen konten. Den Hessen und den Bavadis[389] berupften wir gleichsam wie wir wolten, und den Lüneburger, der Wolfenbüttel einzunehmen sich bemühete, lehreten wir einen Sprung, daß er sich selbst unter das braunschweigische Geschütz in Schutz geben müste. Nachdem wir aber Hildesheim bezwungen, eilete unser Pappenheimer zu dem Wallensteiner und künftiger Schlacht vor Lützen wie zu einer Hochzeit, in welcher aber beiderseits allertapferste Helden und berühmteste Generalen ihrer Zeit gleichsam mitten in ihrem Glückslauf anstatt der Lorberkränze mit Myrrhen und Rauten[390] bekrönet worden.«
»Nachdem nun daselbsten der große Gustavus Adolphus und unser berühmte Pappenheimer, beide ritterlich streitend, ihr Leben zu =einer= Zeit in =einem= Flügel gelassen, wie dann der Graf kaum eine viertel oder halbe Stund länger als der König gelebt haben soll, sihe, da erhub sich ererst die wüthende Grausamkeit beiderseits fechtender Soldaten. Jedwedere Seite stund vor sich selbst so fest als eine unbewegliche Maur, und was von der Battalia todt niederfiele, machte mit den entseeleten Körpern seiner standhaften Partei eine Brustwehr biß an den Nabel; gleichsam als wann selbige Wahlstatt, um willen[391] sie mit zweier so tapferer Helden martialischen Blut angefeuchtet worden, eine sonderbare Kraft und Würkung empfangen, beides die auf sich habende Todte und Lebendige zu demjenigen anzufrischen und zu entzünden, was ein rechtschaffner Soldat in dergleichen Occasionen zu leisten schuldig, maßen beide Theil in solcher Beständigkeit verharreten, biß die stockfinstere Nacht den übrig verbliebenen abgematten Rest selbiger streitbaren Kriegsheer von einander sonderte.«
»Wir giengen noch dieselbige Nacht gegen Leipzig und folgends in Böhmen, wie die Flüchtige, unangesehen unser Gegentheil die Kräfte nit hatte, uns zu jagen; und da ichs beim Liecht besahe, wurde ich gewahr, daß ich in der Schlacht meinen Knecht und bei der Bagage meinen Jungen samt allem, was ich vermocht[392], verloren. Den letztern Schaden zwar hatten mir unsere eigne Völker zugefügt, und demnach solches auch andern mehr widerfahren, als seind von den Thätern auch viel aufgeknüpft worden; wordurch ich gleichwol das Meinig nit wieder bekam.«
»Diese Schlacht und darin erlittener Verlust war nur der Anfang und gleichsam nur ein Omen oder Präludium desjenigen Unglücks, das noch länger bei mir continuiren solte; dann nachdem mich die Altringische erkanten, muste ich wieder unter demjenigen Regiment ein Dragoner sein, worunter ich mich anfänglich vor einen unterhalten lassen; und solcher Gestalt hatte nicht allein meine Freireuterschaft ein End, sonder weil ich auch alles verloren außer dem, was ich am Leib darvon gebracht, so war auch die Hoffnung pritsch[393], ein Officier zu werden.«
»In diesem Stand hab ich wie ein redlicher Soldat Memmingen und Kempten einnehmen und den Schwedischen Forbus[394] striegeln helfen, in allen diesen dreien Occasionen aber kein andere Beut als die Pest an Hals bekommen, und zwar allererst als wir mit dem Wallenstein in Sachsen und Schlesien gangen. Unserer zween von meiner Compagnie verblieben an dieser abscheulichen Krankheit zuruck, leisteten einander auch in unserm Ellend getreue Gesellschaft. Wann ich die erbärmliche Zufäll betrachte, denen ein Soldat unterworfen, so gibt mich Wunder, daß dem einen und andern der Lust in Krieg zu ziehen nit vergehet. Aber viel ein mehrers verwundert mich, wann ich sehe, daß alte Soldaten, die allerhand Unglück, Leiden und Noth ausgestanden, viel erfahren und zum öftern ihrem Verderben kümmerlich entronnen, dannoch den Krieg nicht quittiren, es seie dann, daß er selbst ein Loch gewinne[395], oder ihre Personen nichts mehr taugen, ferners in demselbigen fortzukommen und auszuharren. Nicht weiß ich, was vor eine Art einer sonderbaren unbesonnenen Unsinnigkeit uns behaftet; schätze wol, es seie ein Art derjenigen Thorheit, damit sich die Hofleute schleppen, welche dem Hofleben, darwider sie doch täglich murren, nicht ehender resigniren, als biß sie solches mit ihres Prinzen Ungnad aufgeben müssen, sie wollen oder wollen nicht.«
»Wir verharreten in einem Städtlein, welches auch mit unserer Contagion behaftet war, und zwar bei einem Barbierer, der unsers Gelds gleichwie wir seiner Arzneimittel bedörftig, wiewol beide Theil desjenigen, so das ander mangelte, wenig übrig hatte, dann der Barbierer war arm und wir waren nicht reich; derowegen muste meine göldene Kette, die ich hiebevor vor Stade erwischt, täglich ein Gleich[396] nach dem andern hergeben, biß wir wieder gesund wurden. Und als wir wieder zu reuten getrauten, machten wir sich auf den Weg, uns durch Mähren in Oesterreich zu begeben, alwo unser Regiment gute Winterquartier genosse.«
»Aber sihe, kein Unglück allein, wann es anfangt zu wüthen. Wir beide Schwache und noch halb Kranke wurden von einer Rott Räuber, die wir mehr vor Bauren als Soldaten hielten, angegriffen, abgesetzt[397], biß auf die nackende Haut ausgezogen und noch darzu mit Stößen übel tractirt, und konten schwerlich unser eigen Leben und vor unsere Kleider etwas von ihren alten Lumpen von ihnen erhalten, uns vor der damaligen grausamen Winterskälte zu beschützen, welches aber nicht viel mehrers thät, als wann wir uns in zerrissene Fischergarn bekleidet gehabt hätten, weil gleichsam Stein und Bein zusammen gefroren war. Ich hatte noch etliche Gleich von meiner göldenen Kette verschluckt: darauf bestund all mein übriger Trost und Hoffnung; aber ich glaub, daß ihnen der Teufel gesagt haben muß, dann sie behielten uns 2 Tag bei ihnen, biß sie solche alle aus dem Excrement bekommen, und muste ichs noch vor einen großen Gewinn halten, daß sie mir den Bauch nicht aufgeschnitten, anstatt daß sie uns endlich wieder lebendig von sich ließen. In solchem ellenden Zustand, da uns zugleich Geld, Kleider, Gewehr, Gesundheit und bequem Wetter zu unserer Reis mangelte, bewegten wir kaum etliche Leute, daß sie uns mit Nachtherberg und einem Stück Brod zu Hülf kamen, und war uns trefflich gesund, daß ich wie mein Camerad kein Niemezy[398] oder Niemey gewesen, der die slavonische Sprach nicht gekönt, sintemalen ich durch solches Parlaren[399] vom mährischen Landmann beides Essensspeis und alte Kleider erbettelte, damit wir sich, ob zwar nit ansehenlicher ziert[400], jedoch dicker wider die grimmige Winterskälte bewaffneten. Also armselig haben wir Mähren allgemach durchkrochen, viel Ellend erlitten und von dem Bauersmann, der dem Soldaten niemals hold wird, mehr spitzige Schmachreden als willige Steur und Almosen eingenommen.«
FUSSNOTEN:
[388] =Lemgau=, Lemgo.
[389] =Bavadis=, Wolf Henrich von Baudis oder Baudissin kam als Oberst mit Gustav Adolph nach Deutschland; er mußte sich damals vor Pappenheim aus Westphalen zurückziehen.
[390] =Myrrhen und Rauten=, als Leichenschmuck.
[391] =um willen=, deswegen weil.
[392] =vermögen=, im Vermögen haben, besitzen.
[393] =pritsch=, dahin.
[394] =Forbus=, vgl. die Einleitung, wo auch die sonst vorkommenden weniger bekannten Ereignisse und Namen, so weit dies möglich war, nachgewiesen worden sind.
[395] =ein Loch gewinnen=, auch sonst bei Grimmelshausen und selbst in geschichtlichen Werken, z. B. im ~Theatrum Europæum~, vorkommend, sprichwörtlich: ein Ende nehmen.
[396] das =Gleich=, Gelenk, Knoten, Absatz, z. B. an einem Rohr. Glied einer Kette.
[397] =absetzen=, vom Pferde reißen.
[398] =Niemezy=, Deutscher.
[399] =Parlaren=, Sprechen.
[400] =ziert=, geziert.
Das fünfzehnte Capitel.
Wie heroisch sich Springinsfeld in der Schlacht vor Nördlingen gehalten.
»Zu[401] unserer Hinkunft zu unserem Regiment wurden wir wieder beritten gemacht und montirt, der Wallensteiner aber zu Eger umgebracht, weil er, wie man sagte, mit der ganzen Armada zum Gegentheil übergehen, das Erzhaus Oesterreich vertilgen und sich selbst zum König in Böhmen machen wollen. Hierdurch wurde zwar diß hochlöblich erzfürstlich Haus errettet, aber zugleich auch das kaiserlich Kriegsheer, dessen Obriste zum Theil um der verfluchten Wallensteinischen Zusammenverschwörung halber vor verdächtig gehalten werden wolten, zum Gebrauch vor untüchtig geschätzt, weil man ihre Treu zuvor probieren muste. Und eben deswegen musten wir auf ein neues dem Kaiser wiederum schwören; aber dieser Verzug verursachte, daß es liederlich um den kaiserlichen Krieg anfieng zu stehen, maßen die schwedische Generalen da und dort mit Einnehmung unterschiedlicher Städte gewaltig um sich griffen, biß endlich der unüberwindlichste dritte Ferdinand, damaliger ungar- und böheimischer König, die Waffen selbst ergriffen. Dieser mustert uns und führte uns bei 60000 stark samt einer unvergleichlichen Artigleria in Bairn vor Regenspurg, welche Stadt ich hiebevor, nachdem ich mich von der Courage scheiden lassen müssen, mit List einnehmen helfen, von dannen ich mit meinem General, dem Altringer, und Joan de Werdt denen Schwedischen unter Gustav Horn entgegen commandirt worden; da es dann sonderlich zu Landshut auf der Brücke ziemlich heiß hergienge, alwo mir nicht allein mein Pferd unterm Leib, sonder auch (an welchem ein Mehrers gelegen) besagter unser rechtschaffene General von Altringen todt geschossen wurde.«
»Nachdem nun Regenspurg und Donawerth an uns übergangen und sich der hispanische Ferdinandus, Cardinal Infant, mit uns völlig conjungirt, zogen wir auf das Ries[402] und belägerten Nördlingen. Damals war ich ein unberittener und auch sonst (weil ich die Winterquartier schlecht genossen, ein Krankheit ausgestanden und lang nichts Beuthaftiges erschnappt hatte) Vermögens halber ein fast armer Schelm, so gar, daß man meiner auch nicht achtete noch mich irgendhin commandirte, als die Schweden kamen, die belägerte Stadt zu entsetzen. Indem es aber hierüber zu einem fast blutigen Treffen geriethe, gedachte ich auch eine Beut zu holen oder das Leben darüber zu verlieren, dann ich wolte viel lieber todt als ein solcher Bärnhäuter sein, der nur dastehet und zusihet, wie tapfer andere ehrlich und wol montirte Soldaten sich um den Barchet jagen[403]. Und demnach mirs gleich golte, ob Kaiser oder Schwed siegen wurde, wann ich nur mein Theil auch darvon kriegte, sihe, so mischte ich mich ganz ohne Waffen ins Gedräng, als die Victori noch in der Wag stunde und der meiste Theil der Kriegsheer mit Rauch und Staub bedeckt war. Gleich hierauf kehrte die schwedische Reuterei der Battalia den Rucken, weil sie sahen, daß ihr Sach allerdings verloren. Nachdem sie aber vom Lothringer, Joan de Werth, den Ungern und Croaten wieder zuruck gejagt wurden über eben denjenigen Ort, da ich mich befande, des Willens, in Eil die da und dort liegende Todte zu besuchen und zu plündern, wird[404] ich gezwungen niederzufallen und mich denjenigen gleich zu stellen, die ich zu berauben im Sinn hatte. Das thät ich etlichmal, biß beiderseits einander jagende Troupen den Ort passirt, quittirt und den Todten und noch halb Lebenden, deren sie abermal daselbst ziemlich sitzen ließen, allein überlassen.«
»Ich hatte mich kaum wieder aufgerichtet, als mir ein ansehenlicher wolmontirter Officier, der dort lag, sein Pferd beim Zaum hielte und den einen Schenkel entzwei geschossen, den andern aber noch im Stegreif stecken hatte, mir um Hülf zuschrie, weil er ihm selbst nicht helfen könte.«
»Ach, Bruder, sagte er, hilf mir!«
»Ja, gedachte ich, jetzt bin ich dein Bruder, aber vor einer Viertelstund hättest du mich nicht gewürdigt, nur ein einziges Wort mir zuzusprechen, du hättest mich dann etwan einen Hund genant.«
»Ich fragte: Was Volks?«
»Er antwort: Gut schwedisch.«
»Darauf erwischte ich das Pferd beim Zaum und mit der andern Hand eine Pistole von seinem eignen Gewehr und endet damit den wenigen Rest des bittenden Lebens. Und diß ist die Würkung des verfluchten Geschützes, daß nämlich ein geringer Bärnhäuter dem allertapfersten Helden, nachdem er zuvor vielleicht auch durch einen liederlichen Stallratzen ungefähr beschädigt worden, das Leben nehmen kan. Ich fande Goldstücker bei ihm, die ich nicht kante, weil ich von der gleichen Größe meine Tag noch niemalen gesehen. Sein Wehrgehenk war mit Gold und Silber gestickt, das Degengefäß von Silber gemacht, und sein Hengst ein solches unvergleichlichs Soldatenpferd, dergleichen ich meine Tag niemalen überschritten[405]. Solches alles nahm ich zu mir, und nachdem ich Gefahr merkte, also daß ich nit länger Mist bei ihm zu machen oder ihn gar auszuziehen getraute, setzte ich mich aufs Pferd, und da ich die eroberte Pistolen wieder lude, dann die Pistolenhalftern oder Büchsenscheiden, wie sie die Bauren nennen, waren nach damaligem Gebrauch genugsam mit Patronen versehen, muste ich gleichwol bei mir selbst erseufzen und gedenken: wann der unüberwindliche starke Hercules jetziger Zeit selbst noch lebte, so könte er solcher Gestalt sowol als dieser brave Officier auch von dem allergeringsten Roßbuben erlegt werden.«
»Ich rennete im vollen Galop hinter die Unserige und fand, daß sie sonst nichts mehr zu thun hatten, als todtzuschlagen, gefangen zu nehmen und Beuten zu machen, welches lauter Zeichen der erhaltenen Victori waren. Ich machte mir anderer gehabte Mühe zu Nutz und stund zu den Siegern in ihr Arbeit, da es mir zwar sonderlich nicht glückte, ohne daß ich blößlich noch so viel erschnappte, daß ich mich daraus kleiden konte. Dergleichen geringes Glück hatten auch die übrige Kerl von meinem ganzen Regiment, doch einer mehr als der ander, ohnangesehen sie tapfer gefochten hatten.«
FUSSNOTEN:
[401] =Zu=, bei.
[402] =das Ries=, Ebene im Osten von Würtemberg bis gegen Baiern.
[403] =um den Barchet jagen=; ein Stück dieses Zeuges war ein gewöhnlicher Preis beim Wettlaufen an Volksfesten. Vgl. Schmeller, Bayr. Wörterb.
[404] =wird=, ~præs.~ zu werden.
[405] =überschreiten=, besteigen.
Das sechzehnte Capitel.
Wo Springinsfeld nach der Nördlinger Schlacht herum vagirt, und wie er von etlichen Wölfen belägert wird.
»Gleichwie nun nach Erhaltung[406] dieser gewaltigen und namhaften Schlacht das große sieghafte kaiserliche Kriegsheer in unterschiedliche Länder geschickt wurde, also empfanden auch alle Provinzen, dahin diese gelangten, die Würkung des gedachten blutigen Treffens, und zwar nicht allein was das Schwert, sonder auch was der Hunger und was die Pest jedes absonderlich zu thun vermöchte, ja wie grausam die zusammen gestimmte erschröckliche Harmonia dieser gesamten dreien Hauptstrafen die Menschen zum Grab tanzen machen könne. Den Antheil meines Unglücks, damit die damalige armselige Zeit gleichsam ganz Europa heimsuchte, überstunde ich an den aller unglückseligsten Oertern, nämlich am Rheinstrom, der vor allen andern teutschen Flüssen mit Trübsal überschwemmt wurde, seitemal er erstlich das Schwert, darauf den Hunger, drittens die Pest und endlich alle drei Plagen zu einer Zeit und auf einmal tragen muste, in welcher unruhigen Zeit, die zwar viel zur ewigen Ruhe oder Unruhe befürderte, ich dem Kaiser wiederum Speir, Worms, Mainz und andere Ort mehr einnehmen halfe. Und demnach der weimarische Herzog Bernhardus damals durch die Kräfte der französischen Flügel am Rhein herum schwebte und durch sein stetigs Agirn, indem er an besagtem Fluß wie auf einer Fickmühl[407] zu spielen wuste, nit nur zu der anstoßenden Länder Ruin Ursach gabe, sonder auch zum theil die Seinige selbsten, vornehmlich aber unsere Armee, die damals Graf Philips von Mansfeld commandirte, äußerist und zwar ohne sonderliche Schwertstreich ruinirte, sihe, da büßte ich mit ein nit nur mein Pferd, das mir vor Nördlingen zugestanden, deren es, wo wir nur hin marschirten, aller Orten voll lag, den Untergang unserer Armee bezeugen zu helfen, sonder auch mein gutes Geld, das ich daselbsten bekommen; dann wann mir ein Pferd verreckte, so erhandelte ich ein anders und gab darvor meine spanische Real und Jacobiner[408], Umgicker[409] &c. vor guldene spanische und englische Kopfstücker aus, deren ein zwei oder drei silberne in meinem Sinn golte und werth war, welche auch jedermann in solchem Preis gern von mir annahm, so lang ich deren auszugeben hatte.«
»Als ich nun solcher Gestalt mit meiner Reichthum, gleichwie das ganze Land mit der seinigen, in Bälde fertig worden, gieng der kleine Rest unsers vor diesem unvergleichlichen Regiments in Westphalen; alwo wir unter dem Grafen von Götz die Städte Dortmund, Paderborn, Ham, Une[410], Kammen[411], Werl[412], Soest und andere Ort mehr einnehmen helfen. Und damals kam ich in Soest in Guarnison zu liegen, alwo ich, mein Simplice, Kund- und Cameradschaft mit dir bekommen. Und weil du selber zuvor weist, wie ich daselbst gelebt, ist unnöthig, etwas darvon zu erzählen.[413]«
»Du bist aber nicht über drei Vierteljahr zuvor vom Feind gefangen und der Graf von Götz ist kaum ein Vierteljahr aus Westphalen hinweg marschiert gewesen, als der Obriste S. Andreas, Commendant in der Lippstadt, durch einen Anschlag Soest einnahm. Damals verlore ich alles, was ich in langer Zeit zusammen geraspelt und vorm Maul erspart hatte. Solches und mich selbst bekamen zween Kerl von der Guarnison in Koesfeld, alwo ich mich auch vor einen Musquetierer gebrauchen lassen und mich so lange hinter der Maur patientirn muste, biß beides die Hessen und Französisch-Weimarische über Rhein in das Erzstift Cöln giengen, alwo es ein Leben setzte, dergleichen ich lang nachgeseufzet.«