Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2)
Part 19
Und damit hieße er mich seinen Sack aufhalten, in welchem er wol 300 zinnene Büchsen hatte; dahinein bliese er durchs Buch und sagte: »So muß man diese Kerl aufheben.«
Wiese hernach dem Umstand abermal in seinem Buch nur weiß Papier. Ließe darauf einen andern mittelmäßigen Stands hinein blasen, blättert im Buch herummer, und als eitel Würfel und Karten erschienen, sagte er: »Dieser spielt gern, hingegen ich nit, darum müssen mir die Karten wieder weg.«
Und als er selbst wieder durch das Buch geblasen, zeigte er abermal dem Umstand nur weiße Blätter. Ein Fatzvogel[321] unterm Umstand sagte, er könte lesen und schreiben, er solte ihn hinein blasen lassen, er wüste, daß alsdann schöne Testimonia erscheinen würden.
»O ja«, antwortet Simplicius, »diese Ehr kann euch gleich widerfahren.«
Hielte ihm demnach das Buch vor, ließe ihn blasen, so lang er wolte, und als es geschehen, zeigte er ihm und dem Umstand lauter Hasen-, Esels- und Narrenköpf im Umblättern und sagte: »Wann ihr sonst nichts als meine und euere Brüder habt herein blasen wollen, so hättet ihrs auch wol unterweg können lassen.«
Das gab ein solches Gelächter, daß mans über das neunte Haus hörete. Simplicius aber sagt, er müste die Unziefer wieder abschaffen, könt deren Stell wol selbst vertreten. Und mit dem bliese er wieder durch das Buch und zeigte dem Umstand wiederum wie zuvor nur weiße Blätter.
»Ach«, sagt er, »wie bin ich doch so herzlich froh, daß ich dieser Narren wieder los bin worden!«
Es stund einer dort, der allbereit mit Kupfer anfieng zu handlen[322]. Zu selbigem sagte Simplicius: »Mein, blaset doch auch herein, zu sehen was ihr könnet!«
Er folgte; und als es geschehen war, wiese er ihm und andern sonst nichts als Trinkgeschirr.
»Ha!« sagte Simplicius, »dis ist meines gleichen; der trinkt gern, und ich mache gern Gesegne Gott.«
Und damit klopfte er auf die Kandel und sagte ferner zu ihm: »Secht, mein Freund, in dieser Kandel steckt ein Ehrentrunk vor euch, der euch auch bald zu theil werden soll.«
Zu mir aber sprach er, ich solte die Gläser nacheinander einschenken, welches ich auch verrichtete. Indessen bliese er wieder durch das Buch, zeigte dem Umstand abermal weiße Blätter und sagte, so viel Trinkgeschirr könte er vor dißmal nit füllen, er hätte selber Gläser genug zu gegenwärtiger seiner einzigen Maß Wein.
Endlich ließe er einen jungen Studenten in das Buch blasen, blättert darauf und zeigte dem Umstand lauter Schriften.
»Haha«, sagte er, »bistu einmal da? Recht, ihr Herren! Diß sein meine glaubwürdige Zeugnusse, davon ich euch zuvor gesagt. Diese will ich in dem Buch lassen, gegenwärtigen jungen Herrn aber vor einen Gelehrten halten und ihm auch eins bringen, um daß er mir wieder zu meinen trefflichen Urkunden geholfen hat.«
Und damit steckte er das Buch in Sack und machte seiner Gaukelei ein Ende.
Hingegen ließe er einen aus dem Umstand eine Büchse aus dem Sack langen und sagte: »Ihr Herren habt verstanden, daß ich mich vor keinen Arzt, sonder vor einen Künstler ausgebe. Das sag ich noch, aber gleichwol kan man mich gar wol vor einen Weinarzt halten; dann die Wein haben auch ihre Krankheiten und Mängel, die ich alle curirn kan. Ist ein Wein weich und so zähe, daß man ihn aufhasteln[323] könte, so hilf ich ihm, ehe man zweinzig zählen kan, daß er im Einschenken rauschet und seine Geisterlein über das Glas hinausspringen; ist er rahn[324] und so roth wie ein Fuchs, so bring ich ihm seine natürliche Farb in dreien Tagen wieder; schmeckt er nach einem schimmlichten Faß, so bring ich ihm in wenig Tagen einen solchen Geschmack zuwegen, daß man ihn vor Muscateller trinken wird; ist er so saur, als wann er in Bairn oder in Hessen gewachsen wäre, und darneben wegen seiner Jugend oder anderer Ursachen halber so trüb, daß er die Würmlöcher stopfen und beides vor Speis und Trank, wie an theils Orten das nahrhaftig Bier, gebrauchet werden könte, sehet, ihr Herren, so mache ich ihn alsobalden, daß ihr ihn entweder vor Malvasier oder vor spanischen oder sonst vor den allerbesten oder doch aufs wenigst vor einen guten alten Wein trinken sollet. Und diese Kunst als die allerunglaublichste will ich hie gegenwärtig probirn und euch deren Gewißheit vor Augen stellen.«
Demnach thät er einer Erbsen groß aus der Büchsen in ein Glas voll Wein und rührete alles unter einander; davon gosse er in das eine Glas einen Tropfen, in das ander zwei, ins dritte drei und ins vierte vier, davon sich der Wein in den Gläsern alsobalden in unterschiedliche Farben veränderte, je nachdem er wenig oder viel Tropfen in ein jedes gegossen hatte; das fünfte Glas Wein aber, darin er nichts gegossen, verblieb wie es war, nämlich ein neuer trüber roher Wein, wie er allererst dasselbe Jahr gewachsen. Alsdann ließe er die Vornehmste aus dem Umstand diese Wein versuchen, welche sich alle über diese geschwinde Veränderung und unterschiedliche Geschmack und Arten der Wein verwunderten.
»Ja, ihr Herren«, fuhr er weiters fort, »nachdem ihr nun die Gewißheit dieser Kunst gesehen, so müst ihr auch wissen, daß einer Erbsen groß dieses Elixirs in eine Maß und ein solche Büchse voll in einen Ohmen zu viel sei, den Wein aufs allerhöchste zu verbessern und ihn dem spanischen Wein oder Malvasier gleich zu machen, derjenige neue Wein, den man verändern will, seie dann gar zu sauer. Wer nun Lust hat, lieber einen delicaten als sauren Wein zu trinken, der mag mir heut von diesem Elixir abkaufen, dann morgen findet er ein Büchsel wol nit mehr feil um 6 Batzen, wie heut, sintemal was mir übrig bleibt, morgen einen halben Gulden gelten muß; zwar nit eben darum, daß ich so gar nöthig Geld brauche, sonder weil ichs mit diesem Elixir mache wie die Sibylla mit ihren Büchern[325]«. Wir hatten damals bei 1000 Personen zum Umstand, mehrentheils erwachsene Mannsbilder, und da es an ein Kaufens gieng, hatte Simplicius beinahe nicht Hände genug, Geld einzunehmen und Büchsen hinzugeben; ich aber verspendirte den vorhandenen Wein vollends, den er mir jeweils mit seiner Mixtur nachtemperirte; und ehe ein halb Stund herum war, hatte er allbereit seine Büchsen versilbert und sein gut baar Geld darvor eingenommen, also daß er die halbe Theil Leut, so deren noch begehrten, muste leer hingehen lassen.
Nach diesem Verlauf schaffte er Tischgläser und Kannen wieder an sein Ort, und als er dem Verleiher seinen Willen darvor gemacht[326], giengen wir wieder miteinander in unser Herberg, alwo Simplici Knan die 4 Ochsen allbereit um hundert und dreißig Reichsthaler verkauft hatte und fertig war, Simplicio das Geld darzuzählen.
»Sihestu nun«, sagte Simplicius zum Springinsfeld, »womit ich mich ernähre?«
»Freilich sihe ichs«, antwortet Springinsfeld; »ich hab vermeinet, ich sei ein Rabbi[327], Geld zu machen, aber jetzt sehe ich wol, daß du mich weit übertriffst; ja ich glaube, der Teufel selbst sei nur vor ein spitzigs Lederlein[328] gegen dir zu rechnen.«
FUSSNOTEN:
[312] =Losung=, Erlös, Einnahme.
[313] =Mein=, ~interj.~: Ich bitte dich, ~quæso~.
[314] =keine Stiege= &c., soll wol heißen; wenn ich die Wahl hätte zwischen deiner und ihrer Seligkeit, so würde ich mir keine Mühe geben, keinen Schritt darum thun, denn es ist kein Unterschied dazwischen.
[315] =Seufzen=, ~subst. masc.~ Seufzer.
[316] =Knan=, Vater.
[317] Auf dem Titelkupfer zum »Ewigwährenden Calender« befinden sich Bildnisse der gesammten Simplicianischen Familie.
[318] =der Umstand=, die Umstehenden.
[319] =dringen=, ~trans.~, wie drängen.
[320] =giege=, gieg, starkes ~præt.~ zu geigen, wie =stieg= zu steigen.
[321] =Fatzvogel=, wie Spaßvogel.
[322] =mit Kupfer handeln=, rothen Ausschlag im Gesicht haben.
[323] =aufhasteln=, aufhaspeln, wie die spätern Drucke haben.
[324] =rahn=, rahnig, dünn.
[325] Es ist die bekannte Geschichte von den Büchern der Cumäischen Sibylle gemeint, die Tarquinius Priscus kaufte. Vgl. Lactant., ~Divin. instit.~ B. ~I~, 6.
[326] =seinen Willen darvor gemacht=, gegeben hatte, was er haben wollte.
[327] =Rabbi=, Meister.
[328] =spitzigs Lederlein=, spitzer Lederschwamm, Spitzmorchel, gebraucht wie Pfifferling.
Das achte Capitel.
Mit was vor einem Beding Simplicissimus den Springinsfeld die Kunst lernete.
»Mein Gott, Springinsfeld«, sagte Simplicius, »wie hast du doch so gar ein ungeschliffen Maul!«
»Das ist noch nichts«, antwortet Springinsfeld; »ich sage das Halbe nicht heraus, wie mirs ums Herz ist.«
»Wie ist dir dann?« fragte jener.
»Mir ist schier«, antwortet Springinsfeld, »wann ichs nur sagen dörfte, du seiest ein halber Hexenmeister, oder habest doch wenigst sonst einen trefflichen Lehrmeister gehabt.«
»Und mir«, sagte Simplicius, »ist ganz zu Sinn und glaube es auch festiglich, du seiest ein ganzer Narr und habest dein Handwerk auch ohne einen Lehrmeister gelernet. Mein, was geb ich dir vor Ursachen, so böse Gedanken von mir zu machen?«
»Ich«, antwortet Springinsfeld, »habe ja heut deine Verblendungen genugsam gesehen.«
Simplicius antwortet hingegen: »Es ist dir allerdings ein Schand, daß du allbereit so alt, so lang in der Welt herum geloffen und gleichwol noch so alber bist, daß du natürliche Kunststück und Wissenschaften, wie du heut an Veränderung des Weins, und schlechte Kinderpossen, davon du heut ein Exempel an meinem Buche gesehen hast, vor Zauberei und Verblendungen hältst.«
»Ja«, sagte Springinsfeld, »es ist nit nur das; ich sihe, daß dir das Geld gleichsam zuschneiet, da[329] ich doch mit so großer Müh und Arbeit Pfenning erobern, und wann ich dessen einen Vorrath haben und behalten will, beides an meinem Leib und an meinem Maul ersparen muß.«
»Du Phantast!« sprach Simplicius; »vermeinest du dann, diß Geld komme mich ohne Schnaubens und Bartwischens an? Meine beide Alte haben die 4 Ochsen mit Mühe und Kosten erziehen und ausmästen, ich aber auch laboriren müssen, biß ich die ~materiam~ verfertigt, daraus ich heut Geld gelöst.«
»Was ists aber mit dem Buch?« fragte Springinsfeld; »ists keine Verblendung? lauft nit das kleine Hexenwerk mit unter?«
Simplicius antwortet: »Was ists mit den Taschenspielern und Gauklern? Narren- und Kinderwerk ists, darüber ihr einfältige Tropfen euch nur deshalber verwundert, weil es euer grober Verstand nicht begreifen kan!«
Nach langer solcher Wortwechslung schätzte endlich Springinsfeld den Simplicium glückselig, wann er diese Künste natürlicher Weis könte, und bote ihm 20 Reichsthaler an, wann er ihn die Kunst lernete, daß er auch wie er aus einem Buche wahrsagen oder gauklen könte.
»Dann«, sagt er, »lieber Bruder, ich muß mich mit Bettlen und meiner Geige ernähren; wie vermeinest du wol, daß es mir so trefflich zustatten kommen würde, wann ich mich irgends bei einer Bauernkürbe oder einer Hochzeit einfinden und meine Zuhörer mit diesem artlichen Stückel belustigen und zur Verwunderung bringen könte? Würde es nicht zehenmal mehr Heller bei mir setzen, als wann ich nur geige und meine alte Possen und Grillen übe?«
»Mein Freund«, antwortet Simplicius, »es wäre gut, wann du deine alte Possen und Grillen, wie du es nennest, gar unterwegen ließest; dann sihe, du bist allerdings ein siebenzigjähriger Mann, der auf der Gruben gehet und allerdings kein Stund sicher vorm Tod ist; hingegen hastu, wie ich gesehen, ein fein Stück Geld, darmit du dich, so lang dir Gott das Leben noch gönnen möchte, gar wol ausbringen kanst. Wann ich in deiner Haut steckte, so begäbe ich mich in einen geruhigen Stand, darin ich mein geführtes Leben bedenken, meine begangene Stücklein bereuen, mich zu Gott bekehren und ihme nunmehr allein dienen könte; welches gar füglich irgends in einem Spital, darinnen du dir eine Pfründ kaufen köntest, oder etwan in einem Kloster, da du noch einen Thorhüter abgeben möchtest, beschehen könte. Es ist mehr als genug getobt und Gott versucht, wann wir biß an das Alter der Welt Thorheiten angeklebet und in allerhand Sünden und Lastern gleichsam wie ein Sau im Morast geschwemmt und umgewälzt haben; aber viel ärger und noch eine größere Thorheit ists, wann wir gar bis ans End darin verharren und nicht einmal an unsere Seligkeit oder an unsere Verdammnus, und also auch nicht an unsere Bekehrung gedenken.«
»Närrisch thät ich«, antwortet Springinsfeld, »wann ich mein Geld, das ich mit großer Müh und Arbeit zusammen gebracht, in ein Kloster oder Spital steckte, solches zu belohnen damit es mich meiner Freiheit beraubte.«
Simplicius hingegen sagte: »Alsdann thustu närrisch, wann du eine vermeinte Freiheit zu genießen gedenkest, indessen aber ein Knecht der Sünd, ein Sclav des Teufels und also, ach leider, auch ein Feind Gottes verbleibest. Ich beharre noch meiner vorigen Meinung, daß dir nämlich beides rathsam und nutzlich wäre, zur Bekehrung zu schreiten, ehe dich der Schlaf der ewigen Nacht und Finsternus überfällt, dann sihe, der Tag hat sich bei dir um mehr als 20 Jahr als bei mir geneiget, und dein spater Abend erinnert dich, ehist schlafen zu gehen.«
Springinsfeld antwortet: »Bruder, empfang du zwanzig Thaler von mir vor die begehrte Kunst und lasse die Pfaffenpredigen denen, die ihnen gern zuhören. Hingegen will ich dir versprechen, daß ich mich gleichwol auch auf deine Erinnerung bedenken wolle.«
Gleich wie nun in der ganzen Welt sich nichts so eitel und unnütz befindet, das nicht zu etwas Guts könte emploirt und verwendet werden, also gedachte auch Simplicius durch sein Buch, welches er seine Gaukeltasche nennet, den Springinsfeld zu bekehren; derowegen sagte er zu ihm: »Höre, mein Freund, hieltestu in Ernst darvor, es wäre Zauberei oder wenigst eine geringe Verblendung, als du mich die Kunst auf dem Mark mit dem Buch üben sahest?«
Springinsfeld antwortet: »Ja, und ich glaubte es auch noch, wann ich dich jetzt nicht so gottselig reden hörete.«
»Nun dann«, sagte Simplicius, »dieser Rede und dieses Wahns[330], der dich betrogen, bleib eingedenk biß in dein End, und versprech mir, dich auch desjenigen allweg, so oft du das Buch brauchest, zu erinnern, was ich dir ferner sagen werde! So will ich dich nit allein die vermeinte Kunst umsonst und ohne deine offerirte 20 Reichsthaler lernen, sonder ich will dir noch das Buch darzu schenken, ohne welches du auch die Kunst nit wirst üben können.«
Springinsfeld fragte, was dann dasjenige vor Sachen wären, deren er sich jederzeit bei dem Buch erinnern solte. Simplicius antwortet: »Wann du erstlich den Zusehern lauter weiße Blätter zeigest, so erinnere dich, daß dir Gott in der heiligen Tauf das weiße Kleid der Unschuld wiederum geschenkt habe, welches du aber seither mit allerhand Sünden so vielmal besudelt habest; weisest du dann die Kriegswaffen, so erinnere dich, wie ärgerlich und gottlos du dein Leben im Krieg zugebracht habest; kommstu an das Geld, so gedenke, mit was vor Leibs- und Seelengefahr du demselben nachgestellt. Also erinnere dich auch bei den Trinkgeschirren deiner verübten unflätigen Sauferei, bei den Würfeln und Karten, wie manche edle Zeit und Stund du unnützlich damit zugebracht, was vor Betrug darbei vorgelossen, und mit was vor grausamen Gotteslästerung der Allerhöchste dabei geunehret worden; bei den Knaben und Jungfrauen erinnere dich deiner Hurenjägerei, und wann du an die Narrenköpfe komst, so glaube sicherlich, daß diese ohn allen Zweifel Narren sein, die sich durch obenerzählte der Welt Lockungen betrügen und um ihre ewige Seligkeit bringen lassen. Weisestu aber die Schrift auf, so gedenke, daß die heilige Schrift nicht lüge, die da sagt, daß die Geizige, die Neidige, Zornsüchtige, Haderkatzen, Balger und Mörder, die Spieler, die Saufer und die Hurer und Ehebrecher schwerlich das Reich Gottes werden besitzen, und daß dannenhero derjenig einem Narren gleich thue, der sich von solchen Lastern verführen und so schandlich um seine Seligkeit bringen lasse. Gleich wie nun die meiste und zwar die einfältigste von deinen Zusehern vermeinen, sie würden durch dich verblendet, so doch in Wahrheit nit ist, also bedenke du hingegen und führe wol zu Gemüth, daß die allermeiste von den unverständigen Menschen von dem Teufel und der Welt durch obige Laster unvermerkt verblendet und in die ewige Verdammnus gebracht werden.«
»Mein Bruder«, sagte hierauf Springinsfeld, »des Dings ist gar zu viel; wer zum S. Peter wolte alles im Kopf behalten!«
Simplicius antwortet: »Mein Freund, wann du das nicht kanst, so wirstu auch nit behalten können, wie du recht geschicklich mit dem Buch umgehen sollest.«
»Ei«, sagte Springinsfeld, »das will ich schon lernen.«
»Und das Buch«, antwortet Simplicius, »wird dich alsdann auch schon selber an dasjenig erinnern, waran du meinet- oder vielmehr deinetwegen gedenken sollest.«
»Ich gäbe dir aber«, sagt Springinsfeld, »lieber die 20 Reichsthaler und wäre dieser Obligation ledig.«
Simplicius antwortet: »Diß will aber Simplicius nicht thun; nicht allein darum, weil das Buch und die Wissenschaft, solches zu gebrauchen, ohne die begehrte Erinnerung nicht so viel Gelds werth ist, sonder weil sich Simplicius auch ein Gewissen macht, den geringsten Heller von dir zu nehmen, sintemal er nicht weiß, wie du dein Geld gewonnen und erobert hast. Ja ich gebe dir das Buch nicht, du versprechest mir dann, dich allweg dessen zu erinnern, was ich dir gesagt, wann du mir gleich 100 Reichsthaler baar daher zahltest.«
Springinsfeld kratzte sich im Kopf und sagte: »Du erweckest bei mir fast ängstige Gedanken; ich sihe, daß du deinen Nutzen und auch meinen Schaden nicht begehrest. ~Ma foi~, Bruder, es steckt etwas darhinter, das ich nicht verstehe. So viel kan ich schließen, weil du mir mit Annehmung des Gelds nit schädlich zu sein begehrest, daß du es treulich mit mir meinen und das Gebot der Erinnerung, welches ich vor eine schwere Bürde gehalten, zu meinem Frommen aufladen werdest. Derowegen verspriche ich hiemit, alles dessen eingedenk zu sein, was du von mir vor solche Kunst haben willst.«
Hierauf zog Simplicius das Buch hervor und zeigte dem Springinsfeld alle Vörthel und Griff; und demnach sie mich auch zusehen ließen, faßte ich die Beschaffenheit desselben so genau ins Gedächtnus, daß ich auch stracks eins dergleichen machen könte, wie ich dann etliche Tage hernach thät, um solche Simplicianische Gaukeltasch der ganzen Welt gemein zu machen[331]
FUSSNOTEN:
[329] =da=, in den Ausgaben steht als Druckfehler »=das=«.
[330] =Wahns=, alle Ausgaben haben: »wann«.
[331] Vgl. den Anhang.
Das neunte Capitel.
Tisch- und Nachtgespräch, und warum Springinsfeld kein Weib haben wolte.
Indessen dieser Discurs und Handlung zwischen Simplicio und Springinsfelden vergieng, näherte sich die Zeit des Nachtessens. Ich wolte mir besonder anrichten lassen, aber Simplicius sagte, ich müste so wol als Springinsfeld sein Gast sein, jener zwar als ein alter Camerad und jetziger neuangestandener[332] Lehrjung, ich aber um dessentwillen, daß ich ihm heut so ein annehmliche Botschaft gebracht, daß nämlich sein Sohn Simplicius von der leichtfertigen Courage nicht geboren worden seie; zu dem seie auch billich, daß er mich beides um den Schreiberlohn und was ich sonst seinetwegen bei den Zigeunern ausgestanden, befriedige. Da wir nun so mit einander redeten, kam auch der junge Simplicius mit noch einem von seinen Collegen, als welcher damals in dieser Stadt studierte und seines Vattern Ankunft vernommen hatte. Er war auch ein riesemäßiger langer Kerl, allerdings wie sein Vatter, und sahe ihm von Angesicht so ähnlich, daß ein jeder, der es auch nicht gewust hätte, unschwer abnehmen können, daß er sein natürlicher Sohn gewesen, ohnangesehen die elende Courage sich einbildet, sie hätte ihn mit einem fremden Kind so meisterlich betrogen.
Also setzten sich zu Tisch der Knan und die Meuder, der alt und junge Simplicius samt seinem Cameraden, dem Studenten, den er mitgebracht, ich, Springinsfeld und Simplicii Baurenknecht. Der Imbs war kurz und gut, weil beide Alte zu Bett eileten, dann sie sagten, ob sie gleich nicht schlafen könten, so thät ihnen doch die Ruhe wol, und dannenhero setzte es auch desto weniger Discursen. Eins gieng vor, woraus ich abnahm, daß Springinsfelds Gedächtnus und Verstand, etwas geschwind zu fassen, nit so gar hölzern war; dann als ermeldter Student verlangte, Simplicii Buch zu sehen, das er ihme von etlichen, die auf dem Mark damit agiren sehen, gar verwunderlich hatte beschreiben lassen, ließe er durch den jungen den alten Simplicium bitten, ob er nicht die Ehr haben könte, solches zu sehen; aber er antwortet, er hätte solches nicht mehr in seiner Possession, doch sagte er zum Springinsfeld, er solte beiden Studenten weisen, was er heut gelernt hätte. Der zog alsbald das Buch herfür und blättert den Studenten die weiße Blätter vor den Augen herum, sagende: »Also glatt und unbeschrieben wie diß weiße Papier seind euere Seelen erschaffen und in diese Welt kommen, und derowegen haben euch euere Eltern hieher gethan (mit solchen Worten wiese er ihnen die Schriften vor), die Schrift zu lernen und zu studieren; aber ihr Kerl pflegt, anstatt löbliche Wissenschaften zu ergreifen, das Geld vergeblich (hie wiese er ihnen die Geldsorten) durchzujagen und zu verschwenden, dasselbe zu versaufen (hie zeigte er die Trinkgeschirr), zu verspielen (und hie die Würfel und Karten), zu verhuren (hie die Dames und Cavaliers) und zu verschlagen (hie das Gewehr). Ich sage euch aber, daß alle diejenige, die solches thun, seien lauter solche Kerl, wie ihr hier vor Augen sehet.«
Und damit zeigte er ihnen die Narren-, Hasen- und Eselsköpfe; und damit wischte er wieder mit dem Buch in Schubsack. Dem alten Simplicius gefiel dieses Stuck so wol, daß er zum Springinsfeld sagte, wann er gewust hätte, daß er die Kunst so bald und so wol begreifen würde, so wolte er ihm nicht halber so viel Lehrgeld abgefordert haben.
Wir machtens mit dem Nachtessen, wie oben gemeldet, nicht lang; bei welchem ich in acht nahm, wie freundlich Simplicius seine beide Alte und diese hinwiederum ihn und seinen Sohn ehreten und tractirten. Da sahe und verspürte man nichts als Lieb und Treu, und ob zwar ein Theil das ander aufs höchste respecirte, so merkte man doch bei keinem einige Forcht, sonder bei jedem blickte ein aufrichtige Verträulichkeit herfür. Der junge Simplicius wuste sich gegen allen am artlichsten zu schicken, und der Baurenknecht, welches sonst plumpe ~Grobiani~ zu sein pflegen, erzeigte mehr Zucht und Ehrbarkeit, als mancher eines andern Herkommens, der einen eignen Präceptorem gehabt, ~mores~ zu lernen, so daß ich mich verwunderte, wie der ehmal ganz rohe und gottlos gewesene Simplicissimus seine Haushaltung auf einen solchen reputirlichen Fuß setzen und seine so einfältige als grobe Hausgenossen zu solchen löblichen Sitten gewöhnen können. Der Springinsfeld war ganz still, nicht weiß ich, verwundert er sich auch, wie ich, oder spintisiert er über die Geheimnussen, so in der Simplicianischen Gaukeltaschen staken, welche ihm meines Davorhaltens allerhand Nachsinnungen verursachten. Im übrigen ists gewiß, daß selten ein Tisch mit so unterschiedlich bekleidten Leuten besetzt wird, miteinander zu speisen, als wie damals der unserige war. Der Knan sah aus wie ein alter ehrbarer Baurenschultheiß, die Meuder wie seine Frau Schultheißin, der Baurenknecht wie ihr Sohn, der alt Simplicius wie ich ihn bereits oben im zweiten Capitel beschrieben, der jung und dessen Camerad wie zwei Stutzer, Springinsfeld wie ein Bettler, und ich wie ein armer Blackscheißer oder Präceptor in seinem abgeschabenen schwarzen Kleidel zu sehen pflegt.