Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2)
Part 15
Des Morgens frühe kam die Magd wiederum, dem Kalb Rath zu schaffen. Als sie aber die beide Schenkel samt meines Mannes alten Lumpen und Schurzfell darbei liegen sahe und meinen Mann nicht fande, fienge sie an zu schreien, als wann sie mitten unter die Mörder gefallen wäre. Sie liefe zur Stuben hinaus und schlug die Thür hinter ihr zu, als wann sie der Teufel gejagt hätte, von welchem Lärmen dann nicht allein der Bauer, sondern auch die ganze Nachbarschaft erwachte und sich einbildete, es wären Krieger vorhanden, wessenwegen ein Theil ausrisse, das ander aber sich in die Wehr schickte. Der Bauer selbst vernahm von der Magd, welche vor Forcht und Schrecken zitterte, die Ursach ihres Geschreis, daß nämlich das Kalb den armen Zimmermann, den sie über Nacht geherbergt, biß auf die Füße gefressen und ein solches gräßliches Gesicht gegen ihr gemacht hätte, daß sie glaube, wann sie sich nicht aus dem Staub gemacht, daß es auch an sie gesprungen wäre. Der Bauer wolte das Kalb mit seinem Knebelspieß[201] niedermachen, aber sein Weib wolte ihn in solche Gefahr nicht wagen noch in die Stub lassen, sondern vermittelte, daß er den Schultheißen um Hülf ansuchte. Der ließe alsobald der Gemein zusammen läuten, um das Haus gesamter Hand zu stürmen und diesen gemeinen Feind des menschlichen Geschlechts, ehe er gar zu einer Kuhe aufwüchse, bei Zeiten auszureuten[202]. Da sahe man nun ein artliches Spectakel, wie die Bäurin ihre Kinder und den Hausrath zum Kammerladen nacheinander heraus langte, hingegen die Bauren zu den Stubenfenstern hinein guckten und den schröcklichen Wurm samt bei sich liegenden Schenkeln anschaueten, welches ihnen genugsame Zeugnüs einer großen Grausamkeit einbildete. Der Schultheiß gebote, das Haus zu stürmen und dieses greuliche Wunderthier niederzumachen; aber es schonete ein jeder seine Haut. Jeder sagte: was hat mein Weib und Kind darvon, wann ich umkäme?
Endlich wurde auf eines alten Bauren Rath beschlossen, daß man das Haus mitsamt dem Kalb, dessen Mutter vielleicht von einem Lindwurm oder Drachen besprungen worden, hinweg brennen und dem Bauern selbst aus gemeinem Seckel eine Ergötzung und Hülfe thun solte, ein anders zu bauen. Solches wurde fröhlich ins Werk gesetzet, dann sie sich damit trösteten, sie müsten gedenken, es hätten solches die Diebskrieger hinweg gebrant.
Diese Geschichte machte mich glauben, mein Mann würde trefflich Glück zu dergleichen Stücken haben, weil ihm dieses ungefähr begegnet. Ich gedachte: was würde er erst ins Werk setzen, wann ich ihn wie hiebevor den Springinsfeld abrichte!
Aber der Tropf war viel zu eselhaftig und hundsklinkerisch[203] darzu; überdas ist er mir auch bald hernach in dem Treffen vor Herbsthausen todt geblieben, weil er keinen solchen Scherz verstehen konte.
FUSSNOTEN:
[193] =Kintzger Thal=, an der Kinzig im Schwarzwald.
[194] =Schiltach=, Baden, Mittelrheinkreis.
[195] =verzögern=, hinhalten, kümmerlich durchbringen.
[196] =Herbsthausen=, Jaxtkreis, Würtemberg.
[197] =eingehen=, einwilligen, übernehmen.
[198] =Galaunen=, Galonen, Tressen.
[199] =hotten=, vorwärts gehen.
[200] =letz=, verkehrt, dem Rechten entgegengesetzt, links.
[201] =Knebelspieß=, Spieß mit einer Querstange unter der Spitze, für die Saujagd bestimmt.
[202] =ausreuten=, ausrotten.
[203] =hundsklinkerisch=, niederträchtig, verkommen.
Das siebenundzwanzigste Capitel.
Nachdem der Courage Mann in einem Treffen geblieben, und Courage selbst auf ihrem Maulesel entrunnen, trifft sie eine Zigeunerschar an, unter welchen der Leutenant sie zum Weib nimmt. Sie sagt einem verliebten Fräulein wahr, entwendet ihr darüber alle Kleinodien, behält sie aber nicht lang, sondern muß solche wol abgeprügelt wieder zustellen.
In erstgemeldtem Treffen kame ich vermittelst meines guten Maulesels darvon, nachdem ich zuvor meine Zelt und schlechteste Bagage hinweg geworfen, retterirte mich auch mit dem Rest der übrig gebliebenen Armee, so wol als der Touraine[204] selbsten, biß nach Cassel; und demnach mein Mann todtgeblieben und ich niemand mehr hatte, zu dem ich mich hätte gesellen mögen oder der sich meiner angenommen, nahme ich endlich meine Zuflucht zu den Zigeunern, die sich von der schwedischen Hauptarmada bei den Königsmarkischen Völkern befanden, welche sich mit uns bei Wartburg[205] conjungirt. Und indem ich bei ihnen einen Leutenant antrafe, der gleich meiner guten Qualitäten und trefflichen Hand zum Stehlen, wie auch etwas Geldes hinter mir wahrnahm samt andern mehr Tugenden, deren sich diese Art Leut gebrauchen, sihe, so wurde ich gleich sein Weib und hatte diesen Vortheil, daß ich weder ~Oleum Talci~[206] noch ander Schmiersel mehr bedorfte, mich weiß und schön zu machen, weil sowol mein Stand selbsten als mein Mann diejenige Couleur von mir erforderte, die man des Teufels Leibfarb nennet. Derowegen fienge ich an mich mit Gänsschmalz, Läussalbe und andern haarfärbenden Unguenten also fleißig zu beschmieren, daß ich in kurzer Zeit so höllrieglerisch[207] aussahe, als wann ich mitten in Aegypten geboren worden wäre. Ich muste oft selbst meiner lachen und mich über meine vielfältige Veränderung verwundern. Nichts desto weniger schickte sich das Zigeunerleben so wol zu meinem Humor, daß ich es auch mit keiner Obristin vertauscht haben wolte. Ich lernete in kurzer Zeit von einer alten ägyptischen Großmutter wahrsagen; lügen und stehlen aber kunte ich zuvor, außer daß ich der Zigeuner gewöhnliche Handgriff noch nicht wuste. Aber was darfs viel Wesens? Ich wurde in Kürze so perfect, daß ich auch vor eine Generalin aller Zigeunerinnen hätte passiren mögen.
Gleichwol aber war ich so schlau nicht, daß es mir überall ohne Gefahr, ja ohne Stöße abgangen wäre, wiewol ich mehr einheimste und meinem Mann zu verschlemmen zubrachte, als sonst meiner zehne. Höret, wie mirs einsmals so übel gelungen! Wir lagen über Nacht und ein Tag ohnweit von einer Freundsstadt im Vorbeimarschiren, da jedermann hinein dorfte, um seinen Pfenning einzukaufen, was er wolte. Ich machte mich auch hin, mehr einzunehmen und zu stehlen, als Geld auszugeben oder etwas zu kaufen, weil ich sonst nichts zu erkaufen gedachte, als was ich mit fünf Fingern oder sonst einem künstlichen Griff zu erhandeln verhoffte. Ich war nicht weit die Stadt hinein passirt, als mir eine Madamoiselle eine Magd zuschickte und mir sagen ließe, ich solte kommen, ihrer Fräulin wahrzusagen; und von diesem Boten selbsten vernahm ich gar von weitem und gleichsam über hundert Meilen her, daß ihrer Fräulin Liebhaber rebellisch worden und sich an ein andere gehenkt. Solches machte ich mir nun trefflich zu Nutz, dann da ich zu der Damen kame, trafe ich mit meiner Wahrsagung so nett zu, daß sie auch alle Calendermacherei, ja der elenden[208] Madamoisellen Meinung nach alle Propheten samt ihren Prophezeiungen übertrafe. Sie klagte mir endlich ihre Noth und begehrte zu vernehmen, ob ich kein Mittel wisse, den variablen Liebhaber zu bannen und wieder in das gerechte Gleis zu bringen.
»Freilich, tapfere Dame«, sagte ich, »er muß wieder umkehren und sich zu euerm Gehorsam einstellen, und solte er gleich einen Harnisch anhaben wie der große Goliath.«
Nichts Angenehmers hätte diese verliebte Tröpfin hören mögen als eben diß und begehrte auch nichts anders, als daß meine Künst alsobald ins Werk gesetzt würden. Ich sagte, wir müssen allein sein, und es müste alles unbeschrieen zugehen.
Darauf wurden ihr Mägd abgeschafft und ihnen das Stillschweigen auferlegt; ich aber gieng mit der Madamoisellen in ihr Schlafkammer. Ich begehrte von ihr einen Trauerschleier, den sie gebraucht, als sie um ihren Vatter Leid getragen, item zwei Ohrgehäng, ein köstlich Halsgehäng, das sie eben anhatte, ihren Gürtel und liebsten Ring. Als ich diese Kleinodien hatte, wickelt ich sie zusammen in den Schleier, machte etliche Knöpf[209] daran, murmelte unterschiedliche närrische Wörter darzu und legte alles zusammen in der Verliebten Bette. Hernach sagte ich: »Wir müssen mit einander in Keller.«
Da wir hinkamen, überredet ich sie, daß sie sich auszöge biß aufs Hemd, und unterdessen als solches geschahe, machte ich etliche wunderbare Characteres an den Boden eines großen Fasses voll Wein, zoge endlich den Zapfen heraus und befahl der Damen, ihren Finger vorzuhalten, biß ich die Kunst mit dem Zapfen droben im Hause auch der Gebühr nach verrichtet hätte. Da ich nun das einfältige Ding dergestalten gleichsam angebunden, gieng ich hin und holete die Kleinodien aus ihrem Bette, mit welchen ich mich ohnverweilt aus der Stadt machte.
Aber entweder wurde diese fromme leichtglaubige Verliebte samt dem Ihrigen[210] vom gütigen Himmel beschützt, oder ihre Kleinodia waren mir sonst nicht bescheret, dann ehe ich unser Lager mit meiner Beute gar erreichte, ertappte mich ein vornehmer Officier aus der Guarnison, der solche wieder von mir fordert.
Ich leugnete zwar, er wiese mir aber was anders; doch kan ich nicht sagen, daß er mich geprügelt, hingegen aber schweren, daß er mich rechtschaffen gedegelt[211] habe; dann nachdem er seinen Diener absteigen lassen, um mich zu besuchen, ich aber demselbigen mit meinem schröcklichen Zigeunermesser begegnet, mich dessen zu erwehren, sihe, da zog er von Leder und machte mir nicht allein den Kopf voller Beulen, sondern färbte mir auch Arm, Lenden und Achseln so blau, daß ich wol 4 Wochen daran zu salben und zu verblauen hatte. Ich glaube auch, der Teufel hätte biß auf diese Stund noch nicht aufgehöret zuzuschlagen, wann ich ihm meine Beut nicht wieder hingeworfen. Und dieses war vor dißmal der Lohn beides meiner artlichen Erfindung und des künstlichen Betrugs selbsten.
FUSSNOTEN:
[204] =Touraine=, Turenne, vgl. die Einleitung.
[205] Die =Wartburg= in Thüringen.
[206] ~=Oleum Talci=~, flüssige Schminke aus Talk.
[207] =höllrieglerisch=, von Höllenriegel, mhd.~helle-rigel~, wie Höllenbrand, der Hölle angehörig, wie ein Teufel.
[208] =elend=, leidend.
[209] =Knopf=, Knoten.
[210] Im Druck steht »=dieser=« -- »=Seinigen=«.
[211] =degeln=, von =Degen=, als Gegensatz zu prügeln, fuchteln, mit der flachen Klinge schlagen.
Das achtundzwanzigste Capitel.
Courage kommt mit ihrer Compagnie in ein Dorf, darinnen Kirchweih gehalten wird, reizet einen jungen Zigeuner an, eine Henne todt zu schießen; ihr Mann stellet sich, solchen aufhenken zu lassen; wie nun jederman im Dorf hinauslief, diesem Schauspiel zuzusehen, stahlen die Zigeunerinnen alles Gebratens und Gebackens und machten sich samt ihrer ganzen Zunft eiligst und listig darvon.
Unlängst nach diesem überstandenen Strauß kam unsere zigeunerische Rott von den Königsmarkischen Völkern wieder zu der schwedischen Hauptarmee, die damals Torstensohn commandirt und in Böhmen geführt, allwo dann beide Heer zusammenkamen. Ich verbliebe samt meinem Maulesel nicht allein biß nach dem Friedensschluß bei dieser Armada, sondern verließe auch die Zigeuner nicht, da es bereits Frieden worden war, weil ich mir das Stehlen nicht mehr abzugewöhnen getrauete. Und demnach ich sehe, daß mein Schreiber noch ein weiß Blatt Papier übrig hat, also will ich noch zu guter Letzt oder zum Valete ein Stücklein erzählen und darauf setzen lassen, welches mir erst neulich eingefallen und alsobalden probirt und practicirt hat werden müssen, bei welchem der Leser abnehmen kan, was ich sonst möchte ausgerichtet haben, und wie artlich ich mich zu den Zigeunern schicke.
Wir kamen im lothringischen Gebiet einsmals gegen Abend vor einen großen Flecken, darinnen eben Kürbe[212] war, welcher Ursachen wegen und weil wir einen ziemlichen starken Troupen von Männern, Weibern, Kindern und Pferden hatten, uns das Nachtläger rund abgeschlagen wurde. Aber mein Mann, der sich vor den Obristleutenant ausgab, versprach bei seinen adelichen Worten, daß er gut vor allen Schaden sein, und weme etwas verderbt oder entwendet würde, solches aus dem Seinigen bezahlen und noch darzu den Thäter an Leib und Leben strafen wolte, wormit er dann endlich nach langer Mühe erhielte, daß wir aufgenommen wurden. Es roche überall im Flecken so wol nach dem Kürbe-Gebratens und Gebackens, daß ich gleich auch einen Lust darzu bekam und einen Verdruß empfande, daß die Bauern allein solches fressen solten, erfand auch gleich folgenden Vortheil, wie wir dessen theilhaftig werden könten. Ich ließe einen wackern jungen Kerl aus den Unserigen eine Henne vor dem Wirthshause todtschießen, worüber sich alsobald bei meinem Mann eine große Klage über den Thäter erhube. Mein Mann stellte sich schröcklich erzörnet und ließe gleich einen, den wir vor einen Trompeter bei uns hatten, die Unserigen zusammen blasen. Indeme nun solches geschahe und sich beides Bauren und Zigeuner auf dem Platz versammleten, sagte ich etlichen auf unsere Diebssprach, was mein Anschlag wäre, und daß sich ein jedes Weib zum Zugreifen gefaßt machen solte. Also hielte mein Mann über den Thäter ein kurzes Standrecht und verdammte ihn zum Strang, weil er seines Obristleutenanten Befelch übergangen. Darauf erscholle alsobalden im ganzen Flecken das Geschrei, daß der Obristleutenant einen Zigeuner nur wegen einer Hennen wolte henken lassen. Etlichen bedunkte solche Procedur zu rigorose; andere lobten uns, daß wir so gute Ordre hielten. Einer aus uns muste den Henker agiren, welcher auch alsobalden dem Maleficanten die Hände auf den Rucken bande. Hingegen thät sich eine junge Zigeunerin vor dessen Weib aus, entlehnte von andern drei Kinder und kam damit auf den Platz geloffen. Sie bat um ihres Manns Leben und daß man ihre kleine Kinder bedenken wolte, stellte sich darneben so kläglich, als wann sie hätte verzweifeln wollen. Mein Mann aber wolte sie weder sehen noch hören, sondern ließe den Uebelthäter hinaus gegen einen Wald führen, an ihm das Urtheil exequiren zu lassen, eben als er vermeinte, der ganze Flecken hätte sich nunmehr versammlet, den armen Sünder henken zu sehen, wie sich dann auch zu solchem Ende fast alle Inwohner, jung und alt, Weib und Mann, Knecht und Mägd, Kind und Kegel mit uns hinaus begab. Hingegen ließe gedachte junge Zigeunerin mit ihren dreien entlehnten Kindern nicht ab, zu heulen, zu schreien und zu bitten, und da man an den Wald und zu einem Baum kam, daran der Hennenmörder dem Ansehen nach geknüpft werden solte, stellte sie sich so erbärmlich, daß erstlich die Baurenweiber und endlich die Bauren selbst anfiengen vor den Misthäter zu bitten, auch nicht aufhöreten, biß sich mein Mann erweichen ließe, dem armen Sünder ihrentwegen das Leben zu schenken. Indessen wir nun außerhalb dem Dorf diese Comödi agirten, mausten unsere Weiber im Flecken nach Wunsch, und weil sie nicht nur die Bratspieß und Fleischhäfen leereten, sondern auch hie und da namhafte Beuten aus den Wägen gefischt hatten, verließen sie den Flecken und kamen uns entgegen, sich nicht anders stellend, als wann sie ihre Männer zur Rebellion wider mich und meinen Mann verhetzten, um daß er einer kahlen[213] Hennen halber einen so wackern Menschen hätte aufhenken lassen wollen, dardurch sein armes Weib zu einer verlassenen Wittib und drei unschuldige junge Kinder zu Waisen gemacht wären worden. Auf unsere Sprache aber sagten sie, daß sie gute Beuten erschnappt hätten, mit welchen sich bei Zeiten aus dem Staub zu machen seie, ehe die Bauren ihren Verlust innen würden. Darauf schriee ich den Unserigen zu, welche sich rebellisch stellen und, sich dem Flecken zu entfernen, in den Wald hinein ausreißen solten; denen setzte mein Mann und was noch bei ihm war mit bloßem Degen nach, ja sie gaben auch Feuer drauf und jene hinwiederum, doch gar nicht der Meinung, jemand zu treffen. Das Bauersvolk entsetzte sich vor der bevorstehenden Blutvergießung, wolte derowegen wieder nach Haus; wir aber verfolgten einander mit stetigem Schießen biß tief in Wald hinein, worin die Unsern alle Weg und Steg wusten. In Summa, wir marschierten die ganze Nacht, theilten am Morgen frühe nicht allein unsere Beuten, sondern sonderten uns auch selbsten von einander in geringere Gesellschaften, wordurch wir dann aller Gefahr und den Bauern mit unserer Beut entgangen.
Mit diesen Leuten habe ich gleichsam alle Winkel Europä seithero unterschiedlichmal durchstrichen und sehr viel Schelmenstück und Diebsgriffe ersonnen, angestellt und ins Werk gerichtet, daß man ein ganz Ries Papier haben müste, wann man solche alle mit einander beschreiben wolte. Ja ich glaube nicht, daß man genug damit hätte. Und eben dessentwegen habe ich mich mein Lebtag über nichts mehrers verwundert, als daß man uns in den Ländern geduldet, sintemal wir weder Gott noch den Menschen nichts nützen noch zu dienen begehren, sondern uns nur mit Lügen, Betriegen und Stehlen genähret, beides zu Schaden des Landmanns als[214] der großen Herren selbst, denen wir manches Stück Wild verzehren. Ich muß aber hiervon schweigen, damit ich uns nicht selbst einen bösen Rauch mache, und vermeine nunmehr ohnedas, dem Simplicissimo zu ewigem Spott genugsam geoffenbart zu haben, von waserlei[215] Haaren seine Beischläferin im Sauerbrunnen gewesen, deren er sich vor aller Welt so herrlich gerühmet, glaube auch wol, daß er an andern Orten mehr, wann er vermeint, er habe eines schönen Frauenzimmers genossen, mit dergleichen französischen Huren oder wol gar mit Gabelreuterinnen[216] betrogen und also gar des Teufels Schwager worden sei.
FUSSNOTEN:
[212] =Kürbe=, Kirchweih.
[213] =kahl=, geringfügig, elend, werthlos.
[214] =als=, wie.
[215] =waserlei=, wie welcherlei.
[216] =Gabelreuterin=, Hexe (die zum Hexensabbat reitet).
Zugab des Autors.
Darum dann nun, ihr züchtige Jüngling, ihr ehrliche Wittwer, und auch ihr verehlichte Männer, die ihr euch noch bißhero vor diesen gefährlichen Chimeris vorgesehen, denen schröcklichen Medusen entgangen, die Ohren vor diesen verfluchten Sirenen verstopft und diesen unergründlichen und bodenlosen Belidibus[217] abgesagt oder wenigst mit der Flucht widerstanden seid, lasset euch auch fürderhin diese ~lupas~[218] nicht bethören, dann einmal mehr als gewiß ist, daß bei Hurenlieb nichts anders zu gewarten als allerhand Unreinigkeit, Schand, Spott, Armuth und Elend und, was das meiste ist, auch ein bös Gewissen. Da wird man erst gewahr, aber zu spat, was man an ihnen gehabt, wie unflätig, wie schändlich, lausig, grindig, unrein, stinkend beides am Athem und am ganzen Leib, wie sie inwendig so voll Franzosen und auswendig voller Blattern gewesen, daß man sich endlich dessen bei sich selbsten schämen muß und oftermals viel zu spat beklagt.
=Ende=.
FUSSNOTEN:
[217] =Beliden=, die Danaiden, Töchter des Danaus, nach ihrem Großvater Belos so genannt; sie ermordeten ihre Gatten in der Nacht; zur Strafe mußten sie Wasser in ein durchlöchertes Faß schöpfen.
[218] =lupa=, Wölfin, gemeine Buhlerin.
Wahrhaftige Ursach und kurzgefaßter Inhalt dieses Tractätleins.
Demnach die Zigeunerin Courage aus Simplicissimi Lebensbeschreibung, ~lib. 5~, ~cap. 6~, vernimmt, daß er ihrer mit schlechtem Lob gedenkt, wird sie dermaßen über ihn erbittert, daß sie ihm zu Spott, ihr selbsten aber zu eigner Schand, worum sie sich aber wenig bekümmert, weil sie allererst unter den Zigeunern aller Ehr und Tugend selbst abgesagt, ihren ganzen liederlich geführten Lebenslauf an Tag gibt, um vor der ganzen Welt gedachten Simplicissimum zu Schanden zu machen, weiln er sich mit einer so leichten Vettel, wie sie sich eine zu sein bekennet, auch in Wahrheit eine gewesen, zu besudeln kein Abscheuen getragen und noch darzu sich seiner Leichtfertigkeit und Bosheit berühmet, maßen daraus zu schließen, daß Gaul als Gurr, Bub als Hur, und kein Theil um ein Haar besser sei als das ander; reibet ihm darneben trefflich ein, wie meisterlich sie ihn hingegen bezahlt und betrogen habe.
II.
Der seltzame Springinsfeld.
Der seltzame =Springinsfeld=,
Das ist Kurtzweilige, lusterweckende und recht lächerliche Lebensbeschreibung Eines weiland frischen, wolversuchten und tapfern Soldaten, Nunmehr aber ausgemergelten, abgelebten, doch dabei recht verschlagnen Landstörzers und Bettlers, Samt seiner wunderlichen Gaukeltasche.
Auf Anordnung des weit und breit bekanten Simplicissimi Verfasset und zu Papier gebracht von
~Philarcho Grosso~ von Tromerheim.
* * * * *
Gedruckt in ~Paphlagonia~ bei Felix Stratiot.
Anno 1670.
Inhalt.
=Das erste Capitel.= Was vor eine schwer verdäuliche Veranlassung den Autor zu Verfassung dieses Werkleins befürdert.
=Das zweite Capitel.= Conjunctio Saturni, Martis et Mercurii.
=Das dritte Capitel.= Ein lächerlicher Poß, der einem Zechbruder widerfahren.
=Das vierte Capitel.= Der Autor geräth unter einen Haufen Zigeuner und erzählet den Aufzug der Courage.
=Das fünfte Capitel.= Wo Courage dem Autor ihr Lebensbeschreibung dictirt.
=Das sechste Capitel.= Der Autor continuirt vorige Materiam und erzählet den Dank, den er von der Courage vor seinen Schreiberlohn empfangen.
=Das siebente Capitel.= Simplicissimi Gaukeltasch und erhaltene treffliche Losung.
=Das achte Capitel.= Mit was vor einem Geding Simplicissimus den Springinsfeld die Kunst lernete.
=Das neunte Capitel.= Tisch- und Nachtgespräch, und warum Springinsfeld kein Weib mehr haben wolte.
=Das zehnte Capitel.= Springinsfeld's Herkunft, und wie er anfangs in Krieg kommen.
=Das elfte Capitel.= Von dreien merkwürdigen Verschwendern wahrhafte Historien.
=Das zwölfte Capitel.= Springinsfeld wird ein Trommelschlager, hernach ein Musquetierer, item wie ihn ein Baur zaubern lernete.
=Das dreizehnte Capitel.= Durch was vor Glücksfall Springinsfeld wieder ein Musquetierer unter den Schweden, hernach ein Pikenierer unter den Kaiserlichen und endlich ein Freireuter worden.
=Das vierzehnte Capitel= erzählet Springinsfeld's ferner Glück und Unglück.
=Das funfzehnte Capitel.= Wie heroisch sich Springinsfeld im Nördlinger Treffen gehalten.
=Das sechzehnte Capitel.= Wo Springinsfeld nach der Nördlinger Schlacht herum vagirt, und wie er von etlichen Wölfen belägert wird.
=Das siebzehnte Capitel.= Springinsfeld bekomt Succurs und wird wiederum ein reicher Dragoner.
=Das achtzehnte Capitel.= Wie es dem Springinsfeld von dem Tuttlinger Meßtag an biß nach dem Treffen vor Herbsthausen ergangen.
=Das neunzehnte Capitel.= Springinsfeld's fernere Historia biß auf das kaiserliche Armistitium.
=Das zwanzigste Capitel.= Continuatio solcher Histori biß zum Friedensschluß und endlicher Abdankung.
=Das einundzwanzigste Capitel.= Springinsfeld verheurathet sich, gibt einen Wirth ab, welches Handwerk er misbraucht, wird wieder ein Wittwer und nimt sein ehrlichen Abschied hinter der Thür.
=Das zweiundzwanzigste Capitel.= Türkenkrieg des Springinsfelds in Ungarn und dessen Verehelichung mit einer Leirerinen.
=Das dreiundzwanzigste Capitel.= Seines blinden Schwähers, der Schwiegermutter und seines Weibs wird Springinsfeld wieder nacheinander los.
=Das vierundzwanzigste Capitel.= Was die Leirerin vor lustige Diebsgriff und an andern Possen angestellt, wie sie einen unsichtbaren Poltergeist, ihr Mann aber wieder ein Soldat gegen dem Türken wird.
=Das fünfundzwanzigste Capitel.= Was und wie Springinsfeld in Candia kriegt, auch wie er wieder in Teutschland kam.
=Das sechsundzwanzigste Capitel.= Was die Leirerin weiters für Possen angestellt, und wie sie endlich ihren Lohn bekommen habe.
=Das siebenundzwanzigste Capitel.= Endlicher Beschluß von des Springinsfeld seltzamen Lebenslauf.
Das erste Capitel.
Was vor eine schwer verdäuliche Veranlassung den Autor zu Verfassung dieses Werkleins befördert.