Simplicianische Schriften, Erster Theil (von 2)

Part 13

Chapter 133,625 wordsPublic domain

Solches alles vernahm ich bei Zeiten mit großem Unwillen und Verdruß und gedacht auf Mittel und Weg, wie ich meinen Springinsfeld möchte ins Feld springen machen, ohne daß ich mich im geringsten etwas dergleichen gegen ihm oder seinem Anhang hätte vermerken lassen. Mein Gesind, darunter ich auch vier starke Tremel[168] zu Knechten hatte, war mir getreu und auf meiner Seiten; alle Officierer des Regiments waren mir nicht übel gewogen; der Obrist selbst wolte mir wol und die Obristin noch viel besser, und ich verbande mir alles noch mehrers mit Verehrungen, wo ich vermeinte, daß ich Hülf zu meinem künftigen Hauskrieg zu hoffen hätte, dessen Ankündigung ich stündlich von meinem Springinsfeld gewärtig war. Ich wuste wol, daß der Mann, welchen mir Springinsfeld aber nur ~pro forma~ repräsentiren muste, das Haupt meiner Marquetenterei darstellte, und daß ich unter dem Schatten seiner Person in meiner Handelschaft agirte, auch daß ich bald ausgemarquetentert haben würde, wann ein solches Haupt mir mangelte. Derohalben gieng ich gar behutsam; ich gab ihm täglich Geld, beides zu spielen und zu banquetieren, nicht daß ich die Beständigkeit seiner vorigen Verhaltung bestätigen wollen, sondern ihn desto kirrer, verwegener und ausgelassener gegen mir zu machen, damit er sich dardurch verplumpen und durch ein rechtschaffenes grobianisches Stückel dem Besitz meiner und des Meinigen sich unwürdig machen, mit einem Wort, daß er mir Ursach geben solte, mich von ihme zu scheiden; dann ich hatte allbereit schon so viel zusammen geschunden und verdienet, zumalen auch anderwärtshin in Sicherheit gebracht, daß ich mich weder um ihn noch die Marquetenterei, ja um den ganzen Krieg, und was ich noch darin kriegen und hinweg nehmen konte, wenig mehr bekümmerte. Aber ich weiß nicht, ob Springinsfeld das Herz nicht hatte, seinen Cameraden zu folgen, um die Oberherrschaft offentlich von mir zu begehren, oder ob er sonst in erzähltem seinem liederlichen Leben unachtsamer Weis fortfuhre, dann er stellte sich gar freundlich und demüthig und gab mir niemalen kein sauern Blick, geschweige ein böses Wort. Ich wuste sein Anliegen wol, worzu ihn seine Cameraden verhetzt hatten; ich konte aber aus seinen Werken nicht spüren, daß er etwas dergleichen wider mich zu unterstehen bedacht gewesen wäre. Doch schickte sichs endlich wunderbarlich, daß er mich offendirte, wessentwegen wir dann, es sei ihm nun gleich lieb oder leid gewesen, von einander kamen.

Ich lag einsmals neben ihm und schlief ohne alle Sorg, als er eben mit einem Rausch heimkommen war. Sihe, da schlug er mich mit der Faust von allen Kräften ins Angesicht, daß ich nicht allein darvon erwachte, sondern das Blut liefe mir auch häufig zum Maul und der Nasen heraus, und wurde mir von selbigem Streich so törmisch[169] im Kopf, daß mich noch Wunder gibt, daß er mir nit alle Zähn in Hals geschlagen. Da kan man nun wol erachten und abnehmen, was ich ihm vor eine andächtige Letenei[170] vorbetete. Ich hieße ihn einen Mörder und was mir sonst noch mehr von dergleichen ehrbaren Tituln ins Maul kommen. Er hingegen sagte: »Du Hundsfut, warum läßest du mir mein Geld nicht? Ich hab es ja redlich gewonnen!«

Und wolte noch immer mehr Stöße hergeben, also daß ich zu schaffen hatte, mich deren zu erwehren, maßen wir beede im Bette aufrecht zu sitzen kamen und gleichsam anfiengen mit einander zu ringen. Und weil er noch fort und fort Geld von mir haben wolte, gabe ich ihm eine kräftige Ohrfeigen, die ihn wieder niederlegte; ich aber wischt zum Zelt hinaus und hatte ein solches Lamentiren, daß nit nur meine Mutter und übriges Gesind, sondern auch unsere Nachbaren davon erwachten und aus ihren Hütten und Gezelten hervorkrochen, um zu sehen, was da zu thun oder sonst vorgangen wäre. Dasselbe waren lauter Personen vom Stab, als welche gemeiniglich hinter die Regimenter zu den Marquetentern logirt werden, nämlich der Caplan, Regimentsschultheiß, Regimentsquartiermeister, Proviantmeister, Profos, Henker, Hurenwaibel und dergleichen; denen erzählet ich ein langs und ein breits, und der Augenschein gab auch, wie mich mein schöner Mann ohne einige Schuld und Ursach tractirt. Mein angehender[171] milchweißer Busem war überall mit Blut besprengt, und des Springinsfelds unbarmherzige Faust hatte mein Angesicht, welches man sonst niemalen ohne lustreizende Lieblichkeiten gesehen, mit einem einzigen Streich so abscheulich zugerichtet, daß man die Courage sonst nirgends bei als an ihrer erbärmlichen Stimme kennete, ohnangesehen niemands vorhanden war, der sie anderwärts jemalen hätte klagen hören. Man fragte mich um die Ursach unserer Uneinigkeit und daraus erfolgten Schlacht. Weil ich nun allen Verlauf erzählte, vermeinte der ganze Umstand, Springinsfeld müste unsinnig worden sein; ich aber glaubte, er habe dieses Spiel aus Anstiftung seiner Cameraden und Saufbrüder angefangen, um mir erstlich hinter die Hosen, zweitens hinter die Oberherrlichkeit und letzlich hinter mein vieles Geld zu kommen. Indem wir nun so miteinander pappelten[172], und etliche Weiber umgiengen, mir das Blut zu stellen[173], grabelte Springinsfeld auch aus unserem Zelt. Er kam zu uns zum Wachtfeuer, das bei des Oberisten Bagage brante, und wuste beinahe nicht Wort genug zu ersinnen und vorzubringen, mich und jedermann wegen seines begangenen Fehlers um Verzeihung zu bitten. Es mangelte wenig, daß er nicht vor mir auf die Knie niederfiel, um Vergebung und die vorige Huld und Gnad wieder von mir zu erlangen; aber ich verstopfte die Ohren und wolte ihn weder wissen noch hören, biß endlich unser Obristleutenant von der Rund darzu kam, gegen welchen er sich erboten, einen leiblichen Eid zu schweren, daß ihm geträumt hätte, er wäre auf dem Spielplatz gesessen, allwo ihm einer um eine ziemliche Schanz[174] auf dem Spiel gestandenen Gelds unrecht thun wollen, gegen welchem er deswegen geschlagen und wider seinen Willen und Meinung seine liebe unschuldige Frau im Schlaf getroffen. Der Obristleutenant war ein Cavalier, der mich und alle Huren wie die Pest haßte, hingegen aber meinem Springinsfeld nit ohngewogen war; derowegen sagte er zu mir, ich solte mich wieder mit ihm alsobald in die Zelt packen und das Maul halten, oder er wolte mich zum Profosen setzen und wol gar, wie ich vorlängsten verdient, mit Ruthen aushauen lassen.

Potz Blech, das ist ein herber Sentenz, dieser Richter gibts[175] nicht viel! gedachte ich bei mir selber; aber es schadet nichts; bist du gleich Obristleutenant und beides vor meiner Schönheit und meinen Verehrungen schußfrei, so seind doch andere, und zwar deren mehr als einer, die sich gar gern dadurch berücken lassen, mir recht zu geben.

Ich schwieg so still wie ein Mäusel; mein Springinsfeld aber auch, als dem er sagte, wann er noch mehrmal so kommen würde, so wolte er ihn bei Tag auf einmal dergestalt strafen um das, was er bei Nacht zu zweien malen gegen mir gesündigt, daß er gewißlich das dritte mal nicht wieder kommen würde; uns beiden zugleich aber sagte er, wir solten den Frieden machen, ehe die Sonne aufgieng, damit er den künftigen Morgen kein Ursach hätte, uns einen Tädigsmann[176] zu geben, aber über dessen Procedere[177] wir uns hinter den Ohren zu kratzen würden Ursachen haben. Also giengen wir wieder mit einander zu Bette und hatten beiderseits unsere Stöße, maßen ich dem Springinsfeld so wenig gefeiret als er mir. Er bekräftigt nochmals seinen gehabten Traum mit großen Schwüren, ich aber behauptete, daß alle Träume falsch wären, derentwegen ich aber nichts desto weniger keine falsche Maulschelle bekommen. Er wolte mit den Werken seine Liebe bezeugen, aber der empfangene Streich, oder vielmehr daß ich seiner gern los gewest wäre, entzogen ihm bei mir alle Willfährigkeit. Ja ich gab ihm auch den andern Tag nicht allein kein Geld mehr zum Spielen, sondern auch zum Saufen, und sonst wenig guter Wort; und damit er mir nicht hinter die Batzen käme, die ich noch bei mir behalten, unser Handelschaft damit zu treiben, verbarg ich solche hinter meine Mutter, welche solche so Tags so Nachts wol eingenähet auf ihrem bloßen Leib tragen muste.

FUSSNOTEN:

[167] =abführen=, wie anführen, anleiten, namentlich zum Schlechten.

[168] =Tremel=, Trämel, Prügel, Bengel.

[169] =törmisch=, schwindlig.

[170] =Letenei=, soll heißen Litanei.

[171] =angehend=, sich hebend, schwellend.

[172] =pappeln=, ~ns.~ babbeln, schwatzen.

[173] =stellen=, zum Stehen bringen, stillen.

[174] =Schanz=, ~chance~, Einsatz.

[175] =gibts=, fehlt in allen Ausgaben.

[176] =Tädigmann=, (Theidungsmann) Vermittler in einem Streit, Schiedsrichter.

[177] =Procedere=, Vorgehen, Verfahren.

Das zweiundzwanzigste Capitel.

Aus was Ursachen Springinsfeld und Courage sich gescheiden, und wormit sie ihn zur Letze[178] begabt.

Gleich nach dieser unserer nächtlichen Schlacht stunde es wenig Zeit an, daß Mantua mit einem Kriegspossen[179] eingenommen wurde, ja der Fried selbst zwischen den Römisch-Kaiserlichen und Franzosen, zwischen den Herzogen von Savoia und Nivers[180] folgte ohnlängst hernach, gleichsam als wann der welsche Krieg mit unserm Treffen hätte geendigt werden müssen. Und eben deswegen giengen die Franzosen aus Savoya und stürmeten wieder in Frankreich, die kaiserliche Völker aber in Teutschland, zu sehen, was der Schwed machte, mit denen ich dann so wol fortschlendern muste, als wann ich auch ein Soldat gewesen wäre. Wir wurden, uns entweder zu erfrischen, oder weil die rothe Ruhr und die Pest selbst unter uns regierte, an einem Ort in den kaiserlichen Erblanden etliche Wochen an die Donau ins freie Feld mit unserem Regiment logirt, da es mir bei weitem nicht solche Bequemlichkeiten setzte wie in dem edlen Italia. Doch behalfe ich mich, so gut als ich konte, und hatte mit meinem Springinsfeld, weil er mehr als eine Hundsdemuth gegen mir verspüren ließe, den Frieden wiederum, doch nur ~pro forma~, geschlossen; dann ich laurete täglich auf Gelegenheit, vermittelst deren ich seiner los werden möchte.

Solcher mein inniglicher Wunsch widerfuhre mir folgender Gestalt, welche Begebenheit genugsam bezeuget, daß ein vorsichtiger, verständiger, ja unschuldiger Mann, dem wachend und nüchtern weder Weib, Welt noch der Teufel selbst nicht zukommen kan, gar leichtlich durch seine eigene blöde Gebrechlichkeit schlaf- und weintrunkener Weis in alles Unheil und Unglück gestürzt und also um alles sein Glück und Wolfahrt gebracht werden mag.

Gleichwie nun aber ich in meinem Gemüth auch um die allergeringste Schmach und vermeinte zugefügte Unbillichkeit ganz rachgierig und unversöhnlich war, als erzeigte sich auch mein Leib, wann er im geringsten verletzt würde, gleichsam ganz unheilsam. Nicht weiß ich, ob derselbe dem Gemüth nachähmte, oder ob die Zärte meiner Haut und sonderbaren Complexion so grobe Stöße wie ein Salzburger Holzbauer nicht ertragen konte; einmal ich hatte meine blaue Fenster und von Springinsfelds Faust die Wahrzeichen noch in meinem sonst zarten Angesicht, die er mir im Lager von Mantua eingetränkt, da er mich in obbemeldten Lager an der Donau, als ich abermal mitten im besten Schlaf lag, bei der Mitten kriegte, auf die Achsel nahm, mit mir also im Hemd, wie er mich ertappt gehabt, gegen des Obristen Wachtfeuer zuliefe und mich allem Ansehen nach hinweg werfen wolte. Ich wuste, nachdem ich erwachte, zwar nicht, wie mir geschahe, aber gleichwol merkte ich meine Gefahr, da ich mich ganz nackend befande und den Springinsfeld mit mir so schnell gegen dem Feuer zueilen sahe. Derowegen fienge ich an zu schreien, als wann ich mitten unter die Mörder gefallen wäre. Davon erwachte alles im Läger, ja der Obrist selbst sprang mit seiner Partisan aus seiner Zelten, und andere Officier mehr, welche kamen der Meinung, einen entstandenen großen Lärmen zu stillen, dann wir hatten damals ganz keine Feindsgefahr, sondern aber nichts anders als ein schönes lächerliches Einsehen und närrisches Spectacul. Ich glaube auch, daß es recht artlich und kurzweilig anzuschauen gewesen sein muß. Die Wacht empfienge den Springinsfeld mit seiner unwilligen und schreienden Last, ehe er dieselbige ins Feuer werfen konte; und als sie solche nackend sahen und vor seine Courage erkanten, war der Corporal so ehrliebend, mir einen Mantel um den Leib zu werfen. Indessen kriegten wir einen Umstand von allerhand hohen und niedern Officiern, der sich schier zu Tod lachen wolte und welchem nicht allein der Obrist selbst, sondern auch der Obristeleutenant gegenwärtig war, der allererst neulich den Frieden zwischen mir und dem Springinsfeld durch Drohung gestiftet hatte.

Als indessen Springinsfeld sich wieder witzig stellte, oder, ich weiß selbst schier nit, wie es ihm ums Herz war, als er wieder zu seinen sieben Sinnen kommen, fragte ihn der Obriste, was er mit dieser Gugelfuhr[181] gemeint hätte. Da antwortet er, ihm hätte geträumt, seine Courage wäre überall mit giftigen Schlangen umgeben gewesen, derowegen er sie seinem Einfall nach, sie zu erretten und davon zu befreien, entweder in ein Feuer oder Wasser zu tragen vors Beste gehalten, hätte sie auch zu solchem Ende aufgepackt und wäre, wie sie alle vor andern sehen, also mit ihr daher kommen, welches ihm mehr als von Grund seines Herzens leid seie. Aber beides der Obrist selbst und der Obristleutenant, der ihm vor Mantua beigestanden, schüttelten die Köpf darüber und ließen ihn, weil sich schon jedermann satt genug gelacht hatte, vor die lange Weil zum Profosen führen, mich aber in mein Gezelt gehen, vollends auszuschlafen.

Den folgenden Morgen gieng unser Proceß an und solte auch gleich ausgehen[182], weil sie im Krieg nicht so lang zu währen pflegen als an einigen Orten im Frieden. Jederman wuste zuvor wol, daß ich Springinsfelds Ehefrau nicht war, sondern nur seine Matreß, und dessentwegen bedorften wir auch vor kein Consistorium zu kommen, um uns scheiden zu lassen, welches ich begehrte, weil ich im Bette meines Lebens bei ihm nicht sicher war; und eben dessentwegen hatte ich einen Beifall schier von allen Assessoribus, die davor hielten, daß ein solche Ursach auch eine rechte Ehe scheiden könte. Der Obristleutenant, so vor Mantua ganz auf Springinsfelds Seiten gewesen, war jetzt ganz wider ihn, und die übrige vom Regiment schier alle auf meiner Seiten. Demnach ich aber mit meinem Contract schriftlich hervorkam, was Gestalt wir beisammen zu wohnen einander versprachen biß zur ehrlichen Copulation, zumalen meine Lebensgefahr, die ich künftig bei einem solchen Ehegatten zu sorgen hätte, trefflich aufzumutzen und vorzuschützen wuste, fiel endlich der Bescheid, daß wir bei gewisser Strafe von einander gescheiden und doch verbunden sein solten, uns um dasjenig, so wir miteinander errungen und gewonnen, zu vergleichen. Ich replicirte hingegen, daß solches Letzte wider den Accord unserer ersten Zusammenfügung laufe, und daß Springinsfeld, seit er mich bei ihm hätte, oder, teutscher zu reden, seit ich ihn zu mir genommen und die Marquetenterei angefangen, mehr verthan als gewonnen hätte, welches ich dann mit dem ganzen Regiment beweisen und darthun könte. Endlich hieße es, wann der Vergleich nach Billichkeit solcher Umstände zwischen uns beeden selbst nicht gütlich getroffen werden könte, daß alsdann nach befindenden Dingen von dem Regiment ein Urthel gesprochen werden solte.

Ich ließe mich mit diesem Bescheid mehr als gern genügen, und Springinsfeld ließe sich auch gern mit einem Geringen beschlagen[183]; dann weil ich ihn und mein Gesind nach dem eingehenden Gewinn und also nit mehr wie in Italia tractirte, also daß es schiene, als ob der Schmalhans bei uns anklopfen wolte, vermeinte der Geck, es wäre mit meinem Geld auf der Neige und bei weitem nicht mehr so viel vorhanden, als ich noch hatte und er nicht wuste. Und es war billich, daß ers nicht wuste, dann er wuste ja auch nicht, warum ich damit so halsstarrig zuruck hielte.

Eben damals, Simplice, wurde das Regiment Dragoner, darunter du etwan zu Soest dein A-b-c gelernet hast, durch allerhand junge Bursch, die sich hin und wieder bei den Officiern der Regimenter zu Fuß befanden und nun erwachsen waren, aber keine Musquetierer werden wolten, verstärkt, welches eine Gelegenheit vor den Springinsfeld war, wessentwegen er sich auch mit mir in einen desto leidenlichern[184] Accord einließe, den wir auch allein miteinander getroffen, solcher Gestalt: Ich gab ihm das beste Pferd, das ich hatte, samt Sattel und Zeug, item einhundert Ducaten baar Geld und das Dutzet Reuterkoller, so er in Italia durch meine Anstalt[185] gestohlen; dann wir hatten uns bißher damit nicht dörfen sehen lassen. Damit wurde auch eingedingt, daß er mir zugleich meinen Spiritus familiaris um eine Kron abkaufen solte, welches auch geschahe. Und in solcher Maß habe ich den Springinsfeld abgeschafft und ausgesteuret. Jetzt wirst du auch bald hören, mit was vor einer seinen Gab ich dich selbst beseligt und deiner Thorheit im Sauerbrunnen belohnet hab. Habe nur eine kleine Geduld und vernimm zuvor, wie es dem Springinsfeld mit seinem Ding im Glas gangen.

Sobald er solches hatte, bekam er Würm über Würm im Kopf. Wann er nur einen Kerl ansahe, der ihme sein Tage niemal nichts Leids gethan, so hätte er ihn gleich an Hals schlagen mögen; und er spielte auch in allen seinen Duellen den Meister. Er wuste alle verborgene Schätze zu finden und andere Heimlichkeiten mehr, hier ohnnöthig zu melden. Demnach er aber erfuhre, was vor einen gefährlichen Gast er herbergte, trachtete er seiner los zu werden. Er konte ihn aber drum nicht wieder verkaufen, weil der Satz oder der Schlag seines Kaufschillings aufs Ende kommen war. Ehe er nun selbst Haar lassen wolte, gedachte er mir denselbigen wieder anzuhenken und zuruck zu geben, wie er mir ihn dann auch auf dem General-Rendezvous, als wir vor Regenspurg ziehen wolten, vor die Füße warf. Ich aber lachte ihn nur aus, und solches zwar nicht darum vergebens, dann ich hube ihn nicht allein nicht auf, sondern da Springinsfeld wieder in sein Quartier kam, da fande er ihn wieder in seinem Schubsack. Ich hab mir sagen lassen, er habe den Bettel etlichmal in die Donau geworfen, ihn aber alleweg wieder in seinem Sack gefunden, biß er endlich denselbigen in einen Bachofen geworfen und also seiner los worden. Indessen er sich nun so hiermit schleppte, wurde mir ganz ungeheuer[186] bei der Sach; derowegen versilberte ich, was ich hatte, schaffte mein Gesind ab und setzte mich mit meiner böhmischen Mutter nach Passau, vermittelst meines vielen Gelds des Kriegs Ausgang zu erwarten, sintemal ich zu sorgen hatte, wann Springinsfeld solches Kaufs und Verkaufs halber über mich klagen würde, daß mir alsdann als einer Zauberin der Proceß gemacht werden dörfte.

FUSSNOTEN:

[178] =Letze=, Abschiedsmahl, Abschied.

[179] =Kriegspossen=, Kriegslist.

[180] Vgl. die Einleitung.

[181] =Gugelfuhr=, Kappenfahrt, Narrenaufzug.

[182] =ausgehen=, zu Ende gelangen.

[183] =beschlagen=, reichlich versehen, ausrüsten, vgl. gut beschlagen sein, befriedigen, abfinden.

[184] =leidenlich=, leidlich, erträglich.

[185] =Anstalt=, Veranstaltung.

[186] =ungeheuer=, wie nicht geheuer, unheimlich.

Das dreiundzwanzigste Capitel.

Wie Courage abermal einen Mann verloren und sich darnach gehalten habe.

Zu Passau schlug es mir bei weitem nicht so wol zu, als ich mich versehen hatte. Es war mir gar zu pfäffisch und zu andächtig; ich hätte lieber an Statt der Nonnen Soldaten oder an Statt der Mönche einige Hofbursch dort sehen mögen, und gleichwol verharrete ich daselbsten, weil damals nicht nur Böhmen, sondern auch fast alle Provinzen des Teutschlandes mit Krieg überschwemmt waren. Indem ich nun sahe, daß alles der Gottesforcht daselbst zugethan zu sein schiene, accommodirte ich mich gleichfalls aufs wenigst äußerlich nach ihrer Weis und Gewohnheit; und was mehr ist, so hatte meine böhmische Mutter oder Kostfrau das Glück, daß sie an diesem andächtigen Ort unter dem Glanz der angenommenen Gottseligkeit den Weg aller Welt gieng, welche ich dann auch ansehenlicher begraben ließe, als wann sie zu Prag bei S. Jacobs Thor gestorben wäre. Ich hielte es vor ein Omen meiner künftigen Unglückseligkeit, weil ich nunmehr niemanden auf der Welt mehr hatte, dem ich mich und das Meinige rechtschaffen hätte vertrauen mögen, und derentwegen haßte ich den unschuldigen Ort, darin ich meiner besten Freundin, Säugammen und Auferzieherin war beraubt worden. Doch patientirt ich mich daselbst, biß ich Zeitung bekam, daß der Wallensteiner Prag, die Hauptstadt meines Vatterlands, eingenommen und wiederum in des Römischen Kaisers Gewalt gebracht; dann auf solche erlangte Zeitung und weil der Schwed zu München und in ganz Baiern dominirt, zumalen in Passau seinetwegen große Forcht war, machte ich mich wieder in besagtes Prag, wo ich mein meistes Geld liegen hatte.

Ich war aber kaum dort eingenistelt, ja ich hatte mich noch nicht recht daselbst gesetzt, mein zusammengeschundenes Geld und Gut im Frieden und meinem Bedunken nach in einer so großen und dannenhero auch meinem Vermuthen nach sehr sichern Statt wollustbarlich zu genießen, sihe, da schlug der Arnheim die Kaiserlichen bei Liegnitz, und nachdem er daselbst 53 Fähnlin erobert, kam er, Prag zu ängstigen. Aber der Allerdurchlauchtigst dritte Ferdinand schickte seiner Stadt, als er selbsten Regenspurg zusetzte, den Gallas zu Hülfe, durch welchen Succurs die Feinde nicht allein Prag, sondern auch ganz Böhmen wiederum zu verlassen genöthigt wurden.

Damals sahe ich, daß weder die große und gewaltige Städte noch ihrer Wäll, Thürn, Mauren und Gräben mich und das Meinige vor der Kriegsmacht derjenigen, die nur im freien Feld, in Hütten und Zelten logieren und von einem Ort zum andern schweifen, beschützen könten. Derowegen trachtet ich dahin, wie ich mich wiederum einem solchen Kriegsheer beifügen möchte.

Ich war damal noch ziemlich glatt und annehmlich, aber gleichwol doch bei weitem nicht mehr so schön als vor etlich Jahren. Dannoch brachte mein Fleiß und Erfahrenheit mir abermal aus dem Gallassischen Succurs einen Hauptmann zuwegen, der mich ehelichte, gleichsam als wann es der Stadt Prag Schuldigkeit oder sonst ihre eigne Art gewest wäre, mich auf allen Fall mit Männern und zwar mit Hauptleuten zu versehen. Unsere Hochzeit wurde gleichsam gräflich gehalten, und solche war kaum vorüber, als wir Ordre kriegten, uns zu der kaiserlichen Armada vor Nördlingen zu begeben, die sich kurz zuvor mit dem hispanischen Ferdinand Cardinal-Infant conjungirt, Donauwerth eingenommen und Nördlingen belagert hatte. Diese nun kamen der Fürst von Weimar und Gustavus Horn zu entsetzen, worüber es zu einer blutigen Schlacht geriethe, deren Verlauf und darauf erfolgte Veränderung nicht vergessen werden wird, so lang die Welt stehet. Gleichwie sie aber auf unserer Seiten überall glücklich abliefe, also war sie mir gleichsam allein schädlich und unglückhaft, indem sie mich meines Manns, der noch kaum bei mir erwarmet, im ersten Angriff beraubte. Ueberdas so hatte ich nicht das Glück, wie mir etwan hiebevor in anderen Schlachten widerfahren, vor mich selbsten und mit meiner Hand Beuten zu machen, weil ich wegen anderer, die mir vorgiengen, sodann auch wegen meines Manns allzufrühen Tods nirgends zukommen konte. Solches bedunkten mich eitel Vorbedeutungen meines künftigen Verderbens zu sein, welches dann die erste Melancholia, die ich mein Tage rechtschaffen empfunden, in meinem Gemüth verursachte.