Chapter 6
»Feiger Verräter! Meuchelmörder!« klang es durch den Wald.
Und blutüberströmt warf sich der sterbende Held mit letzter Kraft auf Hagen von Tronje, riß den Erstarrten hoch vom Boden auf und schleuderte ihn in die Steine, daß Hagens ganzer Leib erkrachte und es ihm schwarz vor den Augen wurde.
In den Blumen am Quell sank Siegfried nieder, und sein teures Blut entströmte unaufhaltsam.
»Kriemhild,« flüsterte er, »süße Frau, ich liebe dich.«
Mit blassem Gesicht stürmte Gunther herbei und seine Ritter. »Was geht hier vor?« rief er noch aus der Ferne. »Was ist geschehen?«
Und Siegfried schlug die Augen auf und sprach:
»Die furchtbarste Untat ist geschehen, die je die Sonne sah. Den treuesten Freund habt Ihr erschlagen lassen, der Euch nur Gutes erwies. Ich aber prophezeie Euch: Mein Tod wird über euch kommen und euch alle verderben.«
Und er schloß die Augen, tat noch einen Seufzer, der wie »Kriemhild« klang, und verschied in den Blumen.
Siegfried, der Held, war tot. -- --
Und jäh sank die Sonne unter, und es ward finstere Nacht. Ein eisiger Hauch ging durch den Wald, daß Menschen und Tiere fröstelten, als wäre der Frühling für immer entflohen.
Da legten sie Siegfrieds Leiche auf seinen Schild, den sie im Dickicht fanden, und Hagen nahm heimlich Siegfrieds Schwert Balmung an sich, und alle gelobten sie Stillschweigen über die Tat.
Aus dem Walde gingen sie und fuhren in der Nacht über den Rhein. Stumm schritten sie mit ihrer Last in die Königsburg hinein, und wie zum Hohne ließ Hagen des Helden blutigen Leib auf die Schwelle von Kriemhilds Kemenate legen, als Gruß der Königin Brunhild.
Vor Morgengrauen schon erhob sich Kriemhild aus schreckhaften Träumen. Hastig kleidete sie sich an. Ihr war gewesen, als hätte Siegfried sie gerufen in heißer Not. Zum Münster wollte sie eilen, um zu beten. Und als sie die Tür ihrer Kemenate öffnete, stolperte sie über den Leichnam ihres Herrn und fiel aufschreiend in Ohnmacht über ihn.
Den Schrei hatte Mime gehört, der treue Schmied. In seiner Eisenrüstung eilte er herbei und fand Kriemhild am Halse ihres toten Gemahls mit irren Augen. Sie war erwacht und doch nicht in der Welt. Furchtbar gellten ihre Schreie durch das Haus und über die schlummernde Stadt Worms.
Erschüttert stand Mime und klagte nassen Auges lange um seinen Zögling. Dann trug er mit Kriemhild die Leiche Siegfrieds ins Gemach hinein, und sie wuschen den Leib und hüllten ihn in weißes Linnen. Auf dem Gange aber sammelten sich mit verstörten Gesichtern die Ritter und Frauen, und König Gunther kam mit seinem ganzen Hof, und auch Hagen von Tronje trat mit ihm ins Zimmer.
Und König Gunther sprach: »Es ist ein Unglück geschehen, liebe Schwester, und keinen trifft die Schuld.«
Da richtete sich Kriemhild an der Leiche auf und spähte in allen Gesichtern.
»So ihr die Wahrheit redet und euch nicht fürchtet,« rief sie herrisch, »tretet heran an die Leiche!«
Und sie traten alle heran. Doch als Hagen von Tronje an die Reihe kam, brachen des Leichnams Wunden auf, und das Blut strömte anklagend aufs neue.
Da schrie die Königin Kriemhild:
»Er ist es! Er ist der Mörder! Auf ihn, Mime, rächt unsern Herrn!«
Und wie ein Tiger sprang Mime den Tronjer an und schlug ihm tiefe Wunden. Aber Hagen führte Siegfrieds Schwert an der Seite und riß es aus der Scheide, und der Stahl Balmung schnitt sausend durch Mimes Eisenkleid und nahm des treuen Mannes Leben. Da lächelte Mime, der Schmied, noch im Tode, weil er eine so gute Waffe geschmiedet hatte, und lag ausgestreckt zu seines lieben Siegfrieds Füßen.
Drei Tage klagte Kriemhild laut in der Totenwacht um ihren Herrn. Dann schritt sie schweigend hinter dem Sarge zum Münster. Ein Bild war ihr gekommen, das stand wie eine Weissagung vor ihren Augen. Als Königin sah sie sich eines mächtigen Herrschers in fernem Lande, und die Burgunden sah sie aus der Heimat reiten, sie zu besuchen, und eine weite Halle sah sie voll Männerkampf und Rauch und Flammen, und den würgenden Tod sah sie, dem keiner von allen entkam, den Tod sah sie als Siegfrieds Rächer.
Die Priester beteten, die Glocken läuteten, Siegfrieds Gruft schloß sich vor den Augen der Menschen.
Kriemhild aber stand hochaufgerichtet mit ausgestreckter Hand und blickte starr auf den schillernden Nibelungenring an ihrem Finger und stärkte seinen Fluch mit ihrem Fluche:
»_Rache für Siegfried, den Helden!_«