Siebeneichen: Roman aus dem Alt-Meißner Land
Part 7
Aber ebenso rasch, wie dieser Gedanke Bernhard gekommen, entschwand er ihm wieder. Er bog links ab zur Schloßfreiheit und kam zum Afrakloster. Als er dieses erreicht hatte, trat ein Priester aus der Tür, angetan mit dem Meßgewand und in den Händen das Kruzifix und den Kelch mit der Hostie. Er befand sich auf einem Versehgang, daß er einem Sterbenden sein letztes Stündlein erleichtere. Die beiden Ministranten gingen voran. Und da gerade ein paar Leute des Wegs kamen, ließen sie die Klingeln ertönen. Aber die Männer beugten das Knie nicht, sondern schritten mit abgewendeten Blicken vorüber. Es waren Lutherische. Bernhard kniete jedoch nieder. Und als ihm der Priester das schwarze Kreuz entgegenhielt, küßte er entblößten Hauptes die silberne Gestalt des Erlösers. Alsdann faltete er die Hände, neigte das Haupt darüber und flüsterte: »Hilf uns, heilige Maria, Gottesmutter, in unserem schweren Herzeleid!«
Darauf schritt der Mönch die Stufen des Steigs hinunter, während Bernhard am Schleinitzer Hof vorbei über die hohe Brücke ging, deren gewaltiger steinerner Bogen, den Hohlweg überspannend, den Schloßberg mit dem Afrafelsen verbindet. So kam er zum Burgtor, durchmaß den kleinen Schloßhof und ging dann am Kornhaus vorbei quer über den Domplatz.
Vor dem Domkeller zu seiner Rechten standen ein paar Handelsjuden, die mit lauten Worten und unter lebhaften Gebärden ein Geschäft abschlossen. Die Domherrenhäuser, die Dechanei und das bischöfliche Wohnhaus lagen in tiefster Ruhe.
Im Vorbeischreiten warf der Jüngling träumend den Blick auf das Schloß und auf die hohen Fenster des alten Doms. Dann gelangte er auf den hinteren Schloßhof. Da blieb er stehen und schaute zurück, ob kein neugieriges Auge ihm folge. Aber er sah keinen Menschen. Oder täuschte er sich? War dort hinter der Ecke des Doms nicht blitzschnell eine flüchtige Gestalt verschwunden? Bernhard schalt seine Phantasie. Nun sah er schon am hellichten Tage Gespenster!
Mit raschen Schritten gewann er den lauschigen Platz. Da stand wie gestern Sonnhild und wartete.
Das Mädchen kam ihm ein paar Schritte entgegen, und sie begrüßten sich. Sonnhild sah bleich aus, und tiefer Ernst lag auf ihrem Gesicht. Sie betrachtete den Jüngling forschend und fragte endlich:
»Bist du krank, Bernhard?«
»Nein, Sonnhild,« erwiderte er, »nur der Schlaf und die Lust am Essen fliehen mich. Nun ich bei dir bin, ist ja alles gut.«
Das Mädchen antwortete nicht.
»Wie der Tag doch wieder herrlich ist,« sagte Bernhard und schaute versonnen in den goldenen Glanz, der auf den Weinbergen und über den Fluren lag. »Das eine bleibt mir, und wenn ich auch noch so weit von dir sein werde: die Sonnenstrahlen, die dich wärmen, kommen auch zu mir. Und wenn ich in wachen Nächten an meinem Fenster sitze und zu den Sternen aufsehe, dann werde ich Trost in dem Gedanken finden, daß auch _deine_ Augen diese Sterne erblicken.«
»Bernhard,« sagte Sonnhild leise, »es ist besser, wenn du die schönen Stunden, die wir zusammen verlebt haben, bald vergißt. Zerquäle deine Brust nicht. Laß das Neue auf dich wirken. Du wirst andere Länder und Menschen sehen und viel Herrlichkeit und Pracht. Auch an andern Mädchen wird es nicht fehlen, die viel schöner sein werden, als ich. Und du wirst nicht mehr begreifen, wie du mich einst begehren konntest.«
Der Jüngling schüttelte mit abgewandtem Gesicht den Kopf.
»Wohl bin ich noch jung,« versetzte er langsam, »aber ich fühle eine Lebensreife in mir, die höher ist als meine Jahre. Darum ist das, was ich empfinde, die Überzeugung eines Mannes, der sich geprüft hat. Gefühle, so heilig und stark, wie sie mich jetzt erfüllen, können für eine andere nicht noch einmal erwachen. Mein Herz wird sich verhärten, und die frühlingsjungen Pflänzlein, die in ihm sprießen, werden verdorren bis zur Wurzel.«
»Sieh, Bernhard,« sagte Sonnhild mit tiefem Weh in der Stimme, »es muß aber doch sein!«
»Ich bin nicht davon überzeugt. Starke Liebe, die treu und wahr ist, überdauert alle Stürme des Lebens!«
Sonnhild wollten die Sinne schwinden, und jeder Blutstropfen wich aus ihrem Gesicht. Aber sie blieb stumm.
»Morgen zu dieser Stunde sind wir schon weit von Dresden entfernt,« sagte Bernhard in Gedanken verloren. »Und in acht Tagen? Wer mag es wissen. -- Aber ich bin heute nicht gekommen, um noch einmal zu klagen,« fuhr er mit Festigkeit fort. »Jetzt heißt es kämpfen. Täglich und stündlich mit der Macht ringen, die dem beschwichtigenden Verstand und dem wohltätigen Vergessen trotzt. Doch -- schweig' ich still davon ...«
Ein düstrer Zug umspielte die Lippen des Jünglings und gab seinem bleichen Gesicht etwas Herbes. Während der letztverwichenen fünf Jahre hatte ihn die Erinnerung an Sonnhild nie verlassen. Wie eine überirdisch schöne Erscheinung war ihr Bild in seiner Seele heraufgestiegen, wenn sich der ernste Jüngling inmitten seiner anders gearteten Altersgenossen einsam gefühlt hatte. Und dann war nach all dem langen Hoffen und Harren das heiße Sehnen erfüllt, der herrliche Traum war zur Wirklichkeit geworden.
Diese Erfüllung war auf seinen Lebensweg wie strahlender Sonnenschein gefallen, dessen milde Wärme er bis ins Innerste gespürt. Dem Mädchen hatte sein ganzes Denken, hatten seine edelsten Empfindungen gegolten!
Nun war alles aus! Rasch war das Glück gekommen, wie ein glänzendes Himmelslicht in dunkler Nacht, -- und ebenso rasch war es wieder verschwunden. Er sollte Sonnhild vergessen ...
Bernhard empfand unsägliche Bitterkeit bei diesem Gedanken.
Da sah er auf: in Sonnhilds Augen standen Tränen. Das tapfre Mädchen! Auch sie bewegte der Abschied tiefinnerlich.
Er nahm ihre Hand in die seine und sagte gerührt:
»Sonnhild, ich sehe, wie du leidest. Ich will dir den Schmerz der Abschiedsstunde verkürzen. Laß uns Lebewohl sagen.«
Sie versuchte sich zu fassen und drängte die Tränen zurück. Da schloß sie plötzlich die Augen, und ihr jungfräulicher Körper bebte so stark, daß Bernhard sie umfing. Und als ihr Kopf mit dem kummerbleichen Gesicht und dem goldglänzenden Haar willenlos an seiner Brust lehnte, flüsterte sie:
»Bernhard, -- mein Bernhard, -- ich liebe dich ja über alles!«
Da schoß es heiß nach dem Herzen des Jünglings, und in seine Augen trat ein seltsamer Glanz.
»Sonnhild,« fragte Bernhard eindringlich, »vergißt du auch nicht das schier Unüberwindliche, das zwischen uns steht?«
»Nein, ich vergaß es nicht,« flüsterte sie, »aber zwischen unserer Liebe soll nichts stehen!«
Da drückte er das zitternde Mädchen an seine Brust, und ihre Lippen fanden sich zum ersten Kuß.
»Bernhard,« sagte Sonnhild, sich aufrichtend, »ich konnte dich nicht so ziehen lassen. Nun werde ich stark genug sein, die Trennung zu ertragen. Meine treue Liebe wird dich begleiten und mein Gebet dich beschützen.«
In seligem Empfinden zog Bernhard das Mädchen von neuem an sich.
»Mein Geliebter,« sprach Sonnhild innig, »wir wollen Geduld üben. Welch wunderbare Fügungen sendet zuweilen der Himmel! Mag es noch so schwer erscheinen. Wahrhafte Liebe -- du sagtest es bereits -- überwindet alles!«
Da vernahmen sie ein leises Brechen von Zweigen. Und wie sie rasch die Umarmung lösten und sich umwandten, blickten sie eine Sekunde lang in ein Frauenantlitz, das so blaß und verzehrt war, wie das Gesicht eines schwer leidenden Menschen. Aber die großen, blauen Augen unter dem pechschwarzen Haar glühten vor innerm Feuer. Dann schlug das Gebüsch wieder zusammen, und die Erscheinung war verschwunden.
»Wer war das?« fragte Sonnhild in banger Besorgnis.
»Ängstige dich nicht, mein Lieb,« antwortete Bernhard begütigend. »Ein junges Judenmädchen war es, dem ich wiederholt begegnet bin, als ich vergebens vor das Stadttor ging.«
Sonnhild atmete erleichtert auf.
»Hast du die drohenden Augen gesehen?« fragte sie, sich das Haar aus der Stirne streichend.
»Du bist erregt, liebste Sonnhild,« antwortete Bernhard beklommen. »Das Mädchen starrt immer so.«
Und wieder fiel ihm die Ähnlichkeit dieser Augen mit denen Sonnhilds auf.
»Geh mit Gott, mein Geliebter,« sagte Sonnhild und schmiegte sich an Bernhards Brust. »Was nun auch kommen mag, -- unsere Liebe soll sich als stark und wahr erweisen.«
»Du inniggeliebtes Mädchen! Nicht Raum noch Zeit können unsere Liebe vermindern. Und so stark die Stürme auch brausen mögen, wir werden allem trotzen!«
Sonnhild zog einen schmalen Reif ab und steckte ihn an seinen Finger. Hierauf legte sie noch einmal ihre Hand in die seine. Ein letzter, langer Blick -- dann stand Bernhard allein. Wohl fühlte er, wie ihn der Abschied tief betrübte. Aber die Traurigkeit, mit der er gekommen, war verschwunden, und die Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang aus diesem Wirrsal erfüllte ihn.
Zehntes Kapitel
Der neue Herr
Das deutsche Volk hat bange Zeiten durchleben müssen, bevor es sich seine Einheit und Machtstellung und damit den langjährigen, segensreichen Frieden erkämpft hat. Einen der denkwürdigsten Abschnitte seiner Entwickelung bildet die Zeit dieser Erzählung.
Wohl hatte draußen der deutsche Namen einen guten Klang. Aber im Innern des Landes nahm der Kampf kein Ende. Starke Mächte wüteten gegeneinander, und das Eisen und die Seuchen hatten furchtbar aufgeräumt. Der Landadel mißbrauchte vielenorts seine Gewalt, daß die bäuerliche Bevölkerung unter dem schweren Druck seufzte. Dazu trat der nicht endenwollende Streit der Fürsten untereinander, die sich mit Haß und Krieg verfolgten. Die glänzenden Erfolge der gewerbfleißigen Städte wurden von den Adligen mit Mißgunst betrachtet. Der Wohlstand des Bürgers war ihnen ein Dorn im Auge, und sein Selbstbewußtsein und seinen Stolz erwiderten sie mit Verachtung.
Neben diesem erbitterten weltlichen Hader lastete schwere Kümmernis auf den Seelen der Menschen. Schon lange war von vieler Mund der Ruf erklungen, die Kirche an Haupt und Gliedern zu verbessern und den Mißbrauch zu beseitigen, den sie trieb. Aber diese Stimmen blieben von den Päpsten ungehört. Die Abgaben an die Kirche wuchsen von Jahr zu Jahr und bildeten eine drückende Bürde für das Volk. Der höhere Klerus strebte nach weltlicher Macht. Die fürstliche Prachtentfaltung, die er übte, und sein Schwelgen in sinnlichem Genuß brachten es mit sich, daß er das Wirken für die Lehre des Evangeliums vernachlässigte.
Die _niedere_ Geistlichkeit fühlte kaum noch die schwachen Zügel dieses Regiments. Viele wurden träge, vernachlässigten ihre Pflichten als Seelsorger und warfen sich der Sittenlosigkeit in die Arme. In den Klöstern machte sich das Laster breit, daß die schamlosesten Vorgänge dem Volke bekannt wurden.
So war es um die verordneten Diener der Kirche bestellt!
Ein großer Teil der Bevölkerung war tief verstimmt. Bangigkeit lastete auf dem geistigen Leben, und die Herzen der Menschen litten schwer unter der ungestillten Sehnsucht nach der ewigen Liebe und zerquälten sich in bangem nach Gott Suchen.
Die Not war auf das höchste gestiegen, als von Wittenberg her eine Stimme erklang, der das ganze Volk mit verhaltenem Atem lauschte. Der Kapuzinermönch Doktor Martin Luther erhob laut Einspruch gegen die unhaltbaren Zustände, unter denen er die wahre Religiosität der Menschen gefährdet sah. Und Hunderttausende jubelten dem Unerschrockenen zu, als er sich den Schmeicheleien verschloß, mit denen der Papst ihn von weiteren Schritten gegen die Kirche abhalten wollte.
Des kühnen Mönchleins kernhafte Schriften und Reden zündeten in Millionen deutschen Herzen. Wonach man seit Jahrzehnten gebangt, was man unklar empfunden, hier wurde es deutlich ausgesprochen. Eine große Partei entstand, die sich für Luther erklärte und die dessen weiteres Wirken mit Spannung verfolgte. Die Studentenschaften scharten sich zuerst um das neuentrollte Banner, auf dem der Kampf für die Freiheit des Geistes in goldenen Lettern geschrieben stand. Dann folgten die Städte und endlich das breite Land.
Wie auf Sturmesflügeln eilte die Botschaft durch die deutschen Lande, daß der beherzte Reformator Papst und Kaiser getrotzt, indem er auf dem glänzenden Reichstage zu Worms vor einer großen Anzahl von Fürsten und hohen Würdenträgern der Kirche in gewaltiger Rede seine neue Lehre verteidigt hatte.
Begeisterung riß das Volk hin, und endloser Jubel brach allerorts aus. Man fühlte: es waren Ketten abgefallen. Und vom Knäblein bis zum Greis sprachen die Menschen wie ein Gebet das herrliche Wort: »Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir. Amen!«
Wohl begann noch einmal ein großes Streiten, bevor die erhitzten Geister zur Ruhe kamen: der Bauernkrieg loderte auf, und auch die Fürsten zogen aufs neue vom Leder. Aber bei diesen Kämpfen und allen feindseligen Anfechtungen erstarkte die neue Kirche immer mehr und entwickelte sich zu einem unüberwindlichen Bollwerk gegen ihre Widersacher. Zahlreich waren die Übertritte. Kurfürst Friedrich der Weise von Sachsen war der erste deutsche Fürst, der mit seinem ganzen Volke die neue Lehre annahm. Andere folgten. Besonders groß war der Eifer im Bürgerstand.
Die herzoglichen Sachsen sahen mit scheelen Augen nach Dresden, wo ihr Landesherr, Herzog Georg, den die Nachwelt den Bärtigen nennt, seinen Hof hatte. Dieser Fürst wollte nichts von dem neuen Evangelium wissen.
Die beiden Söhne des Herzogs waren gestorben. Damit nun das Land nicht an seinen eifrig protestantischen Bruder Heinrich falle, hatte Herzog Georg ein Testament errichtet, wonach Sachsen nur unter der Bedingung Heinrich vererbt werde, daß dieser den alten Glauben unangerührt lasse. Andernfalls sollten der Kaiser und König Ferdinand das Herzogtum erhalten.
So lagen die Verhältnisse um die Zeit, da Bernhard von Sonnhild Abschied genommen hatte. Wie alle andern Städte des Herzogtums, grollten auch die Bewohner Meißens ihrem Landesfürsten. Denn mit Ausnahme weniger war das ganze Land für die neue Lehre. Aber es wollte kein Hoffnungsschimmer heraufdämmern, daß das heiße Sehnen des Volkes gestillt würde.
Da eilte die überraschende Kunde von dem schnellen Tode des Herzogs Georg durch Sachsen. Darauf hörte man, daß Herzog Heinrich sich von seinem Aufenthaltsort Freiberg nach Dresden begeben habe, wo er das allgemein bekannte Testament vorfinden mußte.
Würde er die Regierung antreten oder das Land fremden Machthabern überlassen? Für die durch des Verstorbenen letzten Willen gesicherte Beibehaltung des alten Glaubens war es gleich, wie er sich entschied. Aber allenthalben ward der Wunsch laut, daß das angestammte Fürstenhaus dem Herzogtum erhalten bleiben möchte. Denn im Grunde war das sächsische Volk den Wettinern ehrlich zugetan.
Noch waren erst wenige Tage seit der Todeskunde verstrichen, als eine neue Nachricht von Dresden kam, die das Land geradezu alarmierte. Herzog Georg, so hieß es, habe zwar das Testament ausfertigen lassen, aber die Vollziehung sei von ihm hinausgeschoben worden. Nun habe ihn sein plötzlicher Tod daran verhindert, die Urkunde zu unterschreiben und sie damit rechtskräftig zu machen. Herzog Heinrich sei der gesetzmäßig Erbe, und keine Beschränkung hindere seinen Willen.
Da brach unter der Bevölkerung großer Jubel aus, der sich erneute, als die Bestätigung dieser Nachricht eintraf. Denn niemand zweifelte daran, daß der zum neuen Glauben treu stehende Herzog Heinrich die Wünsche des Volkes erfüllen würde.
An den Rat der Stadt Meißen aber kam in diesen Tagen eine Verordnung des neuen Regierenden, wonach der Verstorbene an der Seite seiner Vorgänger im Dom beigesetzt werden sollte.
Burgemeister Waltklinger berief sogleich die Ratmannen zur Versammlung, und man beriet die Feierlichkeiten, mit denen die Stadt dem verstorbenen Landesfürsten die letzte Ehre erweisen wollte. Aller Hader war verstummt. Der Tod hatte die Zwietracht ausgelöscht.
Die Gassen, die der Zug berühren mußte, wurden gründlich vom Schmutz gereinigt. Denn zu Zeiten des Mittelalters war in den Städten die Gasse der natürliche Abladeplatz für allen Abfall, der im Hause entstand, und der Tummelplatz des lieben Stadtviehs. An diese Unreinlichkeit hatten sich die Bewohner so gewöhnt, daß nur bei hohem Fürstenbesuch gründlich aufgeräumt wurde, -- doch durfte solcher nicht öfter als einmal im Jahre kommen. Erschien hingegen der Landesherr in kürzeren Zeiträumen, so mußte er sich's gefallen lassen, wenn sein Wagen, wie der jedes andern Sterblichen, bis zu den Achsen der Räder in dem Morast versank.
Als der Tag herangekommen, hatte sich die ganze Einwohnerschaft in Festkleidern vor den Häusern versammelt. Die Gilden und Innungen waren mit umflorten Fahnen aufmarschiert und bildeten eine Ehrengasse für den toten Herzog. Der Burgemeister und die Ratmannen, angetan mit ihrer feierlichen Amtstracht und goldenen Ketten, empfingen die Leiche am Stadttor und schritten ihr vorauf bis zum Dom. Langsam bewegte sich unter großem Gepränge der Zug durch die Gassen, während die Stadtpfeifer Trauermelodien aufspielten.
Vor dem Dom angekommen, war der Stadtrat unschlüssig, ob er das Gotteshaus zur Teilnahme an der Totenfeier betreten sollte. Da aber der Burgemeister und die Ratmannen ihren Herzog, den sie als guten Lutherischen kannten, der Leiche hinterdrein schreiten sahen, folgten auch sie ins Innere.
Da ward plötzlich allen Teilnehmern eine große Überraschung. Kaum war der Sarg auf dem schwarzumkleideten Katafalk vor dem Hochaltar niedergesetzt worden, als Herzog Heinrich noch vor Beginn des Gottesdienstes den Dom wieder verließ. Der Stadtrat und ein großer Teil der Versammlung schloß sich ihm an.
Das war eine deutliche Kundgebung des Herzogs für seine Stellung als regierender Landesfürst zum neuen Glauben. Die Bürgerschaft Meißens frohlockte, wenn sie an die Zukunft dachte, und die Nachricht von dem Geschehnis flog pfeilschnell durch das Land.
Jeder fühlte, daß eine neue Zeit anbrach. Ein weiterer Vorbote ließ nicht lange auf sich warten.
Die katholische Partei mit der Geistlichkeit an der Spitze beabsichtigte, zu Ehren des verstorbenen Fürsten den Dreißigsten besonders glanzvoll zu begehen. Da erhielt der Amtmann Ernst von Miltitz eine Verordnung des Herzogs, daß die beabsichtigte Zeremonie zu unterlassen sei.
Dieses Verbot bildete eine empfindliche Niederlage für die Anhänger des alten Glaubens, besonders aber für den Klerus. Bisher hatten seine Mühlen lustig geklappert, -- der Wind von Dresden her war immer günstig gewesen. Herzog Georg hatte sich als verläßlicher Anhänger und Beschützer der Kirche erwiesen, und durch das Testament wußte die Geistlichkeit das Land für den alten Glauben erhalten.
Da starb ihr Schirmherr, und die Zuversicht, die man auf das Testament gesetzt, ging in Trümmer. Alsbald hatte sich im katholischen Lager eine Gegnerschaft wider den protestantischen Herzog Heinrich gebildet. Nun war freilich, wie befürchtet, die Erhebung der lutherischen Lehre zur Staatsreligion bisher ausgeblieben. Aber das Verhalten des Herzogs bei der Beisetzung kennzeichnete klar seine Gesinnung.
Die Feier des dreißigsten Tages nach dem Hinscheiden des Herzogs Georg sollte als eine große Prozession stattfinden. Da kam das Verbot. Der Bischof geriet in hellen Zorn, und Ernst von Miltitz hatte es als Anhänger der alten Kirche nicht leicht, der Weisung des Herzogs Nachdruck zu geben. Die Feier würde dem Verstorbenen nichts nützen, hatte der neue Herr gesagt, denn sie sei nur ein Mißbrauch Gottes.
Zuletzt blieb der Geistlichkeit aber doch nichts anderes übrig, als sich zu fügen. Sie tat es widerwillig und nur mit Rücksicht auf die heimliche Befürchtung, man möchte im Weigerungsfalle den Herzog zu schärferem Vorgehen gegen die Kirche reizen.
Das sächsische Volk aber pries seinen Fürsten und stellte all seine Hoffnung auf ihn.
Elftes Kapitel
Der Kurier des Herzogs
Nun waren schon Wochen seit dem Tage vergangen, an dem die beiden Liebenden Abschied genommen hatten. Sonnhild fühlte sich vereinsamt. Das Verhältnis zum Vater war anfänglich gespannt gewesen. Sie hatte gemerkt, wie schwer es ihm gefallen war, die seinem Zorn folgende Betrübnis zu überwinden. Gleichwohl war er immer freundlich zu ihr und hatte den schlimmen Vorfall mit keinem Worte berührt. Auch schien ihm seine Heftigkeit nachträglich leid zu tun. Er wiederholte seine Liebkosungen wie früher und versuchte, Sonnhilds Schwermut durch kostbare Geschenke zu vertreiben.
Mit müdem Lächeln dankte das Mädchen dem Vater. Doch empfand sie, wie er überzeugt war, daß er ihr mit all diesem doch nicht helfen konnte. Und so kam es, daß wohl die äußeren Liebesbeweise zwischen Vater und Kind ebensooft wie früher ausgetauscht wurden, daß sie aber nicht mehr so herzlich waren, und daß beide von Gefühlen bewegt wurden, die sie voreinander verbargen. Statt der bisherigen Offenheit, herrschte jetzt heimlicher Zwang zwischen ihnen.
Sonnhild litt sehr unter diesem Zustand. Zum Glück war der Vater in dieser bewegten Zeit oft auf dem Rathaus und ließ sie viel allein.
Heute war Sonntag. Man schrieb den 15. Juli 1539.
Sonnhild saß schon zur zeitigen Vormittagsstunde am Fenster, um auf das gewohnte bunte Treiben hinabzusehen, das sich Sonntags auf dem Markt entwickelte. Zudem war heute Schützenfest. Hierzu waren die Landleute aus der Umgegend schon am frühen Morgen als Zuschauer in die Stadt eingezogen. Denn das Schützenfest war das größte Volksfest des ganzen Jahres.
Eine Zeitlang schaute Sonnhild auf die geputzten Menschen. Dann lehnte sie sich in den Stuhl zurück und sann. Das letzte Fest, bei dem sie von Herzen fröhlich sein konnte, war das Maienfest gewesen. Da hatte ihr die gute Hanne den Festschmuck aus der Lade geholt und sie damit schmücken helfen und ihr den Maienkranz ins Haar gewunden. Der Vater hatte beim Beutler eine neue zierliche Tasche für sie erstanden, die köstlich nach Ambra gerochen, und einen silbergefaßten Handspiegel, der an einer Kette als Zierat an der Seite getragen wurde.
So war sie hinaus auf den grünen Anger neben dem Kuttelhof gegangen. Dort hatten sich die jungen Mädchen getroffen. Alle geschmückt mit Schappel und Dupfing und in prächtigen Frühlingskleidern.
Zwar ging dem Maienfest alljährlich noch ein anderer Tag voran, an dem man draußen mitsammen fröhlich war. Denn schon Wochen vorher, als die ersten Kätzchen aus Weide und Hasel ausgebrochen, waren alle jungen Mädchen und Jünglinge hinausgezogen. Und wer das erste Veilchen fand, der verkündete dies laut. Dann eilten alle dahin und tanzten im Kreise um diesen frühen Abgesandten des lieblichen Lenzes.
Doch beim Maienfest ging es noch lustiger her. Da wurden die großen Reihen getanzt. Der Vorsänger stimmte an, worauf der Chor der Umstehenden laut den Text des Reihens sang, und leise sangen die tanzenden Mädchen die Weise mit. Dann wurde der bunte Federball geworfen und noch einmal um die Linde getanzt.
Die jungen Bürgersöhne waren gleichfalls im Festschmuck erschienen, die sammetnen Wämser an Kragen und Ärmeln mit köstlichen Spitzen besetzt. Auch waren immer einige Junker dabei in wallendem Haar, den Gürtel wohl beschlagen mit glänzendem Metall, und die Spitze des Schwertes beim Gehen an der Ferse klingen lassend.
Die Bürgersöhne sahen deren Kommen aber nicht gern und betrachteten sie mit stolzen Blicken, wofür die jungen Edelleute hochmütig um sich schauten. Zuletzt wurde die schönste Jungfrau mit einem Kranz von frühen Feldblumen als Maienkönigin gekrönt und im Triumphzug und unter lautem Singen nach Hause geführt. In diesem Jahre war Sonnhild Maienkönigin gewesen.
All diese freundlichen Bilder stiegen in Sonnhilds Erinnerung herauf. Und bald nach dem lieblichen Fest war ja die schönste Zeit ihres Lebens angebrochen: sie hatte den Jugendfreund wiedergesehen!
»Bernhard, -- mein Bernhard,« flüsterte Sonnhild. Und sie merkte, wie es ihr warm in die Augen stieg. --